2,99 €
Wallace wollte wie so oft eine Reise in die Wildnis antreten. Getrieben von einer ihm unbekannten Macht verlässt er jedoch ungewollt seine Heimat und kommt in einem fremden Land an, welches er nur aus Sagen kennt. Mit jedem getanem Schritt gerät er weiter in die verworrenen Umstände des Landes. Mithilfe seiner neu gewonnenen Freundin Linda versucht er alles zu entschlüsseln. Dabei werden immer wieder die Tapferkeit und die Geisteskraft der beiden auf die Probe gestellt. So wird aus einer Reise das spannendste Abenteuer seines Lebens. In fremden Landen ist der erste Teil von Wallace der Junker.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 256
Veröffentlichungsjahr: 2018
Wallace der Junker
In fremden Landen
N. S. Fichtenschlag
In fremden Landen
© 2018 Nathan S. Fichtenschlag
Verlag & Druck: tredition GmbH, Hamburg
ISBN
Paperback
978-3-7469-2970-5
Hardcover
978-3-7469-2971-2
e-Book
978-3-7469-2972-9
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Wallace blickte hinab auf den brodelnden Brei im Kochtopf über der Feuerstelle vor sich. In der allmählichen Abenddämmerung flackerte nur der Schein des Feuers und er vernahm nichts als die süßen Geräusche und Düfte des Breis. Ihm lief das Wasser im Mund zusammen. Seit Tagen hatte er nichts mehr gegessen oder zumindest nichts, das ihm den Hunger stillen konnte, doch es kam ihm vor wie eine endlose Ewigkeit ohne Nahrung, während sein Magen brummte wie ein ausgewachsener Bär. Auch wenn es ihm schwerfiel zu identifizieren, was genau da kochte, wusste er eines ganz genau: Es roch nach dem besten Essen, das er jemals in seinem Leben hatte und vermutlich haben würde. Das könnte daran liegen, dass nicht er verantwortlich war für die Zubereitung, sondern der eigentliche Besitzer dieses Kochtopfes. Wenn er eines zugab, dann das, dass er nicht kochen konnte. Dies hatte auch nie jemand versäumt zu erwähnen, der von seiner Kochkunst probierte. Was er im Zubereiten von Essen nicht hatte, machte er aber auf jeden Fall wieder wett mit seinem unbändigen Charme und Charme war der Name seiner rechten Faust, die er dem Besitzer der Feuerstelle vor gerade mal ein paar Minuten ordentlich auf den Kopf gehauen hatte. Besagter Besitzer war sofort nach der Begegnung mit ihm auf unhöfliche Weise neben seiner Sitzgelegenheit wortlos zusammengesackt und hatte seitdem ein kleines Rinnsal von mittlerweile wieder fast eingetrocknetem Blut auf dem Gesicht. Wallace nahm das als Einladung zum Mitessen auf, ansonsten hätte der freundliche Feuerstellenbesitzer doch niemals sogar seinen Platz frei gemacht. Er nahm sich eine geschnitzte Schüssel, tunkte diese zur Hälfte in den Kochtopf und befüllte sie mit dem köstlich riechenden, aber etwas matschigen, braunen Brei. Mit seinen Lippen an der Schüssel legte er den Kopf in den Nacken und ließ den Schüsselinhalt in seinen Mund fließen. Zögerlich schluckte er, wodurch es ihm den Mund ein wenig verbrannte. Ein tatsächlich verdammt guter Brei, dachte sich Wallace trotzdem. Nachdem seine Schüssel leer geworden war, nahm er eine weitere Portion und wollte sich gerade wieder hinsetzen, als er ein Geräusch wahrnahm. Ihm fiel wieder ein, dass er auf seine Umgebung hätte achten sollen. Er befand sich auf einer etwas größeren Lichtung, umringt von dichtem Gestrüpp und hohen Bäumen. So weit draußen in der Wildnis auf Menschen zu treffen, die es so gemütlich und so viel Ruhe hatten, dass sie sich ein gutes Lagerfeuer machen konnten, war selten. Weil er die Befürchtung hatte, dass das Geräusch bedeutete, dass andere, weniger gemütliche Menschen auf ihn zukommen könnten, nahm er nochmal einen kräftigen Schluck vom Essen, stellte die Schüssel neben den freundlichen Koch auf den Boden und versuchte so schnell und unentdeckt wie möglich ins nächste Gebüsch zu gelangen. Jetzt, da er gegessen hatte, sollte er nicht wieder unvorsichtig werden. Auch wenn er es verabscheute im Unterholz herumzusitzen, weil ihn die Äste und Dornen der Pflanzen wie immer mal wieder malträtierten, war es zu einem notwendigen Übel geworden. Für ihn fühlte es sich an, als wäre er schon Wochen in diesem Wald herumgeirrt.
Gerade mal eine halbe Minute nachdem er ins Dickicht geschlüpft war, tauchte, als hätte er es mit hellseherischer Genauigkeit vorhergesagt, ein kleiner Trupp auf, aus nicht mehr als fünf oder sechs Leuten bestehend, die sich dem Feuer näherten. Er konnte und wollte sich nicht mit ihnen anlegen, er konnte auch nicht wissen, ob sie ihm nun freundlich oder feindlich gesinnt sein würden. Genau das war das Problem an der Wildnis, anderen Leuten konnte man einfach nicht trauen. Nicht, dass er eine Ausnahme gewesen wäre. Wenn er wollte, war er genauso ein Langfinger, wie er aber ein Ehrenmann sein konnte. Mit seiner unscheinbaren aber großen Statur vertrauten ihm die meisten Leute in der Stadt schnell, selbst wenn er auch etwas Dreck vom Unterholz im Gesicht hatte. Hier draußen hingegen war man ihm eher immer feindselig gegenüber eingestellt, das wusste er mittlerweile aus Erfahrung, auch wenn er es sich nicht ganz erklären konnte. Deshalb verhielt er sich lieber ruhig und beobachtete das ganze Geschehen von mehr oder weniger sicherer Entfernung. Der Trupp hatte das Lagerfeuer mittlerweile erreicht und ein paar von ihnen knieten um den bewusstlosen Koch, andere sahen sich um. Es schien, als wären sie nicht erfreut darüber, dass ihn jemand zu Boden geschlagen hatte. Aus dieser Entfernung konnte man nicht genau erkennen, was vor sich ging. Dem Schein nach fingen sie hektisch miteinander an zu reden, fast so, als hätten sie die Befürchtung, dass jene Person, welche ihren vermeintlichen Freund geschlagen und dann von seiner Kost gespeist hatte, zurück hätte kommen können oder sich zumindest noch in der Nähe befand. Einer der Leute, welcher in seine Richtung gedreht war, deutete auf den Boden vor ihm und winkte einen der anderen her. Wallace hatte ein schlechtes Gefühl bei der Sache, fast so als hätten sie … „In der Richtung is‘n Fußabdruck!“, rief einer der Männer, der zuvor noch zu ihm gedreht stand. Zweifelsohne war das ein Missverständnis, er wäre doch nie so unvorsichtig gewesen und hätte einen Abdruck hinterlassen! Er, der doch auf Federfüßen geht! Doch von wem sollte er sonst sein, der Fußabdruck, dachte er sich leicht in Panik versetzt. Die Truppe formte eine Traube um den Spurenleser und fing langsam an sich in seine Richtung zu bewegen. Wallace hatte verstanden, dass es an der Zeit war Distanz zwischen sich und der Gruppe zu bringen. Doch sollte er loslaufen oder sollte er versuchen sich langsam davonzustehlen? Er versuchte zu überlegen, doch mit jeder Sekunde, die er mit Nachdenken verbrachte, kamen ihm die Leute immer näher. Schlussendlich entschied er sich so schnell wie möglich zu verschwinden, bevor er noch einen genaueren Blick auf die Leute werfen konnte. Auch wenn es in der Wildnis bald komplett dunkel sein würde, Fremden in die Finger zu fallen war bestimmt schlimmer, als in der Dunkelheit durch einen dichten Wald zu laufen. Also ging er aus der Hocke in eine aufrechte Position, machte am Absatz kehrt und fing an zu rennen. Natürlich machte das einen riesen Lärm, verglichen mit der Stille, die zu diesem Zeitpunkt geherrscht hatte, da die Laubbäume bereits ihre ersten Blätter hatten fallen lassen. Das erregte wiederum die Aufmerksamkeit der Bagage, die daraufhin auch anfing schneller zu werden. Wallace wagte es nicht sich umzudrehen, sondern lief einfach blind darauf los, in eine Richtung. Zum Glück hatte er einen guten Orientierungssinn, dachte er sich, denn ohne wäre er am nächsten Morgen bestimmt ziemlich aufgeschmissen. Er konnte die Rufe hören. „Da is`a lang!“, schrie einer der Männer.
Nach nur wenigen Augenblicken, ihm zumindest kam es vor wie ein Lidschlag, waren die Rufe näher. Nicht nur näher, sie waren plötzlich zu nah! Jeden seiner kurzen, aber tiefen Atemzüge vernahm er ganz genau und versuchte sich nur auf diese zu konzentrieren, um noch schneller zu laufen. Ein, aus, ein … „Bleib stehen, na komm schon!“, schnaufte einer ganz nah hinter ihm.
Bis jetzt war er noch auf einem kleinen Pfad gelaufen, aber nun bog er aus einer Intuition heraus zwischen mehreren moosbedeckten Bäumen ein, mit einem Hechtsprung über einen Busch hinweg und hakte dabei mit einem seiner Füße so sehr zwischen zwei Äste ein, dass er darin fast hängen geblieben wäre. Nochmal Glück gehabt, versicherte er sich selbst, mit sicherem Tritt einen Weg zwischen den Bäumen bahnend. Doch wieder nur wenige Sekunden später vernahm er das Geräusch eines weiteren Typen, der hinter ihm her war. Es hatte wohl keinen Sinn weiterzulaufen. Er würde ihnen nicht entkommen, darüber war sich Wallace nun sicher. Von einem Moment auf den anderen blieb er stehen und wandte sich in Richtung der Verfolger. Er klopfte seine an den Knöcheln mit Eisen gefütterten Handschuhe aneinander, die dabei ein dumpfes Geräusch von sich gaben, und wartete. Plötzlich kam vor ihm ein muskulöser, schwarzhaariger Mann etwa mittleren Alters zum Stehen. Er hatte einen Bart beachtlicher Länge und seine Haare dürfte er vor etwas längerer Zeit immer sehr kurz getragen haben. Seinen Atemstößen nach zu urteilen war er eigentlich schon ziemlich aus der Puste, denn er schnaufte förmlich. Mit einem finsteren Blick stapfte er auf Wallace zu, doch spurtete Wallace nach vorne und verpasste dem Bärtigen einen kräftigen Schlag mitten in den Solarplexus. Dieser stöhnte auf und krachte zusammen. Mit selbstsicherem Tritt ging Wallace ein paar Schritte vorwärts und lauschte. Er konnte hören, wie sich etwas zwischen den Bäumen bewegte.
Plötzlich traten drei weitere Haudegen zwischen den Bäumen hervor. Sie alle sahen aus wie ganz normale Menschen, dachte sich Wallace. Ob sie wohl etwas gegen ihn gehabt hätten, wenn er nicht unbedingt hätte Brei haben wollen? Die Leute kamen näher. Einer von ihnen war in etwa so groß wie Wallace selbst, die anderen beiden kamen eher auf die Größe des Bärtigen. Was sollte er nun tun? Er könnte sie nicht alle mit bloßer Faust zur Strecke bringen, das wusste er. Auch wenn er seinen Spaß damit hatte Leuten nur mit den Händen oder eben eisenverstärkten Fäusten ordentlich eine reinzuhauen, dann war das jetzt nicht mehr der richtige Zeitpunkt. Das könnte sein Leben gefährden, dachte Wallace in diesem Moment, und er gefährdete es eigentlich nur sehr ungern. Wenn er doch nur nicht sein gesamtes Hab und Gut verloren hätte, dann könnte … Wallace traf es wie einen Blitz. Er hatte nicht alles verloren, nein! Er hatte noch immer ein bisschen von diesem Pulver, das er bei seinem letzten Aufenthalt in der Stadt erstanden hatte. Auch wenn ihm langsam die Zeit knapp wurde, besser jetzt als nie. Gerade als die Angreifer keine sieben Meter mehr von ihm entfernt waren, griff er in seine Hosentasche, nahm eine Handvoll des Pulvers, holte weit mit seinem Arm aus und warf es mit voller Wucht in ihre Richtung. Die Männer schrien sofort bei Berührung mit dem Pulver auf und Wallace machte sich daran, wieder Distanz zwischen sie zu bringen. Er erinnerte sich an die Worte des Händlers: „Das Zeug ist sein Gold wert, glaub mir. Aber sei dir gewiss, die Wirkung hält nicht länger als nötig!“ Daran musste er kein zweites Mal denken, um noch etwas schneller zu gehen. Ohne Ahnung, was das Pulver genau machte, aber mit der Gewissheit, endlich wieder etwas sicherer zu sein, drang er immer tiefer in das Dickicht des Waldes ein, den man gemeinhin nur als die Wildnis bezeichnete.
Nachdem er bereits eine gefühlte Stunde in der Dunkelheit einen Pfad entlanggelaufen war, sich seine Augen zum Glück sehr schnell an diese gewöhnt hatten und er auch kein einziges menschliches Geräusch wahrnehmen konnte, wog er sich wieder in Sicherheit. Er selbst hätte sich selbst auch kein Stück weiterverfolgt, warum also sollte es jemand anderes tun. Auch wenn er etwas die Wärme eines schönen Lagerfeuers vermisste, musste er es eben machen, wie er es immer tat. Mit einem Ast stocherte er etwas unter einem gemütlich aussehenden Busch herum, um sicherzugehen, dass sich nicht bereits ein wildes Tier beheimatet hatte. Als er sich sicher war, dass er sich hinlegen konnte, tat er das auch. Unter dem Laub der Büsche war man vor den meisten Gefahren geschützt und vor allem davor, von jemanden entdeckt zu werden. Erst wenige Male ist jemand über ihn gestolpert und hatte ihn damit natürlich auch gefunden, aber das war nicht in diesem Wald. Hier war es vielerorts so dicht, dass kein Schwert einen Weg hätte schaffen können. Der Wald müsse alt sein, sinnierte Wallace wie er da so lag und ihm langsam die Augen zufielen.
Das Rascheln der Blätter im Wind ließ Wallace wach werden. Es war bereits hell und er rieb sich die Augen. Auch wenn der Boden hart und ungemütlich war, mittlerweile hatte er sich schon daran gewöhnt auf ihm zu schlafen und empfand es in Betten zu schlafen maximal als angenehme Abwechslung, keinesfalls aber als eine Art Erlösung. Dass er noch an derselben Stelle lag und lebte, konnte nur bedeuten, dass er es tatsächlich geschafft hatte zu entkommen. Er war eben ein geschickter Glückspilz, so dachte er sich.
Nachdem er für eine Weile da so unter den Blättern noch mit offenen Augen gelegen war, rollte er sich auf die Seite und stand auf. Er gähnte ausgiebig, streckte zuerst den einen, dann den anderen Arm und sog die Luft des Waldes ein. „Ahhh“, machte er vernehmbar. Warum auch immer, er war heute gut gelaunt. Er schmatzte. „Wasser! Wasser!“, äffte er nach, zu seiner eigenen Belustigung. Klar hatte er Durst, immerhin hatte er auch seine Feldflasche verloren, aber es sollte kein Problem darstellen etwas Trinkbares zu finden, zumal der Durst auch nicht unbändig zu sein schien. Einmal kurz umgeblickt hatte er schon wieder einen Pfad im Sichtfeld. In der Dunkelheit hatte er nicht erkannt, dass es sich bei diesem Pfad nicht nur um einen kleinen, schmalen Pfad, sondern sogar einem ziemlich breiten mit Radspuren von einem Karren handelte. War sein Orientierungssinn doch nicht so gut, wie er es immer dachte? Eigentlich hätte er alle großen Wege schon seit Tagen hinter sich lassen sollen. Doch das kann wohl den Besten passieren, empfand er. Da er bestimmt nicht in die Richtung der ehemaligen Verfolger gehen würde, nahm er die einzige andere Richtung, die ihm noch einfiel: von ihnen weg.
Nach ein paar Stunden Fußmarsch wurde der Wald immer lichter und lichter, immer freundlicher und immer sicherer. Wo in alles in der Welt war er hingelangt? Er erkannte nichts von dem wieder, was er hier vorfand. Ob er so weit gegangen war, dass er in die Fremde gelangte? Sah er sich selbst zwar als begeisterten Abenteurer und Draufgänger, war es, wenn es nach ihm ging, eine etwas unangenehme Art zu reisen, ohne eine Orientierung zu haben, an einem ihm unbekannten Ort zu landen. Er schritt nun etwas vorsichtiger und forschender voran. Was er wohl am Ende des Weges vorfinden würde? Er war schon an einigen Abzweigungen vorbeigekommen, diese waren dennoch nie mit Schildern oder ähnlichem versehen, wie es schien. Selbst wenn er es also gewollt hätte, hätte er nicht gewusst, wohin er gehen sollte.
Gerade, als er sich wieder bei sich selbst über seinen Durst beklagen wollte, kam der Weg zu einer Brücke. Mittlerweile waren die Bäume im Wald so weit auseinander, dass er den Sonnenstand sehen konnte. Es war seiner Einschätzung nach noch nicht einmal mittags, aber warum sollte er seinen eigenen Einschätzungen auch vertrauen? Bei der Brücke angekommen freute er sich mit einem breiten Grinsen über das leise Plätschern eines Baches. Dieser schien von einem der Hügel zu fließen, die sich neben Wallace auftaten. Er stieg an der Seite des Weges zum Wasserfluss hinunter und hockte sich hin. Sein Spiegelbild blickte ihn an. Seine sonst mittellangen, braunen Haare waren mittlerweile struppig und bis zu seinen Schultern gewachsen, seine rotbraunen Augen waren gezeichnet von tiefen Augenringen. Er erschrak vor sich selbst. Wie lange war er unterwegs gewesen, dass er sich so verändert hatte? Seit Ewigkeiten musste er sich nicht mehr selbst gesehen haben. Zwar blickte noch er aus dem Wasser zurück, aber irgendwie auch nicht. Seine sonst fülligen Wangen schienen mittlerweile eher die eines armen Bauernjungens zu sein und waren mit mehr Dreck als sonst überzogen. Er zog sich seine Handschuhe aus, legte sie neben sich auf den Boden und schöpfte mit den bloßen Händen ein wenig Wasser und wusch sich damit das Gesicht. Vielleicht würde er bald wieder auf andere Leute treffen, da sollte er schon zumindest auf etwas Sauberkeit achten. Für den Moment beschloss er nicht weiter über seine Erscheinung nachzudenken, er könnte jetzt sowieso nichts daran ändern, es hatte keinen Sinn, sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Mit den Händen trank er so viel Wasser wie er konnte, da er es nicht mit sich nehmen können würde. Mit einem Bauch voller Wasser blickte er auf. Erst jetzt fiel ihm bewusst auf, dass er den ganzen Weg niemandem begegnet war. War das hier eventuell gar nicht so ungewöhnlich? War es ein alter Weg? Nein. Er war nicht verwachsen, das heißt hier sind schon Leute durchkommen und das regelmäßig. Vielleicht war er einfach nur mal wieder zu vorsichtig, denn es war auch nicht unwahrscheinlich, dass Wege nur alle Tage verwendet wurden. Ohne sich weiter von seinen vorherigen Gedanken beirren zu lassen, ging er schnellen Schrittes weiter.
Seine Füße trugen ihn weiter und weiter. Mit dem Blick auf seine Schritte gerichtet, brauchte er einige Zeit bis er bemerkte, dass er längst aus dem Wald rausgegangen war. Er lachte leise über sein eigenes Weggetreten-Sein und blieb stehen. Seine Augen wanderten über seine Umgebung und er drehte sich in alle Richtungen. Den Wald hatte er schon ziemlich weit hinter sich gelassen, worüber er eigentlich doch recht froh war. Um ihn herum fand er eine von Gras überzogene Hügellandschaft vor, mit Bäumen, die vereinzelt der Witterung trotzten. Hier und da konnte man auch ein größeres Büschel hübscher bunter Blumen entdecken und … es traf ihn wie einen Schlag. Noch nie zuvor in seinem Leben war er hier gewesen. „Das kann nicht wahr sein, das …!“, sprach er komplett verständnislos. Hektisch sah er sich um und peilte den nächstgelegenen hohen Hügel an. Mit großen Schritten lief er hinauf, um so schnell wie möglich einen Überblick zu gewinnen. Auf einem Stück lehmigen Boden zog es ihm für einen kurzen Moment die Füße weg und er machte seine Hände und seine Hose schmutzig. „So‘n Mist!“, murmelte durch seine zusammengebissenen Zähne. Aufgerappelt ging er mit bedachteren Schritten weiter den Hügel hinauf. Oben angekommen sah er sich mit einem Staunen um. Tatsächlich, er war hier noch nie gewesen, doch hatte er eine leise Vermutung, wo er sich befand, auch wenn es ihn nicht sehr erfreute. Beziehungsweise bestätigte sich seine Vermutung, die er aber wieder verdrängt hatte. Er war tatsächlich in der Fremde gelandet. Es musste so sein. Weit ab von zuhause. Einmal quer durch die Wildnis, das undurchdringliche Dickicht der Wildnis! Aber wie? Er war doch gar nicht so weit gegangen, zumindest würde er sich doch an diese Strecke erinnern! „Die Fremde … die Fremde …“, grübelte er. Er versuchte sich zu erinnern, was ihm alles darüber bekannt war. Ohne seiner Landkarte tat er sich leider doch etwas schwer. Nur wusste er, dass zumindest aus seinem Stadtgebiet Weißfluss, noch nie jemand überhaupt so weit gegangen war. Nicht, dass von ihnen jemals überhaupt wer weit gegangen wäre, eben so weit erst recht nicht! War er vielleicht der Erste? Niemals wurde über jemanden berichtet, dem dies gelungen war. Fast freute er sich schon darüber, bis ihm bewusst wurde, dass er eine Ewigkeit von seiner Heimat und allem, was ihm tatsächlich vertraut war, entfernt war. Er hatte nichts bei sich, außer dem was er am Leibe trug, und auch keine Ahnung wie er es jemals wieder zurück schaffen sollte. Ein Hauch von Panik überfiel ihn. Er war allein! Langsam setzte er sich auf den Boden. Für einen kurzen Moment war er tatsächlich fassungslos. Aber er wäre nicht Wallace, wenn er diese Situation nicht meistern würde! Wichtig, fand er, wäre es erst einmal etwas Zivilisation zu finden. Am Stand der Sonne las er ab, dass es Nachmittag sein müsste und er noch ein paar Stunden Zeit haben sollte, um etwas zu finden. Er musste die bedrückenden Gedanken ablegen. „Den Kopf nach oben, die Beine nach vorne!“, dachte er sich immer wieder. Mit jedem Schritt gelangte er weiter in das Ungewisse, in „die Fremde“, so wurde dieser Ort, an dem er sich befand, in den Büchern und auf den Karten seiner Herkunft bezeichnet. Wenn er so darüber nachdachte, wäre es wohl umgekehrt genauso. Die Leute, die hier wohnen, müssten, vorausgesetzt sie selbst waren auch noch nie auf der anderen Seite der Wildnis, auch über seine Herkunft denken wie er über Ihre. Vermeintlich unerforscht. Wieder war er gedankenverloren und versuchte sich einen Reim auf das Ganze zu machen. Die Hügel zogen an ihm vorbei und gerade als seine Waden anfingen zu schmerzen, sah er in nicht allzu weiter Entfernung eine kleine Ansiedlung an Häuschen. Sie schienen einfache Konstruktionen aus Holz und Stroh zu sein, woraus Wallace schloss, dass es sich um ein Bauerndorf handeln müsste, so wie er es aus seiner Umgebung kannte. Seine Schritte wurden schneller. Er verwarf alle Zweifel darüber, ob die Bewohner ihm wohl freundlich oder unfreundlich gesonnen sein würden. Dafür war jetzt keine Zeit, immerhin wollte er heute ausnahmsweise nicht unfreiwillig verköstigt werden, sondern war eher daran interessiert, mehr über diesen Ort zu erfahren. Je näher er dem Dorf kam, desto eher wichen die schier unendlichen Gräser bewirtschafteten Flächen mit Ackerfurchen. Vereinzelt konnte man weiter entfernt Leute noch auf den Feldern arbeiten sehen, mit Pflügen und Hacken, wie Wallace annahm. „Zum Glück ist was los hier“, sagte er sich selbst. Nachdem er den gesamten Marsch im Wald seit der Sache mit dem Brei keiner Menschenseele mehr begegnet war, hatte er sich schon gesorgt, dass es hier auch niemanden gab, auf den man hätte treffen können.
Wallace war jetzt nah genug, um zu erkennen, dass es sich um eine größer als angenommene Anhäufung von Gebäuden handelte. Manche waren im Fundament sogar mit Stein angelegt worden, was ihn darauf schließen ließ, dass die Besitzer dieser mehr Mittel hatten als die der Häuser ohne Stein. Wer in aller Welt würde denn in dieser Einöde leben, fragte er sich, immerhin gab es hier außer Wald und Wiese und ein paar Hügeln doch nichts, was einen halten könnte. Vielleicht, wenn man eher einer der sesshaften Typen wäre? „Hallo, Ihr da!“, sagte eine Stimme und Wallace schrak leicht auf. Gedankenverloren war er bis in das Innere des Dorfes gegangen. Hier war der Weg, auf dem er gekommen war, kein Weg mehr, sondern eher eine matschige Fläche, die sich, wie er sah, in viele, kleinere matschige Wege teilte, welche sich alle durch und um das Dorf wanden. Er blickte in Richtung des Sprechers und sah einen jungen, blonden Burschen, vielleicht gerade erst erwachsen, der ihn mit einer fragenden, aber höflichen Miene ansah. „Ich kenn‘ Euch nicht. Was macht Ihr hier?“, fragte dieser. Wallace sah, dass der Bursche alles in allem von oben bis unten schmutzig war. Wenn er gewettet hätte, dann darauf, dass dieser bestimmt nicht in einem der steinernen Häuser wohnte. „Nur auf der Durchreise“, antwortete er knapp. Könnte er ihm davon erzählen, dass er aus dem Wald hierher kam? Er selbst wäre Leuten aus dem Wald immer recht misstrauisch gegenüber, vor allem, wenn diese behaupteten aus fremden Orten zu sein. Nein, er würde nicht die Wahrheit sagen und weder was von dem Wald, noch von Weißfluss erwähnen. „Durchreise? Wohin soll‘s denn gehen? Doch nicht etwa in die Stadt?“, fragte der Blonde neugierig. „Äh … “, machte Wallace und kratze sich am Hinterkopf, „doch, natürlich in die Stadt. Wohin sollte ich sonst wollen?“ „Mein Name ist Wallace“, stellte er sich noch nach einer kurzen Pause vor. Der Bursche sah ihn kurz etwas wunderlich an, antwortete dann aber selbstsicher: „Ich heiße Theren, ich bin der Sohn von Gendrin. Meinem Vater gehört hier etwas Ackerland und ich helfe ihm damit.“ Wallace musste lächeln. So eine nette Vorstellung hatte er schon seit langem nicht mehr gehört. „Freut mich, dich kennenzulernen, Theren, Gendrins Sohn“, meinte Wallace und deutete eine kleine Verbeugung an, welche Theren erwiderte. „Sag Theren, du kannst mir nicht zufällig dabei helfen für heute Nacht einen Schlafplatz zu finden, oder doch?“ Wallace hoffte stark auf eine positive Antwort. Es sehnte ihn und seine Waden doch sehr nach etwas Bequemlichkeit, nicht nach weiteren Schritten, die zu gehen waren. „Wenn du kein Problem damit hast in unserem Stroh zu schlafen, dann wirst du heute zumindest ein Dach über den Kopf haben“.
Wallace war froh, dass Theren ihm bisweilen keine weiteren Fragen gestellt hatte. Immerhin wäre es für ihn sehr schwierig gewesen über die Namen der Orte Bescheid zu wissen. Selbst bei einem netten Plausch könnte schnell auffallen, dass er keine Ahnung von der Gegend hatte. Allerdings fand er die Stadt, von der der Bursche vorher gesprochen hatte, interessant genug, um unbedingt weiterzuwollen. Dort konnte er erst mal wieder dafür sorgen, dass er sich einige Ausrüstungsgegenstände besorgte. Natürlich wäre ein Fortbewegungsmittel nicht schlecht gewesen, doch, wenn es hier so wie bei ihm zuhause war, dann müssten Pferde ein teures Gut sein und Pferdediebe gehängt werden. Da der Strick nicht unbedingt die Art von Ende war, die er für sich selbst vorgesehen hatte, war es ihm lieber darauf erst mal zu verzichten. Theren hatte ihm mittlerweile ein paar matschige Straßen weiter zu seinem eher bescheidenen Heim geführt. Es war ein Haus aus Holz, welches mit einer dicken Schicht Stroh bedeckt war. In der Höhe vielleicht zweieinhalb Mann hoch und mehrere breit. Daneben war ein kleiner Schuppen, in dem Wallace seinen Nächtigungsplatz vermutete. „Hier kannst du heute schlafen“, sagte Theren und deutete dabei, wie erraten, auf den Schuppen. „Ich erwähne es bei meinem Vater aber erst gar nicht, dass du hier bist. Er ist nicht so gutmütig dieser Tage.“ Wallace nickte erst verstehend, aber war dann doch etwas neugierig, was er damit wohl gemeint haben könnte. „Warum ist dem so?“, fragte er vorsichtig. Dann erzählte ihm Theren von den Geschehnissen der letzten Wochen, die sich in diesem Lande zutrugen. Er erzählte von irgendwelchen Schwierigkeiten mit einer Garde, deren Name Wallace nicht verstehen konnte. Anscheinend hatte diese Garde ihnen auch einen nicht zu missachtenden Teil ihres Landes einfach beansprucht und sie konnten sich nicht dagegen wehren, da sie doch nur einfache Leute waren. Wallace versuchte zwar genau aufzupassen und das nicht unbedingt weil ihn die Probleme dieser Leute interessierten, sondern weil er so viel wie möglich über das für ihn unbekannte Land erfahren wollte. Doch mehr als, dass Therens Vater Gendrin seit dem Besuch der Garde noch schlechter gegenüber Fremden eingestellt war, erfuhr Wallace von Theren nicht. Wallace nickte verständnisvoll und versuchte höflich zu sagen: „Das tut mir leid für euch. Ich hoffe, dass es sich für euch wieder zum Guten wenden wird.“ Der blonde Bursche nickte trübsinnig und Wallace öffnete die Tür zum Schuppen. Er versicherte Theren, dass er morgens schon wieder verschwunden sein würde, wobei dieser ihm noch etwas Brot und Wasser anbot, welches sie noch von ihrer eigenen Mahlzeit übrig hatten. Wallace nahm das Angebot dankend an und nur kurze Zeit später kam der Bursche mit einem mittelgroßen Stück Brot und einem Krug Wasser zu ihm. Er bedankte sich herzlich dafür, immerhin hatte er tatsächlich schon Hunger bekommen. Aber er würde sich etwas für seine Reise sparen, dachte sich Wallace. Theren schien gerade gehen zu wollen, da fragte Wallace ihn mit einem Stück Brot im Mund: „Sag mir, welcher ist der kürzeste Weg zur Stadt? Ich will morgen so früh wie möglich ankommen.“
Nachdem Theren gegangen war, aß Wallace noch eine gute Weile an dem doch etwas zähen und trockenen Brot und legte sich schließlich weniger zur Seite als anfangs geplant. Mit dem Wasser befeuchtete er sich seine mittlerweile sehr trockene Kehle, woran zu einem Teil der weite Weg, zum anderen das Brot Schuld hatte. Er ließ nur ein paar Schlucke für die Nacht übrig. Wallache genoss das Gefühl von zwei aufeinanderfolgenden Tagen mit Essen im Bauch, obwohl ihm bei dem Gedanken an den Brei wieder das Wasser im Mund zusammenlief. Er machte es sich gemütlich und legte sich mit den Händen hinter den Kopf verschränkt quer über das Stroh. Kein Bett, aber auch kein Unterholz, dachte er. Vielleicht redete er sich manchmal einfach nur ein, dass einfacher Boden genauso bequem war, um nicht andauernd an Komfort denken zu müssen. Immerhin hatte er sich auch daran gewöhnt Dinge zu Essen, die vor nicht einmal allzu langer Zeit nicht seiner Vorstellung entsprochen hätten. So lag er noch eine Weile da und starrte in die Dunkelheit und dachte über das Leben und vor allem sein Leben nach. Er, ganz auf sich gestellt, in der Fremde. „Bis jetzt lief doch noch alles ganz gut“, dachte er sich noch und schlief dann mit halbwegs vollem Bauch und zufriedenem Blick ein.
Loderndes Feuer um ihn herum. Wallace bekam fast keine Luft. Der Rauch war bereits überall. Er musste stark husten, so stark, dass er dachte, seine Lunge würde jeden Moment mit nach oben kommen oder platzen. Mit jedem Mal atmete er aber auch mehr Rauch ein. Wo war er? Er konnte sich nicht erinnern. Panik überkam ihn. Es schien, als ob er im Inneren eines Raumes wäre. Vielleicht war da eine Tür oder ein Fenster, welches er erreichen konnte? Ja, keine fünf Meter entfernt, er musste nur hinkommen. Schnell lief er hin und suchte hektisch nach einem Weg, es zu öffnen. Ihm war schon ganz schwindelig, daher konnte er es sich nicht leisten, lange nach einer Lösung zu suchen. Mit einem Blick auf seine Hände kam ihm die Idee. Er ging einen Schritt zurück und schlug mit voller Wucht auf den geschlossenen Fensterladen ein und mit einem Krach, welcher fast schon vom Prasseln der Flammen übertönt wurde, zersprang er. Wallace kletterte schnell aber vorsichtig aus dem Fenster und stand in einer schmalen Gasse. Nicht nur das Gebäude, sondern alle Gebäude um ihn herum schienen in Flammen zu stehen. Entschlossen rannte er die Gasse nach unten, da dort eine breite Straße zu sein schien. Dort angekommen fiel ihm auf, dass er noch keinem einzigen Menschen begegnet war. Was war hier los? Alles brannte und niemand versuchte das Feuer zu löschen. Wallace wollte nicht stehen bleiben, nein, er musste weitergehen und jemanden finden, das wusste er. „Ist denn niemand hi…“, abrupt schnitt es ihm das Wort ab. Vor ihm türmte sich ein Berg von Leichen auf, alle auf einen Platz aufeinandergestapelt. Seine Augen waren weit aufgerissen und er war sprachlos. Die Zeit schien langsamer zu laufen. Um ihn herum wurde es still, als gäbe es kein Feuer. Im Leichenberg stach eine ganz besonders heraus. Sie hatte braunes, längeres Haar und rotbraune Augen und … Wallace. Wie konnte es sein, wenn er doch hier steht, dass er da liegt? Wie?
