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Episodenhaft erzählt Udo Gröbner aus dem Leben von Olympiasieger Florian und Gastwirt Oskar, die so gar nichts gemeinsam haben. Dem einen gelingt alles während der andere mit seinem Schicksal hadert. Aber irgendwo zwischen Atlanta und dem bayerischen Wald berühren sich diese Linien, um letztlich einer verrückten Idee nachzuspüren: ein Surfpool. Im Naturschutzgebiet. Aber wieso eigentlich nicht? Eine Geschichte über Zufälle und Lebensentwürfe, sicher geglaubte Wahrheiten und weitreichende Entscheidungen.
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Seitenzahl: 196
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Personen und Handlung dieses Textes sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Begebenheiten oder lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
1996
Atlanta
Spiegelöd
2003
Spiegelöd
Atlanta
2009
Atlanta
Spiegelöd
2017
Atlanta
Leipzig
Epilog
Ubatuba
Zwei Schüsse konnten Florian Bertholds Leben für immer verändern. Er wollte treffen. Er musste treffen. Florian zwang sich zur Konzentration. Ein Auge war geschlossen, das andere blickte durch das Zielfernrohr. Er ignorierte das plätschernde Gemurmel der Zuschauer. Atmete ruhig.
Diese beiden Schüsse mussten sitzen. Alles danach wäre egal. Und wenn er für den Rest seines Lebens wie ein Betrunkener auf der Kirmes in den Himmel ballerte. Völlig irrelevant. Hauptsache, diese beiden Male: anlegen, anvisieren, abdrücken.
Er nickte.
Eine einzelne Tontaube schnellte in den sonnigen Himmel von Atlanta.
Er legte an. Er schoss.
Krachend zersplitterte das Wurfgeschoss zu einer roten Staubwolke. Nummer eins.
Er nickte erneut. Eine weitere Scheibe wurde ins Blau katapultiert. Flori verfolgte die Flugbahn seines Zieles mit dem Gewehr. Drückte ab. Lautes Splittern.
Der leichte Wind zerstob ein weiteres Mal die rote Staubwolke, bis man nicht mehr erahnen konnte, dass hier soeben etwas geflogen war. Er hatte sie erwischt. Alle beide.
Verdammt, er hatte sie tatsächlich erwischt!
»Florian Berthold scores two times. That makes an overall score of a perfect 150«, schallte es aus den Lautsprechern.
Das Blut rauschte in seinen Ohren. Sein Herz pumpte heftig. Er hatte es geschafft. Jetzt galt nur, dass der Italiener nicht auch beide Schüsse anbrachte. Ein einziger Fehlschuss und er hätte ihn geschlagen.
Flori ging zurück zu seinem Platz. Schritt für Schritt. Bemüht, ruhig zu bleiben. Schloss die Augen und versuchte seine Atemfrequenz zu reduzieren, wie er es auch vor jedem Schuss machte. Doch diesmal funktionierte das nur bedingt. Die Aufregung war einfach zu groß.
Um seiner Nervosität Herr zu werden, ließ er seinen Blick über die kleine Tribüne der Zuschauer schweifen. Wenig überraschend waren die meisten von ihnen durch ihre rotweißen Fähnchen mit den charakteristischen weißen Sternen auf blauem Grund als Fans des olympischen Gastgebers zu erkennen. Doch Bill Roy, der beste Skeet-Schütze der USA, würde in diesem Wettbewerb nichts zu holen haben. Im letzten Durchgang führte er, Florian Berthold, BRD.
In den acht zurückliegenden Runden hatte er jede einzelne Scheibe erwischt. Das war mehr, als er zu träumen gewagt hatte. Und nun stand er kurz davor, die Goldmedaille zu gewinnen.
Zum Triumph fehlte einzig, dass der Italiener Ennio Falco, der bisher ebenfalls alles getroffen hatte, bei seinen letzten beiden Schüssen patzte.
Zunächst aber hatte Nikolay Tyoply aus Russland seinen letzten Versuch. Er traf beide Tontauben, hatte aber aufgrund von vier Fehlern zuvor mit den Medaillen überhaupt nichts mehr zu tun.
Die Zuschauer wurden lauter und applaudierten, als Todd Graves an den Schießstand trat. Der Amerikaner hatte ebenfalls keine Chancen mehr auf eine Medaille, aber als einer der ihren wurde er trotzdem vom Publikum gefeiert.
Todd legte an, nickte, schoss. Die Tonscheibe flog unbeschädigt weiter.
Er nickte erneut. Diesmal saß sein Versuch. Der Widerhall des Schusses verklang, der feine rote Staub der zerfaserten Scheibe verband sich bis zur Unkenntlichkeit mit dem ihn umgebenden Himmel.
Und dann war Falco an der Reihe.
Floris Puls beschleunigte. Natürlich war es ein wenig unsportlich, dem Gegner einen Fehlschuss zu wünschen, aber er konnte nicht anders. Er wollte diese Medaille!
Ennio Falco machte sich bereit. Er wippte sein Gewehr mit dem rechten Arm. Dann hob er ihn und legte an. Senkte den Lauf. Setzte erneut an. Nickte. Die rote Scheibe wurde beschleunigt, Falcos Oberkörper rotierte leicht, als er das Objekt anvisierte. Er drückte ab. Mit einem lauten Knacken durchschlug die Kugel die tönerne Scheibe. Treffer.
Flori fluchte leise.
Falco nickte erneut. Ein weiteres Mal katapultierte der Wurfapparat eines der kleinen Objekte nach oben. Ennio Falco verfolgte mit der Gewehrmündung die Flugbahn. Ein Schuss war zu hören. Und es passierte: nichts. Die Tontaube flog unbeschädigt weiter.
Falco hatte verfehlt!
Mit dem letzten Versuch seines Kontrahenten war Florian Berthold zum Olympiasieger geworden! Der Italiener ließ enttäuscht sein Gewehr sinken. Flori hingegen riss die Arme nach oben. Jubilierend sprang er in die Luft. Er hatte es tatsächlich geschafft!
Als Flori in absoluter Feierlaune mit einigen anderen deutschen Olympioniken das Foyer der deutschen Unterkunft betrat, hingen an der Pinnw and mehrere Nachrichten für ihn. Seine Mutter hatte angerufen, ebenso sein Trainer, Ansgar. Sollte er weiterfeiern?
Nein, er wollte diesen wunderbaren Moment mit den beiden teilen. In den kleinen Zimmern gab es keine Telefonanschlüsse, daher konnte er nur in der Halle telefonieren. Er versuchte es zuerst bei Ansgar.
Als Flori ihn begrüßte, gab es kein Halten mehr.
»Du bist ja vollkommen verrückt! Das ist der absolute Wahnsinn!«, schrie Ansgar in den Hörer, wobei sich seine Stimme überschlug.
Flori schossen Tränen der Freude in die Augen, aber er konnte sie zurückhalten. Seine Mundpartie war ein einziges Grinsen. Einen anderen Ausdruck ließen seine Gesichtsmuskeln seit Stunden nicht mehr zu.
»Ganz ehrlich, mein Lieber, du hast super trainiert. Und ich habe schon mit einem guten Abschneiden gerechnet. Aber dass du das Ding gewinnst?«
Sie mussten beide lachen. Flori hatte selbst im Traum nicht daran gedacht.
»Tja, einen Goldjungen hattest du nicht auf dem Schirm, was?«
»Nein, wirklich nicht. Aber dann hat die Ansgar-Konzentrationsmethode also doch gewirkt«, scherzte Ansgar, als sie sich beide wieder etwas beruhigt hatten.
Flori dachte an die letzten Trainingseinheiten zu Hause in Leipzig. Ansgar hatte eine neue, etwas skurrile Methode ausprobiert, um die Konzentrationsfähigkeit zu stärken: Er hatte Flori per Kopfhörer Witze erzählt und in seinem erweiterten Gesichtsfeld Mitglieder des Leichtathletikvereins trainieren lassen, während Flori auf Tontauben anlegte. So hatte er gelernt, sowohl akustische als auch visuelle Reize auszublenden.
»Scheint so, ja«, bestätigte Flori lachend.
»Na gut, ich will dich nicht länger von deinem verdienten Bier abhalten. Meine Gratulation nochmal! Das ist echt der Hammer!«
Nachdem er aufgelegt hatte, atmete Flori tief durch, um sich zu sammeln, und wählte die Nummer seiner Mutter.
Sie ging sofort nach dem ersten Klingeln an den Apparat.
»Ach, Flori, ich bin so wahnsinnig stolz! Ich kann’s dir gar nicht sagen«, schluchzte sie und brach augenblicklich in Tränen aus.
Jetzt konnte auch er sich nicht mehr beherrschen. Dicke, schwere Tropfen rannen über seine Wangen.
»Unglaublich, oder? Ich kann’s selber noch gar nicht fassen.«
Er hatte nicht weinen wollen. Seit sein Vater gestorben war, hatte Flori nach und nach den männlichen Part der Familie übernommen. Oder eher übernehmen müssen. Seine Mutter hatte ihn in diese Rolle gedrängt.
»Schade, dass dein Vater das nicht mehr erleben durfte. Aber ich bin mir sicher, wo auch immer er jetzt ist, ist er auch stolz auf dich.«
»Ja, bestimmt«, antwortete Flori knapp. Er wollte jetzt nicht an seinen Vater denken.
Nach ein paar kurzen Sätzen verabschiedeten sie sich. Seine Mutter war einfach immer noch zu sehr in der Vergangenheit verhaftet. Aber Floris Leben war die Gegenwart.
Und diese sollte nun wirklich ordentlich begossen werden! Wie oft wurde man schon Olympiasieger?
Zwei Stunden später legte Flori sich völlig erledigt und latent beschwipst auf sein Bett. Er starrte an die Decke des engen Raumes. All das Training, all die körperlichen Strapazen. Es hatte sich gelohnt!
Er hatte das Gefühl, jede einzelne Faser seines Körpers bestünde aus purer Freude.
Hätte er damit rechnen können? In seinen kühnsten Träumen vielleicht. Niemand hatte das vorhergesehen. Noch nicht mal er selbst.
Flori drehte sich zur Seite. Sein Blick streifte das Hochzeitsfoto seiner Eltern, das er auf den Nachttisch gestellt hatte. Als er an die Worte seiner Mutter am Telefon dachte, wurde er nun doch traurig. Sein Vater war vor Jahren, noch zu DDR-Zeiten, an einem Herzinfarkt gestorben. Schade, dass er diesen Tag nicht mehr miterleben durfte. Sein Sohn – Olympiasieger. Sie hatten kein besonders inniges Verhältnis gehabt. Aber immerhin hatte er ihn zum Schießen gebracht.
Was wohl der Lehrer aus der Unterstufe machte, der ihn gefördert hatte? Und seine Trainer aus der GST, jener Organisation innerhalb der DDR, die für die Sportförderung von Schützen zuständig war?
Nach der Wende, Flori war gerade vierzehn geworden, wurde Ansgar sein Trainer und Mentor. Ansgar arbeitete am Olympiastützpunkt Leipzig und war auf das junge Talent aufmerksam geworden, als er die Stadtmeisterschaft der Schüler locker gewonnen hatte. Ansgar hatte vom ersten Moment an ihn geglaubt.
Die Wettbewerbe wurden mit der Vereinigung der beiden deutschen Staaten bunter, die Konkurrenz größer. Nun war es möglich, auch im europäischen Westen zu Turnieren zu fahren. Schon allein die Ausflüge nach Westdeutschland und das Gespräch mit den Kollegen dort waren spannend gewesen.
Von vielen ostdeutschen Schützen hörte Flori allerdings, dass es an anderen Orten nicht so einfach weiterging wie bisher. Viele Schützenvereine mussten verkleinern oder schließen. Es fehlte schlicht die Finanzierung.
Am nächsten Morgen, dem 27. Juli, warteten immerhin vier Journalisten auf Flori, um ihm zu seiner Goldmedaille zu gratulieren und ein paar markige Sätze auf ihre Notizblöcke zu bekommen. Florian, der bisher nur selten Interviews gegeben hatte, gefiel das. Für seinen Geschmack hätten es ruhig ein paar mehr Gesprächspartner sein können.
Gerade, als er sich von dem letzten Journalisten verabschiedete, betrat ein wuchtiger Mann in Hemd und Jeans die Lobby. Sein korrekt kurz geschnittenes Haar umrahmte den kantigen Kopf. Er sah sich hektisch um. Sein angespannter Gesichtsausdruck verflüchtigte sich jedoch in dem Moment, in dem er Flori entdeckte. Mit eiligen Schritten kam er näher.
»Guten Tag, Herr Berthold!«, begann er die Unterhaltung auf Englisch und streckte Florian seine große Hand zur Begrüßung entgegen.
»Mein Name ist Walt Whitman, nicht verwandt oder verschwägert.« Er grinste, bemerkte dann aber, dass Florian seine Anspielung nicht verstand, und fügte hinzu: »Mit dem Autor. Walt Whitman. Na ja, egal.«
Walt machte eine wegwerfende Handbewegung.
»Wie ich sehe, sind Sie mit den Journalisten so weit durch. Ich bin CEO von American Metal. Wir vertreiben Gewehre und Munition für Sportschützen. Lassen Sie mich Ihnen zu Ihrem unglaublichen Erfolg herzlichst gratulieren und mindestens einen Kaffee spendieren, ja? Kommen Sie!«
Walt lächelte Florian verbindlich an und deutete mit einem Arm in Richtung einiger kleinerer Tische, die am Fenster des angrenzenden Frühstücks- und Barbereiches standen. Vor dem Fenster herrschte geschäftiges Treiben. Athleten aus aller Herren Länder befanden sich im strahlenden Sonnenschein auf dem Weg von oder zu den Sportstätten.
Flori nickte und setzte sich. Was würde nun kommen? Sollte dies sein erster Sponsor werden? Er knetete zur Beruhigung seine Hände unter dem Tisch, sodass Walt es nicht sehen konnte. Beinahe sofort erschien eine stämmige, dunkelhaarige Kellnerin, die sich sichtlich darüber freute, Kundschaft zu bekommen. Sie bestellten Kaffee.
»Ich muss schon sagen, das war wirklich eine unglaubliche Leistung, die Sie da gestern abgerufen haben. Alle Achtung! Ich meine, Sie waren ja gar nicht in der Spitzengruppe gesetzt gewesen. Aber wie Sie trotzdem die Nerven behalten haben und dann einfach Bam, Bam. Fantastisch!«
Bei den Schussgeräuschen stilisierte Walt, der für Floris Geschmack einen Tick zu schnell sprach, einen Gewehrschützen, der in die Luft schoss.
»Vielen Dank. Ja, da hat sich das Training endlich mal richtig ausgezahlt«, entgegnete Flori, der olympische Goldmedaillengewinner. Der Gedanke an das Wort allein gab Florian einen Schub Selbstvertrauen. Goldmedaille! Bei den Olympischen Spielen!
Bislang hatte er nie mit Sponsoren zu tun gehabt. Sollte sich das jetzt ändern? Ihm sollte es nur recht sein. Von irgendwas musste er schließlich auch leben. Sein Vertrag bei der Bundeswehr lief nach Atlanta aus.
»Wie soll ich sagen? Mir war schon klar, dass ich zu außergewöhnlichen Leistungen imstande bin«, versicherte Florian weiter. »Natürlich kommt es auch auf die Tagesform an, aber ich wusste, dass ich vorn mitspielen kann.«
»Und das ist es, wonach wir bei American Metal Ausschau halten. Gewinnertypen!«
Walt boxte Flori spielerisch gegen die Schulter.
Flori hatte den Eindruck, als hätte Walt solche Unterredungen schon häufiger geführt. Vermutlich folgte er im Wesentlichen immer dem gleichen Drehbuch.
»Ich will gar nicht lang drumherumreden«, setzte Walt hinzu, während die Kellnerin ihnen jeweils eine Tasse Kaffee servierte. »Wir würden Sie gern sponsern. Und ich würde dann mit Ihnen gemeinsam eine Tour durch unsere Läden machen. Gleich nach den Spielen. Was halten Sie davon? Das wären in Summe sechs Wochen. Sie lernen die Vereinigten Staaten von einer ganz neuen Seite kennen. Und verdienen nebenbei 50.000 Dollar.«
Flori fühlte einen kurzen Adrenalinschub. Er erkannte eine Gelegenheit, wenn sie sich ihm bot. Und er war mehr als gewillt, danach zu greifen. Aber er wollte sich nicht zu billig verkaufen.
»Hm, das klingt interessant. Ich bräuchte natürlich eine detaillierte Aufstellung, was genau meine Pflichten durch das Sponsoring wären und wie diese Tour aussehen würde. Und für einen Goldjungen wie mich sollten Sie schon noch etwas tiefer in die Tasche greifen.«
»Natürlich, natürlich. Das habe ich alles bereits vorbereitet.«
Walt nahm ein paar Papiere aus seiner abgegriffenen Ledertasche.
»Ich dachte mir schon, dass Sie Ihren Wert genau kennen. Hier sehen Sie unser Angebot.«
Er legte zwei Blatt Papier auf den Tisch. Auf einem stand in dicken Lettern 55.000 Dollar.
»Anhand der Zahl sehen Sie hoffentlich auch, dass wir es ernst meinen. Überlegen Sie es sich. Ich für meinen Teil hätte absolut Lust darauf, diese kleine Tour gemeinsam mit Ihnen zu absolvieren!«
Walt reichte Florian die Hand. »Ach ja, hier noch meine Karte. Rufen Sie mich doch morgen früh an, damit wir gleich die Reisedetails besprechen können.«
Das war ein Mann, der Nägel mit Köpfen machte. Flori war beeindruckt. Dieser Walt hatte eine charismatische Art, der er sich schwerlich entziehen konnte. Er wusste, was er wollte, und er lud ihn ein, den Weg mit ihm zu gehen. Großartig! Er würde trotzdem erst mit Ansgar darüber sprechen.
***
Am Nachmittag besuchte Flori einige der anderen Disziplinen. Aus professionellem Interesse hatte er sich den Wettbewerb im Dreistellungskampf angesehen. Dabei mussten die Schützen aus 50 Metern Entfernung liegend, stehend und kniend anlegen. Das Schießen war okay gewesen, hatte ihn aber nicht sonderlich vom Hocker gerissen.
So machte er sich auf den Weg ins Olympiastadion, wo das Finale im 100-Meter-Lauf der Damen auf dem Programm stand. Izzy, das blaue Plüschmaskottchen der Spiele, versuchte vor dem Einlass durch planloses Hopsen die Wartezeit an den Kassen zu verkürzen. Izzy bestand im Wesentlichen aus einem großen Grinsemund und Cartoonaugen. Zwei Beine, zwei Arme. Fertig. Um sportlicher anzumuten, hatten die Schöpfer dem Wesen noch schwebende Blitze über den Augen spendiert. Aber es verfehlte seine Wirkung nicht: Schon nach Kurzem hatte das Maskottchen fünf Kinder dazu animiert, mit ihm um die Wette zu hopsen. Um Flori herum drängten sich überwiegend Familien. Ein Eisverkäufer mit umgehängter Kühltasche machte das Geschäft seines Lebens. Zu Floris Freude dauerte es nicht lange, bis er in das Innere des ovalen Stadions gelangte. Das heißt, ganz oval war die Sportstätte nicht: Nach den Spielen war sie für die Austragung von Baseballspielen vorgesehen und hatte daher eine kleine Delle an einer Seite. Flori verstand nicht allzu viel von Baseball. Die Form würde schon ihren Sinn haben.
Flori kaufte sich einen Hotdog und eine Cola, dann ging er zu seinem Platz. Das Stadion war zu etwa drei Vierteln gefüllt. Er sah immer wieder Menschen mit Fahnen oder Kleidung mit Wappen, wobei die meisten davon die US-Farben trugen. Der dicke Mann neben ihm ächzte kurz, als er zwei jungen Männern den Weg freigab. Zwei Reihen vor Flori versuchte eine Mutter ihre drei Kinder zu bändigen, die sich mit Popcorn bewarfen. Und halb rechts war eine kleine Delegation aus China angereist, die eifrig ihre Fähnchen schwenkten.
Dann war es so weit: Acht Läuferinnen begaben sich zu den Startblöcken. Zwei Russinnen, zwei Amerikanerinnen und jeweils eine Sprinterin aus Jamaika, Nigeria, Ukraine und Bachrain. Es würde, wenn Flori das Gespräch seines Sitznachbarn richtig verstanden hatte, ein Zweikampf zwischen der Jamaikanerin Merlene Ottey und der amerikanischen Weltmeisterin Gail Devers werden.
Die Sportlerinnen dehnten sich, hielten ihre Muskeln warm und startbereit.
Nach einigen Minuten gab der Wettkampfleiter das Zeichen, dass das Rennen beginnen könne.
Sechzehn bis zum Anschlag trainierte Beine sortierten sich in den Startblöcken. Hoch konzentriertes Schweigen legte sich über die Menge. Das ganze Stadion hielt die Luft an.
Der Startschuss knallte.
Die acht Sprinterinnen schossen nach vorn, als hinge ihr Leben davon ab. Nach den ersten 50 Metern kristallisierte sich ein leichter Vorsprung für Gail Devers heraus, aber das Rennen ging unglaublich schnell.
Merlene Ottey gab nun richtig Gas. Auch die zweite Amerikanerin im Feld, Gwen Torrence, legte zu.
Das Feld begann sich wieder zu schließen.
Und schon waren die 100 Meter gelaufen.
Es war hauchdünn!
Wer von den dreien hatte gewonnen?
Flori konnte es nicht sagen. Auch die Wettkampfrichter schienen unschlüssig.
Alle warteten. Gemurmel erhob sich im Stadion.
Nach endlos erscheinenden Minuten wurden die Zeiten verkündet: Merlene Ottey hatte exakt dieselbe Zeit wie Gail Devers!
Was hieß das? Irgendjemand musste doch gewinnen.
Endlich erschien auf der Anzeigetafel ein Name: Gold für Gail Devers! Im Stadion brach Jubel aus. Floris Sitznachbarn rissen die Arme in die Höhe, als hätten sie selbst den ersten Platz erlaufen. Auch Flori freute sich für die Amerikanerin. Ganz großer Sport! Solche Momente gab es nur bei Olympia.
Später in der Nacht fand Flori sich zusammen mit vielen anderen Zuschauern im Centennial Park ein. Dabei handelte es sich um eine der zentralen Anlagen des olympischen Dorfes. Große, kurz gehaltene Wiesen wurden von mehreren Gehwegen durchzogen. Seitlich begrenzten Laubbäume die Anlage und schützten sie vor dem Lärm der Autos. Auf einer mit roten Pflastersteinen befestigten Ebene entsprangen aus den fünf Ringen des olympischen Logos kleine Wasserfontänen. Rund um diesen Platz wehten die Fahnen der teilnehmenden Nationen auf hohen Stangen im Wind.
Hier kam jeder irgendwann einmal vorbei und so fanden tagsüber Sponsoren interessiertes Publikum und abends bot sich der Park für Konzerte an. Zum Abschluss des Wettkampftages war für heute ein Auftritt von Jack Mack and the heart attack angekündigt. Nicht, dass Flori je von dieser Band gehört hatte, aber es war kostenlos und eine laue Sommernacht.
Er ließ sich vom Strom der Menge tragen und kam auf dem Platz vor der kleinen Bühne an. Die Plattform war in hellem Weiß erleuchtet. Gelegentlich färbten rote und blaue Strahler die hohen, zu Türmen aufgeschichteten Lautsprecher und die dazwischen ruhig wippenden Musiker. Einzig der Sänger, der gerade einen neuen Song ankündigte, bewegte sich vom linken zum rechten Rand der Bühne. Neben Flori stand eine etwas ältere Frau mit ihrem vielleicht zehnjährigen Sohn.
»Der gehört aber schon ins Bett«, dachte er. Nun gut, Olympia war nicht alle Tage.
Plötzlich zuckte der Junge zusammen. Ein Lichtblitz. Ein lauter Knall am anderen Ende des Platzes. Eine Staubwolke stob von dort auf. Die Mutter schlang instinktiv ihre Arme um ihren Sohn. Beide duckten sich und sahen angsterfüllt in die Richtung, aus der das Krachen gekommen war.
Flori war ebenso verängstigt und verwirrt. Was war los? Er blickte sich um. Auf den ersten Blick konnte er niemanden in seiner Umgebung entdecken, der verletzt worden war.
Langsam löste sich die Menge aus der Schockstarre, nervöses Gemurmel durchbrach die Stille.
»Wir brauchen einen Arzt hier drüben!«, hörte er jemanden schreien. Die Luft roch nach Dreck und Schießpulver.
Es musste eine Explosion gewesen sein. Flori verharrte in seiner Anspannung. Die Mutter und ihr Sohn wussten nicht so recht, wohin. Neben ihnen bewegten sich zwei Männer in Richtung des Unglücksortes. Um zu helfen?
Der Großteil der Menge blieb unschlüssig.
»Und wenn gleich nochmal was hochgeht?«, überlegte Flori angsterfüllt.
Hektisch blickte er sich um und hielt nach verdächtigen Dingen Ausschau: ein Rucksack, ein Päckchen, irgendetwas. Seine Knie wurden weich.
»Scheiße, scheiße, scheiße.«
Er atmete tief durch. Erinnerte sich daran, wie er seine Nerven beim Schießen im Zaum hielt. Das wirkte.
Der erste klare Gedanke formierte sich: Er musste hier weg. Sofort.
Mit weit ausgreifenden Schritten entfernte Flori sich zügig von dem Platz. Es war besser, die Sicherheit seines winzigen Zimmers im olympischen Dorf aufzusuchen und durch die Nachrichtensendungen auf dem Laufenden zu bleiben, als hier der Gefahr einer weiteren Explosion ausgesetzt zu bleiben.
Zu dieser Einsicht schien nach und nach auch die Mehrheit der übrigen Konzertbesucher zu gelangen. Ein kleiner Exodus vollzog sich vom Ort des Geschehens. Mit besorgten Mienen, aber ansonsten ruhig bewegten sich die zahlreichen Männer und Frauen in Richtung der umliegenden Straßen. Eltern hatten ihre Kinder in den Arm genommen, um schneller voranzukommen. Ein älterer Mann schob eine ältere Frau im Rollstuhl. Flori war überrascht, wie ruhig es alles in allem geblieben war. Es war keine Massenpanik, kein Chaos ausgebrochen, Gott sei Dank.
Im Foyer des deutschen Gebäudes lief der Fernseher. Der Nachtportier der deutschen Delegation sah mit ernstem Blick dem Geschehen zu.
»Wie 1972 in München«, murmelte er.
Zurück in seinem Zimmer schloss Flori die Tür doppelt ab. Sollte es sich um einen politisch motivierten Anschlag handeln, wären sicher auch Athleten im Visier der Attentäter. Die dünne Tür würde zwar einem Versuch, gewaltsam Zutritt zu erlangen, nicht lange standhalten, aber es war besser als nichts. Abgesehen davon lag sein Zimmer im fünften Stock und die Eingänge ins olympische Dorf waren gut bewacht.
Er setzte sich auf sein Bett und schaltete den Fernseher ein. Seine Hände zitterten. Er war in Sicherheit, sagte er sich, dennoch raste sein Herz.
Atmen.
Ein. Aus.
Ein. Aus.
Langsam wich die Anspannung. Seine Augen füllten sich mit Flüssigkeit. Tränen quollen daraus hervor. Er konnte nicht mal genau sagen, ob aus Erleichterung, Trauer oder Bestürzung. Sein Körper reagierte einfach auf den Schock.
Flori schaltete den Fernseher ein. Ein Fernsehteam war bereits vor Ort und versuchte hektisch, sich einen Überblick über den Centennial Park zu verschaffen, aber es gab kaum Informationen. Augenzeugen beschrieben, wie sie die Explosion erlebt hatten. Rettungskräfte kümmerten sich um die Verletzten. Es hatte wohl Todesopfer gegeben.
Flori sah eine Weile zu, dann merkte er, wie müde und erschöpft er sich fühlte. Er schaltete den Fernseher ab und legte sich hin. Auf dem Nachttisch lag seine goldene Medaille.
»Was für zwei verrückte Tage«, dachte er. »Am einen bist du auf dem Gipfel deiner Karriere, am nächsten gehst du fast hops.«
Am nächsten Tag hatte sich die Nachrichtenlage etwas konkretisiert. Einem Wachmann, Richard Jewell, war die Bombe aufgefallen und er hatte durch sein schnelles Eingreifen vermutlich vielen Menschen das Leben gerettet.
Leider war die Evakuierung der Fundstelle nicht schnell genug erfolgt, sodass eine Frau getötet und über hundert Menschen verletzt worden waren. Eine weitere Person, ein türkischer Kameramann, starb durch einen Herzinfarkt. Es gab bislang keinen Hinweis auf den oder die Urheber der Attacke. Keine Forderungen, keine Bekenntnisse, gar nichts.
Wer machte so etwas? Und warum? Was bedeutete das für die allgemeine Sicherheit? Flori beschloss, zunächst kein Risiko einzugehen und sein Appartement so wenig wie möglich zu verlassen.
Er ging nur gelegentlich, wenn ihm die Decke auf den Kopf fiel, in die Lobby des Gebäudes, wo die fleißigen Helfer des Nationalen Olympischen Komitees für einen möglichst reibungslosen Ablauf für alle deutschen Sportler sorgten. Hier wurden Trainingstermine koordiniert, Fahrer bereitgestellt und sich um so triviale Dinge wie die Wäsche gekümmert. Am schwarzen Brett fand Flori einen Zettel, wonach seine Mutter angerufen hatte. Sie hatte sich zweifelsohne Sorgen gemacht, als sie die Nachrichten gesehen hatte.
Er rief sie an und versicherte ihr, dass er in Sicherheit und gut versorgt sei. In Sicherheit war er. So ganz wohl fühlte er sich trotzdem nicht. Der aufgekratzten, eindeutig zu guten Laune der meisten Athleten war zu entnehmen, dass es ihnen ähnlich ging. Sie versuchten das Beste daraus zu machen. Dabei waren die engen Wohnverhältnisse in den vergleichsweise lieblosen Unterkünften auch vor der Explosion schon bedrückend genug gewesen. Flori verbrachte den Rest des Tages damit, mit ein paar anderen Sportlern Karten zu spielen. Das beruhigte und ließ die Zeit schnell vergehen.
