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Manchmal liegt das Rezept für die Apokalypse in einem Bissen Schokolade. Hartmut Dorfer wollte nur eine Schokolade kreieren, die das angeschlagene Unternehmen seiner Frau Mariella Herzog rettet. Stattdessen findet er in seinem Hotelzimmer die Leiche einer jungen Frau und sich selbst auf der Flucht vor der Polizei. Davíd de la Roca hat sein ganzes Leben auf diesen Moment gewartet. Alles an dem verstörten Chocolatier schreit nach Vampir: der Gedächtnisverlust, die Bisswunde, die Leiche. Endlich kann Davíd das Erbe seiner Familie antreten und das übermächtige Schattenwesen aufspüren. Die Ex-Polizistin Lara Winter soll für eine Auftraggeberin deren verschwundenen Ehemann finden. Als sie eine Tote in dessen Hotelzimmer entdeckt, wird aus einem einfachen Auftrag ein Albtraum und Lara selbst zur Verdächtigen. Das Schicksal lässt die Wege der drei sich kreuzen. Und es führt sie zu einer Burg im Wald, wo sie die Wahrheit über Dorfers Frau erfahren, die Wahrheit über seine Schokolade … und dass sie alle drei von Anfang an Teil eines diabolischen Plans waren. Alles in nur einer Nacht. Oliver Kern gelingt mit Chocolat Rouge eine rabenschwarze Mischung aus Noir-Thriller und übernatürlichem Horror: bitter, süß und absolut unwiderstehlich. Cover & Illustrationen: Jens Maria Weber Highlights der Vorzugsausgabe: - 10 farbige Illustrationen sowie ein Wraparound-Coverartwork von Jens Maria Weber - Handgeprägte Signaturseite mit der Buchheim-Limited-Edition-Prägung - Signiert von Oliver Kern und Jens Maria Weber
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Seitenzahl: 541
Veröffentlichungsjahr: 2026
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OLIVER KERN
Illustriert von
Jens Maria Weber
GrimmaBuchheim Verlag2026
Vorzugsausgabe limitiert auf 666 Exemplare
Überarbeitete Neuausgabe
ISBN E-Book: 978-3-946330-61-5
© 2026 Buchheim Verlag, Grimma
Alle Rechte vorbehalten
Cover & farbige Illustrationen: © 2026 Jens Maria Weber
Blutgrafiken: © Sensvector, Adobe Stock
Satz im Verlag
www.buchheim-verlag.de
Bei Fragen zur Produktsicherheit wenden Sie sich an:
Hersteller: Buchheim Verlag, Inh. Olaf Buchheim, Lausicker Str. 5, 04668 Grimma
Artikelnummer: VZ19, einmalige Druckauflage
Copyright © 2012 & 2024 Oliver Kern
HORROR IN
ZARTBITTER
EPILOG
Kapitel I: DER JÄGER, DER CHOCOLATIER, DIE EX-POLIZISTIN UND EIN MANN, DER SICH NACH MUMBAI WÜNSCHTE
1/I
2/I
3/I
4/I
5/I
6/I
7/I
8/I
9/I
10/I
11/I
12/I
13/I
14/I
15/I
Kapitel II: DER HAUPTKOMMISSAR UND EINE KRIMINALISTISCHE MAGENVERSTIMMUNG
1/II
2/II
3/II
4/II
Kapitel III: DURCH DEN EISIGEN HAUCH EINES STERBENDEN RIESEN
1/III
2/III
3/III
4/III
5/III
6/III
7/III
Kapitel IV: DER HAUPTKOMMISSAR UND EIN RUDEL AUSGEZEHRTER WÖLFE
1/IV
2/IV
3/IV
4/IV
Kapitel V: EINE KALTE NACHT IM WALD RÄUMT ZWEIFEL AUS
1/V
2/V
3/V
4/V
5/V
6/V
7/V
Kapitel VI: DER HAUPTKOMMISSAR UND DIE FRAGE DER KONTROLLE
1/VI
2/VI
3/VI
4/VI
Kapitel VII: DER SPIEGEL DER ERKENNTNIS UND DER HEISSE ATEM AUS DER DUNKELHEIT
1/VII
2/VII
3/VII
4/VII
5/VII
6/VII
7/VII
8/VII
9/VII
10/VII
Kapitel VIII: DER HAUPTKOMMISSAR UND DER AUFTRAG DER SCHOKOLADENKÖNIGIN
1/VIII
2/VIII
3/VIII
4/VIII
Kapitel IX: DIE WAHRHEIT IN DER SCHOKOLADE
1/IX
2/IX
3/IX
4/IX
5/IX
6/IX
Kapitel X: DIE RÜCKKEHR DES ROTEN KÖNIGS UND DIE INDISCHE VARIANTE, ES ZU VERHINDERN
1/X
2/X
3/X
4/X
5/X
6/X
7/X
8/X
Kapitel XI: GOTTES PLAN UND DAS SCHICKSAL DES JÄGERS
1/XI
2/XI
3/XI
Kapitel XII: DAS FEUER WÄSCHT DIE SEELE REIN
1/XII
2/XII
3/XII
Kapitel XIII: BISS ZUM SONNENAUFGANG
1/XIII
2/XIII
3/XIII
NACHWORT
AUTOR
ILLUSTRATOR
Warum?
Sie war überzeugt, dass ihr das nicht passieren würde. Unklar, woher diese Zuversicht kam, aber sie gehörte zu ihr wie die Narben und Tätowierungen an ihrem Körper. Das sagten auch ihre Freundinnen, mit denen sie arbeitete. Wirkliche Freundinnen waren das nicht, eher Kolleginnen, manchmal auch Konkurrentinnen. Nicht so wie früher in der Heimat, wo es zwei oder drei Mädchen gab, denen sie vertraute.
Was ging ihr durch den Kopf in diesem Moment? Wo blieb die Angst? Sollte nicht ihr Leben wie ein Film vor ihren Augen ablaufen? War es nicht das, was sie einmal gelesen hatte? Stattdessen sah sie die geschminkten Gesichter der Frauen aus dem Klub, meinte zu hören, wie sie kicherten. Immerhin gab es noch etwas zu kichern. Sie hatte es gut, trotz allem, hatte schon weitaus schlimmere Dinge gehört. Wenn sie darüber nachgrübelte, konnte sie von Massel reden, dass sie es so erwischt hatte, nachdem sie hierhergekommen war. Die wenigsten hatten so viel Glück. Daher stammte die Zuversicht, diese ehrliche Zuversicht. Ihr passierte so was nicht! Nicht ihr!
Und selbst jetzt, während die warme, ölige Flüssigkeit durch ihre Finger sickerte, fiel es ihr schwer, sich von diesem hoffnungsvollen Gedanken zu lösen. Womöglich lag es daran, dass es nicht wehtat?
Mir passiert so etwas nicht, dachte sie und merkte, wie ihre Beine nachgaben. Es gab keinen Widerstand mehr in ihrem Körper, der gegen die Schwerkraft ankämpfte.
Ich sterbe!
Auch diese Erkenntnis war ehrlich, und als sie endlich in ihr Bewusstsein sickerte, war es zu spät, deswegen noch Furcht zu empfinden. Nur noch die Frage »Warum?« blieb übrig – und die Einsicht, dass sie doch ein wenig naiv war. Und viel zu jung!
Das Letzte, was sie sah, waren die Augen des Mannes – und ganz gleich, was er ihr angetan hatte, sie fand sie immer noch schön.
Der Mann stolperte in die Kirche. Ohne jegliche Ehrfurcht vor seinem Schöpfer torkelte er in den breiten Gang des Mittelschiffs, während hinter ihm die schwere Eichentür laut ins geschmiedete Schloss schlug. Der Knall hallte um die dorischen Kalksteinsäulen und schraubte sich empor bis zu den neogotischen Höhen des Kreuzgewölbes, wo er zum Echo gespalten zwischen den Rippen der luftigen Kuppelkonstruktion verebbte. Die Reihen der Opferkerzen, die bußbereite, Vergebung suchende Gläubige am Schrein der Jungfrau Maria gestiftet hatten, flackerten aufgeregt in der Zugluft. Trotz des Lärms behielten die gemeißelten Heiligenstatuen, die sich in die dunklen Nischen entlang der Seitenschiffe duckten, ihre versteinerte Miene.
Der teure Anzug des Mannes war zerknittert und vom Regen durchweicht. Augenscheinlich steckte er schon länger in dem feinen Zwirn und war kürzlich damit in lehmige Erde gefallen. Davon zeugten die an den Knien verdreckte Hose und auch die schwarzen Lederschuhe, die aussahen, als wäre der Mann über einen Acker gelaufen. Auffällig prangte ein Rotweinfleck am Revers, und der Ärmel der linken Schulter war an der Naht aufgerissen. Das graue, kurz geschnittene Haar klebte nass an seinem runden Kopf. Bis auf die dunkelroten Wangen hatte sein Gesicht eine ungesunde, gelbliche Färbung. Er keuchte und drehte sich einmal um die eigene Achse. Regentropfen spritzten dabei auf den stumpfen Steinboden.
Offensichtlich betrat er selten das Haus Gottes, denn er vergaß, die Finger in die Weihwasserschale zu tauchen und sich zu bekreuzigen. Er verzichtete auch auf den zum Altar gewandten Kniefall, ehe er in die Kirchenbank rutschte. Es mochte am Alkohol liegen, selbst wenn dieser nicht die einzige Ursache für das polternde Benehmen und die religiöse Orientierungslosigkeit war, die dem abendlichen Kirchgänger anhaftete. Die abgerissene Erscheinung und besonders sein gehetzter, ängstlicher Blick offenbarten, dass der Mann auf der Flucht war. Getrieben von einer abgrundtiefen Furcht.
Anscheinend hatte er die Johanneskirche am Feuersee rein zufällig gewählt, um seinen Verfolgern zu entkommen. Leider verhielt er sich dabei so unauffällig wie ein Schaf, das sich von Wölfen umzingelt sah. Das Holz ächzte unter seinem Übergewicht und dokumentierte jede seiner Bewegungen mit einem geräuschvollen Knarren. Erst als er aufhörte, nervös hin und her zu schaukeln, kehrte die sakrale Stille unter die Emporen zurück, die vor seinem Erscheinen das Gotteshaus erfüllt hatte. So sehr war der Mann im Anzug mit sich und seiner Angst beschäftigt, dass er nichts und niemanden bemerkte.
Der Galicier beobachtete das Geschehen aufmerksam aus der letzten Bank des rechten Seitenschiffes. Das Licht der Kronleuchter war gedämpft, sodass es nicht bis in diese Ecke vordrang. Er saß geschützt im Halbdunkel unter dem Chor. Nur die flackernden Büßerkerzen zeichneten Schatten auf seine gefalteten Hände. Selbst wenn ein greller Scheinwerfer auf ihn gerichtet wäre, würde der Mann ihn nicht wahrnehmen, überlegte er, ohne die Augen von dem durchnässten Besucher zu lassen, der ihm zwanzig Meter entfernt den Rücken zuwandte.
Schweigend betete er ein Vaterunser und bekreuzigte sich. Er hatte erst vor einem halben Jahr damit begonnen, um den Beistand des Herrn zu bitten. Ob es nützlich war oder nicht, darüber konnte er nicht urteilen. Bislang hatte er den Rückhalt des Herrn nicht benötigt, aber schaden konnte es trotzdem nicht, einen Gott anzubeten. Nicht in Betracht dessen, was er vorhatte. Und womöglich lag es am göttlichen Beistand, dass er bis hierhin die Geduld hatte aufbringen können. Denn nun schienen die Zeichen untrüglich zu sein. Derjenige, auf den er gewartet hatte, hatte die Kirche betreten. Die Eingebung, die ihn vor sechs Tagen erstmals an diesen Ort geführt hatte, bewahrheitete sich. Und damit verwoben sich die Geschichten und Offenbarungen. Dieser Moment rückte alles in ein anderes Licht, bis hin zu seinem brüchigen Glauben an den Schöpfer.
Noch vor einer Minute nagten mehr Zweifel an ihm, als jemals Gewissheit vorhanden war. Erstmals, seit er diesen Pfad betreten hatte, spürte er Zuversicht. So musste es einem Pilger ergehen, der nach unzähligen Tagen beschwerlicher Wanderung und mit wund gelaufenen Füßen endlich die Erleuchtung erlangte, den spirituellen Gleichklang fand, weswegen er seine Reise angetreten hatte. Doch er war kein Pilger. Er war nicht hier, um zu sich selbst zu finden. Er suchte nicht den inneren Frieden. Der war vor einem Jahr in unerreichbare Ferne gerückt, und seither hegte er keine Hoffnung, ihn jemals wiederzuerlangen. Am Ende seines Weges wartete nicht Versöhnung, sondern Entsetzen, Grauen und der Tod.
Trotz der düsteren Aussichten durchströmte ihn eine fiebrige Erwartung. Er fühlte es tief in seinem Inneren. Bisher war es nicht mehr als ein zarter Hauch, der um seine Seele strich und ihm sanft und unmerklich die Richtung wies. Mehr unbewusst als bewusst trieb er ihn an, dem Weg zu folgen, den sein Vater ihm vorgezeichnet hatte. Er war berauscht von einer Legende, wollte verstehen und glauben, aus tiefstem Herzen und reinster Überzeugung. Doch er konnte nicht, sosehr er es sich auch wünschte! Er war zu sehr Realist, zu bodenständig, um sich einzugestehen, dass sich mehr dahinter verbarg als nur ein absurder Mythos. Doch mit dem Erscheinen des Mannes näherte sich das Hirngespinst einen beträchtlichen Schritt der Wahrheit an und entfachte die Glut des Zwiespalts. Adrenalin floss durch seine Adern, er fühlte die Aufregung und musste sich zusammennehmen, um ruhig und beherrscht im Verborgenen auszuharren. Es galt, überlegt vorzugehen, solange er nicht wusste, mit wem er es zu tun hatte. Zwar hatten ihm seine Träume orakelt, dass er hier die richtige Person vorfinden würde, aber bis zu dem Augenblick, als die Kirchentür ins Schloss fiel, wusste er nicht, auf wen er wartete. Wenn er jetzt handelte, gab es kein Zurück mehr. Nun lag es einzig und allein in seiner Hand, die Zeit der Jagd wieder zu eröffnen.
Ohne einen Laut erhob sich der Galicier. Trotz der schweren Stiefel erreichte er unbemerkt die Sitzreihen im Mittelschiff und schlüpfte in die leere Bank hinter dem Mann. Beim Hinsetzen verriet ihn das leise Knarzen seiner abgetragenen Lederjacke. Der auffällige Kirchgänger fuhr erschrocken herum. Ein kehliger Schrei entwich ihm, kurz und spitz, als hätte er sich verschluckt. Seine Pupillen spiegelten die Abgründe wider, in die er vor Kurzem geblickt hatte, und verdeutlichten ihm, dass er sich nicht geirrt hatte.
Unvermittelt drängte sich ihm die Frage auf, wieso der Mann überlebt hatte. Er strich sich die schwarzen Strähnen aus der Stirn und legte den Zeigefinger auf seine schmalen Lippen, was den älteren, rundlichen Herrn keineswegs beruhigte. Mit panischem Blick starrte dieser ihn an und vergaß zu atmen.
»Ich habe von Ihnen geträumt. Sie können mich Davíd nennen«, flüsterte der Galicier mit seidig weicher Stimme.
»Ich verstehe nicht«, lallte der Angetrunkene. Seine Finger schlossen sich krampfhaft um die Ablage für die Gesangbücher. Die Knöchel seiner filigranen Hände, die so gar nicht zu seinem Übergewicht passen wollten, leuchteten weiß. Regentropfen glänzten auf seiner Stirn und malten feuchte Bahnen über die nervösen Züge. Tiefe Sorgenfalten zogen sich von seiner knolligen Nase entlang der Mundwinkel bis hinab zum Doppelkinn. Unter den weit aufgerissenen Augen lagen dunkle Ringe, als hätte er lange nicht geschlafen. Er stank nach der Nässe, die sich in seinen Anzug gesogen hatte, nach Tabak, Alkohol und Angstschweiß. Unter den Ausdünstungen der Furcht und der Straße lagerte kaum wahrnehmbar ein Hauch von Kakao, Nüssen, Muskat, Kardamom und Zimt, was Davíd für einen kurzen Moment irritierte. Mit diesen ungewöhnlich lieblichen Düften hatte er nicht gerechnet. Sie passten nicht in die Ouvertüre der restlichen Gerüche, die ihm in die Nase drangen. Obwohl das würzige Bukett ablenkte, konnte es den unterschwelligen Gestank der Verfluchten nicht überdecken. Seit einer Woche kam er täglich nach Sonnenuntergang in diese Kirche und zum zweiten Mal innerhalb weniger Minuten stellte er befriedigend fest, dass sich seine Beharrlichkeit ausgezahlt hatte. Seine geschärften Sinne täuschten sich nicht. Der Mann in der Sitzreihe vor ihm hatte mindestens einen von ihnen berührt. Davíd lächelte. »Ich habe Sie erwartet«, sagte er sanft, aber bestimmt und streckte dem Anzugträger die Hand hin. An seinem Mittelfinger glänzte der Silberring mit den keltischen Runen, der aus dem Vermächtnis seines Vaters stammte. Der Blick des Mannes blieb für Sekunden an dem fein ziselierten Schmuckstück hängen. Angst und Verwirrung wichen nicht aus dessen Zügen, doch eine über lange Jahre antrainierte Höflichkeit gewann die Oberhand.
»Dorfer«, stellte der Mann sich zurückhaltend vor, ohne die ihm angebotene Hand zu ergreifen. »Ich verstehe nicht … Sie haben mich … erwartet?«
Davíd beugte sich vor und legte die Unterarme auf die Rückenlehne der Kirchenbank. Die Nieten an seiner Lederjacke scharrten über das dunkle Holz. Dorfer rutschte instinktiv ein Stück weiter zum Seitenschiff hin.
»Sie können nicht vor ihnen weglaufen. Haben sie einmal die Witterung aufgenommen, bleibt einem nur, sich ihnen zu stellen und es so schnell wie möglich zu beenden«, zitierte er aus den Schriften der Jäger, leise und beharrlich, um dem Mann den Schrecken zu nehmen. »Genau wie Sie hat mich ein untrügliches Gefühl an diesen Ort geführt. Und so wie Sie bin ich ihm gefolgt, ohne zu wissen, warum. Als ich Sie vorhin durch die Tür kommen sah, wusste ich, dass ich Ihretwegen hier bin. Was auch immer Sie dazu bewogen hat, diese Kirche zu betreten, Sie taten es nicht, um die Hilfe des Herrn zu erbitten. Gott sieht weg, wenn die Nachkommen des Lichtbringers ihre Finger nach unsereins ausstrecken. Nein! Ich bin der Grund, warum Sie ausgerechnet dieses Gebäude als Zuflucht wählten.«
»Hören Sie!«, begann Dorfer mit leicht erhobener Stimme, die sogleich in die Kuppel der Basilika entschwand und von dort oben mehrfach widerhallte. »Ich suchte nur Unterstand vor dem Regen … Was immer Sie auch … Wer sind Sie überhaupt?«
»Belästigt Sie der Mann?«, drang es plötzlich von der Apsis her durch das Hochschiff. Neben dem Altarstein stand der junge Priester, der Davíd schon die ganze Woche über misstrauisch beäugt hatte. Mit einer hastigen Bewegung wischte der Hirte des Herrn sein dünnes weißblondes Haar nach hinten, ehe er eilig und mit quietschenden Sohlen den Mittelgang entlangstakste. »Was wollen Sie überhaupt in meiner Kirche? Seit Tagen lungern Sie hier herum«, schimpfte der Kleriker. Das edelsteinbesetzte Goldkreuz um seinen Hals wippte im Rhythmus der hastigen Schritte gegen seine schmale Brust. Die Soutane wehte um seine dürren Beine. Dreiunddreißig silberne Knöpfe glänzten an dem schwarzen Ornat, einer für jedes Lebensjahr von Jesus Christus. Vor wenigen Monaten hatte Davíd so etwas noch nicht gewusst, hätte solche Details überhaupt nicht bemerkt. Seine Mutter sträubte sich gegen jegliche Form von Religion – ein Verhalten, das ihm bisweilen sogar peinlich war, zum Beispiel wenn es darum ging, in irgendwelchen Formularen seine Konfession anzugeben oder sich für evangelischen oder katholischen Religionsunterricht anzumelden. Seine Mutter hatte ihn zum Atheisten erzogen, ohne zu wissen, was das bedeutete. Einige Male wurde er deswegen von Mitschülern angegangen, aber da sich die Hänseleien in Grenzen hielten, dachte er meist nicht über die Aversion seiner Mutter nach. Bei ihm zu Hause wurde über Spiritualität und Gläubigkeit nicht geredet. So wuchs er damit auf und übernahm ihre Ansichten hinsichtlich Frömmigkeit, so wie Kinder in vielen Dingen ihre Eltern kopieren – gewollt oder ungewollt. Das Alte und das Neue Testament waren ihm dennoch nicht gänzlich fremd. Er kannte die Weihnachtsgeschichte und wusste, warum man Ostern feierte. Jesus Christus war für die Menschen gestorben, um deren Sünden auf sich zu nehmen. Ein Märtyrer, ein Heiliger oder der Sohn Gottes, was spielte das für eine Rolle in der heutigen Zeit? Der Nazarener hatte sich in tiefem Glauben gegen das Böse gestemmt, gewissermaßen wie Davíds Vater es zeit seines Lebens getan hatte. Nur waren es bei seinem Vater eben nicht die Priester, Schriftgelehrten oder Pharisäer, sondern andere Vertreter der Boshaftigkeit, die ihm den Tod brachten. Das zu akzeptieren, war ebenso eine Glaubensfrage wie das Bekenntnis zu einem höheren Wesen, das in einem Anfall von Leichtsinn am siebten Tag den Menschen erschaffen hatte.
Mit der engen Bindung seines Vaters zu Gott fühlte sich Davíd in den ersten Wochen nach dessen Dahinscheiden überfordert. Im selben Maße wie an den Schöpfer glaubte sein Vater an die Abkömmlinge des Lichtbringers, was genau betrachtet die logische Konsequenz aus seiner Ideologie war. Ohne Gott kein Teufel und ohne Teufel keine Satansbrut, womit sich der Kreis wieder schloss. Wollte er sich also zur Mission seines Erzeugers bekennen und die Welt von den Kreaturen der Nacht befreien, blieb ihm zwangsläufig keine andere Wahl, als ebenfalls die Existenz des Allmächtigen zu akzeptieren. Etwas, wofür es nie zu spät ist, wie ihm ein Kirchenvertreter vor nicht allzu langer Zeit versicherte. Das hieß jedoch nicht, dass er daran dachte, zu konvertieren, und in der Bibel las er bisher nur, wenn es ihm für seine Recherchen hilfreich erschien. Während der Zeit seiner Wandlung überraschte ihn die Masse an religiöser Literatur, die abseits der Heiligen Schrift die Bibliotheken füllte. Psalmen, Beschwörungen, Interpretationen, die annähernd jeden Bibelvers in ein anderes Licht rückten. Inhaltlich rutschte das Wort Gottes beim Kampf gegen die Unsäglichen nahezu völlig in den Hintergrund. Im Buch der Bücher traf man allenfalls auf Dämonen und Besessenheit. Wer darin auf Hinweise nach den Schattenwesen hoffte, suchte allerdings vergebens, gerade so, als hätte es keiner der zahllosen Verfasser gewagt, auch nur ein Wort über diese abgründige Plage der Menschheit zu verlieren. Sintflut, Finsternis, Heuschrecken, apokalyptische Reiter, aber keine Vampire!
Ganz gleich, welchen Bekenntnissen man seine Aufmerksamkeit widmete, es blieb stets unausgesprochen, inwieweit sich die Inhalte der heiligen Schriften auf die Wirklichkeit übertragen ließen. Wie viel davon war überhaupt Realität? Das war die unabänderliche Frage aller Fragen. Die wahre Glaubensfrage!
Dorfers Irritation wuchs unverkennbar. Auf der Flucht vor dem Unsäglichen hatte der Mann gehofft, in der Kirche Schutz zu finden. Doch jetzt sah er sich neben Davíd mit einem Vertreter der Kurie konfrontiert, dessen Verhalten im fragwürdigen Widerspruch zu seiner Gesinnung stand. Der Pfarrer stürzte heran, bar jeglicher seelsorgerischen Nächstenliebe in seinen verbissenen Zügen.
Davíd beschloss, die Situation für sich auszunutzen, und setzte ein beschwichtigendes Lächeln auf. Seine finstere, martialische Erscheinung wirkte alles andere als seriös, aber das ruppige Auftreten des Priesters spielte ihm in die Karten, wenn es darum ging, Dorfers Vertrauen zu gewinnen. Dieser fuhr sich mit dem Zeigefinger in seinen Hemdkragen und dehnte ihn, als würden die gesegneten Luftmassen unter dem Tonnengewölbe nicht mehr genügen, um ihn ausreichend mit Sauerstoff zu versorgen.
Davíd trat aus der Bank und stellte sich dem Geistlichen entgegen. Er überragte den schmächtigen Pfarrer um einen Kopf. »Ihre Kirche?«, fragte er herausfordernd.
Der Fürsprecher des Herrn bremste seinen forschen Tritt und blieb mit gebührendem Abstand stehen. Ohne auf die Anspielung einzugehen, richtete er sich an Dorfer. »Werden Sie belästigt?«, fragte er nahezu hysterisch.
Der Mann im regennassen Anzug wich einen weiteren halben Meter zurück. »Wir unterhalten uns nur«, warf er ein und erntete dafür eine abfällige Geste. Der Priester wandte sich an Davíd und musterte ihn abschätzend von Kopf bis Fuß. Dem Geistlichen war deutlich anzumerken, dass ihm sowohl das strähnige Haar, die verschlissene schwarze Lederjacke und die ausgeblichenen Jeans als auch die klobigen Stiefel wider seine Konventionen sauer aufstießen. Davíd fixierte den Priester mit kaltem, arrogantem Blick. Sein Lächeln besaß keinerlei Freundlichkeit mehr.
»Was haben Sie hier verloren? Ihre Anwesenheit vergiftet jeden Tag aufs Neue diese geweihte Architektur. Suchen Sie Ihresgleichen in der Gosse, aber nicht im Haus des Herrn!«, trotzte der Kleriker mit beherzten Worten.
Davíd ballte seine Rechte zur Faust, bis seine Knöchel knackten. Der Pfarrer schluckte laut und zuckte nervös mit den Händen, als wollte er sich einem ersten Impuls folgend bekreuzigen.
»Er hat nur nach der Uhrzeit gefragt«, murmelte Dorfer. »Nichts weiter.«
Der Soutaneträger streckte seinen Rücken durch. Sein Mund wurde noch eine Spur schmaler, weil er die dünnen Lippen bis zur Blutleere aufeinanderpresste. Er schniefte durch seine lange, gekrümmte Nase, als plagten ihn verstopfte Nebenhöhlen. Für Sekunden war nur das leise Knistern der brennenden Kerzendochte zu Füßen der Jungfrau Maria zu hören. »Sind Sie betrunken?«, fragte der Priester mit ungeminderter Aggression in der Stimme, den Blick stier auf den Rotweinfleck an Dorfers Jackettkragen gerichtet.
»Nur ein Gläschen«, antwortete dieser verbittert. Gemessen an seiner Fahne, entsprach das nicht der Wahrheit, reichte jedoch aus, um beruhigten Gewissens behaupten zu können, den zum Sündenerlass befähigten Hirten nicht fegefeuerverdächtig belogen zu haben.
»Raus hier, alle beide!«, fauchte der Geistliche. »Diese Kirche ist kein Aufenthaltsort für gestrandete Gestalten, weder für Alkoholiker noch für heimatlose Berber, die sich mit heidnischen Symbolen schmücken.«
»Es regnet«, setzte Dorfer zu einem kläglichen Versuch an, im Schutz des sakralen Bauwerks verweilen zu dürfen. Der Priester gab einen bellenden Lacher von sich und wies mit seinem dürren Finger zur Tür.
»Gehen wir!«, sagte Davíd mit unüberhörbarer Schärfe, die Faust weiterhin geballt.
Der gebeugte Mann in der Kirchenbank sah ihn mitleidswürdig an und klammerte sich instinktiv noch fester an die Rückenlehne der Sitzreihe vor ihm. Die Angst vor dem, was draußen in den dunklen Straßen im Verborgenen lauerte, kam mit unverminderter Gewalt zu ihm zurück. Er suchte den Blick des Pfarrers. Der war unnachgiebig. Mit einem tiefen Seufzer erhob er sich. Erst beim zweiten Anlauf war er sicher genug, um in den Mittelgang zu treten und dem Altar den Rücken zu kehren.
Davíd zog die mit Schmiedeeisen beschlagene Kirchentür auf und ließ Dorfer den Vortritt. Der zögerte auf der Schwelle, als lähmte ihn die Furcht. Erst nach einem auffordernden Blick trat er durch den gotischen Spitzbogen des Portals. Draußen peitschte ein kalter Novemberregen über den Vorplatz. Der beißende Ostwind pflückte die letzten welken Blätter von den Ahornbäumen, die den Feuersee im Stuttgarter Westen säumten, und trieb das Laub vor sich her. Gedrängt unter den Vorbau des Haupteingangs, schlugen sie gleichzeitig ihre Krägen hoch. Bis auf den Regen und die eisigen Böen blieb die nähere Umgebung des Kirchplatzes unverdächtig. Niemand war zu sehen, das ungemütliche Wetter hatte die Leute von den Straßen gefegt. Hoch über ihnen im Turm läutete die Glocke halb acht. Die Nacht hatte noch nicht einmal richtig begonnen, und Davíd ahnte, dass sie noch lang werden könnte.
»Was wird hier gespielt?«, fragte Dorfer, der sich längst nicht mehr bemühte, seinen österreichischen Akzent zu verbergen. »Ich bin zu besoffen, zu verwirrt oder beides, um den Sinn dieser Inszenierung zu verstehen. Sie haben von mir geträumt und glauben zu wissen, was mich umtreibt? Vielleicht sind Sie nur von einem Übermaß an Esoterik befallen und haben ein bisschen zu ungestüm die Tarotkarten gemischt? Ja, ich habe Schiss, das gebe ich unumstritten zu, weil ich es ohnehin nicht verheimlichen kann. Trotzdem fällt es mir nicht ein, warum ich in die Kirche geflüchtet bin …«
Dorfer sah hinauf in den Regen, der vom schwarzen Himmel prasselte, als wollte er sagen Da haben Sie Ihre Erklärung, bevor er fortfuhr: »Schauen Sie mich nicht so an, das hilft auch nichts! Ich komme gerade nicht drauf, wieso ich hier bin. Und wo ich vorher war, weiß ich auch nicht mehr, falls Ihnen die Frage auf der Zunge liegt. Und trotz all dieser desaströsen Umstände und der Verwirrung, die mir gegenwärtig anhaftet, wüsste ich beim besten Willen nicht, wie Sie mir helfen können. Im Gegenteil, wegen Ihnen stehe ich jetzt wieder auf der Straße.« Mit einem kurzen Nicken wies der Österreicher auf das Schild einer Kneipe hin, das ihnen schräg gegenüber aus einer Gasse entgegenleuchtete. »Ich könnte noch einen vertragen.«
Die Verwirrtheit und die Gedächtnislücken waren ein weiteres Indiz für Davíds Vermutung. Dorfer hatte Kontakt, und er wurde beeinflusst. Die Manipulation des menschlichen Geistes war eines ihrer größten Talente. Es war daher besser, dem Wunsch des Österreichers zu folgen. Die Spelunke würde nicht den Schutz einer Kirche bieten, aber alles war besser als die Dunkelheit und der kalte Regen, solange er nicht wusste, wie nahe die Kreaturen der Nacht dem Mann an seiner Seite waren.
»Du sollst dich bei der Chefin melden!«, rief Rainer in den Umkleideraum.
»Ich habe Martina eben noch auf dem Parkplatz getroffen«, antwortete sie und lugte um die Ecke.
Ihr Kollege streckte seinen runden Kopf durch den Türspalt. »Ich meine nicht deine Vorgesetzte, Schätzchen, sondern die Grande Dame, die Königin des Schokoladenreichs, deine Geldgeberin, die CHEFIN!«
Scheiße, fluchte sie still in sich hinein und schlug die Spindtür zu. »Hab’ verstanden! Und jetzt verzieh dich hier, sonst gibt’s eine Augenspülung mit Reizgas!«
»Uh, ich krieg Angst«, spottete der beleibte Sicherheitsmann und grinste abschätzig, ehe er die Tür hinter sich zuzog. Was wollte die Alte von ihr? Lara war erst seit einer Woche in diesem Unternehmen beschäftigt, genau genommen war heute ihr fünfter Tag, und sie hatte kein gutes Gefühl dabei, schon in die Chefetage zitiert zu werden. Warum hatte Martina nichts gesagt?
Martina, die Leiterin der Sicherheitsabteilung und des Werkschutzes, war eine beinharte Lesbe. Sie hatte sich trotzdem von Anfang an gut mit ihr verstanden. Als sie ihr vorhin beim Betreten des Firmengebäudes begegnet war, hatte Martina ihr eine gute Nacht gewünscht und auf die Teambesprechung nächste Woche hingewiesen. Kein Wort davon, dass sie bei der Grande Dame antreten sollte. Das ließ nur den Schluss zu, ihrer Vorgesetzten war gar nicht bekannt, dass die Konzernleiterin sie sprechen wollte.
Sie band die Schnürsenkel ihrer Stiefel und sah auf die Uhr. Ihr Dienst begann um acht, es blieben noch zehn Minuten. Mechanisch prüfte sie ihre Ausrüstung am Gürtel: Taschenlampe, Mobiltelefon, Schlüsselbund, Pfefferspray, alles steckte an seinem Platz. Sie warf ihr langes rotes Haar zurück, zurrte es zu einem Pferdeschwanz zusammen und prüfte den Sitz im Spiegel. Sie sah müde und bleich aus – genau so, wie sie sich fühlte. Mit den Fingerkuppen rubbelte sie sich über die hohen Wangenknochen, was ohne Effekt blieb. Ihre grünen Augen leuchteten. Wenigstens etwas. Der Werksausweis hing schief an der Bluse, und sie zupfte daran, bis die Plastikkarte einigermaßen gerade saß. Die Uniformhose hatte einen ungünstigen Schnitt, und sie hasste das hellblaue Hemd mit den Schulterklappen. Dass sie darauf Gedanken verschwendete, führte ihr eines deutlich vor Augen: Sie suchte Ablenkung von dem, was oben im fünften Stock auf sie wartete. Mit mulmigem Gefühl im Bauch ging sie zu den Fahrstühlen.
Um mit dem Lift in die oberste Etage zu gelangen, musste sie den Schlüssel benutzen. Bislang hatte sie einmal pro Nacht dort oben ihre Runde gemacht. Dann brannte nur die Notbeleuchtung, und in den Büros war lediglich das leise Knacken der Relais in den Rechnern zu hören. Als sich die Aufzugtür öffnete, war der Gang hell ausgeleuchtet, und im ersten Moment glaubte sie, sich im Stockwerk geirrt zu haben. Die großen abstrakten Gemälde an den Wänden waren ihr noch nie aufgefallen. Zögernd trat sie aus der Kabine und ging den breiten Flur entlang. Sie hatte sich längst an den süßlichen Geruch gewöhnt, der überall in den Gebäuden, mehr oder weniger intensiv, präsent war – selbst so weit weg von der Produktion. Vielleicht kam es ihr aber auch nur so vor, weil ihre Sinne dafür geschärft waren. Es war beinahe wie früher, als sie noch dem nachging, wozu sie sich berufen gefühlt hatte.
Alle Bürotüren waren geschlossen. Um diese Zeit stand das Verwaltungsgebäude nahezu leer. Nur hinter einer Tür hörte sie noch jemanden energisch auf einer Tastatur tippen. Der Rest war längst im wohlverdienten Feierabend. Sie vermied es, zu den Videokameras an der Decke zu sehen. Rainer würde sie in der Überwachungszentrale auf dem Monitor beobachten und dabei wahrscheinlich hastig sein erstes Fleischkäsbrötchen des Abends in sich hineinstopfen. War er aufmerksam, würde ihm ihre Nervosität auffallen. Doch obwohl sie ihn erst seit Montag kannte, traute sie ihrem Kollegen dieses geschulte Auge nicht zu.
In ihrem Magen wuchs ein Klumpen, der mit jedem Schritt größer wurde. Doch es war anders als früher. Auch da gab es dieses Magendrücken, aber es fühlte sich besser an. Nicht so wie jetzt, wo sie nicht wusste, was sie erwartete. Seitdem sie hier arbeitete, hatte sie schon einiges über die Regentin des Schokoladenimperiums aufgeschnappt. Nichts davon war sonderlich aufmunternd. Sie hasste es, sich hilflos zu fühlen, und noch mehr verabscheute sie es, der Willkür dieser Frau ausgeliefert zu sein. Einer Frau, die sie nicht kannte, die gesellschaftlich weit über ihr stand und die nicht berechenbar zu sein schien. Sie würde bei diesem Gespräch nicht die Kontrolle haben und von Anfang an im Nachteil sein, weil sie diesen Job brauchte und sich keinen Ausrutscher leisten konnte. Zügle dein Temperament oder lass es erst besser gar nicht zum Vorschein kommen! Mit einem stillen Seufzer klopfte sie an die Tür des Chefsekretariats, dann drückte sie die Klinke nach unten. Die Sekretärin stand links von der Tür vor einem Einbauschrank und schlüpfte gerade in einen schrillen, orangefarbenen Mantel. Die füllige Frau war Mitte vierzig, hatte eine ungesunde, rote Gesichtsfarbe und speckige Wangen, die sie mit einer modernen Frisur zu kaschieren versuchte. Sie trug das klassische, dunkelblaue Bürokostüm und unbequem aussehende, hohe Schuhe. Lara konnte sich nicht an ihren Namen erinnern.
»Ah, Frau Winter. Kommen Sie rein! Eine Sekunde, ich sage Bescheid.« Mit einem Arm im Mantel stöckelte sie um den Schreibtisch herum und griff zum Telefonhörer. An jedem ihrer dicken Finger glänzte ein goldener Ring. Billiger Tand, der mit dem kräftigen Rot des Nagellacks konkurrierte. »Frau Winter ist jetzt da«, verkündete sie nach einigen Sekunden, wobei sie eine aufrechte Haltung annahm. Die weiße Bluse spannte über ihrem prallen Busen. Es erfolgte ein kurzes Nicken, das sie mit einem »Ich schicke sie rein« kombinierte. »Brauchen Sie mich noch?« Wieder verstrichen zwei Atemzüge. »Dann bis morgen!« Die Vorzimmerdame legte auf und fummelte sich umständlich in den zweiten Ärmel ihres vermeintlich modischen Überhangs. »Sie können jetzt«, verkündete sie, ohne Lara Beachtung zu schenken. »Frau Herzog erwartet Sie.«
Lara betrat das Büro der Konzernleiterin. Herzog-Schokoladen – ein Genuss von Adel, siebzehn Niederlassungen weltweit, über fünftausend Angestellte, vom Kakaobohnenpflücker auf den betriebseigenen Plantagen in Venezuela über die zahlreichen Chocolatiers und Lebensmitteltechniker in den Labors und Produktionshallen im Stammhaus, das Verwaltungspersonal und den Verpackungsdesigner, den Lastwagenfahrer aus dem Logistikzentrum in Stuttgart-Möhringen bis hin zum Werksschutz. Alle waren sie den Launen dieser Frau ausgeliefert, die seit zwölf Jahren die Geschicke des Unternehmens lenkte. Nun bekam sie diese mächtige Dame erstmals zu Gesicht und wünschte sich nichts sehnlicher, als ganz woanders zu sein.
Mariella Herzog saß hinter ihrem ausladenden Designerschreibtisch und blätterte in einer Unterschriftenmappe. Ihr Äußeres war in keiner Weise mit Schokolade in Einklang zu bringen. Weder süß noch zart schmelzend oder feinherb – nichts, in das man gern hineinbeißen möchte. Kühle Distanziertheit und unnahbare Attraktivität, gepaart mit kaltblütiger Intelligenz strahlte aus ihren blauen Augen. Sie sah ohne erkennbare Regung kurz auf und widmete sich dann wieder den Unterlagen. Angeblich war sie fünfundfünfzig, wirkte aber wesentlich jünger. Ihr schmales Gesicht war makellos, die Lider einen Tick zu sehr gestrafft, die Nasenflügel zu symmetrisch. Das Werk eines renommierten Chirurgen, der sich womöglich noch an anderen Stellen verwirklichen durfte und augenscheinlich gute Arbeit geleistet hatte. Sie trug eine schlichte, weiße Bluse. Das Haar hatte die Farbe ihrer weltbekannten dunklen Schokolade und war ähnlich modern geschnitten wie das ihrer Sekretärin. Nur stand der Grande Dame, wie man sie im Unternehmen nannte, die Frisur wesentlich besser. »Setzen Sie sich!«, sagte sie, ohne ihr weitere Beachtung zu schenken.
»Ich stehe lieber«, erwiderte Lara und ahnte sofort, dass ihr Einstieg in die Unterhaltung schon der falsche war.
Ihre Chefin hob ruckartig den Kopf. Ein unnachgiebiger Blick bohrte sich in ihre Augen, sie konnte ihm keine drei Sekunden standhalten. »Schätzchen, Sie laufen die ganze Nacht herum, also pflanzen Sie Ihren schmalen Arsch jetzt in diesen Stuhl. Ich habe keine Lust, zu Ihnen hochzustarren, davon kriege ich nur einen steifen Nacken, und mein Physiotherapeut macht gerade Urlaub.«
Lara folgte der Anweisung und nahm im angebotenen Stuhl Platz. Erdrückend lange blätterte sich die Herzog weiter durch die Unterschriftenmappe, während Lara dazu verdammt war, das Büro zu begutachten. Durch das große Fenster zur Linken starrte die Nacht herein, Regen trommelte gegen die Scheibe. Die Wände waren nüchtern weiß, nur an der Stirnseite hingen Plakate vergangener Werbekampagnen. Dazu ein grobkörniges Schwarz-Weiß-Foto, das den Firmengründer Roman Herzog zeigte, den Großvater der Chefin, einen Mann mit dickem Schnauzbart unter einer Knollennase, abgelichtet in einem Hinterhof im Stuttgarter Osten. Mitten in den Wirren der Weimarer Republik hatte er dort seine erste Schokolade zusammengerührt. In der Nachkriegszeit übernahm der Sohn, Roman junior, und brachte es mit den Rezepturen des Vaters innerhalb eines Jahrzehnts zu weltweiter Bekanntheit. Die Produktion wurde in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts aus Platzmangel in den Schönbuch südlich von Stuttgart verlegt, nahe an die Autobahn, wo auch bald der neue Flughafen der Landeshauptstadt errichtet wurde. Aus der kleinen Schokoladenmanufaktur entwickelte sich ein globaler Konzern, der nach dem überraschenden Ableben des Juniors an dessen einziges Kind überging. Somit wurde Prinzessin Mariella zur Königin des schwäbischen Schokoladenimperiums. Das war es im Großen und Ganzen, was Lara bisher über ihre neue Firma wusste. Sie hatte lediglich einen flüchtigen Blick in die Imagebroschüre geworfen, die man ihr am ersten Tag ausgehändigt hatte. Es erschien ihr bis vor einer Viertelstunde äußerst unwahrscheinlich, dass sie jemals über die Gründung und den Fortgang des Unternehmens abgefragt werden würde. Diese Zuversicht hatte sich nun verflüchtigt, was sie noch nervöser machte.
Es gab kein Regal, keine Bücher, nur ein Sideboard, in dem sich Aktenordner aneinanderreihten, und einen Beistelltisch mit Kaffeegeschirr. Alles im Büro war so ausgerichtet, dass der Fokus unweigerlich auf die elegante Frau hinter dem Schreibtisch fiel. Lara versuchte, ihre Beine still zu halten, aber sobald sie an etwas anderes dachte, begann der linke Unterschenkel zu zittern.
»Sie machen ausschließlich die Nachtschicht?«, kam die Frage aus dem Nichts.
»Das liegt mir, ich bin wohl eher ein Nachtmensch«, erklärte Lara zögernd.
»Das bin ich in gewisser Weise auch«, murmelte Mariella und öffnete das nächste Dokument. Das Rascheln des Papiers war einige Herzschläge lang das einzige Geräusch im Raum.
»Sie waren bei der Polizei?«
Was wurde das jetzt? Ihr lag doch sicher der Personalbogen vor? Lara nickte, bis ihr bewusst wurde, dass die Schokoladenkönigin sie nicht ansah. »Ja!«
In Zeitlupe legte Mariella die Mappe zur Seite, verschränkte die schlanken Finger und betrachtete sie. »Es interessiert mich nicht, warum Sie Ihren Dienst quittiert haben, aber es kommt mir gelegen. Ich brauche Ihre Hilfe!«
Die Wendung des Gesprächs brachte keine Entspannung. Das mulmige Gefühl verstärkte sich. Die Grande Dame blieb in ihren Regungen undurchschaubar. Lara hatte die Stelle in der Sicherheitsabteilung bei Herzog Schokoladen zu Beginn der Woche angetreten, froh darüber, nach über einem Jahr endlich wieder Arbeit zu haben. Und bereits nach fünf Tagen wurde sie von der Konzernleiterin persönlich um Hilfe gebeten. »Ich … verstehe nicht?«
»Warum ausgerechnet Sie mir helfen können?« Ihre Chefin lächelte, aber es war ein einstudiertes Lächeln ohne jegliche Tiefe. »Ich muss Ihnen nicht erzählen, welche Verantwortung mir in diesem Unternehmen obliegt, welche Tragweite meine Entscheidungen haben.« Sie machte eine kurze Pause, als überlegte sie, ob sie den Monolog über ihre Führungsfunktion fortsetzen sollte, besann sich eines Besseren und kam umgehend zur Sache. »Es geht um eine delikate Angelegenheit, bei der ich niemandem vertrauen kann. Demnach bleibt mir nur die Wahl, diese heikle Aufgabe jemandem zu übertragen, der schon lange in meinen Diensten steht und der die innerbetrieblichen Vorgänge kennt, der aber, eben aufgrund seines internen Wissens über die Belange des Unternehmens, seine eigenen und vermutlich unschönen Schlüsse zieht, oder ich nehme Sie, die Novizin, die noch unvoreingenommen ist und die sich, so nehme ich an, profilieren will. Wie hätten Sie sich entschieden?«
»Kommt auf die Angelegenheit an«, antwortete Lara. Ihr kriminalistisch geschultes Gehirn begann zu arbeiten. Ein Prozess lief an, den sie verloren glaubte, nachdem sie aus dem Polizeidienst ausgeschieden war. Ihre Ausbilder hatten ihr stets ein gutes Gespür bescheinigt, wenn es um das Zusammentragen und Analysieren von Fakten während einer Ermittlung ging. Sie entdeckte häufig auf Anhieb für einen Fall relevante Dinge, die nicht auf den ersten Blick offensichtlich waren. Sie knüpfte die Verbindungen schneller als ihre Kollegen und trug so zu einigen raschen Fahndungsergebnissen bei. Alles sah nach einer Erfolg versprechenden Karriere im gehobenen Dienst aus, aber letztlich hatte ihr dieses Talent mehr geschadet als geholfen.
»Kennen Sie meinen Mann?«, fragte die Managerin.
Lara schüttelte den Kopf. »Ich weiß nur, dass er hier beschäftigt ist.«
»Ein Chocolatier mit Leib und Seele, ein häufig ausgezeichneter Meister und Künstler seines Fachs. Ich greife nicht zu hoch, wenn ich ihn als Genie bezeichne. Er hat uns wahrlich große Schokoladen kreiert«, begann die Herzog und bekam für einen Augenblick einen träumerischen Gesichtsausdruck, der jegliche Härte aus ihren Zügen nahm. Ein Moment, der nur kurz währte. »Leider ist ihm dieser Ruhm zu Kopf gestiegen. Das ist ein Problem, dem viele Genies erliegen; sie verfallen dem Größenwahn. Nun, so schlimm ist es noch nicht. Er trinkt zu viel und er spielt. Es sind Phasen, und wir haben sie weitgehend unter Kontrolle. Wenn er unter Stress steht, ist er besonders anfällig dafür.«
»Und im Moment tut er das, unter Stress stehen?«
Die Zwischenfrage irritierte Mariella Herzog für zwei Atemzüge, als überlegte sie, ob dafür eine Erklärung nötig wäre. »Er ist abkömmlich. Ich möchte, dass Sie ihn suchen!«, verlangte sie stattdessen. »Wir brauchen ihn dringend, um eine neue Kreation fertigzustellen. Es hängt viel Herzblut daran … und natürlich auch ein hoher finanzieller Aufwand. Wir betreten Neuland, etwas nie Dagewesenes.« Wieder verklärte sich ihr Blick, ging über Laras Schulter hinweg und verlor sich für Sekunden in den Visionen, die jenseits ihrer Bürowände in der Unendlichkeit des Universums schwebten.
»Seit wann vermissen Sie ihn?«, fragte Lara ganz so, als wäre sie wieder im Polizeidienst, und brachte die Herzog wieder zurück hinter ihren Schreibtisch. Mariella ließ sich Zeit mit der Antwort. Man sah ihr an, dass sie es vermeiden wollte, unnötige Details auszuplaudern. Womöglich bereute die Schokoladenproduzentin bereits, sie damit betrauen zu wollen. »Er war Dienstag lange im Labor. Das zumindest zeigen die Videoaufzeichnungen. Ich weiß zwar nicht, warum das für Sie relevant ist, aber um halb elf hat er seine Hexenküche verlassen.«
»Hexenküche?«
»Er pflegt gerne zu scherzen und zieht es vor, sein Labor so zu nennen.«
»Dienstag? Seitdem ist er nicht wiederaufgetaucht?«
»Würde ich Sie sonst auffordern, ihn zu suchen?«
»Hat er angerufen?«
»Nein!«
»Ist das sein übliches Verhalten, wenn er … spielt?«
»Hören Sie, es ist wichtig, dass er unsere neue Schokoladenkomposition fertigstellt. Wir richten dafür gerade eine nagelneue Produktionsstraße ein, neues Personal wurde eingestellt, steht gewissermaßen schon parat. Jeder weitere Tag Verzögerung kostet ein Vermögen – und das ist ihm auch bewusst. Doch er treibt sich in Spielcasinos herum und vergisst dabei die Zeit. Bringen Sie ihn zurück. Mehr verlange ich nicht von Ihnen.« Die Wut kam überraschend und machte Lara deutlich, dass die Zeit der Fragen vorbei war. Sie war nicht mehr bei der Polizei. Es gab keine Waffe, keine Handschellen und keine Dienstmarke, die sie früher als eine Art Schutzschild empfand. Sie würde tun müssen, was diese Frau von ihr verlangte, selbst wenn es nicht als Pflicht in ihrem Arbeitsvertrag festgehalten war. »Wer übernimmt meine Schicht?«, kam ihr über die Lippen. Wieder eine Frage, die Mariella Herzog nicht hören wollte.
»Sie machen sich zu viele Gedanken!«, raunte sie und verfiel wieder in den kühlen, neutralen Tonfall. »Ihre Kollegen werden heute Nacht ohne Sie auskommen. Und sollten Sie ein Wort darüber verlieren, womit ich Sie beauftragt habe, werden die auch künftig nicht mehr auf Ihre Unterstützung bauen können.«
Lara fühlte sich vor den Kopf gestoßen. Deutlicher hätte die Grande Dame ihr nicht vor Augen führen können, wie dünn das Eis für eine Angestellte in der freien Wirtschaft war. Ihr blieb keine Wahl, sie würde den Chocolatier suchen. »Gibt es einen Anhaltspunkt, wo ich anfangen kann?«
»Versuchen Sie es im SI-Zentrum. Es ist naheliegend, dass er im Stuttgarter Casino spielt, nachdem ich für ihn ein Hausverbot in Baden-Baden erwirken konnte.«
»Haben Sie ein Bild von ihm?«
Die Konzernleiterin zog eine Schublade ihres Schreibtisches auf, kramte darin herum und holte einen matt glänzenden Rahmen hervor. »Ist schon etwas älter, aber Sie werden ihn erkennen«, kommentierte Mariella und reichte ihr das Bild. Lara schob das Foto aus dem schweren Silberrahmen und betrachtete es. Der Mann darauf lächelte sympathisch. Er strahlte die Wärme aus, die seiner Frau fehlte.
»Nehmen Sie einen der Firmenwagen. Der Pförtner weiß Bescheid.«
Lara stand auf und steckte die Fotografie in die Brusttasche. Die Schokoladenkönigin erhob sich ebenfalls und kam um den Schreibtisch herum. Von irgendwoher hatte sie ein Bündel Hunderter in der Hand, das sie ihr hinstreckte. »Falls Sie jemanden schmieren müssen.«
»Ich …« Sie nahm zögernd das Geld. Mariella kam noch einen Schritt näher, drang in voller Absicht in ihre Intimsphäre ein, als wollte sie demonstrieren, dass es für sie keine Barrieren gab. Lara unterdrückte den Impuls, zurückzuweichen. Der hypnotische Blick ihrer Chefin stach ihr in die Pupillen. In diesem eigenwilligen Moment tat sie es als Einbildung ab, aber später war sie sicher, dass die formschön modellierten Nasenflügel der Grande Dame vibrierten, als würde sie ihren Duft in sich hineinsaugen. Ihr drängte sich der verrückte Gedanke auf, dass die Frau beabsichtigte, sie zu küssen. Mariella war ihr so nahe, dass die feinen Fältchen unter ihren dezent geschminkten Augen und um die schmalen Lippen nicht verborgen blieben. Für einen flüchtigen Moment fühlte sich Lara überlegen, weil sie nicht einmal halb so alt wie die Schokoladenkönigin war.
»Nicht mehr lange, mein Schätzchen, nicht mehr lange!«
Das Gefühl der Überlegenheit verflog so schnell, wie es gekommen war. »Er wird bereitwillig mit Ihnen mitkommen«, insistierte sie. »Aber ziehen Sie die Uniform aus!«
»Sind wir uns schon mal begegnet?«
»Nein, niemals!«
»Ich könnte schwören …« Der Mann klopfte sich mit dem Zeigefinger gegen die Schläfe. »Poröses Gedächtnis, erwähnte ich bereits, aber vielleicht komme ich noch drauf. Dorfer ist übrigens mein Mädchenname«, verkündete der Österreicher und hob das Pils, um ihm zuzuprosten. Seine Furcht und Verwirrung versteckte er nun hinter Sarkasmus. »Du kannst mich Hartmut nennen.«
Von der Kirche her waren sie durch den Regen geeilt, in die Gasse hinein und in dieses zwielichtige Lokal. Eine rauchige Spelunke, die sich mit den ewig selben Stammgästen über Wasser hielt. Fragwürdige Gestalten, die sich den Tag über an Weißbiergläser klammerten und mit ihrer Stütze die Spielautomaten gegenüber der Schanktheke fütterten. Männerschweiß, Bier und altes Bratfett mischte sich mit beißendem Uringestank, der durch die offene Toilettentür in die Gaststube drang. Dunkles gebeiztes Holz, vergilbte Gardinen und vom Nikotin gelbgrau verfärbte klebrige Wände mit Bierreklame und Fußballwimpeln bestimmten das Interieur. Zumindest war es warm und trocken.
Im Schummerlicht hatten sie am Tresen auf zwei Barhockern Platz genommen. Seitdem wurden sie misstrauisch beäugt, von den Zechern, aber auch vom beleibten, langhaarigen Wirt, der mit einem speckigen Lappen unentwegt über die Theke wischte. Verglichen mit den vier Männern an den blinkenden Spielautomaten, die längst zum Inventar der Kneipe gehörten, waren sie Fremdkörper, echte Gäste, und diese Situation erschien dem Gastronomen so suspekt, dass er sie keinesfalls unbeobachtet wissen wollte.
Davíd stieß mit seinem Glas Wasser gegen Dorfers Pilstulpe. Der trank das Bier in einem Zug halb leer, verzog das Gesicht und wischte sich den Schaum von der Oberlippe. »Schrecklich, das Zeug«, kommentierte er. »Ich weiß jetzt schon, dass mir morgen der Schädel davon dröhnt. Aber ich bezweifle, dass die hier einen guten Wein ausschenken.«
Davíd beschäftigte nur ein Gedanke. Er musste mehr über den Österreicher erfahren, bevor dieser zu betrunken war. Nach dessen Gestammel zu urteilen, hatte er vergessen, auf wen er vor Kurzem getroffen war und wer seine verabscheuungswürdige Ausdünstung wie einen giftigen Fingerabdruck auf ihm hinterlassen hatte. Seitdem er vom Totenbett seines Vaters weggegangen war, hatte er sich nie bekehrter gefühlt als in diesem Augenblick. Nie war er den Nachtwandlern näher gekommen, seit er das Erbe des Jägers angetreten hatte. Gleichwohl war er auch noch nie so verstört darüber gewesen, dass sich alles bewahrheiten könnte. Diese Einsicht schnürte ihm die Kehle zu.
»Davíd!«, wiederholte Dorfer seinen Namen.
»So ausgesprochen habe ich das noch nie gehört. Woher kommst du? Spanien?«
»Galicien«, antwortete er knapp. Es war ihm unangenehm, näher darauf einzugehen. Wie sollte er von einem Land berichten, das er selbst viel zu wenig kannte, weil man ihn schon früh von dort fortgebracht hatte? Eine Region im Norden Spaniens, wo der Atlantik rau war, mit Klippen so schroff und Küsten so grün wie in Irland. Wo die Menschen mit ihren blauen Augen und der hellen Haut nicht an Spanier erinnerten, denn ihre Vorfahren waren Kelten. Wo die Milch, die Entenmuscheln und der Jägerkult herkommen, um den sich nicht einmal Legenden ranken. Bis auf seinen Vater schien sich niemand mehr daran zu erinnern.
»Dafür sprichst du sehr gut Deutsch«, bekundete Hartmut und versprengte damit die löchrigen Erinnerungen an die Region, in der er geboren wurde. »Wie auch immer, ich weiß nicht, was ich von dir halten soll«, knüpfte Dorfer an. »Ich meine, du sagst, du hast auf mich gewartet, legst dich mit einem Pfaffen an, läufst rum wie ein Sandler und behauptest, mir helfen zu können. Was willst du wirklich?«
Er rückte näher heran, weil er ahnte, dass alle im Raum die Ohren spitzten. Der Wirt beendete seine Wischerei, lehnte sich gegen die Theke und verschränkte die muskulösen, von Tätowierungen übersäten Arme vor seiner breiten Brust. Entgegen seiner Art wollte Davíd die angeschlagene Psyche des Österreichers nicht überfordern. Er wollte ihn behutsam an das Unsägliche heranführen und sacht wieder an die Oberfläche holen, was sein Unterbewusstsein aus Selbstschutz verdrängte – oder was man ihn hatte vergessen lassen? Doch Dorfers gezielte Frage verlangte eine ebenso direkte Antwort. Wenn er ehrlich war, hielt er ohnehin nicht viel von Psychologie und taktischem Geplänkel. »Es ist nur ein ganz bescheidener Wunsch«, flüsterte er deshalb. »Bring mich zu dem Vampir!«
Hartmut Dorfer wäre beinahe vom Barhocker gerutscht. Seine Hand, um das Pilsglas gekrallt, begann zu zittern. Die ungesunde Gesichtsfarbe kehrte zurück. Der Nebel, den der Alkohol um seinen Geist gesponnen hatte, schien augenblicklich zu verfliegen. Sein Mund stand ein wenig offen, die Unterlippe zitterte leicht. »Ich weiß nicht, was du meinst, und will davon nichts hören!«, sagte er scharf, auch wenn er physisch den Eindruck erweckte, jeden Moment einen Herzstillstand zu erleiden. »Das ist Blödsinn!«
»Etwas hat dich in Todesfurcht versetzt, das kannst du nicht leugnen«, konterte Davíd. »Du hast eine Erfahrung im Grenzbereich der Psyche gemacht. Du bist etwas begegnet, das der gesunde Menschenverstand nicht einzuordnen vermag und daher kategorisch leugnet. Darum die retrograde Amnesie, an der du leidest. Du willst dich nicht erinnern, oder du kannst es nicht. Was auch immer diese Erinnerungslücken verschuldet, wir müssen sie füllen. Glaub mir, ich kann deine Ablehnung nachvollziehen. Es dauert seine Zeit, bis man bereit ist, sich dem Unvorstellbaren zu öffnen.« Niemand weiß das besser als ich, fügte er in Gedanken hinzu.
»Hör zu, mein galizischer Freund! Nur weil du meinst, du hast hier einen besoffenen Wiener vor dir, brauchst du mir nicht blöde mit irgendwelchem Schmäh daherzukommen. Wir mögen ein abergläubischer Schlag sein, ein bisserl trottelig, aber gewiss nicht deppert. Vampir! So ein gesponnener Scheißdreck!«
Dorfer machte dicht. Davíd war ihn zu forsch angegangen, konnte seine Ungeduld nicht zügeln. Lange genug hatte er mit sich selbst gehadert, und jetzt, wo er endlich bereit war, die Existenz der Schattenwelt zu akzeptieren, ging es ihm nicht schnell genug. Die letzten Widerstände in ihm verlangten den endgültigen Beweis. Die Taktik zu ändern, war die einzige Möglichkeit, damit der Österreicher nicht komplett auf stur schaltete. »Warum hat er dich laufen lassen?«
»Womöglich war er schon satt«, erwiderte Dorfer sarkastisch, trank sein Bier aus und deutete dem Wirt an, dass dieser ein weiteres Pils zapfen solle. »Warum sollte er mich nicht wieder gehen lassen? Er braucht mich«, fügte er leise hinzu.
Davíd schreckte auf, und ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken. Er sah zur Seite, weil ihm seine heftige Reaktion vor Dorfer geradezu peinlich war. »Wie meinst du das?«
»Keine Ahnung, war nur so ein Gedanke, der mir gerade gekommen ist. Eigentlich ist es mir zuwider, aber ich zermartere mir fortwährend das Hirn darüber, was die letzten Stunden passiert ist. Ich war tatsächlich bei jemandem. Es hängt mit den Geschäften meiner Frau zusammen, die Einzelheiten darüber liegen leider im Nebel. Womöglich hast du damit recht, dass ich mich gar nicht erinnern will, weil es mich so aufgeregt hat. Ich hab’s ein bisschen mit der Pumpe, daher ist so ein Selbstschutz gar nicht verkehrt.«
Verstand er das richtig? Die Kreatur der Nacht verfolgte einen Plan mit dem Mann im zerknitterten Anzug. War das möglich? Wenn nicht nur animalische Instinkte und Blutdurst das Handeln des Verfluchten lenkten, dann hatte er es mit einem besonders gefährlichen Exemplar zu tun. Bahnte sich da etwas an, das weit über eine normale Jagd hinausging? Er legte seinen Kopf in die Hände und rieb sich die Augen, als könnte er damit die Ehrfurcht vor der bevorstehenden Aufgabe fortwischen. Er wusste immer noch viel zu wenig über seine Gegner. Alles, was er hatte, waren die alten Schriften – und diese prophezeiten nicht nur ein mal eine hinterhältige Verschwörung gegen die Menschheit. Die Zwielichtwesen ließen nichts unversucht, um sich gegen uns zu erheben, um aufzubegehren und ihrem Schattendasein zu entfliehen. Seit Äonen fühlten sich die Jäger berufen, dies zu verhindern und die Dämonen zurück in die Hölle zu treiben. Der ewige Kampf zwischen Gut und Böse, der bis in die Gegenwart andauerte.
Die meisten Blutsauger unterschieden sich in ihrem Handeln und ihren Trieben kaum von Tieren. Einige von ihnen intervenierten gewiefter, ein paar wenige brillierten mit bestechender Intelligenz. Die archaischen Texte bezeichneten sie als die Söhne des Lichtbringers. Traf ihn die Bürde, gleich bei seiner ersten Jagd einem so mächtigen Wesen zu begegnen? Er stand am Anfang, traute sich zu, eine degenerierte, animalische Bestie zu bezwingen. Aber war er einem der großen Anführer gewachsen? Oder war doch alles nur kranke Fantasie?
Fantasie, Hirngespinste, Irrsinn. Bis vor einem knappen Jahr war es das tatsächlich gewesen. Ein krankes Geschwür im Kopf seines Vaters, der dafür seine Familie eintauschte, der sein Dasein einer geheimnisvollen Aufgabe verschrieb, die niemand sonst in seinem Umfeld verstanden hatte. Selbst seine Mutter nicht – oder gerade sie nicht, weil sie immun gegen jegliche Art von Spiritualität war. Sie musste allein ein Kind durchbringen. Woher sollte sie noch die Zeit nehmen, sich in das zerebral fehlgeleitete Weltbild ihres Mannes hineinzudenken? »Es war diese immerwährende Angst in seinen Augen, mit der ich nichts anfangen konnte«, sagte sie ihm, als er in einem der seltenen Fälle den Mut gefunden hatte, nach seinem Vater zu fragen. »Und er fand keine Worte, um mir diesen ewigen Zustand der Furcht zu erklären.«
Das Erbe seines Erzeugers lastete plötzlich wie eine Tonne Blei auf ihm. Er besaß nichts außer einigen antiquierten Büchern fragwürdiger Herkunft und die Handschriften. Zerfledderte, vergilbte Notizen, gesammelt in einer verschlissenen Kladde. Dazu uralt anmutende Pergamentrollen, die ihm sein Vater hinterlassen hatte. All das beinhaltete zusammengetragene Berichte von Überlebenden. Von Menschen, die durch die Epochen hindurch von erschütternden Begegnungen mit den Schattenkreaturen berichteten. Hinzu kamen lückenhafte Niederschriften über die Gegner selbst. Wesen, die nicht existierten und doch auf unserer Erde wandelten und dabei Elend und Tod verbreiteten. Und zu guter Letzt Manuskripte über die Jäger, deren Rituale, Edikte und das Wissen über die Jagd. In seinen Gehörgängen hallten die leisen, wirren Worte wider, die ihm sein alter Herr zumurmelte, als er an dessen Sterbebett saß. Im Wahn und in der Ahnung des nahen Todes berichtete er von Wesen aus einer Welt jenseits aller Vorstellung, von Abkömmlingen des Teufels, niederträchtigen Dämonen und Blutsaugern. Wie sollte er, der Ungläubige, dies jemals begreifen?
Damals verließ er panisch das Krankenhaus. Sein Kopf fühlte sich an, als hätten sie ihm eben schnell das Gehirn entnommen und ihn dann wieder laufen lassen. Das war das Einzige, wozu sein Körper noch fähig war. Rennen. Und er war gerannt, bis seine Lungen brannten, sein Körper dampfte und seine Beine zitterten. Dann erst hatte er angehalten und sich auf der Brücke wiedergefunden, die in Arriondas über den Sella führt. Dort, in dieser kleinen unscheinbaren Stadt in Nordspanien, hatte er über die Brüstung gekotzt, bis nur noch bittere Galle kam, und danach gegen den Regen angeschrien, der ihm entgegenschlug.
Seitdem ist nahezu ein Jahr vergangen. Lange Monate, in denen er täglich tiefer eingetaucht war in die Welt hinter dem Spiegel. Eine Welt, die es nicht gab und die doch vorhanden war, weil sein Vater ihm das Tor dazu geöffnet hatte; so als wären seine letzten Worte eine Beschwörungsformel, die einen Prozess in Gang gesetzt hatte, der nun nicht mehr zu stoppen war. Eine Konstruktion kranker Hirngespinste, die ihn gegen seinen Willen immer weiter vereinnahmten, bis er endlich bereit war. Bereit, zu glauben.
Zu allem Übel bewahrheitete sich mit den Monaten, was sein Vater mit seinen letzten Atemzügen orakelte. Trotz der anfänglichen Aversion gestand sich Davíd ein, dass es bereits auf der Brücke in Arriondas in ihm zu gären begonnen hatte. Schon dort tropften die Worte seines alten Herrn wie Feuerbälle in seine Seele und schlugen tiefe Krater. Allmählich fügte sich alles zusammen. Seine Kindheit, die Flucht seiner Mutter mit ihm nach Deutschland und ihre Anstrengungen, ihn von seinem Vater fernzuhalten. Ihr Handeln ergab einen Sinn. Auch wenn sie die Mission ihres Ehemanns leugnete, so reichte doch die vage Vermutung, dass ein Funke Wahrheit dahinter verborgen liegen könnte, um ihn für immer von ihrem Gatten fortzubringen. Sie wollte ihren einzigen Sohn beschützen, das hatte sie nicht nur ein mal beteuert. Nichts weiter, nur beschützen, auch wenn sie ihm bis zu ihrem Tod nicht erklären konnte, wovor.
Nach dem Besuch des Hospitals in Arriondas wurde ihm das Geheimnis endlich offenbart, das seine Eltern ihren Lebtag vor ihm hüteten. Drei Tage vorher hatte er den Anruf erhalten. Man teilte ihm mit, dass man seinen Vater in dessen karger Behausung in den asturischen Bergen gefunden hatte. Telefonisch erhielt Davíd keine weitere Auskunft, weder darüber, was seinen Erzeuger dorthin verschlagen hatte oder wie lange er dort bereits lebte, noch wieso er im Sterben lag. Seit Jahren war der Kontakt gänzlich abgebrochen, und er haderte vierundzwanzig Stunden mit sich, ob er überhaupt dorthin reisen sollte. Asturien, eine weitere nordspanische Provinz, die ihm noch weniger sagte als seine galizische Heimat.
Schließlich überwand er die Abneigung gegenüber dem Vater, der nie versucht hatte, zu ihm zurückzukehren. Warum, konnte er nicht erklären. Es wäre banal, zu behaupten, er tat es aus Anstand oder weil er sonst niemanden mehr hatte. Oder weil er dem Wunsch des Alten entsprechen wollte, noch einmal seinen Sohn zu sehen. Nein, es gab keine Erklärung und keinen vernünftigen Grund. Nur einen Drang aus den Tiefen seiner Seele, der ihn dazu nötigte, nach Asturien zu fliegen.
Es war Silvester, der letzte Tag des vergangenen Jahres, als er dort eintraf. Kälte und Nebel lagen in dem Tal, das der Fluss Sella über Äonen in die Berge gefressen hatte. Die Picos de Europa, das sagenumwobene, mit dichten Urwäldern bewachsene Gebirge, in denen Trolle, Feen und Menschenfresser hausten und das Asturien vom Rest Spaniens trennte, versteckten sich unter grauen Wolken. Es war ein treffender Ort für jemanden, der sich ein Leben lang den Mysterien jenseits des rationellen Verstandes verschrieben hatte.
Sein Vater war alt geworden, alt und gezeichnet. Zerfurcht vom Leben und in die Knie gezwungen von einer rätselhaften Krankheit. Etwas fraß ihn auf, doch niemand konnte sagen, was es war. Die Ärzte einigten sich darauf, dass der greise Mann bereit war, zu sterben, als hätten sie Angst, zu hinterfragen, was ihn dahinraffte. Doch bevor er das Zeitliche segnete, hatte er nach seinem Sohn verlangt, und Davíd war es gelungen, seinen Stolz hinunterzuschlucken und ihm diesen Wunsch zu erfüllen. Hätte er geahnt, was ihn erwartete, er wäre nicht dorthin gefahren. Nicht der gekränkten Ehre, sondern der Furcht wegen, die ihn danach befiel und die er seither in sich trug, zusammen mit der Saat des Verderbens.
Der Alte starb noch in derselben Nacht. Davíd kehrte nach Stunden des Herumirrens ins Krankenhaus zurück, aber es war zu spät. Der Tod war schneller gewesen. Die Trauer hielt sich in Grenzen, nur die Verwirrung blieb. Man übergab ihm die Habseligkeiten seines alten Herrn, darunter den Schlüssel zu dem Haus, das er zuletzt bewohnt hatte, hoch oben in den Picos, in einem Dorf namens San Juan de Beleño. Dort fand er die Hinterlassenschaft des Jägers. Den Wahnsinn oder die Wahrheit. Und er traf den Clown.
Das letzte Zusammentreffen mit seinem Vater und das, was tags darauf folgte, änderten alles. Wenn er es beschreiben sollte, dann trat er vom Licht in den Schatten. Nicht dass er seither jemals mit jemandem über diesen Wendepunkt in seinem Leben gesprochen hätte. Eine erste Eigenheit, die er unbewusst von seinem Vater übernahm, als unterläge er dem Gelübde eines Schweigeordens. Er nahm den Status eines Mönchs an, ohne darüber nachzudenken. Er übte Verzicht und Askese und folgte dem Gebot, das Böse zu bekämpfen. Vor der Zeit der Metamorphose studierte er Journalismus, spielte Basketball und vertrieb sich die Zeit mit schönen Frauen, die er mit seinen Augen einfing und mit seinem Charme gefangen hielt. Aus der Entfernung eines Jahres betrachtet, kam ihm sein damaliges Leben seltsam fremd vor. Als hätte er seit jeher ein falsches Dasein geführt, zwar im Licht, aber künstlich und konstruiert. Erst nach den Tagen in Asturien geriet er auf eine Bahn, geradewegs hinein in die Dunkelheit. Viel zu tief, um noch umkehren zu können, wie er sich später eingestand, aber mit der Gewissheit, dass darin seine wahre Bestimmung lag.
Zurück von seiner Spanienreise brauchte er eine Woche, bis er das Gehörte verdaut und das Vorgefundene realisiert hatte. Dann siegte die Neugier. Eine Neugier, die sich zur Obsession steigerte, je tiefer er in den Sumpf der Ungeheuerlichkeiten und Geheimnisse eintauchte. Es folgten Monate, in denen er die Aufzeichnungen und Manuskripte prüfte, Parallelen im Internet recherchierte, aber auch in Bibliotheken und verstaubten Archiven stöberte. Er versuchte, sich selbst zu bekehren und gleichzeitig eine Erklärung für seine Besessenheit zu finden.
Was er in dieser Zeit zusammentrug, waren Chroniken des Wahnsinns und Theorien über das Unsägliche. Millionen Seiten gefüllt mit kranken Fantasien, und doch konnte er nicht davon lassen. Dafür verzichtete er auf alles andere, auf sein Studium, die Basketball-Playoffs, die Frauen.
Das Geld, das ihm seine Mutter hinterlassen hatte, würde eine Weile ausreichen, zumindest so lange, bis er Gewissheit hatte. Seither gab es nichts anderes mehr, als dem Weg seines Vaters zu folgen. Zum Wohle der Menschheit, wie es die Edikte der Jäger deklarierten. Eine Aufgabe, die einem heiligen Eid glich, wie ihn einst die Kreuzfahrer abgelegt hatten. Ein Schwur, dessen Tragweite er bisher nicht fassen konnte, der sich nach wie vor weigerte, in seine Vorstellungswelt zu passen. Anfangs ging es ihm dabei weniger darum, die Existenz seiner Spezies zu verteidigen. Nein, er tat es für sich, er wollte einen Weg finden, jenem Glauben zu schenken, dem sich sein Vater mit Leib und Seele verschrieben hatte. Bis in den Tod. Er wollte glauben!
»Wenn du dich erinnerst, dann bring mich zu ihm!«, verlangte er, nachdem er aus seinen Gedanken zurück in das schäbige Wirtshaus gefunden hatte.
Der Wiener schüttelte den Kopf. »Vergiss es. Lass mich damit in Ruh’!«
Die Wut kam plötzlich. Er spürte, wie das Blut in seinen Adern pochte. Mit einem tiefen Grollen sog er die Luft ein. Seine Muskeln begannen zu schmerzen. Gerade noch konnte er den Impuls unterdrücken, sein Glas gegen die Wand zu werfen. Stattdessen schlug er mit der Faust auf den Tresen. Der Wirt bekam große Augen und trat einen Schritt von der Zapfanlage zurück. Dorfer hingegen blieb unbeeindruckt. In eine Art Starre verfallen, stierte er in sein leeres Bierglas.
Es kostete ihn enorme Willenskraft, seine Aggression niederzuringen. Keuchend und nach vorn gebeugt griff Davíd das durchweichte Holz der Theke. Das Haar fiel ihm ins Gesicht, sein Körper bebte. Die Lederjacke umspannte seine breiten Schultern, bis die Nähte knirschten. Seit Kurzem erst trafen ihn diese Wutausbrüche. Unvorbereitet und aus heiterem Himmel durchpflügten sie seinen Körper wie vulkanische Eruptionen, die direkt aus der Hölle kamen. Er schloss die Lider und amtete in den Bauch, hörte das Rauschen in seinen Ohren und die Schritte des Tätowierten hinter der Bar, der sich leise in die andere Ecke stahl. Auf dem Weg zum Jäger wird mancher zu einem tollwütigen Hund, lautete eine Zeile aus den Unterlagen seines Vaters. Er ahnte längst, woher dieser rasende Zorn kam.
