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Eine Gruppe von rund dreißig Menschen muss seit Jahrzehnten in einer fremden Welt jeden Tag wandern, bis sie abends einen Punkt unterhalb dreier Sterne erreicht hat. Dort werden die Wanderer mit allem versorgt, was sie zum alltäglichen Überleben brauchen. Wer sind die Kräfte, die sie leiten und die der Legende nach die ›heiligen drei Sterne‹ genannt werden, bewohnt von drei neuen Göttern? Warum sind gerade diese Wanderer, die alle einen kreativen Hintergrund haben, in diese Welt transferiert worden? Und wie wird die Gruppe personell immer wieder aufgestockt, wenn eines ihrer Mitglieder verschwindet? Was ist der Sinn dieses ganzen Geschehens? Steht am Ende der Wanderung wirklich die Erlösung durch die Teilhabe am göttlichen Leben? Die Gruppe der Wanderer hat eigenartige Mitglieder und entwickelt je nach Zusammensetzung unterschiedliche Strukturen. Erschüttert wird sie durch zwei Morde und das gleichzeitige Verschwinden einiger Abenteurer.
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Seitenzahl: 429
Veröffentlichungsjahr: 2023
Wolf Welling
AndroSF 176
Wolf Welling
WANDERER
AndroSF 176
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
© dieser Ausgabe: Juni 2023
p.machinery Michael Haitel
Titelbild: Thomas Franke
Grafik S. 179: Lea Sawatzky
Layout & Umschlaggestaltung: global:epropaganda
Lektorat & Korrektorat: Michael Haitel
Herstellung: global:epropaganda
Verlag: p.machinery Michael Haitel
Norderweg 31, 25887 Winnert
www.pmachinery.de
für den Science Fiction Club Deutschland e. V., www.sfcd.eu
ISBN der Printausgabe: 978 3 95765 330 7
ISBN dieses E-Books: 978 3 95765 774 9
Und es geschah zu einer Zeit, da sich die Menschen von den Göttern abgewendet hatten, sie vergaßen, ignorierten oder gar verlachten. Zeus und seine elf Olympier taugten nur noch für amüsante Geschichten im Schulunterricht; Thor, Odin, Frigga und die anderen germanischen Gottheiten verkamen zu gewalttätigen Sagengestalten; Jupiter, Neptun, Apollo und Venus waren nur noch Zierrat auf wertlosen Münzen und Vasen; Allah war zum Zerrbild oder zur Hassfigur geworden; die unüberschaubare Anzahl der hinduistischen Gottheiten und der Götter indianischer Stämme waren nur noch für den Aberglauben gut genug; und einen Gott hatte es im Buddhismus gar nicht erst gegeben, nur das erstrebenswerte Nirwana. Schon die ganzen Spaltungen in Katholiken und Protestanten, Sunniten und Schiiten, Gelbmützen und Rotmützen mit diversen Untergruppierungen hatten die Götter nicht nachvollziehen können. Sie verstanden die Menschen nicht mehr und verloren das Interesse an ihnen.
Die Menschen waren ihrer Götter überdrüssig geworden. Mammon, Besitz, Events, Moden, Heilsversprechen, Verschwörungstheorien und Zerstreuungen aller Art waren an ihre Stelle getreten. Es war eine gegenseitige Distanzierung. Und so ließen die Götter die Erde im Stich und zogen sich in einen fernen Winkel des Universums zurück. Dort saßen sie wie Verbannte, trübsinnig und melancholisch, den alten wilden Zeiten nachtrauernd. Sie seien von den Menschen verlassen worden, sie seien nutzlos geworden, überflüssig. Die Menschheit habe den Glauben verloren, sie verstoße ihre Gottheiten, und immer mehr Menschen hätten nur noch ihr tägliches Leben mit Sorgen und Ablenkungen im Sinn. Die Religionen lösten sich in Nihilismus auf. Ihr Dasein ersticke in bleierner Routine, Langeweile und Ödnis.
In dieser Situation taten sich die drei Stellvertreter der größten Religionen zusammen: Jesus, Mohammed und Buddha, ernannten sich zu neuen Gottheiten und beschlossen, der Menschheit den Garaus zu machen und nur eine kleine Gruppe Auserwählter zu erretten: die WANDERER. Sie sollten in ihren Kreis aufsteigen und ihr Dasein mit Kunst und Kultur, Kreativität und Erfindungsgeist neu beleben und erfreuen. Dies sei die Erlösung am Ende einer langen Wanderung: Die Aufnahme in den Kreis der Götter, an ihrer Seite, oder zumindest als Halbgötter – der Status hinge von der individuellen Dauer der Wanderung ab.
Die drei Sterne am Himmel sind die Symbole für Jesus, Mohammed und Buddha. Diese drei hatten mit einigen Halbgöttern am Firmament eine Burg aus Bergkristall und Bernstein, ASGARD genannt, als ihren neuen Wohnsitz errichtet.
Die WANDERER würden nach dem Tag des Jüngsten Gerichts in kristallinen Räumen leben mit Einrichtungsgegenständen aus Edelhölzern, Bernstein und Zierrat aus Gold und Edelsteinen. Sie würden in Purpur, Samt und Seide gekleidet und würden die köstlichsten Speisen kredenzt bekommen. Man nähme sie auf in den Kreis weiser und guter Wesen, die ihnen göttliche Kultur und göttliches Verhalten lehren und sie mit göttlichen Kräften und ewiger Gesundheit ausstatten würden. Damit wären die Gottheiten durch die WANDERER erlöst; sie erretteten die letzten Menschen und diese sie. Ihre Niedergeschlagenheit und ihre Melancholie würden weichen, sie begännen gemeinsam mit den Erwählten ein neues erfülltes Leben und würden mit ihnen eine neue Welt errichten, die die Kunst in den Mittelpunkt der Existenz rücken sollte.
Die Vernichtung der restlichen Menschheit erörterten die drei Hauptgötter ausführlich und detailliert mit ihren Nebengöttern, Gesellen und Gespielinnen abends bei Wein und Würfelspiel: Vom Himmel würden sie ihre Apokalyptischen Reiter mit flammenden Schwertern aussenden, begleitet von sieben Engeln mit mächtigen Posaunenklängen. Riesen würden ganze Städte mit ihren gepanzerten Stiefeln zertrampeln. Hochhäuser würden von ihren mächtigen Fäusten zermalmt. Sie rissen Bäume aus und würfen sie hoch in die Luft. Die Berge würden zum Leben erwachen und kröchen auf die Täler zu, um sie unter sich zu begraben. Gigantische Ungeheuer aus den Tiefen der Meere würden an die Ufer drängen und Boote, Fahrzeuge und Straßen vertilgen. An den Küsten bekämen die Schiffe Flügel und schwebten übers Land. Blinde unterirdische Monster höben das Gelände und drängten ans Licht. Aus den Wolken fiele Feuer, Hagel und Blut. Alles Leben würde vernichtet.
Allein die Auserwählten, die WANDERER, würden errettet und in ihren Kreis erhoben werden.
Das war die Legende, die uns Neuankömmlingen erzählt wurde, nachdem wir auf Wiehl landeten.
Als ich in die neue Welt taumelte, bremste ein Faustschlag ins Gesicht meine Vorwärtsbewegung. Ehe ich reagieren konnte, boxte mir jemand in den Magen, ich sackte zusammen und fiel zu Boden. Dort spürte ich noch zwei Tritte in meinen Rücken. Ich krümmte mich zusammen und hielt schützend meine Arme um meinen Kopf, um nicht ernsthaft verletzt zu werden.
Es ist nicht so, als hätte ich mich kampflos ergeben, immerhin hatte ich zwei Jahre Kickboxen geübt, aber dieser Angriff kam so überraschend, dass ich gar nicht reagieren konnte. Ich bin überhaupt kein Schlägertyp und gehe körperlichen Auseinandersetzungen lieber beschwichtigend aus dem Weg, es sei denn, ich werde angegriffen und sehe eine Chance, einigermaßen den Kampf zu überstehen. Ich hatte bisher nur wenige solcher Situation zu bestehen, also solche, in denen man sich mehr oder weniger schwer verletzen konnte, denn in den Übungen musste man ja darauf achten, den anderen nicht zu verletzen. Aber wenn es zu einer Schlägerei kommt, helfen einem die eingeübten Wendungen, Tritte und Hiebe nur bedingt, weil der Gegner sich nicht an die Regeln eines Trainings hält.
Als ich malträtiert auf dem Boden lag, beugte sich eine große, breite Gestalt über mich. »Nur damit du Bescheid weißt! Der Boss hier bin ich und kein anderer! Kapiert?«
Ich nickte mühsam. Was sollte ich auf diese Frage auch antworten? Ich kannte diesen Menschen nicht, ich wusste nicht, wo ich überhaupt war, und ich konnte keinen Grund für seine Attacke erkennen. Wer war der Kerl? Boss von irgendwas, was ich nicht kannte, und für Führungspositionen hatte mir schon immer der Ehrgeiz gefehlt. Ich wollte nie irgendwo Chef sein, ich wollte meinen Job machen und ansonsten in Ruhe gelassen werden.
Ich schmeckte Blut in meinem Mund und spürte, dass eine Lippe aufgeplatzt war. Der Mann, der mich niedergeschlagen hatte, richtete sich auf und ging davon. Ich wartete noch einen Moment, ob noch ein anderer Schläger auf mich losgehen würde, dann rappelte ich mich, als nichts weiter geschah, mühsam hoch und sah, dass ich von einer Gruppe Menschen umgeben war, die mich nicht unfreundlich, teils mitleidig betrachteten. Einige von ihnen waren missgestaltet. Alle trugen altmodische, teils abgewetzte Kleidung und einen Rucksack.
Ich tupfte mir mit dem Handrücken Blut von den Lippen und bemerkte, dass es leicht grün statt rot war. Auch meine Hautfarbe hatte einen grünlichen Ton angenommen. Ich glaubte, in einem Albtraum gelandet zu sein, aus dem ich mich schnell wieder befreien wollte. Allerdings sprachen meine Schmerzen im Gesicht und im Rücken gegen die Vermutung, mich in einem solchen Traum zu befinden. Ich sah mich vorsichtig um, ob ich erneut angegriffen wurde, aber der grobschlächtige Kerl, der mich niedergeschlagen hatte, hatte sich entfernt, und die anderen Leute standen passiv im Halbkreis um mich herum, starrten mich an und rührten sich nicht.
»Auf unser Willkommensritual verzichten wir diesmal besser«, meinte eine etwas füllige Frau im mittleren Alter und sah bekümmert drein. Lange Haare hingen ihr ungepflegt im Gesicht, und mir fiel auf, dass alle um mich herum vernachlässigt wirkten. War ich hier unter Penner geraten?
»Was war denn mit Big Daddy los? So hat er doch noch nie jemand Neues angegangen«, sagte ein älterer Mann, dem eine Brille schief auf der Nase saß. Wie alle Männer trug er einen Bart.
»Das ist bestimmt die Zora, diese Roma, schuld«, bemerkte eine andere Frau mit verkniffenen Augen und herunterhängenden Mundwinkeln.
»Die Zora? Wieso die?«
»Ich hab gestern Abend zufällig mitbekommen, wie sie Big Daddy etwas zuflüsterte.«
»Und das hast du verstanden, obwohl geflüstert wurde?«
»Na ja, so halbwegs.«
»Was hat sie ihm denn gesagt? Was soll sie denn bitteschön geflüstert haben?«
»Wie gesagt, habe ich nicht alles verstanden. Aber zumindest so viel: Big Daddy solle sich bloß in acht nehmen. Unheil würde drohen, seine Position sei gefährdet, und so Zeugs halt.«
»Und daraus hat Big Daddy geschlossen, dass der Neue … Wie heißt du überhaupt?«, wandte er sich an mich. Ich beugte mich nach vorne und stützte mich mit den Händen auf meinen Knien ab. Jetzt begann ich, meine Schmerzen zu spüren.
Ich war völlig durcheinander. Jemand, den ich nicht kannte, hatte mich – jedenfalls aus meiner Sicht – grundlos angegriffen; um mich herum standen Menschen, die mir fremd waren und wirres Zeug redeten; die ländliche Umgebung, in der ich mich befand, war mir unbekannt; und ich hatte mich körperlich verändert, Stichwort: grünes Blut. War ich wahnsinnig geworden? Hatte ich bei einem Unfall oder einem Hirnschlag mein Leben verloren? Oder war ich an der Grenze zum Tode und befand mich jetzt in einer merkwürdigen Zwischenwelt mit zerlumpten Gestalten? Ich kannte weder einen Big Daddy noch eine Zora noch irgendeinen dieser Menschen, die um mich herum standen. Dennoch beschloss ich, erst einmal mitzuspielen.
»Eigentlich heiße ich Johannes«, antwortete ich, »aber alle nennen mich Joe. Wo bin ich hier? Was ist hier eigentlich los?«
Weiter vorn des Wegs hatte sich der Anführer, den sie Big Daddy nannten, umgedreht und gebrüllt: »Eh, wollt ihr Wurzeln schlagen oder was? Los, vorwärts jetzt, und ohne zu trödeln!« Die beiden Männer an seiner Seite stimmten ihm zu und riefen: »Macht voran! Los jetzt!«
Die Leute, die um mich herum standen, drehten sich zu ihrem Anführer um und machten sich zögerlich auf den Weg.
Eine hübsche Frau mittleren Alters wandte sich an mich und sagte: »Los, komm! Du musst mit uns gehen!« Sie hatte ihr blondes Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden, dunkle Augen, ein schmales Gesicht und eine zierliche Figur. Sie war in keiner Weise geschminkt, trug einen abgewetzten Pullover unter einem Sakko, der ihr etwas zu groß war.
»Ich denk nicht dran«, entgegnete ich trotzig.
»Hör zu! Wenn du nicht mit uns kommst, wirst du hier verdursten und verhungern«, meinte sie und sah mich mit strengem Blick an. »Nahrung und Wasser gibt es für dich und uns nur, wenn wir heute Abend eine senkrechte Position unter den drei Sternen erreicht haben. Also los jetzt!« Sie forderte mich mit einer energischen Handbewegung auf, ihr zu folgen. Die anderen waren bereits ein Stück vorausgegangen.
»Verdammt noch mal«, fluchte ich und wurde immer ärgerlicher. »Was soll das alles? Wo bin ich hier überhaupt?«
»Komm jetzt mit, ich erkläre dir das unterwegs. Ich heiße übrigens Simone.« Sie zog mich am Ärmel und beeilte sich, die anderen einzuholen. Widerwillig folgte ich ihr auf einem ungepflasterten Weg.
»Du bist hier auf Wiehl«, erklärte meine Begleiterin. Mir erklärte das allerdings gar nichts.
»Auf Wiehl? Was für ein Wiehl? Wo liegt denn dieses Land?«
»Es liegt nicht auf der Erde.«
»Nicht auf der Erde? Wo denn sonst?«, fragte ich konsterniert und blieb stehen. Simone zerrte mich weiter und fuhr fort: »Irgendwo anders. Ich kann es dir nicht erklären. Es ist das Land der drei Sternengötter.«
Ich schüttelte verständnislos den Kopf »Und wie bin ich hierhergekommen?«
»Es gab einen Transfer.«
»Was für einen Transfer, verflucht noch mal?«
»Na ja, so eine Art Herholung deiner Person. Sei unbesorgt! Alles ist gut!«
»Nichts ist gut! Und wer seid ihr?«
»Wir sind die Auserwählten, so wie du.«
»Ich und auserwählt? Von wem denn?« Ich hatte mich nie für etwas Besonderes gehalten oder wie ein Auserwählter gefühlt. Ich hatte auch noch nie bei einer Lotterie oder etwas Ähnlichem gewonnen. Daher spielte ich nach einigen anfänglichen Misserfolgen auch nie Lotto oder beteiligte mich nie an Glücksspielen, weil ich sicher war, nie etwas zu gewinnen. Und hier sollte ich ein Auserwählter sein? Dieser Gedanke war mit dem gewalttätigen Willkommensgruß eigentlich unvereinbar.
»Die drei Sternengötter, die über uns stehen, uns leiten und beschützen, haben dich erwählt. Dort oben kannst du sie erkennen«, sagte Simone.
Ich hob den Kopf und erblickte in der milchigen Helligkeit des Himmels weit vor uns drei helle Punkte. Ich war verständlicherweise immer noch völlig durcheinander. »Was haben diese Götter mit mir zu tun?«
»Sie haben dich auserkoren, zu uns zu stoßen.«
»Ich will nicht auserkoren sein, ich will wieder zurück nach Berlin.«
»Das geht leider nicht. Es gibt keine Rückkehr. Dies ist deine neue Welt. Du wirst dich an sie gewöhnen. Gewöhnen müssen, wenn du überleben willst.« Sie zog immer noch an meinem Ärmel und beschleunigte ihre Schritte.
Ich lief widerwillig mit und beschloss, mich erst einmal in mein Schicksal zu fügen und abzuwarten. Die Straße, auf der wir gingen, bestand aus festgestampftem Lehm mit einzelnen Steinen unterschiedlicher Größe und Beschaffenheit. Die Ränder des Weges konnte ich vage erkennen, weil sie durch weitere Steine grob abgegrenzt waren. Rechts und links des Weges lag so etwas wie eine Steppe mit wenigen Sträuchern und spärlichem Grasbewuchs. Die Horizonte verloren sich im Nebel. Ich meinte aber, rechts und links der Landschaft so etwas wie hohe Mauern zu erkennen.
Langsam verschwanden meine Schmerzen und meine Benommenheit. Ich achtete jetzt mehr auf meine Umgebung. Es war mäßig warm mit trockener Luft, die nach nichts roch. Ich hörte auch nichts, außer dem Gemurmel der Menschen vor mir. Ansonsten gab es keine Geräusche, kein Rauschen des Windes, kein Verkehrslärm, kein Flugzeug, keine Tiergeräusche. Diese Abwesenheit von Geräuschen und Gerüchen wurde mir schlagartig bewusst und verstärkte mein Gefühl, in einer völlig fremden Welt zu sein.
»Sehe ich irgendwie verunstaltet aus?«, fragte ich besorgt die neben mir gehende Frau. Sie schaute kurz zur Seite und entgegnete: »Nee, bist völlig normal, bis auf deine etwas grünlich schimmernde Haut. Aber sonst scheint alles dran zu sein. Nach dem zu urteilen, was ich äußerlich sehen kann. Wie’s drinnen aussieht, kann ich ja nicht wissen.«
Wir hatten zu den anderen aufgeschlossen und folgten ihnen als Letzte mit gleicher Geschwindigkeit. Der Typ, den sie Big Daddy nannten, schritt mit seinen beiden Kumpanen forsch vornweg, aber nicht zu schnell, damit alle mithalten konnten. Ab und zu umschwirrten uns Fliegen mit roten Köpfen, attackierten uns aber nicht und machten auch keine Anstalten, sich jemandem zu nähern.
»Was sind das für Viecher?«, fragte ich Simone.
»Das sind Geschöpfe der Götter«, ertönte vor mir eine strenge Stimme, »und keine Viecher!« Ich sah vor mir die dürre Gestalt eines älteren, sehr großen Mannes mit schwarzem Umhang und einer schwarzen Baseballkappe auf dem Kopf.
Simone sagte leise: »Für Pater Hieronymus ist alles Teil unserer drei Gottheiten.«
»Gibt es andere Tiere auf dieser Welt?«, erkundigte ich mich. Innerlich akzeptierte ich erst mal, da zu sein, wo ich zu sein schien.
»Nein, das einzig Lebendige in dieser endlosen Landschaft sind wir Menschen, und das schon seit vielen Jahrzehnten. Spielzeuge für die Götter. Dann gibt es noch einen Vogelschwarm, der manchmal über den Himmel fliegt. Wir haben ihn aber nie landen sehen. Und natürlich diese komischen Fliegen. Ich glaube aber nicht, dass es Insekten sind, eher was Mechanisches.«
Ich schüttelte den Kopf und dachte mir: Die Welt ist voller Wunder; oder besser: es gibt wahrlich wunderliche Welten. Wie war ich nur hierhergekommen? Und warum? Und was sollte das alles?
Der Transfer von der Erde hierher war für mich völlig unerwartet gekommen, ohne Vorzeichen, ohne Warnung, wie bei allen, die auserkoren waren, bevor sie zu den Wanderern auf Wiehl stießen. Es geschah auf der Party eines Freundes mit rund zehn Leuten (so genau konnte ich die Zahl nicht festmachen, da ständig neue Gäste kamen, während andere sich verabschiedeten). Ich hatte meine neue Freundin Uschi mitgebracht, die ich während meiner andauernden Studienzeit kennengelernt hatte und für die ich eine tiefe Zuneigung empfand. So was war bei mir eher selten, also, dass eine Beziehung mehr als nur ein gelegentliches Begehren war. Uschi war voll und ganz mein Typ, schlank, nett, aufgeschlossen, leutselig und lustig, und ich schien ihr auch zu gefallen. Ich hoffte, dass all die positiven Eigenschaften, die ich ihr zuschrieb, nicht das Ergebnis der rosa Brille war, die Verliebtheit nun einmal mit sich bringt, sondern etwas Tieferes – ein Band, das uns für lange Zeit verknüpfen würde. Immerhin kannten wir uns seit über zwei Jahren, waren aber erst seit drei Monaten »richtig« zusammen. Wir wohnten zwar in verschiedenen Apartments, sie in einem Studentenheim, ich in einem etwas heruntergekommenen Altbau mit einem Fenster zum Hinterhof, übernachteten aber immer häufiger bei einem von uns beiden.
Ich hatte mich auf der Party gerade neben Uschi gesetzt und ihr den gewünschten Cocktail überreicht, einen Cuba Libre, und den Arm um ihre Schulter gelegt, als es passierte. In einem Moment hörte ich noch die dröhnenden Bässe der Technomusik aus den Lautsprechern und sah Uschi in die dunklen Augen (sie lächelte mich an), als ich plötzlich einen Sog verspürte, nach vorne taumelte und einen Schlag ins Gesicht bekam. Der Punch kam so unerwartet, dass ich mich nicht wegducken und mich auch nicht wehren konnte. Das hätte ich durchaus gekonnt, denn ich war durchtrainiert, ein passabler Kurzstreckenläufer, ein passabler Tennisspieler, und ich hatte an einigen Boxtrainings teilgenommen.
Beruflich war ich zu der Zeit nicht fest verankert, sondern hielt mich mit Gelegenheitsjobs wie Kellnern, Taxi fahren, Essen ausliefern, auf Messen aushelfen und allen möglichen anderen Aushilfstätigkeiten finanziell einigermaßen über Wasser. Außerdem versuchte ich mich als Schriftsteller und hatte schon einen Roman und eine Reihe Kurzgeschichten veröffentlicht, die von der Kritik recht gnädig aufgenommen worden waren. Sparte? Fantastik im weitesten Sinne. Zur Zeit meines »Transfers« schrieb ich an meinem zweiten Roman, mit dem ich aber nicht so richtig vorankam. Wenn Uschi mich nicht immer aufgemuntert hätte, weiterzumachen, hätte ich das ganze Projekt längst aufgegeben und mich dem Schreiben von Hörspielen gewidmet.
Okay, es gab auch dunkle Seiten in meiner Vergangenheit: Marihuana, Crack und Ecstasy. Vom Dealen hatte ich nach einigen schlechten Erfahrungen allerdings bald die Finger gelassen. Mit meinem bescheidenen Erwerbseinkommen – die Schriftstellerei brachte (noch) nicht viel ein – konnte ich mir zumindest die billige Miete, die Studiengebühren und eine (gewiss ungesunde) Ernährung leisten. Secondhandklamotten von meinen betuchten Freunden nahm ich gerne entgegen.
Meinen Namen Joe als Abkürzung für Johannes hatte ich bereits in der Schule bekommen, als ich überall von dem Song »Hey Joe« schwärmte. Seitdem begannen viele Rufe nach mir mit Hey Joe, ein Akronym, das auch in den Gesprächen häufig verwendet wurde.
Nach dem Abitur leistete ich ein Jahr Dienst bei der Bundeswehr. Ich hätte diesen Dienst am Vaterland auch verweigern können, wie viele meiner Berliner Kumpels. Das hätte mir aber zu viel Engagement abverlangt. Ich bin eher der gelassene Typ, der die Dinge auf sich zukommen lässt, und nicht einer, der sie gestalten will. Viel zu anstrengend. Ich hatte begonnen, Wirtschaftspädagogik zu studieren, dann zur Sozialpädagogik gewechselt, zwischendurch zwei Semester Philosophie studiert, ein paar Scheine gemacht, nichts zu Ende gebracht. Ich wusste gar nicht mehr, im wievielten Semester ich eingeschrieben war und für was eigentlich, denn ich brauchte meine Zeit zum Gelderwerb (das war schon anstrengend genug) und für mein Hobby: das Fotografieren. So hatte ich zwar beim Transfer mein Handy dabei, mit dem ich meiner Leidenschaft hätte frönen können, aber der Akku des Gerätes war bereits einen Tag nach meiner Ankunft leer. Empfang gab es keinen, und meine Versuche zu fotografieren schlugen fehl – auf dem Display war immer nur eine schwarze Fläche zu sehen.
Mein Wissen über meine frühere Welt bezog ich in erster Linie aus den stundenlangen Diskussionen mit den Typen aus meiner Clique, die oft bis in die frühen Morgenstunden andauerten. Nach dem Erwachen wusste ich allerdings oft nicht mehr, worüber überhaupt geredet worden war und zu welchem Ergebnis man gekommen war.
Das war meine Situation, bevor ich von wem oder was auch immer zwangsweise als Mitglied in die Gruppe der Wanderer rekrutiert wurde. Nachdem ich mich einigermaßen mit der Situation abgefunden hatte, beschloss ich, das herauszufinden.
Die Wanderer, wie sich die Gruppe nannte, erreichten ihr Ziel am Tag meiner Ankunft so gegen sechs Uhr, wie meine noch funktionierende Uhr anzeigte. Die drei Sterne befanden sich genau über uns im Zenit des Himmelsgewölbes. Die Wanderer stellten ihre Sachen ab, begutachteten die Gegenstände, die auf dem abendlichen Rastplatz herumlagen und suchten nach etwas Brauchbarem. Unter anderem fanden sie einen Rucksack für mich. An ihm war nichts Besonderes – es war dieselbe Sorte Rucksack wie bei allen anderen.
Seitlich des Weges stand eine etwa eineinhalb Meter hohe Säule mit zahlreichen Ausbuchtungen. Aus ihnen zapften die Gruppenmitglieder einen Brei in ihre Blechnäpfe. Simone erklärte mir, dass diese Nahrung an jedem Abend gleich sei, zwar nicht schmecke, aber in ausreichendem Maße sättige und alle Vitamine, Kohlenhydrate und so weiter enthalte, die die Wanderer brauchten, um zu überleben, nicht zu erkranken und den nächsten Tag durchzustehen. Die Säule enthielt in Hüfthöhe auch so etwas wie einen Wassersprudler, der die nötige Flüssigkeit spendete.
Simone und ich öffneten den Rucksack, der offensichtlich mir zugedacht war, und wir inspizierten dessen Inhalt: ein Blechgeschirr mit Besteck, ein zusammengefaltetes Zeltteil, ein eng zusammengerollter Schlafsack sowie Toilettenutensilien. Simone erklärte mir die einzelnen Gegenstände und ihre Funktionen.
Nach einiger Zeit traf die Gruppe Vorbereitungen für das Abendessen. Ich spürte plötzlich, dass ich ziemlich hungrig war, denn seit meinem »Transfer« hatte ich nichts gegessen. Simone zeigte mir, wie ich Nahrung aus der Säule und Wasser aus dem Sprudler zapfen konnte.
Einige der männlichen Gruppenmitglieder sammelten Äste aus der Umgebung und entzündeten ein Lagerfeuer. Nachdem jeder sein Abendessen aus der Nahrungssäule gequetscht hatte, setzten sich alle im Kreis verteilt, holten ihr Besteck aus den Rucksäcken und schenkten sich etwas von dem abgezapften Wasser in ihre Becher.
Alle mussten aber mit dem Essen warten, bis Pater Hieronymus sein Gebet gesprochen hatte: »Göttliches Dreigestirn, welches du am Himmel über uns wachst, wir danken dir für deine Gaben. Wir preisen dich und geloben demütig, dir immer zu folgen, auf guten wie auf schlechten Wegen. Ihr drei Sterne, ihr gebenedeites Dreigestirn, beschützt und geleitet uns gnädig bis zur Erlösung. Unser Reich komme, wie im Himmel so auch auf allen Welten.« – »Amen«, antworteten einige.
Die Gruppe aß schweigend. Mir schmeckte weder der Brei noch die Flüssigkeit, und ich schauderte bei dem Gedanken, beides jeden Abend zu mir nehmen zu müssen.
Ich musterte die einzelnen Mitglieder dieser merkwürdigen Gruppe und fragte mich, was das Gemeinsame war, das sie verband. Sie bestand aus etwa gleich viel männlichen wie weiblichen Personen unterschiedlichen Alters. Die Jüngsten waren zwei Kinder, die so zwischen acht und zehn Jahre alt waren, und die Älteste schien so um die siebzig zu sein. Alle waren in Klamotten gekleidet, die aus einer Altkleidersammlung zu stammen schienen, sahen aber keineswegs uniform aus. Äußerliche Gemeinsamkeiten konnte ich nicht ausmachen, außer dass einige leicht missgestaltet waren. Aber das hatte ich bereits bei meiner »Ankunft« bemerkt. Insgesamt umfasste die Gruppe über zwanzig Personen, und diese Zahl bliebe in etwa immer konstant, wie mir Simone erklärte. Abgänge würden nach kurzer Zeit durch Neutransfers ersetzt, sodass die Gruppe immer ähnlich sei.
»Wen habe ich ersetzt?«, fragte ich.
»Erzähle ich dir später mal«, antwortete sie ausweichend, was sie allerdings nie tat.
Was sollte das alles hier? Warum war ich hier? Welche Merkmale hatte ich, dass ich Kriterien erfüllte, um »auserwählt« worden zu sein? Was war hier meine Rolle? Wie sollte das hier weitergehen, und wie sollte es enden? Ich hatte so viele Fragen zu dieser mysteriösen Welt, beschloss aber, sie Schritt für Schritt zu stellen, um meine Situation und die der Gruppe zu klären.
Nach dem Abendessen wusch jeder sein Geschirr und das Besteck in einer dafür vorgesehenen Schüssel ab, trocknete es mit einem Handtuch und verstaute es in seinem Rucksack. Wie ich bemerkte, begann jetzt der gemütliche Teil des Tages, an dem die Wanderer plauderten, Erinnerungen austauschten, sich neckten, schwiegen oder in einem der wenigen vorhandenen Bücher lasen. Für mich war dieser erste Abend allerdings alles andere als gemütlich. Ich versank in düstere Grübeleien.
Aus den Gesprächen bekam ich mit, dass einige aus der Gruppe schon viele Jahre mitwanderten. Alle sprachen Deutsch, teils im Berliner Dialekt, und alle kamen aus Berlin, wie ich auch. So war die Stadt mit ihren Vierteln, den außergewöhnlichen Ereignissen, den Skandalen und Verbrechen, den kulturellen Angeboten, den Fußballvereinen, der Lokalpolitik, der Stadtentwicklung und so weiter häufiger Gesprächsstoff, und jeder Neuankömmling wurde ausgequetscht, was es Neues zu berichten gab. Ich hielt mich zur Enttäuschung aller zurück. Ich war unsicher und schwieg lieber, weil ich die Situation nicht einschätzen konnte.
Simone saß neben mir. Nach dem Essen rückte sie näher an mich heran, beugte sich zu mir und sagte leise: »Wenn du willst, Joe, kann ich dir heute Nacht Gesellschaft leisten«, flüsterte sie, hatte dabei den Kopf gesenkt und zu Boden geblickt.
Ich atmete tief ein und aus und meinte: »Das ist nett von dir. Aber ich bin noch völlig durcheinander und muss erst mal zu mir kommen.«
Simone nickte verständnisvoll.
»Aber ich habe noch eine Frage: Wird es nachts kalt? Kann es regnen?«
»Es wird höchstens drei Grad kühler. Ist im Schlafsack gut auszuhalten. Und Regen? Was ist das? Ich habe es fast vergessen. Hier regnet es nie.«
Ich sah mich immer wieder im Kreis der Wanderer um und versuchte, die einzelnen Mitglieder einzuschätzen. Ich stellte fest, dass einige in Kleingruppen zusammenhockten, andere sich aber isoliert am Rande aufhielten. Wie üblich waren mir einige gleich sympathisch und andere eher nicht. Aber ich hatte gelernt, vorsichtig mit meinem ersten Eindruck von meinen Mitmenschen zu sein. Ich sah diesen ersten Eindruck eher als Hypothese an, die sich nach näherem Kennenlernen bestätigen, aber auch verworfen werden konnte.
Big Daddy und seine beiden Kumpane streifte ich nur mit kurzen Blicken, wobei ich bemerkte, dass der mich immer wieder misstrauisch musterte. Ich wollte ihn aber keinesfalls provozieren und wich seinem Blickkontakt schnell aus.
Weiter weg von ihm bemerkte ich einen Mann mittleren Alters, der von anderen mit Essen versorgt wurde. »Was ist mit diesem Mann dort drüben, der sehbehindert zu sein scheint?«, fragte ich Simone.
»Die Götter haben ihn während eines Sturms geblendet«, antwortete sie.
»Warum das?«
»Er wurde für irgendwas bestraft. Warum, wissen wir nicht, und er selbst hat auch keine Ahnung. Wahrscheinlich war er einfach nur ein zufälliges Opfer.«
»Zufällig? Dann kann das also jedem passieren? Dass man sein Augenlicht verliert? Dass man plötzlich blind wird?«
»Es kommt selten vor. Sehr selten. Wir helfen den Betroffenen, soweit es geht.«
»Gibt es noch andere Strafen außer Blendung?«
»Wir wissen ja nicht, ob es sich um eine Bestrafung handelt. Es kommt auch vor, dass Einzelne von uns Wanderern einfach verschwinden.«
»Kehren die zur Erde zurück?«, erkundigte ich mich hoffnungsvoll.
Simone zuckte mit den Schultern: »Keine Ahnung. Glaub ich eher nicht.«
Die Gruppe begann, ihre Zweierzelte aufzubauen, wobei jeder eine Hälfte aus seinem Rucksack nahm, die mit einer anderen Hälfte zusammengeklettet wurde. Es mussten also immer zwei Personen zusammen in einem Zelt übernachten. Sie waren aber recht geräumig, sodass jeder ausreichend Platz fand. Ich beschloss, ohne Zelt in dem Schlafsack zu schlafen, der in meinem Rucksack gelegen hatte.
Punkt zehn Uhr abends wurde es schlagartig dunkel, als hätte jemand einen Schalter umgelegt. Die Dunkelheit wurde durch das noch glühende Lagerfeuer notdürftig erhellt. Alle krochen in ihre Zelte und Schlafsäcke.
Ich hatte eine unruhige Nacht, weil alles ungewohnt war. Ich hörte keinerlei Geräusche aus der Landschaft, die mich umgab, nur das gelegentliche leichte Schnarchen anderer Wanderer, vereinzeltes Gestöhne von Erwachsenen, deren Aktivitäten ich mir lieber nicht vorstellte, und einzelne Schreie von Albtraumgeplagten.
Ich musste an Uschi denken, und mir wurde bewusst, dass man vertraute Menschen erst richtig schätzte, wenn man sie verloren hatte. Ich spürte Tränen in meinen Augen. War das alles, meine Freundin, meine Kumpels, mein ganzes früheres Leben, war das alles für immer verloren? Was hatten sie und die Freunde eigentlich gedacht, als ich mich plötzlich in Luft aufgelöst hatte? Das musste doch eine Panik ausgelöst haben. Aber war ich wirklich dort eliminiert worden? War ich vielleicht so etwas wie gedoppelt worden, und mein Original saß noch immer neben Uschi? Würde ich das jemals erfahren?
Nun, das half mir jetzt nicht weiter. Ich schien hier auf Wiehl, wie dieses Gebiet genannt wurde, erst einmal festzuhängen. Ich gab aber die Hoffnung nicht auf, bald zurückzukehren, denn was sollte ich hier, in diesem kargen Land irgendwo in diesem weiten Universum? Ich hatte Heimweh und war niedergeschlagen, gleichzeitig aber auch wütend.
Ich würde etwas unternehmen. Allerdings würde ich diesem aggressiven Anführer, den sie Big Daddy nannten, aus dem Wege gehen. Vorerst jedenfalls, denn Rachegedanken hatte ich schon.
So grübelte ich die ganze Nacht und fand kaum Schlaf.
Am nächsten Tag begann die Monotonie der täglichen Wanderung. Pünktlich um sieben Uhr wurde es schlagartig hell. Die Wanderer krochen aus ihren Zelten und Schlafsäcken oder blieben noch etwas liegen. Ich schälte mich aus meinem Schlafsack und sah mich um. Ich beobachtete neugierig die üblichen morgendlichen Rituale: körperliche Entleerungen (Frauen rechts, Männer links des Weges), Körperwäsche mit dem Wasser aus der Zapfstelle in den mitgeführten Schüsseln, Ankleiden, Körperhygiene und so weiter.
Um acht Uhr versammelten sich alle, und Big Daddy hielt seine morgendliche Ansprache (Es war immer derselbe Text, den er von einem Blatt ablas. Er hatte die Zeilen, wie ich später feststellte, aus einem Buch von Alfred Kubin, »Die andere Seite«, das ich neben seinem Rucksack aufgeschlagen hatte liegen sehen):
»Wanderer sind wir alle, ohne Ausnahme, alle.«
Die ganze Gruppe murmelte: »Wir sind alle Wanderer.«
»Solange es Menschen gibt«, fuhr Big Daddy fort, »war es so und es wird immer so bleiben.«
»Wir sind alle Wanderer«, murmelten alle wieder.
»Vom ältesten Nomadenvolk, vom Raubzug bis zu den Entdeckungsfahrten – so verschieden die Motive, das Wandern bleibt.«
»Wir sind alle Wanderer«, wiederholten alle.
»Fuß, Huf, Rad, Dampf, Benzin, Elektrizität und was es noch alles gibt, das Mittel ist gleichgültig, das Wandern bleibt.«
»Alle müssen wandern.«
»Ob wir im Wald spazieren gehen oder den Erdball umkreisen, wir wandern. Unsere alte Erde geht mit großem Beispiel voran, sie wandert um die Sonne und mit ihr durch das Weltall. Ein Trieb, ein Naturgesetz! Du kannst noch so müde sein, du musst mit, immer weiter …«
»Wir sind alle Wanderer«, betonten manche.
»Wirkliche Ruhe gibt es erst, wenn man ausgewandert hat. Und darauf freuen wir uns alle heimlich – wir gestehen uns das nur nicht ein. Viele wissen es nicht einmal. Manche gibt es, die schon weit vorangekommen sind und nicht mehr wandern mögen, oder auch nicht mehr wandern können. Die reisen bei sich selbst im Gehirn, in der Einbildung, aber sie kommen damit nicht weit, denn sie stehen still. Nein, Stillstand gibt es nicht! Wir sind alle Wanderer«
»Wir sind alle Wanderer«, schloss die Gruppe ab.
Anschließend aßen alle ihren Nahrungsbrei und tranken etwas Wasser. Hungrig stand niemand auf, die Nahrungssäule schien unbegrenzten Vorrat zu haben. Alle zapften sich eine Portion Brei aus der Säule ab und versorgten sich mit Wasser, um für den kommenden Tag ausreichend versorgt zu sein.
»Wieso wandern wir weiter, wenn wir hier an dieser Stelle ausreichend versorgt werden?«, fragte ich Simone, die sich schon kurz nach unserem Aufbruch wieder zu mir gesellt hatte.
»Die Nahrungssäule versiegt kurz nach unserem Abgang auf unerklärliche Weise. Du siehst die drei Sterne jetzt weit vor uns am Himmel stehen. Ihnen folgen wir, bis wir heute Abend wieder senkrecht unter ihnen stehen. Du siehst also, du hast keine Wahl, als weiter mit uns zu wandern.«
Man hat immer eine Wahl, dachte ich bei mir, wollte aber mit Simone keinen philosophischen Disput beginnen.
Mein zweiter Tag auf Wiehl gab mir einen Eindruck, was mir in nicht absehbarer Zeit bevorstand. Aufbruch gegen neun Uhr; vormittägliches Wandern mit einzelnen Ruhepausen; eine Stunde Mittagspause; nachmittägliches Wandern mit einzelnen Pausen; Ankunft an einer Sammelstelle mit Nahrungssäule und mehr oder weniger brauchbaren Gegenständen; geselliges Beisammensein; Nachtschlaf. Ewig gleicher Ablauf, Routine, Monotonie, nur unterbrochen durch Gespräche und Diskussionen, Austausch von Erinnerungen und Vorstellungen sowie von Gerüchten, Klatsch und Tratsch.
Meine Stimmung schwankte zwischen Verzweiflung und Resignation, Wut und Niedergeschlagenheit. Wie sollte ich diese tagtägliche Eintönigkeit ertragen? Es war gut, dass Simone mich häufig begleitete, so hatte ich wenigstens eine Gesprächspartnerin, die mich von meinen dunklen Gedanken ablenkte.
Am zweiten Abend nach meiner Ankunft kam Big Daddy nach dem Abendessen mitsamt seinen beiden Schatten, Emil und Frankie, auf mich zu. Ich erhob mich rasch, ging unauffällig in eine Verteidigungsposition, um mich gegebenenfalls wehren zu können, denn dieses Mal würde ich einem Kampf nicht ausweichen, auch wenn ich ihn verlieren sollte. Big Daddy war zwar groß, schwer und gewiss stark, aber auch langsam und träge in seinen Bewegungen, wie ich schon während der Wanderung beobachtet hatte. Ich war mir sicher, mich gut gegen ihn wehren zu können. Die zwei Gestalten neben ihm waren Leichtgewichte. Emil hinkte, und Frankie war ein ungelenker Schreibtischmensch.
Aber Big Daddy wollte sich offensichtlich nicht prügeln. Er blieb vor mir stehen, sah mir fest in die Augen und sagte: »Nichts für ungut, Junge. Ich wollte dir nur nachdrücklich zeigen, wer hier der Boss ist. Ich hoffe, du hast das kapiert. Respektiere mich, und es wird keine Probleme geben!«
»Ich verstehe das nicht ganz.« Ich entspannte mich, blieb aber wachsam. »Ich akzeptiere selbstverständlich deinen Status in der Gruppe, und ich respektiere deine Führungsrolle. Ich hab nicht vor, irgendwas zu ändern. Warum sollte ich auch?«
»Dann ist es ja gut, Junge. Halt dich dran! Aber ich werde dich im Auge behalten.« Er sah mir noch einmal fest in die Augen, drehte sich dann um und ging davon. Emil warf mir drohende Blicke zu und folgte dann seinem Chef, und Frankie trottete neben ihnen her. Die ganze Situation war so inszeniert, dass die gesamte Gruppe es mitbekam. Big Daddy hatte es offensichtlich nötig, seine Position zu festigen.
Als sich die drei gebührend entfernt hatten, trat einer der Wanderer, der mir schon bei meinem Auftauchen auf Wiehl aufgefallen war, neben mich und stellte sich als Maurice vor. Er hatte eine leicht dunkle Hautfarbe, dichtes schwarzes Haar und tiefliegende schwarze Augen. Sein Gesicht war ebenmäßig, wurde aber durch eine mit Heftpflaster geflickte Brille etwas beeinträchtigt. Der Transfer hatte etwas mit seiner Haut gemacht. Sie war ständig schuppig, und er musste sich häufig kratzen, die Haut wuchs aber immer schnell nach.
»Zügle deinen Zorn!«, ermahnte er mich mit zurückgelegtem Kopf. »Mit der Zeit werden wir das regeln. Hab Geduld!«
»Ich bin nicht zornig«, entgegnete ich ihm. »Höchstens sauer wegen eines solch unhöflichen Empfangs. Was war denn in den gefahren?«
»Du hast ja mitbekommen, dass er dich verdächtigt, seinen Posten einnehmen zu wollen. Und für einige von uns ist das eine interessante Perspektive.«
»Das ist Quatsch. Ich habe nicht die geringste Lust, Chef von irgendwas zu werden.«
»Schade, aber darüber reden wir zu gegebener Zeit.« Und mit diesen Worten ging er davon.
Die alltäglichen Wanderwege waren ziemlich geradlinig, in der Regel eben und wiesen nur gelegentlich leichte Steigungen auf. Teils waren sie gepflastert, teils betoniert, teils bestanden sie aus festgestampftem Lehm. Rechts und links des endlosen Weges ging es sanft bergab. Der Weg wurde aber nie verlassen, entweder aus Angst, dass etwas Unvorhergesehenes geschehen würde, man sich verirren oder den Kontakt zur Gruppe verlieren könnte. Es war so etwas wie eine verpflichtende Regel, ein ungeschriebenes Gesetz, eine unverrückbare Norm, an die sich alle hielten.
Meine Frage, ob jemand schon mal den Weg verlassen hätte, stieß auf Verwunderung, Kopfschütteln und Abwehr. Allein die Frage war schon ein Sakrileg, und nein, auf so eine blöde Idee käme keiner, der Verstand im Kopf hätte. Ich behielt diese Idee dennoch im Kopf, denn sie könnte ein Ausweg aus meiner Lage sein, die ich jeden Tag als misslicher empfand.
Die Wege, die wir gingen, führten durch sehr unterschiedliche Landschaften: wüstenähnliche Steppe, Buschlandschaft oder mehr oder weniger dichte Wälder mit unterschiedlichem Baumbewuchs. Nie sahen wir irgendwelche Gebäude, andere Menschen oder Anzeichen menschlicher Tätigkeit. Diese Umwelt bot wenig Abwechslung, sie enthielt aber auch nichts Bedrohliches, nichts Unheimliches. Wiehl ignorierte uns Menschen und unsere Bedürfnisse und begegnete uns mit der gleichen Gleichgültigkeit wie das gesamte Universum.
Ich bezweifelte das, denn irgendwer oder -was sorgte sich um die Gruppe, versorgte uns mit Nahrungsmitteln, Wasser und Gebrauchsgegenständen und besorgte Nachwuchs für verschwundene Gruppenmitglieder. Aber was war der Sinn von allem? Waren wir Versuchskaninchen, Beobachtungsobjekte, Spielzeuge einer höheren Macht? Warum kamen wir alle aus Berlin? Warum war die Gruppe immer gleich groß? Warum mussten wir jeden Tag wandern, um zu überleben? Warum waren alle, soweit ich es bisher beurteilen konnte, in irgendeiner Weise künstlerisch tätig? Und wer konnte mir all diese Fragen beantworten?
Ich wollte von anderen Wanderern wissen, ob sie schon mal denselben Weg gegangen seien, ob sie eine Strecke wiedererkennen würden. Nein, es seien immer neue Wege, auf denen sie gingen, und selbst wenn es Wiederholungen gäbe, so würden sie sie nicht wiedererkennen. Sie seien halt auf einer ewigen Wanderung, ohne Anfang und Ende, wie auf einem Möbiusstreifen, bis zur Erlösung. Der Lohn für ihr ergebenes Wandern sei ein Platz oben bei den Göttern in Asgard, und je länger man gegangen war, desto größer wären die Privilegien, die man dort genösse.
Dort oben, fragte ich, wo oben? Dort oben ist doch nur eine sonnenlose, milchige Fläche, die mal heller und mal dunkler würde. Asgard sei nicht dort oben im geografischen Sinne, wurde ich belehrt, sondern … halt ganz oben, und diesen Ort könne man nicht genau lokalisieren. Er liege oberhalb der drei Sterne, so die Überlieferung. Ich sei erst seit Kurzem dabei und hätte noch viele Wanderjahre vor mir, und daher würde es mir in Asgard ziemlich gut gehen, falls ich durchhielte. Jedenfalls weit besser als den Alten, die zu ihnen stießen oder besser: gestoßen wurden. Die hätten halt nur noch wenige Jahre Wanderschaft vor sich. Auf dem ewigen Weg – also das »ewig« bezog sich auf das Wandern als solches, auf die fortdauernde Aufgabe, jeden Abend unter den drei Sternen zu stehen und dankbar zu ihnen aufzublicken, aber nicht auf den Weg jedes Einzelnen, der durch die persönliche Lebensdauer begrenzt war.
Ich war in Berlin nie der großartige Fan von Discos und Bars gewesen oder hatte mich tage- und nächtelang an den angesagten Plätzen herumgetrieben. Aber das hier – Wiehl – war das genaue Gegenteil von Berlin. Es gab keine Clubs, keine Kneipen, keine Kinos, keine Theater, keine Menschenaufläufe, keine Demos, keine Fußballspiele, kein gar nichts. Ich spürte, wie ich mit der Zeit melancholisch wurde.
Besonders vermisste ich meine Gespräche und das Zusammensein mit meinem Freund Charlie. Der war ein ebensolcher Lebenskünstler wie ich und ewiger Philosophiestudent. Durch das Studium diverser wissenschaftlicher Randgebiete war er immer ein spannender Gesprächspartner gewesen. Besonders ein Thema hatte uns beide sehr interessiert: Gab es einen Plan im Schicksal des Einzelnen, und wenn, wer bestimmte ihn und wie flexibel wurde er gehandhabt? Gab es Paralleluniversen mit alternativen Lebensläufen? Überschnitten sich diese? Ich hätte gerne gewusst, wie Charlie meine jetzige Situation interpretiert hätte. Er hätte sie zumindest faszinierend gefunden.
Simone war auch am dritten Tag nach meiner Ankunft auf Wiehl an meiner Seite. Nachdem wir einige Hundert Meter schweigend zurückgelegt hatten, fragte sie mich: »Bist du auch Künstler? Was hast du Kreatives in Berlin gemacht?«
»Warum fragst du das?«
»Weil alle, die hier auf Wiehl landen, etwas mehr oder weniger Künstlerisches gemacht haben.«
»Ach ja, das war ja die Standardantwort der jungen Berliner auf die Frage, was man beruflich mache: Ich mach irgendwas mit Medien …«
»Nein, ernsthaft jetzt. Das ist wirklich das einzige gemeinsame Merkmal aller Gruppenmitglieder – außer dass alle aus Berlin kommen –, dass alle irgendwie im Kreativbereich tätig waren.«
»Was? Auch Big Daddy?«
»Ja, der auch, der war Tätowierer in einem kleinen Shop in Berlin-Neukölln. Also, was hast du gemacht?«
»In erster Linie studiert …«
»Was studiert?«
»Alles Mögliche, nichts mit Abschluss.«
»Studieren ist nicht unbedingt kreativ.«
»Stimmt. Ich hab angefangen zu schreiben.«
»Was hast du geschrieben? Wurde was veröffentlicht?«
»Ein paar Gedichte, Kurzgeschichten, einen Roman. Bereich Fantastik. Wurde fast alles veröffentlicht. Kannst aber nicht von Leben. Es schreiben halt zu viele. Vielleicht wird sogar mehr geschrieben als gelesen.«
Die Gespräche mit Simone waren eine willkommene Abwechslung im monotonen Einerlei der ansonsten langweiligen Wanderung. Bei einer Gelegenheit fragt ich sie nach den körperlichen Abnormitäten einiger Wanderer, die mir aufgefallen waren.
»Ja, es gibt immer mal Fehler bei einem Transfer, körperliche und seelische«, antwortete Simone. »Bei dir haben sich Blut und Haut leicht verfärbt, dem Lehrer Josef fehlen zwei Finger, Emil hinkt, Pater Hieronymus ist übergroß, Zora hat ein drittes Auge und so weiter. Oder nimm Big Daddy. Was der unter seinem Hut oder im Kopf hat, möchten wir uns erst gar nicht ausmalen. Wir haben unter uns immer wieder mal darüber diskutiert, warum er den Hut nie abnimmt. Bestimmt ist eine Abnormität schuld, die er vor der Gruppe verbergen will. Hat er eine offene Schädeldecke? Kriechen Würmer oder Tentakel über seine Kopfhaut? Ist er vielleicht hohl im Kopf?«
»Es ist auch vorgekommen«, fuhr Simone fort, »dass Transferierte nach ihrer Ankunft epileptische Anfälle bekamen, die gar nicht mehr aufhörten. Die verschwanden dann recht bald, und kurz darauf wurden sie durch jemand Neues ersetzt. Einmal kam ein Transferierter und fiel sofort den Nächststehenden an, um ihn zu beißen. Der war gar nicht mehr zu beruhigen. Wir mussten ihn umbringen.«
»Ihr habt ihn getötet?«, fragte ich erschrocken.
»Was blieb uns anderes übrig. Der hätte uns vielleicht nachts die Kehlen durchgebissen«, erklärte Simone und zuckte mit den Schultern.
Anfangs litt ich sehr unter der Trennung von Uschi. Ich erinnerte mich an unsere gemeinsamen Unternehmungen, an unsere Reisen nach Wien und nach Korsika, an unser gemeinsames Kochen, an unsere Diskussionen und seltenen Streitereien, an unsere sexuellen Experimente und vieles andere mehr. Aber, wie man auch hier zu sagen pflegt, die Zeit heilt alle Wunden, und so kam ich Simone langsam näher, was für mich aber nicht hieß, dass ich mit ihr eine feste Partnerschaft eingehen wollte. Insgeheim hoffte ich immer noch auf eine baldige Rückkehr in meine Heimat.
Es war merkwürdig: Dieser Begriff »Heimat« hat mir nie viel bedeutet. Er hatte für mich immer etwas mit »spießbürgerlicher Heimeligkeit« und »engstirnigem Nationalismus« zu tun. Ich hatte mich mehr als internationalen Weltbürger verstanden, der auf einer Erde lebt, auf der alle Menschen Nachbarn sind. Aber wenn ich jetzt an mein Viertel in Berlin zurückdachte, konnte ich verstehen, was Menschen meinen, wenn sie von ihrer Heimat sprechen.
Wenn die Gruppe wanderte, war es nie still. Irgendjemand quatschte immer, und in der Regel waren es mehrere. So wurde das Wandern von einem immerwährenden akustischen Teppich aus Gemurmel überzogen. Ich vernahm auch nicht mehr das leise Summen der winzigen Fliegen, die uns fortwährend umkreisten – daran hatte ich mich schon gewöhnt. Gewöhnt auch deshalb, weil diese Insekten uns in Ruhe ließen, nicht an uns herumkrabbelten und uns auch nicht stachen. Diese merkwürdigen Viecher kamen nie zur Ruhe, und es war noch keinem gelungen, eines zu fangen, sie waren einfach zu schnell.
Das einzig ungewöhnliche Geräusch, das die akustische Gleichförmigkeit des Gruppengeschehens unterbrach, war das Rauschen und Krächzen eines Vogelschwarms, der gelegentlich die Gruppe überquerte, und das Knistern, wenn sich die Ankunft eines neuen Gruppenmitgliedes ankündigte.
Manchmal gab es plötzlich einsetzende Stürme mit Blitzen, brausend und bedrohlich, die alle in Angst und Schrecken versetzten. Sie dauerten nie lange, waren aber Vorboten kommenden Unheils. »Welches Unheil?«, fragte ich.
»Nun«, antwortete Simone und drehte sich bei dieser Antwort unbehaglich zur Seite. »Gelegentlich wollen die Götter ein Opfer haben.«
»Was für ein Opfer?«
»Ein Mensch verschwindet. Er wird verstümmelt oder verliert einzelne seiner Fähigkeiten.«
»Wie der Blinde, um den ihr euch kümmert?«
»Genau.«
Bei dem späteren Mord an der Gräfin hatte es allerdings weder gestürmt noch geblitzt. Dieses »Unheil« ereignete sich unvorhergesehen.
Wie jeden Tag gingen wir in Richtung der drei Sterne, die ihre Position zueinander nie veränderten. Ihre Verbindungslinien bildeten ein unregelmäßiges Dreieck, hatte ich beobachtet, wobei ein Stern rechts oberhalb der beiden unteren stand, und diese beiden waren leicht gekippt zueinander. Selbst wenn man die Verbindungslinien von jeweils zwei Sternen verlängerte, was ich mir schon ein paar Mal vorgestellt hatte, ergab sich nichts Besonderes. Also die Linien verliefen weder genau senkrecht noch waagerecht, und die Verbindungslinien der beiden unteren Gestirne verliefen auch nicht parallel zum Horizont.
Die Wanderer liefen Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat, Jahr für Jahr. Der Tag- und Nachtrhythmus entsprach den irdischen Verhältnissen, war aber immer konstant. Zuständig für die Kalenderführung war Josef, ein ältlicher früherer Lehrer für Kunst, Soziales und Physik. Er hatte eine etwas füllige Figur, eine hohe, längliche Stirn und trug eine starke Brille. Seine wenigen langen Haare drapierte er jeden Morgen kunstvoll mit einem bespuckten Kamm über seinen ansonsten haarlosen Kopf.
Big Daddy hatte ihn zu seinem Berater erkoren und zum Kalendermaster ernannt, das heißt, er musste die Tage auf einem Block eintragen und den Wanderern mitteilen, wann wieder ein Monat vergangen war. Nach jeweils dreißig Tagen gab er bekannt: »Mai ist heute vorbei!«, oder eben ein anderer Monat, der gerade vergangen war, sodass das Jahr auf Wiehl nur dreihundertsechzig Tage umfasste, was den Wanderern aber egal war. Mit seinen Physikkenntnissen konnte er hier wenig anfangen, denn es gab keine Instrumente, mit denen er irgendetwas hätte messen können.
Mit diesem ehemaligen Lehrer habe ich mich häufig unterhalten, weil er ein interessanter Gesprächspartner war. Er war vor etwa fünfundzwanzig Jahren nach Wiehl transferiert worden. Damals war er fünfunddreißig Jahre alt, seit fünf Jahren verheiratet und hatte eine kleine Tochter. Auf Wiehl hatte er jahrelang die Kräfte verflucht, die ihm diese lieben Menschen entrissen hatten, aber irgendwann arrangierte auch er sich mit dem Unvermeidlichen und resignierte. Ein tiefer Groll war ihm aber geblieben. Er wollte und will nicht erlöst werden, nicht von denen da oben, er will nichts von denen wissen.
Warum wanderst du trotz des Verzichts auf Erlösung weiter, wollte ich von ihm wissen. Weil mir der Mut zum Selbstmord fehlt, antwortete er mir. Weil es auch schwierig ist, hier Selbstmord zu begehen. Kein Hochhaus, keine Brücke, keine Felsenkante, wo man sich hinunter stürzen könnte; kein Seil, an dem man sich aufhängen könnte; kein Gift aus der Natur oder einer Apotheke, dass man schlucken könnte; und kein Alkohol, mit dem man sich totsaufen könnte. Sicher, man könnte einfach nicht mehr weiterwandern, aber die Aussicht, qualvoll zu verdursten, war für ihn einfach zu erschreckend, als dass er diesen Weg des Abschieds erwog.
Nach den Aufzeichnungen, die man ihm früher übergeben hatte, und seinen Berechnungen mussten die Transfers so ungefähr um 1950 irdischer Zeit begonnen haben. Die Gruppe der Wanderer bestand damals aus vierundzwanzig Personen. Den Erzählungen der Älteren nach sollen es einmal sechsundzwanzig gewesen sein. Die erste Anführerin der Wanderer war bereits in einer der ersten Nächte verschwunden und wurde nicht ersetzt. Später hatte sich ein Kleinwüchsiger, der nur wenige Stunden in der Gruppe weilte, aufgelöst und wurde ebenfalls nicht ersetzt. Dann waren im vergangenen Jahr Jerome und Mike verschwunden und wurden ebenfalls nicht ersetzt. Nach der Logik auf Wiehl müssten sie alle noch am Leben sein, denn in den siebzig Jahren, die die Wanderer bisher in unterschiedlicher Besetzung unterwegs waren, wurden die Abgänge binnen kurzer Zeit durch andere Person ausgewechselt. Keiner weiß, warum dies in diesen vier Fällen nicht geschehen ist, und so hatten sich Mythen über ihre Existenz gebildet. Sie existierten jenseits einer der beiden Weltengrenzen, oder sie hätten einen Weg gefunden, auf unserer Seite zu überleben, oder wären auf die Erde zurückgekehrt oder wären vorzeitig in den Schoß der Götter aufgenommen worden. Keiner wusste was Genaues, aber alle hatten ihre Vermutungen.
Wie der Lehrer Josef mir erzählte, fanden seine früheren Kolleginnen und Kollegen seine Fächerkombination, bestehend aus Kunst, Physik und Soziales, befremdlich. Das passe doch gar nicht zusammen, meinten sie. Seine Entscheidung für die Physik war seiner Neugier geschuldet, herauszufinden, »was die Welt im Inneren zusammenhält«. Als Physiklehrer findet man diesbezüglich aber nur allgemeine Antworten – und hier auf Wiehl könne er gar nichts zur Erklärung dieser Welt beitragen. Daher habe er sich hier auf sein zweites Fach, das Soziale, konzentriert. Auch dahinter stecke Neugier: Welchen Regeln folgt das menschliche Zusammensein? Was sind die Beweggründe für das Handeln von Menschen in einer Gruppe? Wie beeinflussen sie sich gegenseitig? Welche Strukturen entstehen, und welche Veränderungen zeigen sich im Zeitverlauf?
Neulinge bat er schon bald nach ihrer Ankunft, ihm leere Blätter und einen Bleistift, falls sie so etwas bei sich hatten, zu übereignen. Wegen des allgemeinen Mangels an unbeschriebenem Papier hatte er auch Rückseiten von bereits beschriebenen Seiten genommen oder Notizzettel oder sogar Papiertaschentücher. Dennoch ist der Vorrat begrenzt, meinte er, und er könne längst nicht so viel niederschreiben, wie er gerne möchte.
Häufig wurde er wegen seiner abendlichen Schreiberei (Schickst du ein Briefchen an deine Liebste? Machst du deine Steuererklärung fertig? Schreibst du Protokolle für den BND?) gehänselt, oder er solle doch vorlesen, was er geschrieben habe (was er konsequent verweigerte). Die meisten tolerierten seine Marotte mit der Schreiberei und ließen ihn in Ruhe. Auch Big Daddy interessierte sich nicht für das, was er dokumentierte.
Methodisch könne er seine Aufzeichnungen nicht als wissenschaftlich qualifizieren, betonte Josef. Es handele sich um eine unsystematische, teilnehmende Fremdbeobachtung, die dadurch, dass er selbst Gruppenmitglied sei, subjektiv beeinflusst werde. Aber er wolle auch kein wissenschaftliches Werk verfassen – für wen auch? –, es sei nur eine Art Hobby, seine Zeit auf Wiehl sinnvoll zu verbringen, ihm ein Ziel zu geben, und sei es nur ein imaginäres.
Würde irgendjemand seine Aufzeichnungen irgendwann lesen? Und wenn, wer würde ihnen Glauben schenken? Wahrscheinlicher sei es, dass sie irgendwann dem Meer des Vergessens anheimfielen, meinte er und zuckte mit den Schultern.
Auch zur Kunst habe er, so erzählte er mir, einige Arbeiten veröffentlicht. Es war dabei um die Verbindung von Mathematik und Kunst gegangen, wie zum Beispiel in der konkreten Kunst. Viele Künstler dieser Richtung hatten mathematische Formeln und Modelle zur Berechnung ihrer Werke eingesetzt, so wie auch viele in der abstrakten Kunst.
Er hatte sich auch mit grundsätzlichen Fragen der Interpretation von Kunstwerken beschäftigt und war dabei zum Beispiel folgenden Fragen nachgegangen: Kann und soll man über Kunstwerke reden und schreiben? Schließlich stehe das Werk für sich, solle sich selbst erklären, und über es Worte und Sätze zu formulieren, ist eine Transformation von Objekten, die der optischen Wahrnehmung unterliegen, in eine Ausdrucksform der Sprache, deren Wahrnehmung und Verstehen auf einem anderen neuronalen Level stattfinden. Der Beschreibung und Interpretation eines Werkes, das künstlerische Ansprüche hat, geht das Betrachten des zu besprechenden Gegenstandes, dessen erweckte Assoziationen und generierte Emotionen, voraus. Diese Eindrücke, gemischt mit persönlichen Erfahrungen, Werten und Einstellungen werden dann in Worte und Sätze gekleidet – und sind damit zwangsläufig persönlich und individuell. Aber diese Individualität trägt in der Konfrontation und dem Austausch mit der Wahrnehmung anderer zu neuen Blickwinkeln bei. So habe er die Erfahrung gemacht, dass, wenn er mit befreundeten oder auch ihm unbekannten Künstlern über ihre Werke sprach oder sie in ihrem Schaffensprozess beobachtete, sich ihm ein anderer und tieferer Zugang zu ihrem Werk erschloss.
Solche und andere Themen würden auf ihren Kunsttagen ausführlich erörtert, fuhr er fort. Ich stutzte: »Was für Kunsttage?«
»Ach, hat man dir das noch nicht erzählt?«, sagte er und lächelte dabei. »Einmal im Jahr machen die Wanderer auf Geheiß der Sternengötter eine einwöchige Pause. Dann wird nicht gewandert. Alle sollen sechs Tage lang schöpferisch tätig sein und am siebten Tag werden die Ergebnisse präsentiert und diskutiert.«
»Was für Ergebnisse?«
»Gemälde, Skulpturen, Geschichten, Gedichte, Musikstücke, Kompositionen und so weiter. Irgendwas, was der Einzelne besonders gut kann.«
»Machen da alle mit?«
»Keineswegs. Manche legen sich die Woche auf die faule Haut, beobachten die anderen bei ihrem Schaffensprozess und kommentieren anerkennend oder abfällig die entstehenden Werke.«
»Und womit wird gearbeitet? Man braucht doch Materialien für ein solches Projekt«, wollte ich wissen. »Steht da ein Kunstladen am Straßenrand, gefüllt mit Musikinstrumenten, Leinwänden, Schreibpapier, Stiften, Pinseln und so weiter?«
