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»Zu viel und trotzdem zu wenig« kennzeichnet in diesem Buch das Aufwachsen der Baby-Boomer als Post-Wirtschaftswunder-Generation. Deren Eltern, die Kriegskinder, waren oft mit sich selbst beschäftigt und damit, ihren gesellschaftlichen Status zu behaupten. Sie hatten einen Blick für Neuanschaffungen, nicht aber für unsere kindlichen Bedürfnisse, und so waren wir häufig uns selbst überlassen. - Was aber auch Vorteile hatte. Im März 2020 rief die Bürgerakademie für Kommunikation mit »Schreiben hilft! Dir auch?« zu einem Wettbewerb auf, an dem sich etwa 4000 Einsendungen beteiligten. Diese Lebenserinnerungen, darunter auch die 17 Geschichten in diesem Band, fragen danach, was uns geprägt hat, welche Wünsche und Sehnsüchte wir hatten und was davon geblieben ist. Isa Tschierschke findet, es reicht nicht, alleine im Arbeitszimmer der eigenen Kindheit zwischen Prilblumen und Telefonzellen hinterherzuhängen und längst Vergessenes zu bergen. Nicht nur Schreiben hilft, sondern Veröffentlichen. Wir sollten einander wieder mehr von unseren Leben erzählen!
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Seitenzahl: 145
Veröffentlichungsjahr: 2022
Isa Tschierschke
War ich das?
Geschichten vom Großwerden
Copyright: © 2022 Isa Tschierschke
Lektorat: Martina Takacs – www.dualect.de
Satz: Erik Kinting – www.buchlektorat.net
Coverdesign und Umschlaggestaltung:
Florin Sayer-Gabor – www.100covers4you.com
unter Verwendung eines Fotos von Armin Tschierschke
Verlag und Druck:
tredition GmbH
Halenreie 40-44
22359 Hamburg
Softcover
978-3-347-59899-7
Hardcover
978-3-347-59900-0
E-Book
978-3-347-59901-7
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und der Autorin unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Für Frederick
Inhalt
Die Workshops und ihre Kapitel
Kapitel 1: Spring doch!(Schreib über eine Prüfung)
Kapitel 2: Die Kopfschmerz-Unterführung(Schreib über ein Hausmittel)
Kapitel 3: Frau Nimmersatt geb. Raupe(Erinnere dich an ein Kinderbuch)
Kapitel 4: Mutti braucht ganz wenig(Schreib über das Essen in deiner Kindheit)
Kapitel 5: War ich das?(Schreib über deinen ersten Schwarm)
Kapitel 6: Für die Ewigkeit(Geh durch die Wohnung deiner Kindheit)
Kapitel 7: Wie Saphire(Schreib über deinen ersten Lieblingssong)
Kapitel 8: Mein Spaghettiverhältnis(Schreib über deinen Körper)
Kapitel 9: … gefährdet Ihre Ehrlichkeit …(Schreib über deine Lügen)
Kapitel 10: Im Objektiv(Schreib über dich in der dritten Person)
Kapitel 11: Gräber und Küchen(Schreib übers Sterben)
Kapitel 12: Mantra Mantra(Schreib über deine Sucht)
Kapitel 13: Bis aufs Blut(Schreib über deine Haut)
Kapitel 14: Ich war blond(Schreib über das erste Mal)
Kapitel 15: Oui?(Schreib über eine Hochzeit)
Kapitel 16: Meine Vision von Erfolg(Schreib über ein Kind)
Kapitel 17: Das Rote Nein(Schreib über dein Elternhaus)
Nachwort
Die Autorin
Verwendete Quellen
Einleitung
Wettbewerb der Erinnerungen
Es gibt kein Ziel ohne Klarheit darüber, von wo aus man aufgebrochen ist, und keine Zukunft ohne eine deutbare Version der Vergangenheit.
– Ilja Leonard Pfeijffer, Grand Hotel Europa
Memoir boomt. Um die 4.000 Einsendungen gab es 2020 beim Wettbewerb der Bürgerakademie für Kommunikation und des Deutschen Volkshochschulverbandes. Schreiben hilft! Dir auch? hieß der Workshop unter der Federführung von Doris Dörrie, die mit ihrem Bestseller Leben, Schreiben, Atmen eine regelrechte Schreibbewegung in Deutschland losgetreten hat. Memoir, nicht zu verwechseln mit Memoiren, also der traditionellen Autobiografie, ist die literarische Aufarbeitung von markanten Einzelerinnerungen. Berichtet werden ausgewählte Kabinettstückchen und Heldengeschichten, von denen jedes Leben randvoll ist. Wahrscheinlich ist die Dunkelziffer der Wettbewerbsteilnehmer, die ihre Texte letztendlich doch nicht einreichten, noch einmal um ein Vielfaches höher. Denn viele Menschen hierzulande sind der Meinung, ihr Leben sei zu unbedeutend, um erzählt zu werden.
Daher ist es hilfreich, dass prominente Autorinnen sich mit ihren Veröffentlichungen in letzter Zeit verstärkt Alltagsthemen wie Essen (Die Welt auf dem Teller von Doris Dörrie), Kleidung (Männer in Kamelhaarmänteln von Elke Heidenreich) oder Lesen (Hier geht’s lang!, auch von Elke Heidenreich) widmen. Diese literarisierten Lebenserinnerungen verorten uns gemeinsam in der Kulturgeschichte unserer Gesellschaft und ermuntern uns zu einer Aufwertung der eigenen Lebenserfahrung.
In dem Essay Surviving the Ordinary: Why We Need Memoirs of Regular Lives beschreibt Mary Philpott die Notwendigkeit, einander vom eigenen Leben zu berichten. Solche „relatable” (nachvollziehbaren) Texte versprechen eine Art Heimatgefühl und bieten vor allem den Vertretern derselben Generation viele Anlässe, mit den eigenen Erfahrungen anzudocken.
Dieses Format des Memoir verlangten auch die Aufgaben der Workshops zu Schreiben hilft! Dir auch?. Drei Wettbewerbsbeiträge in diesem E-Book schafften es in den geplanten Sammelband der Bürgerakademie.
Damit habe ich also auch gewonnen. Habe mich, wie man so schön sagt, „durchgesetzt“. Am meisten wohl gegen mich selbst. Schreiben ist viel schwieriger als Nichtschreiben. Ich bewundere die Schriftstellerinnen, tot oder lebend, erfolglos oder erfolgreich, die von sich sagen, dass sie ohne Schreiben nicht leben könnten. Ich kann sehr gut ohne Schreiben leben. Ich brauche das nicht jeden Tag, wenn ich ehrlich bin.
Außerdem steht es uns gar nicht zu, dieses ständige Schreiben. Denn es verbraucht die Energie, die wir anderen zur Verfügung stellen sollten – einem Arbeitgeber oder der Familie oder wenigstens dem Ehrenamt. Wir kümmern uns um erwachsene Kinder, die uns gar nicht mehr brauchen, Eltern, um die sich auch mal andere sorgen könnten oder um Geflüchtete – irgendwen, um ja nicht das eigene Elend ausleuchten zu müssen.
Sich für diesen Wettbewerb schreibend zu erinnern, war manchmal schmerzhaft. Es ziepte wie beim Kämmen. Und zwar mühseligem Kämmen von nassen, verklebten Haaren nach einem Tag im Freibad oder einer durchschwitzten Nacht. Die Erinnerungssträhnen klumpen zusammen, können nicht getrennt werden, und wenn es dann doch gelingt, dann nicht, ohne dass einige für immer ausgerissen werden.
Man wählt den grobzinkigsten Kamm, den man finden kann, und beginnt an den Spitzen. Ausgerechnet bei dem, was am längsten her ist. Das tut zwar auch weh, aber so ist es noch am verträglichsten. Wenn die ältesten Nester erst einmal beseitigt sind, ist der Rest viel leichter zu bürsten. Die Strähnen legen sich dann willig nebeneinander in die Form, die wir ihnen geben oder die sie von Natur aus schon immer haben wollten. Das dauert natürlich. Memoir ist nichts für Eilige.
Welch ein Glück, in einem Alter zu sein, in dem man sich selbst kämmen kann! Vorbei die Tage, an denen Mutter hektisch mit den Wildschweinborsten durch die Nester pflügte, sodass wir unter Schmerzen protestierten. „Muss sein“, hieß es dann. Und noch nicht da die Tage, wo die Pflegekraft die letzten schlappen Strähnchen unbedingt in Form rechen muss wie einen japanischen Meditationsgarten, weil sie diesen Posten von zwei Minuten sonst nicht mit der Krankenkasse abrechnen kann. „Muuhs sein“, wird es dann wieder heißen, aber noch ist es ja nicht so weit. Noch können wir mit den Strähnen unserer Erinnerungen verfahren, wie es uns beliebt. Wir können mit Freundinnen wetten, dass wir aufhören werden, sie zu färben, und schauen, wer in einem Jahr grauer sein wird als die andere. Oder dass wir uns eine Glatze rasieren lassen, wenn etwas Bestimmtes geschieht oder ausbleibt. Oder umgekehrt, die Haare nie wieder waschen und schneiden und sie als Rastakrone auf dem Scheitelchakra balancieren. Das Einzige, was „muss“, ist, sich jeden Tag aufs Neue zu entscheiden, was mit dem ganzen Zeug auf unserem Kopf geschehen soll.
Zunächst schreiben wir Memoir für uns selbst. Die Selbstaneignung der eigenen Geschichte festigt unsere Biografie – übrigens auch die zukünftige. Wir nehmen noch einmal Platz in unserem Leben und der Gesellschaft. Wenn man sich die Heldengeschichten durchliest, die entstehen, die Kämpfe, die ausgefochten, und die Schlachten, die eigentlich irgendwie doch alle gewonnen wurden, bekommt man so etwas wie Ehrfurcht vor dem, was man erlebt hat. Für ein paar wichtige Momente im Leben ist man tatsächlich über sich hinausgewachsen oder hat sich eben geweigert. Auf jeden Fall lohnt es sich, davon zu erzählen.
Wenn wir die Scheinwerfer schreibend auf uns selbst richten, sehen wir nicht nur unsere Geschichte in neuem Licht, sondern auch unsere Umgebung und ihre Beteiligung daran. Eine Anmaßung droht, denn anderer Leute Erinnerungen müssen zwangsläufig mit erzählt werden.
Erica Jong sagte dazu in einem Spiegel-Interview: „Keine Familie mag einen Geschichtenerzähler in ihrer Mitte. Im Grunde hassen sie es. Meine Tochter liest meine Bücher gar nicht erst.“
Aber warum sollte überhaupt jemand lesen, was wir geschrieben haben? Warum überhaupt veröffentlichen? Falls man die eigene Eitelkeit in Verdacht hat (ein Gedanke, den wirklich eitle Menschen gar nicht zulassen), sollte man Nobody Wants to Read Your Sh*t lesen.
Steven Pressfield, der sich der Professionalisierung des Amateur-Autorentums verschrieben hat, erklärt darin, wie man die eigenen Erinnerungen so bearbeitet, dass sie fürs Publikum lesenswert werden.
So wie das Neugeborene versucht, sich in den Mienen seiner Umgebung zu spiegeln, irrt der Blick neugeborener Autoren in der Leserschaft umher auf der Suche nach der Antwort auf die immer gleichen Fragen: „Wer bin ich?“ und natürlich „Bin ich gut?“
Meistens kommt zunächst gar keine Antwort, weil nicht nur jede Familie, sondern jede Gesellschaft ihre eigenen Chronisten erst mal so lange wie möglich ignoriert. An diesem Punkt angekommen rennen Autorinnen (und hier sind es wirklich fast nur Frauen) dann gern in Seminare für autobiografisches Schreiben, wo sie gegen teures Geld beigebracht bekommen, was sie schon längst können. Die billigere, einfache Wahrheit ist: Memoir ist nichts für Eitle. Denn solange sie vom Ego getrieben werden, das auf die Reaktion von Familie und Freunden schielt, sträuben sich Texte dagegen, überhaupt Literatur zu werden.
Um dieses Phänomen zu umgehen, riet Philip Roth einst dem jungen Ian McEwan: You’ve got to write as if your parents are dead. Es ist gar nicht so ungünstig, wenn dem tatsächlich so ist. Man genießt ein Maß an Ungestörtheit, von dem jüngere Memoiristen nur träumen können.
Allerdings schnappt dann gleich die nächste Falle zu: Verklärung. Wenn Sie Philip Roths Rat befolgen und trotzdem immer noch der Meinung sind, dass Sie eine glückliche Kindheit hatten, dann freuen Sie sich darüber und wenden Sie sich anderen Dingen als dem Schreiben zu. Verschonen Sie Ihre Leserschaft mit Schilderungen davon, wie wunderbar Ihre Eltern waren und wie dankbar Sie ihnen sind. Nobody wants to read your sh*t! Wenn Sie eine unglückliche Kindheit hatten, dann gehen Sie in Therapie und verschonen Sie Ihre Leserschaft mit Schilderungen davon, wie ungerecht und grausam Ihre Eltern waren. Nobody …
„Aber ich muss doch endlich die Wahrheit erzählen“, lautet dann unweigerlich der Einwand vieler Neu-Autorinnen. Immer schwebt die alte Kinderfrage über dem Projekt: „Ist das in echt passiert?“
Oft geht es um ganz simple Details, bei denen die Autorin denkt: „Darf ich das so schreiben?“ Ein Beispiel: der Garten bei Nita in Spring doch!. Ich beschreibe ihn als unordentlich, habe aber in Wirklichkeit keine Ahnung mehr, ob er unordentlich war. Wahrscheinlich nicht. Ich kannte damals keine Familien, die sich trauten, nach außen sichtbar unordentlich zu sein. Aber es passt zu meiner Erinnerung an ihre Frisur. Und deswegen erlaube ich mir dieses Detail. Wahr ist die Geschichte trotzdem immer noch. Die Wirklichkeit, die sich hinter unseren Alltagserlebnissen verbirgt, ist etwas viel Größeres (und Gefährlicheres) als solche Einzelheiten, weshalb sie gern gleich ganz umgangen wird (s. Nichtschreiben) oder frisiert wird mit superpräzisen Schilderungen von Einzelheiten, die der objektiven Wahrnehmung aller Beteiligten entsprechen und wunderbar Hunderte von Seiten lang von den eigentlichen großen Themen ablenken.
Aber beim Schreiben nicht ehrlich zu sich selbst zu sein, ist wie bei der Jagd absichtlich danebenzuschießen. Manchmal gibt es ja gute Gründe, das zu tun, um Beteiligte und Schaulustige zu schonen, aber Memoir will nicht schonen. Schreiben ist Selbstermächtigung, kraftvolles Durchkämmen der Erinnerung und nichts für Zimperliche.
Isa Tschierschke, Juli 2021
1 Spring doch!
(Schreib über eine Prüfung)
In der dritten Klasse sammelte jeder irgendetwas: Bierdeckel, Kronkorken, ausländisches Geld, Einträge ins Poesiealbum. Nichts davon interessierte mich besonders lange. Stattdessen fing ich an, anderer Leute Geschichten zu sammeln. Ursprünglich deswegen, weil ich ein Feigling bin.
Im Frühjahr 1973 entdeckte ich, dass meine Klassenkameradin Anita eine olympische Goldmedaille hatte. Sie konnte schneller rennen als der schnellste Junge der Klasse, schaffte im Weitsprung schon mehr als vier Meter und tauchte so lange, dass der Schwimmlehrer eines Tages selbst ins Becken springen wollte, um sie zu retten. Er wusste noch nicht, dass sie ein geborener Champion war.
Ihre Kurzhaarfrisur hatte eine undefinierbare Farbe zwischen Dunkelblond und Hellbraun und folgte keinem erkennbaren Schnitt. Auf den ersten Blick sah sie wie ein Junge aus. „Anita klingt blöd. Nennt mich Nita“, ordnete sie damals an, und jeder hielt sich ab sofort daran.
Sie hatte einige Monate zuvor ein Auge verloren und trug manchmal eine schwarze Piratenklappe, sodass sie noch verwegener wirkte. Meistens aber trug sie ihr Glasauge. Das nahm sie ab und zu mitten im Unterricht heraus und fing an, es zu reinigen. Sie verwendete dazu ihre eigene Spucke und die Finger oder steckte die Glaskugel einfach zum Anfeuchten in den Mund und lutschte auf ihr herum. Dann starrten wir auf ihre leere, hellrote Augenhöhle, an deren Rändern sich etwas gelbweißer Schleim gebildet hatte. Aber als es zur Gewohnheit wurde, guckten wir gar nicht mehr hin.
Ich war neu in der Klasse, und Nita schien noch keine enge Freundin zu haben. So verabredeten wir uns eines Nachmittags bei ihr zu Hause.
Es war einer der ersten schönen Tage im April, und wir konnten endlich einen Rock und Kniestrümpfe anziehen. Nicht dass wir gern Röcke trugen, aber unsere Beine brauchten nach den Winterstrumpfhosen endlich wieder frische Luft.
Nitas Eltern hatten für sie eine Schaukel in dem großen Garten aufgestellt, der etwas unordentlich aussah. Beide Eltern arbeiteten wahrscheinlich den ganzen Tag, und man konnte sehen, dass die Wildrosenhecke und die Stachelbeersträucher schon lange sich selbst überlassen wurden. Ihre struppige Formlosigkeit erinnerte an Nitas Frisur.
Sie fand das Schaukeln nicht so spannend, aber ich liebte es. Ständig vor und zurück zu gehen und dabei kein Stück voranzukommen, störte mich damals noch gar nicht. Wir dachten uns ein Spiel aus, bei dem sie mir Wörter zurief und ich eine Geschichte dazu erfinden musste. Nita rief „Luft“, und ich erzählte von einem Flugzeugabsturz. Bei „Sonne“ erfand ich einen alten Mann in Spanien, der einen Hitzschlag bekommt und im Wahn seine Katze umbringt, weil er sie für einen schwarzen Panther hält. Als ich bei „Regen“ von einem Siebenjährigen fantasierte, der sich bei einer Überschwemmung in Florida an einem Alligator festhält, wurde sie unruhig.
„Florida? Wo soll das denn sein? Soll ich dir mal was zeigen?“ Sie lief ins Haus und holte die Medaille. Als sie mir das blaue Futteral mit der Goldmünze in der Mitte hinhielt, stoppte ich sofort die Schaukel. Sie nahm die Medaille heraus und zeigte mir die Rückseite. Eine große, schlanke Frau in einem Ballkleid hielt – den rechten Arm wie eine Balletttänzerin erhoben – einen Lorbeerkranz über ihre Hochsteckfrisur, die genauso aussah wie die meiner Mutter. Daneben: das Logo des Ölkonzerns, der die goldenen Plastikmedaillen 1972 zur Olympiade in München als Sammleredition herausgegeben hatte. Nita besaß die ganze Serie mit Plastikhaltern in fünfzehn Farben, aber mir gefiel nur das Dunkelblau, weil es so schön zu dem Gold passte. Ich wollte keine Sammlung haben, aber ich wollte die dunkelblaue Olympiamedaille von Aral.
Nita freute sich über mein plötzliches Interesse. Sie lächelte geheimnisvoll und legte die Plastikmedaille einige Meter von der Schaukel entfernt auf die Wiese hinter dem Gartenzaun. Dann kam die Aufgabe: „Wenn du beim Schaukeln am höchsten Punkt bist, lässt du los, springst über den Zaun und landest im anderen Garten. Wenn du das machst, schenk ich sie dir.“
Nita kannte meine Zurückhaltung beim Sport. Mein ständiges Zaudern, wenn wir am Stufenbarren irgendetwas kopfüber machen sollten. Oder dass ich beim Rennen immer auf die Läuferin neben mir schielte und langsamer wurde, sobald diese zurückfiel. Jetzt verlangte sie von mir, dass ich mich endlich einmal überwand für etwas, das ich dringend haben wollte. In meinem Kopf ging ich die Bewegung durch: Ich schaukelte, ließ am höchsten Punkt los, segelte über den Zaun mit der Rosenhecke und landete auf der anderen Seite, wobei ich mir den Knöchel verstauchte, umkippte, mir den Kopf anschlug und heftig blutete. Ich schauderte.
Nita musste meine Gedanken erraten haben. „Kann doch gar nichts passieren. Der Zaun ist total niedrig.“ Damit, so dachte sie wohl, müsse nun alles in Ordnung sein. Wie eine Riesenkrähe hockte sie auf dem Hochreck neben der Schaukel. Und wartete.
Da war sie wieder: die lähmende Gewissheit, dass ich mich nicht würde überwinden können. Dass ich nicht das tun würde, was jemand von mir erwartete. Vielleicht ahnte ich auch damals schon, was ich heute weiß. Dass nämlich mein Nichtspringen von Nitas Schaukel der Anfang einer langen, traurigen Reihe von Nicht-Sprüngen sein würde.
Die Angst wanderte von meinen Knien in Richtung Kehle wie Kohlensäurebläschen in der Sprudelflasche, wenn man sie zu schnell öffnet. Als die Angstbläschen in meinem Kopf ankamen und zu Scham zerplatzten, hatte ich eine Idee. Ich machte es mir besonders umständlich bequem, guckte zu Nita hoch und sagte: „Jetzt erzähl du doch erst mal, wie das mit deinem Auge passiert ist.“
Und das tat sie dann auch.
2 Die Kopfschmerz-Unterführung
(Schreib über ein Hausmittel)
Es wäre zu einfach zu sagen, dass meine Eltern nicht an Hausmittel glaubten. Meine Eltern glaubten an das Hausmittel ihrer Generation: Chemie und pharmazeutischen Fortschritt. Als Wirtschaftswunder-Teenies hatten sie dem Krieg die Lebertran-Zunge gezeigt und fühlten sich nun gestärkt für einen lebenslangen Feldzug gegen das Sterben.
Wir hatten einen ganzen Allibert-Badschrank voller Sterbebremsen. Es gab Blutdrucksenker, Betablocker, Magenschleimhautentzündungshemmer, Antihistaminika, Grippostatika und immer eine frische Flasche antibakterieller Gurgellösung. Der Aberglaube, der diese Zauberrezepturen begleitete, war ganz ähnlich dem, der manchem Hausmittel seit Jahrhunderten anhaftet. Wenn man das Zeug geschluckt und runtergespült hatte und den Schrank wieder zumachte, konnte man im dreiteiligen Spiegel des Allibert gleich überprüfen, ob es schon wirkte. Meine Eltern waren nämlich auch ungeduldig. Alles andere als „sofort wirksam“ war Mist. Und sie glaubten nur an das, was sie oder andere sehen konnten. Solange niemand sagte: „Du siehst aber schlecht aus“, waren sie auch nicht krank. Basta.
Obwohl der Medikamentenschrank auf drei Etagen mit Chemie vollgestopft war, enthielt er keine Kopfschmerztabletten. Die holten wir nicht einfach aus dem Allibert, sondern von derjenigen Apotheke, die am jeweiligen Sonntag gerade Notdienst hatte. Meine Mutter bekam ihre Migräne immer sonntagmorgens und weil meine Teenager-Schwester sich mal wieder weigerte, ihr Bett zu so früher Stunde zu verlassen, schickte mein Vater mich los.
Wir wohnten in einer hässlichen, aber bürgerlichen Gegend im Kölner Raum. Ich war acht und gerade aus einem beschaulichen Kurort an der Flensburger Förde hergezogen. Das Hochhausviertel war noch ungewohnt für mich, und es gab Orte, die ich mied, auch ohne dass meine Eltern mir das sagen mussten. Wenn ich dort hinging, dann nur, wenn Mutti ihre Tabletten brauchte.
