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"Was ist denn eine Wahlbescheinigung? Um ehrlich zu sein, wir sind nicht von hier." Alljährlich veranstaltet das Schreibzentrum der Ruhr-Universität Bochum das Blockseminar "Den Fuß in die Tür" von und mit Oliver Uschmann. Der erfolgreiche Schriftsteller und Journalist gestaltet die sieben Tage zwischen Seminarflur und Campusgrün als pures Praxistraining und tiefschürfende Talentsuche. Einige erfolgreiche Romane in großen Verlagen haben ihren Ursprung in diesem Kurs. Im Spätsommer 2017 fiel das Finale der Seminarwoche auf den Wahlsonntag. Anlass für ein erzählerisches Experiment zur Verschränkung von Wirklichkeit und Fiktion. Die echten Teilnehmerinnen und Teilnehmer gingen wählen - und ließen hernach ihre literarischen Figuren den Gang zur Urne aus ihrer Sicht erzählen. Das Ergebnis sind charakterstarke Geschichten zwischen übermütiger Satire und melancholischem Realismus, zwischen warmherziger Fantasy und stolzer Nerdprosa. Fans der in Bochum verwurzelten Romanreihe "Hartmut und ich" kommen ebenfalls auf ihre Kosten: Als Schöpfer der "Hui-Welt" ließen es sich Oliver Uschmann & Sylvia Witt nicht nehmen, auch ihre Helden vor das Wahllokal zu schicken: Die exklusiv für diese Anthologie verfasste Hartmut-Episode "Die Marmeladenbrote" gibt es nirgends sonst zu lesen.
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Seitenzahl: 95
Veröffentlichungsjahr: 2018
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„Es ist schon ein großer Trost bei Wahlen, daß von mehreren Kandidaten immer nur einer gewählt werden kann!“
Mark Twain
Vorwort
Lars Hannig
Retro-Revolution
Lara Pflaum
Die Aula
David Wöstmann
Die stillen Wächter
Lea Günther
Nat im Wahllokal
Kamila Dobner
Die Zweitstimme
Natascha Herkt
Die große Taube geht wählen
Laura Geiecke
Der stumpfe Stift
Julia Manz
Wir sind gleich wieder weg
Dmitrij Hartmann
Geld ist ihre erste Wahl
M.A. Sidney
Der Geschichtenerzähler
Amelie Hauser
Gleich gültig
Zohra Zahrey
Rechtskurve
Jennifer Walaszkowski
Schinken oder SPD?
Oliver Uschmann & Sylvia Witt
Die Marmeladenbrote
Dimitri Wolf
Das zarte Band
Julia Körber
Wahllokal
Vinitha Yogachandran
Die Qual der Wahl
Anna Biel
Die Gefahr des Unsichtbaren
Lilya Wischinski
Kleine Kreise
Jeden Sommer erwachen in einem unscheinbaren Seminarraum der Ruhr-Uni Bochum neue literarische Charaktere zum Leben. Manche von ihnen haben in den Köpfen ihrer Schöpferinnen und Schöpfer schon vorher existiert. Manche entstehen erst in der funkwellenberuhigten Zone des begrünten Sichtbetons. In nur einer Woche finden sich diese Figuren in einer Handlung wieder, die bereits Schlüssel- und Wendepunkte hat. In einem Setting, das vom düsteren Krimi über Fantasiewelten bis hin zur lakonischen Alltagskomödie reicht.
Da literarische Figuren klug sind, steigt ihre Aufregung, sobald sie merken, dass sich das Blockseminar dem Ende zuneigt. Nun können sie nur hoffen, dass ihre Schöpferin oder ihr Schöpfer auch über den Workshop hinaus am Text dranbleiben und aus den paar Seiten Manuskript und Notizen eines Tages ein vollständiger Roman wird.
Im besten Falle gelingt dieser so gut, dass er mittels der Beziehungen des Seminarleiters eine Agentur und somit einen Verlag findet und die Charaktere ins Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit treten. So geschehen etwa mit den Figuren von Mechthild Gläser, Tobias Keller oder Nina Martens, die allesamt ihren Weg zur professionellen Veröffentlichung oder gar zur echten Karriere als Autorin oder Autor gefunden haben.
Seit über zehn Jahren betätige ich, Oliver Uschmann, mich als Geburtshelfer für Romane und Charaktere und mache gemeinsam mit dem Schreibzentrum die Ruhr-Uni Bochum zur Brutstätte der literarischen Kreativität.
Im Spätsommer 2017 geschah es nun, dass der letzte Tag meines Workshops Den Fuß in die Tür – Schreiben und Publizieren im Literaturbetrieb ausgerechnet auf den Sonntag der 19. Bundestagswahl fiel. Da die Kunst der Demokratie nicht den Garaus machen darf und alle Seminarteilnehmer die Möglichkeit haben sollten, in aller Ruhe wählen zu gehen, bekamen sie die Aufgabe, als Ausgleich für die Fehlzeit eine Kurzgeschichte über den Besuch im Wahllokal zu verfassen. Nicht aus ihrer Sicht als echte Menschen, sondern aus Sicht ihrer jeweiligen Romanfigur, mit der sie die vergangene Woche im Seminar verbracht hatten. Es sollte sich so lesen, als ob dieser Charakter zur Wahl geht. In seiner Welt. Mit seinen Gedanken und Haltungen. Wer mochte, konnte hernach an dieser Anthologie teilnehmen, die das Schreibzentrum zu meiner Freude zusagte und finanzierte.
Doch wie es immer so ist, wenn sich die Adhäsionskräfte einer intensiven gemeinsamen Woche wieder lösen und alle in ihr individuelles Leben mit seinen tausend Aufgaben entlassen werden – es dauerte. Ein halbes Jahr ging ins Land, bis alle Texte entstanden und bei mir eintrudelten. Ein halbes Jahr ging ins Land, bis aus den Wahlergebnissen schließlich eine Regierung wurde. Dafür möchte ich mich in aller Form entschuldigen. Als ich damals nach dem Seminar im Kanzleramt anrief und darum bat, die Bildung einer Regierung noch ein wenig zu verzögern, bis die Anthologie Wahltag an der Ruhr-Uni erschiene, hatte ich dabei nicht im Sinn, Karrieren zu zerstören, Parteien zu zerrütten und eine Neuauflage der Großen Koalition zu verursachen, die eigentlich, wie alle sagten, „klar abgewählt“ wurde. Ich bin allerdings, mit dem Handy am Ohr im Botanischen Garten schlendernd, auch nicht davon ausgegangen, dass man meiner Bitte in Berlin so gewissenhaft nachgehen und mit der Regierung tatsächlich warten würde.
Exakt einen Tag vor der von mir als absolute Deadline gesetzten Abgabe der Texte wurde Angela Merkel im Bundestag für ihre vierte Amtszeit vereidigt. Wer weiß – hätte ich statt des 15. März 2018 streng und unnachgiebig den 15. November 2017 als Redaktionsschluss dieses Büchleins angegeben, wäre Jamaika wahrscheinlich zustande gekommen.
Ich danke allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Seminars, die ihre Geschichten zur Veröffentlichung bereitgestellt haben und somit einen kleinen Einblick in das Seelenleben und die Weltanschauung ihrer Figuren geben. Diese sind außerdem unter den Texten kurz skizziert, um bei der Lektüre ein besseres Gespür für den Kontext zu erhalten, neugierig zu werden und womöglich nach dem Lesen einen Google Alert auf den Namen der Autorin oder des Autors zu setzen, um mitzubekommen, wenn eines Tages ein Roman aus ihrer oder seiner Feder erscheint. Meine Frau und ich haben als „Bonustrack“ die Figuren unserer bekannten Romanserie Hartmut und ich zur Wahl geschickt. Die kleine Erzählung findet sich exklusiv ausschließlich in diesem Büchlein.
Danken möchte ich außerdem dem Schreibzentrum für die Finanzierung und vor allem für das jahrelange Vertrauen in meine Fähigkeiten als Dozent für Literaturpraxis. In diesem speziellen Falle gilt der Dank besonders Natascha Herkt, die das Lektorat des Buches übernommen und als Gasthörerin des Kurses außerdem mit ihrer Erzählung eine surreale Sternstunde in den Fluren und Katakomben des RUB-Campus beigetragen hat.
Ich wünsche Ihnen und Euch eine vergnügliche Lektüre und empfehle jedem, der oftmals sehr unpoetischen und profanen Hektik des Universitätsalltags hin und wieder zugunsten einer Oase von Ruhe und hilfreichen Gesprächen in die Räume des Schreibzentrums zu entfliehen.
Wir lesen uns,
Oliver Uschmann
(im März 2018)
Retro-Revolution
Nach einem Jahr bin ich rückfällig geworden. Da ist es wieder, das Kribbeln, und es reicht bis in die Fingerspitzen. Vorerst behalte ich es für mich. Immerhin haben wir gemeinsam geschworen: Nie wieder.
Unser spontaner Strandurlaub in Holland war von Regenwetter geprägt und von kurzer Dauer gewesen. Wir müssen ganz schön begossen ausgesehen haben, ich mit meiner dunklen Metal-Matte und dem Van-Dyke-Bart und Simon Duman „Sid“ mit einem seligen Lächeln auf dem Gesicht und breiten Schultern unter der Lederjacke.
„Regen war noch nie so schön“, hat er gesagt und meinte es auch so. Mit einem Tag Verspätung kamen Nora und Silvia dazu, einen alten Ghettoblaster mit Retrowave-Mixtapes im Gepäck. Gemeinsam sahen wir den Wellen zu, tranken Captain Morgan mit Cola und genossen zuerst die Klänge der 80er und schließlich das weiße Rauschen der Brandung, als wären wir die einzigen Menschen auf der Welt. Für ein paar Tage.
Zurück im Pott holte das Leben uns bald wieder ein. Ohne Job musste jeder erstmal sehen, wie er klar kam. Jeder hatte mit seinen Dämonen zu kämpfen.
Wie in alten Zeiten trafen wir uns bei mir, es ging zu wie in einer Selbsthilfegruppe. Ich machte den Anfang. „Mein Name ist Udo Abel und ich bin Spieleentwickler.“
Jeder kotzte sich aus. Jeder schwor: Nie wieder. Zum eigenen Wohl, zum Wohl von Freunden und Familie, die keiner von uns hatte. Wir waren unsere eigene Familie geworden und würden uns nie wieder versklaven lassen.
Der Ober-Honcho Ehrmann hatte sich in den sozialen Medien zu passiv-aggressiven Kommentaren herabgelassen. Es habe längst überfällige interne Umstrukturierungen zur Produktivitätsmaximierung gegeben. Dadurch werde sich das von Fans und Ruhrgebietlern heiß ersehnte Herzensprojekt, der Bergbau-Simulator, verzögern. Er bitte um Verständnis.
„Haha! WTF?!“, hatte C*ckMonger69 geantwortet.
Ehrmann postete: „Man sollte nie der Einschätzung des Entwicklerteams vertrauen. Wenn die sagen, etwas wäre zu 90 Prozent fertig, muss man unweigerlich feststellen, dass es in Wahrheit kaum 10 Prozent sind. Zum Glück fehlt es nicht an talentiertem und begeisterungsfähigem Nachwuchs. Wir haben gerade fünf offene Praktikantenstellen ausgeschrieben. Mindestdauer 6 Monate. Ihr liebt Spiele? Dies ist eure große Chance!“
Bevor der Shitstorm losbrach und das Posting auf mysteriöse Weise im Äther verschwand, hatte ein Kumpel von Sid einen Screenshot geschossen, über den wir uns später herzlich amüsierten.
Das war vor neun Monaten, seitdem herrscht Funkstille auf der Studiowebsite und in den Medienkanälen. Genug Zeit, um ein Baby auszutragen und genug Zeit für einen fähigen Kopf, eine Prerelease-Beta zum Release zu bringen. Schließlich sprechen wir hier von einer Auftragsarbeit, bei der es alleine um die Zahlungen des Geldgebers geht.
Es würde mich wundern, wenn der Pütt-Simulator je erscheint. Schon gar nicht unter der Führung Ehrmanns, einem Berliner Sesselfurzer, der die Entwicklung letztlich nach Fernost outgesourct hat. Die armen Schweine. Noras handgezeichnete Artworks haben sie durch seelenlos vorgerenderte 3D-Modelle aus der Retorte ersetzt. Man bekommt eben, wofür man bezahlt.
Kein Lohn und kein Versprechen dieser Welt würde uns dazu bringen, die alten Fußfesseln wieder anzulegen.
Doch es ist stark, mein Bedürfnis etwas zu bauen. „Nur etwas Kleines“, sage ich mir. „Nur für mich.“ So beginnt es immer. Aber ohne Frank würde es nie so sein wie früher. Wo er wohl stecken mag? Seine Stimme begleitet mich in Gedanken, wohin ich auch gehe.
An diesem Freitagnachmittag lockt uns das kleine Game-Event „RetroBooT ’17“ nach Bochum-Werne. Beim Offline-Treffen versammeln sich ein Wochenende lang Retro-Gamer, um zu rocken und zu zocken wie in den 80ern und 90ern. Synthie-Musiker stellen ihre Tunes vor, Oldschool-Hacker kitzeln das Letzte aus ihrer Hardware heraus und Indie-Entwickler stellen neue Titel für längst vergessene Spieleplattformen vor. Vielleicht wird es Sid und die Mädels wieder auf den Geschmack bringen, selbst in die Tasten zu hauen.
Wir haben uns ein besonderes Schmankerl für das Event überlegt. Ein exklusiver Einblick in unsere alten Projekte: before we were famous.
Wie gewohnt treffen wir uns im Keller meines Elternhauses und machen uns bereit.
Sid hat die ganze Aktion etwas zu wörtlich genommen und ist mit einem Bollerwagen mit C64-II und 1802D-Monitor aufgekreuzt, um seine Chiptune-Musik zu präsentieren. Dazu ein paar Netzteilklötze zum Gewichtsausgleich. Immerhin ohne das große 1541-Diskettenlaufwerk, dafür mit retrofuturistischem SD-Kartenleser im Gehäuse.
Nora zeigt ihre Grafiken auf einem Tablet, ich habe bloß ein Notebook im Rucksack.
Am Ende der Straße nehmen wir die Abkürzung durch die Unterführung. Es ist einer der letzten schönen Tage im Herbst.
Bevor es zum Treffen geht, muss ich noch etwas erledigen.
„Dauert nicht lange“, sage ich. „Es liegt auf dem Weg.“
Meine Freunde trotten hinter mir her, der Bollerwagen rumpelt über die Betonplatten des Gehwegs.
Je näher wir dem Zwischenziel kommen, desto mehr Menschen schließen sich uns an. Rentner mit sauber gescheitelten und gekämmten Haaren. Mittfünfziger in Hemden.
Nachbarn begegnen sich vor den Häusern und machen sich gemeinsam auf den Weg. Eine Prozession aus Paaren und Grüppchen von zwei bis vier Personen.
„Was geht denn hier ab? Walking Dead?“, sagt Sid. „Die Retrogamer von heute sind auch nicht mehr, was sie mal waren.“
„Wir werden alle älter“, sagt Nora. „Oder sind es längst.“
„Ja, aber sieh dir die an, wie sie die Straße entlangwatscheln.
Und wie sie uns anstarren. Ist doch gruselig.“
„Die wundern sich bestimmt genauso, dass du deinen Sperrmüll spazieren fährst“, meint Silvia.
„Mädel! Das is’ kein Sperrmüll, sondern ein zeitloser Klassiker.“ Sid deutet auf den Heimcomputer. „So’n Soundchip hat es nie wieder gegeben.“
Ich klinke mich ein. „Und die von Yamaha im ST, Mega Drive und Neo Geo?“
„Ich gib’ dir gleich Yamaha!“ Sid zeigt mir einen Vogel.
„Das sind schlichte Stimmgeneratoren. Der SID ist ein vollwertiger Analog-Synthesizer in einem Chip.“
Passanten werfen uns neugierige Blicke zu.
„Da wären wir“, sage ich. Auf dem Hof vor uns haben sich zahlreiche Ansammlungen von Senioren und Hausfrauen versammelt und unterhalten sich leise.
„Nee oder?“, brummt Sid und schaut den Klinkerbau der Kirche empor. „Du willst jetzt nicht wirklich beten gehen?
Ey, komm. Ich schlepp’ euch auch nicht in die Moschee.“
„Udo geht nicht zu den Popen, sondern zur Wahl“, sagt Nora. „Kapiert?“
