9,99 €
Ein Ostseekrimi aus dem Norden, der unter die Haut geht: Ein abgelegener Küstenort. Ein Mord, der alles ins Wanken bringt. Als der beliebte Lehrer Ole John tot aufgefunden wird, geraten nicht nur sein heimlicher Liebhaber und der Vater eines kleinen Mädchens ins Visier der Ermittler – auch ein Mann, der seit Jahren unschuldig im Gefängnis sitzt, rückt plötzlich ins Zentrum der Ereignisse. Während Kommissarin Njall Lundin und Arne Ek in einem Netz aus alten Wunden, zerstörten Familien und verstörenden Ritualen ermitteln, spielt auch Eva, eine Frau mit einer quälenden Abhängigkeit von ihrer Mutter und einem unheilvollen religiösen Wahn, eine undurchsichtige Rolle. Die Pathologin Lisa Bloomqvist droht an ihrer eigenen Trauer zu zerbrechen – und die Bedrohung für ein unschuldiges Kind wächst. „Wahnreich“ – ein atmosphärisch dichter Ostseekrimi über Schuld, Verdrängung und die Schatten der Vergangenheit. Wem kannst du trauen, wenn niemand mehr sicher ist? Hauptfiguren: Njall Lundin fällt schon durch ihr Äußeres auf: Ihr kurzes, rotes Haar ist meist ein wenig verwuschelt, sie bevorzugt eine lässige Garderobe – oft Jeansjacke und bequeme Hosen. An kalten oder windigen Tagen ist ihr roter Schal ihr ständiger Begleiter. In ihrer linken hinteren Hosentasche trägt sie stets einen Talisman, der sie bei Einsätzen beschützen soll: Eine rote, gestrickte Babymütze, die ihre verstorbene Lebensgefährtin einst für ihre tödlich verunglückte Tochter gefertigt hat. Arne Ek ist ein gut aussehender Kerl, dem das selbst gar nicht bewusst ist. Er trägt stets eine abgewetzte Lederjacke, die er von seinem verstorbenen Vater geerbt hat. Seine blonden Locken sind zu Beginn des Tages immer frisch gekämmt, doch schon nach kurzer Zeit fährt er sich so oft fahrig hindurch, dass sie ihm zu Berge stehen. Moderne Polizeiautos mag er überhaupt nicht; wenn er nicht gerade mit Njall im Bulli unterwegs ist, steigt er am liebsten in den alten Saab-Einsatzwagen, der noch auf dem Polizeigelände steht. Stig Kliv ist Polizist in Karlshamn und ein echtes Original: Er trägt stets eine ausgebeulte Kappe, einen Bleistift hinter dem Ohr und hat immer sein aufklappbares Notizmäppchen griffbereit in der Tasche. Älter und erfahren, bringt ihn so schnell nichts aus der Ruhe – mit trockenem Humor und unaufgeregter Gelassenheit lenkt er oft Njalls und Arnes Überschwang in die richtigen Bahnen. Lisa Bloomqvist ist eine erfahrene Pathologin mit auffälligen roten, langen Locken, die sie meist zu einem seitlichen Zopf geflochten trägt. Beim Betrachten der Leichen rutscht ihr dieser Zopf oft über die Schulter nach vorne – ein stilles Markenzeichen in ihrem Arbeitsalltag. Lisa ist eine Frau, die äußerlich Ruhe und Kompetenz ausstrahlt, innerlich jedoch von tiefer Trauer und Überforderung geprägt ist: Nach dem Tod ihrer Tochter bei der Geburt von deren Sohn übernimmt sie die Fürsorge für ihren Enkel, fühlt sich dieser Aufgabe aber durch ihr Alter und die Verluste in ihrem Leben kaum gewachsen. Besonders schwer wiegt dabei, dass sie erst vor zwei Jahren auch ihren geliebten Mann verloren hat – der doppelte Verlust lässt sie immer wieder an ihre Grenzen stoßen.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 582
Veröffentlichungsjahr: 2025
Ivonne Isabell Springer, 1976 in Ludwigshafen geboren, ist eine deutsch-schwedische Autorin, deren Herz seit jeher für das Schreiben schlägt. Nach Jahren als Erzieherin und Tagesmutter folgte sie ihrer wahren Berufung und widmet sich heute ganz der Literatur. Mit ihrer Familie und zahlreichen Tieren lebt sie in Bayern, träumt jedoch von einem neuen Leben in Schweden. In ihrem aktuellen Kriminalroman vereint sie meisterhaft deutsche und schwedische Einflüsse und entführt ihre Leser in die geheimnisvolle Atmosphäre des Küstenstädtchens Karlshamn.
Außerdem von der Autorin erhältlich:
Du Liebes bisschen
Das Glück zu finden
In Bewegung
Fast Food für die Lachmuskeln
Karlshamn-Krimi »Wellensanft« 1. Fall
Besuchen Sie mich auf www.kiwiskosmos.de
Ivonne Isabell Springer
Wahnreich
Ein Karlshamn-Krimi
2. Fall
Roman
1. Auflage 2025
Copyright © 2025 kiwiskosmos Verlag,
© 2025 Ivonne Springer
Website: www.kiwiskosmos.de
Lektorat von: Ivonne Springer
Coverdesign von: Pix and Pips
Satz & Layout von: Ivonne Springer
Herausgegeben von: kiwiskosmos
Verlagslabel: kiwiskosmos
Druck und Distribution im Auftrag der Autorin:
tredition GmbH, Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Deutschland
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist die Autorin verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne ihre Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag der Autorin, zu erreichen unter: Ivonne Springer, Hauptstraße 47, 85095 Denkendorf, Germany.
Kontaktadresse nach EU-Produktsicherheitsverordnung: [email protected]
Dieses Buch ist auch als E-Book erhältlich.
Für meinen Vater Peter
Bücher waren unsere
Gemeinsame Leidenschaft.
Deine Liebe ruht sanft
Und warm in mir.
und wie immer für L, C, J und E
Karlskrona / Blekingesjukhus /
13. September 2019 / 13.54 Uhr
Die Pathologin betrachtete liebevoll das dunkle zerknautschte Gesichtchen und strich über die kleine leicht nach oben gebogene Nase. Lisa wiegte das Baby dabei in ihren Armen. Dann reichte sie den Kleinen seiner Mutter, die nach der schweren Geburt noch immer vom Arzt versorgt wurde. Doch Cicilia Bloomkvist schüttelte den Kopf. »Nein, nimm du ihn. Ich brauch noch ein paar Minuten.«
Lisa lächelte ihre Tochter an, die sehr blass und abgekämpft aussah. Sie streichelte noch einmal die kleine Nase und ihre Augen hefteten sich sofort wieder enkelhungrig an dem süßen schwarzen Gesichtchen fest.
»Zieh ihm bitte das Mützchen an, das ich ihm gemacht habe. Es liegt drüben in seinem Bettchen.« Cicilias Stimme klang schwach und erschöpft. Lisa sah besorgt zu ihrer Tochter, strich ihr mit der Hand über die Stirn und nickte. »Natürlich! Gleich hast dus geschafft. Dann kannst du dich erholen.«
Sie wiegte den kleinen Liam in ihren Armen, als sie die paar Schritte zum Miniatur- Plastikbett hinüberging. Auf der, mit lila Elefanten bedruckten winzigen Bettwäsche, lag die süße rote Babyhaube, die Cicilia ihrem Sohn gehäkelt hatte. Ein kleines Kunstwerk, dachte Lisa, nahm sie heraus und streifte sie vorsichtig über die dichten Locken des Säuglings. Der Kleine schmatzte hörbar und Lisa entkam ein Kichern. »Da hat wohl einer schon mächtig Hunger!« Die Krankenschwester kam und nahm ihr den Jungen geschickt aus den Armen. Dann ging sie mit ihm hinüber zu Cicilias Bett. Lisa sah nur den weißen Rücken der großen Frau, der das Gesicht ihrer Tochter verbarg und wie sich dieser plötzlich versteifte als sie abrupt stehen blieb. Mit Schwung machte sie kehrt, streckte Lisa energisch ihren Enkel entgegen und wandte sich dann an den Arzt.
»Dr. Sundström, etwas stimmt mit der Patientin nicht.« Lisa hörte die verborgene Nervosität in der Stimme der erfahrenen Schwester und sofort schien der Raum unter Hochspannung zu stehen. Der Arzt stand von seinem Hocker zwischen Cicilias Beinen auf, wo er immer noch damit beschäftigt gewesen war, den Dammriss zu nähen. Er eilte hinüber zum Kopf der jungen Patientin, der, wie Lisa erst jetzt sah, schlaff an der Seite des Kissens herunterhing. Cicilias Augen waren geschlossen und ein Speichelfaden zog sich immer weiter von der blauen Liege bis fast hinunter auf den Boden. Lisa betrachtete starr das gläserne Garn, das sich da selbstständig entspann. Erst als die Hebamme sie fest am Arm nahm und sie samt Bettchen und Liam vor die Tür schob, nahm sie ihre Umgebung wieder wahr. Bevor die resolute Frau, die zuvor Lisas Tochter so sanft bei den Wehen unterstützt hatte, die Schiebetür schloss, sprach sie angestrengt ruhig: »Es ist sicher nur eine kleine Ohnmacht, wegen der anstrengenden Geburt. Wir holen sie ganz bald wieder zu ihrer Tochter herein, machen Sie sich keine Sorgen.« Dann wurde die Tür vor Lisa mit Kraft zugeschoben.
Der kleine Liam wand sich ein wenig in Lisas Armen, als würde er ihre Anspannung spüren. Er gab ein leises Quäken von sich und Lisa begann `Bäh, bäh vita lamm´ singend den Gang hinauf und hinab zu laufen. Sie summte noch immer die erste Strophe, da wurde direkt neben ihr die Schiebetür wieder aufgerissen. Ein hektisches Team aus drei Schwestern, einer jungen Ärztin die Lisa nicht kannte und Dr. Sundström rannte mitsamt dem Bett, in dem Cicilia immer noch regungslos lag, auf den Gang hinaus. Der Arzt brüllte Anweisungen, wobei auch das Wort OP fiel. Lisa durchfuhr es beißend. Was hatte das zu bedeuten? War es doch nicht nur eine Ohnmacht gewesen? Sie drückte den kleinen Liam fester an sich, der sofort anfing zu weinen und rannte in das Zimmer, in dem sie nur vor ein paar Minuten überglücklich ihren ersten Enkel überreicht bekommen hatte. Doch das Zimmer war leer. Die Hebamme war nirgends mehr zu sehen. Lisa hatte gehofft, dass sie ihr Auskunft geben konnte über das, was geschehen war. Liam wurde immer unruhiger und sein Weinen steigerte sich in lautes Geschrei. Lisa stand immer noch starr vor Schreck auf der Stelle, wo eben noch Cicilias Bett gestanden hatte. Doch irgendwann drang selbst zu ihr der dringende Ton ihres Enkels hindurch. Sie raffte den Kleinen näher an sich, als müsste sie ihn jetzt umso mehr beschützen und fing wieder zu Singen an. Sie drehte ihre Runden, ein ums andere Mal den Gang hinauf und hinunter, bis nach einer gefühlten Ewigkeit eine Schwester aus dem Lift stieg und sie überrascht ansah.
»Was tun sie denn hier unten ganz allein?« Lisa blickte vom bebenden Körper des kleinen Liam auf und in die weichen braunen Augen einer älteren Frau im weißen Kittel. Diese blickte das seltsame Pärchen wachsam aber auch mütterlich an. Lisa traten mit einem Mal die Tränen in die Augen.
»Meine Tochter« Sie zeigte den Gang hinunter, wo der Trupp zuvor mit Cicilia im Lift verschwunden war. »Liam ist ihr Kind. Es ist etwas passiert, nach der Geburt. Erst ging es ihr gut, doch dann auf einmal nicht mehr. Ich weiß nicht, was los ist.« Unzusammenhängende Wortfetzen reihten sich in Lisas Gehirn aneinander. Sie konnte selbst keinen Sinn erkennen in dem, was sie von sich gab. Und doch, die Schwester trat näher an sie heran und tätschelte ihr die Schulter.
»Das wird sich alles aufklären. Jetzt sagen Sie mir erst mal wie ihre Tochter heißt, dann bringe ich sie in ihr Zimmer, das wir sicher schon für sie vorbereitet haben.« Sie war im Begriff Lisa den kleinen Liam aus den Armen zu nehmen, doch die Pathologin entwand sich mit einem gekonnten Dreh ihrer Hände und hielt ihren Enkel nur umso fester. »Ich trage ihn«, sagte sie heftiger als gewollt.
Schwester Miga, wie Lisa auf ihrem Namensschild lesen konnte, tätschelte ihr noch einmal die Schulter, griff nach dem Bettchen und schob das Enkel-Oma-Duo sanft vor sich her zum Lift.
»Natürlich«, murmelte sie beruhigend, als der große stählerne Aufzug sich in Bewegung setzte.
Zur selben Zeit / Karlshamn /
Strömmavägen
Ole parkte den blauen Fiat am unebenen Straßenrand und stieg aus. Er schulterte seinen Rucksack, setzte sich seinen Zauberhut auf und lief, den mit Rasen überwachsenen Schotterweg zum Haus seiner Schwester. Durch das große Terrassenfenster sah er das Wohnzimmer in warmem Licht erleuchtet. Bunte Ballons zogen sich an einer Schnur aufgefädelt, von der großen Hängeleuchte über dem Esstisch ausgehend wie ein Spinnennetz, durchs ganze Zimmer. Auf Oles Lippen stahl sich ein Lächeln und ein vorfreudiges Kribbeln erfasste ihn. Als er kurz darauf den Klingelknopf drückte, schwoll lautes Jungengeheul an und Fußgetrappel erklang auf dem hölzernen Boden des Gangs. Die Tür wurde so schwungvoll aufgerissen, dass sie mit dem Griff in die Wand einschlug. Etwas Putz stob auf und landete auf dem Boden.
»Oliver, langsam«, rief Bengta noch, doch der sechsjährige Wirbelwind war schneller. Oles Schwester drängte sich durch die kreischende Jungenschar, die lediglich aus fünf kleinen Menschen bestand. Man hätte allerdings meinen können, es wäre eine vollzählige Schulklasse, so wild, laut und ungestüm wirbelten sie durch den Gang. Bengta fasste nach dem Türgriff und besah sich die Bescherung.
»Tut mir leid. Hätte ich das gewusst, wäre ich über die Terrasse gekommen.« Bengta seufzte, strich sich das lange schwarze Haar hinters Ohr und lächelte ihren Bruder an. Die glatte Strähne ihres schweren Haares löste sich sogleich wieder.
»Dann hätten sie dort vermutlich die Tür gleich ganz aus den Angeln gehoben. Das ist fast schon normal. Ich kann schon nicht mehr zählen wie oft ich schon mit Besen und Kehrschaufel hier im Gang gekniet habe. Sie hob die Schultern und zog dann ihren Bruder an seiner Jacke ins Haus. Die Jungs waren mittlerweile lärmend die Treppe hinaufgerannt und hatten sich dort in Olivers Zimmer verschanzt.
»Hast du noch eine Tasse Kaffee für mich, bevor ich das Fledermauskommando da oben übernehme?« Ole hängte seinen Rucksack an einen der acht Stühle, die um den großen hölzernen Familientisch herumstanden. »Aber klar! Du kannst auch noch ein Stück Torte haben, wenn du möchtest.« Ole besah sich das Schlachtfeld auf dem Tisch. Die grüne Marzipandecke, die wohl einst ein Fußballfeld gewesen sein musste, war an mehreren Stellen eingeschnitten und eingedrückt worden. Krümel aus hellem Kuchenteig und Sahne verteilten sich von der Mitte aus über den ganzen Tisch. Bunte Plastikteller und Servietten mit Luftballondruck stapelten sich auf der Seite zur Küche hin. Becher lagen und standen kreuz und quer herum. Ole begann die farbigen Tassen ineinander aufzutürmen, stellte sie auf die Teller und balancierte dieses wacklige Arrangement waghalsig bis in die Küche.
»Danke«, stöhnte seine Schwester und öffnete die Spülmaschine. »Ohne dich würde ich das alles nicht schaffen.« Sie deutete zu dem kleinen Tischchen am Fenster in der Ecke der großzügigen Küche. Darauf stapelten sich Bücher, Papiere und Hefte. Einige beschrieben, andere warteten noch darauf und begruben währenddessen Bengtas leuchtenden Laptop zur Hälfte unter sich. »Hätte ich gewusst, auf was ich mich einlasse, jetzt mit Kind und Arbeit nochmal zu studieren. Ich hätte es wohl sein lassen.«
Ole nahm seine Schwester in die Arme und drückte sie fest. »Du schaffst das! Ich bin unglaublich stolz auf meine kleine Schwester, die ich bald Dr. der Psychologie nennen darf.« Bengta lachte schallend, machte sich dann aus seiner Umarmung frei und schlug ihm sacht mit der flachen Hand auf die Brust.
»Du Spinner! Trink lieber deinen Kaffee und mach mir nicht noch mehr Respekt vor dem was ich da noch alles vor mir habe.« Sie drehte sich zum Kaffeevollautomaten um und reichte Ole eine Tasse Kaffee mit herrlichem Cappuccinoschaum.
»Mmh, der duftete herrlich. Das kann ich echt gebrauchen, nachdem ich heute Morgen meine Siebtklässler bändigen musste und heute Nachmittag noch eine Erstklässlergruppe obendrauf.« Bengta reichte ihm einen Teller und eine Kuchengabel. Gemeinsam gingen sie hinüber ins chaotische Wohnzimmer. Sie schnitt an einer weniger schadhaften Stelle ein Stück für ihren Bruder heraus und lud es in seine blaue Schüssel. Dann schlug sie sich mit der Hand gegen die Stirn und lachte wieder. »Oh nein, ich bin schon so sehr im Kindergeburtstagsmodus gefangen. Du hättest natürlich auch einen Teller für Erwachsene haben können und nicht das verkratzte Plastikgeschirr.« Ole lachte, tauchte seine Gabel tief in die weiche Masse und ließ es sich schmatzend schmecken.
»Du bist schon so weit gekommen. Jetzt nur noch die letzte schriftliche Prüfung und das Colloquium. Das schaffst du auch noch.« Bengta hob die schwere Tortenplatte an und trug sie hinüber in die Küche. »Danke, das tut wirklich gut ein wenig Zuspruch zu bekommen. Gustav ist schon längst nur noch genervt. Wenn er nach Hause kommt und es sieht aus wie im Schweinestall und ich hab wieder keine Zeit für uns, muss ich meine Ohren wirklich auf ganz taub stellen, um nicht den Mut zu verlieren.« Ole kam Bengta, die nun ein großes Schneidebrett abspülte, in die Küche nach, stellte seinen leeren Teller in die Spülmaschine und trank den letzten Schluck aus seiner Tasse. Dann ließ er diese dem Teller in das Wunderwerk der Technik folgen. »So, bevor es dunkel wird, fahren wir lieber mal los.«
»Was habt ihr genau vor?« Bengta ging mit ihm die Treppe hinauf zu Olivers Zimmer. Ole legte den Zeigefinger auf die Lippen und flüsterte. »Zuerst wollen wir in die Buchhandlung und ein Buch über Zauberei holen. Das habe ich vorher nicht mehr geschafft. Aber wir verbinden es mit einer Kugel Eis für jeden, dann beschwert sich sicher keiner. Und danach fahr ich mit ihnen zum Kjugekull-Naturmuseum. Dort wollen wir auf den Felsen klettern, zaubern«, er deutete auf seinen schwarzen spitzen Hut mit den goldenen Sternen darauf »Hotdogs und Marshmallows grillen und ein paar Spiele machen.« Bengta kicherte hinter vorgehaltener Hand und für einen Augenblick sahen sie sich verschwörerisch in die Augen. Sie fühlten sich wieder wie die kleinen Geschwister, die sonntags an der Zimmertür der Eltern lauschten, ob sie noch schliefen, um danach auf leisen Socken die Treppe hinunterzuschleichen und noch eine Runde fernzusehen.
»Da hast du dir ja was vorgenommen!«
»Alles schon geplant und im Auto verstaut. Keine Sorge. Du darfst dich auf völlig ausgepumpte Jungs freuen, die dann sofort in ihre Betten fallen und einschlafen bis Olivers Freunde morgen früh abgeholt werden.« Damit stieß er die Tür zum Kinderzimmer auf und ein übermütiges Kreischen stob ihnen entgegen, während Ole mit verstellt tiefer Stimme rief: »Wer traut sich mit dem großen Zauberer von Karlshamn auf nach Blåkulla?«
Nur einen Augenblick später ließ eine lärmende Bande voller Vorfreude, die Treppe des alten Hauses unter ihren Füßen erzitterte.
Fünf Jahre zuvor / Kiruna / 23. November 2014 / 17.55 Uhr
Tilda schob den letzten schweren Holzstuhl in der Bücherstube des Hotels Bishop Arms zurück an seinen Platz. Dann ging sie zur Tür, drehte sich noch einmal zum Raum hin und ließ ihren Blick schweifen. Ein vorwitziger schwarzer Einband in der langen Reihe der Regale weckte ihre Aufmerksamkeit. Der weiche bunte Teppich verschluckte ihre Schritte, als sie noch einmal hineinlief und das Buch Släktband von Joseph Viertel ordentlich zurück in die Reihe schob. Sacht strich sie über die Rücken der Bücher, ließ dann ihren Arm sinken und verließ den Raum. Sie winkte Ella, die heute Thekendienst hatte zu.
»Stella übernimmt die Zimmer, ich bin dann mal weg!« Dann verabschiedete sie sich mit ein paar netten Worten von Hasse Longström, der jeden Dienstag vorbeikam und ein Glas des teuersten Rotweins auf seine verstorbene Frau trank. Wenn man seine Gewohnheiten kannte, wusste man, dass er in Wahrheit hier war, um seine besten Kumpels Igor und Nils im Vändtia* zu schlagen. Er hielt die Karten bereits in der Hand und klopfte mit dem Packen auf die Theke, als Tilda ihm viel Glück für heute Abend wünschte.
Kurz darauf streifte sie sich im Hinterzimmer ihre dicke Daunenjacke mit dem Fellkragen über, wickelte sich den roten Schal fest um den Hals und klappte die Kapuze hoch. Dann legte sie sich den Riemen ihrer braunen Ledertasche über die Schulter und ging durch die königsblaue Tür mit den bunten handgeblasenen Glaseinsätzen darin aus der Bar.
Ein kalter Wind pfiff ihr postwendend um die Nase. Sie schnaubte und klopfte die Hände aneinander. Der Winter war dieses Jahr noch frühzeitiger eingefallen als üblich. Bis vor ein paar Tagen hatte die Herbstsonne das bunte Laub noch zum
Leuchten gebracht, jetzt stöhnten die halbkahlen Äste bereits unter einer dicken Schneedecke. Die Räumfahrzeuge kamen nicht hinterher, so überrascht war das wettergeprüfte Volk Kirunas über den so zeitigen Wintereinbruch. Auch der gepflasterte Weg hinein ins Zentrum war nicht freigemacht worden und knirschte unter Tildas Stiefeln. Die Luft war schwer und klar. Dunkel hing der Himmel über ihr.
Nur ein paar Meter weiter schlüpfte sie eilig in die Kronansapotheke hinein. Tilda fühlte wie ihr Puls anstieg. Ihr Herz begann hart gegen ihr Brustbein zu schlagen, als sie an die Theke trat, hinter der diesmal eine junge blonde Mitarbeiterin stand. Bald musste sie sich eine neue Apotheke suchen. Die wenigen Mitarbeiter hatte sie mittlerweile alle durch. Tilda konnte ihre mitleidigen Blicke spüren, wenn sie den nächsten Schwangerschaftstest verlangte. Mit zappeligen Fingern öffnete sie ihre Tasche und kramte umständlich nach dem Portemonnaie.
»Einen Schwangerschaftstest, bitte«, flüsterte sie und schämte sich, dabei über ihre Unfähigkeit diese Situation mit Stärke zu meistern. Die freundliche Bedienung nickte und verschwand dann ungewöhnlich lange im hinteren Teil des Ladens. Nervös trippelte Tilda von einem Fuß auf den anderen. Die Chefapothekerin kam an ihr vorbei und meinte: »Dass es aber auch so plötzlich so kalt geworden ist, nicht wahr Frau Jönsdotter.« Tilda nickte knapp und wünschte, sie würde sie in Ruhe lassen und statt ihrer endlich das blonde Mädchen wieder sichtbar werden. Die ältere Frau verschwand durch eine Tür und im selben Moment tauchte tatsächlich die milde lächelnde Mitarbeiterin mit einer weißen länglichen Packung, die ein rosa Streifen zierte, aus den Katakomben des kleinen Ladens wieder auf. Hastig warf Tilda die Kronen auf die Theke, längst wusste sie auswendig welches Produkt in der Kategorie Schwangerschaftstest, wie viel kostete. Dann ließ sie die Packung eilig in ihren Beutel verschwinden und verabschiedete sich schleunigst mit gesenktem Kopf.
Als sie auf den knisternden Schnee trat und die wohltuende Kühle sie umfing, atmete sie einmal tief durch. Mit der rechten Hand strich sie sacht über die lederne Tasche, als wäre allein schon der Test darin schützenswert und nicht erst dessen Ergebnis. Erleichterung durchflutete sie. Jetzt würde alles gut werden. Schon seit fast zwei Wochen waren ihre Tage überfällig, diesmal rechnete sie fest mit einem positiven Ergebnis.
Wie jedes Mal in den letzten siebzehn Monaten überquerte sie nach dem Besuch in der Apotheke die Straße und betrat den H&M. Jetzt kam der eindeutig schönere Teil des Abends. Schnell ließ sie die Frauenabteilung hinter sich. Als sie in der rechten hinteren Ecke die ersten Kleidungsstücke in Miniaturform erblickte, wurde ihr Herz ganz weit und leicht. Zwei Stunden stromerte sie zwischen den unzähligen niedlichen bedruckten Höschen, Schühchen, Kleidchen, Hemdchen, Bodys und Stramplern herum. Jedes Mal nur ein Teil, ermahnte sie sich, da sie schon unzählige Male zugreifen wollte, aber dann dachte, dass es bestimmt etwas noch Bezaubernderes irgendwo zwischen den Tausenden von Stücken geben würde. Mit einem strahlenden Lächeln trug sie schließlich einen bunten Body zur Kasse. In all ihrer Euphorie blieb sie doch vernünftig und kaufte nur unisex Modelle, da es ihr vollkommen egal war, ob es ein Junge oder ein Mädchen werden würde. Hauptsache, sie würde bald endlich ihr eigenes Baby auf dem Arm halten dürfen. Bei dem Gedanken hüpfte ihr Herz einen Schlag weiter und eine heiße Welle der Sehnsucht durchflutete Tilda. Vor ihr bezahlte gerade eine Mutter mit einem winzigen Baby, das sie sich über die rechte Schulter gelegt hatte. Tilda machte noch einen Schritt nach vorn um so nah wie möglich an des Babys Köpfchen zu gelangen. Dann schloss sie die Augen und tat einen tiefen Atemzug. Der pudrige Duft fuhr Tilda in die Nase und ihr Sensus meldete absolutes Wohlbefinden. Als sie die Augen wieder öffnete, sah ihr die Mutter des Winzlings konsterniert entgegen. Tilda ging einen Schritt beiseite und ließ die verständnislose Frau an sich vorbei. Mein Baby wird tausend Mal besser riechen als dieses, dachte sie, während eine junge Araberin mit Kopftuch den Body lieblos scannte, fragte, ob Tilda eine Tüte brauche und ihr das Juwel dann unverpackt über den Tresen schob. Mit größter Sorgfalt bettete Tilda den Body in ihre Tasche direkt neben den Test, verließ den Laden und lief lächelnd die schneestaubige Straße aus der Stadt hinaus.
*schwedisches Kartenspiel ohne Joker für 2 bis 8 Spieler
Karlshamn / Antikvariat / 13. September 2019 / 14.30 Uhr
Evelin kam pünktlich um 14.30 Uhr nach ihrer Mittagspause zurück in den Laden. Auf ihrer Zunge hatte sie noch den würzig süßen Geschmack des leckeren Burgers, den sie gerade in dem schönen Café neben Lindex gegessen hatte. Sie musste sich beim nächsten Besuch unbedingt den Namen merken. Trotz des trüben Wetters war es schön hell dort am großen Fenster gewesen. Sie liebte es, während des Essens die Menschen zu beobachten, die vorübergingen.
Sie schloss die Tür des Antiquariats auf, drehte den Lichtschalter rechts neben sich an und lief nach hinten zu der kleinen Küche, die als Aufenthaltsraum und Garderobe diente. Immer noch hatte sie das Bild der jungen Mutter vor Augen, die mit dem kleinen Mädchen mit der roten Jacke und der grauen Pudelmütze, an der Hand vorbeispazierte. Wie wohl ihr Leben war? Hatte sie einen Mann, der Zuhause auf sie wartete? Evelin stellte sich vor, wie sie in der früh das Haus verließ, sich und das Mädchen fein herausgeputzt. Wie sie in ihren teuren schwarzen Familienvan stiegen. Der Mann im Anzug, die Frau im wertigen Kostüm, das Mädchen mit einer weißen Fliege im Haar. Der Mann arbeitet sicher als Anwalt oder Notar, die Frau bei einer Immobilienfirma oder als Flugbegleiterin. Sie zuckte zusammen, als sie sich ihrer Gedanken bewusst wurde und ermahnte sich ihre Fantasie im Zaum zu halten. Sie stellte die kleine Tüte auf den Tisch und nahm den schwarzen Rollkragenpullover heraus, den sie nach dem Essen bei Lindex erstanden hatte. Dann ging sie damit hinüber zum Spiegel und hielt ihn sich an die Brust. Ein bisschen sah er so aus, wie der, den sie eben trug, aber eben nur ein bisschen, sagte sie sich. Die Ärmel waren ein wenig weiter und der Kragen dafür noch ein Stück höher geschlossen. Zufrieden legte sie ihn sorgfältig zusammen und zurück in die Tüte. In dem Augenblick schellte die Ladenglocke und Evelin beeilte sich in den Verkaufsraum zu kommen. Bengt mochte es gar nicht, wenn sie nicht hinter der Kasse stand, wenn ein Kunde den Laden betrat. Als sie zügig ihren Platz einnahm, stürmte eine Gruppe kleiner Jungs in den Laden in Begleitung eines sauber gekleideten Mannes. Er musste etwa in ihrem Alter sein. Evelin straffte die Schultern. Er hatte einen angenehmen Körperbau, war groß und schlank und sein Haar war wundervoll dunkel, glatt und glänzend. Ein leises Kribbeln fuhr in ihre Finger. Als er sie zu sich rief, fing ihr Herz wie wild zu pochen an.
»Womit kann ich Ihnen behilflich sein?« Ihre Stimme zitterte leicht, doch sie hatte sich noch ganz gut im Griff. Er wandte sich nun voll zu ihr um und sie setzte ihr schönstes Lächeln auf.
»Wir, also meine Lehrlinge und ich...«, die Jungs stießen ein leises Johlen aus, »...wir suchen ein Buch über schwarze Magie oder Zauberei.« Er malte eine schweifende Handbewegung in die Luft und die Jungs taten es ihm nach.
Evelins Lächeln erstarb. Sie rückte ein Stück von ihm ab. »Ja, also so was haben wir hier!« Sie lief in einen anderen Gang des vollgestopften Ladens.
Auf einmal hatte sie das Gefühl, es wäre kein Sauerstoff mehr im Raum. Das Fenster im Aufenthaltsraum kam ihr in den Sinn und es zog sie mit aller Macht dorthin. Sie fühlte sich wie ein Fisch auf dem Trockenen. Aber Bengt hatte sie gewarnt, noch eine komische Aktion und sie würde fliegen. Also riss sie sich zusammen und wartete, bis der Tross ihr gefolgt war. Mit ausgestrecktem Zeigefinger deutete sie aus der Ferne auf ein paar Buchrücken.
»Dieses Exemplar beinhaltet Allgemeines zum Thema Zauberei. Es ist schon sehr alt und damit vielleicht nicht mehr ganz zeitgemäß für die jungen Menschen hier.« Nun deutete sie auf Oliver und seine Freunde. »Das hier dagegen ist recht neu. Darin enthalten sind alte wie moderne Zaubersprüche. Einige zum Beispiel aus den bekannten Bänden von Joanne K. Rowling. Ja, und hier sind die Harry Potter Bände dann auch und hier...« Der gutaussehende Mann unterbrach sie, indem er eine Hand auf ihre Schulter legte. Sie wich einen Schritt zurück und die Hand glitt von ihr ab, als wäre sie eine glitschige Meeresalge, die man nicht zu fassen bekam.
»Vielen Dank, das hat uns schon sehr weiter geholfen. Jungs, ich glaube, wir nehmen das hier.« Er zog den schwarzen Band mit der goldenen Schrift heraus, der die Zaubersprüche enthielt.
Die Kinder trabten hinter ihm her wie ein Tross gehorsamer Lemminge als er Evelin zur Kasse folgte. Er stellte seinen Rucksack auf die Theke, öffnete ihn und heraus lugte die Spitze eines Zauberhuts. Mit feuchten Fingern tippte Evelin die Zahlen in die alte Kasse, drehte am Rad und ließ das Geldfach aufspringen. Bengt weigerte sich, ein modernes Bezahlsystem installieren zu lassen. Der Flair des gesamten Ladens würde dann ruiniert, stöhnte er jedes Mal theatralisch, wenn das Gespräch darauf kam. Lange konnte er sich sicher nicht mehr dagegen erwehren. Schon bald wird es in Schweden kein Bargeld mehr geben, dachte Evelin. Sie achtete darauf, das Buch nicht zu berühren, steckte das Geld in die Kasse, gab die Wechselsumme heraus und verabschiedete sich hastig.
»Und damit fahren wir jetzt zum Kjugekull!«, rief der Junge mit den dunklen Locken, als er das Buch von der Ladentheke hob und hoch in die Luft schwenkte. »Ja, auf zum Blåkulla!«, rief nun auch der Mann und Evelin zappelte nervös, als die Bande aus dem Geschäft stürmte.
Lange hielt es sie nicht auf ihrem Posten, dann tippelte sie eilig in die Küche, warf sich ihren Mantel über und wollte den Kindern hinterher. »Stop! Evelin, wo willst du hin?« Ruckartig hielt sie in der Bewegung inne. In ihre Rippen schoss ein wilder Schmerz, so abrupt zwang ihr Körper sie zum Stehen. Wo war Bengt denn plötzlich hergekommen? Immer erschien er in den unpassendsten Momenten. Durch das Schaufenster sah sie noch, wie der Mann den Zauberhut aus der Tasche holte, aufsetzte und die Lemminge wild jubelnd hinter ihm her hüpften. Alle Energie wich aus ihrem Körper und sie sackte in sich zusammen.
»Nirgends. Ich dachte nur...« Weiter kam sie nicht, da Bengt wirsch dazwischen sprach. »Du sollst nicht denken. Du sollst einfach deine Arbeit machen. Und der Laden schließt um 18.00 Uhr und nicht jetzt um...« Bengt sah auf seinen rechten Arm, den eine scheußliche goldene Rolex aus den Achtzigern zierte, »...um kurz nach drei!«
Drei Stunden später sperrte sie die Tür des Antikvariats ab. Der Zauberer, wie sie ihn mittlerweile insgeheim nannte, und die unschuldigen Kinder gingen ihr nicht aus dem Kopf. Die Worte Kjugekull und Blåkulla geisterten ihr, seitder Begegnung, sie schauderte, beständig durch ihr Denkorgan. Bengt war schuld, entschied sie und stopfte wirsch den großen schweren Schlüssel in die Tasche.
Sie machte sich über die Kungsgata auf den Weg in die Innenstadt. Vielleicht konnte sie noch etwas zu essen ergattern bevor..., ihr Kopf fuhr herum. Direkt an ihr vorbei,... das war doch, ja, das war die Mutter mit dem Mädchen im roten Mantel. Sie liefen einfach weiter, hinein in den Alice Tegnérs väg, gerade so als wäre Evelin gar nicht da. Ein warmer Schwall erfüllte Evelins Herz. Wie von einer fremden Hand gesteuert setzte sie einen Fuß vor den anderen. Vorsichtig trat sie auf, um kein Geräusch zu verursachen. Sie wollte dieses harmonische Bild vor sich nicht durch eine unachtsame Bewegung aus dem Gleichgewicht bringen. Ihre eigene Mutter tauchte vor ihrem geistigen Auge auf. Hand in Hand waren auch sie immer gegangen. Bis vor ein paar Jahren noch. Sie sah sich als kleines Mädchen, niemals hüpfend, immer artig dicht an ihrer Seite. Sie sah sich als junge Frau, wie sie die immer schwieliger werdende Hand ihrer Mutter in ihrer spürte. Sie sah sich vor ein paar Jahren, mit Mitte dreißig, wie sie die raue, trockene Hand ihrer Mutter hielt, die immer mehr zu Verschwinden schien. Da hatte sie begriffen, dass sie bald ohne ihren Halt stehen können musste.
Evelin spürte jedem Aufsetzten ihrer Fersen, dem Abrollen der Ballen und dem Auftreffen der Zehen im Schuh auf die Pflastersteine nach. Und sie wunderte sich, dass sie hier ging, nur noch im Geiste mit ihrer Mutter an der Hand, und doch nicht fiel.
Plötzlich kam Leben in die beiden Personen vor ihr. Die Mutter beugte sich zu dem kleinen Mädchen hinab und flüsterte ihr etwas ins Ohr, daraufhin strahlte die Kleine ihre Mutter an und zog sie an der Hand. Beide wurden immer schneller, bis sie am Ende rannten. Evelin hatte Mühe, ihnen zu folgen. Sie war es nicht gewohnt zu rennen und heute wurde sie schon das zweite Mal dazu gezwungen. Mutter hatte stets betont, dass solch ein ungezügeltes Verhalten, unkalkulierbare Folgen haben konnte.
Heute aber, hastete sie außer Atem die Lotsgata hinunter, sah, wie die beiden rechts in die Drottninggata einbogen und nach einem kurzen Endspurt vor einem dunkelblau getünchten Reihenhaus stehen blieben. Die hölzerne Fassade sah frisch gestrichen aus und ein Geruch nach Farbe wehte zu Evelin hinüber. Sie blieb hinter einem großen Blumenkübel, in dem eine schon recht wuchtige Kastanie wuchs auf der gegenüberliegenden Straßenseite stehen. Das Mädchen hüpfte vor ihrer Mutter die drei Steinstufen nach oben. Sie führten in einen offenen Vorraum, in der die weiße Haustür, etwas zurückversetzt, verborgen lag. In einer kleinen Nische rechts stand ein hölzerner Besen mit roten Borsten. In einer blechern schwarzen Blumenampel neben der Tür wuchsen Erikas in Dunkelrot, Weiß und Rosa. Die Wärme in Evelins Herzen nahm noch um ein paar Grad zu. Fast fühlte sie sich, als hätte sie Fieber. Die Mutter hatte den Schlüssel in ihrer ausladenden schwarzen Tasche gefunden und schloss die Haustür auf. Als sie den Lichtschalter im Innern des Hauses anknipste, fiel warmes Licht aus dem Flur bis hinaus auf den Gehweg. Das Mädchen streifte sich die Jacke ab und ließ sie von ihren Schultern direkt auf den Boden gleiten.
»Und jetzt, Pizza und Carlson auf dem Dach!«, rief sie vorfreudig und hüpfte auf einem Bein. Die Mutter fasste nach dem Bommel ihrer grauen Mütze und zog sie dem Mädchen vom Kopf. Evelin stockte der Atem. Ein Schwall kupferroter Locken ergoss sich über den Rücken des kleinen Menschenkinds. Evelin riss die Augen auf. Sie dachte an das Fenster im Aufenthaltsraum, dann wurde ihr bewusst, dass sie bereits draußen war, und doch, sie bekam keine Luft. Sie stolperte über die Stufe hinter ihr, als sie einen weiteren Schritt zurücktat. Dann zog sie ihren Schal enger um ihre Schultern und verschwand die im Dämmerlicht liegende, mit Wackersteinen ausgelegte Straße hinunter zum Meer.
Karlskrona / Blekingesjukhus /
am selben Tag / 17.01 Uhr
Der nasse Asphalt schimmerte wie dunkler Bakelit unter ihren Füßen als Lisa das Krankenhaus verließ. Sie lief hinüber zu ihrem Wagen, setzt sich hinein und schloss die Tür. Dort saß sie nun und konnte sich nicht bewegen.
Die hilfsbereiten Krankenschwestern hatten ihr den kleinen Liam aus dem Arm genommen und gesagt, sie würden sich gerne noch heute und morgen um ihn kümmern. Da Lisa nicht reagierte, nahmen sie sie beiseite und bedeuteten ihr, sich auf den Stuhl am Fenster zu setzen. Die nette Schwester Miga holte ein Blatt und einen Stift, nahm gegenüber Lisa platz und sprach, während sie schrieb sanft auf sie ein. Lisa sah das Blatt in der Luft schweben, als die Schwester es ihr überreichte. Wo war es nun?
Ein lautes Prasseln weckte Lisa aus ihrer Lähmung. Der Regen hatte wieder eingesetzt. Ohne Erbarmen raste er vom Himmel, als wolle er alles mit sich reißen, was ihm unter die nassen Finger kam. Lisa wünschte, es würde auch in ihr regnen. Etwas musste die Erinnerungen der letzten Stunden wegwaschen, als wäre das alles nicht geschehen. Stattdessen fühlte sie sich innerlich so vertrocknet, als bestände sie nur noch aus sandigem Wüstenboden, der jederzeit zerbröseln konnte.
Ihr Instinkt ließ sie in ihre Jackentasche greifen. Sie zog ein kariertes Dina 4 Blatt heraus.
• Liam Ansgar Bloomkvist anmelden
Lisa traten die Tränen in die Augen. Cicilia hatte auf dem Anmeldeformular vermerkt, dass Liam als Zweitnamen den seines verstorbenen Großvaters erhalten sollte.
• Kleidung und Kindersitz aus der Wohnung holen
• Neugeborenenmilch, Fläschchen und falls nicht vorhanden die kleinste Größe Windeln besorgen
• Beerdigungsinstitut in Karlshamn informieren
Die Tränen weichten das Blatt in ihren Händen immer mehr auf. Schwester Miga hatte sie gefragt, ob sie den Vater des Babys kenne. Lisa konnte nur den Kopf schütteln. Cicilia war bei einem Auslandsaufenthalt in Amerika von einer flüchtigen Affäre schwanger geworden. Sie wollte den Vater nicht preisgeben. Lisa vermutete, dass sie sich dafür schämte, ihn so wenig gekannt zu haben, dass sie seinen Namen wahrscheinlich gar nicht wusste. Nun konnte ihn keiner mehr ausfindig machen. Ständig waren Fragen auf Lisa herniedergeprasselt. Ob sie nicht irgendwen hatte, der ihr mit all den Aufgaben helfen konnte, ob es noch andere Verwandte gab, ob die Beerdigung hier in Karlskrona oder bei ihr in Karlshamn stattfinden sollte? Wieder hatte Lisa nur mit dem Kopf geschüttelt. Sie und ihr Mann hatten keine Geschwister gehabt. Beide Elternpaare waren längst verstorben. Und ihr Ansgar, er hatte sie vor zwei Jahren vollkommen überraschend verlassen.
Ein Herzinfarkt. Er war bei seinen geliebten Pferden auf der Rennbahn gewesen. Alles, was mit seinen Kaltblütern zusammenhing, tat er mit vollem Einsatz und Herzblut. Sein Leben lang war das so gewesen und hatte sich bis zu seinem Tod nicht geändert. Als erfolgreicher Züchter von Rennpferden hatte er seinen Traum leben dürfen. Neben ihren erfüllenden Jobs war ihre Tochter die Vollendung ihres perfekten Lebens gewesen.
Was war davon geblieben? Ansgar war fort und mit ihm das Lachen in ihrem Haus. Und nun auch noch Cicilia. Sie nahm den letzten Rest von allem mit sich. Und nun war Lisa vollkommen allein. Als dies in ihr Bewusstsein vordrang, rauschte plötzlich ein kalter Wind durch ihre Eingeweide, der den Sand darin aufstieben ließ. Sie klammerte sich am Lenkrad fest, während das Blatt zwischen ihren Beinen in den Fußraum segelte. Sie verspürte blanke Furcht davor, in Kleinteilen davonzufliegen, und wünschte sich im selben Augenblick nichts sehnlicher.
Ein Schrei entfuhr ihrer Kehle und sie riss am Lenkrad, sodass der kleine Suzuki Swift zu wackeln begann. Ein älteres Pärchen, das sich aneinandergerückt unter einem Schirm neben ihrem Wagen durch den Regen stahl, zuckte zusammen und beschleunigte dann ihren Schritt.
»Ja, rennt weg!«, schrie Lisa ihnen hinterher und wusste im selben Moment, wie irrational sie sich verhielt. Nach ein paar tiefen Atemzügen ebbte der Sturm in ihr langsam ab und hinterließ eine blankgefegte Einöde. Sie ließ die Hände wie zwei zu schwer gewordene Taschen in ihren Schoß gleiten. Dort lagen sie eine Weile, bis Lisa sich bückte und das fasrige Schriftstück vom Boden hob. Ein braunes Gesichtchen mit geschwungener Nase tauchte vor ihren Augen auf. Dunkle Locken die sich unter einem roten Mützchen hervorstahlen.
Sie strich das Papier auf ihrem Schoß glatt.
• Liam Ansgar Bloomkvist anmelden, las sie. Dann zog sie den Schlüssel aus ihrer Tasche und startete den Wagen.
Kjugekull / am selben Tag /
19.13 Uhr
Oliver stand mit hoch erhobenen Händen auf einem der riesigen Felsbrocken, die hier im Wald verteilt lagen, und schwang einen großen Ast hin und her.
»Zauberstab, Zylinderhut, Zaubergeister, helft jetzt gut!«, rief er laut, wobei ihm der selbstgebastelte Sternenhut seines Onkels über die Augen rutschte. Seine Freunde, die um ihn herumstanden brachen in schallendes Gelächter aus. Nur Willam hatte sich abgesondert, als Ole mit den Jungs noch eine letzte Runde Verstecken spielen wollte.
»Lass ihn Onkel Ole, er macht oft sein eigenes Ding. So ist er halt«, hatte Oliver ihm altklug eine Erklärung für das Verhalten seines Freundes geliefert. Elias musste noch gesucht werden, dann wollten sie die letzte Glut des Lagerfeuers löschen und nach Hause aufbrechen.
»Los jetzt Jungs. Wer Elias zuerst findet, bekommt das letzte Marshmallow!« Ole schwenkte Anreiz gebend den langen Stab, an dessen Spitze ein weißer kleiner Ball im goldenen Licht der letzten Funken leuchtete.
Willam hörte die Stimmen nur von fern. Er hatte sich mit dem Zauberbuch und seinem Rucksack hoch auf einen Felsen verkrochen. Dort saß er nun und erhellte mit der Taschenlampe seines Telefons die schwarzen Seiten mit der goldenen Schrift. Er blätterte durch den letzten Abschnitt und klappte dann das Buch zu. Im Rucksack kramte er eine Zeit lang nach seinen Filzschreibern die er immer bei sich trug. Aus den Tiefen fischte er letztendlich einen roten, etwas mit Kaugummi verklebten Stift. Er öffnete die Kappe, schlug das Buch auf der letzten Seite auf und schrieb in kindlicher fehlerhafter Schrift.
Auf den Blåkulaa Berk varen:
Willam
Hugo
Elias
Adam
Oliver
un der grose sauberer Ole Jåhn
Er unterstrich alle Namen in leuchtendem Rot und steckte dann den Deckel wieder auf die Kappe.
»Willam, wir fahren! Kommst du?« Der große Zauberer schüttete gerade noch ein paar Gießkannen Wasser auf die zischende Glut, bis der letzte Rauch daraus verdampft war.
»Komme!«, rief der Junge zu ihm hinunter. Dann schob er den Stift zurück in die Tasche, nahm sein Handy, das er auf keinen Fall vergessen durfte, sonst würde sein Vater mächtig ärger machen und kletterte den Felsen hinab.
Kurz darauf lief die Gruppe, »Hasenfuß und Hühnerei, Zaubergeister fliegt herbei!«, und andere Sprüche vor sich hersingend den laubbedeckten Waldweg entlang zum Parkplatz zurück. Die Taschenlampen ihrer Telefone zeichneten wild umher fliegende Geisterstrahlen in die Dunkelheit, während auf einem der Kullasteine, hoch oben, die goldene Schrift eines dicken schwarzen Buches im fahler werdenden Mondlicht immer mehr verblasste.
Eine dreiviertel Stunde später trug Ole einen schlafenden Oliver ins Haus im Strömmaväg. Bengta sah völlig erschöpft aus, nahm jedoch lächelnd ihren Sohn entgegen während Ole und Gustav wieder nach draußen liefen, um den Rest der schlafenden Bande zu holen. Gustav war ungewöhnlich wortkarg, nur einsilbig reagierte er auf Oles kleine Witze und Anspielungen. Hugo und Adam hatten am längsten durchgehalten und trottete neben den beladenen Männern her.
Als alle Kinder selig in Olivers Zimmer auf den Isomatten schlummerten, setzten sich die Erwachsenen für einen kurzen Plausch ins Wohnzimmer. Bengta drängte Gustav, der sich schon ins Bett verabschieden wollte, dazu, sich mit zu ihnen zu setzen.
»Jetzt komm schon Gustav! Wie oft haben wir die Gelegenheit, mal abends so zusammen zu sitzen?« Gustav hob genervt die linke Augenbraue.
»Hätten wir öfter würdest du nicht plötzlich die Brainheldin werden wollen«, knurrte er, nahm sich aber ein Glas aus dem Schrank und setzte sich neben seine Frau aufs Sofa.
»Du hast mir heute wirklich das Leben gerettet. Ich hätte nicht gewusst, wie ich dieses Jahr dem Geburtstag meines Sohnes gebührend hätte gerecht werden sollen«, meinte Bengta an Ole gerichtet, ihren knurrigen Ehemann ignorierend.
»Alles gut, es hat richtig Spaß gemacht. Vielleicht sollte ich neben der Schule noch einen Eventladen eröffnen, in dem ich Kindergeburtstage anbiete. Ich fand mich gar nicht schlecht heute. Was die Kinder morgen früh dazu sagen werden, bekomme ich ja, Gott sei Dank, nicht mit.« Bengta lachte, während Gustav nur wieder spöttisch die Augenbrauen in die Höhe fahren ließ. Mit einem Zug leerte er sein Glas und stellte es mit einem lauten Knall zurück auf den Tisch.
»Mir reichts! Ich muss schließlich morgen wieder früh raus.« Bengta blickte ihren Mann verärgert an. »Was ist bloß mit dir los? Ole hat uns so sehr mit dem Geburtstag deines Sohnes geholfen und du bist wirklich nur unhöflich heute Abend.«
»Bin müde«, nuschelte Gustav, stand auf und verschwand, ohne sich zu verabschieden, in den Gang. Kurz darauf hörten sie wie er die Schlafzimmertür hinter sich schloss. Bengta schüttelte den Kopf, während ihr Blick immer noch auf der Wohnzimmertür haftete, durch die Gustav eben verschwunden war. »Es wird wirklich Zeit, dass ich mit dem Studium fertig werde. Lange geht das hier nicht mehr gut.«
»Er hat sicher nur einen schlechten Tag. Wann ist denn nun deine Prüfung?«, versuchte Ole seine Schwester zu besänftigen.
»In vier Tagen. Ihr müsst mir unbedingt mit aller Kraft die Daumen drücken.« Bengta nickte heftig und streckte ihre in den Fäusten gepressten Daumen von sich. Dann blitzten ihre Augen schelmisch auf. »Vielleicht gibt es ja einen Zauberspruch, den du aufsagen kannst und Schwupps hab ich die Prüfung in der Tasche.«
»Ich werd mal nachsehen, ob ich einen passenden Vers im großen schwarzen Zauberspruchlexikon finde.«
Drei Stunden später lag Ole völlig erschossen unter seiner Decke. Es war ein verrückter, aber wirklich toller Tag gewesen. Morgen würde er als erstes Sven anrufen und ihm davon berichten. Ein wenig beschleunigte sich sein Puls, als er die funkelnden Augen des hübschen neuen Sportlehrers an der Schule vor sich sah. Dann kam ihm ein Gedanke und er sprang noch einmal aus dem Bett. Barfuß lief er auf dem Linoleumboden durch den Gang hinüber in die Küche. Er schaltete die Deckenbeleuchtung an und kramte in der roten Plastikbox die dort auf dem Tisch stand. Außer leeren Hotdogbrötchentüten, Senf und Ketchupflaschen, die er morgen noch in den Kühlschrank stellen musste, und der leeren Marshmallowtüte fand er nichts. Verwundert taperte er zurück ins Bett. Das Buch war auch ganz sicher nicht mehr im Auto. Er hatte vorhin genau darauf geachtet, alles auf einmal mit nach oben zu nehmen. Der Schlummertrunk bei seiner Schwester hatte die Zeit nur so geschluckt und war viel zu müde, um noch einmal hinaus zu laufen.
Er ließ sich in die Federn fallen und griff nach seinem Handy auf dem Nachttisch.
Kann dir leider keinen Zauberspruch schicken, sonst könntest du heute Nacht schon mit Diplom in der Tasche ganz beruhigt schlafen. Haben das Buch wohl bei Kjugekull vergessen. Muss es in den nächsten Tagen mal holen.
Postwendend bekam er Antwort:
Mir reichen schon meine drei liebsten Männer im Leben zur Stärkung. Aber Danke (Küsschensmiley)
Gustav hat sich tatsächlich noch entschuldigt. Also alles wieder gut. (Rotes Herzchen)
Schlaf gut
Er lächelte.
Du auch (Geschwistersmiley Mädchen Junge)
Ole legte da Telefon gähnend auf den Nachttisch. Dann drehte er sich auf die linke Seite, seine Lieblingseinschlagstellung und schlummerte in Gedanken bei dem sehnigen Sven sehr schnell ein.
Karlskrona / Järnvägstorget /
14. September 2019 / 17.36 Uhr
Lisa trat aus dem hohen grauen Holzgebäude hinaus auf die Strandpromenade. Sie schlang ihren Schal fest um den Hals, zog ihre Baskenmütze tiefer in die Stirn und lief die paar Schritte zum Meer hin. Als sie aus dem Windschutz des Mehrfamilienhauses heraus trat, riss eine scharfe Böe ihr die Luft aus dem Mund. Kurz blieb sie stehen, testete ihre Fähigkeit zu atmen mit einem tiefen Zug und setzt dann den Schritt fort, hinaus auf den langen Steg. Der Sturm zerrte mit jedem Meter, den sie weiter hinaus aufs offene Meer trat, stärker an ihr. Und doch hielt sie nicht an. Es verlangte sie danach, die Kraft der Natur zu spüren, etwas das ihr bewies, dass sie immer noch lebendig war. Etwas, das über ihr stand und ihr zeigte, dass egal was sie tat, sie selbst keine Macht hatte, die wirklich wichtigen Entscheidungen für ihr Leben, selbst zu treffen.
Das Wasser unter ihr klatschte wild und unbezwingbar an die Stahlstangen des Piers. Lisa lehnte sich weit über die Brüstung hinaus und gab sich der Gewalt des Ozeans hin. Würde er sie in diesem Moment fortreißen und mit sich nehmen, es wäre ihr Schicksal, in das sie sich fallen ließ. Doch es geschah nicht. Auch als die Kälte unter ihren Mantel gekrochen, ihr Körper von Gänsehaut überzogen war und ihre Tränen sich mit dem Salz des Meeres vermischten, stand sie immer noch dort.
Vor einer Stunde hatte Schwester Miga angerufen und sie darauf hingewiesen, dass sie ihren Enkel heute bis achtzehn Uhr abholen müsse, sonst würden sie das Jugendamt informieren. Lisa hatte hektisch den zerknüllten Zettel aus ihrer Manteltasche gefischt und ihn auf dem Küchentisch in Cicilias Wohnung glatt gestrichen. Sie war die einzelnen Schritte darauf durchgegangen und hatte sich dazu beglückwünscht ihren Enkel gestern noch angemeldet zu haben. Außerdem hatte sie mit einem Bestatter in Karlshamn telefoniert, damit die Leiche ihrer Tochter aus dem Krankenhaus abgeholt wurde. Dann war sie dort sitzen geblieben, auf dem Stuhl in der Küche auf dem sie auch heute Morgen noch gesessen hatte. Sie musste zwischendurch eingenickt sein, denn ihr Nacken schmerzte, die Wirbelsäule hinunter bis in den Steiß. Alle anderen Detail waren vor ihren Augen verschwommen, so wie auch vorhin wieder die Schrift auf dem Papier. Die Dringlichkeit in Schwester Migas Stimme hatte sie so weit wach gezwungen, dass sie aufstand und hinaus lief. Und nun, nun stand sie hier und nichts erlöste sie.
Nach einer weiteren Weile drehte sie sich um und lief den Steg zurück zur Straße. Mit steifgefrorenen Fingern grub sie in ihrer Tasche nach Cicilias Schlüsselbund. Als sie ihn herauszog und das rote Lederherz, das Ansgar Cicilia zu ihrem achzehnten Geburtstag geschenkt und ihre Tochter so oft liebevoll in ihrer Hand gewogen hatte, erblickte, stöhnte ihre Brust erneut unter Schmerzen auf. Mit roher Gewalt rammte sie den kleinen Schlüssel in den Schließer der Tiefgarage. Das Tor glitt vor ihr auf und sie lief hinunter in die Dunkelheit. Wenn sie sich nicht schnell genug bewegte, befürchtete sie, würde etwas anhalten, etwas was es ihr unmöglich machen würde weiterzumachen. Mit Schwung setzte sie sich deshalb hinter das Steuer ihres Autos, trat das Gaspedal durch, sodass es quietschte, und schoss aus der Tiefe hinaus ins Licht.
Sie überquerte Kreuzungen und Ampeln, ohne einmal auf die Bremse zu treten. Ein Busfahrer hupte laut und gestikulierte wild, als sie ihm die Vorfahrt nahm. Nicht stehen bleiben, wirbelte es unentwegt durch ihr Gehirn. Nur nicht stehen bleiben. Also umfuhr sie Hindernisse mit zackigen Bewegungen und schoss, einen Umweg in Kauf nehmend, eine Anhöhe hinauf. Wenige Straßen weiter bog sie in den Parkplatz des Krankenhauses ein, presste ihren Fuß auf die Bremse und hielt, quer über zwei Buchten stehend, abrupt an. Energisch stieß sie die Tür auf und floh, ohne sie zu schließen, hinein in das backsteinerne Gebäude. Die Pathologin wandte sich vom Lift ab und nahm, damit nur ja der Fluss nicht versiegte, die Treppe. Erst oben an der Tür des Schwesternzimmers musste sie ihren Run gezwungenermaßen bremsen. Heftig klopfte sie mit den Fingerknöcheln an das weiße Holz.
Ein ihr unbekannter Pfleger öffnete die Tür. »Ja, bitte?«
»Ich hole meinen Enkel. Liam Ansgar Bloomkvist ab.« Sie hörte ihre Stimme wie ein Maschinengewehr feuern und war sich selbst dabei völlig fremd. Der Pfleger drehte sich ins Innere des Raums und raunte einer Schwester etwas zu, die sich daraufhin erhob. Mit einem strahlenden Lächeln und einer ausgestreckten Hand kam sie auf Lisa zu.
»Ah, Frau Bloomkvist. Wir haben Sie schon erwartet. Herzlichen Glückwunsch zu ihrem Enkel.« Völlig verdattert griff Lisa nach der Hand der Frau. Wie unverfroren es auch war, ihr zu gratulieren, Lisa kommentierte es nicht. Wollte sie dies alles doch nur so schnell wie möglich hinter sich bringen.
»Kommen Sie mit. Ich zeig Ihnen Ihren Liam.« Lisa folgte der Frau den langen Gang hinunter. Die Schwester drehte sich noch einmal zu ihr um. »Haben sie gar keinen Autositz für den Kleinen dabei? So können Sie ihn schlecht transportieren.« Die Schwester deutete aufs Lisas leere Hände.
»Der ist im Auto«, log die Pathologin in sekundenschnelle.
»Na dann!« Die Schwester wandte sich wieder um und öffnete eine Tür mit einer Glasraute in der Mitte. Sie führte Lisa in einen Raum voller kleiner gläserner Plastikbetten. Die meisten waren mit einer Schutzfolie bedeckt. Nur in fünfen lagen winzige Menschenwesen und schliefen. Die Schwester zog das Bett an der linken Seite zu ihnen heran.
»Und hier haben wir Ihren kleinen Schatz.« Sie sah Lisa an und schien auf etwas zu warten. Lisas Blick haftete sich an der braunen Stupsnase ihres Enkels fest, so wie am Tag seiner Geburt.
»Na los, Sie dürfen ihn herausheben. Er gehört Ihnen.« Bei diesen Worten ging ein Ruck durch die Pathologin und sie beugte sich hinab, um den kleinen Körper an sich zu nehmen. Liam schlief tief und fest. Ein leises Schmatzen entrang sich seinen Lippen, als Lisa ihn an sich drückte. Die Schwester händigte ihr einige Papiere aus und entließ sie dann mit skeptischem Blick.
»Haben sie denn gar keine Jacke für den kleinen Mann dabei? Es ist doch sehr kalt heute und stürmisch noch dazu.« Konnte diese nervige Person sie nicht endlich in Ruhe lassen, schoss es Lisa erst durch den Kopf. Doch dann senkte sie den Blick auf das winzige Baby hinab, das sein Gesichtchen vertrauensvoll an ihre Brust drückte. Wie konnte sie nur so gedankenlos gewesen sein und nichts aus Cicilias Wohnung mitgebracht haben? Wenigstens an warme Kleidung für Liam hätte sie denken müssen. Sie wandte sich um.
»Im Auto. Ich hab alles im Auto.« Nichtsdestotrotz musste sie hier raus. Jetzt sofort, bevor der Kummer und die Sorgen sie überwältigten. Wenn der letzte Funke Mut sie verließ, würde sie ihren Enkel hier ablegen und im Stich lassen. Sie setzte ihren Weg fort und begann fast zu rennen, als sie eine Stimme hinter sich hörte, die ihr vertraut und fremd zugleich war.
»Frau Bloomkvist, warten sie noch einen Augenblick.« Lisa wurde langsamer, hielt aber nicht an, als sie sich umwandte. Die nette Schwester Miga kam auf sie zugelaufen, in der Hand eine rote Tasche. Lisa erkannte sie als Cicilias.
»Ihre Tochter hat dies hier mitgebracht.« Sie blickte auf den kleinen Jungen im Strampler.
»Darin befindet sich sicher auch eine warme Jacke für den kleinen Kerl«, sagte sie zögerlich, setzte die Tasche auf den Boden und begann darin zu kramen. Lisa hielt nun doch an, wusste sie doch, dass es überlebensnotwendig für Liam war. Als die Schwester einen grünen Miniatur-Wollfleeceanzug herausgezogen hatte, streifte sie ihn Liam geschickt über den kleinen Körper. Lisa zog ihm die Kapuze über das rote Mützchen, das er immer noch trug.
»Hier sehen Sie. Ihre Tochter hat an alles gedacht.« Eine bunte Babydecke kam zum Vorschein. Miga wickelte Liam darin ein, sodass er wie in einem Kokon, festgezurrt war. Dann schloss sie die Tasche und reichte sie Lisa. Mit treuen braunen Augen blickte sie sie eindringlich an.
»Ich hab ein Fläschchen eingepackt und eine erste Ration Pulver und Windeln. Nur für den Fall und die ersten Tage. Ich bin sicher sie werden sich ganz wundervoll um ihren Enkel kümmern.« Während dieser warmen Worte strich sie dem kleinen Mann liebevoll über den Kopf, dann stand sie einen Augenblick nachdenklich da. Im letzten Moment, Lisa wollte sich schon zum Gehen wenden, zog sie sie an sich und drückte sie fest.
»Sie schaffen das«, flüsterte sie ihr zu. Lisa löste sich, so schnell es ging aus der Umarmung, sonst hätte sie ihre Selbstbeherrschung verloren.
»Danke« Es war nur ein leises Krächzen, das sich aus Lisas Mund löste.
»Und Frau Bloomkvist, der Bestatter hat ihre Tochter heute früh abgeholt und nach Karlshamn mitgenommen, wie vereinbart.« Lisa nickte, wandte sich ab und ging.
Karlshamn / Hvilans Gravkapell /
16. September 2019 / 13.03 Uhr
Evelins Magen zog sich vor Hunger zusammen, dann knurrte er laut. Sie nahm den nagenden Schmerz als Zeichen an und sprach ihr Gebet mit fester Stimme zu Ende. Dann erhob sie sich von den Knien, strich sich den Staub vom schwarzen Faltenrock und tat einen Schritt in den Kirchgang hinaus. Als sie den Kopf gen Altar hob, leuchtete darüber das blaue Kreuz in der Mitte des runden Fensters, wie eine Offenbarung auf sie herab. Sie berührte vorsichtig ihr Haupt und fühlte die Wärme. Ein Lächeln trat auf ihre Lippen und sie spürte, wie die junge Hand ihrer Mutter in ihre glitt.
Kurz darauf trat sie ins Freie. Die rauen Stufen vor der kleinen Kirche im Wald waren von Laub bedeckt und es regnete. Düster zogen die Wolken über ihr hinweg. Als sie die graue Allee hinaus zur Straße floh schmolz die Geborgenheit in ihrem Herzen dahin, wie die Eisskulptur der kleinen Schneeelfe, die ihr Vater einst für sie geschnitzt hatte. Vor ihren Augen rann sie dahin, ebenso geschwind wie heute die Tropfen des Himmels ihre Wangen hinabliefen. Immer schneller trugen sie ihre kleinen Füße, bis sie fast rannte, hinein in die Altstadt.
Mit einem Sprung rettete sie sich schließlich in ihr Lieblingskaffee, das mit dem großen Fenster zur Fußgängerzone hin. Sie eilte an der Kuchentheke vorbei und schwenkte hastig nach links, um sich ihren Lieblingsplatz mit der guten Sicht nach draußen zu sichern, achtete darauf, nicht die Kontenance zu verlieren, und rannte dann doch mit Schwung in einen Mann hinein. Baff starrte sie ihn kurz an, wand sich dann unter seinen zu einer Fragegeste erhobenen Armen hindurch und nahm die letzten Schritte zur schwarzen Polsterbank, die gegenüber des Fensters stand. Sie atmete auf. Dann zog sie sich ihren Mantel aus, faltete ihn in der Mitte, legte ihn über die Lehne und strich zweimal darüber. Sie streifte ihr Band aus den Haaren, schüttelte es auf, um es dann wieder streng zu bändigen. Gemäßigten Schrittes machte sie sich nun auf den Weg in den Verkaufsraum und hielt dann abrupt an. Der Mann stand immer noch im Durchgang, in welchem sie kurz zuvor kollidiert waren. Doch nun lehnte er lässig an der Mauerecke und beobachtete sie. Schamesröte überzog Evelins Wangen. Sie legte sich den Riemen ihrer Tasche über die Schulter und verschränkte die Arme vor der Brust. Konzentriert setzte sie einen Fuß vor den anderen und versuchte, den Blicken des aufdringlichen Kerls auszuweichen.
»Willst du dich wieder einfach an mir vorbeistehlen?« Ihre Eingeweide vibrierten tief und ihr wurde etwas schwummrig. Was erlaubte sich dieser Typ? Ohne ein Wort wand sie sich wie eine Schlange an ihm vorbei durch den schmalen Durchlass und stellte sich in der Reihe an der Kuchentheke an. Sie zog ihre Tasche vor ihren Bauch und umklammerte sie mit den Fingern. Hart gruben sich ihre Nägel in das schwarze Leder und sie fürchtete, grobe Kerben in die wunderschöne Hinterlassenschaft ihrer Mutter zu schlagen. Einen Augenblick darauf stand der Mann hinter ihr. Sie spürte seinen auf ihrer Haut glühenden Atem.
»Isst du öfter hier?« Seine Stimme klang sanft, das musste sie sich eingestehen und doch durchstob sie Widerwillen. Da sie nicht antwortete, versuchte er sein Glück erneut.
»Hast du schon einmal den Vanille-Cappuccino probiert? Die machen hier den besten der Stadt, finde zumindest ich.« Er lächelte ihr in den Nacken. Sie spürte es, da ihre Härchen sich aufstellten. Als er zu einer weiteren Frage anhob, wand sie sich gehetzt zu ihm um.
»Was wollen Sie von mir?« Ihre Iriden funkelten dunkel. Der Mann hob entschuldigend die Hände. »Sorry, ich wollte nicht aufdringlich sein. Ich dachte nur, wenn du keine Begleitung hast, könnten wir zusammen essen. Gemeinsam ist doch immer schöner als allein.«
»Nein, Danke!« Hastig wandte sie sich wieder um und starrte auf das Blumenkleid der Frau vor ihr. Ein Vogel hatte sich zwischen den Rosenblüten in einem Strauch versteckt. Blau und grün schillerten seine Federn. Sein Körper jedoch hatte die Form eines Spatzes. Wer druckt einen solchen Unsinn auf Stoff, dachte Evelin. Gefieder wie ein Papagei und klein wie ein Spatz. Sie rümpfte die Nase und plötzlich spürte sie, sie musste hier raus. Ihr Platz zwischen der korpulenten Frau mit dem aufdringlich fehlerhaft bedruckten Kleid und dem willigen Mann hinter ihr, der jetzt unruhig mit der Fußspitze auf den Boden trommelte, wurde zunehmend enger. Sie hielt die Luft an und hatte im Moment das Gefühl zu ersticken. Ein Wimmern entfuhr ihr, als sie fiebrig, mit knurrendem Magen, aus dem Verkaufsraum stürmte, ihren Mantel an sich raffte und das Lokal verließ.
Der Regen strömte immer noch vom Himmel und das Grau mischte sich mit dem dunstigen Nebel, der vom Meer heraufstieg. Jetzt war jeder Tropfen eine Wohltat. Er kühlte zuerst ihre glühenden Wangen, dann drang er durch ihr Haar bis auf die kribbelnde Kopfhaut. Evelin irrte durch die Straßen, wusste nicht, wohin sie sollte. Ihr Magen rebellierte wieder, doch nichts brachte sie mehr dazu ein Lokal voller Menschen zu betreten. Die Gassen waren wie leer gefegt. Alle saßen drinnen und unterhielten sich bei einer warmen Mahlzeit an einem offenen Kamin. So stellte Evelin es sich zumindest vor. Nur sie war hier draußen, völlig allein. Die Nässe drang durch ihren Mantel hindurch und kroch in ihre Glieder. Sie fröstelte, steckte sich die minderwertige Ledertasche unter den Mantel und umschlang sich mit den Armen. Es trieb sie zum Meer hinunter. Sie sah schon die Auswandererstatue am Ende des Weges auf ihrem Felsen stehen. Dort unten wollte sie sein, allein bei all den auf hoher See Vermissten und Verschollenen. Bei denen die versucht hatten ihre Familien, vor dem großen Elend und dem drohenden Hungertod zu schützen. Ihnen fühlte sie sich verbunden. Sie bemerkte nicht, dass sie die Drottningsgata hinunterlief, bemerkte nicht wie sie an dem Kastanienbaum vorbeikam, bemerkte nicht die seitliche Lücke, in die sie nur vor ein paar Tagen verschwunden war. Doch dann, blieb sie abrupt stehen. Die Schwielen an der Hand ihrer Mutter rieben an ihrem Daumenballen, während sie sie näher an das dunkelblaue Holzhaus heranzog. Evelin trat in den Vorbau unters Dach. Der Regen über ihr verebbte, fiel wie ein beschnittener Vorhang direkt hinter ihr weiter auf das Kopfsteinpflaster. Der Besen mit den roten Borsten stand immer noch dort in der Ecke. Die Erikas leuchteten auch heute in die triste Welt. Sie griff nach dem weichen hellen Holzstiel. Dann zog sie den Feger langsam über den grauen Beton. Einzelne Blätter der Eichen aus Nachbars Garten hatten sich in den offenen Vorraum verirrt. Sie schob eines nach dem anderen mit meditativen Bewegungen die Stufen hinunter. Jedem Einzelnen sah sie hinterher, wie es in Zeitlupe nach draußen fiel und vom Regen erfasst auf die Pflastersteine niedergedrückt wurde. Dann hörte sie ein Lachen und hielt inne. Mit dem Besen in der Hand trat sie in dem großzügigen Vorbau einen Schritt nach rechts zum Fenster. Helles Licht blendete sie und ihre Augen fokussierten langsam. Ein Bild entstand vor ihr, das ihre Beine zittrig werden ließ. Die Mutter und das Mädchen saßen am gedeckten Tisch. In der Mitte erhob sich in einer weißen Porzellanschale ein Berg Spaghetti. Daneben stand ein großer, gefüllter Teller mit saftigen Köttbullar. Das Mädchen trug ein rotes Kleid mit einem Elefanten auf der Brust. Die Mutter eine helle Jeans und ein grünes T-Shirt dazu. Zwei goldene Kugeln glänzten im Schein der Kerzen, die darin brannten. Evelin vergaß die Feuchtigkeit, Evelin vergaß ihre vor Kälte schmerzenden Finger, Evelin vergaß ihre Welt und trat hinüber in die der Familie vor ihr. Familie, dachte sie. Dann trat sie einen Schritt vom Fenster zurück und ließ ihren Blick suchend schweifen. Ein kleines schwarzes Messingschild war dort unter dem weißen Klingelknopf angebracht. Sie beugte sich hinunter und versuchte, in der Dämmrigkeit des unbeleuchteten Vorbaus den Namen zu entziffern. Jons..., las sie, dann setzte sie ab. Sie trat einen Schritt beiseite, um so viel wie möglich vom sumpfigen Licht hereinzulassen. Dann versuchte sie es erneut und erbleichte. Das konnte, das durfte nicht sein. Sie las noch einmal, um sich ihren Irrtum zu bestätigen, und doch, wieder tauchte dieselbe Abfolge an Buchstaben vor ihrem Auge auf. Wie vom Blitz getroffen fuhr sie zurück. Ihre Beine zitterten wieder, doch diesmal wollten sie nur weg.
Ein Geräusch hinter ihr ließ sie herumfahren. Sie sah einen Mann die Straße heraufkommen. Er kramte in seiner Manteltasche nach seinem Schlüssel, den er im Moment daraus hervorzog. Panik breitete sich in Evelin aus. Sie ließ den Besen fallen, der lang hinschlug und mit einem lauten Schmettern auf dem Beton auftraf. Als der Mann hinter ihr herrief. »He, was machen Sie da?«, und sich dann verwundert nach dem Besen bückte, war sie schon das Gässlein neben dem Haus zum Meer hinunter verschwunden.
Evelins Herz pochte ihr durch den Hals bis hinauf in die Schläfen. Sie spürte jeden Schlag wie den einer Trommel, die direkt neben ihrem Ohr gespielt wurde. Wie konnte das sein, schoss es ihr nur immerzu durch den Kopf. Sie musste sich Klarheit verschaffen. War dies nur Einbildung gewesen? Ihr rechter Fuß rutschte über die nassen Blätter auf dem geteerten Weg zum Meer hin. Sie ruderte mit den Armen, um sich zu fangen. Ein unschöner Laut wie knackende Knochen drang zu ihr herauf. Ein Schmerzensschrei entfuhr ihrer Kehle und eine neue Welle Adrenalin flutete ihr Herz. Einen Klagelaut ausstoßend blieb sie stehen und fasste sich an die Brust. Nicht jetzt, dachte sie. Wenn sie jetzt stürbe, könnte sie die Menschheit nicht mehr retten. Dabei verließ sich ihre Mutter doch auf sie. Sie war doch hier, um ihr Erbe fortzutragen. Mit dem Gesicht ihrer lieben Mama, das vor ihrem Auge auftauchte, wurde sie mit einem Mal ganz ruhig. Ihr Herzschlag verlangsamte sich, ihre Hände hörten auf zu zittern und ihr Knöchel pochte nur noch schmerzhaft leis. Ein Lächeln überzog ihr Gesicht, als sie die Hand ihrer Mutter in ihrer spürte. Weich wie Samt lag sie in ihrer, ihre jungen Augen waren auf Evelin gerichtet. Sie nickte ihrer Mama zu und ging dann gemäßigten Schrittes, jedoch auf festem Fuße, stadteinwärts. Sie wusste wieder, was zu tun war. Immer klar im Kopf bleiben, sich nicht von weinerlichen Emotionen vom richtigen Weg ablenken lassen.
