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Haben Sie manchmal das Gefühl, im Hamsterrad des Alltags gefangen zu sein? Spüren Sie: Etwas sollte sich ändern, doch Sie wissen nicht, was? Sind Sie an einem Punkt in Ihrem Leben, an dem Sie denken: War das schon alles? Dann ist es Zeit, eine Reise zu unternehmen. Keine Reise in die Ferne, sondern eine, die nach innen führt und Sie näher zu sich selbst bringt. Dieses Buch begleitet Sie entlang eines Weges, auf dem Sie erkennen werden, wer Sie sind, welches Potenzial in Ihnen steckt und was Sie wirklich wollen. Das Ziel: Ein Leben, das Sie als sinnvoll empfinden und in dem Sie Freude an den Dingen haben, die Sie tun. Geführt von Ihrer zuverlässigsten Reisebegleiterin, Ihrer Seele, kommen Sie am Ende an Ihrem ganz persönlichen Platz an. Wagen Sie den ersten Schritt!
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Seitenzahl: 345
Veröffentlichungsjahr: 2020
Andrea Tuma
War das schon alles?
Andrea Tuma
War das schon alles?
Eine Ermutigung, den Impulsen der Seelezu folgen
© 2020 Andrea Tuma
Autor: Andrea Tuma
Umschlaggestaltung: Maria Klein
Lektorat: Dr. Felicitas Igel, textweise
Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN:
Paperback:
978-3-347-07279-4
Hardcover:
978-3-347-07280-0
Dieses Buch ist auch als E-Book erhältlich:
ISBN: 978-3-347-07281-7
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Die Namen der in diesem Buch erwähnten Personen wurden aus Gründen des Datenschutzes und zum Schutz ihrer Privatsphäre geändert.
Inhalt
Einleitung
Etappe 1 – Aufbruchstimmung
Was bewegt zum Aufbruch?
Wenn die Seele den Aufbruch einleitet
Vor einer Antwort steht eine Frage
Die Suche nach Antworten
Fragen zulassen
Übung. Fragen zulassen
Unsicherheit und Verwirrung
Weg der Erfahrungen
Etappe 2 – Bestandsaufnahme
Was uns ausmacht
Die Wirkung von Prägungen
Aus Erfahrung lernen
Immer wieder mehr vom selben
Übung. Prägungen erkennen
Der wahre Wesenskern
Das Ich – unser bewusster Teil
Das Selbst
Das Ich gibt Identität
Der Impuls zu wachsen
Was wir wollen
Übung: Gedankenreise » Werte und Motive«
Etappe 3 - Der erste Schritt
Die bewusste Entscheidung
Die Komfortzone verlassen
Veränderung macht Angst
Veränderung in kleinen Schritten
Unterstützung suchen
Die Richtung finden
Übung. Innere Ausrichtung
Gefühlvoll statt emotional
Keine Emotion ist grundlos
Die Ursache einer Emotion
Die Gefühlswelt erkunden
Übung: Emotionen erforschen
Gefühle weisen den Weg
Schnell und intensiv
Die Verantwortung für die eigenen Gefühle
Der innere Kompass
Ruhe im Alltag finden
Die Bedeutung von Achtsamkeit
Übung: Aufmerksames Wahrnehmen
Etappe 4 – Der Weg der Seele
Wer bin ich?
Individuation
Erkenntnisse entlang des Weges
Selbsterforschung
Der angeborene Kern
Die seelische Essenz
Im Einklang mit der Seele leben
Übung: Im Dialog mit der Seele
Träume, Wünsche, Ziele
Ziele geben Kraft
Was steckt dahinter?
Ego-Ziele
Herzensziele
Übung: Der Freude folgen
Lebensziele erkennen
Übung: Ziele überprüfen
Etappe 5 – Innere Wegbegleiter
Das innere Gremium
Gedanken und Gefühle
Die Stimme des Verstandes
Die Grenzen des Verstandes
Das Bauchgefühl
Die Stimme des Unterbewusstseins
Die unbewusste Angst vor Veränderung
Die Intuition
Intuition ist nicht logisch
Der Intuition vertrauen
Übung. Intuition erkennen
Die Stimme der inneren Wahrheit
Die innere Führung
Entscheidungen treffen
Den richtigen Ratgeber finden
Übung: Die inneren Stimmen kennenlernen
Entwicklung geschieht
Der inneren Führung Raum geben
Wahrnehmung als Weg zu Vertrauen
Selektive Wahrnehmung
Wahrnehmung erweitern
Sich führen lassen
Etappe 6 – Im Nebel
Der innere Wandel
Verwirrung
Gegenwind
Nebel führt uns zu uns selbst
Übung: Stehen bleiben
Angst
Angst ist ein Schutz
Die Angst im Licht
Die Wurzel unserer Ängste
Übung: Die bisherige Angststrategie
Angst ist kreativ
Mit der Angst umgehen lernen
Zweifel
Anstrengen und Mühe geben
Übung: Den Nebel lichten
Etappe 7 – Unterwegs
Die Grenzen im Kopf
Grenzen überschreiten
Übung: Mein Bild von der Zukunft
Reiseproviant
Geistige Stärkung
Innere Überzeugungen
Übernommene und eigene Glaubenssätze
Hilfreich oder nicht hilfreich?
Übung: Glaubenssätze erkennen
Übung: Glaubenssätze verändern
Tatendrang und Ungeduld
Die Aussicht genießen
Etappe 8 – Ankommen & Rückkehr
Das Versprechen weiterzugehen
Die Entscheidung liegt bei uns
Leichter machen
Schritte zurück in den Alltag
Rückschritt und Fortschritt
Der Umwelt begegnen
Übung: Kleine Schritte mit großer Wirkung
Ankommen
Bis zur nächsten Reise
Literatur
Einleitung
»Was vor uns liegt und was hinter uns liegt, sindKleinigkeiten zu dem, was in uns liegt.
Und wenn wir das, was in uns liegt, nach außenin die Welt tragen, geschehen Wunder.«
Henry David Thoreau
Ein Leben als Selbstversorger auf dem Land. Ein Jahr lang um die Welt reisen, ohne zu wissen, in welches Land es einen als Nächstes führt. Bilder malen und sie in einer eigenen kleinen Galerie ausstellen. Selbst geschriebene Liebesromane veröffentlichen. Welche Träume haben Sie? Ähnliche oder ganz andere? Womöglich glauben Sie auch, keine Träume (mehr) zu haben. Sind Sie sich da wirklich sicher?
Jeder Mensch hat Träume. Sie begleiten uns auf unserem Weg, laufen meist eher im Hintergrund mit, machen sich gelegentlich als spontane Idee bemerkbar – und dienen oft auch als kurze Flucht aus dem Alltag. Selbst dann, wenn es doch eigentlich gar keinen Grund gibt zu fliehen. Im Beruf läuft alles gut, die Partnerschaft ist stabil, die Familie gesund. Nichts Wesentliches fehlt. Und dennoch ist da diese Vorstellung von einem anderen Leben. Ist da der Gedanke, diese Fantasien vielleicht eines Tages wahr werden zu lassen. Irgendwann genügt es nicht mehr, seine Pflichten zu erfüllen, materiell abgesichert zu sein und sich mit dem zufriedenzugeben, was wir haben. Da muss es doch noch mehr geben. Unabhängig davon, wie schön das gegenwärtige Leben sein mag, taucht früher oder später die Frage auf: War das schon alles?
Bei mir kam dieser Punkt mit Anfang dreißig. Ich hatte eine gut bezahlte Position im Projektmanagement, war glücklich verheiratet, hatte eine schöne Wohnung und war gesund. Trotzdem fühlte ich mich oft leer und erschöpft. Wirkliche Freude erlebte ich meist nur, wenn ich im Urlaub war. Ein paar Tage oder Wochen Auszeit. Die Rückkehr ins Büro kostete mich danach jedes Mal Überwindung. Also machte ich mich auf den Weg, um diese Frage für mich zu beantworten.
Nachdem ich begonnen hatte, Menschen im Rahmen von Seminaren, Aufstellungen und Coachings bei ihren Veränderungsprozessen zu begleiten, kamen immer wieder Klientinnen und Klienten mit genau derselben Frage zu mir: War das schon alles?
Wie Maria, eine Frau mit zwei bezaubernden Kindern, einem liebevollen Mann, einem Job, der ihr Spaß machte und viel Möglichkeit zur freien Zeiteinteilung bot. Und dennoch verspürte sie immer wieder die Sehnsucht, ins Ausland zu gehen. Oder Susanne, bei der ein Tumor in der Gebärmutter diagnostiziert wurde. Letztlich stellte er sich als gutartig heraus, doch durch ihn rückte die Vorstellung, mit Singen und Musizieren den eigenen Lebensunterhalt zu verdienen, auf einmal wieder in den Vordergrund. Oder Johannes, der nach jahrelanger harter Arbeit und unzähligen Überstunden in eine internationale Managementposition befördert wurde, inklusive Verdoppelung des bisherigen Gehalts und Firmenauto, wodurch er die Prioritäten im Leben aus einem neuen Blickwinkel betrachtete. Schließlich Daniela, die eine harmonische Partnerschaft führte, in der der eine den anderen fast ohne Worte verstand, es keinen Streit gab, gemeinsame Interessen verbanden, und trotzdem stieg gelegentlich der Gedanke in ihr auf, wie es denn wäre, alleine zu leben.
Finden Sie sich in der einen oder anderen Situation wieder? Vielleicht ja. Vielleicht können Sie diese Beispiele aber auch überhaupt nicht nachvollziehen, weil es bei Ihnen ganz anders ist. Doch die Frage selbst scheint auch in Ihnen zu sein. Warum sonst hätten Sie zu diesem Buch gegriffen?
Unabhängig davon, ob wir uns die Frage bewusst stellen oder ob sie nur in unserem Inneren wirkt – ab dem Zeitpunkt ihres Erscheinens bekommen Bilder und Ideen, die bisher als reine Träumerei abgetan wurden, eine neue Bedeutung. Das ist gut so. Sie weisen auf tiefe Sehnsüchte und innere Bedürfnisse hin. Und zwar auf jene, die wir (noch) nicht leben. Sie zeigen das Potenzial auf, das noch ungenutzt in uns schlummert. Sie sind Hinweise auf innere Anteile, deren Existenz wir entweder noch nicht kennen oder mit viel Disziplin versuchen zu unterdrücken. Diese Visionen von einem anderen Leben sind keine illusorischen Wunschvorstellungen ohne Anspruch auf Verwirklichung. Sie sind Botschaften unserer Seele. In ihnen finden wir Hinweise, in welche Richtung es in unserem Leben gehen kann. Sie bringen uns auf den Weg.
In diesem Buch geht es nicht ums Träumen, Wünschen oder Hoffen. Stattdessen möchte ich Sie ermutigen, ein erfüllendes Leben zu führen. Ein Leben, das Sie subjektiv als sinnvoll empfinden, in dem Sie Freude an den Dingen haben, die Sie tun, und an dessen Ende Sie aus vollem Herzen sagen können: Ich habe gelebt.
Spricht man mit Menschen auf dem Sterbebett, so bedauern sie in der Rückschau nicht, keine Karriere gemacht oder zu wenig Geld besessen zu haben. Sie bedauern vielmehr, sich für ihre eigenen Interessen nicht genügend Zeit genommen, den Menschen, die sie lieben, dies nicht oft genug gesagt, ihre Chancen nicht genutzt, zu wenig gewagt und sich zu oft für den sicheren Weg entschieden zu haben. Sie haben die Frage War das schon alles? ignoriert oder verdrängt.
Genau das soll dieses Buch verhindern. Anstatt die Frage als bedeutungslos abzutun, lade ich Sie ein, ihr Raum zu geben. Ich habe das vor einigen Jahren gewagt, so schwer es mir anfangs fiel. Ich habe die Sehnsucht nach mehr Selbstständigkeit nicht mehr ignoriert, sondern bin ihr gefolgt. Beruflich, und später auch in meinem Privatleben. Ich erkannte, dass mein Bedürfnis nach Freiheit und Unabhängigkeit größer war, als ich es mir eingestehen wollte. Und ich erkannte, wie mein ständiges Streben nach Sicherheit und Absicherung verhinderte, mich auf das Leben voll und ganz einzulassen.
Der perfekte Zeitpunkt, etwas zu ändern, wird nie kommen. Es wird immer eine ganze Reihe von Ablenkungen geben, die Sie daran hindern, sich mit sich selbst zu beschäftigen. Sie werden nie lange suchen müssen, um einen Grund zu finden, jetzt doch nicht mit der Reise zu beginnen. Die Entscheidung liegt bei Ihnen. Ich möchte Ihnen zeigen, dass jeder von uns nicht nur das Recht auf ein erfüllendes Leben hat, sondern wir uns selbst gegenüber verpflichtet sind, jenem Weg zu folgen, der unserer individuellen Bestimmung entspricht. Doch muss ich Sie warnen. Ich verspreche Ihnen nicht die schnelle Lösung. Stattdessen möchte ich Sie ermutigen, einen nachhaltigen Richtungswechsel in Ihrem Leben vorzunehmen. Sofern Sie das möchten.
Dieses Buch beginnt nicht mit dem ersten Schritt, auch wenn das Lesen dieser Zeilen vielleicht Ihr erster Schritt in Richtung Veränderung ist. Bevor Sie entscheiden können, ob Sie bereit sind aufzubrechen, ist es notwendig, dass Sie in sich hineinfühlen, erkennen, was gerade in Ihnen ist – und ob der Zeitpunkt, sich auf Reise zu begeben, schon gekommen ist. Auch ein Blick in die Vergangenheit ist dafür hilfreich. Er hilft zu verstehen, warum wir sind, wie wir sind. Und es ist gut zu wissen, woher wir kommen, bevor wir dorthin gehen, wo wir hinwollen.
Wenn Sie sich entscheiden, den Weg zu beschreiten, begleitet Sie dieses Buch durch die Höhen und Tiefen, die darauf folgen können. Den eigenen Weg zu gehen, bedeutet nicht, von nun an ausschließlich auf Wolke sieben zu schweben. Sie werden auch Schmerz, Kummer oder Rückschläge erleben. Hindernisse müssen überwunden, Widerstände, innere wie äußere, abgebaut werden. Das klingt nach viel Arbeit. Und manchmal ist es das auch. Sie werden mit Fragen konfrontiert, deren Antworten sie erst einmal nicht kennen. Sie werden in die Tiefe gehen und Ihren wahren Wesenskern in all seinen Facetten kennenlernen. Nicht alles, was Sie dabei entdecken, wird Ihnen gefallen.
Mein Anliegen ist es nicht, Ihnen den besten und schnellsten Weg zu zeigen, wie Sie Ihre Ziele erreichen. Dazu gibt es schon mehr als genug Bücher. Vielmehr möchte ich Sie dabei unterstützen, wieder mehr in Kontakt mit Ihrem wahren Wesenskern, Ihrer Seele, zu kommen. Und ich möchte Sie mit Ihren inneren Ratgebern vertrauter machen. Ihre Ziele spielen dabei natürlich auch eine Rolle. Es macht allerdings viel mehr Freude, Ziele zu verfolgen, die wirklich aus dem Herzen kommen und Teil des eigenen Lebenswegs sind, als oberflächlichen Pseudozielen hinterherzujagen.
Der amerikanische Psychiater Milton H. Erickson pflegte zu sagen: »Der Mensch kennt die Lösung seines Problems, er weiß nur nicht, dass er sie kennt.« Tief in unserer Seele wissen wir, was gut für uns ist. Unsere Aufgabe ist es, einen Weg zu finden, uns dieses innere Wissen bewusst zu machen und danach zu handeln. Sie träumen vielleicht seit Jahren davon, am Meer zu leben, hätten gerne einen Hund oder würden sich gerne zu Hause eine kleine Praxis für Ihre selbstständige Tätigkeit einrichten. Warum unterschreiben Sie dann für weitere zehn Jahre den Mietvertrag für eine Wohnung mitten in der Stadt, in der Haustiere verboten sind oder jegliche gewerbliche Tätigkeit untersagt ist? Sie würden Ihren Bewegungsdrang gerne auch in Ihrem Beruf leben und fühlen sich sogar bereit, den Job zu wechseln. Warum suchen Sie dann wieder nach einer Stelle, bei der Sie den ganzen Tag im Büro sitzen müssen? Sie wünschen sich Kinder oder haben den Wunsch zu heiraten, Ihr Partner möchte aber keine Kinder oder ist strikt gegen das Heiraten. Sind Sie sicher, dass Sie in der für Sie richtigen Beziehung sind?
Hinter der Unzufriedenheit mit dem eigenen Leben und dem Gefühl innerer Leere steckt häufig weder mangelnde Klarheit noch Ahnungslosigkeit, was wir eigentlich wollen. Unsere inneren Impulse sind meist sehr eindeutig. Wir nehmen sie nur nicht genügend ernst und folgen nicht der Richtung, die sie uns weisen. Wir stehen uns selbst im Weg und merken es noch nicht einmal. Da ist diese innere Stimme, die uns in eine Richtung lenken will. Doch sie ist nicht allein. Es gibt mindestens eine weitere, die uns das Gegenteil erzählt. Die Macht Ihrer Gewohnheiten in Denken und Handeln wird Sie bei jedem Schritt herausfordern. Und weil das so ist, werden auch Zweifel, Angst und Unsicherheit zu Ihren Wegbegleitern gehören. So einfach und logisch es klingt, jenen Weg zu wählen, der uns glücklich macht, nicht immer ist es leicht, ihm zu folgen. Daher widmet sich dieses Buch auch Ihren inneren Stimmen, bringt Sie mit ihnen in Kontakt und hilft Ihnen, Ihre inneren Ratgeber besser voneinander unterscheiden zu können. Damit Sie herausfinden können, wohin Ihre innere Führung Sie wirklich bringen will.
Lassen Sie uns gemeinsam aufbrechen und sehen, wohin die Reise führt. Ich kann Ihnen nicht sagen, was Sie am Ende erwartet. Was ich Ihnen aber versprechen kann, ist, dass Sie ankommen werden. Sie werden mit neuen Ideen, Erkenntnissen und Erfahrungen in Ihren Alltag zurückkehren, die mehr Freude und Erfüllung in Ihr Leben bringen. Ankommen bedeutet nicht, dass nach Ende der Reise alles erledigt ist. Sie werden bei sich selbst ankommen und beginnen, Ihr tägliches Leben nach all den Erlebnissen und Erfahrungen Ihrer Reise neu zu gestalten. Sie werden (längst notwendige) Veränderungen angehen, weil Sie anders sein werden. Sie werden mehr Sie selbst sein. Ihr Leben wird immer mehr so sein, wie es zu Ihnen passt.
Meldet sich nun eine Stimme in Ihnen, die sagt, dass Sie keine Zeit haben, auf die Reise zu gehen? Vermutlich haben Sie recht. Eine Reise wie diese kann Monate oder Jahre dauern. Genau genommen dauert sie ein ganzes Leben. Daher werden Sie den Großteil davon parallel zu Ihrem Alltag erleben. Das macht es nicht immer einfach. Aber letztlich geht es genau darum: Ihr tägliches Leben neu zu gestalten. Sie werden sich vielleicht nicht mehrere Monate oder Jahre Auszeit nehmen können. Doch Sie können sich so organisieren, dass Sie regelmäßig Zeit und Ruhe haben, um aus dem Alltag auszusteigen. Im Laufe der Reise werden Sie immer wieder aufgefordert werden, sich eine Pause von der Routine zu gönnen. Wenn auch nur für ein paar Minuten. In dieser Zeit werden Sie sich ganz sich selbst widmen, sich mit Ihren Fragen beschäftigen, einen ehrlichen Blick auf sich selbst werfen und manchmal einfach nur entspannen und zur Ruhe kommen. Sollte das einmal nicht möglich sein, brauchen Sie keine Angst zu haben, nicht voranzukommen. Viele Schritte der Reise finden völlig unbewusst im Inneren statt. Sie werden nie stillstehen. Einem bewussten Schritt folgen erst einmal mehrere unbewusste. Diese inneren Prozesse führen früher oder später zu einer Erkenntnis, einer Entscheidung oder dem nächsten Handlungsimpuls.
Ich habe mich vor einigen Jahren auf den Weg gemacht. Ich bin angekommen und nach einiger Zeit wieder aufgebrochen. Nach jeder Reise bin ich mit mehr Vertrauen in mich selbst und das Leben zurückgekehrt. Immer wieder bin ich erstaunt von der Richtung, in die mich meine innere Führung lenkt, und wie natürlich und folgerichtig so mancher »Zufall« ist. Ziele von einst haben ihre Bedeutung verloren, andere Bedürfnisse und Werte sind in den Mittelpunkt gerückt. Ein neues Lebensgefühl ist entstanden, durch das ich Zugang zu meiner inneren Kraft gefunden habe. Ich kenne die Licht- und Schattenseiten des Weges. Ich kenne die Momente der Verunsicherung und Verwirrung ebenso wie die Momente der Freude und Erfüllung. Manchmal ist es anstrengend. Und doch bin ich glücklich, mich für den Aufbruch entschieden zu haben. Mit all seinen Konsequenzen.
Dieses Buch ist keine theoretische Abhandlung, wie man am besten sein Leben lebt. Es ist das Ergebnis meiner persönlichen Erlebnisse und meiner Erfahrung in der Arbeit mit Menschen. Ich möchte Sie mit diesem Buch ein Stück Ihres Weges begleiten und Ihnen Mut machen, die notwendigen Schritte zu gehen. Vor allem möchte ich Ihnen aber auch zeigen, dass Sie nicht alleine sind. Sie sind nicht der einzige Mensch, der das durchmacht, was Sie gerade erleben. Vielen Menschen geht es so und ist es so gegangen. Sie sprechen nur nicht darüber. Und wenn, dann erst, wenn alles vorbei ist und im Nachhinein so einfach wirkt. Für Ihre Reise haben Sie bereits alles im Gepäck. Nun liegt es an Ihnen, zu entscheiden, ob Sie aufbrechen wollen. Wollen wir gemeinsam den ersten Schritt machen?
Etappe 1 – Aufbruchstimmung
»Ich möchte niemand anderem einen
Weg vorzeichnen, denn ich weiß,
dass mir der Weg von einer Hand vorgeschrieben
wurde, die weit über mich hinausreicht.«
Carl Gustav Jung
Den eigenen Weg gehen, ja oder nein? Eine Frage, die sich eigentlich nicht stellt. Leben bedeutet vorwärtsgehen, Erfahrungen machen, sich entwickeln und wachsen. Unser Voranschreiten können wir nicht aufhalten. Wie bereitwillig wir uns aber auf das einlassen, was das Leben uns bringt, und ob wir den Mut haben, das, was in uns ist, zu leben, ist eine Frage, die wir uns sehr wohl stellen sollten. Innere Impulse und äußere Ereignisse werden immer wieder zu Richtungsänderungen im Leben auffordern. Wir können dagegen ankämpfen oder uns diesen Entwicklungen hingeben und bewusst unseren Beitrag dazu leisten. Kann ich entlang des eingeschlagenen Weges mein Potenzial entfalten? Machen mich die Ziele, die ich anstrebe und erreiche, glücklich? Finde ich Sinn in dem, was ich tue? Fühle ich mich erfüllt? Das sind Fragen, die wir uns stellen sollten. Sie alle lassen sich in einer einzigen Frage zusammenfassen: Gehe ich meinen Weg so, wie es mir voll und ganz entspricht?
Spätestens dann, wenn wir feststellen, dass die Freude an dem, was wir tun, verloren gegangen ist, wir immer öfter über das Warum und Wozu nachgrübeln und wir zunehmend unzufriedener werden, haben wir uns selbst gegenüber die Pflicht, unsere aktuelle Lebenssituation zu hinterfragen und die Richtung zu ändern. Möglicherweise haben wir schon eine sehr konkrete Idee davon, was passieren müsste, damit wir wieder glücklicher mit unserem Leben sind. Vielleicht tappen wir aber auch noch völlig im Dunkeln. So oder so lautet das Gebot der Stunde, nichts zu überstürzen und nicht Hals über Kopf alles zu riskieren, sich stattdessen Zeit zu nehmen, genauer hinzusehen und nachzuforschen, bevor tatsächlich ein erster Schritt unternommen wird.
Was bewegt zum Aufbruch?
Nicht selten wird die Notwendigkeit zu einer Kursänderung im Leben erst durch ein äußeres Ereignis bewusst. Äußere Umstände zwingen uns dazu: Konflikt, Krankheit, ein Unfall, das Scheitern im Beruf, das Ende einer Beziehung. Etwas passiert und fordert dazu auf, den bisherigen Lebensweg zu hinterfragen. Von einem Tag auf den anderen ist alles anders. Die Lebensumstände verändern sich so sehr, dass es unmöglich wird, weiterzumachen wie bisher.
Solch einem richtungsändernden Ereignis geht jedoch in vielen Fällen eine längere Phase des inneren Wandels voraus, der langsam und anfangs völlig unbemerkt stattfindet. Das Leben verläuft in gewohnten Bahnen, es gibt keinen Anlass, etwas infrage zu stellen. Nichts fordert zur Veränderung auf. Wäre da nicht dieses undefinierbare Gefühl, das uns schon über Tage, Wochen, manchmal Jahre begleitet, sich nicht aufdrängt, mal mehr, mal weniger gegenwärtig ist, und mit jedem Tag, der vergeht, schwerer verleugnet und ignoriert werden kann. Es beginnt unsere Lebensfreude zu dämpfen, raubt uns Energie und Kraft selbst für alltägliche Aufgaben. Wir beobachten, wie wir zunehmend unruhiger, gereizter oder resignierter werden.
Erste Anzeichen machen sich bemerkbar, dass etwas anders ist. Wir benötigen mehr Schlaf als früher, sind abends nicht mehr so lange aktiv, und es fällt uns morgens zunehmend schwerer, aus dem Bett zu kommen. Die Lust, etwas zu unternehmen, nimmt ab. Wir gehen weniger unter Leute, machen nicht mehr so oft Pläne für das Wochenende, weil wir nicht so genau wissen, ob wir, wenn es so weit ist, tatsächlich noch die Energie haben werden, aus dem Haus zu gehen. Der Wunsch nach Alleinsein, Ruhe und Rückzug wird stärker.
Oder das genaue Gegenteil ist der Fall. Wir haben Schwierigkeiten, Schlaf zu finden, liegen nächtelang wach, fühlen uns morgens wie gerädert und werden trotz körperlicher Erschöpfung immer unruhiger. Es drängt uns, unter Leute zu gehen. Jede Aktivität kommt uns gelegen, können wir doch ohnehin nicht ruhen. Der Wunsch nach Ruhe oder der Drang nach Abwechslung, anfangs wissen wir nicht, was hinter diesem Bedürfnis steht. Vielleicht identifizieren wir es noch nicht einmal als solches. Trotzdem spüren wir, dass etwas in uns aus dem Gleichgewicht geraten ist. Dieser eigenartige Zustand ist uns unangenehm. Wir tun alles, um ihn möglichst nicht wahrnehmen zu müssen.
Eine meiner Klientinnen wurde in dieser Phase sehr unternehmungslustig, ging abends immer öfter mit Freundinnen aus, flirtete mit fremden Männern und ließ sich auch auf einen Seitensprung ein. Eine andere begann ihre Wohnung komplett zu renovieren und umzubauen, sodass am Ende nichts mehr wie vorher war. Und wieder eine andere zog sich jedes Wochenende in eine einsame Hütte im Wald ohne Strom und fließend Wasser zurück. Verschiedene Strategien mit nur einem Ziel: Ablenkung. Alles ist recht, um die Aufmerksamkeit, zumindest vorübergehend, woandershin zu lenken. In der Hoffnung, dass diese Phase bald wieder vorübergeht, machen wir weiter wie gewohnt, stürzen uns noch mehr in die Arbeit, machen öfter Sport, belegen einen Abendkurs an der Volkshochschule, treffen Freunde und sind viel unterwegs, obwohl uns eigentlich nicht wirklich danach ist. Die Tage sind voll mit Terminen, für Momente der Ruhe und Stille bleibt keine Zeit. Denn kaum entspannen wir uns, spüren wir wieder dieses undefinierbare und irritierende Gefühl in uns.
Egal, wie hart wir an unserer beruflichen Karriere arbeiten, trotzdem wir gerade eine Familie gegründet oder ein Haus mit Garten gekauft haben, spüren wir tief im Innern, dass all das nicht genug ist. Etwas fehlt. Wir haben vielleicht schon versucht, etwas zu ändern, es aber nicht geschafft. Alte Sorgen, frühere Verletzungen oder tiefe Enttäuschungen wollen uns einfach nicht loslassen und halten uns da fest, wo wir gerade sind. Wagen wir dann endlich eine Veränderung, landen wir oftmals von Neuem in einer ähnlichen Situation wie zuvor. Die gleichen schmerzhaften Erfahrungen scheinen sich stets zu wiederholen. Die Probleme mit den Kollegen oder dem Chef sind im neuen Job wieder da. Die neue Partnerschaft endet letztlich damit, wieder verlassen zu werden. Eine neu begonnene Ausbildung wird schon nach kurzer Zeit abgebrochen, in der festen Überzeugung, es ohnehin nicht zu schaffen.
Die innere Unruhe treibt dazu an, etwas zu verändern. Und weil große Veränderungen so schwer fallen, wir anfangs vielleicht auch gar nicht wahrhaben wollen, dass diese notwendig sind, beginnen wir unser Leben so umzugestalten, dass unser Bedürfnis nach Routine, Sicherheit und Kontinuität möglichst nicht bedroht wird. Die Wohnung zu renovieren lenkt eine Weile ab, ein Fallschirmsprung macht unseren Alltag aufregend, eine Weiterbildung lässt unsere Karrierechancen steigen, mit der Jahreskarte im Fitnessstudio bringen wir wieder mehr Schwung in unser Leben. Mit einem erotischen Abenteuer ebenso. Rastlos suchen wir nach irgendetwas, das die innere Leere füllt und unsere Sehnsucht stillt, ohne zu wissen, wonach wir uns eigentlich sehnen. Bis wir eines Morgens aufwachen, uns im Spiegel betrachten und erkennen, dass der Weg ein anderer ist. Sein muss. In diesem Augenblick sehen wir hinter den vielen Schichten dessen, was wir als Ich wahrnehmen, unser wahres Selbst hervorschimmern. Dies ist der Moment, in dem wir uns das erste Mal fragen: War das schon alles?
Ein Erdbeben, dessen Auswirkungen wir vorerst nur in unserem Inneren spüren, erschüttert unser Leben, macht uns Angst, verunsichert und verwirrt. Noch hoffen wir, dass es sich um eine kurzfristige Unpässlichkeit handelt. Wir gehen weiter unseren gewohnten Weg, schlafwandeln durch den Alltag. Bis jetzt war doch alles in Ordnung. Bis jetzt hat unser Leben uns doch genügt. Wenn wir uns nur immer wieder die guten Seiten bewusst machen, dann werden die inneren Erschütterungen wieder vergehen. Einfach weitermachen und darauf vertrauen, dass der Alltag uns ablenken wird und wir auch diese Phase durchstehen werden.
An manchen Tagen funktioniert diese Strategie besser, an anderen weniger gut. Doch irgendwie schaffen wir es, uns von Tag zu Tag, Woche zu Woche, Jahr zu Jahr zu retten. Wir bekommen unkontrollierbare Heulkrämpfe oder Wutausbrüche, fallen grundlos in tiefe Traurigkeit und ziehen uns mit Zweckoptimismus wieder aus unserem Loch. Wir beginnen immer mehr, an uns selbst und unseren Entscheidungen zu zweifeln, lachen seltener als früher und interessieren uns weniger für Dinge, die uns einst so wichtig waren. Wir funktionieren weiter, zu leben haben wir aufgehört.
Nach außen lassen wir uns nichts anmerken. Wie sollten wir schließlich diesen inneren Zustand anderen erklären, haben wir ihn doch selbst noch nicht richtig erfasst? Wer hat schon Verständnis für unser Unglücklichsein, wenn es uns doch äußerlich an nichts fehlt? Noch dazu, da wir selbst nicht verstehen, was mit uns gerade passiert. Also beißen wir die Zähne zusammen, setzen eine heitere Miene auf und hoffen, dass dieses unangenehme Gefühl wie ein Sommergewitter vorüberzieht.
Verdrängen wir die innere Unzufriedenheit zu lange, versuchen wir, uns davon abzulenken oder sie zu ignorieren, greift irgendwann unsere seelische Führung ein. Bis dahin kann aber viel Zeit vergehen. Mit viel Aktivität im Außen und wenig Zeit für Innenschau gelingt es oft über Jahre, manchen sogar über Jahrzehnte, alle unerwünschten Impulse, Empfindungen und Fragen, die im Inneren auftauchen, zu unterdrücken. Der bewusste Wille scheint mächtiger zu sein als das Wollen der Seele. Über weite Strecken glauben wir felsenfest, dass alles in Ordnung ist und es keinen Grund zur Sorge gibt. Einzig die Tatsache, dass wir uns immer öfter ausgelaugt und erschöpft fühlen, stört ein wenig unsere Illusion vom glücklichen Leben, kostet es doch viel Energie, ständig innere Zustände und Bedürfnisse, bewusst oder unbewusst, zu verleugnen.
Es mag einen Grund oder viele Gründe, einen Anlass oder mehrere Anlässe geben, die zur Umorientierung und Weiterentwicklung bewegen. Sie reißen uns aus der Trance der Routine. Es ist nicht mehr möglich, sich dagegen zu wehren, egal, wie stark unser Wille ist. Wir haben das Gefühl, diese äußeren Ereignisse würden uns völlig aus der Bahn werfen, und übersehen, dass wir schon lange nicht mehr in der Bahn waren.
Plötzliche Wendungen in unserem Leben treffen uns im ersten Moment wie ein Schock. Völlig erstarrt sehen wir anfangs keine Perspektive, wie es weitergehen soll. Warten wir aber erst einmal ab, bis der erste Sturm sich gelegt hat, so können wir allmählich hinter die Kulissen des Offensichtlichen blicken und die Botschaft, die hinter den Ereignissen steht, erkennen. Wir verlieren beispielsweise den Job und damit ein ganzes Stück Sicherheit. Hinzu kommt ein Gefühl der Unzulänglichkeit und der Wertlosigkeit – in einer Gesellschaft, in der Leistung alles ist. Diese Kündigung könnte ein gemeiner Schachzug des Schicksals sein. Oder aber die Chance für eine berufliche Neuorientierung. Es ist unsere Wahl, wie wir den Ereignissen in unserem Leben begegnen.
Gab es da nicht schon lange den Wunsch nach beruflicher Veränderung? Haben wir uns nicht nach einer Aufgabe gesehnt, bei der wir zeigen können, was alles in uns steckt? Träumen wir nicht schon seit Jahren von unserer eigenen kleinen Firma? Gedanken, die in der Vergangenheit immer wieder aufgetaucht sind und möglichst rasch wieder verdrängt wurden.
Bei manchen Ereignissen und Entwicklungen finden wir schnell heraus, wohin das Leben uns führen will. Bei anderen offenbaren sich Sinn und Bedeutung nicht so unmittelbar. Oft vergehen Jahre, bis wir rückblickend erkennen, wozu etwas gut war. Und in manchen Fällen werden wir auch am Ende unseres Daseins noch keine Antwort haben. Letztlich geht es im Leben aber nicht darum, alles mit dem Verstand zu begreifen, auch wenn wir das gerne würden. Tief in unserem Inneren kennen wir die Wahrheit hinter den Dingen und Ereignissen. Ob sie uns bewusst wird, steht auf einem anderen Blatt.
Die Seele möchte wachsen, sich entwickeln und entfalten. Dies kann sie vor allem dann, wenn Umstände dazu zwingen, uns mit unseren Ängsten auseinanderzusetzen. Erst wenn wir an Grenzen geraten, können wir die Erfahrung machen, wie wir diese kraft unserer essenziellen Energie überschreiten. Wir lernen aus diesen Erfahrungen, gewinnen Stärke und Selbstvertrauen, kommen in Verbindung mit dem großen Potenzial in uns, das viel zu oft brach liegt. Auf diese Weise sammeln wir Mut für den weiteren Weg. Auch wenn uns das in jenen Momenten oft nicht bewusst ist.
Es liegt an uns, ob wir Rückschläge und Enttäuschungen als persönliche Demütigungen oder als Aufforderung betrachten, einen neuen Weg einzuschlagen. Verlässt uns der Partner oder die Partnerin, können wir uns ungeliebt fühlen und in Selbstmitleid baden oder es als eine Einladung sehen, endlich zu lernen, uns selbst zu lieben. Eine schwere Krankheit kann zur totalen Resignation führen, oder wir wachsen an der Erfahrung und nutzen die Phase eingeschränkter Leistungsfähigkeit, um unsere Lebensweise zu überdenken.
Silvia, eine Kollegin von mir, hatte vor einigen Jahren einen schweren Autounfall. Ein Reifen platzte bei mehr als 100 km/h auf der Autobahn. Sie verbrachte fast zwei Monate im Krankenhaus und musste danach mehrere Monate in eine Rehabilitationsklinik. Sie war Alleinerzieherin von drei Kindern, arbeitete als Sozialpädagogin und versuchte sich nebenbei ein Standbein als Lebensberaterin aufzubauen. Der Vater der drei Kinder war schon vor Jahren samt Sekretärin nach Mallorca ausgewandert und weigerte sich, den vollen Unterhalt zu zahlen. Ihr neuer Partner war zwar sehr liebevoll, drückte sich aber prinzipiell vor jeder Verantwortung und Verpflichtung. Sie kümmerte sich um alles alleine und versuchte den Kindern nicht nur Mutter zu sein, sondern auch den Vater zu ersetzen. Alle Aufgaben im Haushalt erledigte sie selbst, daneben spielte sie Chauffeurin für die Kinder, brachte sie zu Freunden, holte sie vom Musikunterricht ab oder fuhr sie zur Tanzstunde. Danach ging sie noch mit dem Hund spazieren. Ihr Leben bestand ausschließlich darin, sich um andere zu kümmern und für andere da zu sein. Sie selbst blieb dabei völlig auf der Strecke. Am Ende leider im wahrsten Sinne des Wortes, nachdem sich ihr Wagen zweimal überschlagen hatte und im Straßengraben liegen blieb.
Der Unfall zwang sie, sich, aber auch ihr Umfeld zu ändern. Sie konnte über lange Zeit keine einzige ihrer Pflichten erfüllen. Im Gegenteil, sie war auf die Hilfe anderer angewiesen. Sie begann ihr Leben zu reflektieren, beendete die Beziehung zu einem Mann, der nur auf der Sonnenseite des Lebens leben wollte, und forderte mehr Unterstützung und Selbstständigkeit von ihren Kindern, die teilweise ja schon fast erwachsen waren. Und weil sie gar keine andere Wahl hatte, lernte sie endlich auch, Freunde und Familie um Hilfe zu bitten. Heute sieht ihr Leben völlig anders aus. Sie ist nach eigener Aussage dankbar für die Lektion, die ihr das Leben erteilte. Im Nachhinein erkannte sie, dass es bereits vor dem Unfall viele Anzeichen für die Notwendigkeit eines Richtungswechsels gegeben hatte. Sie missachtete sie aber stets.
Das ist sicher ein sehr drastisches Beispiel. Meist kommen die Impulse nicht mit einer solchen Wucht auf uns zu. Doch alle Krisen, Schicksalsschläge und Enttäuschungen haben eines gemeinsam: Sie sind Hinweise unserer Seele, dass etwas in unserem Leben nicht so läuft, wie es uns entspricht. Wenn wir nicht gezwungen werden, beginnen wir die Reise zu uns selbst oft gar nicht erst. Nicht bei Sonnenschein machen wir uns auf den Weg, sondern wenn es regnet. Solange alles in freundlichem Licht erstrahlt, denken wir, dass das Leben schon fix und fertig ist. Alles ist, wie es sein soll. Und am besten verändert sich nichts. Der Sinn unseres Lebens liegt aber nicht darin, es sich bequem zu machen und zu warten, bis die Zeit auf Erden abgelaufen ist. Deshalb scheint die Sonne nicht auf Dauer. Sie verschwindet aber auch nie dauerhaft. Und wie herrlich ist es, nach ein paar Regentagen die Sonnenstrahlen zu genießen.
Wenn die Seele den Aufbruch einleitet
Wer sich auf den Weg machen will, braucht Bereitschaft, Wille und Mut. Vor allem aber Vertrauen, dass, was immer entlang des Weges wartet, eine wichtige und wertvolle Erfahrung ist, die uns wieder ein Stück näher zum wahren Selbst bringt. Gerade dann, wenn wir meinen, keine Zeit und Energie für Veränderungen zu haben, ist der beste Zeitpunkt zu beginnen. Wenn wir in Umständen gelandet sind, die uns an unsere Grenzen gebracht, unsere Sicht auf die Welt erschüttert und uns klar und deutlich zu verstehen gegeben haben, dass es so, wie es war, nie wieder sein würde. Dann ist der Zeitpunkt des Aufbruchs gekommen.
Der Wunsch der Seele nach einem deutlichen Richtungswechsel zeigt sich zuerst im Inneren. Am Anfang steht ein Gefühl. Ohnmacht, Überforderung, Frustration, Wut, Unruhe, Traurigkeit oder Leere, sie alle können eine innere Krise auslösen, die völlig unabhängig von äußeren Gegebenheiten allein auf eine Spannung zwischen dem Wollen der Seele und unserem bewussten Willen zurückzuführen ist. Alles, was vorher sicher erschien, ist nicht mehr sicher. Alles, was vorher klar war, ist nicht mehr klar. Eine innere Veränderung wird eingeleitet, die dazu führt, dass wir nicht mehr die sind, die wir waren. Wir beginnen anders zu denken, eine neue Sichtweise auf die Welt zu entwickeln, Bedürfnisse ändern sich, unsere Ziele sind nicht mehr dieselben wie vorher.
Solche inneren Prozesse vollziehen sich nie ohne Grund. Sie kommen dann in Gang, wenn wir zu weit von unserem Weg abgekommen sind, uns zu weit von unserer eigentlichen Bestimmung entfernt haben. Sie weisen uns darauf hin, dass der Zeitpunkt des Wandels gekommen ist. Auch wenn wir anfangs nicht erkennen, wo er uns hinführen wird.
Wenn unser Leben uns nicht mehr genügt, etwas Wesentliches fehlt, wir den Boden unter den Füßen zu verlieren drohen, dann kann dies der Anfang einer lebenslangen Reise sein. Sie beginnt vielleicht mit einem Buch, das uns zufällig in die Hände fällt. Wir begegnen einem Menschen, der etwas in uns bewegt. Wir stolpern über eine Vortragsankündigung, gehen hin, obwohl wir eigentlich etwas anderes vorhatten. Wir werden von etwas angezogen. Wir werden geführt. Diese Führung geschieht auf vielfältige Art und Weise, in den verschiedensten Situationen, an den unterschiedlichsten Orten, wenn wir alleine oder umgeben von Menschen sind, und uns doch alleine fühlen. Eine Sehnsucht ist erwacht. Wir erkennen, dass wir nicht länger dort bleiben können, wo wir gerade sind.
Vor einer Antwort steht eine Frage
Am Beginn des Weges, noch vor der Entscheidung, das Abenteuer der Reise zu wagen, steht eine Frage. Meist ist sie nur der Anfang einer ganzen Flut an Fragen, die uns im Laufe der Reise begleiten werden. Fragen ermutigen uns aufzubrechen. Sie treiben uns voran und laden gleichzeitig dazu ein innezuhalten. Sie bringen in Kontakt mit unserem wahren Wesenskern. Sie weisen uns die Richtung.
Wir müssen fragen, um zu erfahren, wohin der Weg führt. Wir müssen fragen, um zu wissen, wie er weitergeht. Wer fragt, wird Hinweise für den nächsten Schritt bekommen. Nur wer fragt, bekommt Antworten. Genau diese Antworten sind für viele der Grund, weshalb sie erst gar nicht wagen zu fragen. Aus Angst vor der Wahrheit hüllen sie sich lieber in den Schleier der Unwissenheit, des Verleugnens, der Selbsttäuschung. Wer nicht fragt, muss auch nicht fürchten, dass die Antworten das eigene Leben für immer verändern könnten. Wir haben immer die Wahl, uns die Fragen bewusst zu stellen oder sie weiterhin im Unbewussten unter Verschluss zu halten. Dann sind wir weiter im Blindflug unterwegs. Nicht glücklich, aber vertraut. Nicht lebendig, aber sicher. Nicht erfüllt, aber bequem.
Die blanke Angst vor dem, was passieren könnte, nachdem die erste Frage gestellt und die erste Antwort gefunden wurde, führt dazu, dass wir uns das Fragenstellen von vornherein verbieten. Niemand gesteht sich diese Angst gerne ein. Sie ist unangenehm, und sie verunsichert. Wir versuchen alles, um sie zu vermeiden. Da das meist nicht so gut funktioniert, lautet die nächste Strategie, sie zu verdrängen, einen Weg zu finden, uns von ihr abzulenken, bis wir tatsächlich meinen, keine Angst mehr zu haben. Wir geben nicht zu, dass wir die Antworten nicht hören wollen. Stattdessen behaupten wir, keine Fragen zu haben. Gelingt es den Fragen dennoch, so weit in unser Bewusstsein vorzudringen, dass es nicht mehr möglich ist, sie zu ignorieren, beginnen wir nach Gründen zu suchen, weshalb wir sie nicht beantworten können. Und Gründe finden wir viele. Die Verpflichtungen, die wir glauben zu haben, Menschen, die wir nicht im Stich lassen dürfen, Loyalität zu übernommenen Werten oder die Überzeugung, dass es uns nicht zusteht, diese Fragen überhaupt zu stellen.
Fragen führen nicht nur zu Antworten, sie versetzen vor allem in einen Zustand der Offenheit. Diese Offenheit ist eine wichtige Voraussetzung, um die Hinweise unserer inneren Führung überhaupt wahrnehmen zu können. Wir brauchen die Bereitschaft, uns unvoreingenommen und erwartungslos auf die Fragen und Antworten einzulassen. Eine solche Haltung der Offenheit ist dann möglich, wenn wir aus altbewährten Denkweisen, gewohnten Reaktionsmustern und automatisierten Handlungsabläufen ausbrechen und Verstand und Herz für neue Impulse aufmachen. Viel zu oft neigen wir dazu, uns geistig und emotional einzumauern, nur jene Gedanken und Gefühle zuzulassen, die in unser gewohntes Schema passen. Anstatt neue Pfade zu beschreiten, bewegen wir uns mit unserem Denken und Fühlen im Kreis – und wundern uns, wenn wir immer wieder dieselben Erfahrungen machen, in denselben Situationen, bei denselben Menschen landen. Beginnen wir mit offener Neugier nach Antworten zu suchen, eröffnet sich uns ein breites Feld an Einsichten und Erkenntnissen, die wichtige Wegweiser für unsere weitere Lebensreise sein können.
Warum passiert mir das? Was ist der Sinn? Warum fühle ich mich so leer? Was macht mich unzufrieden? Was ist der Grund für meine Unruhe? Bin das wirklich ich? Was erwarte ich vom Leben? Was soll ich tun? Wie geht es weiter?
Es gibt viele Fragen, die sich am Beginn des Weges stellen. Sie tauchen als Gedanken auf dem Heimweg von der Arbeit auf, als Eingebung während des Geschirrspülens oder als Geistesblitz unter der Dusche. Eines Tages überwältigen sie uns, stürzen uns in einen Zustand der Verzweiflung oder begleiten uns, verborgen im Innersten, über Jahre durchs Leben. So oder so lassen sie uns nie wieder los.
Die Suche nach Antworten
Die ersten Veränderungsimpulse scheinen oft banal: neue Frisur, neues Hobby, neues Auto. Vielleicht entscheiden wir uns darüber hinaus für einen neuen Wohnsitz, einen neuen Job, einen neuen Partner. Einige dieser Veränderungen können uns einen Schritt in die richtige Richtung bringen, andere lenken nur vom eigentlichen Weg ab. Dennoch ist es gut und wichtig, diesen Impulsen nachzugehen. Nur so können wir uns ausprobieren und sehen, was passiert. Wir sind in Bewegung gekommen.
Manche Menschen versuchen aber auch gar nicht erst etwas zu ändern. Sie geben lieber den Umständen die Schuld dafür, dass ihr Leben nicht so ist, wie sie es gerne hätten. Die Verantwortung für das eigene Leben an andere oder äußere Gegebenheiten abzuschieben, bringt kurzfristig ein Gefühl der Erleichterung, glücklicher macht es aber nicht. Wer langfristig mehr Sinn und Erfüllung in seinem Leben finden will, wird nicht darum herumkommen, einen Blick in die eigene Innenwelt zu riskieren. Wie intensiv haben wir uns bisher ehrlich und über längere Zeit mit unseren Bedürfnissen, Sehnsüchten und Zielen beschäftigt? Wie oft haben wir bisher die wahre Motivation hinter unseren Wünschen und Plänen hinterfragt, bevor wir begonnen haben, viel Zeit und Energie in deren Umsetzung zu stecken?
Die äußeren Lebensumstände spiegeln meist nur das wider, was wir in uns tragen. Und das ist eine ganze Menge. Vor allem tragen wir ein Bild in uns, wie wir glauben sein und uns verhalten zu müssen. Mit unserer seelischen Essenz hat diese Vorstellung von dem, wer wir sind und was wir wollen, oft nur wenig gemeinsam. Trotzdem übt dieses verzerrte Bild von uns selbst einen entscheidenden Einfluss darauf aus, wie wir unser Leben gestalten. Es ist die Wurzel vieler Erfahrungen, die wir im Laufe der Zeit machen. Diese falsche, von außen geprägte und nicht unserem seelischen Kern entsprechende Persönlichkeit zu erkennen und die damit verbundene Lebensgestaltung zu hinterfragen, ist ein entscheidender Schritt, um den individuellen Weg zu finden und zu gehen.
Laura, eine sehr gute Freundin von mir, litt darunter, dass sie immer wieder Beziehungen zu Männern hatte, die sich nie voll und ganz auf die Partnerschaft einlassen wollten. Die Beziehungen dauerten zwar meist mehrere Jahre, blieben aber auf eine gewisse Art unverbindlich. Ihr Wunsch nach einem Zusammenleben, nach Heirat und vielleicht auch Kindern wurde nie erfüllt. An dem Punkt, an dem sie ihren Wunsch äußerte, endeten in der Regel die Beziehungen. Sie fragte sich, weshalb es ihr nie gelang, einen Mann zu finden, der bereit war, mit ihr den ganzen Weg zu gehen. Im Rahmen einer Therapie erkannte sie, dass es einen Teil von ihr gab, der felsenfest davon überzeugt war, nicht liebenswert und für andere Menschen nur eine Belastung zu sein. Dieser Teil wurde umso unsicherer, je näher ihr ein anderer Mensch kam. Um diesen Teil zu verstecken, sandte sie unbewusst die Botschaft aus: »Bis hierher und nicht weiter.« Unbewusst suchte sie daher Partner, die ebenso wenig bereit waren, sich voll und ganz auf sie einzulassen, wie sie es umgekehrt war. Denn hätte sie einen anderen Menschen wirklich nah an sich herangelassen, hätte er auch diesen Teil von ihr kennengelernt. Und das versuchte sie, wenn auch nicht bewusst, zu vermeiden. In der Therapie begann sie, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen – ein nicht immer leichter Prozess. Doch er hat sich gelohnt. Mittlerweile ist sie seit drei Jahren glücklich verheiratet.
Lassen wir die Fragen in unserem Inneren zu, zeigen wir die Bereitschaft, mit unserer Seele in Kontakt zu kommen. Die Seele ist dabei die Kraft, die nach und nach jene Themen an die Oberfläche unseres Bewusstseins spült, die noch nicht gelöst sind, die noch einmal (oder vielleicht das erste Mal) angesehen werden wollen. Im persönlichen Empfinden mögen solche inneren Wellen wie eine Flutwelle erscheinen, in der wir manchmal das Gefühl haben zu ertrinken. So gewaltig uns der Tsunami auch erscheinen mag, wir können darauf vertrauen, dass unsere seelische Führung genau weiß, was sie uns zumuten kann. Denn sie kennt unser gesamtes Potenzial und möchte uns unterstützen, dieses ebenfalls zu erkennen und zu leben.
Fragen zulassen
