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Wenn die eigene Phantasie sich plötzlich als gefährlich nahe an der Realität erweist, kann das lebensgefährlich werden... Diese Erfahrung muss die ehemalige Polizeipsychologin Linh Hauser machen, die zurückgezogen als Jugenbuchautorin in einer alten Mühle lebt. Nach dem angeblichen Selbstmord ihrer engsten Freundin macht sie sich auf die Suche nach der Wahrheit. Und nichts ist mehr wie vorher... Sie gerät in das Fadenkreuz einer sektenartigen Geheimorganisation, die unheimliche Parallelen zu den Geschehnissen in ihrer Jugendbuchserie "Waldflüsterer" aufweist. Und dann taucht auch noch der ehemalige MAD-Agent Lukas Berg auf, der die Wahrheit bereits kennt...
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Seitenzahl: 444
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Mary Molina
Waldflüsterer
Thriller
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Dienstag, 3. Mai
Mittwoch, 4. Mai
Donnerstag, 5. Mai
Donnerstag, 5. Mai bis Freitag, 13. Mai
Samstag, 14. Mai bis Freitag, 20. Mai
Samstag, 21. Mai
Sonntag, 22. Mai
Montag, 23. Mai
Dienstag, 24. Mai
Mittwoch, 25. Mai
Donnerstag, 26. Mai
Freitag, 27. Mai
Samstag, 28. Mai
Sonntag, 29. Mai
Dienstag, 31. Mai
Montag, 31 Oktober
Epilog
Impressum neobooks
Als ich aufblicke und aus dem Fenster schaue, habe ich für einen kurzen Moment den Eindruck, dass mir die üppig blühenden Zweige der Zierkirsche beseelt und absichtsvoll zuwinken. Doch der Eindruck vergeht schnell wieder, als ich das Rauschen des Frühlingswindes in den jungen Buchenblättern höre, und die Welt ist wieder entzaubert.
Dann verschwimmt alles, und ich muss mir die Tränen aus den Augenwinkeln wischen, bevor sie auf das Keyboard meines Laptops fallen.
Es sieht Thomas ähnlich, dass er mir so eine lange E-Mail schreibt. Er ist ein Mensch der durchdachten Gesten, jemand, der sich wirklich Mühe macht. Ich habe ihn Menschen gegenüber noch nie achtlos erlebt. Und es ist diese große Ernsthaftigkeit, diese Hingabe, die aus seinen Zeilen spricht, die mir noch mehr die Brust zuschnürt. Als sei der Inhalt der Nachricht nicht schon tieftraurig genug.
Ich erfahre aus der Mail, dass Katharina tot ist. Und dass ihr Tod ein Rätsel ist.
Meine Gefährtin aus Kindertagen, einer der wenigen Menschen, der auch meine dunklen Seiten kennt und mich davon völlig unbeirrt trotzdem mag, soll nicht mehr da sein. Ich will von ihr noch nicht in der Vergangenheit sprechen. Ich weiß, dass ich es erst später begreifen werde. Dann, wenn ich meine Gedanken dabei erwischen werde, dass sie noch so funktionieren wie jetzt, als sei meine älteste Freundin noch da, nur, um dann ins Leere zu fallen. Der Schmerz wird kommen, er ist immer so verdammt zuverlässig.
Aber jetzt ist da vor allem etwas anderes, ein Zustand, den ich gut kenne, weil ich lange und hart dafür gearbeitet habe: Entschlossenheit.
Einige Dinge, die Thomas in der E-Mail schreibt, klingen beunruhigend, verwirrend und absolut unglaubwürdig, und es wird deutlich, dass Thomas selbst nicht daran glaubt. Er bittet mich unmissverständlich, so schnell wie möglich nach Hamburg zu kommen. Er weiß, dass er mich nach einer solchen Nachricht nicht so inständig darum bitten müsste. Die Tatsache, dass er es trotzdem tut, zeigt seine Verzweiflung.
Ich erlaube mir für einen Augenblick, mir vorzustellen, wie er und der zehnjährige Malte nun ohne Katharinas beruhigende Geschäftigkeit und unerschütterliche Kompetenz, ohne ihre große Geduld und Wärme weiterleben müssen. Die Vorstellung bringt mich an bedrohliche Grenzen und so wische ich sie wieder fort. Ich stehe so abrupt auf, dass der alte Holzstuhl unter mir fast umkippt.
Sherlock, der Dänische Doggen-Rüde, und Zita, die Bärenhündin, springen beide alarmiert aus ihrem Nachmittagsdösen auf und schauen mich fragend an. Als ich zum Fenster gehe, trotten sie an meine Seite und warten darauf, was als Nächstes passiert. Als nichts passiert, legen sie sich mit einem hündischen Seufzer wieder hin. Ich blicke auf den Garten, der gerade erwacht und in dem alles in den Startlöchern steht. Und auf die dahinterliegende Weide, auf der die beiden Pferde Ginger und Fred friedlich grasen. Der Anblick hilft mir, meinen Kopf klarer zu bekommen und zu planen. In Gedanken erstelle ich ein Liste, was ich vor meiner Abreise noch alles zu erledigen habe.
– Meike und Andreas bitten, sich um die Hühner und Pferde zu kümmern,
– die ersten Kapitel meines Buches an den Verlag senden,
– das Bewässerungssystem für den Garten anschließen,
– für mich und die Hunde packen.
Ich mache mich sofort an die Arbeit. Schon heute Nacht möchte ich auf dem Weg nach Hamburg sein.
Seit ich in der Abgeschiedenheit der Mühle lebe, kann ich Städte wieder genießen. Ich weiß ja, dass ich wieder in die Mühle zurückkehren werde. Ich brauche die Natur um mich herum, um gesund zu bleiben. Zumindest weiß ich, dass es mich krank macht, wenn ich ihr zu lange fern bleibe. Ich bin auf dem Land aufgewachsen, auf dem platten Land, wie man dort, wo ich aufgewachsen bin, zu sagen pflegt. Geboren wurde ich in Vietnam, in Saigon, oder Ho-Chi-Minh Stadt, wie es heute heißt. Meine deutschen Eltern adoptierten mich, als ich sechs Monate alt war, und aus Linh Minh Lê wurde Linh Hauser. Ich habe keine Ahnung, wer meine leiblichen Eltern sind, und ich hab mich auch nie auf die Suche nach ihnen gemacht. Die einzigen Eltern, die ich kenne, waren mir immer Eltern genug. Da gibt es keine Neugierde, keine Sehnsucht nach der Erforschung tieferliegender Wurzeln. Ich habe die Frage, ob ich nicht wissen möchte, wo meine Wurzeln liegen, oft in meinem Leben gehört. Ich kann dazu nur sagen, dass ich an die Sache mit den Wurzeln ohnehin nicht glaube. Meine fleischlichen Eltern haben – aus welchem Grund auch immer – ihre Wurzeln zu mir gekappt, und in meinem bisherigen Leben wäre ich schon längst verdorrt, hätte ich Wurzeln geschlagen, so oft, wie ich sie mir wieder selber habe ausreißen müssen. Ich bin seit meinem achtzehnten Lebensjahr, seit ich von zuhause auszog, eine Nomadin, wenn auch nicht immer freiwillig – und erst jetzt, in meiner Mühle, habe ich zum ersten Mal in meinem Leben das Bedürfnis zu bleiben. Vielleicht, weil die Mühle der erste physische Ort überhaupt ist, den ich mein Eigen nennen kann, und weil ich hier tolle Menschen kennen gelernt habe. Das ist wunderbar und schrecklich zugleich, denn natürlich weiß ich, dass ich hier wahrscheinlich nicht bis an das Ende meiner Tage leben werde. Aber ich weiß inzwischen auch, dass mein ganzes Leben nur in dem Augenblick steckt, der gerade ist, und das Leben in der Mühle ist gut. Sie liegt in einem langgestreckten Tal im Herzen des Naturparks Nassau. Es ist ein herrlich abgeschiedener, wilder und schlecht erreichbarer Flecken Erde inmitten dieses so vollständig erschlossenen und durchkultivierten Landes. Möchte man mich besuchen, muss man dieses über eine längere Strecke zu Fuß, mit dem Fahrrad oder einem starken Allradantrieb tun. Reiten geht auch noch, wenn man ein trittsicheres Pferd hat. Vor allem im Winter hat das Vorteile, oder im Spätherbst oder Frühjahr, wenn die Bäche über ihr Bett treten und viele Wege schlammig oder völlig überschwemmt sind. Ginger und Fred halte ich mir aus genau diesem Grund: Mit ihnen bin ich auch im Winter mobil.
Jetzt greife ich auf meinen Defender Pick-up zurück, er ist mit dem Nötigsten für ein paar Nächte bepackt. Die Hunde sind in der Reisebox verstaut, und ich mache mich nun in der Dämmerung auf die lange Fahrt nach Hamburg. Mir ist mulmig zumute, weil es ein unglaublich trauriger Anlass ist und ich den freudigen Grund, weswegen ich mich immer mal wieder in die große Stadt begebe, verloren habe.
Ich werde Katharina dort nie wieder besuchen können.
Katharina und ich wuchsen im selben Dorf auf. Das heißt, sie wuchs im Dorf auf, ich auf einem Aussiedlerhof, den meine Eltern bewirtschafteten. Wir begegneten uns an unserem ersten Schultag, und unsere erste Begegnung war nicht sehr freundlich. Sie war ein unglaublich hässliches Kind, wie ich fand, rothaarig, mit offen stehendem Mund, einem Schielpflaster auf dem linken Auge und einer dicken Brille. Ihre roten Haare hingen in wilden Strähnen um ihr Gesicht. Sie setzte sich im Klassenraum neben mich und ich starrte sie unverhohlen an, so unverhohlen, wie nur Kinder starren können. Sie starrte zurück, das heißt, ich hatte den Eindruck, dass sie knapp an mir vorbei starrte –sie schielte so stark. Dann sagte sie: "Was glotzt du so, Ching Chang Chong?"
Ich war so daran gewöhnt, krude Bemerkungen wegen meines asiatischen Aussehens zu hören, dass es mich nicht traf. Ich nahm den Ball aber gerne auf und erwiderte: "Besser Ching Chang Chong als Popeye."
Nach dieser Begegnung hassten wir uns ein paar Wochen, aber irgendwie konnten wir das nicht durchhalten, nachdem wir feststellten, dass wir dieselben Lehrer doof fanden, die gleichen Fächer mochten und sogar über die gleichen Dinge lachen mussten. Also freundeten wir uns an. Und wir blieben Freundinnen.
Katharina wurde groß und schön, ich blieb klein und exotisch.
Sie stammte aus einer alteingesessenen Familie, ich war das kleine Mädchen, das direkt von der Cap Anamour in die barmherzigen Arme der guten Bauersleute Hauser gefallen war.
Sie wirkte immer vornehm und zurückhaltend, ich einfach nur wild und ungezähmt. Aber das wunderte niemanden, denn Jedermann nahm an, dass dort, wo ich herkam, wohl alle Menschen so seien, in dem Land, das noch vom Krieg gezeichnet war und inmitten einer Generation, die noch an Blut und Rasse glaubte. Und so sehr wir uns auch immer unterschieden haben, so gibt es – gab es – eine fraglose Akzeptanz des anderen.
Und das ist sehr kostbar. Und ich bin Katharina sehr dankbar dafür. Werde es immer sein.
Jetzt stehe ich vor dem hübschen Klinkerhaus in der Brackstraße in Hamburg-Niendorf. Ich bin erschöpft und fühle mich etwas benommen, als ich den Gartenweg zum Eingang des Hauses entlang gehe. Es ist halb zwei nachts. Sherlock und Zita trotten schwanzwedelnd hinter mir her, sie kennen sich hier aus und freuen sich. Sie wissen ja nicht, dass wir auf den Weg in ein Trauerhaus sind. Thomas hat mich offensichtlich schon gesehen, er steht bereits in der Eingangstür. Wir schließen uns wortlos in die Arme, die Hunde hecheln und tänzeln aufgeregt um uns herum, Sherlock lässt ein tiefes Bellen hören. Ich verschwinde in Thomas Leibhaftigkeit, er ist ein großer, untersetzter Mann, und spüre, wie er bebt und schluchzt. Er drückt mich fest an sich, nimmt mir fast die Luft, aber das ist egal. Ich habe im Moment sowieso keine Lust zu atmen. Dann gibt er mich frei, tritt einen Schritt zurück und schaut mich aus gepeinigten Augen an.
"Ach, Linh", sagt er nur erstickt, nimmt mir die Sporttasche, die ich die ganze Zeit gehalten habe, aus der Hand und winkt mich samt Hunden in das Haus.
Es riecht nach Katharina und jetzt wächst der Kloß in meinem Hals. Ich schlucke ihn fürs erste hinunter. Ich werde gebraucht. Es gibt Dinge zu klären.
"Malte?", frage ich leise.
"Er ist im Bett. Eingeschlafen vor lauter Erschöpfung, aber erst vor einer halben Stunde. Er sagt, dass er auch sterben will." Thomas Stimme bricht, er wischt sich mit einer energischen Bewegung durch das Gesicht, die Tränen fließen ungerührt nach.
"War Julia schon hier?", frage ich. Julia ist Katharinas jüngere Schwester und Malte liebt seine Tante heiß und innig. Jede Unterstützung ist jetzt gefragt.
"Sie kommt morgen. Aus Brasilien. Sie wäre gestern schon gekommen, aber das Flugpersonal hat gestreikt."
Julia ist Ingenieurin und konstruiert Staudämme. In der ganzen Welt.
"Gut!" sage ich nur.
Wir stehen jetzt in der Küche, sie ist hell erleuchtet und das kalte Licht gibt Thomas' Elend gnadenlos preis. Wir setzen uns an den großen Holztisch und klären die Trivialitäten. Das Bett im Gästezimmer unter dem Dach ist für mich bezogen, Handtücher liegen bereit. Thomas wäre nicht Thomas, wenn er nicht selbst im größten Elend an solche kleinen Dinge gedacht hätte. Über den Tisch hinweg nehme ich seine Hand und spüre erleichtert, dass mein jahrelanges Training zu wirken beginnt. Ich werde ruhig und klar, ich habe mich im Griff, ich konzentriere mich völlig auf den Menschen vor mir.
"Wann genau ist es passiert?" frage ich ruhig.
"Vor drei Tagen. Aber ich weiß es erst seit gestern. Ich... ich musste sie identifizieren." Er stockt, schluckt."Sie wollte nach Berlin fahren, zum DO-G Kongress. Dann hat man sie in diesem Waldstück gefunden, an der Autobahn." Wieder versagt seine Stimme. Ich schweige und gebe ihm Zeit.
Katharina hat mir von diesem Kongress erzählt. Die Hauptversammlung der Deutschen Ornithologischen Gesellschaft. Sie findet alljährlich an unterschiedlichen Orten statt. Sie freute sich darüber, dass der Kongress in diesem Jahr in Berlin ausgetragen wird. Katharina hat Freunde dort. Sie ist eine der renommiertesten Zoologinnen Deutschlands. Ihr Schwerpunkt sind Krähenvögel. Und auch, wenn sie physisch nicht mehr anwesend ist, wird diese Tatsache sie noch eine ganze Weile überdauern, weil ihre Forschung in diesem Bereich einzigartig ist. Sie hat meinen Blick auf diese Tiere verändert.
Thomas weint leise, ich lege ihm sanft meine Hand auf die Schulter. Mein Herz schlägt schwer und wütend in meiner Brust, aber mein Kopf läuft auf Autopilot.
"Ich mache uns einen Tee!", höre ich mich sagen."Hast du schon etwas gegessen?"
Thomas schüttelt den Kopf. Seine Stimme klingt so, als wolle sie sich schnell wieder in seinem Innersten verkriechen.
"Ich wollte dir eigentlich etwas kochen, du hast so eine lange Fahrt hinter dir, aber ich habe es nicht geschafft. Es tut mir leid. Malte und ich kriegen einfach nichts runter." Jetzt brechen alle Dämme."Ich... ich weiß nicht, w... wie wir weiter machen sollen ohne sie. Ich... ich weiß einfach nicht... Wie hast du das nur geschafft nach Tom?"
Die Erwähnung von Tom schickt immer noch ein Brennen durch meinen Körper, aber sie streckt mich nicht mehr zu Boden. Tom war mein Sohn. Er wurde nur zwei Jahre alt. Er starb vor zehn Jahren.
"Ich habe nur einen Tag nach dem anderen gelebt.", sage ich jetzt.
"Wird es besser? Irgendwann?", fragt Thomas.
Die Frage habe ich schon oft gehört. Ich kann sie nicht beantworten, denn jeder trauert und leidet auf seine Weise. Aber ich bringe es nicht übers Herz, Thomas keine Antwort zu geben. Sein Blick zeigt, dass er sich jetzt an die Hoffnung klammert, die er glaubt von mir bekommen zu können, von mir, die schon dort war und trotzdem wieder lacht und das Leben genießt.
"Es wird anders. Und das Aufwachen morgens wird irgendwann leichter. Ich habe gute Menschen an meiner Seite, und das hast du auch. Das hilft sehr. Aber darüber solltest du dir noch keine Gedanken machen."
Jetzt gehe ich zu ihm hin und schließe ihn in die Arme. Selbst im Sitzen reicht sein Kopf bis an meine Schultern. Er drückt ihn an mich wie ein Kind. In der tiefsten Trauer werden wir alle wieder ganz klein. Die Hunde, die sich in einer Ecke der Küche niedergelassen haben, blicken fragend zu uns hinüber, dann wuchtet der große Sherlock sich hoch und lässt sich zu Thomas Füßen nieder, auch Zita kommt an und tut es ihm gleich. Es kann keinen besseren Lehrmeister für meine junge Hündin geben als diese alte, weise dänische Dogge.
Ich streichle Thomas durchs Haar und sage gar nichts, Worte spenden so wenig Trost. Aber unser Körper erinnert sich daran, wie es war, sich als Kind in den Armen der Eltern geborgen zu fühlen, wenn wir zu den Glücklichen gehören, denen dieses Geschenk zuteil wurde. Bei allen anderen bleibt es ein lebenslanges Sehnen. Unsere Haut wurde für Berührungen geschaffen.
Thomas schüttelt sich unter den heftig kommenden Schluchzern. Es geht mir mehr darum, dass er den Ton meiner Stimme hört und ich ihn wissen lassen will, dass ich bei ihm bin, als ich spreche.
"Ich habe ein frisches Huhn mitgebracht, und Gemüse. Die nächsten Tage kümmere ich mich um den Alltagskram. Jetzt musst du etwas trinken."
Ich löse mich von ihm und mache mich daran, Tee zu kochen. Wenn die Welt aus den Fugen gerät, sind die kleinen Dinge eine Landmarke, ein Halt. Über die großen Themen können wir morgen noch reden. Bei Tageslicht.
Ich schlafe in dieser Nacht nicht. Thomas' Körper ist irgendwann erschöpfter als seine Trauer und er geht ins Bett. Ich koche einen großen Topf Hühnersuppe, koche mir Kaffee, mache Inventur der Dinge, die besorgt werden müssen: Milch, Brot, Eier, Käse, etwas Obst und Gemüse, Mineralwasser. Ich spüle Geschirr, wechsle die Wischlappen und die Spültücher aus. Die Hunde spüren meine Unruhe und wechseln ihre Schlafposition häufig. Ich kann und ich will nicht schlafen, weil ich weiß, wie es ist, morgens nach einem solchen Ereignis aufzuwachen. Ich würde die Augen aufschlagen, mich kurz darüber freuen, im vertrauten Gästebett meiner Freundin zu liegen, bis die Realität mir einen kräftigen Tritt in die Magengrube verpasste. Der Schmerz würde mich den Rest des Tages kampfunfähig machen. Darum überspringe ich diesen ersten Schreckensmorgen und lege mich erst dann schlafen, wenn ich einen kleinen Schritt weiter bin und etwas mehr begriffen habe von dem, was hier vor sich geht.
Als der Morgen graut, starre ich vor mich hin und lausche den frühen Vögeln. Dann höre ich tapsende Schritte und Malte taucht im Türrahmen auf. Er schaut mich erstaunt und zugleich unendlich erschöpft an und ich würde am liebsten wegrennen und ihn mir gleichzeitig schnappen und nie mehr loslassen.
Die Hunde kommen uns zuvor. Sherlock ist bereits aufgesprungen, Zita im Schlepptau, und beide begrüßen den Jungen fiepsend und erfreut. Der große Däne reicht ihm fast bis zum Hals, man traut ihm die Behutsamkeit kaum zu, mit der er sich an den Jungen drückt. Zita leckt ihm erst die Hände, dann die nackten Füße, und für das kleine Lächeln, das Malte über die gepeinigten Züge huscht, als er sich an den großen Rüden drückt, möchte ich meinen Hunden am liebsten den Friedensnobelpreis verleihen. Junge und Hunde verknäulen sich eine Weile, dann schaut Malte wieder hoch und geht mit tierischer Eskorte langsam zu mir, seine Hand auf dem Rücken von Sherlock ruhend, wie, um sich abzustützen.
"Linnie! Seit wann bist du denn hier?"
Sein Gesicht ist verquollen und hat einen Ausdruck, den kein Kind auf seinem Gesicht haben sollte.
"Ich bin heute Nacht gekommen."
Er blinzelt.
"Wegen Mama."
Die Tonlosigkeit seiner Stimme bricht mir das Herz.
"Wegen dir und deinem Papa. Und wegen deiner Mama."
"Ich hatte so einen Durst. Darum bin ich schon wach."
Ich stehe auf und gehe zum Kühlschrank. Da ich Inventur gemacht habe, weiß ich, dass noch etwa ein halber Liter Milch in der Packung ist. Ich hole ein Glas aus dem Schrank, das mit dem Jedi-Meister drauf, das Julia aus Amerika mitgebracht hat. Es ist Maltes Lieblingsglas, aus Respekt davor trinkt kein anderer daraus. Ich fülle ihm die Milch in das Glas und stelle es auf den Tisch. Maltes Hand verlässt nur zögerlich den Hunderücken und der Junge scheint in sich zusammen zu fallen. Für einen Moment befürchte ich, dass er umfallen wird, doch dann geht ein Ruck durch seinen Körper und er tritt an den Tisch und greift nach dem Glas. Er trinkt die Milch in einem Zug. Malte ist groß für sein Alter. Er wird mich bald eingeholt haben, was keine Kunst ist, denn ich bin klein. Doch er ist noch sehr kindlich, das Gesicht hat noch weiche Konturen und auf seinem Schlafanzug dürfen noch Comicfiguren sein. Sherlock stupst ihn sanft an, und automatisch krault Malte ihm den Kopf. Zita liegt wieder in einer Ecke der Küche und beobachtet das Geschehen. Für einen Moment entsteht ein Vakuum zwischen uns, ein luftleerer Raum. Hund und Junge auf der einen Seite, ich auf der anderen. Ich fühle mich hilflos. Dann bricht der Junge das Schweigen.
"Sie sagen, Mama hat sich umgebracht. An der Autobahn."
Mir gehen hundert Dinge auf einmal durch den Kopf. Ich frage mich, wer "sie" sind. Ich frage mich, wer sie gefunden hat. Ich frage mich, wer Malte diese Information gegeben hat. Und ich stoppe meine Gedanken mit aller Macht. Es gibt jetzt in diesem Augenblick nur eine Sache, derer ich mir gewiss bin, und die ich dem Jungen unbedingt mitteilen muss. Ich strecke meine Arme aus und habe große Angst davor, zu schnell eine Brücke schlagen zu wollen, und zu meiner unendlichen Erleichterung nimmt Malte meinen Vorstoß an und sein nach Schlaf und Junge duftender Körper drückt sich an mich, er fühlt sich mager und zerbrechlich an.
Ich spreche dicht an seinem Ohr, leise und eindringlich.
"Hör gut zu, Malte, du musst mir gut zuhören. Deine Mama hätte dich nie alleine gelassen. Das weiß ich ganz sicher, und egal, was du in nächster Zeit hören wirst: Sie hat sich ganz sicher nicht umgebracht."
Ich spüre, wie Malte sich anspannt.
"Woher willst du das wissen?"
Die Frage ist absolut berechtigt, ich würde sie an seiner Stelle genauso stellen. Und ich weiß nicht, ob die Antwort ihn überzeugen wird. Aber es gibt in diesem Augenblick nichts Wichtigeres für mich als diesen Jungen davon zu überzeugen, dass seine Mutter ihn niemals im Stich gelassen hätte. Malte ist ein kluger Junge. Ich muss alles geben, mich anstrengen.
"Du weißt, was ich lange Zeit beruflich gemacht habe, oder?", frage ich ihn.
Er nickt.
"Du bist Psychologin. Du hast der Polizei geholfen, Verbrecher zu finden."
"Genau. Und ich habe kranken Menschen geholfen, sehr traurigen Menschen, sehr ängstlichen Menschen, sehr wütenden Menschen. Und es gehörte zu meiner Arbeit, herauszufinden, ob sich jemand umbringen möchte. Und ich bin sehr, sehr gut in meinem Job. Ich kenne deine Mama, seit wir jünger waren als du jetzt. Ich habe fast jede Woche mit ihr telefoniert, zuletzt vor fünf Tagen. Deine Mama hat mir geholfen, wenn es mir schlecht ging, sie hat es mir erzählt, wenn es ihr schlecht ging. Manchmal, wenn Menschen vorhaben sich umzubringen, dann erscheinen sie trotzdem fröhlich und keiner kommt auf den Gedanken, dass sie sich etwas antun wollen. Aber sie sind irgendwie anders, in kleinen Dingen, Dinge, auf die man nicht so achtet, die einem nicht bedeutsam vorkommen. Und es gibt vorher Geschehnisse, die man erst hinterher versteht."
Malte ist seinem Vater sehr ähnlich, auch äußerlich. Er hat dunkles Haar und braune Augen. Aber vor allem hat er die Ernsthaftigkeit seines Vaters geerbt, die fast andächtige Art, an die Dinge heran zu gehen. Ich spüre, wie er mir aufmerksam zuhört, den Blick konzentriert in das Nichts irgendwo zwischen seinen Zehen gerichtet. Seine Aufmerksamkeit gibt mir Sicherheit. Ich werde selber ruhiger, als ich weiter rede.
"Ich habe viele Jahre fast jeden Tag damit verbracht, auf diese Zeichen zu achten. So, wie deine Mutter Vögel gesehen hat, die kein anderer entdeckt hat. Du weißt doch, wie oft sie beim Spazierengehen stehen geblieben ist und irgendwo in die Bäume gezeigt hat, weil da ein Waldkauz saß, oder ein Specht, oder irgendein anderer Vogel, und wir haben ihn oft so lange nicht gesehen, bis er weggeflogen ist."
Malte nickt.
"Deine Mama hat nicht im Geringsten irgend eines dieser Anzeichen gezeigt. Und sie war ganz schlecht darin, sich zu verstellen, so zu tun als ob. Sie konnte schon als Kind nicht lügen. Sie hat sich fast jeden Tag über irgend etwas gefreut, ganz oft darüber, Zeit mit dir und deinem Papa verbringen zu können, darüber, wenn sie einen Pirol gesehen hat, zuletzt darauf, auf den Vogelkongress zu fahren. Man bringt sich nur um, wenn man das Gefühl hat, sich auf nichts mehr freuen zu können. Sie hatte so viel, über das sie sich freute. Und darum weiß ich, dass deine Mama sich nicht umgebracht hat."
Malte scheint knochenlos geworden zu sein. Er hängt schwer und schlaff in meinen Armen, so dass ich zunächst denke, er sei eingeschlafen. Doch dann spricht er.
"Was ist denn dann mit Mama passiert?"
Die Frage hängt wie eine schwarze Wolke im Raum, und ich überlege, ob ich antworten soll, denn dann gibt es kein Zurück mehr. Und jetzt erst sehe ich, dass Thomas in der Tür steht. Sein Blick sagt mir, dass er schon eine ganze Weile dort stehen muss. Die Hunde haben trotz seines Erscheinens still gehalten, so, als ob auch sie abwarteten, wie die Antwort auf diese Frage lauten wird. Ich entscheide mich.
"Ich weiß es nicht, mein Herz, aber ich werde es herausfinden. Das verspreche ich dir."
Ich erschrecke selbst vor der Tragweite dieses Versprechens. Wie kann ich so etwas nur sagen? Ich schließe die Augen und versuche, ganz tief in mich hinein zu fühlen. Und was ich dort finde, stimmt mit dem, was ich gesagt habe, überein.
Thomas und ich schauen uns an und ich sehe Furcht. Aber auch etwas anderes. Es ist Entschlossenheit. Er hat der Verzweiflung bereits den Kampf angesagt, das ist gut. Auch für Malte.
Ich mache den Morgenspaziergang mit den Hunden an den Fleeten entlang, an denen bereits nach Sonnenaufgang viele Radfahrer und Jogger unterwegs sind. Die Menschen weichen uns oft aus und schauen uns hinterher. Wir sind auch ein seltsames Rudel, Sherlock so groß wie ein kleines Pony, Zita, nicht ganz so groß und ein Zottelmonster, und ich, die kleine Frau. Die Blicke der uns entgegenkommenden Menschen sind zweifelnd und auch ängstlich. Sie fragen: Ob sie ihre Hunde im Griff hat?
In der Stadt werde ich immer wieder auf die Hunde angesprochen, meistens freundlich und neugierig, manchmal spöttisch ("Der Große hat Ihnen wohl alles weggefressen, was?"). Mich stört das nicht. Ich finde es erfreulich, wenn sich im Strudel der Hektik und des Aneinander-Vorbei-Lebens kleine Begegnungsinseln formen und man sich einander bewusst wird. Hunde haben diese Wirkung.
Aber heute wäre ich am liebsten unsichtbar. Es gibt hier in der Nähe keinen einsamen Park oder Wald. Also schaue ich finster und unfreundlich drein, um einen unansprechbaren Eindruck zu machen. An einer Bäckerei binde ich die Hunde an und kaufe Brot und Brötchen. Heute Nachmittag wird Katharinas Mutter aus Oldenburg kommen und auch Thomas' Eltern, um zwanzig Uhr werde ich Julia vom Flughafen abholen. Dann sind alle beisammen und die Trauer wird hochkochen. Keiner von uns wird einen Gedanken an Essen verschwenden können, aber es ist wichtig bei Kräften zu bleiben und dem Körper zu signalisieren, dass man noch lebt, auch wenn es einem banal vorkommt.
Als ich wieder in der Brackstraße bin, steht ein schwarzer Audi vor Katharinas Haus. Es ist inzwischen neun Uhr. Vielleicht ist es der Bestatter. Ich habe von Thomas den Haustürschlüssel bekommen und versuche, so leise wie möglich einzutreten. Tiefe Männerstimmen dringen aus dem Wohnzimmer. Malte kommt die Treppe herunter, die Hunde begrüßen ihn sofort schwanzwedelnd, als hätte man sich tagelang nicht gesehen. Der Junge trägt immer noch seinen Schlafanzug.
"Es ist die Polizei", sagt er ohne Umschweife. "Wegen Mama. Papa hat mich nach oben geschickt."
Ich stehe für einen Moment einfach nur herum und bin unentschlossen. Malte schaut mich traurig und erwartungsvoll an. Dann sage ich:
"Ich frage Deinen Papa, ob er mich braucht. Sobald wir können, kommen wir zu dir."
"Oma und Opa und Poppie kommen doch bald, oder? Und Julia auch."
Poppie, das ist Katharinas Mutter. Malte hat sie als Kleinkind aus irgendwelchen unbekannten Gründen so tituliert, und – wie das oft so ist –hat sich dieser Name gehalten.
"Deine Großeltern müssten gegen drei Uhr hier sein. Und Julia kommt heute Abend. Aus Brasilien. Willst du Sherlock und Zita mit nach oben nehmen?"
Malte nickt und ist schon halb auf dem Weg in sein Zimmer, als er die Hunde ruft und diese auch brav hinter ihm hertrotten. Ich gehe ins Wohnzimmer, wo Thomas mit zwei Männern in Anzügen sitzt. Alle drei schauen zu mir auf. Ich werfe Thomas einen fragenden Blick zu. Er winkt mich heran.
"Setz' dich bitte dazu, Linh.", und zu den Anzugträgern gewandt sagt er: "Das ist Frau Hauser, eine Freundin."
Die beiden Herren stehen nicht auf und halten mir keine Hand hin. Sie nicken mir nur zu. Ich setze mich neben Thomas den Herren gegenüber. Der eine, der ältere von den beiden, ist schätzungsweise in den Fünfzigern, hat dünnes, ergrauendes Haar und ein aschfarbenes Gesicht, das von intensivem Nikotinkonsum zeugt, genauso wie die vergilbten Fingerkuppen. Unter seinen verwaschenen grauen Augen sind Tränensäcke, die ihm etwas Mitleiderregendes verleihen, so wie seine ganze in sich zusammengesackte Statur. Seine Nase ist breit und scheint wie an einem dünnen Faden zwischen den Augen zu baumeln. Der andere ist jünger, vielleicht Mitte dreißig. Unter dem Anzug zeichnen sich breite Schultern ab. Er hat auffallend helles Haar, das er raspelkurz trägt. Auch seine Haut ist sehr hell. Er hat runde, hellblaue Augen, eine schmale Nase und einen breiten Mund. Die Fingernägel seiner Hände sind sorgfältig manikürt. Obwohl ich seit drei Jahren nicht mehr in meinem eigentlichen Beruf arbeite, habe ich immer noch die Angewohnheit, so schnell und intensiv wie möglich die Details eines mir unbekannten Gegenübers aufzunehmen. Ich kann es nicht lassen.
"Das sind Herr Gruber und Herr Kleinschmidt von der Kripo", sagt Thomas zu mir gewandt.
Ich nicke.
Der jüngere, Herr Kleinschmidt, spricht mich nun an.
"Sie sind darüber in Kenntnis gesetzt worden, unter welchen Umständen Frau Maiwald zu Tode gekommen ist?"
Darüber in Kenntnis gesetzt worden. Sperrige Amtssprache, die mir aus meiner Vergangenheit vertraut ist und jetzt surreal wirkt.
Ich nehme mir fünf Sekunden Zeit, bevor ich antworte.
"Herr Maiwald hat mir erzählt, wie man Katharina vorgefunden hat. Die Umstände ihres Todes – davon habe ich keine Ahnung."
Herr Kleinschmidt nickt nur kurz, so, als ob er von mir etwas erfahren habe, das er schon längst wusste.
"Es deutet alles auf eine Selbsttötung hin. Sie wurde erhängt an einem Baum vorgefunden. Aber natürlich ermitteln wir an alle Richtungen, wie immer unter solchen Umständen. Ist Ihnen, Frau Hauser, an Ihrer Bekannten etwas Ungewöhnliches aufgefallen? Wirkte sie depressiv, lebensmüde? Hat sie Ihnen gegenüber eine Todessehnsucht geäußert?"
Selbsttötung. Ihre Bekannte. Lebensmüde. Todessehnsucht. Die Worte schneiden mir ins Gemüt und ich spüre, wie Thomas neben mir sich verkrampft. Ich würde am liebsten herausschreien, dass Katharina mehr als"eine Bekannte" war und wie verdammt sicher ich mir bin, dass sie so weit von einer Todessehnsucht entfernt war, wie ein Mensch nur sein kann. Aber ich war selbst bei unzähligen Vernehmungen zugegen und weiß, dass man meine emotionale Reaktion geistig herausschneiden würde und die Fragen auf andere und behutsamere Art wiederholen würde, bis meine Informationen brauchbar und verbuchbar erscheinen. Die beiden Herren sind Profis, und ich bin es – trotz meiner beruflichen Abstinenz – immer noch. Also antworte ich ruhig und klar.
"Ich habe – hatte – sehr regelmäßigen Kontakt zu Frau Maiwald, mindestens ein Telefonat in der Woche. Wir stehen uns sehr nahe." Hier benutze ich bewusst die Gegenwartsform, denn Katharina wird mir immer nahe stehen."Und ich bin mir sicher, dass sie nicht depressiv war und auch keine Todessehnsucht hatte."
Nun beugt sich der ältere Beamte vor. Er schaut mich aus seinen mitleidigen Augen an und spricht mit einer tiefen, sonoren Stimme, die nicht zu seiner traurigen Gestalt passt. Mir wird sofort klar, dass er derjenige ist, der das Sagen hat.
"Wissen Sie, Frau Hauser, man merkt es Menschen oft nicht an, wenn sie lebensmüde sind. Wir sind Meister darin, uns zu verstellen. Und Depression ist eine schambesetzte Erkrankung. Ein Suizid kommt oft überraschend. Manchmal gibt es nur ganz kleine Anzeichen, die man leicht übersieht, denen man keine Bedeutung beimisst. Überlegen Sie noch einmal sehr genau, ob Ihre Freundin Ihnen nicht doch verändert vorkam in den letzten Wochen oder gar Monaten."
Ich spüre, wie ein ungutes Gefühl in mir hochkriecht. Herr Gruber hält sich nicht an die Vernehmungsregeln. Er ist suggestiv. Ich frage mich warum, und bin geneigt, ihm wegen seiner belehrenden Art zu stecken, dass ich vom Fach bin. Der Wunsch krepiert jedoch auf halber Strecke, weil es hier nicht um Eitelkeiten geht, sonder um den Tod meiner besten Freundin.
"Ich glaube nicht, dass Frau Maiwald sich umgebracht hat."
Mein Stimme zittert zu meinem Erschrecken etwas.
Herr Gruber und Herr Kleinschmidt schauen mich beide an, ihre Mienen sind unergründlich. Dann spricht wieder der Ältere, und sein Blick richtet sich an Thomas und mich.
"Was glauben Sie denn, was passiert ist?"
Die Frage ist seltsam, sie sollte so nicht gestellt werden. Es sei denn, es geht darum, eine Reaktion des Befragten zu provozieren. Ich spüre, wie Thomas neben mir noch unruhiger wird und tief einatmet. Bevor er etwas erwidern kann, lege ich ihm beruhigend die Hand auf den Unterarm und antworte selbst.
"Das herauszufinden ist nicht unsere Aufgabe, sondern Ihre", sage ich nur.
Herr Gruber nickt nur kurz und wendet sich dann an Thomas.
"Sie und Frau Hauser stehen sich sehr nahe?"
Jetzt kocht Wut in mir hoch und auch in Thomas Stimme schwingt sie deutlich mit.
"Frau Hauser ist seit vielen Jahren eine Freundin der Familie. Meine Frau und sie kennen sich seit Kindertagen. Und falls Sie darauf anspielen sollten: Wir haben keine sexuelle Beziehung zueinander."
Die Herren scheinen ungerührt.
Jetzt spricht Herr Kleinschmidt. Er gibt seiner Stimme einen leicht pathetischen Tonfall, der auch seinen Blick einfärbt. Mir wird fast übel.
"Beziehungsprobleme sind einer der häufigsten Gründe für einen Suizid."
Thomas bricht zusammen, seine Wut ist nicht stark genug, um ihn aufrecht zu halten. Ein Weinkrampf schüttelt ihn und es dauert eine Weile, bis er sprechen kann. Ich halte seine Hand und schaue die beiden Beamten böse an. Zwei Pokerfaces. Was soll das?
Das frage ich jetzt auch, nur etwas schärfer:"Was zum Teufel soll das?"
Doch ich bekomme keine Reaktion. Stattdessen redet Thomas, tränennass, aber klar.
"Ich habe die tollste Frau verloren, die ich mir vorstellen kann. Ich kann das noch gar nicht begreifen. Aber ich weiß, dass sie sich nicht umgebracht hat. Es ging ihr gut, es ging uns gut, und sie hätte das Malte und mir nie angetan. Also machen Sie Ihre Arbeit und finden Sie raus, was da passiert ist."
Einen Moment herrscht Stille, nur durch Thomas' Schniefen durchdrungen. Dann spricht Herr Kleinschmidt, und jetzt macht mir die Ungerührtheit der beiden wirklich Angst. Ein beunruhigender Gedanke beschleicht mich und ich überlege fieberhaft, wie ich ihn überprüfen kann.
"Gestatten Sie uns, einen Blick in das Arbeitszimmer ihrer Frau zu werfen? Und wir müssten den Computer ihrer Frau für die weiteren Ermittlungen beschlagnahmen. Es könnten sich Hinweise über ihre Todesumstände darauf befinden. Zudem benötigen wir die Zugangsdaten zu ihrem E-Mail Account. Und falls Ihre Frau ein Tagebuch geführt hat, müssen wir dieses ebenso beschlagnahmen. Selbstverständlich bekommen Sie alles zurück, sobald die Ermittlungen abgeschlossen sind."
Thomas ist so verblüfft, dass er kurz aus seiner Trauer gerissen wird.
"Den Computer meiner Frau?"
Jetzt schreite ich ein.
"Ich glaube nicht, dass das zulässig ist.", sage ich scharf. "Dazu benötigen Sie einen richterlichen Beschluss."
Herr Gruber schaut mich aus seinen triefigen Augen an.
"Wir tun das, was in Ihrem Interesse ist. Wir untersuchen die Todesumstände ihrer Freundin. Und wir benötigen dazu keinen richterlichen Beschluss."
Auch wenn Herr Gruber mir anscheinend ungerührt widerspricht, so gibt er mir jetzt das, was ich von ihm haben will: Eine glasklare Lüge. Und ein Knoten bildet sich in meinem Magen.
Ich schaue Thomas fragend an. Letztendlich liegt die Entscheidung bei ihm.
Die beiden Herren erheben sich und schauen Thomas ebenfalls fragend an.
Er zuckt ergeben mit den Schultern und führt die beiden Männer in Katharinas Arbeitszimmer. Ich bleibe im Wohnzimmer und denke nach. Nach etwa fünf Minuten gehe ich den Männern nach, die bereits dabei sind, den PC von Katharina abzustöpseln. Ihren Laptop hatte sie bei sich, er liegt bei der Polizei, wie ich von Thomas weiß. So wie ihr Handy und andere persönliche Dinge.
Ich rufe Thomas zu mir.
"Ich glaube, Malte hat nach dir gerufen. Vielleicht solltest du mal nach ihm schauen", sage ich.
Sein Blick wird sofort schuldbewusst, Malte ist bereits seit einer dreiviertel Stunde allein mit meinen Hunden in seinem Zimmer, und Thomas macht sich sofort auf den Weg. Ich halte ihn jedoch auf der Treppe nach oben zurück. Hier können uns die Männer unten nicht hören, weil die Tür zwischen Treppenhaus und dem Zugang zur unteren Etage geschlossen ist.
"Hör zu, Thomas, ich wollte nur kurz alleine mit dir reden. Hat Katharina ihre Daten auf einer externen Festplatte gesichert?"
Thomas schaut mich erstaunt an.
"Warum fragst du?"
"Das erkläre ich dir später."
"Ja, du kennst doch Katharina."
"Gut. Gib' diese Festplatte unter keinen Umständen heraus. Auf keinen Fall."
Er schaut mich an, sucht mein Gesicht nach einer Erklärung ab und findet etwas anderes.
"Du machst mir Angst, Linh."
"Vertrau mir bitte! Und jetzt lass uns schnell wieder runter gehen, bevor die beiden noch irgendetwas anderes mitgehen lassen."
Wir finden nur noch Herrn Gruber vor, Herr Kleinschmidt bringt den PC offenbar schon zum Auto. Der Ältere lässt seinen Blick durch das Zimmer schweifen und ihn auf uns zum Stillstand kommen.
"Hat Ihre Frau ein Tagebuch geführt? Gibt es eine Festplatte, auf der sie ihre Daten gesichert hat? Oder andere Speichermedien?"
Thomas schüttelt den Kopf. Wie auch Katharina es war, ist er ein miserabler Lügner, und ich hoffe, dass Gruber es nicht erkennen kann.
"Ihre Frau hat ihre Daten nicht gesichert? Das ist aber sehr leichtsinnig."
"Sie hatte die Daten auch auf Ihrem Laptop, soweit ich weiß. Aber der ist ja schon bei Ihnen."
"Und auf USB-Sticks?", fragt Gruber.
"Nur Vorträge und Präsentationen."
Gruber sieht skeptisch aus, doch schließlich nickt er.
"Sie werden von uns hören", sagt er, schüttelt erst Thomas, dann mir die Hand und geht, leicht gebeugt, ein scharfer Hund in trügerisch trauriger Haltung. Als er zur Haustür hinaus ist, hinterlässt er Thomas und mich in einer Erstarrung, aus der Thomas sich als erster befreit. Er atmet tief aus und dreht sich zu mir.
"Sind die bei der Kripo immer so taktlos und kalt?"
"Die waren nicht von der Kripo."
Thomas wird blass.
"Wer waren die dann?"
"Keine Ahnung. Aber von der Kripo waren die nicht."
"Woher weißt du dass?"
"Ich weiß es einfach."
"Linh, bitte, ich bin zu fertig, um Rätsel zu lösen."
Er lässt sich auf das Sofa fallen und legt den rechten Arm über seine Augen, so, als ob er die Welt ausblenden möchte. Ich kann es ihm nicht verdenken.
"Du weißt doch, dass ich für die Polizei gearbeitet habe. Und so benimmt man sich einfach nicht als Kripobeamter bei dieser Art von Vernehmung. Aber lass' uns jetzt nach deinem Sohn schauen. Malte ist schon lange genug alleine da oben. Ich erkläre es dir später genauer."
Sechs Jahre lang habe ich als freiberufliche Psychologin ohne besondere kriminalistische Ausbildung für die Polizei gearbeitet, während ich gleichzeitig eine psychologische Praxis führte. Der Grund dafür, dass ich als Laie auf dem Gebiet der Polizeiarbeit trotzdem in diesen Bereich hineinrutschte, ist meiner Fähigkeit geschuldet Lügen zu erkennen, sowie einer schicksalhaften Begegnung. Um die Fähigkeit Lügen zu erkennen ranken sich viele Legenden, und in der Regel verschweige ich diese Fähigkeit wohlweislich. Die meisten Menschen würden sich in meiner Gegenwart sonst unbehaglich fühlen. Katharina wusste Bescheid, Thomas tut es noch nicht.
In der Populärliteratur, in Hollywoodfilmen und von zweifelhaften Persönlichkeitstrainern wird die Fähigkeit eine Lüge zu erkennen oft mit dem gekonnten Lesen von Körpersprache gleichgesetzt. Vermeidung von Blickkontakt oder Anstarren, nach oben links schauen, sich im Gesicht berühren, die Lippen zusammenpressen und so weiter... Die Realität hingegen ist – wie so oft – komplizierter und zugleich einfacher als uns die selbsternannten Experten weiß machen wollen. Die meisten von uns halten sich für gute Menschenkenner. Diese Eigenschaft scheint eine sehr begehrenswerte zu sein, da viele mit einem gewissen Stolz von sich behaupten, sie zu besitzen. Dabei hat das Erkennen einer Lüge gar nicht so viel mit Menschenkenntnis zu tun. Eher damit, sich von seinen eigenen Mustern zu lösen und ganz nach außen zu gehen, in die Beobachtung, in den Bezugsrahmen des anderen. Es geht darum, Muster zu erkennen und zu erkennen, wann diese durchbrochen werden. Man benötigt dazu eine gute Beobachtungsgabe und ein gutes Gedächtnis. Viele Lügen lassen sich erst dann bemerken, wenn das Gegenüber sich in Widersprüche verstrickt. Das müssen keine verbalen, logischen Widersprüche sein. Wie ein Sprung in einer Tasse kann es eine Aussage oder ein Verhalten sein, welches das eigentliche Muster durchquert, es stört. Um eine Lüge wirklich zu entlarven, muss man das unter der Lüge liegende Muster der Ehrlichkeit erkennen. Und darin bin ich ziemlich gut. Warum, das kann ich nicht zufriedenstellend erklären. Bereits als Kind habe ich die Menschen sehr genau beobachtet, ohne dass es mir bewusst auffiel. Heute weiß ich, dass ich mir im Kopf schon damals eine Art Statistik angelegt habe, wie oft Menschen welches Verhalten in welchen Situationen zeigen, und wenn das Verhalten abweicht, ist es wahrscheinlich, dass die Personen unter einem besonderen Druck steht. Dann kommt es oft zu einer Lüge, und Kinder werden häufiger angelogen als Erwachsene, auch, weil sie vor der Wahrheit geschützt werden sollen. Das habe ich früh begriffen. Zudem habe ich ein außergewöhnliches akustisches Gedächtnis. Wenn mir jemand etwas erzählt, merke ich es mir. Mit dem geschriebenen Wort funktioniert das bei mir nicht so gut. Meine Umwelt, vor allem meine Eltern und meine Schwester, hat es oft zur Weißglut gebracht, wenn ich ihnen wortgetreu vorgehalten habe, was sie dann und dann gesagt hatten. Oft haben sie es dann bestritten, was mich wiederum zur Weißglut brachte. Ich habe eine Weile gebraucht um zu lernen, dass es nichts nützt die Wahrheit zu kennen, wenn sie nicht erwünscht ist, und dass es oft nicht um die Wahrheit geht, sondern um Meinungen, und die scheren sich in der Regel nicht um die Wahrheit, noch nicht einmal um die Realität. Als Kind glaubte ich, alle Menschen würden so denken und wahrnehmen wie ich, darum kam mir das Lügen dumm und unverständlich vor, noch unverständlicher war es mir, dass eine Lüge so oft nicht durchschaut wird. Erst als ich ins Teenager-Alter kam wurde mir klar, dass diese Fähigkeit anderen Menschen Angst macht und nervig ist, und ich achtete darauf, sie zu vertuschen, tue es bis heute. Inzwischen habe ich selbst gelernt, wie man lügt.
Das ist keine Leidensgeschichte, die ich hier erzähle. Es geht mir nicht schlecht mit dieser Fähigkeit, schließlich haben wir alle irgendwelche Eigenschaften, mit denen wir uns selbst das Leben manchmal leichter, manchmal schwerer machen. Meine ist, zugegeben, nur etwas seltener. In Tests, welche bei der Kriminalpolizei mit mir durchgeführt wurden, lag meine Trefferquote bei 99 Prozent. Man war beeindruckt und bot mir gegen eine gute Bezahlung an, die Polizei bei Vernehmungen von Verdächtigen und die Verhandlungsgruppe des SEK zu unterstützen.
Die schicksalhafte Begegnung ereignete sich in einer Novembernacht.
Da ist ein Frau auf der Brücke, die herunterspringen will, und das meint sie ernst, denn sie lügt in dieser Sache nicht. Aber in anderen Dingen tut sie es. Ich rede drei Stunden mit ihr, es ist sehr kalt und es regnet, aber wir vergessen wohl beide alles um uns herum. Ich will fair zu der Frau sein und erzähle ihr daher im Verlauf des Gesprächs von meiner besonderen Begabung. Sie soll wissen, woran sie bei mir ist, schließlich bin ich vielleicht der letzte Mensch, mit dem sie spricht. Doch das werde ich glücklicherweise nicht sein.
Um vier Uhr morgens fahren wir gemeinsam zu einer Autobahnraststätte, trinken einen scheußlichen Kaffee zusammen und vereinbaren, die ganze Sache für uns zu behalten. Was die Frau auf der Brücke damals nicht weiß: Ich hatte vor, das Gleiche wie sie zu tun. Im Sommer hatte ich Tom verloren. Ohne es zu wissen, rettet sie in dieser Nacht auch mein Leben.
Diese Frau meldet sich ein Jahr nach dem"Vorfall" noch einmal bei mir. Wir gehen wieder zusammen einen Kaffee trinken, diesmal einen richtig guten, und sie lädt mich zum Essen ein. Es ist ein schöner Abend, ich bin froh, dass es ihr besser geht, sie scheint ein sehr netter Mensch zu sein. Und sie ist Erste Polizeihauptkommissarin und erzählt mir, dass man einen Menschen mit meiner Begabung gut gebrauchen könnte und sie gibt mir eine Adresse und ein Datum für ein Vorstellungsgespräch. Das ist der Beginn meiner sechs Jahre währenden Tätigkeit für die Polizei und meiner bis heute andauernden Freundschaft mit Paula, der Oberpolizistin – inzwischen pensionierter Oberpolizistin – die nicht wirklich so heißt, aber wir haben uns an jenem Abend ja versprochen, die Sache für uns zu behalten.
Zehn Jahre nach der Geschichte auf der Brücke erkläre ich nun Thomas am Küchentisch sitzend meine besondere Begabung. Wir haben uns um Malte gekümmert, der in seinem Zimmer mit Sherlock und Zita gekuschelt hat. Er hat einen Kakao bekommen und etwas Hühnersuppe gegessen, und jetzt wirft er im Garten einen Ball, um den sich die Hunde rangeln. Man kann das Gebell von Zita hören und Maltes Kommandos. In einer Stunde werden Maltes Großeltern hier sein, die Ruhe vor dem Sturm.
"Das Verhalten der Männer war von Anfang an merkwürdig", sage ich jetzt."Aber ich war sicher, dass sie lügen, als der ältere, Gruber, sagte, dass sie die Todesumstände von Katharina untersuchen. Sie waren vor allem auf den Computer aus."
Thomas wirkt überfordert mit der Situation.
"Hätten wir das nicht verhindern müssen? Die Polizei rufen? Wenn du das wusstest, warum hast du sie nicht aufgehalten?"
Ich nehme den Vorwurf nicht persönlich, er ist logisch.
Thomas streicht sich mit den Händen über sein Gesicht und murmelt eine Entschuldigung, ich schüttle den Kopf und mache eine beschwichtigende Geste.
"Ist schon gut, die Frage ist berechtigt. Es ist nur so...", ich überlege kurz, wie ich es ihm erklären kann, dann atme ich tief ein und entscheide mich für die schonungslose Variante.
"Die beiden Männer sind nicht von der Kripo. Aber sie sind Profis. Sie waren ruhig und selbstsicher und schienen in keiner Weise nervös oder unter Druck zu sein, so, als hätten sie nichts zu befürchten. Und ich bin mir nicht sicher, wie weit sie gegangen wären, wenn wir ihnen zu viele Steine in den Weg gelegt hätten."
Thomas reißt entsetzt die Augen auf.
"Glaubst du etwa, die hätten uns umgebracht?"
"Das weiß ich nicht." Ich schaue kurz in den Garten, bevor ich weiter rede und vergewissere mich, dass Malte noch mit den Hunden beschäftigt ist.
"Wir beide glauben nicht an einen Selbstmord von Katharina. Der einzige Schluss ist dann, dass sie umgebracht wurde. Worin auch immer Katharina verwickelt war, es hat sie das Leben gekostet. Ich denke, wir sollten jetzt sehr vorsichtig sein."
Thomas schüttelt ungläubig den Kopf.
"Das macht doch alles keinen Sinn. Ich kann mir das einfach nicht vorstellen. Katharina umgebracht, verwickelt in irgendwelche Machenschaften. Das ist doch alles absurd. Sowas passiert doch nicht wirklich."
Ich schaue auf einen kleinen Kakaofleck auf der Tischdecke und denke, dass ich schon so oft mit Dingen zu tun hatte, die nicht wirklich passieren. Ich habe meinen unschuldigen Blick auf die Realität längst verloren. Was soll ich antworten?
"Sollen wir trotzdem die Polizei rufen?", fragt Thomas jetzt noch einmal."Ich meine, wenn das Betrüger oder Verbrecher waren, müssen wir doch der Polizei Bescheid sagen. Die werden doch überprüfen, ob das ihre Beamten waren. Die müssen das doch wissen, auch wegen der Ermittlungen."
Darauf habe ich eine Antwort.
"Ja, die Polizei sollte informiert werden. Aber nicht auf direktem Weg. Ich kann mich darum kümmern. Natürlich nur, wenn du nichts dagegen hast. Ich habe noch Verbindungen aus alten Zeiten. Ich meine, es ist leichter für mich, an Informationen zu kommen, und außerdem... außerdem würde ich dir das gerne abnehmen. Du hast genug zu tun."
Zu meiner Erleichterung sehe ich Dankbarkeit in Thomas Augen.
"Das wäre gut, Linh. Ich glaube, ich schaffe so etwas im Moment nicht. Ich will... einfach nur mit dieser Situation irgendwie klar kommen und für Malte da sein. Das ist alles schon so schlimm genug. Aber... aber wenn es so sein sollte, wie du befürchtest, dann will ich Gewissheit haben. Ich... ich muss das nur erst einmal alles begreifen."
Ich nicke und schmecke die Verantwortung bittersüß auf meiner Zunge. Bitter, weil ich Angst vor dem habe, was mir begegnen wird, wenn ich mich auf die Suche nach der Wahrheit mache, weil der Anlass so traurig ist. Süß, weil es der letzte Dienst ist, den ich Katharina erweisen kann, weil ich etwas tun kann, weil ich es Malte versprochen habe.
Ich bitte Thomas, mir sicherheitshalber die Festplatte von Katharina zur Aufbewahrung zu geben, dann stehen wir vom Küchentisch auf. Ich gehe nach oben, ziehe das Gästebett ab und beziehe es neu. Thomas geht in den Garten zu seinem Sohn. Wir haben beide im stummen Einverständnis beschlossen, nicht weiter in das finstere Loch der Spekulationen zu steigen.
Für die weiteren Nächte habe ich mich in einem Hotel einquartiert, ich finde, die Familie sollte unter sich sein können, auch wenn Thomas mir versichert, dass er mich gerne noch im Haus haben möchte. Aber auch ich brauche Abstand. Die Suche nach der Wahrheit muss etwas warten, sie erfordert einen klaren Kopf, und ich spüre, wie die Müdigkeit sich wie Blei um meine Stirn legt und mein Denken bizarr und langsam macht. Bald wird der Rest der Familie eintreffen. Ich werde einen Spaziergang mit den Hunden machen und mich im Hintergrund halten, mich um die Trivialitäten kümmern, damit Platz für Nähe, Trost und Trauer geschaffen wird. Eins nach dem anderen, das ist jetzt wichtig.
Inzwischen ist es später Abend und ich sitze auf dem Bett in meinem Hotelzimmer im Radisson Inn. Zita und Sherlock liegen Rücken an Rücken und der große Däne schnarcht leise. Auch ich bin unendlich müde, was jetzt, in der nur vom gedämpften Straßenlärm und Sherlocks leisem Schnarchen untermalten Stille erst richtig zum Tragen kommt. Als Katharinas und Thomas' Familie eintraf, vor allem, nachdem ich Julia vom Flughafen abgeholt hatte, füllte sich das Haus erneut mit geballter Trauer, aber auch mit Leben und Geschäftigkeit. Ich bin froh, jetzt alleine zu sein und meine Gedanken ordnen zu können, auch wenn mir die Erschöpfung in die Knochen kriecht. Ich weiß, dass ich in einem solchen Zustand trotz der Müdigkeit noch nicht schlafen kann, darum beschließe ich, bei Paula anzurufen. Es ist fast ein Uhr, aber ich weiß, dass Paula seit ihrer Pensionierung selten vor vier Uhr morgens ins Bett geht. Schlafen war immer schon ein Problem für sie gewesen, aber seit sie ihren ganz eigenen Rhythmus leben kann, hat sie keine Schlafstörungen mehr. Nachteulen haben es im Arbeitsalltag schwerer, das weiß ich aus Erfahrung.
Ich wähle ihre Nummer von meinem Handy aus und es tutet nur drei mal, dann wird am anderen Ende der Leitung bereits abgehoben und Paulas Stimme klingt frisch, tief und vertraut.
"Hier ist Linh. Ich denke, du hast noch nicht geschlafen, oder?"
Es tut gut, die Freude in Paulas Stimme zu hören.
"Na sowas, mein Glückskeks ruft an! Das ist aber schön. Und natürlich habe ich noch nicht geschlafen. Ich sitze nämlich an meinem neusten Kochbuch, fünfzig erfundene Urlaubsgerichte für Daheimgebliebene."
Ich muss tatsächlich lachen. Seit ihrer Pensionierung schreibt Paula Kochbücher mit seltsamen Titeln und unglaublich leckeren Rezepten, und sie hat großen Erfolg damit. Und – wie auch ich es tue – veröffentlicht sie ihre Bücher unter einem Pseudonym, denn auch sie liebt das Leben in der Abgeschiedenheit.
"Was hat es denn damit auf sich?", frage ich.
"Nun ja, es handelt sich um Gerichte, die man vielleicht so im Urlaub gegessen haben könnte, nur, dass ich sie selbst erfunden habe. Balkanstil, Chinastil, französisch, indisch, mediterran und so weiter... Dazu gibt es zu jedem Rezept eine kleine Geschichte, die man seinen Gästen zu dem Gericht auftischen kann. Du weißt schon... im Sinne von dieses Soufflé hab ich in einem kleinen Restaurant in der Nähe des Montmartre zum ersten Mal gegessen, ich musste mit dem Koch schlafen, um an das Rezept zu kommen."
Paulas tiefe, leicht spöttisch klingende Stimme perlt in meinem Kopf wie Sekt und ich fühle, wie ich mich entspanne und ein Teil der Last des Tages leichter wird.
Ich versichere Paula, dass auch dieses Kochbuch ein Renner werden wird und erkundige mich nach Kugel, ihrem Basset-Hound, und nach Kuhlmann, ihrem Lebensgefährten, einem Gefäßchirurgen, den sie selbst aus einem mir unbekannten Grund immer nur beim Nachnamen nennt. Ich glaube, er heißt Ferdinand, bin mir aber nicht sicher. Beide, Hund und Freund, erfreuen sich bester Gesundheit und schlafen bereits seit Stunden. Wir lachen kurz über die Reihenfolge meiner Erkundigungen: Erst der Hund, dann der Mann. Doch die kluge Paula hat schnell raus, dass ich nicht zum Plaudern angerufen habe und spricht mich direkt darauf an.
"Wenn du mich um diese Uhrzeit anrufst, hast du etwas auf der Seele, Linh. Was kann ich für dich tun?"
Paulas nüchterne und doch einfühlsame Art macht es mir leichter, die Geschehnisse zu erzählen, und ich berichte ihr alles, was mir im Zusammenhang mit Katharinas Tod berichtenswert erscheint. Als ich fertig bin, herrscht am anderen Ende der Leitung eine kurze Stille.
"Das ist sehr traurig.", sagt Paula dann. Katharina und sie sind sich einige Male bei mir begegnet und mochten sich sofort.
"Und das klingt in der Tat beunruhigend. Und da ich um dein besonderes Talent weiß, klingt es umso beunruhigender. Aber ich kann tatsächlich etwas für dich tun. Ich habe noch Verbindungen zur Kripo in Hamburg. Allerdings werde ich nicht mit der Tür ins Haus fallen können, du musst mir also etwas Zeit geben."
Ich schöpfe Hoffnung.
"Ich danke dir sehr, Paula. Ich... ich frage mich wirklich, in was Katharina da hineingeraten ist. Sie war so... so unschuldig und hat als Kind noch nicht einmal eine Mark behalten können, die sie auf dem Boden gefunden hat. Das passt alles nicht. Es ist das völlig verkehrte Ende für einen so lieben Menschen."
Paula seufzt.
"Das stimmt, Liebes. Aber wir sind beide Wahrheitssucher, wenn auch in Rente. Alte Gewohnheiten sterben bekanntlich nicht. Es war sicherlich das verkehrte Ende, aber wir können dafür sorgen, dass Katharinas Geschichte hier nicht endet. Ich schau, was ich tun kann. Gibt es eine Kopie der Festplatte?"
"Die ist in meiner Reisetasche."
"Was immer du darauf findest, halt' bitte die Füße still und warte, bis ich mich melde. Versprichst du mir das?"
Ich verspreche es. Wir wünschen uns beide alles Gute und schicken uns durch die Leitung dicke Umarmungen, dann lege ich auf und zum ersten Mal, seit ich von Katharinas Tod erfahren habe, heule ich Rotz und Wasser.
Ich bleibe neun Tage in Hamburg, bis zu Katharinas Bestattung. Die Staatsanwaltschaft hat keine Mordermittlungen eingeleitet, es heißt, der Leichnam sei obduziert worden und man habe keine Spuren von fremder Gewalteinwirkung gefunden und auch der toxikologische Befund sei unauffällig gewesen, offiziell lautet die Todesursache also Suizid. Katharinas Computer und ihre persönlichen Gegenstände, der Laptop, das Handy, ihr Reisekoffer wurden tatsächlich zurück gebracht. Nicht von Gruber und Kleinschmidt, sondern von zwei anderen Beamten. Das macht es noch rätselhafter, in welcher Funktion die beiden Männer hier waren.
Thomas bittet mich, auch den PC mitzunehmen. Ich sage es ihm zu.
