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Millionen Menschen in der Migration/Emigration – heute ein unumgängliches Buch: für diejenigen, die sich als Weltbürger definieren und für die Anderen erst recht. Als Schüler ist Calvo der einzige Ausländer in seiner Klasse, muss sich mit den autoritären Restbeständen der Nachkriegszeit auseinandersetzen. Mit der Zeit empfindet er Deutschland weltoffener, toleranter. Wer sich in Deutschland integrieren will, findet zunehmend offene Türen. Er ergreift die Chancen, macht Abitur, studiert, arbeitet im Bereich Internationale Kommunikation und unterrichtet Malerei. Seine Erfahrungen als junger Ausländer in seiner neuen Heimat, dem vom Krieg traumatisierten Deutschland, beschreibt er in diesem Roman: Welche Faktoren prägen die Entwicklung der Identität? Wie wird deutsche Kultur von außen empfunden? Calvo ist davon überzeugt, dass die persönliche Identität viele Gesichter und Facetten hat, die weit in die Geschichte zurückreichen; in die Familiengeschichte vieler Generationen, in die Zeitgeschichte des politischen Europas und in die Entwicklungsgeschichte seelischer Inkarnationen. Was ist stärker: Das Gelb, die Kraft der Erinnerungen an das verlorene Spanien, oder das Grüne, der Zauber der neuen Heimat? Gelingt es ihm, sich in Deutschland zu verlieben – und wenn ja, warum? Nach einer Familientragödie fängt Calvo an zu schreiben. Aus dem persönlichen Schreibprojekt Wanderungen zur Sausteige wird nach einigen Jahren sein Debütroman WANDERTAGE. Er beschreibt mit markantem, oft auch humorigem, spannendem Schreibstil eine Wanderung durch sein Leben mit seinen vielfältigen Erfahrungen. Sein Roman will die Lesenden zu der Frage führen: Wer bist DU eigentlich? Wer bist DU in Wirklichkeit? Was ist Deutschland? Was ist Heimat? "Ich schreibe nicht nur für mich, sondern für viele andere, die keine Stimme haben, Deutsche und Ausländer. Viele in diesem Land leben mit meinen Hoffnungen, meinen Erfolgen und meinen Niederlagen. Sprache und Kunst sind mein Leben, dafür stehe ich morgens auf."
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Seitenzahl: 240
Veröffentlichungsjahr: 2023
Julio Calvo
Wandertage
Wie Deutschland mir Heimat wurde
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Über den Autor
Die Puppe
Der Brief
Der Milchmann
Der Christbaum
Der Römerstein
Beim Neubauer
Der Wandertag
Der Club
Das Fest
Der Ausländer
Der Besuch
Der Anschlag
Die Quelle
Über den Verleger
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Auflage Mai 2023
© indayi edition,
Diltheyweg 5
64287 Darmstadt
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Lektorat und Cover: Dinah Jacobi
Julio Calvo
WANDERTAGE
Wie Deutschland mir Heimat wurde
Roman
Julio César Arranz Calvo
Der Autor Julio César Arranz Calvo wurde in der spanischen Provinz Segovia geboren. Durch die Emigration der Familie nach Deutschland Anfang der 60er Jahre verbrachte er einen Teil seiner Kindheit und Jugend im hessischen Groß-Umstadt, einer Kleinstadt am Rande des Odenwaldes. Julio Calvo ist Linguist (Übersetzer-Diplom der Universität Heidelberg) und Künstler (lehrt Malerei im Lehramtsstudium an der Stiftung Universität Hildesheim). Bei seinem ersten autofiktionalen Roman geht es ihm um seine Erfahrungen als junger Ausländer in seiner neuen Heimat, dem vom Krieg traumatisierten Deutschland: Welche Faktoren prägen die Entwicklung der Identität? Wie wird die deutsche Kultur von außen empfunden? Julio Calvo ist davon überzeugt, dass die persönliche Identität viele Gesichter und Facetten hat, die weit in die Geschichte zurückreichen: in die Familiengeschichte vieler Generationen, in die Zeitgeschichte des politischen Europas und in die Entwicklungsgeschichte seelischer Inkarnationen. Nach einer Familientragödie im Jahre 2014 fängt er an, zu schreiben; aus dem persönlichen Schreibprojekt Wanderungen zur Sausteige wird nach einigen Jahren sein Debütroman WANDERTAGE.
Man glaubt, das gewaltige Römische Reich sei ein paar Jahrhunderte nach der Kreuzigung Christi untergegangen, die germanischen Völkerscharen aus den Wäldern des Nordens hätten die mediterrane Zivilisation in Schutt und Asche gelegt, bevor sie schließlich selbst wie ein altes Dokument unter der unbarmherzigen Sonne des Mittelmeers verblassten und unter dem Einfluss des iberischen Weines am Ende vergaßen, woher sie gekommen waren. Man vermutet, dass nicht alle Römer, die in den Legionen des Feldherren Quinctilius Varus zu ihrem Winterquartier unterwegs waren, vom Cheruskerfürsten Arminius getötet wurden. Ganze Familien, die mit Ochsenkarren die stolzen Legionen begleiteten, hätten sich in den unendlichen Wäldern Germaniens versteckt, seien von friedfertigen Stämmen aufgenommen und mit der Zeit germanisiert worden. Auch vereinzelte Kolonnen noch junger, unerfahrener Soldaten, die dem Gemetzel entkommen konnten, hätten auf diesem Wege Barmherzigkeit erfahren.
Es mag sein, dass sich die Dinge so ereignet haben. Wer jedoch einmal das kühlende Wasser der Sausteige getrunken hat, sich an der Naturquelle in der Tiefe des Odenwaldes erfrischt hat, wird erfahren und verstehen, dass wir, die Nachfahren jener kriegerischen Völker, die wahre Geschichte von vielen Jahrhunderten greifbar in uns tragen, diese sonderbare Unruhe in unserer Seele spüren, die Liebe zu einer Natur entdecken, die nichts vergessen hat und die uns daran erinnern will, wer wir in Wirklichkeit sind.
An einem warmen Spätsommermorgen brach ich zu einer Wanderung in den Odenwald auf. Auf meiner Suche nach einem im Wald versteckten Hexenhaus legte ich am Mittag unter der altehrwürdigen Eiche der Sausteige eine Ruhepause ein und trank aus dieser Quelle frisches Wasser, ohne dass mein Durst dadurch gestillt wurde. Aber es erfrischte die Seele und entflammte den Geist.
Mein Name ist Lucio.
In einer Winternacht wache ich erschrocken auf. Im Traum sind mir Hexen begegnet, bläulich schimmernde Kreaturen mit riesigen, schwarzen Augen. Ich springe auf und suche nach meiner Mutter, sehe im Dämmerlicht der Flurlampe das leere Bett in ihrem Schlafzimmer, laufe die Holztreppe hinunter, klettere durch ein kleines Fenster im Parterre auf die verschneite Straße, in die windstille Nacht hinaus. Barfuß stehe ich im Schnee, draußen vor dem Haus meines Großvaters, wo ich geboren wurde und das später meiner Mutter gehören sollte, mir aber niemals gehören würde. Wunderschön scheint der Mond auf die kleinen, schneebedeckten Häuser im kastilischen Dorf. Am Ende der Straße funkelt eine Laterne vor einem Haus, aus dem ein grünlicher Lichtstrahl durch das Fensterglas nach draußen fällt. Bei meiner Nachtwanderung, als ich im Pyjama durch den Schnee laufe, mit der Ruhe und der Sicherheit eines Kindes, das um die Liebe seiner Eltern weiß und weder Seelenangst noch Eiseskälte spürt, muss ich die Aufmerksamkeit eines Schutzengels geweckt haben. Vielleicht kann man die Menschen bei Nacht genauer beobachten, sie ins Licht führen. Denn bald stehe ich im grünen Lichtkegel, und eine junge Frau kommt hinaus und bringt mich schnell hinein in die warme Küche ihres Hauses, wo ein offener Kamin brennt und es nach trockenem Pinienholz duftet. Die gute Seele heißt Marita. Sie ist die Tochter von Celestino, dem zornigen Obsthändler, der Jahre später am hellichten Tag beim Feigenpflücken im Garten von der Leiter in den Brunnen fallen und darin ertrinken sollte. Ihn würde keine Frau der Welt retten, auch die Frösche im Brunnen nicht und auch kein Wolf, weil Wölfe nur Neugeborene vor dem Erfrieren und Verhungern retten. So steht es geschrieben in alten Märchen und auch in manchem Geschichtsbuch. Die Ereignisse der Dezembernacht jedoch sind nur in meinem Gedächtnis eingeschrieben, und ich erinnere mich gut daran, wie ich vor dem Kamin sitze und über das Leben und Sterben der grauen Hausmäuse nachdenke. Marita hat inzwischen ihren roten Mantel angezogen, sich einen weißen Schal umgelegt und ist losgezogen, auf die Suche nach meinen Eltern aus dem Haus gegangen, vermutlich eilenden Schrittes zum Marktplatz gelaufen. Da liegen die besseren Weinlokale, in denen sich um diese Jahreszeit die Männergesellschaft mit ihren stilvoll gekleideten Frauen nach dem heimischen Abendessen zu einem fein gereiften Brandy versammelt, wobei die Frauen, die Schwulen und die Künstler eher einen klassischen Anis La Castellana bevorzugen, weil sie wissen, dass schon nach wenigen Tropfen der Atem für den Gesprächspartner spürbar angenehm wird. In diesem Nebel aus menschlicher Anmut, Stimmengewirr, Tabakqualm und den Weindüften, die aus den Eichenfässern des Rivera del Duero den Raum erfüllen, sollte Marita bald meine Eltern finden.
Während ich im tiefen Ohrensessel mit einem antiken Bilderbuch vor dem Kamin sitze, läuft eine Maus durch den Raum, bleibt vor dem Kamin stehen, erhebt sich und schaut in die Flammen, so dass sie einen langen Schatten wirft. Ich erinnere mich daran, dass mich dieses Tier eine ganze Weile beschäftigt hat. Andererseits ist es durchaus möglich, dass ich damals darüber nachsann, wie es wohl sein mochte, wenn ich den Rest meines Lebens in dieser Küche auf dem alten Ledersessel mit jeder Menge Büchern verbringen würde. Wie Don Quijote würde ich die Sprache der Literatur lernen, im Lichte unzähliger Kerzen reich illustrierte Handschriften studieren, mich in die faszinierende Welt der Rittersagen stürzen, in denen die Helden durch ihre eingebildete Liebe zu imaginären Frauen die Welt in ein Schlachtfeld verwandeln. Denn der Mensch will starke Gefühle erleben, und er will geliebt werden. In den stürmischen Regennächten reite ich mit Macbeth zu den buckligen Hexen, um ihnen beim Hurlyburly beizuwohnen, um die Schlacht zu gewinnen und die Sinne zu verlieren. In den stillen, geheimnisvollen Sternennächten sitze ich mit dem Einsiedler Thoreau am vereisten Walden-See und lausche den Geräuschen der Tiere in der Wildnis, gemeinsam rauchen wir eine gute Pfeife und wärmen uns gelegentlich mit einem ordentlichen Schluck Bourbon auf. Oder ich würde als Büchervampir alle Nächte dieser Welt vor dem knisternden Kamin in Maritas himmlischer Küche verbringen. Den Menschen, die mich lieben, würden Kummer und Schmerz erspart bleiben. Und er würde uns nicht finden, der große, schwarze Schmetterling, der im Sommer mühelos durch das offene Fenster in die Wohnungen flattert und die Kinder tötet, auch die Ungeborenen im Mutterleib.
Wartend sitze ich immer noch im Ledersessel vor dem offenen Kamin, das Feuer droht auszugehen; ich blicke träumerisch auf die letzten Flammen, bin in sinnlosen Gedanken versunken, denke an die Mäuse auf unserem Dachboden, die den abgehangenen Schinken angefressen haben und dafür in der Falle sterben mussten, als hinter mir die Tür aufgeht. Eine Gruppe gut gelaunter Erwachsener steht mit hochgezogenen Kragen im Türrahmen, Marita läuft gleich zum Kamin und legt Holz nach, meine Mutter kommt zu mir und fängt an, ununterbrochen und aufgeregt auf mich einzureden, während mein Vater sich vor dem Kaminfeuer die Hände reibt und offenbar nicht genau weiß, worin jetzt seine Aufgabe besteht. Das andere Ehepaar, das die Gegebenheit überaus lustig findet, erinnert an zwei Schauspieler der fünfziger Jahre. Die elegante Frau im hellen Kurzmantel, der mit einem breiten Gürtel eng um die Taille gebunden ist, stützt sich mit ihrer Hüfte und dem Ellenbogen auf die Kommode; in der linken Hand hält sie ihre Zigarette, wobei mir die kirschrote Farbe auf dem Zigarettenpapier auffällt. Es ist dasselbe warme Rot, das auch am Ohrläppchen ihres Begleiters zu finden ist, wenn auch leicht verwischt, kaum zu sehen.
Der Mann sitzt in einem Korbsessel, hat seinen Gabardine weit geöffnet, aus der Innentasche lugt eine Zeitung heraus, und dreht sich eine Zigarette, während er über den Bau eines gigantischen Tunnels nach Madrid berichtet: Künftig könne man auch im Winter mit dem Auto von Segovia nach Madrid fahren, langsam werde der Fortschritt auch in Spanien sichtbar, dank der Amerikaner und ihrer neuen Militärbasen. Umständlich steckt er sich mit einem Benzinfeuerzeug die Zigarette an. Ich liebe den Geruch nach Benzin, nach Motorrad. Die klugen Männer riechen immer nach Tabak und Benzin, die anderen nach Viehstall oder Zementstaub.
Als nach einer Weile Maritas Eltern mit Flaschen, schönen Gläsern und diversen Tafeln weihnachtlichem Turrón hinzutreten, ist die winternächtliche Soiree perfekt. Das ist eine gute Gelegenheit, um mich etwas umzusehen. Das Haus ist größer als die benachbarten Häuser, besitzt nach römischem Vorbild im Innenhof einen großen Obstgarten mit Feigenbäumen und mehrere Brunnen, und ich bin sehr neugierig auf die anderen Räume im Haus. Die fröhliche Runde in der Küche hat meine Flucht nicht bemerkt, ich stehe im halbdunklen Hausflur und sehe wieder den grünen Lichtschein. Diesmal kommt das Licht aus einer Kammer durch den Türspalt in den Flur, weil die Tür scheinbar nicht ganz geschlossen ist. Lange Minuten, eine Ewigkeit stehe ich davor, wage nicht die Tür aufzuschieben. Eine innere Stimme sagt mir jedoch, dass mir keine Gefahr droht. Also schiebe ich langsam die Tür auf und vor mir öffnet sich ein pastellgrünes Schafzimmer, ein friedliches Mädchenzimmer, das von einer ungewöhnlich großen Porzellanpuppe bewacht wird. Sie sitzt mit offenen Augen am oberen Bettende mitten auf dem langen Kopfkissen, das von der einen Bettseite zur anderen reicht. Ihre helle Porzellanhaut reflektiert das blaugrüne Licht einer orientalischen Deckenlampe, die prachtvoll in der Luft zu schweben scheint. Die Puppe schaut mir direkt in die Augen, als wolle sie mir etwas sagen. Vielleicht, dass im Schlafzimmer einer Frau unter bestimmten Umständen die Linearität der Zeit aufgehoben ist: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in einem einzigen Augenblick stattfindet. Denn in diesem Moment befinde ich mich bereits im Sog gravierender Veränderungen. Schon bald sollte ich meine letzte Nacht im heimatlichen Dorf nicht im eigenen Bett verbringen, sondern in diesem Schlafzimmer, in diesem großen Bett, fürsorglich bewacht von Maritas zauberhafter Puppe. Das stand mir bevor. Und wahrscheinlich habe ich es allein der zufälligen Gnade der Götter zu verdanken, dass ich behutsam auf mein baldiges Schicksal vorbereitet wurde. Meist beobachten sie uns nur, selten sprechen sie auch zu uns, und dann in unerhört leisen Tönen, manchmal in sanftem Pastellgrün.
Eine Zeit lang sitze ich noch in der Küche vor dem warmen Kamin. Im Morgengrauen, in einer Wolldecke gut eingewickelt, tragen mich meine Eltern den kurzen Weg nach Hause, legen mich ins Bett und machen das Licht aus. Draußen am sternenklaren Himmel, hoch über dem Haus, blinken die roten Lichter eines Flugzeugs.
Im Anfang war der Brief. Früher wurden wichtige Dinge im Leben der Menschen unauffällig über die Post abgewickelt: Am Morgen öffnen die Großeltern das handbeschriftete Kuvert und lesen die frohe Botschaft über die Geburt ihres Enkelkindes; mit derselben Morgenpost erreicht den freundlichen Nachbarn die kleine Liste mit den Namen der Kunden, die er als erfahrener Auftragsmörder zu liquidieren hat. Ein Papierbrief, in einen Umschlag gesteckt, ist nun einmal ein alltägliches und harmloses Ding. Genauso alltäglich war auch die Begebenheit an jenem Frühlingstag, an dem mein Vater zur Mittagszeit in weißem Hemd am Esstisch in der Küche saß und mit einem goldenen Kugelschreiber einen Brief schrieb, während meine Mutter gerade das Mittagessen zubereitete. Sie sprachen miteinander, ich saß daneben auf der Küchenbank, es roch wunderbar nach Olivenöl, frischen Kräutern und Gewürzen; durch das offene Fenster sah man den strahlend blauen Mittagshimmel. Zuerst war von unserem Kindermädchen Eugenia die Rede, die wohl schon von den Absichten meines Vaters wusste und laut darüber nachdachte, nach Frankreich zu gehen, da gäbe es weiße Lackschuhe und moderne Transistorradios. Andererseits, so meinte sie, gäbe es in Deutschland eine Fabrik, die junge Spanierinnen suche, um Kekse zu backen. Am Ende emigrierte unser Kindermädchen tatsächlich nach Paris und heiratete dort sehr bald einen Franzosen. Auf einem der Hochzeitsfotos trug sie weiße Lackschuhe und hielt mit beiden Händen ein Transistorradio. Ein anderes Foto zeigte Eugenia mit meiner Cousine bei grauem Wetter unter einem Regenschirm vor der majestätischen Kröpcke-Uhr. Es war Teresa, die es alleine bis Hannover geschafft hatte und jetzt bei Bahlsen Kekse herstellte.
Inzwischen hatte ich meinen Atlas unter dem Bett hervorgeholt, um nachzuschauen, wo genau Deutschland lag, wo Teresas Keksfabrik zu finden war. Tatsächlich war es auf der Karte sehr schwer zu finden. Die Bundesrepublik Deutschland war klein, sodass der Name des Landes kaum hineinpasste, und es gab zwei Deutschlands, worüber auch meine Mutter erstaunt war und fragend meinen Vater anschaute. Er stellte klar, dass er natürlich nicht in das kommunistische Deutschland zu fahren gedenke, wo das Elend und die Russen zuhause sind, sondern in das andere Deutschland, das einen Kanzler hat, der einen großen Mercedes fährt, und wo noch viele andere Spanier leben. Auf die konkrete Frage meiner Mutter, was er denn seinem Freund Marco schreiben würde, sagte mein Vater: Ich werde ihm sagen, dass wir im Herbst kommen, bis dahin haben wir wohl den Papierkram geregelt.
Die Rede war auch von einem spanischen Kulturzentrum, wo Marco Leute mit Beziehungen kenne, darunter auch einen jungen Priester, der sonntags in der katholischen Kirche eine Messe für Spanier hält und danach in der spanischen Mannschaft Fußball spielt. Aber am wichtigsten sei die spanische Schule, wo Kinder jeden Alters unterrichtet würden, damit sie ihre Sprache nicht verlernen und den Anschluss nicht verlieren, wenn sie mit der Familie nach ein paar Jahren wieder nach Hause zurückkehren. Daher müsste ich mir keine Sorgen machen, meinte mein Vater, ich würde weiterhin eine spanische Schule besuchen können. Ich ließ den Atlas auf den Boden fallen, schlich mich langsam hinaus, nahm die Katze mit, die auf der Treppe saß, und setzte mich auf den schattigen Bürgersteig vor dem Haus. Das Tier half mir immer, mich zu beruhigen. Meine schwarze Katze wusste stets, wie der Hase läuft. Und ich wusste, dass ich meine Katze niemals alleine zurücklassen würde, auch wenn mich mein Vater nach Deutschland verschleppen würde. Seit diesem Vorfall bin ich stets auf der Hut, wenn der Himmel blau und das Leben schön ist. Zeiten des Glücks sind mir irgendwie suspekt, sind mir nicht geheuer. Ich höre die Götter schon lachen über die Heiterkeit und Zuversicht, die ich in manch glücklicher Stunde empfinde, und frage mich insgeheim, wie die Briefbombe wohl aussehen mag, an der sie gerade wieder basteln. Es gibt Momente, da kann man ihren Zorn spüren, wenn sie feststellen, dass ihr schändliches Treiben nicht unbemerkt bleibt. Einmal, im Religionsunterricht, der in der Kirche stattfand, wollte ich von unserem Priester Don Benedicto wissen, wer im Universum die Macht habe, dieses verdammte Teufelspack zu vernichten. Der stadtbekannte Kinderschänder kannte mich schon, war daher von meiner Frage nicht allzu überrascht. Er schaute mich an und meinte nur, er wisse die Antwort. Und ich würde sie auch kennen, er sei sich dessen sicher.
Über die letzten Monate bis zur Abreise, zur Auswanderung nach Deutschland, gibt es nicht viel zu erzählen, außer dass meine Katze nachts vor unserer Haustür überfahren wurde und einige Mitschüler verstorben waren, die ich aber kaum kannte. Die armen Wichte hatten verdorbene Milch getrunken, die aus amerikanischem Milchpulver hergestellt und gratis an die Kinder in der Schule ausgegeben wurde. Ich hatte Glück. Meine Mutter wollte nicht, dass ich die Schulmensa aufsuche, aus welchen Gründen auch immer, obgleich die Versorgung umsonst war. Also lief ich in der langen Mittagspause immer nach Hause, was den Vorteil hatte, dass mir die neuesten Gerüchte aus dem Dorf beim Tischgespräch zu Ohren kamen: Eine Sippe ungarischer Zigeuner, so nannte man sie damals, kampiere seit Tagen vor den Toren der Stadt, denn offiziell war unser Dorf eine Kleinstadt. Die Einwohner fühlten sich von ihrer Präsenz bedroht, was für mich schwer verständlich war, denn mir war die Sippschaft schon einmal begegnet und ich sah nur kleine, abgemagerte und verschüchterte Frauen und Männer in bunten, abgewetzten Kleidern, begleitet von hungrigen Kindern und rachitischen Hunden. Von daher konnte ich die Aufregung nicht ganz verstehen. Dennoch wurden die freilaufenden Tiere umgehend in den Stall gebracht, die sonst offenen Haustüren verriegelt, die Kinder durften nicht mehr auf der Straße spielen, die Menschen im Dorf waren vom Bürgermeister zu Wachsamkeit aufgerufen. Aber so weit, dass die Kirchenglocken geläutet wurden, kam es dann doch nicht.
Es kam anders: Kurz nach Einbruch der Dunkelheit fiel im ganzen Ort der Strom aus, was unter normalen Umständen weder ungewöhnlich noch bedrohlich war. Die Lage war insofern ernst, als viele Familienväter zu einer mehrtägigen Agrarmesse nach Aranda de Duero aufgebrochen waren, ihre Frauen und Kinder allein zuhause saßen. Auch wir waren allein. Aus einer Truhe holte meine Mutter ein Bündel Altarkerzen heraus und zündete sie an; aus dem Schlafzimmer brachte sie unseren tragbaren Hausaltar mit den Flügeltüren und der Jesusfigur. Jetzt waren wir auf der sicheren Seite, so dachten wir, als überraschend jemand laut an die Haustür klopfte. Von den Verwandten konnte es keiner sein, denn sie schlugen niemals gegen die Haustür, sondern klopfen dreimal an die Fensterläden vom Treppenhaus, weil man es oben in der Wohnung besser hören konnte. Natürlich wusste ich, wo mein Vater sein Jagdgewehr und die Patronen aufbewahrte, aber ich hatte berechtigte Zweifel, ob meine Mutter im Ernstfall mit der Waffe umgehen könnte. Sie lief mit besorgter Miene in ihr Zimmer. Das war schon mal die richtige Richtung, öffnete jedoch nicht den Kleiderschrank, der im wahrsten Sinne des Wortes als „Armarium“ diente, sondern das Fenster zur Straße, um nachzuschauen, wer da draußen einen solchen Lärm veranstaltete. Unten auf der Straße standen eine Frau mit einer Laterne und einer Horde Kinder, in der Dunkelheit schlecht erkennbar. Es stellte sich bald heraus, dass die Leute vor der Tür die Familie des Gärtners war, die in der Hoffnung auf Nachtasyl bei uns angeklopft hatten. Auch der Gärtner, der den großen Obstgarten des Bürgermeisters am Stadtrand bearbeitete, war zur Messe gefahren und seine Frau war in Panik geraten, weil das kleine Gartenhaus, indem sie lebten, keinen wirklichen Schutz bot. Es war keine Frage, dass wir sie aufnehmen würden, sie waren ja gute Christen. Als wir dann alle in der Wohnküche versammelt waren, zählte ich sieben Kinder, vier Gärtnerskinder und wir drei Geschwister. Die Gärtnersfrau war eine gute Seele, warmherzig und unaufdringlich. Sie hatte eine Karaffe Rotwein und einen Laib Weißbrot mitgebracht, so gab es für jeden ein Stück warmes, frischgebackenes Brot und einen Becher „Römerwein“, also mit Wasser verdünnt. Die braven Gärtnerskinder hatten ihre Schlafdecken mitgebracht und sich darin eingewickelt, so verweilten wir alle in der Wohnküche: Wir saßen auf der Küchenbank, auf Stühlen, auf dem Boden, ein Mädchen lag auf der Anrichte, ich saß im Schneidersitz auf dem Küchentisch. Die Kerzen brannten hell und warm, das Auditorium war bereit für die Lesung. Denn meine Mutter hatte die opportune Idee, aus einem vergilbten Buch mit Ledereinband etwas vorzulesen, in der Hoffnung, auf diese Weise zur Entspannung der Lage beizutragen. Sehr gespannt hörten wir alle die wundervolle Sage von Genoveva von Brabant, der jungen Frau, die als Opfer von Intrigen zum Tode verurteilt wurde. Jedoch gelang ihr mit Hilfe des Henkers die Flucht in den Wald, wo sie mit ihrem Kind viele Jahre in einer Grotte versteckt bei den Tieren des Waldes lebte, bevor sie am Ende der Sage von ihrem Gemahl Siegfried gerettet und ihr Peiniger namens Golo als Strafe von ihm gevierteilt wurde.
Nach der spannenden Geschichte herrschte minutenlang Totenstille. Von der Erzählung fasziniert, schielten wir alle auf die Katze, die in unserer Mitte Platz genommen hatte und inzwischen eingeschlafen war. Die vermeintliche Bedrohung draußen war längst vergessen, niemand hatte bemerkt, wie die Stunden vergangen waren. Die Uhr zeigte schon nach Mitternacht. Mir ging jedoch der bösartige Golo nicht aus dem Kopf, mit welch kaltblütiger Grausamkeit er die Abwesenheit seines Meisters Siegfried, der in den Krieg ziehen musste, arglistig ausgenutzt hatte, um dessen schutzlose Ehefrau Genoveva zu bedrängen, zu bedrohen und am Ende zu vernichten. Damals konnte ich noch nicht verstehen, dass Neid und Eifersucht bei schwachen Menschen, gerade bei den scheinbar Harmlosen, den Idioten, den Zukurzgekommenen und Verlierern, den vom Leben Gebeutelten, einen irrationalen Hass auslösen können. Glücklicherweise hatte Siegfried den Mut, der innerlich zerrissenen Persönlichkeit von Golo eine äußere Form zu verleihen, die der Tragweite der Verfehlung angemessen schien. Wie man einen gordischen Knoten löst, so wurde auch Golo aus seiner misslichen Lage erlöst, sodass die Rechtschaffenen auf dieser Welt erleichtert aufatmen und besser schlafen können. Auch wir waren über das Schicksal Golos erleichtert, doch keiner dachte daran, das Nachtlager aufzuschlagen.
Das Mädchen auf der Anrichte wollte wissen, wonach die Milch einer Hirschkuh schmeckt, die Genoveva und ihr Kind die Jahre über getrunken hatten, und ob sie denn keine Angst vor den Wölfen gehabt haben. Kaum, dass sie die Wölfe erwähnte, hörten wir erneut ein lautes Klopfen und Schlagen an der Haustür. Die Uhrzeiger standen auf Viertel nach eins. Alle Mühe war umsonst gewesen, Unruhe machte sich wieder breit, die Mütter hatten wieder diesen unangenehmen, ängstlichen Blick, gaben uns Kindern ein fatales Gefühl der Angst, Mutlosigkeit und Ohnmacht, das mich bis heute noch beschleicht, wenn jemand nachts unangemeldet an meine Tür klopft oder auch nur das Telefon läutet. Dabei wäre es ein Leichtes gewesen, so dachte ich, mit dem Gewehr in der Hand für Aufklärung zu sorgen. Aber nichts dergleichen geschah. Meine Mutter begab sich wieder zum Fenster, um nachzuschauen, wer denn da unten sei, zu dieser Unzeit. Der Nachtnebel hatte sich verdichtet, auf der Straße stand ein prächtiges Auto mit laufendem Motor und brennenden Scheinwerfern, man konnte auch die harte Stimme eines Mannes hören, der nach seiner Frau rief, und es war eindeutig die Stimme des Gärtners. Scheinbar war er früher als geplant von der Messe zurückgekehrt. Der Tierarzt, Don Gregorio, der in unserer Straße ein großes Anwesen mit Reitpferden besaß, hatte ihn in seinem Wagen mitgenommen. Jetzt wollte der Gärtner seine Familie nach Hause holen, er wusste bereits, wo sie war, hatte es schon unterwegs von Reisenden aus dem Dorf erfahren. Wir Kinder rannten mit unseren Decken die Treppe hinunter, weil wir das erstklassige Auto sehen wollten. Da stand er nun vor unserer Tür im majestätischen Lodenmantel, Don Gregorio, mit einer dicken Zigarre und seinem schwarzen Citroën; niemand sonst in der ganzen Provinz konnte mit einer solchen Nobelkutsche aufwarten. Dieser Mann hatte ganz offensichtlich keine Angst vor dahergelaufenen Vagabunden, sagte ich mir, und trug keinen Rosenkranz in der Tasche, sondern hatte einen Revolver im Handschuhfach. Stromausfälle bereiteten ihm sicherlich keine schlaflosen Nächte. In seiner Gegenwart, umgeben vom wohligen Aroma seiner Zigarre, verflog jede Spur von Furcht und Trübsal. Der Gärtner gab keine langen Erklärungen ab, sondern steckte kurzerhand seine Kinder und seine Frau in den Wagen, bedankte sich kurz bei meiner Mutter und signalisierte Don Gregorio, dass er losfahren könne. Fluchtartig entschwand die geisterhafte Gesellschaft im Dunkel der Nacht. Meine Mutter, meine beiden Brüder und ich, wir waren wieder allein, wie so oft in letzter Zeit, das kannten wir ja, und standen noch einen Augenblick draußen vor der Tür, unmotiviert, als würden wir auf einen Nachtbus warten, oder auf die Ankunft einer beleuchteten Straßenbahn, aus der mein Großvater aus Valencia mit einem Sack voller Geschenke aussteigt. Unsere neue Hauskatze, eine Leihgabe unserer Nachbarn, merkte wohl, dass es langsam Zeit wurde, wieder ins Haus zu gehen, und bewegte sich gelangweilt und müde hinein. Wir folgten dem Tier vertrauensvoll, verriegelten die schwere Haustür, machten die Kerzen aus, nahmen unsere Wolldecken und legten uns ins Bett. Draußen im Nebel zogen die Fledermäuse ihre Kreise, bis zum Morgengrauen.
Im Herbst reisten wir ab. Nach drei Tagen Autofahrt, unser Fahrer hatte sich in Frankreich mehrfach verfahren, erreichten wir die deutsche Grenze. Es war schon Nacht geworden und es regnete unablässig. Die düsteren Grenzanlagen waren mit gewaltigen Scheinwerfern beleuchtet, im Lichtstrahl sah man die glitzernden Regenschwaden niederprasseln und es wimmelte von bewaffneten Grenzpolizisten, die hektisch umherliefen. Wir fuhren in einem Opel Caravan mit deutschem Nummernschild. Unser Fahrer, der uns nach Raibach bringen sollte, war ein spanischer Gastarbeiter der ersten Stunde, so nannte man sie damals. Er ermahnte uns eindringlich, ruhig zu bleiben und bloß kein Wort zu sagen, auch wenn wir gefragt würden. Der Wagen vor uns, ein Franzose, wurde prompt herausgewinkt. Dann waren wir an der Reihe. Ein junger Beamter prüfte gründlich die Pässe und forderte uns in hartem aber korrektem Ton auf: »Alles klar, weiterfahren! Weiter!«. Das waren die ersten Worte, die ich von einem Deutschen hörte und ich hatte ihn sofort verstanden; intuitiv war mir klar, dass wir durch waren. Unser Fahrer, ich mochte den Kerl von Anfang an nicht, versicherte uns, dass wir gegen Mitternacht unser Ziel erreichen würden, der Ort wäre von der französischen Grenze nicht mehr allzu weit entfernt. Die letzte Strecke fuhren wir über eine Landstraße mitten durch den Odenwald und erreichten weit nach Mitternacht das Dorf, in dem mein Vater für die Familie ein Haus gemietet hatte. Als wir endlich ankamen, regnete es immer noch stark, so dass wir nur das Notwendigste mit ins Haus nahmen. Die Wohnung war komplett eingerichtet. Wir deckten rasch den Tisch und konnten nun nach der furchtbaren Reise wieder zivilisiert zu Abend essen.
Aber ans Schlafen war nicht zu denken. Innerlich aufgewühlt lag ich im Bett und vernahm den Regen, der gegen die Fensterscheibe prasselte, hatte zudem noch das Dröhnen während der langen Fahrt in den Ohren, dachte an meine letzte Nacht in Spanien, die ich in Maritas pastellgrünem Schlafzimmer verbracht hatte. Die halbe Nacht lag ich wach in ihrem Bett, hatte mir nur meine Schuhe ausgezogen. Ich starrte nach oben auf die orientalische Lampe, hörte das Gemurmel der Leute in der Küche, warf einen Blick auf die schöne Porzellanpuppe, die jetzt auf einem Stuhl saß. Für einen kurzen Moment dachte ich, sie hätte ihren Kopf zu mir gedreht und die Augen bewegt, aber wahrscheinlich habe ich mir das nur eingebildet – war ja nur eine Puppe. Dann, irgendwann in der Nacht, hörte ich das Auto vorfahren, die Zimmertür ging auf und ich wurde kurzerhand zum Wagen gebracht, um den sich eine Menschenmenge versammelt hatte. Die halbe Straße stand draußen vor dem Haus, in der Dunkelheit. Einige der Umstehenden weinten, andere umarmten mich, Tante Petra gab mir Kekse und wünschte uns Glück. Dann fuhren wir los. In einem wahnsinnigen Tempo rasten wir durch schlafende Dörfer, überholten alle Rücklichter, die vor uns herfuhren. Nach kurzer Zeit waren wir bereits auf der Nationalstraße. Ab dann ging es nur noch in eine Richtung, nämlich nach Norden, durch die tiefen Täler des Baskenlandes, hoch über die Pyrenäen nach Frankreich hinein, quer durch bis zur deutschen Grenze. Über Heidelberg in den Odenwald hinein.
