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Trotz körperlicher Überlegenheit - sowohl an Kampfkraft als auch an Schönheit - gegenüber den meisten Erdbewohnern findet sich Brunhild nur schwerlich zurecht. Denn einige der scheinbar unterlegenen Mitmenschen behelfen sich mit anderen Mitteln: mit ruchloser Intelligenz, Magie, List und Tücke … Angelehnt an den klassischen Sagenkreis um die Nibelungen, entwickeln sich die dramatischen Geschehnisse dieser Erzählung aus der Sicht der Brunhild. Die sich betrogen fühlt, als sie einen Mann heiraten muss, den sie nicht liebt. - So verläuft Brunhilds Schicksal vordergründig ganz im Sinne der alten Mär. Scheinbar. Doch auch der Eingeweihte, der den alten Sagenstoff bereits von vorne bis hinten kennt, darf sich von den Hintergründen, die "Walkürenherz" vom Bekannten absondern, überraschen lassen.
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Seitenzahl: 540
Veröffentlichungsjahr: 2013
www.tredition.de
Herbert Gottfried Güntert
Walkürenherz
Roman
www.tredition.de
© 2013/Herbert Güntert
Umschlaggestaltung, Illustration: Jan Güntert
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
ISBN: 978-3-8495-7264-8
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Im Herzen eines Menschen ruht der Anfang und das Ende aller Dinge
Leo Nikolajewitsch Tolstoi
Mein Herz für die Träumenden
(Prolog)
Es war einmal … beginnt so manche Geschichte, die man kleinen Kindern erzählt. Menschenkindern. An meine eigene Geschichte – als Kind – mag ich mich nur vage erinnern, denn ich bin nicht auf Midgard aufgewachsen, der Erde, wie die Menschen heute diesen Garten bezeichnen, der einst der Garten Eden war.
Damals, als junge Frau, habe ich die Welt der Menschen nicht als Paradies wahrgenommen, eher wie ein grosses Schlachtfeld, auf dem sich die Krone der Schöpfung schlimmer gebärdete als jedes Raubtier. Aber ich möchte an dieser Stelle nicht den Krieger tadeln, der mit dem Schwert in der Hand seine Sippe verteidigt, sein Recht oder sein Land. So gesehen, bin ich selbst ein Raubtier gewesen, eine Kriegerin, und ich habe mich nicht davor gescheut, mein eigenes Schwert oder meinen Walkürenspeer mit dem Blute anderer Menschen zu beflecken.
Sanftmut war nicht meine Stärke, und ich war auch nicht besonders klug – keineswegs so gebildet wie beispielsweise Grimhild. Für Ränkespiele ihrer Art fehlte mir schlicht die Intelligenz. Als ich ihr damals begegnet bin, konnte ich nicht einmal die lateinische Sprache sprechen – geschweige denn, schreiben oder lesen!
Dagegen hatte ich andere Fähigkeiten – und Laster!
Demzufolge wird ein kluger, gebildeter Mensch – der sich alles Wissen der Welt angeeignet zu haben glaubt – über meiner Geschichte wohl sein weises Haupt schütteln. Er wird erklären: „Eine Walküre – sofern sie überhaupt existiert hat – kann doch nach ihrem irdischen Ableben kein Märchen erzählen; damit mögen die tumben Knechte und Bauern ihre Lebenszeit verschwenden. Besser wäre es, sie brächten ihr Dasein mit nützlicher Arbeit zu, anstatt den Sängen der Barden zu lauschen: jenen Tagedieben, welche den verantwortungsbewussten Fürsten und Königen in deren Hallen die Sinne mit eitlen Hirngespinsten verwirren!“ –
Nun, mir persönlich sind die Dichter und Sänger lieber. Sie verlassen sich nicht nur auf ihren begrenzten Verstand und sehen nicht nur das, was sie direkt vor Augen haben. Sie lauschen der Stimme ihres Herzens und lassen sich inspirieren von den Geistern, die ihnen im Traum die Augen öffnen für Dinge, die eben nicht mit dem menschlichen Sehorgan erfassbar sind. – Mit dem Herzen schon … wenn man sich den inneren Stimmen, den Gefühlen, die weit über alle irdischen Gefilde hinaus reichen, nicht verweigert.
Ich, Brunhild, bin nie eine romantisch verklärte Dichterin gewesen. Meine Fantasie hielt sich in Grenzen – und meine Argumente waren stets handfest! – So obliegt es nun einem namenlosen Sänger, den ich im Traum heimgesucht, dem ich mein Herz geöffnet habe, meine Lebensgeschichte wiederzugeben …
Zumal ich einen grossen Teil davon verschlafen habe!
Brunhild schlief.
Reglos, hingebettet, wie von umsichtiger Götterhand, lag ihre ranke Gestalt auf dem moosbewachsenen Felsen. – Wäre es einem Menschenkind Midgards vergönnt gewesen, sie zu betrachten, hätte es annehmen müssen, alles Leben sei ihr entwichen. Denn Brunhild schien nicht zu atmen, ihre Brust hob und senkte sich nicht, keines ihrer Lider verriet das leiseste Zucken, und die dunkle, lange Haarsträhne, die sich jetzt über ihre hohe Wange schlängelte, wurde lediglich von einem kalten Windhauch bewegt.
Ein Windhauch … ein Lebenszeichen?
Die eisigen Luftströme, die derzeit über Island hinwegfegten, schienen immerhin irdischer Natur zu sein. Zeugten sie doch von dem Odem, der alles Leben erst ermöglichte: Atemluft, ein Beweis dafür, dass die Götter sich bemüht hatten, die Insel aus Feuer und Eis zu einem Teil Midgards zu machen. Obschon dieses Eiland, am nördlichen Rande der Erdscheibe erschaffen, kaum dazuzugehören schien, viel jünger war als die übrige Landfeste und auferstanden, ja förmlich ausgespien worden war vom Drachenfeuer aus den Tiefen Utgards: Dem schwarz-rot glühenden Lavastrom, der sich einst durch das wogende Meer gebahnt und schliesslich zu Stein verfestigt hatte.
Doch darunter war das Feuer nicht erloschen.
Unsichtbar, wie die Glut in den Tiefen des Felsgesteins, loderte es gleichsam in der Seele der schlafenden Walküre: ein Lebenswille im reglosen Menschenkörper, gefangen wie die Vulkane unter hartem Stein, Schnee und Eis, sehnsüchtig auf die Gelegenheit zum Ausbruch wartend.
Und die kalte, äussere Starre tarnte Brunhilds pulsierendes Innenleben, welches ihr einen immer wiederkehrenden Traum bescherte:
Ich reite auf meinem grauen Lieblingspferd Sladar über Bifröst, der Regenbogenbrücke, die Asgard mit Midgard verbindet. Die Stute ist eine Tochter von Sleipnir, Odins achtbeinigem Hengst, so wie ich eine Tochter des Göttervaters bin. Soweit ich mich erinnern kann, bin ich schon immer eine Walküre gewesen, eine Schildjungfrau, dazu berufen, gefallene Helden von den Schlachtfeldern Midgards ehrenvoll nach Walhalla zu geleiten.
Doch Loki – der listige Gott des Feuers und Halbbruder meines Vaters – hat mir einst verraten, meine Mutter sei eine Menschenfrau gewesen, und ihr Liebreiz habe Odin dazu bewogen, mehr als ein Auge auf sie zu werfen …
„Loki ist verschlagen! Er ist ein Günstling der heimtückischen Riesen. Hüte dich vor ihm!“
So hat mich mein Vater immer wieder gewarnt. – Aber ich mag Loki. Er ist der Einzige in der hehren Götterschar, der mich immer wieder zum Lachen bringt.
Während ich gen Midgard reite, begleitet er mich in Gestalt einer züngelnden Flamme, grünlich flackernd wie das Nordlicht am Horizont. Es ist mein erster Auftrag – und so bin ich froh um Lokis Gesellschaft.
Zu meinen Füssen brandet die Schlacht, einer Sturmflut gleich, landverheerend und todbringend, als wollten sich die Sterblichen gegenseitig von der Erdoberfläche tilgen. Wäre ich selbst ein Mensch, müsste es mich traurig stimmen, aber als Walküre bin ich dagegen gefeit. So schlägt mein Herz ruhig und kalt, während ich – unsichtbar für die Lebenden – über die Reihen der Kämpfenden hinweg gleite und Ausschau halte nach dem Ziel, welches mir bestimmt ist. Ich kenne keinen der namenlos Sterbenden. Die Schreie der Verwundeten berühren mich nicht. Wie ein Schnitter, der das Heu mäht, um im Winter sein Vieh damit zu füttern, mache ich mir keine Gedanken über das Eigenleben der Grashalme. Ihr Sterben bedeutet Leben für andere Wesen.
Jetzt nähere ich mich zwei Streitern. Am Rande des Getümmels liefern sie sich einen erbitterten Zweikampf auf Leben und Tod. Der Eine, ein graubärtiger Hüne, drischt mit seinem mächtigen Schwert auf des Gegners Schild ein, dessen Fläche, Stück um Stück zerkleinert, dem Träger kaum mehr Schutz bietet. Der folgende Hieb des Recken spaltet die Überreste des Schildes in zwei Hälften, so dass der Träger, ein schlanker junger Mann in meinem Alter, der Übermacht des Älteren schutzlos ausgeliefert zu sein scheint …
„Achte auf den Lichtkranz, der das Haupt des Schlachtenopfers umgibt!“, klingen Odins Mahnworte an mein inneres Ohr. „Der Fallende wird dir nach Walhall folgen, denn er ist als Einherier von mir ausersehen. Die letzte Kür ist hingegen deine Aufgabe.“
Mit seinem quergehaltenen Speer versucht der Junge den tödlichen Schwerthieb aufzufangen. Der hölzerne Schaft zerbricht in zwei Teile – und im selben Moment sehe ich Odins Lichtschein, der das blutverklebte Blondhaar aufleuchten lässt. Ich hebe meinen Walküren-Speer, will mit der Spitze den Unterliegenden berühren …
Plötzlich werde ich geblendet vom grünen Nordlicht. Der grauhaarige Schwertträger erstarrt mit erhobener Waffe. Auch er muss die Augen schliessen, ist nicht in der Lage, den finalen Todesstoss auszuführen.
Lokis Stimme zischt in mein Ohr: „Warte, Brunhild! Überlege dir gut, was du tust. Sieh dir den jungen Krieger genauer an: Erkennst du nicht dein eigenes Antlitz in seinen Zügen? – Es ist Agnar, dein Bruder, der Sohn von Sigrun, deiner leiblichen Mutter! Willst du sein junges Leben so frühzeitig heimsuchen?“
„Mein Bruder …?!“
Innerlich aufgewühlt und mit zitterndem Herzen, wie es nur einem sterblichen Menschenwesen vergönnt sein mag, schaue ich in die blauen Augen Agnars. Unfähig meinen Speer zu heben, lausche ich des Feuergottes flammenden Worten:
„Regt sich deine Menschenseele? Gut so! Sieh dir den alten Helmgunther an: Ist er nicht besser geeignet für Odins Kriegerschar? Er ist mächtig und stark, hat sein Leben auf Mittelerde ausgekostet, unzählige Schlachten geschlagen, Frauen gehabt, Kinder und Enkel gezeugt. Agnar ist kaum dem Knabenalter entwachsen, kennt weder Lebensfülle noch Frauenliebe. Du, Brunhild, bist eine junge Frau – Walküre hin oder her –, die Seele deiner Mutter lebt in dir. Du hast ein Herz wie ein Mensch – auch wenn du das bisher vielleicht nur geahnt hast …“
Und ob ich mein Herz spüre! Heiss pulsiert das menschliche Blut in meinen Bahnen. Und mit einem inneren Feuer der Überzeugung hebe ich meinen Speer, berühre mit der goldenen Spitze Helmgunthers Schulter … Agnar sinkt in die Knie. Er hat keine brauchbare Waffe mehr, um seinen Gegner zu fällen.
Du musst ihm helfen, befiehlt mir mein Herz … und ich tue es:
In selbstgerechtem, heiligem Zorn umfasse ich den Schaft meines Speeres fester und stosse die Spitze mit aller Macht durch das alte Herz Helmgunthers …
Erfüllt von menschlichem Gerechtigkeitssinn und beflügelt von der überirdischen Fähigkeit einer Walküre reite ich zurück nach Asgard, überzeugt, das Richtige getan zu haben. Helmgunther, der hinter mir auf Sladars Rücken sitzt, scheint nicht traurig über sein Ableben zu sein. Denn er frohlockt:
„Heil Odin!
Die Schönste der Walküren geleitet mich nach Walhall.
Ihr göttlicher Leib wärmt meine Seele.
Gepriesen sei Walvater,
der ein hartes Erdenleben
mit Seiner hehren Gunst entlohnt.
Heil Dir, Schlachtenlenker, mein Schwert ist Dein!
Ragnarök mag kommen.
Nimmermehr ist mir bang!“
So betrete ich guten Mutes die Götterburg Gladsheim, mit Helmgunther an meiner Seite. Die Speerwunde auf seiner Brust ist einer Narbe gewichen, und obwohl sich sein grauer Bart nicht verfärbt hat, wirkt er jünger und voller Lebenssaft. Seine leuchtenden Augen richten sich staunend auf das mächtige Portal Walhallas, welches von einem Wolfskopf und einem Adler mit ausgebreiteten Schwingen gekrönt wird.
Die Halle meines Vaters ist die grösste in Gladsheim, wie überhaupt in ganz Asgard. Schilde aus purem Gold bilden das Dach, glänzende Speere stützen es als Pfeiler und an den Wänden hängen ebenso Schilde und gleissende Waffen aller Art. Schwerter aus Sternenstahl reflektieren das rotgoldene Licht, hell wie die Sonne.
Im Saal wächst die Zahl der auferstandenen Helden; fröhlich sitzen sie in langen Tischreihen, heben ihre Methörner und prosten Helmgunther aufmunternd zu. Manch einer erkennt meinen gekürten Begleiter und freut sich über das Wiedersehen mit dem alten Schlachtgefährten. Aber bevor sich mein Schützling zu ihnen gesellen darf, muss er mich zu Odins Thron begleiten, damit ich ihn vorstelle.
Vor uns hat sich eine Reihe gebildet. Meine acht Walküren-Schwestern sind vor mir da, ich bin die letzte. Jede präsentiert ihren Helden dem Göttervater, und mit einem wohlgefälligen Nicken bedeutet Odin dem gekürten Krieger, dass er willkommen ist und in die Schar der Einherier aufgenommen wird. Nach dieser Ehrenbekundung – die mehr oder weniger Formsache ist, wie ich finde – darf sich der Held am göttlichen Met laben, den ihm seine Wegbegleiterin in einem goldenen Trinkhorn kredenzt.
Als letzte vor mir ist Randgrid an der Reihe. Sie fährt sich mit den Fingern durch die wallenden blonden Locken, legt dann die Hand auf die Schulter ihres Helden, dreht sich kurz nach mir um, wirft mir einen spöttischen Blick zu und wendet sich anschliessend mit einem strahlenden Lächeln an Odin:
„Siehe, Walvater, einen tapferen Recken bringe ich dir: Es ist Halmar, aus Sachsenland; kühn hat er gestritten, wohlfeil ist meine Kür. Kein Besserer wird heute einherschreiten!“
„Wohlgetan“, spricht Odin. „Mir scheint, du hast nicht übertrieben. Getreu hast du deine Pflicht erfüllt – wie immer!“
Ich werfe ihr einen giftigen Blick zu, während sie hocherhobenen Hauptes an mir vorbeirauscht und ihren Helden zur Tafel begleitet. Ich hasse sie! Wähnt sie sich doch als Erfolgreichste und Schönste der gesamten Walküren-Schar! Neidisch schiele ich auf ihre stolze Brust und ihre herausfordernd wiegenden Hüften …
Odin räuspert sich.
„Ich rieche Missgunst, ja, Stutenbissigkeit; Regungen einer Menschenfrau, welche sich meiner Töchter nicht geziemen! – Wen bringst du mir, Brunhild?“
Seine tadelnde Stimme ruft mir jäh ins Gedächtnis, warum ich vor ihm stehe.
„Verzeih … Vater“, stammle ich, während ich in sein eines, bohrendes Auge blicke und um Fassung ringe. Dann atme ich tief durch, indem ich mich zwinge, Randgrids selbstherrliche Pose nachzuahmen. Meine Kür ist mindestens so überzeugend, versuche ich mir einzureden.
„Ich bringe dir Helmgunther. Er ist gross und stark; ein erfahrener Krieger, der in unzähligen Kämpfen den Sieg davongetragen und sich seinen Platz in deiner Halle redlich verdient hat. Kein Gegner war ihm ebenbürtig und …“
„Warum ist er dann hier?“, unterbricht mich Odin ungnädig. „Ist er der, den mein Lichtkranz umgürtet hat? – Sag mir die Wahrheit!“
„Loki hat gesagt …“
„Wieso Loki?“ Eine tiefe Zornesfalte durchfurcht Odins Stirn. „Loki hat Nichts zu sagen! Du hast meine Anweisungen zu befolgen. Und so weit ich mich entsinne, habe ich einen anderen Mann ausersehen: Agnar! – Richtig? Deinen irdischen Bruder! Hast du ihm den Ehrenplatz an meiner Tafel nicht gegönnt?“
„Ich wollte … ich konnte nicht zusehen, wie er erschlagen wird. Er war doch noch so jung … Dank Loki habe ich erst erfahren, dass ich auf Mittelerde einen Bruder habe … Ich habe es einfach nicht übers Herz gebracht …“ Tränen steigen mir in die Augen – und ich kann mich nicht daran erinnern, jemals geweint zu haben!
Helmgunther, zu meiner Rechten, tritt unruhig von einem Fuss auf den andern; sein verständnisloser Blick irrt zwischen Odin und mir hin und her.
„Helmgunther“, spricht Walvater, „du bist wahrlich ein kühner Recke. Hugin und Munin, meine Raben-Boten, haben mir berichtet wie du dich geschlagen hast. Du hast dir einen Platz unter den Einheriern redlich verdient, obwohl …“ Er scheint zu überlegen und schaut mich dabei finster an. Dann ringt er sich eine Entscheidung ab: „Brunhild! Du wirst deinen Gekürten jetzt an seinen Platz geleiten und ehrenvoll bewirten …“
„Danke, Erhabener“, murmle ich.
„Unterbrich mich nicht!“, grollt Odin. „Freue dich nicht zu früh! Wenn du deine Pflicht erfüllt hast, wirst du mich in meinem privaten Gemach aufsuchen. – Wir zwei haben noch etwas zu bereden!“
Derweil ich Helmgunther durch die Halle zu seinen Kameraden führe, ihm das Trinkhorn reiche und so freundlich wie möglich zu lächeln versuche, plagen mich Gewissensbisse: Wird mich Odin bestrafen, oder lediglich zurechtweisen?
Hin und hergerissen zwischen Schuldbewusstsein und Trotz, schleiche ich gesenkten Hauptes meiner Verurteilung entgegen. Der Gerichtsraum befindet sich hinter dem Hochsitz. Auf dem Weg dorthin, zwischen den engen Sitzreihen hindurch, muss ich mich ausgerechnet an Randgrid vorbeidrängeln, die sich aufreizend über die Tafel gebeugt hat und mit den Einheriern schäkert.
Du hast mir gerade noch gefehlt! rumort es in mir. Aber warte…!
Mit einem wohlfeilen Seitwärts-Schwung meiner Hüfte stosse ich heftig gegen das Gesäss, das da so herausfordernd in den Gang hinausragt …
Es ist nur fett! – durchblitzt es mich boshaft; obschon ich neidvoll zugestehen muss, dass die schöne Walküre damit die begehrlichen Blicke aller Mannsbilder erheischt – von gekürten Helden wie Göttern!
Randgrid gerät aus dem Gleichgewicht, fällt vornüber, landet bäuchlings auf dem Tisch.
„Was für ein Trampel…?“, höre ich sie zornig aufschreien. – Mit dem Gesicht zwischen umkippenden Trinkhörnern und reflexartig zupackenden Fäusten kann sie mich wohl nicht sehen. Met schwappt über den Boden, derweil sich die Zecher mit überraschtem „Hallo!“ am vermeintlichen Missgeschick meiner Rivalin weiden. Hinter meinem Rücken höre ich die ergötzlichen Kommentare und derben Zoten der dienstbeflissenen Männer, die sich eifrig um die Gestrauchelte kümmern. Ich drehe mich nicht nach ihnen um; doch Randgrids schrillem Gekreische entnehme ich, dass lüsterne Hände dort hin greifen, wo es sich für gewöhnlich nicht geziemt …
Sollen sie ihren Spass haben, durchfährt es mich hämisch, während ich stur geradeaus schreite und mich ins Fäustchen lache. Die Schadenfreude verschafft mir Genugtuung, stärkt mein Selbstbewusstsein und schürt meinen Stolz, so dass ich hocherhobenen Hauptes vor meinen Vater treten kann:
„Hier bin ich, was hast du mir zu sagen?“ Fordere ich ihn keck heraus, als ich eintrete.
Odin hat seine Hände im Rücken verschränkt und schreitet nachdenklich in seinem Gemach auf und ab. Er schweigt zunächst, dreht noch eine Runde und bleibt dann abrupt vor mir stehen. Ich bin zwar grossgewachsen, für eine Frau, aber mein Vater überragt mich um Hauptes Länge, so dass ich unwillkürlich zu ihm aufschauen muss.
„Was hast du dir bloss dabei gedacht, Brunhild?“, fragt er mich ernst, aber beherrscht und ruhig. „Habe ich dir nicht immer wieder geraten, nicht auf den hinterlistigen Loki zu hören? Wie kannst du mich so hintergehen! – Ich weiss, du gesellst dich gerne zu diesem Fuchs …“
„Hat er nicht recht gehabt?“, wage ich zu entgegnen. „Wenn er mich nicht gewarnt hätte, wäre mein eigener Bruder von Helmgunther erschlagen worden. Und wenn mir Loki nicht ins Gewissen geredet hätte, wäre ich ahnungslos geblieben und hätte nie erfahren welche Pein einem die eigene Seele bereiten kann!“
„Seele, Gewissen! Tugenden, die ich den Menschenwesen auf Mittelerde einverleibt habe. Ebenso wie Hass, Neid, Missgunst und andere Schwächen mehr, die einer Walküre nicht anstehen. Du bist meine Tochter, mein Ebenbild. Du hast über diesen Dingen zu stehen; du hast mich zutiefst enttäuscht!“
„Und was ist mit meiner Mutter? Sie ist eine Menschenfrau! Auch dies habe erst ich von Loki erfahren, nicht von Dir, Vater … Lebt sie noch auf Midgard?“
„Nein“, seufzt Odin. „Sie ist bei eurer Geburt gestorben …“
„Eurer Geburt? Du sprichst in der Mehrzahl?“
„Agnar ist dein Zwillingsbruder. Ihr wart beide zu stark und zu gross für Sigruns irdischen Leib …“
„Aber, wieso lebt mein Bruder auf der Erde und ich hier, in Asgard? Du hast mich nie darüber aufgeklärt … warum nur?“
„Glaube mir … Ich habe deine Mutter geliebt, wie ich keine Menschenfrau bisher geliebt habe. Aber auch meine Macht ist begrenzt. Die Nornen, am Fusse der Weltesche Yggdrasil, spinnen die Schicksalsfäden. Ich habe mit ihnen um Sigruns Leben geschachert, und auch um dein Leben, Brunhild! Die Nornen hatten dir eine Totgeburt zugedacht. Urd, die Älteste von den Dreien, hat wortwörtlich gesagt:
Odin, wir bieten dir einen Handel:Wir überlassen dir deine Tochter; ziehe sie auf als Walküre, aber sie wird mit einem menschlichen Herzen gestraft sein. Was dann aus ihr wird, werden wir genüsslich verfolgen und die Kurzweil darüber, wird uns entschädigen!
Frija, meine Gattin, hat sich geweigert dich aufzunehmen. Sie ist eifersüchtig auf alle Menschenfrauen, die ich auf Midgard … besucht habe. Übergib sie Loki, hat sie gesagt. Er ist der Einzige, der in allen Welten beheimatet ist und mit den Unzulänglichkeiten einer Menschenseele sein Spiel treiben mag.
Das hat er wahrlich getan. Er weidet sich förmlich an allem, was die Ordnung durcheinander bringt. Er ist das Chaos in Person!
Es tut mir leid für dich, Brunhild, aber ich kann dich nicht hier behalten …“
„Was soll das heissen?“ Ich bin innerlich aufgewühlt über diese Offenbarung. „Willst du mich nachträglich dem Tod überantworten und mich zur Hel schicken?“
„Nein, mein Kind. Du bedeutest mir viel, glaube mir. Ich werde dich nach Midgard bringen lassen, dorthin, wo deine Menschenseele sich hätte entfalten sollen. Du wirst in einen tiefen Schlaf sinken und erst wieder aufwachen, wenn dich ein Mensch erweckt und zur Frau nimmt.“
Diese Aussicht lässt mich nicht gerade frohlocken:
„Soll das heissen, dass jeder beliebige Mann, jeder Knecht oder Vagabund der mich findet, in Besitz nehmen darf? Ich bin Deine Tochter, vergiss das nicht! Ein unwürdiger Gatte würde auch Dir nicht zur Ehre gereichen!“
„Vertraue mir, Brunhild. Niemals würde ich dich einem Geringen überlassen. Der dich erweckt, wird ein König sein, ein Held, wie es keinen zweiten geben wird. Er wird das Antlitz deines Bruders tragen – aber es wird nicht Agnar sein. Erst sein Urenkel, der noch nicht geboren ist, wird vermutlich der Auserwählte sein. Vermutlich, sage ich, weil die Nornen seinen Lebensfaden erst spinnen müssen. Deshalb kann ich dir auch keinen Namen nennen. Aber ich werde noch mit ihnen reden und darauf hoffen, dass sie meinen Willen respektieren.“
Ich habe so meine Zweifel:
„Agnars Urenkel sagst du, Vater? Dann werde ich steinalt sein, als Menschenfrau; hässlich, zerfallen, kaum begehrenswert für einen Freier. Selbst ein Troll oder ein Schwarzalb täte sich angewidert von mir wenden, mich verschmähen!“
„Sorge dich nicht um dein Äusseres. Du wirst zwar nach irdischem Ermessen sehr lange im Schlafe liegen, dennoch bist du die Tochter eines Asen. Du wirst die Jahre nicht zählen müssen wie ein Mensch. Dein Leib wird so schön und lieblich bleiben wie er ist: keine Frau auf Mittelerde wird dich übertreffen. Und auch deine Körperkraft, die mein Erbe ist, bleibt dir erhalten: Nur der stärkste aller Recken Midgards wird dereinst im Stande sein, dich zu erringen – für einen Anderen bist du mir zu schade!“ –
Dieser Traum, die Erinnerung an alles Geschehene, wiederholte sich immer wieder aufs Neue, während Brunhild auf Islands moosigem Felsgestein ruhend auf den Erwecker wartete, der noch nicht geboren war, der irgendwann in naher Zukunft die Sonne Midgards erblicken sollte.
Kein Menschenkind lebte zu jener Zeit auf der Insel im Nordmeer, und es wagte kaum jemand, mit einem Schiff durch die eisigen Wellen zu kreuzen, um zwischen den dräuenden Klippen von Brunhilds sagenumwobener Schlafstatt an Land zu gehen.
Daran war Loki nicht ganz unschuldig, denn er hatte die Midgardschlange um Hilfe gebeten:
Dieses Meerungeheuer war seine Tochter, von riesenhafter Gestalt; und unter den Menschen hatte sich die Mär verbreitet, sie sei so gewaltig, dass sie sich um die ganze Erdscheibe winden könne. Ihre Schwanzspitze sei lang genug, Island zu umschlingen und so vor unerwünschten Eindringlingen zu schützen.
Natürlich hatte Loki damit gerechnet, dass die Grössenvergleiche in ähnlichem Masse auswuchsen wie sich die Gerüchte ausbreiteten. Aber es kam ihm durchaus gelegen, dass die Seeleute glaubten, bei Sturm und haushohen Wellen auf den Meeren treibe die Midgardschlange ihr Unwesen – und sofern ein Sterblicher das Untier jemals leibhaftig zu Gesicht bekommen hatte, hatte er es nicht überlebt, um davon zu erzählen.
Wie dem auch sei, sagte sich der Listenreiche. Ich kann mich auf mein Riesen-Töchterchen verlassen: Nur mit meiner Hilfe wird ein Mensch zu Brunhild gelangen …
Der Fuchs schnürte rastlos durch das herbstliche Laub, zwischen den hohen Tannen und Kiefern hindurch, die spitze Schnauze immer mal wieder prüfend in den Wind hebend. Eine Hasenfährte erregte seinen Spürsinn. Es war an der Zeit, den knurrenden Magen zu besänftigen. Denn die letzte Beute, eine magere Feldmaus, war nicht geeignet gewesen, für längere Zeit den Appetit zu stillen.
Ein plötzliches, fremdartiges Geräusch schreckte den lautlosen Jäger auf, hielt ihn ab von der Verfolgung der erhofften Beute. Ein tiefes Grollen, wie es keinem Wildtier in dieser Gegend zuzuschreiben war, erschütterte nicht nur des Fuchses Gehör, sogar der Waldboden schien darob zu erbeben.
Ein gewöhnlicher Artgenosse hätte bestimmt den Schwanz eingezogen und das Weite gesucht, doch unser Rotfuchs schien wenig überrascht. Er setzte sich auf die Hinterpfoten und lauschte, als ob er überlegte, was nun zu tun sei.
Ein Aufschrei, entwichen aus einer Menschenkehle, übertönte das urweltliche Grollen, welches nun leiser wurde und in ein zischendes Röcheln überging. Dann war alles still. Nur das Rauschen der Blätter im Wind verriet Waldes Stimme …
Der Fuchs wartete ab, bewegte nur die Lauscher, minutenlang. Doch dann schien er genug gehört zu haben: Er gähnte kurz und stellte sich wieder auf alle Viere. Umsichtig pirschte er sich auf leisen Pfoten in die Nähe des Geschehens; und hinter einem Felsen versteckt spähte er mit heraushängender Zunge und hochgezogenen Lefzen hervor, als ob er hämisch lächelte.
Mir scheint, ich bin meinem Ziel einen Schritt näher gekommen – zischte ein menschenähnlicher Gedanke durch des Fuchses Bewusstsein, als er sah, was er sich erhofft hatte:
Ein stattlicher junger Krieger reckte sich mit hocherhobenem Schwert neben einem gefällten Ungeheuer, welches nicht von dieser Welt zu sein schien: Es hatte die Gestalt einer Riesenechse aus grauer Vorzeit, einer Spezies, deren Artverwandte längst ausgestorben waren. – Oder war es ein Wesen, das aus der Unterwelt emporgestiegen war und sich nach Midgard verirrt hatte?
Loki, kein anderer Geist hatte sich unter dem roten Pelz versteckt, wusste es besser. Er behielt seine Fuchsgestalt, schlich ungesehen hinter den siegreichen Kämpfer, setzte sich wie ein getreuer Jagdhund neben ihn und leckte sich unbefangen die Vorderpfote.
„Gut gemacht, mein Junge; mein Lob für diese Heldentat!“
In jähem Schrecken fuhr der hochgewachsene junge Mann herum, sein blutiges Schwert auf den unverhofft aufgetauchten Störenfried richtend. Als er gewahrte, dass der Sprecher im Fuchspelz kein gefährlicher Unhold zu sein schien – im Vergleich zu der Bestie, die er soeben besiegt hatte – liess er seine Waffe sinken und starrte nur mit grossen Augen auf ihn hernieder. Er suchte wohl nach Worten – aber Loki kam ihm zuvor:
„Für einen Drachentöter bin ich doch keine lohnende Beute“, sagte er spöttisch, während er sich erhob, den urweltlichen Kadaver umrundete und neugierig beschnupperte.
Der junge Mann verfolgte ihn argwöhnisch mit unsicherem Blick.
„Wer bist du?“, stiess er endlich hervor. „Wie ist es möglich, dass ein Fuchs mich mit eines Menschen Stimme anspricht? Bist du auch ein Gestaltwandler, wie Fafnir, den ich soeben getötet habe?“
„Mag sein“, sprach Loki leichthin. Er musterte den Siegreichen interessiert: Der hatte wohl im Drachenblut gebadet; sein nackter Oberkörper war fleckig verkrustet und auch auf seiner Hose – die er vermutlich gerade eben wieder angezogen hatte – waren blutige Handabdrücke zu sehen.
„Es gibt viele wundersame Dinge, die du noch lernen musst“, fuhr Loki fort. „Immerhin, wie ich sehe, hast du bereits bemerkt, dass dich das Drachenblut schützen wird … Nenn mir deinen Namen, danach wirst du noch Manches erfahren.“
„Ich bin Siegfried, der Sohn Siegmunds, des Wälsungen. Aber mein Ziehvater ist Regin, der Schmied …“
„Sieh dich vor, Siegfried“, grollte jetzt die tiefe Stimme eines versteckten Zaungastes aus dem seitlichen Dickicht hervor. Daraufhin kroch eine kleine aber muskulöse Gestalt ans Tageslicht, baute sich neben dem jungen Mann auf und zeigte mit einem russgeschwärzten Finger auf den Fuchs.
„Dieser getarnte Geselle ist mir schon einmal begegnet … Aber er soll selber erklären, was er hier zu suchen hat. Ich sage dir nur eins: Ihm ist nicht zu trauen!“
Loki gähnte, reckte und streckte sich, wie ein Hund nach einem schönen Schläfchen. Auf seinem Rücken glitt das Fell zurück in Richtung Hinterkopf, verblieb dort als roter Haarschopf, währenddessen Gesicht, Rumpf und Gliedmassen menschliche Formen annahmen.
So wandelte sich der Fuchs zum Mann, bekleidet mit dem grünen Gewand eines Jägers. Aufrecht stehend strich er sich seinen feuerroten Umhang glatt, fuhr sich mit den Fingern durch das dichte flammende Haar, grinste schief und sagte:
„Regin, Regin! Wie lange ist es her, seit wir das Vergnügen hatten? Ein Menschenalter? Zwei? Oder gar mehr? Du bist alt geworden! Doch wenn du mich nicht kennengelernt hättest, würdest du längst dein Eisen in einer finsteren Grotte der Hel schmieden. Du bist mir also zu Dank verpflichtet. – Ist es nicht so?“
„Dank?“ Regins Stimme klang wie das Reibeisen, mit dem er die Erzeugnisse seiner Schmiedekunst zu entgraten pflegte. Die tiefen Furchen auf seiner Stirn verfinsterten sich noch um eine Spur.
„Einen Fluch hast du über mich und meine Sippe gebracht! Fafnir, mein Bruder, der hier in Drachengestalt sein elendes Leben ausgehaucht hat, ist nur eines deiner Opfer! Das erste war Ottur, der Bruder, den alle verehrt haben … Soll ich noch mehr aufzählen?“
„Lassen wir die alten Geschichten ruhen“, sprach Loki gelassen. „Befassen wir uns mit der Gegenwart: „Hast du deinem Zögling erklärt, was es mit dem Gold auf sich hat, das da oben in der Drachenhöhle ungenutzt herumliegt?“
Er wies mit einer lockeren Geste in Richtung der Felsgrotte, oberhalb ihres Standortes, die eingerahmt wurde von verkohlten Baumstümpfen, die von keinem natürlichen Feuer versengt worden waren. Ohne auf eine Antwort zu warten, drehte er sich um und stieg empor zu dem Höhleneingang.
Siegfried und Regin folgten ihm zögernd.
Das Innere der Grotte war geräumig wie die Halle eines mächtigen Germanenfürsten und der goldene Lichtschein, der von dem grauschwarzen Felsengewölbe unnatürlich reflektiert wurde, war so gleissend hell wie in Odins Walhalla. In der Höhlenmitte wölbte sich ein Berg aus purem Gold: Waffen aller Art, Edelsteine, Halsketten, Armreifen; Kleinodien von überirdischer Pracht; mit geheimnisvollen Runen verzierte Trinkhörner, wie sie Loki aus der Götterburg kannte – er konnte nur staunen! Obwohl der Anblick des immensen Schatzes für ihn nicht neu war: Er hatte ihn seinerzeit eigenhändig dem Wächter des Hortes abgeknöpft: Andvari, dem Hüter des Rheingoldes. Aber, das war eine eigene Geschichte, die sich der Feuergott in Menschengestalt in diesem Moment nicht in Erinnerung rufen mochte. Sein vordergründiges Ziel war es gewesen den Helden ausfindig zu machen, dem bestimmt war, diesen Schatz zu gewinnen. Und dieses Ziel hatte er jetzt erreicht!
Siegfried starrte mit grossen Augen auf die funkelnde Pracht – während Regins Blick unruhig zwischen ihm und Loki hin und her flackerte. Der alte Schmied hatte seine eigenen Geheimnisse, die er seinem Ziehsohn nur bruchstückhaft offenbart hatte: nur das Nötigste, dem Zweck dienend, ihn zu befähigen Fafnir zu töten, um an den Goldschatz zu gelangen. Dafür hatte er ihm das Schwert Gram neu geschmiedet – denn Siegfrieds Vater Sigmund hatte es bei seinem letzten Kampf zerbrochen.
So wähnte sich der junge Held in einem unwirklichen Traum, als Loki einen besonders schönen Ring aufhob und den selbigen ihm mit den Worten an den Finger steckte:
„Dieser Ring ist das bedeutendste Kleinod, bestimmt für deine zukünftige Braut, die sehnlichst deiner harret!“
Regin schien nach Luft zu japsen; er wollte warnende Worte ausstossen, doch seine Kehle war auf seltsame Weise wie zugeschnürt, so dass er ihr nur ein unverständliches Krächzen entringen konnte. Loki war daran schuld – es war sein Spiel: denn der Widerspruch des alten Schmieds kam ihm nicht zupass!
„Meine Braut?“ Stammelte Siegfried, während er auf den Ring an seinem Finger starrte.
„Ich kann dies alles kaum fassen! – Ist sie schön?“
„Sieh genau hin …“ Loki fuhr mit einem Finger über den roten Rubin, der inmitten der kunstvoll verzierten Fassung leuchtete.
Glühende Hitze, die unverhofft dem Kleinod zu entströmen schien, übertrug sich auf Siegfrieds Hand. Und in dem Edelstein funkelte ein Feuer, welches allmählich abkühlte, eiskalt wurde, und sich zu einem Eiskristall wandelte. Nun sah Siegfried das Gesicht einer Frau, umgeben von Feuer und Eis. Das Bild war so klar, als stünde sie ihm leibhaftig gegenüber. Der junge Mann hatte noch keine Schönere je gesehen: Ihr ebenmässiges Antlitz glich dem seiner Mutter, so wie er es als Kleinkind in Erinnerung hatte, dieselben leuchtend blaugrauen Augen; nur das lange Haar war dunkel, im Gegensatz zu Sieglindes rotblonden Locken.
„Gefällt sie dir?“
Die Frage war überflüssig. Siegfrieds Augen leuchteten so hell wie der Kristall. Als er den Kopf hob, verschwand das Bild und der Ring glänzte wieder rubinrot.
„Wo kann ich sie finden?“ Stammelte er beseelt. – Nichts, nicht einmal der immense Schatz, schien ihm im Moment wichtiger zu sein.
„Später.“ Sagte Loki ungerührt. Er unterdrückte sein triumphierendes Lächeln.
„Hier ist noch etwas …“
Der Listenreiche bückte sich abermals nach dem Goldhaufen, nahm ein feingliedriges, netzartiges Gespinst in die Hand und streifte es über Siegfrieds Haupt:
„Diese Tarnkappe verleiht dir die Fähigkeit, dich unsichtbar zu machen, aber …“
Hastig nahm er dem jungen Mann die Kopfbedeckung wieder ab und drückte sie ihm in die Hand. „Es ist Vorsicht geboten! Ich werde dir bei passender Gelegenheit erklären, was es genau damit auf sich hat und wie du damit umgehen musst.“
Siegfried spürte Lokis Hand auf seiner Schulter, heiss wie das Feuer, das der Ring ausgestrahlt hatte. Doch heisser noch regte sich das Verlangen in seiner Brust, nicht nach der Tarnkappe, der Anblick der Schönen im Ring hatte seine Leidenschaft entfacht. Achtlos stopfte er die magische Haube in seinen Gürtelbeutel. Flehend bat er Loki: „Nenn mir wenigstens ihren Namen! Ich werde bis ans Ende der Welt reiten, solange, bis ich sie finde!“
„Zu Pferd, wirst du Brunhild nicht erreichen. Es sei denn, du leihst dir Odins Hengst Sleipnir aus, der imstande ist über die Wolken zu gleiten. Die verstossene Walküre ist auf einer Insel im eisigen Nordmeer. Dort wartet sie auf den Helden, der bereit ist, sie aus dem Schlaf zu erwecken, der bereits mehr als ein langes Menschenleben währt …“
„Eine Walküre eignet sich nicht als Ehegespons!“, meldete sich jetzt Regin zu Wort. Er hatte lange geschwiegen – schweigen müssen. „Glaube mir, Siegfried, sie wird dir den Tod bringen!“
„Das ficht mich nicht. Ich will SIE, und keine andere! Selbst wenn sie eine Walküre ist, die mein Leben fordert. Freudig werde ich ihr nach Walhall folgen!“
Regin wiegte bedenklich sein ergrautes Haupt. „Was redest du da, Dummkopf! Habe ich dich aufgezogen, damit du jetzt dein junges Leben wegwirfst? Ist dies dein Dank für meine Mühe?!
Du bist schuld daran, Rotfuchs!“, wandte er sich gehässig an Loki. „Du hast ihm diesen Floh ins Ohr gesetzt! – Höchste Zeit, dass du verschwindest!“
Er zog sein kurzes scharfes Schwert aus der Scheide. Und mit einem blitzartig schnellen Hieb nach Lokis Hals, versuchte er dessen Haupt vom Rumpf zu trennen.
Der Kopf flog tatsächlich zur Seite, rot leuchtete der Halsstumpf … aber statt Blut schoss eine Stichflamme heraus. Und nachdem diese erloschen war, kam Lokis grinsende Fratze am richtigen Platz wieder zum Vorschein.
„Eigentlich sollte ich dich vernichten, alter Zwerg; der du es wagst, dein Schwert gegen einen Gott zu erheben! Du kannst von Glück reden, dass ich dich noch brauche: Du wirst diesen Schatz hier bewachen, an Fafnirs statt, und auf Siegfried warten bis er zurückgekehrt ist. Deine Gier nach dem Gold ist ebenso gross wie der Wahn deines Bruders gewesen ist: Werde meinetwegen zum Ungeheuer – ich bin mir sicher, dir wird etwas einfallen!“
Loki liess Regin stehen, fasste Siegfried am Ärmel und sagte zu ihm: „Komm, mein Junge, deine Braut wartet schon sehr lange auf dich. Ich werde dir zeigen, wo Brunhild schläft. Es ist ein weiter und gefährlicher Weg bis nach Island, du wirst gar manches Hindernis überwinden müssen. Aber wenn du meine klugen Ratschläge beherzigst, wirst du dein Ziel erreichen!“
Regin blieb allein in der Höhle zurück.
Siegfried hatte sich nur kurz nach ihm umgedreht und ihm zu gewinkt. Und Regin dachte: Der Junge steht völlig unter Lokis Bann, er will nur noch Eines: sich arglos in die Fänge dieser Walküre werfen!
„Nichts Gutes wird dabei herauskommen …“, murmelte der alte Schmied kopfschüttelnd. Seufzend liess er sich auf einem Steinblock nieder und betrachtete sein Schwert, an dessen Klinge kein Blutfleck zu sehen war: lediglich ein russiger, schwarzer Streifen, in der Breite von Lokis Hals! Er fuhr mit dem Ärmel über die Stelle, bis sie wieder blank schimmerte, und steckte das Schwert wieder in die Lederscheide. Dabei grollte er: „Dein Feuer ist auch nicht heisser als die Glut meiner Esse, arglistiger Weltenverführer! Sieh dich vor, auch du wirst dereinst zur Rechenschaft gezogen, falscher Fuchs!“
Der Goldberg zu seiner Seite glitzerte herausfordernd, erzeugte einen übernatürlichen Lichtschein, der Regins Gesichtszüge in Berge und Täler zerklüftete, die Furchen auf Stirn und in den Mundwinkeln in den Tiefen schwärzte und andere Partien, wie den Rücken der dicken Knollennase, umso greller betonte.
Regins Gemüt wurde dagegen nicht erhellt; es verkroch sich im nachtdunklen Schattenreich. Dumpf brütend waberte es in ihm:
Was mache ich nun mit dem verfluchten Gold? Ist es das, was ich gewollt habe: Die Rache an Fafnir, mit Siegfrieds Hilfe; den Tod meines Bruders und die Macht über den Hort? Unheil hat er über alle gebracht, die ihn besitzen wollten! Den grössten Teil meines Lebens habe ich darauf hingearbeitet, das zu erringen, was mir einst verweigert wurde … und jetzt? Siegfried ist fort … er wird ins Verderben laufen … Plötzlich spüre ich mein wahres Alter … Generationen sah ich kommen und gehen … Ich bin müde … nur noch todmüde …
Langsam sank der alte Schmied zur Seite, von seinem steinernen Sitz. Mit einem abgrundtiefen Seufzer streckte er sich mit letzter Kraft neben dem Goldhaufen aus. Er hörte nicht mehr, wie ein gewaltiger Felsbrocken vor der Höhle niederkrachte und den Eingang verschloss. Aber in seinem Innern, liessen ihn die Geister aus der Vergangenheit nicht ruhen …
Die Alte Welt schien klar dreigeteilt: Da gab es Midgard – die Erde, mit Menschen, Tieren und Pflanzen; darüber thronte Asgard – die Heimstatt der Götter; und Utgard – die Unterwelt – wurde von Unholden wie Riesen und Trollen und von abscheulichen Wesen, welche die Menschen zuweilen des Nachts in ihren Albträumen heimsuchten, bevölkert.
So einfach und überschaubar erschien diese Ordnung einem Menschenwesen einfältigen Gemüts. Aber es gab auch Andere: Wanderer zwischen den Welten; Sterbliche, geboren aus irdischem Mutterleib – auf flüchtigen Blick nicht zu unterscheiden von einem normalen Menschen –, die etwas Besonderes an sich hatten; deren Aura einen Christenmenschen dazu nötigte, sich zu bekreuzigen, aber auch einen Anhänger des alten Götterglaubens veranlasste, das Schutzzeichen von Thors Hammer zu schlagen.
Grimhild bediente sich solcher Zeichen nicht.
Sie war selbst so eine Andere …
Und sie strebte nach Macht. Bereits als Kind hatte sie ihre besonderen Talente entdeckt, welche sie mehr und mehr entwickelte, als sie zur Jungfrau heranreifte.
Ihre Grossmutter, Lofanheid, hatte das Zeitliche längst gesegnet, Grimhild war damals sieben Jahre alt gewesen, doch der Geist der Alten begleitete sie stets auf Schritt und Tritt. Und in ihrem Innern hörte sie immer wieder die Stimme der Ahne, die mit ihr redete, als stünde sie leibhaftig vor ihr. Lofanheid riet ihr mit uraltem Wissen, welches sich die junge Frau zueigen machte. So kannte sie bald unzählige Heilkräuter und auch Gewächse für andere Zwecke … ihre Zwecke. Doch sie redete mit niemandem darüber, hütete ihre Geheimnisse wie einen Goldschatz.
Eines schönen Tages durchstreifte Grimhild einen tiefen Wald, der nicht mehr zum Bann ihres Vaters, eines mächtigen Germanenfürsten, gehörte. Weitab von der elterlichen Halle suchte sie nach einer bestimmten Zauberwurzel. Dabei hörte sie Lofanheid orakeln:
„Mit der Alraune, kannst du über Wohl und Wehe eines Menschen bestimmen, ihn gefügig machen und dir selbst das bescheren, was du dir am Meisten wünschst…“
Die junge Frau zog es magisch zu einer alten Eiche hin, deren dicker Wurzelstrang den Umfang eines kräftigen Mannes hatte und sich kniehoch aus dem Erdreich wölbte. Bei diesem Anblick dachte sie:
Ich wünsche mir einen Mann, der derart vor Saft strotzt wie dieser Eichstrunk, in dessen Armen ich versinken möchte, dem ich meine Jungfräulichkeit opfern will …
Wahrlich, ein ungebührlicher Wunsch für eine tugendhafte Fürstentochter, die sie mit ihren siebzehn Jahren bisher immer gewesen war …
Doch Grimhild hatte ihre Gründe:
Nach dem Willen ihres Vaters sollte sie den Sohn eines benachbarten Gaufürsten ehelichen, als Unterpfand für eine einträgliche Waffenbrüderschaft. Aber dieser ausersehene Bräutigam gefiel ihr überhaupt nicht: Er hatte eine krumme Nase, eine Folge seiner ständigen Raufereien. Ausserdem war er ein unflätiger Rüpel.
Bei einem geheimen Treffen im Wald – der junge Kerl hatte sie mit dem Vorwand gelockt, ihr einen geheimen Goldschatz zeigen – hatte er sie an besagtem Ort ausgelacht und selbstherrlich verkündet: „Du wirst keinen wertvolleren Schatz finden als mich! Kein grösserer Held lebt auf Mittelerde!“
Dann hatte er versucht sie zu küssen. Doch Grimhild gab ihm eine schallende Ohrfeige und schrie ihn wütend an: „Weiche von mir! Dein Gesicht ist so hässlich wie deine Gedanken, nimmermehr werd‘ ich die Deine!“
Infolgedessen hatte er sie gepackt, kurzerhand übers Knie gelegt und mit dem Schwertriemen verdroschen. Danach hatte er sie mit der Drohung verlassen: „Dies wird dir jeden Tag passieren, sobald du meine Gattin geworden bist, gewöhne dich daran!“
Ihrem Vater hatte Grimhild diese unrühmliche Episode verschwiegen, wohlwissend, dass sie damit nichts erreicht hätte. Der Fürst war der Meinung: Eine Frau hat sich zu fügen – und wenn sein künftiger Schwiegersohn mit harter Hand regierte: umso besser!
Meine einzige Möglichkeit verschmäht zu werden ist, wenn ich nicht mehr Jungfrau bin. Einen anderen Ausweg sehe ich nicht, sagte sich Grimhild. Dass sie ihr Vater schlagen würde, nahm sie in Kauf: Sie besass Kräuter, die den Leib schmerzunempfindlich machten …
Und wenn er mich totprügelt, bin ich erlöst. Dann verlasse ich Mittelerde, um meine geliebte Grossmutter wiederzusehen … Aber noch ist es nicht so weit! Solange ich atme, werde ich kämpfen … und den Mann suchen, der mir im Traum erschienen ist, dessen Kind ich empfangen werde …
Grimhild schürzte ihren Rock, ein einfaches, graues Alltagsgewand, liess sich auf die Knie gleiten und kroch unter den mächtigen Wurzelstrang. Zwischen grünen Farnen sah sie etwas aus dem Waldboden ragen. Sie scharrte mit den blossen Fingern das Erdreich beiseite, packte den seltsamen Pflanzenstrunk und zog kräftig. Sie hatte noch nie eine Alraune mit eigenen Augen gesehen, geschweige denn in Händen gehalten. Aber sie lauschte nach innen, hörte ihrer Grossmutter Stimme, die da sagte:
„Das ist sie, mein Kind. Hülle sie sorgsam mit Eichblättern ein, damit sie nicht vertrocknet!“
Eichenlaub gab es genug, aber es hing hoch über ihr: Der unterste Ast des Baumes ragte gut drei Mannslängen höher aus dem Stamm. Grimhild musste also klettern, was ihr nicht sonderlich schwer fiel. Sie war wendig und leicht, fast wie ein Eichhörnchen; ihre Finger waren feingliedrig, aber kräftig, und die Nägel scharf wie die Krallen des kleinen Baumbewohners.
Ich bewege mich wie das Klettertier, nicht so schnell, aber stetig. Die dicke raue Borke gibt meinen Fingern Halt. – Schon habe ich mein Ziel erreicht. Das Blattgrün ist mein …
„Wohlan, schöne Maid! Was treibt dich auf der Eichen Ast? Bist du eine Waldfee gar, und mitnichten ein sterbliches Menschenkind?“, ertönte eine tiefe Stimme.
Aufgeschreckt starrte die Kletterin auf den kleinen Mann, der plötzlich aus dem Nichts hervor unter den Baum getreten war und nun zu ihr hochblickte. Doch der Schreck wich schnell froher Erwartung …
„Ich bin … warte, ich steige herab“, sprach Grimhild ohne Bedenken. Die Stimme des Fremden zog sie geradezu magisch an. Als sie den unteren Teil des Stammes erreichte spürte sie Hände, die ihre Hüfte umfassten, starke Arme, die sie sanft auf den Boden gleiten liessen.
Der Fremde betrachtete sie freundlich, wobei seine dunklen Augen einen melancholischen Glanz ausstrahlten und die tiefe Falte auf seiner breiten Stirn sich nur leicht glättete, als er versuchte den Mund zu einem zaghaften Lächeln zu verziehen:
„Mein Name ist Regin. Meine Schmiede ist nicht weit von hier. Wenn du nichts dagegen hast, sollst du mein Gast sein.“
Der bringt es schnell auf den Punkt, dachte Grimhild, aber mir kann es nur recht sein. Laut sagte sie:
„Ich habe mich verlaufen. Die Halle meines Vaters ist weit von hier. Heute schaffe ich den Weg bestimmt nicht mehr zurück. Hab Dank, für die Einladung. Ich bin neugierig auf deine Behausung.“
„Es ist nur eine steinerne Grotte“, sprach Regin bescheiden. Bestimmt nicht angemessen für eine edle Jungfrau, die du zu sein scheinst. Aber es soll dir an nichts fehlen.“
Grimhild bückte sich nach der ausgegrabenen Zauberwurzel, hüllte sie mit den Eichenblättern ein, die sie unter ihrem Mieder hervor geholt hatte. Dann griff sie nach dem Saum ihres Kleides und riss mit einem energischen Ruck einen breiten Streifen heraus, so dass der Rock nur noch bis zu den Knien reichte und ihre nackten Waden frei gab. Mit dem Stoff umhüllte sie die Alraune und legte sie behutsam in den Weidenkorb, den sie dafür mitgebracht hatte.
Regin hatte sie aufmerksam beobachtet. Er schien von der geborgenen Zauberwurzel genauso angetan zu sein wie von Grimhilds wohlgeformten Beinen. Beides verlieh seinen Augen einen geheimnisvollen Glanz.
Und die junge Frau bemerkte seine begehrlichen Blicke wohl und ward erfüllt von Vorfreude: Auf die Wirkung der Alraune und auf die Aussicht, von Regins starken Armen noch besitzergreifender umschlungen zu werden als bei der Hilfestellung beim Abstieg vom Baum …
Die folgende Nacht blieb Regin für immer unvergesslich: Heiss wie das Schmiedefeuer im Innern der Höhle hatte ihn die Leidenschaft erfasst, und in inniger Zweisamkeit mit seiner Gefährtin schmiedete er eine Waffe, vor der die Welt noch erzittern sollte: Er zeugte einen Sohn, den die Sänger in Zukunft mit Achtung – aber auch mit Erschauern – lobpreisen sollten.
Aber es geschah nicht auf seinen Willen: Grimhild hatte ihm den Samen gestohlen, den sie für ihre Zwecke auszustreuen gedachte. Regin ahnte dannzumal nicht, dass Lofanheid, seine leibliche Schwester, deren Blut in den Adern seiner Geliebten wirkte, mit den Nornen im Bunde stand und die Schicksalsfäden ihrer persönlichen Rache gesponnen hatte.
Und draussen tobte ein Gewittersturm, als ob Odins Wilde Jagd über das Firmament zöge; mit schaurigem Heulen und funkensprühendem Regen, ausgelöst durch die donnernden Hufe Sleipnirs und von dessen geisterhaften Begleitern, auf Rossen wie Wölfen reitend. Und Regin konnte nicht sagen, ob er wachte oder träumte, als er sah, wie der schaurige Zug von dem Weltenbeherrscher in eigener Gestalt angeführt wurde, auf seinem achtbeinigem Hengst thronend; umflackert von zuckenden Blitzschlangen, geschleudert aus Thors Hammer.
Am anderen Morgen war Grimhild verschwunden. Ihre Felldecke hatte sie sorgfältig zusammengefaltet und neben dem schlafenden Schmied abgelegt.
Regin sollte ihr erst viele Jahre später wieder begegnen …
Das eisige Nordmeer schäumte. Haushoch türmten sich die Wellenberge, und die weisse Gischt auf den Gipfelkämmen stürzte ein ums andere Mal wieder zu Tal, das kleine Boot wie eine Nussschale mit sich reissend. Und mehrmals drohte das Gefährt, das von menschlichem Wahn zeugte, Ran, die Meerriesin, überlisten zu wollen, von ihren Helfershelferinnen in die Tiefe gezogen zu werden.
Rans Töchter, in Nixengestalt, reckten ihre Häupter aus der wogenden Flut. Hämisch lockten und verhöhnten sie den einzelnen Schiffsführer, der es wagte, ihr Revier zu kreuzen:
„Gib auf, kleiner Mensch, du wirst erfrieren! Ertrinken ist weit angenehmer! Komm mit uns zu der prächtigen Halle auf dem Meeresgrund, dort werden wir dich umsorgen und mit unseren Künsten der Minne verwöhnen!“
„Ich bin nicht für euch bestimmt, ihr Wasserfrauen!“, rief der Mann im Boot – seine Worte wurden vom Sturmwind zu den Verführerinnen getragen: „Eine holde Maid harret mein, die tausendmal lieblicher ist als ihr alle zusammen!“
Die empörten Meerjungfern zischten gehässig.
„Reize sie nicht über Gebühr! Meine Macht in Rans Reich ist begrenzt und von ihrem Wohlwollen abhängig!“ Diese Stimme drang aus anderer Richtung an Siegfrieds Ohr. Der Sprecher schien unsichtbar zu sein. Doch auf des Mastes Spitze züngelte eine Flamme, die diese Worte geformt und als Warnung ausgestossen hatte.
Die Nixen hatten es ebenfalls vernommen:
„Bist du es, Loki, feuriger Wicht?“, rief die Eine. „Wir werden dein Flämmchen löschen! Begleite deinen Schützling in unser Reich. Auch du hast bald ausgezüngelt!“
Sie schnellte mit einem Sprung aus dem Wasser, wirbelte durch die Luft; dabei wand sie ihre anmutige Gestalt, die vom Unterleib abwärts in einem glitzernden Fischschwanz auslief, aufreizend, bevor sie elegant wieder untertauchte.
Tatsächlich erlosch die Flamme über dem Mast. Stattdessen platschte ein mächtiger Seebärenbulle ins Meer, der auf die Wasserweiber zu paddelte und seine Flosse der Erstbesten um die schuppige Hüfte klatschte – was mit lustvollem Kreischen erwidert wurde.
Nun schäumten die Wellen, aufgewühlt von purem Jagdeifer, und es war nicht abzusehen wer wen jagte …
Doch Loki, in Robbengestalt, wehrte sich mannhaft: Nach und nach besänftigte er die Wollust aller neun Nixen mit göttlichem Eifer – und ihr Sirenengesang zeugte davon, dass sie sein Spiel genossen.
Bald glätteten sich die Wogen des Meeres …
„So macht man das, Siegfried!“, grunzte der Seebärenbulle zufrieden, als er sich ächzend an Bord hievte und durch seine schiere Masse das kleine Boot beinahe zum kentern brachte. Hätte Siegfried nicht mit aller Macht auf der anderen Seite für ein Gegengewicht gesorgt, wäre dies unwillkürlich geschehen.
Loki beschloss, wieder Menschengestalt anzunehmen: Sein traniger Wanst schrumpfte, Flossen formten sich zu Armen und Beinen und sein triefender Schnurbart färbte sich rot. Er atmete schwer, als er sich mit einer Hand auf Siegfrieds Schulter abstützte und japste:
„Hast du gut zugeschaut? … Das war harte Arbeit! … Du hast das noch vor dir: Brunhild ist nur zur Hälfte ein Mensch, vergiss das nicht!“
Siegfried lächelte selbstbewusst und meinte prahlerisch: „Ich habe schliesslich einen Drachen bezwungen. Wie sollte ich mich da vor einer Walküre fürchten?“
„Sieh dich vor, mein Junge.“ Loki gab ihm einen Klaps auf die Schulter. „Deine Rede beweist, dass du ein Dummkopf bist! Bei einer solchen Frau genügt nicht allein die Körperkraft, du musst dir schon etwas Gewitzteres einfallen lassen. Aber dafür hast du ja mich: Regin mag dir das Schmiedehandwerk beigebracht haben – geistige Vollkommenheit wirst du noch von mir erlernen!“
Von Südwest blies jetzt ein wärmerer, beinahe sanfter Wind über die endlose Wasserfläche. Siegfried hisste das gereffte Segel am Mast und vertäute die Rahen an den Bordwänden. Loki hatte sich im Bootsheck an das Steuerruder gesetzt, in der Absicht, von nun an den Kurs zu bestimmen. Nur er wusste genau, wohin die Reise gehen sollte und welche Gefahren noch lauerten.
Von einer Landfeste war weit und breit nichts zu sehen. Wohl sah Siegfried dann und wann eine Inselgruppe auftauchen, aber auf seinen fragenden Blick hin schüttelte der Steuermann jeweils den Kopf und beschied ihm: „Das ist nicht Island. Du wirst dich noch etwas gedulden müssen.“
Eigentlich war es bereits Nacht, als Siegfried erneut Ausschau hielt, dennoch war die Sonne nicht untergegangen. Sie schien zwar nicht mehr so hell wie bei Tage, doch ihr Leuchten warf einen magischen Schimmer auf die Wasserfläche, und der breite Lichtstreifen schien auf geradem Wege zu den roten Wolken am Weltende zu führen.
„Wo sind wir hier?“, rief der junge Mann. „Befinden wir uns noch auf Midgard? Warum geht die Sonne nicht unter? Nähern wir uns bereits Nifelheim, dem Reich der Frostriesen?“
„Frag nicht so viel“, zischte Loki. „Behalte das Meer im Auge! Mir schwant, da vorne ist etwas …“
Plötzlich brodelte das Meer auf: Umtost von schäumender Gischt reckte sich ein gewaltiger Schatten empor … haushoch … himmelhoch … die Mitternachtssonne verhüllend, einen Augenblick lang. Dann versank die seltsame Erscheinung wieder im Wasser; doch die gewaltige Welle, die sich jetzt dem Boot entgegen wälzte, verriet, dass der Schemen von körperlicher Natur gewesen sein musste.
Siegfried wurde von den Füssen gerissen. Sein schwerer Körper krachte auf den Schiffsboden. Dabei konnte er noch von Glück reden, nicht über Bord gegangen zu sein.
Loki hatte die Gefahr rechtzeitig erkannt: Blitzschnell hatte er seine Gestalt gewandelt, die jetzt abermals als zuckende Flamme auf der Mastspitze tanzte.
Siegfried versuchte sich aufzurappeln – und liess sich sogleich wieder auf den Rücken fallen …
Über ihm tauchte erneut ein Schatten auf, aus dem sich eine unförmige, schaurige Masse herausschälte. Im ersten Moment glaubte er, Fafnirs Drachenhaupt zu sehen. Doch das Gebilde war um ein vielfaches grösser: Als es jetzt seinen gewaltigen Rachen aufriss, drohte Siegfried samt Boot verschlungen zu werden – und es schien, als ob ein Riesenhai eine winzige Makrele verschlucken wollte.
Geistesgegenwärtig griff der junge Held nach seinem Schwert Gram, mit ihm hatte er bereits einen anderen Drachen gefällt. Todesmutig wollte er sich mit hochgereckter Waffe der Bestie entgegenstellen, deren Schlund bereits über dem Mast schwebte. Und in höchster Not dachte Siegfried nicht daran, dass sein magisches Schwert bestenfalls als Zahnstocher diente, mit dem er einen Nadelstich ausführen konnte. Dennoch klappte das Riesenmaul des Monsters plötzlich zu – was eine Windböe auslöste, die das Boot beinahe umblies.
Taumelnd und Halt suchend gewahrte Siegfried, dass der geschlossene Rachen zu einem Schlangenhaupt gehörte, das nun hin und her pendelte, als ob es sich das Maul verbrannt hätte.
Was war geschehen?
Loki hatte sich zu einer langen Stichflamme ausgedehnt, war so dem dräuenden Rachen entgegengesprungen. Und mittlerweile tanzte seine zuckende Gestalt über dem Haupt der Riesenschlange. Dort, wo sich ihr Gehör befand, zischte er hinein:
„Ruhig Blut, mein Töchterchen! – Erkennst du mich nicht? Ich bin es, dein Erzeuger! Lass diesen jungen Abenteurer ziehen, denn er steht unter meinem Schutz. Du hast deine Aufgabe pflichtschuldigst erfüllt, mein Midgard-Liebling. Du darfst dich künftig in anderen Weltmeeren tummeln. Hier ist es ohnehin zu kalt: In der Südsee ist es weit angenehmer. Betrachte dies als Lohn für deinen wertvollen Beistand. Ich küsse dich, mein Herz!“
Die Midgardschlange liess sich sanft in die Wellen gleiten. Dennoch löste diese Bewegung eine wahre Sturmflut aus, die Siegfrieds Boot erfasste und mit Schwung an Islands Felsküste trieb …
„Da wären wir“, bellte Loki – mittlerweile in der Gestalt eines Polarfuchses, da ihm der dicke, weisse Pelz am kleidsamsten erschien für dieses kalte Gefilde – und wollte von der Bordwand auf den schmalen Uferstreifen springen. Den er auch unter die Pfoten bekam; allerdings schwappte im nächsten Moment ein Brecher in dieselbe Richtung und ein kalter, salziger Wasserguss bescherte dem Fuchs ein unfreiwilliges Bad. Ärgerlich schüttelte er sich.
Und Siegfried, damit beschäftigt, das Boot auf das Kiesbett zu ziehen, lachte nur, als er von dem wirbelnden Sprühregen aus Lokis Fell getroffen wurde. Der Schauer, der sich seiner bemächtigte, rührte viel mehr vom Anblick der unbekannten Landschaft her, die ihn in Bann zog: Vor seinem Auge ragten steile Felsklippen empor, mächtig, ehrfurchteinflössend. Und als er ein Stück weit an der hohen Wand entlang ging, sah er, wie sich die steinerne Wand zu einem monumentalen, natürlichen Portal öffnete, welches in einen Fjord hineinführte. An dessen Ende stürzte ein mächtiger Wasserfall über schwarzes Gestein, das sich wie Drachenschuppen an der Felswand täfelte.
Siegfried liess sich nicht davon abschrecken. Mutig und mit viel Geschick kletterte er über einen schmalen, steilen Pfad, der von Riesenhand in die Klippen gehauen schien, aufwärts zu dem Dach der Felsformation. Oben angekommen, fand er sich auf einer schneefreien, grünenden Hochebene wieder. Nur in der Ferne zeugten schneebedeckte Bergkuppen davon, dass die Winter auf dieser Insel im eisigen Nordmeer lange anhielten.
Siegfried wähnte sich allerdings nicht auf einem Eiland. Zwar hörte er noch die Wellen der See, die in seinem Rücken gegen die Klippen brandeten, aber die Landschaft vor ihm erstreckte sich so weitläufig, dass sie kein Ende zu nehmen schien.
„Wohin soll ich mich wenden?“, fragte er, sich nach Loki umdrehend, in der Annahme der Fuchs sei ihm gefolgt. Doch der war weit und breit nicht zu sehen. Etwas verstört sah sich der junge Held um – und als solcher fühlte er sich im Moment überhaupt nicht. Immer war da jemand gewesen, der ihn belehrt hatte, was er tun solle: seine Mutter, Regin und dann Loki – wo war er?
Kopfschüttelnd wanderte Siegfried weiter über Stock und Stein. Alleingelassen in dem unbekannten Land, fühlte er sich nun doch etwas unsicher …
„Ich habe keine Angst! Wer ein Ungeheuer wie Fafnir besiegt hat, braucht sich vor nichts zu fürchten was da auf Mittelerde kreucht und fleucht“, versuchte er sich laut einzureden.
Vielleicht ist es ganz gut so wenn ich gezwungen bin, meinen eigenen Weg zu finden – vermutlich ist es an der Zeit … Wenn ich ein Held sein will, wie alle sagen, muss ich in diese Rolle hineinwachsen, lernen, auf eigenen Füssen zu stehen … das bin ich meinem Vater schuldig …
Während er in Gedanken versunken weiterging, über kahle Gesteinsplatten, ohne den geringsten Bewuchs von Gras oder anderen Pflanzen, spürte er, wie es unter seinen Füssen zunehmend wärmer wurde und durch die Schuhsohlen hindurch Hitze aufstieg, die ihn ins Schwitzen brachte.
Er wusste so gut wie nichts über Island, die Insel aus Feuer und Eis. Loki hatte lediglich beiläufig erwähnt, dass an keinem anderen Ort Midgards Surturs Reich dem Erdboden so nahe käme. Als er wenige Schritte vor sich eine Art Quelle entdeckte, aus der blubbernde Luftblasen und Dampf aufstiegen, wähnte sich der einsame Wanderer tatsächlich im Reich der Feuerriesen.
Plötzlich entstieg ein solches Fabelwesen dem kochenden Schlund: Eine Fontäne schoss empor, etliche Mannslängen hoch, und ein Wasserregen prasselte auf Siegfried hernieder, ein heisser Nebel, der auf seiner Haut verzischte.
Siegfried schüttelte sich wie ein nasser Hund. Trotzig schrie er: „Willst du mich versengen, Feuerriese? Das wird dir nicht gelingen – Fafnirs Atem war heisser!“
Einige Augenblicke später war der Spuk vorbei. Nur die verdampfenden Wasserlachen und kleineren Pfützen zeugten noch von dem Ausbruch des Geysirs. – Siegfried kam wieder in den Sinn, dass Loki diesen Ausdruck einmal verwendet hatte, aber er hatte sich nicht viel darunter vorstellen können und sich keine weiteren Gedanken darüber gemacht.
Er rief sich in Erinnerung, warum er eigentlich hier war:
Wo bist du, Walküre? Hältst du dich versteckt, weil ich deiner nicht würdig bin? Loki hat gesagt, dass du schläfst – wäre es nicht an der Zeit, endlich aufzuwachen?
Die Antwort folgte prompt auf den Fuss:
„Dummkopf! Ich habe dir doch gesagt, du musst sie aufwecken!“
Siegfried fuhr herum. – Nur einer war im Stande, seine Gedanken zu lesen … Tatsächlich war der Polarfuchs aus dem Nichts aufgetaucht, trottete nun mit heraushängender Zunge neben ihm her, als sei nichts geschehen.
„Wo bist du gewesen? Warum hast du mich alleingelassen? Ich habe mir schon Sorgen um dich gemacht!“
„Sorgen? Um mich? Lächerlich! Sieh zu, dass du vorankommst! Auf deinem nächsten Gang, darf ich dir nicht beistehen. Du musst den Göttern beweisen, dass du alleine imstande bist, die Walküre wachzuküssen. Und sollte dein Kuss nicht ausreichen, musst du dir etwas anderes einfallen lassen. Du musst lernen, in dich hinein zu horchen, dann wirst du womöglich hören, was die Götter von dir wollen. – Aber vielleicht …“ Loki verzog seine Schnauze zu einem listig verschmitzten Lächeln. „Immerhin bist du imstande, der Stimme eines Fuchses zu lauschen. Es kann durchaus sein, dass ein anderes Tier, ein Vogel oder auch ein Stein zu dir spricht.“
Siegfried kratzte sich grübelnd in den langen Haaren, die noch feucht waren von dem unterweltlichen Wasserguss.
„Dann sag mir wenigstens, welche Richtung ich einschlagen muss!“
„Na schön“, bellte der Fuchs und winkte mit seiner erhobenen Pfote nach rechts. „Noch zwei Meilen nach Osten musst du gehen. Siehst du jenes Gebirge hinter den Birkenbäumen? Dort kletterst du hoch – dann lass dich überraschen!“
Ohne ein weiteres Wort, drehte er sich auf der Hinterhand um und trottete gemächlich in die Gegenrichtung davon.
Siegfried kletterte geschickt an der Felswand empor, wunderte sich über das zerklüftete Gestein, welches so schwarz war wie die Holzkohle der Schmiede-Esse. Regin, dachte er, ich vermisse dich … Doch dann holte er tief Luft und schrie:
„Brunhild, ich komme, dich zu erlösen! Schick mir ein Zeichen!“
Suchend schaute er sich um. Dabei entdeckte er einen Kolkraben, der jetzt über seinem Haupt kreiste und meckernd krächzte, als wolle er ihn verspotten. Und als er bemerkte, wie der Vogel einen Felsen ansteuerte, um sich darauf niederzulassen, folgte ihm Siegfried.
Der Rabe verschmolz geradezu mit dem Gestein, hatte es doch dieselbe Farbe wie sein Federkleid; und als er jetzt wild mit den Flügeln flatterte, wirkte der Stein lebendig.
Siegfried kam näher, sah, wie sich ein breites rotes Band am Fusse des Felsens um die erhöhte Geländeformation wand, und wenige Schritte davor bemerkte er mit Staunen, wie diese Erscheinung sich verflüssigte, sich schlangengleich fortbewegte und glühte. Abermals fühlte sich Regins Lehrling an die Lohe der Schmiedeesse erinnert. Die schwarzrot feurige Steinmasse schnitt ihm den Weg zu dem Rabenfels ab, dampfte wie der Atem eines Drachen, war gut zehn Schritt breit und verhinderte sein Weiterkommen …
Loki! … warum hast du mich nicht davor gewarnt?
„Ja … schon gut! Ich muss dieses Hindernis allein überwinden“, rügte sich Siegfried selbst. Er nahm Anlauf, konzentrierte all seine Kraft auf die Beine, rannte los – und mit einem gewaltigen Satz schnellte er über den feurigen Strom hinweg, landete geschmeidig auf der gegenüberliegenden Felsplatte, und sogleich machte er einen weiteren Sprung, als ihm der erhitzte Boden die Füsse zu versengen drohte.
Der Rabe hatte ihn aufmerksam beobachtet. Nun erhob er sich in die Lüfte, eine Schleife vollziehend, als ob er sich vergewissern wollte, dass der junge Springinsfeld ihm folgte.
Siegfried ging darauf ein.
„Wirst du mich zu Brunhild bringen?“, rief er dem gefiederten Boten entgegen. Doch der Rabe gab keine verbale Antwort. Stattdessen kreiste er jetzt über einem anderen Felsen, drehte mehrere Runden und liess sich dann im Gleitflug dahinter zu Boden sinken.
Siegfried stand unbeweglich wie der Fels, den er soeben umrundet hatte, und staunte: Da lag eine Frauengestalt, zu seinen Füssen, und doch konnte er es kaum wahrhaben. Erst als der Drachenring an seinem Finger zu vibrieren begann, wohlige Wärme ausstrahlte, die seinen Leib und seine Sinne ergriff, löste sich die Starre und eine Welle der Erregung wallte in ihm auf.
Brunhild sah genau so aus wie das Abbild im Ring, das er gesehen und seither im Herzen getragen hatte: Nur noch schöner, dachte er, echt und in Lebensgrösse; selbst schlafend, scheinbar leblos, lässt sie mein Innerstes erzittern
