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Zur Weihnachtszeit sieht Graf Harro von Thorstein die junge Fürstentochter Rosmarie zum ersten Mal. Vor der kalten Herrlichkeit der Burg von Brauneck, wo das zarte Mädchen seit dem Tode ihrer Mutter aufgezogen wird, ist Rosmarie in den Wald geflüchtet. Mit seinem feinen Gefühl für Kinderseelen gewinnt Harro nach und nach das Vertrauen des elfengleichen Kindes, das für sein Alter seltsam tief empfindet. Licht kommt in Harros Welt, als er im Walde sein Seelchen findet, - die kleine Tochter des Fürsten Brauneck.
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Seitenzahl: 44
Veröffentlichungsjahr: 2012
Agnes Günther
Waldweihnacht
Kapitel 1
nach der ersten Auflage (1913) von
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Agnes Günther: Die Heilige und ihr Narr
Erstausgabe 1913
Kapitel 1, Waldweihnacht
Herausgegeben & Copyright © 2012:
Adelheid Cihlar, Sabine Holschuh
Alle Rechte vorbehalten.
Einbandgestaltung: Susanne Rudolph
Text nicht an die aktuelle Rechtschreibung angeglichen.
Druck und Verlag: epubli GmbH, Berlin,
www.epubli.de
Zur Weihnachtszeit sieht Harro Graf von Thorstein die junge Fürstentochter Rosmarie zum ersten Mal. Vor der kalten Herrlichkeit der Burg von Brauneck, wo das zarte Mädchen seit dem Tode ihrer Mutter aufgezogen wird, ist Rosmarie in den Wald geflüchtet. Mit seinem feinen Gefühl für Kinderseelen gewinnt Harro nach und nach das Vertrauen des elfengleichen Kindes, das für sein Alter seltsam tief empfindet.
Ein dichter Nebel lag drei Tage über dem Waldland, dann kam die scharfe Kälte, und nun hat der Wald sein schönstes Weihnachtskleid angezogen. Wie feierliche Kandelaber sind die alten Schirmtannen, die oben auf der freien Höhe stehen, nur daß sie ihren Kerzenschmuck nach unten hängen. Tief bis auf den Boden senken sich ihre Äste unter der schweren Last, die nun ein heimliches Nest bilden, von dem man sich denken möchte, daß darunter irgendein frierendes Häslein oder Reh ein Obdach fände. Die Birken sind mit tausend und aber tausend Kristallperlen behangen, und an ihr feines Gefieder hat sich der Rauhreif angesetzt, wo ein Blattknöspchen auf den kommenden Frühling wartet, daß es läßt, als wollte der Baum mitten im Winter seinen Mai haben, aber einen silbernen. Jedes Möslein am Weg, der Dornstrauch dort, aus dessen kristallenem Gezweig noch die roten Beeren hervorleuchten, alle haben sich in köstliche Festgewänder geworfen. Wie zierlich und fein steht der Distel ihr Silberkrönlein, wie ist aus dem geduckten Schlehenstrauche das Meisterstück eines Elfensilberschmieds geworden! Ganz still ist`s, und nur zuweilen geht ein feines Klingen durch den Wald, und ein Seufzen, wenn ein Zweig einen Teil seiner Last, die ihm zu schwer geworden ist, abschüttelt. Die Buchen sind ganz dicht geworden, und auf den Weg, über dem sie wieder, wie im Sommer, doch nun aus edlem Weiß, Silber und Kristall, den gotischen Dom bilden, fällt ein wunderbares gedämpftes Licht von dem sanften nebelgrauen Himmel, der doch ein mattes Sonnengold ahnen läßt. Der Haselbusch hat sich mit breiten silbernen Bändern behängt, die in seltsamen Bogen und Windungen seine Zweige verbinden. Spinnfäden sind`s, und wie würde sich die emsige Spinnerin, die nun längst wie ein totes welkes Blättlein über ihren noch schlafenden Kindlein hängt, verwundern, wenn sie sehen könnte, was aus ihrem Gespinst geworden. Fliegt ein Vogel auf, so stiebt ein Wölkchen von silbernen Sternen, und wie sie fallen, so liegen sie auf dem Weg und schmücken auch ihn, der sonst so nackt und braun ist.
Zwischen den Schirmtannen hervor, welche die Höhe umstehen, kommt auf den weißen Buchendom zu ein großer Mann geschritten, in waldmäßigem Lodenwams, einen verschabten grünen Filzhut auf dem krausen braunen Haar. Unter dem alten Hut leuchten in die Pracht hinein ein paar graublaue Augen, und wenn an dem Mann einem zuerst nichts als seine ungewöhnliche Länge und mächtige Breite auffallen mag, so tut`s ein Blick in diese Augen, denn es sind die Augen derer, die sehen. Als saugten sie es in sich, dieses Bild des Waldwegs, mit den silberangehauchten Säulenreihen der Buchenstämme, ferne durchleuchtet von dem matten Opal des Himmels. „Augen, meine lieben Fensterlein… Trinkt, o Augen, was die Wimper hält, von dem goldnen Überfluß der Welt!“ Diesmal ist`s ein silberner Überfluß. Dort steht er an der mächtigen Buche, und es umschließt ihn das Schweigen und die feierliche Stille, und es ist, als hielten die Bäume und Sträucher den Atem an; als müßte etwas werden, etwas Wunderbares, etwas Geheimnisvolles, etwas, das den gewöhnlichen Lauf des Geschehens unterbricht. Und das feine Klingen von fern und nah und das Seufzen geht durch die Stille, als hörte man das Herz des Waldes schlagen.
