Waidlerblues - Die letzte Maß - Oliver Kern - E-Book

Waidlerblues - Die letzte Maß E-Book

Oliver Kern

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Beschreibung

Kommissar Max Kandlbinder hatte sich seinen Frühruhestand im Bayerischen Wald anders vorgestellt. Statt Ruhe und Natur trifft der hypochondrische Münchner auf die quirlige Veronika Obermaier, die sich auf seinem geerbten Hof breitgemacht hat. Als dann auch noch auf dem Hausberg die Leiche des Brauereibesitzers gefunden wird, brodelt es im Dorf. Der Bürgermeister fürchtet um das Jubiläumsfest der Freiwilligen Feuerwehr und drängt Kandlbinder, sich der Sache anzunehmen. Widerwillig lässt er sich dabei von der Obermaierin helfen. Das ungleiche Ermittlerduo muss sich rasch zusammenraufen, bevor ein weiteres Unglück geschieht.

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Seitenzahl: 328

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Oliver Kern

Waidlerblues – Die letzte Maß

Obermaier und Kandlbinder ermitteln

Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Bei Fragen zur Produktsicherheit gemäß der Verordnung über die allgemeine Produktsicherheit (GPSR) wenden Sie sich bitte an den Verlag.

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Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Ricarda Dück

Satz/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © mauritius images / Martin Ley

ISBN 978-3-7349-3600-5

Vorbemerkung

Waidlerblues,der, [weidlablus], ist die melancholische Reaktion der Seele auf die Abgeschiedenheit des Bayerischen Waldes, die jedweden Menschen befällt, der sich diesen besonderen Gefilden zu lange aussetzt. Oftmals ist dieser Blues nur mit ausreichend Bierkonsum auszuhalten oder mittels oberflächlich emotionaler Diskussionen am Stammtisch zu kompensieren. Bisweilen kann auch herzhafte Hausmannskost, beispielsweise ein Schweinsbraten mit Knödeln, diesen sehr speziellen Trübsinn vertreiben.

Freitag

Kapitel 1

»Hat keiner g’sagt, dass ’s pressiert.«

Den Berg rauf. Eine Schinderei. Nur weil die Leut nicht ebenerdig daheim im Bett sterben können.

Nicht dass ich konditionell schlecht beieinander wär. Schon gar nicht für mein Alter. Aber als Frühpensionär habe ich auch einen Ruf zu verteidigen. Das schließt freilich nicht mit ein, durch kniehohes Strauchwerk einen abschüssigen Hang hinaufzusteigen. Da zeig mir mal einen, der dabei keinen hochroten Kopf kriegt! Und ich mach’s ja nicht einmal freiwillig, sondern auf Befehl. Genau genommen war’s ja nicht einmal eine Amtsorder, es war Erpressung. Der Hasenhüttl, dieser Sauhund.

Vom Forstweg hoch, keine hundert Meter, hat der Hierlinger gesagt. Ausgerechnet den haben sie zu mir geschickt. In seiner Feuerwehrmontur ist er vor einer Viertelstunde bei mir an der Haustür gestanden, als hätte er einen Großbrand zu löschen. Zum Tragen der völlig unnötigen feuerfesten Ausstaffierung hat ihn wahrscheinlich sein Kommandant verpflichtet. Denn wenn schon neue Schutzkleidung für teures Geld angeschafft worden ist, soll sie auch gefälligst zum Einsatz kommen. Dass der Hierlinger darin deutlich mehr schwitzt als ich, ist mir nur eine kleine Freude, die nicht im Mindesten ausreicht, um meinen Groll zu besänftigen. Da brauchen wir gar nix schönzureden.

Ich drehe mich um, schaue zurück und stelle enttäuscht fest, dass ich noch nicht so weit gekommen bin, wie es sich in meinen Oberschenkeln und den Lungenflügeln anfühlt. Auf dem ausgewaschenen Forstweg, der sich jetzt kaum dreißig Meter unter mir durch den lichten Wald schlängelt, parken vier Autos. Daneben steht der Hierlinger, der den Auftrag bekommen hat, den Weg zu sichern, was er offensichtlich recht ernst nimmt. Breitbeinig hat er sich aufgebaut, wie ein Türsteher vorm Szeneclub, mit starrem Blick ins Tal. Wie wenn hier jemals jemand zufällig vorbeikäme, an einem Freitagvormittag.

Mir läuft der Schweiß in die Augen. Ich wende mich wieder dem Hang zu. Die Junisonne brennt mir auf den Pelz. Einen Hitzschlag könnt ich jetzt grad noch gebrauchen. Ganz ehrlich, ich hätt keine Bedenken, wenn sie mir daheim vorm Haus auf den Ranzen scheint. Im Liegestuhl flackend, teilbeschattet vom Kastanienbaum, mit einem Weißbier auf dem Beistelltisch. Mich nicht rühren und über die Wiesen und den Wald hinweg aufs Mittelgebirgspanorama schauen. Nutzlos sein. Da hält man so einer Temperatur leicht stand, und so wär’s angemessen. Aber nein, da kommen sie mir mit so einem Blödsinn daher und scheuchen mich den Hausberg hinauf. Weil Not am Mann sei, hat der Hierlinger gemeint, wegen einer Leich …

Ich stapfe weiter, orientiere mich im Zickzack am schmalen Tritt, der vermutlich vom Rotwild stammt. Immer wieder lösen sich Steine aus dem trockenen Untergrund. Meine Halbschuhe finden schlecht Halt, und sobald ich wegrutsche, rieselt Geröll die steile Anpflanzung runter. Die für das Terrain unzureichende Beschuhung sorgt schnell für ein unangenehmes Ziehen im Hüftbereich, das von einem Schritt zum nächsten immer heftiger wird. Vielleicht hätte ich zum Frühstück auch nicht dieses Seitenstecher-Müsli essen sollen.

Um mich vom Schmerz und der Plackerei abzulenken, denke ich über die Leiche nach. Wie sie dort hinaufgelangt sein könnt. Aufrecht, auf beiden Beinen, so wie ich? Oder? Zu früh, jetzt schon solche Überlegungen anzustellen, entscheide ich. Und dass es besser wär, überhaupt gar nicht zu spekulieren. Aber der Kriminaler in mir vergisst gelegentlich noch immer, dass er pensioniert ist. Genau wie der Hasenhüttl, der scheint auch Alzheimer zu haben, was meinen Beamtenstatus angeht. Wobei, der hat’s nicht vergessen, korrigiere ich mich. Den interessiert es schlichtweg nicht, diesen Haubentaucher …

Ob sie im Dorf schon jemals einen Toten hatten, der nicht daheim im Bett an Altersschwäche verstorben ist? Oder auf der Landstraße, mit überhöhter Geschwindigkeit und zweieinhalb Promille im Blut? Weil urplötzlich ein Baum im Weg gestanden hat. Vielleicht auch ein Traktor mit Güllefass im Schlepp. Das sind jedenfalls üblicherweise die Gründe, wegen denen man in der Gegend das Zeitliche segnet. Freilich, hin und wieder hantiert auch einer der hiesigen Bauern leichtfertig und im Gottvertrauen mit Starkstrom herum. Aber das zählt dann schon zu den Ausnahmen.

Endlich höre ich Stimmen. Nicht mehr weit voraus stehen sie zusammen auf einem kleinen, terrassenartigen Absatz um einen Laubhaufen herum, der sich am Stamm einer Buche angesammelt hat. Der alte Baum duckt sich an den Berghang und wurde vom steten Ostwind arg verkrümmt. Trotz des Schweißes, der mir in die Augen rinnt, erkenne ich den Hasenhüttl, seines Zeichens Bürgermeister, wie immer im feschen Trachtenjanker. Von der Figur her ein Tapir, wenn man sich vorstellt, dass so ein schweineähnliches Viech nur auf den stämmigen Hinterläufen stehen könnt. Also annähernd aufrecht und in Lodenstoff statt Fell gehüllt. Ein niederbayerischer Tapir quasi, den das Gewicht seines adipösen Hinterteils in diese leicht bucklige Haltung zwingt. Und wie beim Tapir sorgt auch der charakteristische Rüssel vom Hasenhüttl dafür, seine unförmige Gestalt im Gleichgewicht zu halten. Dabei kommt sein Fünfliterfass-großer Schädel ohne nennenswerten Hals aus. Zudem der Schwanz nur ein Stummel … nun, um den Vergleich zu ziehen, fehlt mir ehrlicherweise die Detailkenntnis, aber das Bild bleibt trotzdem im Gedächtnis haften.

Neben dem Bürgermeister steht der Fesl Franz, heute in seiner ehrenamtlichen Funktion als Feuerwehrkommandant. Ein grobschlächtiger Kerl, Typ Walross, um beim zoologischen Vergleich zu bleiben. Unbeholfen und dennoch agil in seinen Bewegungen. Und überall spannt es, an den Schultern, über der Brust und erst recht am Ranzen. Der Fesl ist ein lauter Mensch, nicht nur akustisch, sondern auch optisch brüllt er förmlich nach Aufmerksamkeit. Und dieses Brüllen mildert auch nicht die mit Auszeichnungen behängte Uniform, deren Stoff und Nähte von dem wuchtigen Leib an die Grenze der Belastbarkeit gebracht werden. Der Dritte aus der Seilschaft ist der Krinninger Sebastian, der Dorfpolizist. Eine nicht minder auffällige Erscheinung, die vollkommen aus der Reihe tanzt und vermutlich genau aus diesem Grund wiederum wunderbar zum Rest passt. Und den ich jetzt nicht in »Brehms Tierleben« packen will, weil ich liberal und weltoffen erzogen worden bin und daher weiß, wann oder bei wem so was angebracht ist und bei wem eben nicht. Wenn der Krinninger nicht in seiner Polizeimontur steckt, trägt der Herr Wachtmeister am liebsten Lederhosen und Karohemden. So auch heute. Ein Aufzug, der im Ort freilich niemanden irritiert, denn schließlich ist er Vorstandsmitglied im Trachtenverein. Auswärtige kommen mit diesem Auftreten allerdings weniger gut zurecht, was vorrangig daran liegen mag, dass der Krinninger wegen seiner ghanaischen Wurzeln nicht ganz dem Bild eines waschechten Waidlers entspricht. Ich sag in so einem Fall immer: Open your mind!Aber wer hört schon auf mich? Ohne Frage ist der Krinninger mit seiner Verbundenheit zur bajuwarischen Kultur und Tradition, gepaart mit seinem unerschütterlichen Pragmatismus, gewissermaßen der niederbayerischste Niederbayer, den ich kenne. Man darf wohl behaupten, er nimmt diesen bodenständigen Patriotismus so ernst wie kein anderer. Und dann ist da tatsächlich auch noch eine vierte Person. Eine, die mir erst spät auffällt, als ich die Gruppe fast schon erreicht habe. Es handelt sich um den Hintermann Markus, den Chef von der Bergwacht, der selbst im strahlenden Licht dieses Junitags auf unerklärliche Weise von der Umgebung nahezu verschluckt wird. Es lässt sich mit Fug und Recht sagen, beim Hintermann ist der Name Programm. Er bleibt im Hintergrund, unbemerkt, man könnt sagen, auf phänomenale Weise unsichtbar, wenn er nicht gerade direkt vor dir steht. Und selbst dann fällt er meistens erst auf, wenn er aktiv wird. Eine Bewegung macht oder was von sich gibt. Vielleicht kommt’s daher, dass der Mann hauptberuflich Glaser ist. Für gewöhnlich schaut man durch ihn hindurch. Und wenn man ihn doch wahrnimmt, wenn er bildlich gesprochen aus der Unsichtbarkeit heraustritt, dann erschrickt man fast. Plötzlich steht da so ein uriger Naturbursche vor einem, der vage an einen mürrischen Südtiroler Bergsteiger erinnert. Nur dass jener Himalaja-Bezwinger wiederum recht polternd daherkommt, wogegen der Hintermann zu den ganz Stillen zählt, was seine Unauffälligkeit stets unterstreicht. Und obwohl er äußerlich ein Südtiroler und zudem von der Bergwacht ist, glaube ich nicht, dass er schon jemals einen Achttausender bestiegen hat. Gut möglich, dass er es noch nicht einmal bis rauf auf einen Alpengipfel geschafft hat.

Für mich schaut diese Zusammenkunft gerade jedenfalls so aus, als ginge ich zum Schimmelwirt rein. Diejenigen, die man dort am Stammtisch antrifft, sind im Prinzip dieselben, die sich hier auf dem Berg eingefunden haben.

»Wenn jetzt noch die Landfrauen auflaufen und einen Kuchenverkauf anbieten, sind wir sauber bedient«, kommentiere ich leicht keuchend die Versammlung, woraufhin sich alle nach mir umdrehen und zusehen, wie ich die letzten Höhenmeter bewältige.

»Kandlbinder, Zeit wird’s«, begrüßt mich unser Ortsvorsteher mit seiner Fistelstimme, bei der man angesichts seines voluminösen Resonanzkörpers immer ein wenig Enttäuschung empfindet.

»Hat keiner g’sagt, dass ’s pressiert«, erwidere ich. »Was haben wir?«

Alle vier deuten auf den Blätterhaufen, der jetzt, bei genauem Hinschauen, gar keiner ist. Es handelt sich um ein Tarnnetz, so eins, wie man es vom Baras her kennt. In unterschiedlichen Brauntönen, dem Herbstlaub nachempfunden und darum mit dem entsprechenden Abstand absolut unauffällig, unauffälliger noch wie der Hintermann.

»Und da liegt wer drunter?«, frage ich und kann nichts gegen die Neugier machen, die mich mit einem Mal überkommt wie sonst nur der Weißbierdurst an besonders heißen Sommertagen.

Wieder erhalte ich ein einstimmiges Nicken, was dazu führt, dass von der angerauchten Zigarette, die dem Fesl zwischen den Lippen hängt, Asche zu Boden fällt. Sofort sehe ich, dass schon zwei Kippen zwischen den Heidelbeersträuchern auf dem Boden rumliegen. Tatortkontaminierung der Extraklasse. Aber gut, so weit sind wir ja noch nicht.

»Ich hab ihn wieder abgedeckt, so wie er vermutlich dagelegen ist, bevor er g’funden wurde«, erklärt der Krinninger. »Nur damit du keinen verfälschten Eindruck bekommst.«

»Aha«, sage ich. »Und woher willst du wissen, wie alles arrangiert war, bevor ihr hier hochgestiefelt seid und alles niedergetrampelt habt wie eine Herde brunftiger Wasserbüffel?«

»Na, von dem, der den Fund gemeldet hat«, mischt sich der Fesl ein und zeigt auf jemanden, der mir bisher völlig entgangen ist, weil er sich farblich kaum weniger schlecht in die Landschaft einfügt als die Leiche unter ihrem Netz. Der Mann hockt ein Stück entfernt auf einem Baumstumpf, hinter ihm eine niedrige Jungtanne, mit der er förmlich verschmilzt. Noch so ein Unsichtbarer, was ich für zwei Sekunden als verstörend empfinde, auch wenn bei dem Mann vorrangig die Jägerweste, die Kniebundhose und der farblich aufs Koniferengrün abgestimmte Cord-Hut für die Tarnung sorgen. Ein Mann, etwa im Renteneinstiegsalter, der auf die Entfernung ausschaut wie ein Preiß, der hier seinen Urlaub verbringt. Ist er aber nicht. Bei genauerem Hinsehen meine ich ihn nämlich zu kennen. Er ist nicht aus dem Dorf, aber aus der Gegend.

»Er war in die Schwammerl«, lässt mich der Krinninger wissen.

»’s is der Kletschmaier Hias, drüben von Mösing«, ergänzt der Bürgermeister. »Maier mit ›ai‹.«

»Er müsst übrigens dringend heim, weil seine Frau auf die Schwammerl wartet. Sonst kriegt er heut nix zum Essen«, fügt der Fesl an, als wär er der Anwalt vom Kletschmaier mit »ai«.

»Ich heul gleich«, murre ich. »Das ist doch eine erfundene Geschichte. Wer geht denn im Juni noch in die Schwammerl?«

»Die einen gehen Schwammerl suchen, selbst wenn’s keine mehr gibt, die anderen ins Wirtshaus«, erklärt der Hasenhüttl. »Alles besser, als bei der Oidn daheim zu hocken.«

Weisheiten aus der Heimat, die ich gerade brauchen kann wie Zahnweh. Ich wende mich wieder dem Krinninger zu. »Also, wie war der Ablauf genau?«

»Wie meinst?«

Ich deute rüber zum Schwammerlsucher und warte, bis der Dorfpolizist kapiert, was ich will.

»Ah, ja! Also, der Kletschmaier ist vor einer guten Stunde bei mir im Revier aufgetaucht und hat mir aufgelöst erklärt, dass hier oben ein Toter liegt.«

»Leiche statt Schwammerl«, ergänzt der Hintermann, damit er auch mal was gesagt hat.

Mein Blick bleibt beim Krinninger. Ich schaue an ihm runter. Verlegen streicht er über seine Hirschlederne.

»Eigentlich hab ich heute keinen Dienst, war nur kurz auf dem Posten, um was nachzuschauen«, erklärt er seinen Trachtenaufzug.

»So ein Zufall«, erwidere ich und mache eine Handbewegung, die ihn zum Weiterreden animiert.

»Jedenfalls hab ich daraufhin den Hintermann informiert, und wir sind zusammen mit dem Kletschmaier hier herauf.«

Ich verzichte auf die Nachfrage, wieso er gemeint hat, dass er die Bergrettung braucht, wenn ein Leichenfund gemeldet wird.

»Danach hat er mich angerufen«, fügt der Hasenhüttl hinzu. »Woraufhin ich den Fesl aktiviert hab.«

»Aktiviert«, wiederhole ich, während der Fesl zustimmend brummt und sich eine neue Zigarette ansteckt. Ich bin unentschlossen, ob ich ausreichend Vertrauen in einen kettenrauchenden Feuerwehrkommandanten legen kann. Jedenfalls behalte ich für mich, was ich über die Rettungskette denke, und knüpfe daran an, mein Bild vom Ablauf des Geschehens zu vervollständigen. »Wissen wir, wieso der Herr Kletschmaier ausgerechnet an dieser schwer zugänglichen Stelle rumg’schlichen ist?«, erkundige ich mich beim Krinninger.

»Willst d’ ihn nicht selbst dazu vernehmen?«

»Vorerst frag ich dich«, entgegne ich. Ich habe sicher nicht vor, unserem Dorfsheriff seine Arbeit abzunehmen.

»Na ja«, druckst der rum. »Er meint, er hätt ein gutes Gefühl gehabt, dass unter der Buche was wächst, darum ist er heraufgestiegen. Dabei ist ihm das Tarnnetz aufgefallen.«

»Und da hat er zwangsläufig drunter nachg’schaut«, mutmaße ich.

»Sonst wär er wohl kaum auf die Leich gestoßen«, vollendet der Bürgermeister und schaut ungehalten auf seine Uhr.

Wahrscheinlich muss er noch seine Begrüßungsrede für heute Nachmittag vorbereiten. Mittlerweile habe ich verstanden, wieso er diesen Zirkus veranstaltet. Oder besser gesagt, warum er meinte, mich dazubeordern zu müssen.

»Ist die Kripo verständigt?«, will ich vom Krinninger wissen, nur um meine Vermutung bestätigen zu lassen.

Unser Dorfpolizist tauscht einen zu offensichtlichen Blick mit dem Hasenhüttl.

»Eben nicht«, erklärt der Bürgermeister. »Dafür haben wir ja dich.«

»Vergiss es, ich bin nicht mehr im Dienst. Und selbst wenn ich’s noch wär, ist das hier nicht mein Zuständigkeitsbereich«, stelle ich klar.

Der Hasenhüttl macht einen Schritt auf mich zu und legt mir seine Verwaltungsbeamtenhand auf die Schulter. Er rückt nah an mein Ohr, spricht aber laut genug, dass die anderen mithören können. »Geh, Kandlbinder, sei doch g’scheit. Wenn wir jetzt die Schmier aus Passau anrücken lassen, machen die nur ein unnötiges Buhei und verschrecken die Leut, die übers Wochenende aufs Fest kommen wollen.« Er reißt weit die Augen auf, was er immer macht, wenn er meint, er müsse seinem Gesülze mit charismatischer Mimik Nachdruck verleihen. »Schlimmstenfalls sagen die uns deswegen noch die Feierlichkeiten ab, und dann stehen wir saudumm da.«

»Saudumm!«, echot der Fesl. »Und bleiben auf den ganzen Kosten sitzen.«

Als Feuerwehrkommandant dürfte er besonders darauf bedacht sein, sein Jubiläum bis zum bitteren Ende über die Bühne zu bringen. Darum auch die Defilieruniform, in der er später zusammen mit dem Bürgermeister den Fassanstich im Bierzelt machen will. Fraglich, ob sie bis dahin sauber bleibt und alle Nähte halten, jetzt, da er sich darin in so unwirtliches Gelände gewagt hat.

»Hundertfünfzig Jahre Freiwillige Feuerwehr«, fährt der Hasenhüttl fort, der im Gegensatz zum Fesl schlau genug war, seine Gala-Tracht nicht auch schon aufzutragen. »Wir haben alle Feuerwehren aus dem Umkreis eingeladen, dazu sämtliche Vereine. Der Landrat kommt, vielleicht sogar der Landwirtschaftsminister oder zumindest sein Staatssekretär, der Dr. Pflaumer. Das wär eine Katastrophe sondergleichen, wenn wir jetzt so kurzfristig …«

»Zumal er eh schon lang hin ist«, fällt ihm der Hintermann leise, aber mit Wirkung ins Wort.

Ich will’s nicht verschreien, aber die anderen wirken überrascht, dass er neben ihnen steht. Kurz bin ich irritiert von dem, was da in seinem Vollbart hängt. Ein Teil seines Frühstücks, vermute ich. Semmelbrösel und etwas, das ich für Weißwurstsenf halte. Ich zwinge mich dazu, mich wieder aufs Wesentliche zu fokussieren. »Woher wisst ihr überhaupt, dass es ein Er ist? Habt ihr so genau hing’schaut?«

»Ich schon«, antwortet der Krinninger. »Mir graust’s immer noch.«

»Wer von euch hat das Tarnnetz sonst noch angefasst?«, hake ich nach.

Irgendwie nicken sie alle.

»Deppen«, murre ich, weil ich genau weiß, dass keiner von ihnen Handschuhe getragen hat.

Da es jetzt ohnehin wurscht ist, riskiere ich ebenfalls einen Blick. Mit Bedacht schlage ich die eigenwillige Zudecke zurück. Was mich da anstarrt, lässt mich scharf die Luft einsaugen, die hier oben auf knapp tausend Höhenmetern eine von Tannenduft durchwirkte Kühle enthält.

»Wie g’sagt, pressieren tut’s dem nicht mehr«, wiederholt der Krinninger und ich muss ihm recht geben.

Während meiner Dienstzeit habe ich etliche Tote gesehen, aber nie eine Leiche, die so fortgeschritten mumifiziert ist.

Kapitel 2

»Sicherheit? In der Lederhosen?«

»Ötzi light«, wirft der Hintermann ein.

»Fünftausend Jahr ist der nicht alt«, entgegne ich sachlich und bin froh, dass sich die anderen ihre Bemerkungen sparen.

Ich richte mein Augenmerk auf die Mumie. Dass es ein Mann ist, daran lässt sich eigentlich kaum zweifeln. Schon allein wegen dem Schnauzbart unter der Dörrdattel, die einmal sein Zinken gewesen war. Wie er daliegt, halb aufrecht gegen den Buchenstamm gelehnt, das strahlt trotz allem Verschrumpeltsein etwas Friedliches aus. Freilich, das hohlwangige Gesicht besteht nur noch aus gegerbtem Leder, die Augäpfel sind samt der geschlossenen Lider in den Schädel eingesickert. Die Lippen sind vertrocknet, wodurch mich unter den Bart heraus ein gelbes, zahnfleischloses Gebiss angrinst. Das ist alles in allem kein erbaulicher Anblick. Ein Toter ist ein Toter. Aber trotzdem. Es gibt weitaus schlechtere Orte zum Sterben, und vielleicht macht es genau das aus: die entgegen all dem Gräuel verbliebene Erhabenheit, die an einen buddhistischen Mönch erinnert, der an seiner selbst auferlegten Askese eingegangen ist, ohne jedoch zu zerfallen. Hier oben, mit einer atemberaubenden Fernsicht über den Ort hinweg, in die weitläufige Hügellandschaft hinein, bis hin zu den im bläulichen Weichzeichnerdunst aufragenden Bergen des Bayerischen Waldes und des Böhmerwaldes, da kann man offenbar so einen Zustand von Beständigkeit über den Tod hinaus erreichen. Man könnt fast ins Schwärmen kommen.

Ich schüttle den Kopf, um die Heimatliebe auf ein vernünftiges Maß zu reduzieren. Besinne mich auf meine ansonsten verlässliche Realitätsnähe. Wie es ausschaut, bin ich in den letzten Tagen zu häufig meiner Untermieterin über den Weg gelaufen und habe mich dabei ein klein bisserl mit ihrer Esoterik infiziert. Doch nach einem kräftigen Atemzug übernimmt wieder der einstige Kriminalkommissar in mir, der das Bundeswehrnetz noch ein Stück weiter zurückschlägt. Es ist an den Seiten mit Steinen beschwert, sorgfältig gesichert, dass der Wind, der hier oben im Winter besonders kräftig pfeift, es nicht fortwehen konnte. Derjenige, der da liegt, hat akribisch dafür gesorgt, dass er nicht gefunden wird. Oder aber er sollte nicht gefunden werden – das gilt es noch zu entscheiden. Vorerst will ich nicht zu weit vorausdenken. Schlimm genug, dass ich das Arrangement so unprofessionell auseinanderpflücke und damit höchstwahrscheinlich forensisch bedeutsame Spuren vernichte.

»Wie lang verwest der schon vor sich hin, was meinst?«, fragt der Hasenhüttl in meinem Rücken, aber ich ignoriere ihn. Versuche, konzentriert zu bleiben.

Die Mumie trägt ein Tweed-Jackett, dazu eine Weste im gleichen Fischgrätenmuster. Das Hemd darunter war mal weiß. Auch die Krawatte ist farblich zum Rest abgestimmt. Der schwere Anzugstoff sieht teilweise zerfasert aus. Von unten her haben sich Aasfresser an dem Leichnam gütlich getan, weshalb es ganz gut ist, dass er so sorgsam zugedeckt ist. Vielleicht ist vom restlichen Körper gar nicht mehr so viel übrig, wie es auf den ersten Blick den Anschein haben mag. Die Nager und Insekten sind nur noch nicht bis hinauf zum Gesicht gekommen. Es waren keine größeren Raubtiere wie Füchse oder Marder an der Leiche, sonst wäre sie vermutlich trotz aller Vorkehrungen nicht am Stück geblieben. Vorsichtig taste ich den Brustbereich des Mannes ab, die Jacketttaschen fühlen sich leer an. Keine Brieftasche, keine Papiere. Das wär dann auch zu praktisch gewesen.

Bis auf das Säuseln des Windes ist es hinter mir still geworden. Offenbar haben die Herren verstanden, dass ich für die Begutachtung von Leiche und Fundort Ruhe brauche. An Kopf und Hals sind keine Spuren von Gewalteinwirkung zu erkennen. Das Gescheiteste wär freilich, die Kripo heraufzuholen, aber mir ist klar, dass ich mich ohne jede Befugnis gegen den Bürgermeister diesbezüglich nicht durchsetzen kann.

»Hast du schon Fotos gemacht?«, frage ich den Krinninger, woraufhin er mir sein Handy zeigt.

»Ich kann sie dir schicken.«

Ich schüttle den Kopf. Er braucht nicht zu wissen, dass ich mit dem Dienstausweis und der Waffe auch mein Handy abgegeben habe. Wieso auch behalten, hier hat’s eh nirgendwo Empfang.

»Und, was sieht das geschulte Auge?«, erkundigt sich der Polizeihauptmeister, dem auch nicht wohl in seiner Haut sein sollte, so wie das gerade abläuft.

Ich richte mich wieder auf. Erwartungsvoll glotzen sie mir entgegen. »Schaut für mich so aus, als hätt der Tote selbst für sein Dahinscheiden gesorgt und alles dafür getan, dass seine sorgsam gewählte Ruhestätte unentdeckt bleibt. Aber das ist nur eine erste Theorie«, mahne ich.

»Wie die alten Indianer«, sagt der Hintermann. »Die sind auch allein zum Sterben in den Wald gegangen, wenn sie gespürt haben, dass es an der Zeit ist.«

Ich will dem nichts hinzufügen, auch weil ich mich mit dem Bergwachtler nicht in eine Diskussion darüber versteigen will, dass sein vermeintliches Wissen über die indigenen Völker Nordamerikas sehr wahrscheinlich und ausschließlich aus alten Winnetou-Filmen stammt.

»Was klemmt denn da unter seinem linken Arm?«, will der Fesl wissen, der sich ebenfalls über den Toten gebeugt hat. Von seiner Kippe, die ihm an der Unterlippe klebt, fällt Asche auf das vergilbte Oberhemd des Leichnams. Der Feuerwehrkommandant fragt nicht um Erlaubnis, sondern greift einfach nach dem erspähten Objekt und entreißt es dem Verstorbenen.

Ich muss an Grabschändung denken, schaffe es aber, mit dem Aufschrei an mich zu halten. Vielleicht brülle ich meinen Unmut über diese Dilettanten später übers Tal hinweg, wenn ich allein bin.

»Leckomio!«, kommentiert der Fesl seinen Fund und hält uns eine Flasche entgegen.

»Jetzt haben wir wenigstens Fingerabdrücke«, knurre ich, und er schaut mich an wie ein Reh im Fernlichtkegel, eine Sekunde bevor es überfahren wird.

Auf meine Bemerkung hin will er die Flasche so schnell es geht loswerden und streckt sie mir entgegen. Kopfschüttelnd nehme ich sie ihm ab. Die anderen scharren sich um mich, wie wenn ich den Schnaps gleich an alle ausschenken würde.

»Single Malt, dreißig Jahre alt«, liest der Bürgermeister laut vom Etikett vor. »Kein schlechter Schlummertrunk.«

Ich hebe die noch halb volle Flasche an und halte sie gegen die Sonne. Die ist zwar fest verkorkt, doch die karamellbraune Flüssigkeit deutlich eingetrübt. Durch leichtes Schütteln wirbele ich noch mehr Sediment auf. Irgendwer neben mir seufzt enttäuscht.

»Schaut aus, als wäre dadrin was aufgelöst worden«, folgert der Krinninger.

»Tabletten«, mutmaße ich. Die Formulierung »Schlummertrunk« bekommt damit eine völlig neue Bedeutung.

»Wie kann man das einem so exorbitant teuren Whisky antun«, lamentiert der Hasenhüttl.

Gemessen an der Faktenlage bin ich bei der Theorie vom Hintermann. Derjenige unter der Buche ist in seinem ungewöhnlichen Anzug auf den Berg gekraxelt, um an diesem beschaulichen Flecken ganz in der Manier nordamerikanischer Ureinwohner einsam und allein zu sterben. Mit herrlicher Aussicht, kostspieligem Single Maltund einer Überdosis Schlaftabletten oder was auch immer. Selbstmord also. Und das Tarnnetz, in das er sich so gewissenhaft gehüllt hat, unterstützt diese Theorie. Er wollte nicht vorzeitig entdeckt werden, nicht bevor es endgültig vorbei ist. Und auch danach nicht. Fall gelöst.

Ich horche in mich hinein und mir wird klar, dass ich nicht wirklich zufrieden mit diesem Ermittlungsergebnis bin. Allerdings kann ich auch nicht sagen, was mich stört. Noch nicht zumindest.

Aufgrund dessen, was die Mumie trägt, könnte ich von einem Zugereisten ausgehen. Einer aus der Gegend wär womöglich eher im Lodenjanker und mit einem Bärwurzschnaps als Grabbeigabe seinem Schöpfer gegenübergetreten. Allerdings stellt es sich für mich so dar, dass er den abgeschiedenen Ort bewusst gewählt hat, was gegen einen Touristen spricht.

»Jemand eine Idee, wer das sein könnt?«, frage ich in die Runde.

Nachdem ich kürzlich erst wieder hierher zurückgesiedelt bin, fehlt mir ein Überblick übers aktuelle Gemeinderegister und ich weiß auch nicht, welche Abgänge in den letzten zweieinhalb Jahrzehnten verzeichnet wurden. Fünfundzwanzig Jahre! So lang war ich tatsächlich weg, ohne mein einstiges Heimatdorf wirklich vermisst zu haben. Und wäre es nicht so unerwartet gekommen, wie es gekommen ist, säße ich vermutlich immer noch in meiner Dreizimmerwohnung in München-Schwabing.

»Na ja, wenn man es zeitlich einschränken könnt, seit wann der da liegt, wär’s einfacher«, folgert der Krinninger.

»Der Berg hat ihn gut konserviert«, sagt der Fesl mit der Selbstsicherheit eines studierten Anthropologen, der er nicht ist. Aber vermutlich hat man auch als gelernter Metzger eine gewisse Expertise, was die Haltbarkeit von Dörrfleisch angeht.

Jedenfalls muss ich ihm recht geben. Das Klima am Berg ist rau, immer windig, saukalt im Winter. Die Stelle ist gut geschützt vor Regen. Nordostseite, nicht allzu viel Sonne, abgesehen von jetzt, aber bald ist sie um den Bergsporn herum, und dann liegt der Flecken für den Rest des Tages im Schatten. Erfahrung mit Leichenfunden ist zwar hinreichend vorhanden, ich hüte mich aber dennoch, eine Prognose abzugeben.

»Wie auch immer, du übernimmst jedenfalls die Ermittlung«, kommt der Hasenhüttl erneut mit seiner Forderung daher.

»Das kann doch der Krinninger machen!«

»Den brauche ich auf dem Feuerwehrfest, zwecks der Sicherheit«, erklärt der Hasenhüttl.

»Sicherheit? In der Lederhosen?«

»Tut doch nix zur Sache, was ich anhab«, interveniert der Ortspolizist. »Ich bin eine Respektsperson, egal, wie ich daherkomm.«

»Genau!«, springt ihm der Bürgermeister bei. »Jedenfalls hat er keine Zeit.«

»Und ich bin im Ruhestand«, erinnere ich das Dorfoberhaupt.

»Papperlapapp, einmal Bulle, immer Bulle. Und es wär ja eh nur, bis das Wochenende rum ist. Dann kannst du den Fall der Kripo übergeben.«

Widerwillig schüttle ich den Kopf. »Krinninger, jetzt sag doch auch mal was, zefix!«

»Wenn’s Selbstmord war, wird’s schon keiner monieren«, erwidert der Dorfsheriff. Der Hasenhüttl hat seine Exekutive im Griff.

»Genau!«, pflichtete ihm der Bürgermeister bei. »Und ob du das kannst oder nicht, das entscheid immer noch ich.« Ich will was einwenden, aber er hebt gebieterisch die Hand. »Falls du eine Motivationsspritze brauchst, ich kann denen vom Finanzamt gerne einen Tipp geben, dass sie sich die Unterlagen zu der Grundsteuerberechnung von deiner Erbschaft noch mal ein bisserl genauer anschauen sollen. Dann kommen für dich womöglich noch ein paar Tausender auf die Hinterlassenschaftssteuer obendrauf …«

»Spinnst d’ jetzt komplett«, fahre ich ihm ins Wort und spreche aus, was mir seit dem Auftauchen vom Hierlinger und dessen ominöser Andeutung in die gleiche Richtung durch den Kopf schwirrt. »Willst mich tatsächlich erpressen?«

»Geh, Kandlbinder, keiner sagt was von Erpressung. Du warst zu lange weg, hast offenbar vergessen, wie sehr wir uns alle gegenseitig helfen. ’s Dorf steht zusammen wie eh und je. Und jetzt, wo du wieder in den Schoß deiner Heimat zurückgefunden hast, gehörst freilich auch du wieder vollumfänglich dazu. Bist herzlich aufgenommen, wie wenn du nie weggewesen wärst. Da können wir doch ein bisserl Entgegenkommen erwarten, meinst nicht auch? Zeig unserer Gemeinschaft deinen guten Willen, tu mir einfach den Gefallen!«

»Hör mir auf mit deinem Politikergeschwafel«, knurre ich und wende mich ab.

Ich blicke runter ins Tal, atme tief und lautstark die würzige Mittelgebirgsluft ein. Suche in meiner Körpermitte den Anker, der mich erdet, bevor ich etwas Unüberlegtes tue. Mein Ruhestand fängt nicht gerade so an, wie ich mir das ausgemalt habe. Und ganz gewiss hege ich nicht die Absicht, dem Hasenhüttl in den Arsch zu kriechen. Drohung hinsichtlich Steuerfahndung hin oder her. Andererseits bin ich schon auch neugierig, was die Geschichte hinter dieser Leiche angeht. Neugier und Ehrgeiz haben mich von jeher angetrieben. Dieses Rätsel zu lösen wäre durchaus eine Herausforderung, schließlich will man als Pensionär ja nicht einrosten. Schon gar nicht, wenn man erst knapp über fünfzig ist …

Ich drehe mich wieder zu der Dorfdelegation um. Schaue grimmig drein, weil ich dem Hasenhüttl nicht gönne, dass er seinen Willen kriegt. »Also noch mal, hat jemand eine Idee, wer unsere Mumie sein könnt?«

Kapitel 3

»Kann man in die Leut reinschauen?«

»Der Karl«, schlägt der Fesl mit einer Selbstverständlichkeit vor, wie wenn er hinter seiner Fleischertheke sagen würd, dass der Schweinebauch heute im Angebot ist. Dabei zupft er unbewusst an seinen Bundfalten herum.

»Karl? Welcher Karl?«, hake ich nach.

»Na, der Spetzinger, der alte Besitzer von der Brauerei.«

»Zefix, da könnst d’ recht haben«, pflichtet der Hasenhüttl ihm bei. »An den Karl hab ich gar nicht mehr gedacht. Wie lang ist das jetzt her, seit der abgängig ist?«

»Kommt auf zwei Jahr hin«, überschlägt der Krinninger. »Und seitdem nie auch nur eine Spur, was sich mit der Leich gut erklären lässt.«

»Zwei Jahre«, wiederhole ich, weil ich noch nicht zu weit vorausdenken möchte. »Das heißt, es müsste seit zwei Jahren keiner mehr hier rumgeschlichen sein. Kann das sein?«

»Mei, der Hang ist nach dem Sturmschlag vor fünf Jahren neu aufgeforstet worden, da war es quasi nicht erlaubt, die Anpflanzung zu betreten«, erklärte der Krinninger.

»Wie wenn sich nur einer an so was halten würd«, brumme ich vor mich hin und höre auf einem Ohr, dass der Hasenhüttl mit dem Fesl weiter darüber spekuliert, ob wir auf den vermissten Brauereibesitzer gestoßen sind. »Keine voreiligen Schlüsse!«, mahne ich und versuche gleichzeitig, mich daran zu erinnern, ob ich in München je etwas vom Verschwinden vom Spetzinger Karl mitbekommen habe.

»Ich mein, es war der Schwiegersohn, der irgendwann behauptet hat, er wäre nach Kanada abgehauen. Und dass eine Frau im Spiel war, wegen der sein Schwiegervater alles hat stehen und liegen lassen«, erzählt der Fesl.

»Gerüchte, nur Gerüchte«, entgegnet der Bürgermeister, und dann schauen wir alle fünf wieder auf den vertrockneten Schädel, der aus dem Tarnnetz herausragt.

»Warum soll einer wie der Spetzinger Karl sich umbringen? Einer, der alles hat«, wirft der Hintermann in die Runde.

Berechtigte Frage, denke ich.

»Kann man in die Leut reinschauen?«, sinniert der Fesl.

»Nein, kann man nicht!«, bekommt er von mir bestätigt.

»Der Karl, Himmelherrschaft«, lamentiert der Hasenhüttl. »Wen holen wir da jetzt aus der Brauerei, wegen der Identifizierung?«

»Auf keinen Fall zeigen wir die Leiche rum, solang wir uns nicht sicher sind«, stelle ich klar. »Wolltest du die Sache bis Montag nicht eben noch unter Verschluss halten?«

Der Hasenhüttl schaut mich an. Sein Blick ist ein bisserl wässrig, vielleicht weil die Sonne ihn blendet. »Nur inoffiziell, im Kreis der Vertrauten, meine ich.«

»Inoffiziell«, murmle ich kopfschüttelnd, sage ihm aber nicht, dass ich ihn für einen Trottel halte. Als wüsste er nicht selbst, wie schnell Gerüchte im Dorf die Runde machen. »Und was ist mit dem Schwammerlsucher?«, gebe ich zu bedenken.

»Das regle ich«, entgegnet er und bekommt dabei leicht mafiöse Züge um den Mund herum. Was ich mir, so hoffe ich, nur einbilde.

»Vielleicht rede ich doch mit ihm, bevor du ihn dir vornimmst«, entscheide ich.

Ohne auf die Zustimmung des Bürgermeisters zu warten, balanciere ich los, den abschüssigen Hang entlang auf den Waldschrat zu.

Als er mich erspäht, springt er auf, als würde er in diesem Moment bemerken, dass er die ganze Zeit auf einem Ameisenhaufen gehockt hat. »Kann ich jetzt endlich gehen?«, will der Kletschmaier Matthias aus Mösing umgehend wissen.

Jetzt aus der Nähe kommt er mir doch älter vor. Unter seinem speckigen Cord-Hut ragen ein paar weiße Haarsträhnen hervor. Auf seinem rot geäderten Zinken sitzt eine Hornbrille. Durch die verschmierten Gläser hindurch schaut er mich nur kurz an, bevor er den Blick auf seine Wanderschuhe richtet. Ich überlege, wo sein Korb für die Schwammerl ist, aber vermutlich hat er den unten irgendwo stehen lassen, als ihn der Krinninger ein zweites Mal den Berg hinaufgescheucht hat, damit er dem Polizisten seinen Leichenfund präsentieren konnte.

»Schwammerl also«, beginne ich meine Vernehmung, ohne mich vorzustellen. Solang er nicht fragt, komme ich nicht in die Verlegenheit einer Amtsanmaßung. »Wieso ausgerechnet hier?«

Es fällt ihm nicht ein, mir ins Gesicht zu schauen. »Das wissen die wenigsten, zum Glück, muss ich sagen, aber da heroben gibt’s ein paar Stellen, da wächst der recht gut.«

»Wer wächst?«

»Der Mickerling.«

»Bitte, was?«

»Mickerling, der mausgrau … mit Ei angebraten. ’s gibt nix Feineres …«

Ich kenne mich nicht aus mit Schwammerln und hege bei diesen Gewächsen grundsätzlich meine Bedenken. Jedenfalls bin ich der festen Überzeugung, dass ich beim Kletschmaier daheim niemals ein Pilzgericht essen würde.

»Das heißt, Sie waren schon häufiger da heroben?«, hake ich nach.

Er nickt, während er irgendwas jenseits meiner linken Schulter fixiert.

»Der vermeintliche Laubhaufen unter der Buche, der ist Ihnen aber erst heute aufgefallen?«

Der Cord-Hut überlegt ein bisserl zu lang, bevor er wieder nur nickt. »Vielleicht war ich seither nicht ganz so weit aufgestiegen«, fügt er schnell noch an.

»Aber heut, heut haben Sie gedacht, heut schaue ich mal, ob unter der Buche der Mausdingsbums wächst …«

»Mickerling«, hilft er mir auf die Sprünge. »Wobei, ich nehm auch andere. Steinpilze, Maronen, Rotkappen … das sind freilich lang noch nicht …«

»Haben Sie eine Vorstellung, wer der Tote sein könnt?«, unterbreche ich.

Er zuckt leicht zusammen, die Frage trifft ihn unverhofft. »Nein!«, kommt es dennoch wie aus der Pistole geschossen. Er schiebt sich die Brille zurecht. »Ich mein, da hat man ja auch nicht mehr viel erkennen können.«

»Haben Sie was angefasst, an der Leiche?«

Es schüttelt ihn sichtlich. »Das wollt der Kollege auch schon wissen. Aber ich hab nur das Tarnnetz leicht angehoben, damit ich drunterschauen konnt.«

»Und nachdem Sie die Leiche entdeckt haben, sind Sie ohne Umweg runter ins Dorf?«

»Ohne Umweg«, bestätigt er, hält dann aber inne. »Also, zuerst bin ich zum Auto«, berichtigt er sich. »Das stand drüben beim Skiliftparkplatz.«

»Entgegengesetzte Richtung also?«

Nicken.

»Haben Sie jemanden getroffen?«

Kopfschütteln.

»Ein Anruf war nicht möglich?«

»Geh, ich telefonier doch nicht mit dem Österreicher-Netz.«

»Also kein Empfang zum deutschen Anbieter?«

»Hier oben doch nicht. Darum nehm ich das Handy erst gar nicht mit.«

»Sie wissen aber schon, dass es inzwischen egal ist, von welchem Netz aus man telefoniert?«

Erstauntes Starren.

»Sie haben demnach nur mit dem Krinninger auf der Wache gesprochen?«, fahre ich unbeirrt fort.

»Nur mit dem.«

Ich hebe den Zeigefinger. »Und dabei bleibt’s, verstanden?«

Der Kletschmaier Hias will was sagen, aber ich fahre ihm erneut ins Wort: »Nein, auch kein Wort zu Ihrer Frau! Sagen Sie ihr, Sie haben sich verlaufen und sind deshalb so spät dran.«

»Das glaubt die mir doch nie.«

So weinerlich, wie er seinen letzten Satz rausgepresst hat, tut er mir fast leid. Er muss schon einen argen Drachen daheim haben. Ich überlege, ob er schon darüber spekuliert hat, mal ein paar spezielle Schwammerl für seine Frau mit heimzubringen.

»Sie können jetzt gehen«, informiere ich ihn, und die Erleichterung darüber richtet ihn wieder ein wenig auf. »Aber halten Sie sich in den nächsten Tagen bereit, vielleicht habe ich noch Fragen an Sie.«

Ohne ein weiteres Wort mache ich mich auf den Weg zurück zu den anderen.

»Hat er noch was g’wusst?«, will der Bürgermeister wissen.

Statt ihm zu antworten, schaue ich mir den Toten noch einmal an. In meinem Gedächtnis krame ich nach dem Spetzinger Karl. Nach einer Erinnerung, die ein Vierteljahrhundert alt ist und daher vermutlich nicht mehr viel taugt. Das Bild eines lauten, grobschlächtigen Mannes taucht vor meinem inneren Auge auf, mit einem mächtigen Schädel auf seinem kaum vorhandenen Hals, fortwährend mit bluthochdruckbedingter Röte auf seinen feisten Wangen. Mindestens hundertzwanzig Kilo Körpermasse, die nach zwei Jahren arg zusammengeschrumpft ist, wenn ich die Leiche so betrachte. Was ich noch weiß, ist, dass der Spetzinger einer war, der schnell einen Streit vom Zaun gebrochen hat. Cholerisch veranlagt, schätze ich. Nichts von dem sehe ich noch in der verschrumpelten Mumie vor mir. Nun, vielleicht die buschigen Augenbrauen, die könnten zu dem Bild von dem Brauereibesitzer passen, das in meinem Gehirn abgelegt ist. Außerdem stört mich der Tweed-Anzug, der mich ständig an einen Engländer denken lässt. Oder halt an einen Schotten, wegen dem Whisky.

»Jemand aus der Rechtsmedizin wär schon praktisch«, brabble ich vor mich hin. »Nur, falls man zeitnah Gewissheit haben möcht.«

»Kommt nicht infrage! Nicht vor Montag«, erinnert mich der Hasenhüttl.

»Wieso willst dann überhaupt, dass ich ermittle? Belassen wir es doch alles so, wie es ist, und ihr meldet den Fund am Montag. Dann sind alle fein raus«, starte ich einen letzten Versuch, den Kelch an mir vorüberziehen zu lassen. Doch die Neugier siegt im nächsten Moment ja doch wieder.

»Da sieht man wieder, dass du nix von Politik verstehst«, entgegnet der Bürgermeister. Er zeigt runter auf den Forstweg, den man zwar nicht einsehen kann, aber wenn man hinhorcht, dringt Stimmengewirr von unten bis zu uns herauf. »Du kennst die Leut nicht. Die haben Fragen, und ich muss sie beruhigen können. Ihnen versichern, dass wir die Sache in die Hand nehmen, nein, besser noch: dass wir die Lage im Griff haben. Nicht dass noch einer auf die Idee kommt, selbst die Polizei zu verständigen.«

Eigentlich müsste mich sein Bürgermeisterproblem nicht jucken. Und dem Toten dürfte es auch egal sein, noch eine Woche länger ein Unbekannter zu bleiben. Doch wenn wir hier tatsächlich auf den Spetzinger runterschauen, bin ich schon recht gespannt, wie es zu dieser Inszenierung gekommen ist. Und freilich auch, ob der Sterbeprozess wirklich so ganz ohne Fremdeinwirkung abgelaufen ist. Es liegt auf der Hand, dass der Spetzinger kein Armer war. Gehörte als Brauereibesitzer vermutlich zu den reichsten Leuten im Landkreis. Und Gier ist nach Leidenschaft das stärkste Motiv, um jemanden den Garaus zu machen.

Deshalb spreche ich meine Überlegung auch laut aus. »Es gäb da natürlich eine andere Möglichkeit, eine inoffizielle, wie der Herr Bürgermeister sich das wünscht.«

Sofort habe ich die volle Aufmerksamkeit vom Hasenhüttl. »Jetzt wird’s Tag!«, ruft er aus, als ob er sich in einer Gemeinderatssitzung Gehör verschaffen will.

»Ich kenne da jemanden, der uns fachspezifisch weiterhelfen könnt«, lasse ich ihn wissen und erteile anschließend Instruktionen.

Woraufhin der Fesl ein Funkgerät aus seiner Jackentasche zieht. Statisches Rauschen mischt sich unter das stete Pfeifen, das der durchaus kühle Ostwind in dem Buchenblätterdach über uns ertönen lässt. Hoffentlich hole ich mir keine Mittelohrentzündung.

Der Feuerwehrkommandant drückt die Sprechtaste. »Bitte kommen!«

Zuerst knackt es laut, dann ist ein »Jawohl!« zu hören.

»Hierlinger, neuer Einsatz«, kündigt der Fesl an und leitet per Funk weiter, was ich ihm auftrage.

»Hervorragende Idee!«, lobt der Hasenhüttl, und es fällt ihm nix Besseres ein, als dass er mir kameradschaftlich auf die Schulter klopft …

*

Kapitel 4

»Befehl ist Befehl.«

… klopft da wer?

Ich höre genauer hin, ob es nicht doch eine rhythmische Untermalung zu der hauptsächlich aus Klangschalentönen bestehenden Meditationsmusik ist, die meinen Ashram beschallt. Nein, ich hab’s richtig vernommen. Jemand hämmert gegen die Haustür. Was ungünstig ist, weil ich gerade ziemlich verschränkt bin. Und weil ich vor Schreck meine Körperspannung verloren habe, faltet es mich noch ein Stück mehr zusammen. Was sakrisch wehtut.