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Der 38-jährige Nikos hat eine Pechsträhne. Im Zuge der Krise 2009 verliert er seinen Job, nachdem ihn kurz zuvor bereits seine Freundin verlassen hat und erfährt dann zu allem Überfluss, dass seine geliebte Großmutter verstorben ist. Die aus der Ich-Perspektive geschilderte Geschichte begleitet Nikos' mitunter verzweifelten Versuche, das Blatt möglichst noch vor der anstehenden Feier anlässlich des 20-jährigen Abi-Jubiläums wieder zu wenden. Sein Weg führt ihn dabei von Frankfurt nach Griechenland, vor die Himmelspforte, nach Las Vegas und in die Nordrhein-Westfälische Provinz, zum Arbeitsamt und zu diversen Bewerbungsgesprächen. Dabei verliert er weder seinen Humor, noch enthält er seine recht eigenwilligen Ansichten dem Leser vor. Moralische Unterstützung erfährt er von seinem neuen Mitbewohner Manni, ein einem gleichaltrigen abstinenten Ruhrpöttler mit VoKuHiLa-Frisur, rustikalem Humor und Ausnahmetalent beim Backen, der sowohl Nikos berufliche als auch private Unternehmungen mit Rat und Tat begleitet.
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Seitenzahl: 210
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Nikos Stefanakis
War ja klar
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Wie alles begann
Termin im Personalbüro
Die Wahrheit über Drucker, Kopierer und Radiosender
Der Supermarkt
Zuhause
Britta
Männer und Frauen
Der Plan
Das Bembelsche
Das Oberbayern
Die Erinnerung kehrt zurück
Flug nach Griechenland
Die Überfahrt
Die Beerdigung
Der Plan, 2. Versuch
Agentur für Arbeit
Manni Koslowski
Der letzte Spieltag
Zwiegespräch mit Gott
Wieder zurück
Das Bewerbungsgespräch
Der Junggesellenabschied, die Planung
Guter Rat ist teuer
JGA M., die Reise, Teil I
JGA M., die Reise, Teil II
Vegas, Baby, Vegas!, Teil I
Vegas, Baby, Vegas!, Teil II
Vegas, Baby, Vegas!, Teil III
Autohaus Noll
Das erste Date
Der letzte Arbeitstag
Ein Käffchen mit Sarah
Das gemeinsame Abendessen
Das Abitreffen
Impressum neobooks
Als ich an diesem Dienstag aufwachte, begann der Tag mit einem Versprechen. Es war das Versprechen, dass auf einen so herrlichen Frühlingsmorgen nur ein phantastischer Tag folgen könne.
Der Morgen gab das Versprechen, indem er eine ausgesprochen gut aufgelegte Sonne enthusiastisch von einem Himmel strahlen ließ, dessen makelloses Blau nur von einer einzelnen, schneeweißen Schäfchenwolke unterbrochen wurde. Sie schien nur den einen Zweck zu haben, den Azur des Himmels noch zu betonen und gab sich darüber hinaus die größte Mühe, sämtlichen gängigen Wolkenklischees zu entsprechen. Derart inspiriert, wollten auch die Vögel (sie zwitscherten fröhlich), die Insekten (sie summten emsig), die Luft (sie duftete frühlingsfrisch) und die Blumen (sie, äh, sprossen tüchtig?) nicht zurückstehen und dazu beitragen, dass alles so war, wie es sich für einen Bilderbuch-Frühlingsmorgen gehört.
Nur wenig später sollte ich feststellen, dass der Morgen gelogen hatte.
Erste Zweifel an der morgendlichen Verheißung keimten auf, als sich in die gerade beschriebenen, durchweg positiven Eindrücke, die von meinem, noch im Standby-Modus des Halbschlafs befindlichen, Bewusstsein eher träge aufgenommen wurden, ein dumpfer Kopfschmerz zu mischen begann. Nach kurzer Analyse kam ich zu dem Schluss, dass es sich wahrscheinlich um die Sorte Kopfschmerz handelte, die sich in Folge unangemessenen Alkoholkonsums einstellt. Es fühlte sich in etwa so an, als würde jemand mit einem in rosa Zuckerwatte gewickelten Baseballschläger rhythmisch auf meinen Hinterkopf eindreschen. Unterstützt wurde diese erste Arbeitshypothese durch den Eindruck, dass sich die ersten vereinzelten Gedanken mühsam ihren Weg durch vier Pfund Hefeteig kämpfen mussten und sich dabei auch nicht der kürzesten Strecke bedienten. Ein weiterer Fingerzeig war das charakteristische Gefühl (und der entsprechende Geschmack), dass die Sorte Flora, die auf Milchprodukten ein sicheres Indiz für die Überschreitung des Mindesthaltbarkeitsdatums ist, über Nacht prächtig auf meiner Zunge gediehen sein musste. Ein gewisses allgemeines Unwohlsein und die Tatsache, dass ich, abgesehen von meinem linken Schuh, noch vollständig bekleidet im Bett lag, leisteten den Rest der erforderlichen Überzeugungsarbeit.
Da ich auf zusammenhängende Erinnerungen an den letzten Abend gerade nicht zurückgreifen konnte, gab ich mich für den Augenblick mit den vorliegenden Indizien zufrieden.
Schwerfällig wälzte ich mich herum, in der vagen Hoffnung, eine unbekannte Schöne neben mir im Bett zu entdecken, was sich jedoch dann, wie so oft, als unbegründet herausstellte.
Die geschilderten Überlegungen fanden in dem eher gemächlichen Tempo statt, das meiner körperlichen und geistigen Verfassung angemessen war, bis mich die Frage, warum ich zu offensichtlich schon fortgeschrittener Stunde an einem Werktag mit einem Kater und lückenhaftem Erinnerungsvermögen noch im Bett lag, dazu veranlasste, einen Blick auf die Uhr zu werfen.
Die Tatsache, dass es bereits 11:43 Uhr war, verwandelte mein diffuses Unbehagen in ein sehr konkretes. Um diese Zeit sollte ich mich eigentlich im Büro befinden und mich auf die Mittagspause vorbereiten. Der Schreck beschleunigte den Prozess des Wach- und Nüchternwerdens erheblich. Es war ganz und gar nicht meine Art, zu spät zur Arbeit zu erscheinen. Schon hatte ich mich aus dem Bett katapultiert und war auf dem halben Weg ins Bad mit dem nicht unkomplizierten Versuch, mich parallel zu entkleiden beschäftigt, als sich die Erinnerung an den vorangegangen Tag schlagartig wieder einstellte.
(Die Harfenakkorde, die Sie gerade hören und das Verschwimmen des Bildes kündigen, wie Sie sicher geahnt haben, eine Rückblende an.)
Am Tag zuvor.
Die Betreffzeile und Absender der soeben auf meinem Bildschirm erschienenen Mail sagten bereits alles. Wenn man um die prekäre wirtschaftliche Situation der Firma, bei der ich beschäftigt war, wusste, die in den letzten Monaten bereits zu zwei Kündigungswellen geführt hatte, erforderte es ehrlich gesagt auch keine Kombinationsgabe Holmes’schen Ausmaßes, um die Puzzlestücke ‚Termin vom Personalleiter‘ (unter Teilnahme des Vorgesetzten) und dem Betreff „Personalgespräch“ zur Vermutung zusammenzusetzen, dass es sich wahrscheinlich nicht um die Bekanntgabe einer Gehaltserhöhung handeln würde. Leider sollte ich recht behalten.
Das mittelständische Unternehmen aus der Automobilzulieferer-Branche, bei dem ich als Entwicklungsingenieur beschäftigt war, litt schon seit mehreren Monaten unter der wirtschaftlichen Entwicklung, die sich im Zuge der Finanzkrise von 2009, speziell im Automobilbau, ergeben hatte. Entsprechend der üblichen Reflexe der Fahrzeughersteller in Krisensituationen wurden Entwicklungsprogramme entweder ganz gestrichen oder zumindest auf unbestimmte Zeit verschoben, so dass neue Aufträge schlagartig ausblieben. Zudem sanken mit dem eingebrochenen Absatz an Fahrzeugen automatisch auch die Anzahl der verkauften Einheiten der Teile, die die Firma produzierte. Der Umsatz war demzufolge dramatisch zurückgegangen und drohte die Firma in existentielle Nöte zu bringen. Dies erforderte entschlossenes Handeln der Führungskräfte.
Die Tatsache, dass es sich um ein amerikanisches Unternehmen handelte, brachte es mit sich, dass die Geschäftsleitung wenig Zeit mit der Suche nach alternativen Lösungen vergeudete und sich umgehend zu schmerzhaften (nicht für die Führungskräfte) aber zwingend notwendigen Maßnahmen (der ein oder andere Betroffene zeigte sich verblüffenderweise uneinsichtig) entschloss. Diese bestanden im Wesentlichen aus „Freisetzungen“ sowie anderen Ausgabenkürzungen, allerdings jeweils begleitet von erläuternden Rundschreiben des CEO, so dass man zumindest gut informiert und nicht ohne tröstlichen Ausblick („Die schmerzhaften aber leider alternativlosen Maßnahmen werden das Überleben der Firma sicherstellen. Danke für Ihr Verständnis.“) seinen Job verlor.
Es ist in diesem Zusammenhang erstaunlich zu beobachten, welche Aktivitäten Krisensituationen in Unternehmen hervorrufen. Insbesondere die Kostensenkungsmaßnahmen trugen deutlich realsatirische Züge. Unter den Sparmaßnahmen waren neben nachvollziehbaren Aktivitäten wie Überstundenabbau, Ausgabensperre und Ähnlichem auch Geniestreiche, wie z.B. die Abschaffung der geleasten Kaffeevollautomaten (Ersparnis im Jahr ~ 400 €), Kündigung des Reinigungsservices für Arbeitsbekleidung, Streckung der Putzintervalle für die Gebäudereinigung sowie die Inzahlunggabe von Altpapier, für die sich der verantwortliche Manager auf die Schultern klopfen lies.
Nachdem in den vorangegangenen „Umstrukturierungsmaßnahmen“ bereits das Team, dem ich angehörte, de facto aufgelöst worden war und die Kollegen meiner Gruppe entweder schon „freigesetzt“ oder auf andere Abteilungen verteilt worden waren, machte ich mir schon geraume Zeit darüber Gedanken, was genau mich wohl für die Firma unersetzlich machte. Offensichtlich war man jetzt in der Führungsetage zum gleichen Ergebnis gekommen wie ich: Nichts.
Pünktlich betrat ich ca. zwei Stunden später das Büro des Personalleiters Herrn Wunderlich, eines Mannes Ende fünfzig, mit vertrauenerweckendem, gemütlichem Äußeren, mit Brille und schon ergrautem Schnäuzer, Typ Großonkel, den ich bislang als sympathisch eingestuft hatte. Mein Chef war ebenfalls anwesend. Man musterte mich mit ernsten Mienen, mit einer Mischung aus unterdrücktem Mitleid und professioneller Entschlossenheit. Nachdem man mich gebeten hatte Platz zu nehmen, kam Herr Wunderlich ohne Umschweife zur Sache. Na ja, ohne Umschweife stimmt eigentlich nicht ganz, einleitend wurde über die katastrophale wirtschaftliche Gesamtsituation im Allgemeinen und die Auswirkungen auf die Automobilbranche im Besonderen referiert, um dann die schmerzhaften jedoch leider unumgänglichen Maßnahmen die eigene Firma betreffend einzuschwenken, die für mich unglücklicherweise auf eine Kündigung hinausliefen. Man versicherte mir, dass meine Arbeitsleistung in keinster Weise Anlass zu diesem Schritt gegeben hatte (Gott sei Dank, dann ist es ja nur halb so schlimm) und stellte mir ein wohlwollendes Arbeitszeugnis in Aussicht (welches ich dann etliche Wochen später auf mehrfache Nachfrage tatsächlich auch erhalten sollte).
Ganz so emotionslos, wie gerade geschildert, habe ich die Vorgänge während des Termins selbstverständlich nicht wahrgenommen, aber ich war sehr bemüht, Haltung zu bewahren und nach außen eine professionell-kooperative Attitüde an den Tag zu legen. Auf keinen Fall wollte ich zu der Sorte gehören, die heulend und bettelnd noch den letzten Funken Würde verlieren, oder sich mit peinlichen Verhandlungsversuchen („Gibt es nicht doch noch eine Möglichkeit, mich anderswo einzusetzen?“) oder Fragen vom Typ „Was soll ich denn jetzt nur machen?“ erniedrigten.
Nachdem ich also die Einleitung geduldig und Verständnis heuchelnd über mich hatte ergehen lassen und obwohl ich wusste, worauf das Gespräch hinauslaufen würde, war ich zugegebenermaßen doch geschockt, als das Wort „Kündigung“ ausgesprochen wurde.
Sind Sie schon einmal beim Schwarzfahren erwischt worden? Wenn Sie sich jetzt noch vorstellen, dass Ihnen der Kontrolleur dazu noch einen ordentlichen Tritt in die Eier verpasst, dann können Sie in etwa meine Gemütslage in diesem Augenblick nachempfinden. Verblüfft machte ich die banale Erkenntnis, dass es einen nicht unerheblichen Unterschied macht, ob man von so etwas nur in der Zeitung liest, oder ob man selbst betroffen ist. Unterschwellige Überzeugungen die bisherigen Opfer der vorangegangenen „Umstrukturierungsmaßnahmen“ betreffend („wenn er gut genug gewesen wäre, hätte sich schon ein Möglichkeit gefunden, ihn anderswo einzusetzen“) bekamen aus der aktuellen Perspektive einen recht unangenehmen Beigeschmack.
An den Rest des Gesprächs habe ich nur noch vage Erinnerungen. Als der Termin vorüber war, verabschiedete ich mich höflich und beherrscht und ging an meinen Arbeitsplatz zurück, wo mich die verbliebenen Kollegen schon neugierig erwarteten.
„Und?“, fragte mich Dirk, mein Tischnachbar im Großraumbüro, dem ich vom Termin erzählt hatte. „Tja“, antwortete ich schulterzuckend.
„Scheiße“, entgegnete Dirk mitfühlend und damit war eigentlich schon alles gesagt.
Zunächst setzte ich mich wieder an meinen Platz und versuchte, ruhig und nüchtern meine Lage zu analysieren und umsichtig meine nächsten Aktivitäten zu planen. Folgerichtig beschloss ich, mich erst einmal amtlich zu besaufen. Da Einzelbesäufnisse Veranstaltungen mit begrenztem Unterhaltungswert und einer deprimierend selbstmitleidigen Grundstimmung sind, sah ich mich nach potentiellen Begleitern um.
An diesem Tag war ich einer von fünf Kollegen gewesen, die jenen erbaulichen Termin im Personalbüro hatten, so dass ich für das in dieser Situation wohl nachvollziehbare Bedürfnis nach exzessivem Alkoholkonsum vier natürliche potentielle Begleiter zu haben glaubte. Bei näherem Hinsehen schied einer der Kandidaten aus dem Controlling wegen ausgeprägter Antipathie von vornherein aus. („Geschieht dem Arsch ganz recht, dass sie den gefeuert haben.“)
Nummer 2, Robert aus der Konstruktionsabteilung, ein eher ruhiger aber nicht unsympathischer Kollege, der mir gerade auf dem Weg zur Kaffeeküche entgegenkam, winkte resigniert ab. „In meiner Lage ist mir gerade nicht nach Party zumute“, erwiderte er auf meine launige Aufforderung, sich wenigstens mit einem ordentlichen Tusch zu verabschieden.
„Wie soll ich das bloß meiner Frau erklären?“
Da ich auf diese Frage keine Antwort hatte, die Robert (oder seine Frau) zufrieden gestellt hätte und ich mich gerade auf diese Stimmungslage nicht einlassen wollte, sah ich mich wild entschlossen nach den verbliebenen Kandidaten drei und vier, Georg und Simon, um.
In der Kaffeeküche (ohne geleasten Automaten, dafür jetzt mit herkömmlicher Kaffeemaschine) wurde ich dann fündig. Sofort stellte ich erfreut fest, dass hier offensichtlich der richtige Geist herrschte.
„Diese dämlichen Arschkrampen, die schmeißen sofort die Leute raus, ohne wenigstens über Alternativen nachzudenken“, motzte Simon.
„Welche Alternativen wären das bei der aktuellen Geschäftslage genau?“, fragte Georg zurück. „Glaubst Du, die kürzen die Belegschaft in einem Quartal um 30%, wenn es andere Möglichkeiten gegeben hätte?“
„Eben“, beteiligte ich mich unaufgefordert am Gespräch, „die Kaffeeautomaten hat man doch schon zurückgegeben, ich glaube, das Management hat wirklich alles Menschenmögliche versucht.“ Die beiden wandten sich widerwillig grinsend zu mir um.
„Wie sieht’s aus Kollegen, sollten wir diese Erörterungen nicht später im „Bembelsche“ (einer ortstypischen Kneipe in der Nähe, in der wir gelegentlich nach Feierabend noch etwas getrunken hatten) fortsetzen und uns ordentlich einen auf die Lampe gießen?“
Mein Vorschlag wurde wohlwollend aufgenommen und so verabredeten wir uns für den gleichen Abend in der besagten Kneipe.
Abermals kehrte ich an meinen Platz zurück, um meine Arbeit wieder aufzunehmen, als in mir die Überzeugung reifte, dass der Anspruch der Firma auf meine Arbeitsleistung mit dem gekündigten Arbeitsverhältnis erloschen war und so verließ ich das Büro zu einer für mich ungewöhnlichen Zeit am frühen Nachmittag. Da es bis zur Verabredung mit den beiden Schicksalsgenossen noch ein paar Stunden hin war, entschloss ich mich, vorher noch kurz ein paar Besorgungen im Supermarkt zu machen und anschließend nach Hause zu fahren um mich umzuziehen.
Auf dem Weg zum Auto ließ ich das Gespräch im Personalbüro noch mal Revue passieren. Je länger ich darüber nachdachte, desto wütender wurde ich auf mich selbst. Gut, ich hatte mir nicht die Blöße gegeben und um meinen Job gebettelt, aber richtig die Zähne zeigen sieht auch anders aus.
Die Tatsachen trotzig zu ignorieren bringt nichts („Ich halte jetzt solange die Luft an, bis Sie die Kündigung zurücknehmen!“, hätte wohl auch nicht überzeugt), aber warum hatte ich nicht ordentlich auf den Tisch gehauen und meinem Ärger Luft gemacht? Simon hatte mit seiner Kritik in der Kaffeeküche nämlich durchaus recht gehabt. Alternative Maßnahmen, etwa so exotische wie z.B. die Einführung von Kurzarbeit, waren von der amerikanischen Firmenleitung pauschal als nicht ausreichend zurückgewiesen worden. Einen Betriebsrat, der evtl. hätte Paroli bieten können, gab es nicht, also wäre es an mir gewesen, das ein oder andere kritische Wort fallen zu lassen. Aber anstatt den beiden Vertretern des Managements ordentlich die Meinung zu sagen, hatte ich noch Verständnis für die schwierige Lage der Firma gezeigt. Geht’s noch? Natürlich hätte ein Wutausbruch letztlich auch nichts geändert, aber wenn man in so einer Situation nicht den Mund aufmacht, wann dann?
In dieser gereizten Grundstimmung erreichte ich meinen Wagen. Nachdem ich den Motor angelassen hatte, schaltete ich das Radio ein und wurde sofort noch wütender.
Eine wissenschaftlich fundierte Tatsache, die zudem jeder, der einmal in einem Büro gearbeitet hat, aus eigener Erfahrung bestätigen kann, ist, dass Bürogeräte, vornehmlich Drucker, Kopierer und Faxgeräte, über die Fähigkeit verfügen, die emotionale Situation des Bedieners zu erfassen. Sobald diese Geräte spüren, dass man unter besonderem Stress, Zeitdruck oder Anspannung steht, findet immer ein Papierstau statt, oder der Toner ist leer oder es befindet sich kein Papier mehr in Papierfach 2 (Es ist immer das Fach betroffen, das das gewünschte Format enthält, die anderen sind grundsätzlich randvoll. Auch Kombinationen der geschilderten Komplikationen sind übrigens möglich.) Die Wissenschaft rätselt noch darüber, ob sich die Anspannung des Benutzers auf das Bürogerät überträgt und es dadurch fehleranfälliger wird, oder ob es sich einfach um pure Bosheit der Geräte handelt (wobei ich eindeutig der zweiten Theorie zuneige. Auch ich wäre tendenziell übellaunig, wenn die größte Abwechslung im meinem Dasein darin bestünde, einmal im Jahr während der Betriebsfeier den nackten Hintern der übergewichtigen Sekretärin zu photokopieren).
Was jedoch die Wenigsten wissen, ist, dass Radiosender über ähnliche Fähigkeiten verfügen. Sobald ich mit richtig beschissener Laune im Auto sitze, kommt unter Garantie die Sorte Musik, die selbst aus Gandhi einen durchgeknallten Kettensägenmörder gemacht hätte. Folglich wurde gerade ein aktueller Hit einer erfolgreichen Popband gespielt, der meinen Blutdruck augenblicklich bedenklich in die Höhe trieb. (Wäre dies ein Comic, so würden Sie jetzt über meinem Kopf einen schon bedrohlich aufgeblähten Kessel mit ächzenden Nieten und einem Manometer sehen, dessen Anzeigenadel sich zügig dem roten Bereich nähert.)
Kann mir mal bitte jemand erklären, warum zeitgenössische Popbands mit männlichen Sängern so klingen müssen, als wäre der Künstler kurz vor der Aufnahme mit einem Baseballschläger sterilisiert worden? Bin ich wirklich der einzige, dem dieses hochfrequente Kastratengewinsel sofort die Mordlust in den Adern pulsieren lässt?
Was ist passiert, dass der gefühlt einzige aktuelle Popkünstler mit Eiern in der Hose eine Frau namens „Pink“ ist?
Auch durch das augenblickliche Wechseln des Senders ließ sich das oben erläuterte ungeschriebene Gesetz natürlich nicht austricksen. Diesmal war es eine deutschsprachige Band, deren Texte von Verwaltungsfachangestellten und Zahnarzthelferinnen vermutlich als tiefgründig und poetisch empfunden werden sollen, die für meinen Geschmack allerdings entschieden zu häufig Begriffe wie „Sehnsucht“, „Phantasie“, „Zärtlichkeit“ und „Regenbogen“ enthielten. Wer zwischen den Zeilen lesen kann, hat vermutlich bereits erraten, dass dieses pseudoromantische Gewäsch der Marke Realschulabbrecher-Lyrik auch nicht ganz meinen Geschmack traf, daher machte ich noch einen dritten Versuch, meine inzwischen am Siedepunkt angekommene Laune (der Kessel hat in der Zwischenzeit eine rötliche Färbung angenommen, der Zeiger ist am Anschlag) wieder etwas zu normalisieren, wurde jedoch abermals enttäuscht. Dieses Mal war es Musik der Kategorie „Sekretärinnen-Hardrock“ (‚Wind of Change‘ von den Scorpions), die zwar geringfügig erträglicher als die vorangegangenen Beiträge, jedoch auch nicht wirklich geeignet war, meine Gemütslage zu stabilisieren.
Resigniert schob ich die einzige im Wagen befindliche und daher schon x-mal gehörte Selbstgebrannte in den CD-Player. Aus den Boxen erklang ‚Highway to Hell‘.
„Wahnsinnig lustig“, dachte ich, und sprach dem Zufallsgenerator des Players jedes Humorverständnis ab.
Obwohl sich meine Laune ein wenig besserte, führte die Musik in Kombination mit meiner noch miesen Grundstimmung zu einem Fahrstil, der mit „aggressiv“ noch schmeichelhaft umschrieben wäre. Oder hätte vielmehr dazu geführt, wäre ich nicht nach fünfminütiger Fahrt im nachmittäglichen Stau auf der A3 angekommen. (Der Kessel ist jetzt tiefrot, der Zeiger wickelt sich um den Anschlag und die ersten Nieten schießen, untermalt von einem lustigen metallischen „Poing“, davon.)
Nachdem ich ein wenig auf das (im Grunde unschuldige) Lenkrad meines italienischen Arme-Leute-Sportwagens eingedroschen hatte, versuchte ich abermals, mich wieder zu beruhigen. Als es dann nach nur 38 Minuten wieder weiterging, in denen ich etwa 8 Kilometer zurückgelegt hatte und ich endlich Gas geben konnte, war das eine riesige Erleichterung. Zumindest so lange, bis ich von der Autobahn wieder abgefahren war und auf der Landstraße von einem kurzen aber intensiven roten Lichtblitz darauf aufmerksam gemacht wurde, dass die Geschwindigkeitsüberwachungsanlage, die hier bereits seit vier Jahren stand, offenbar nicht über das Wochenende demontiert worden war.
Montage waren noch nie meine Lieblingstage gewesen, aber dieser entwickelte sich wirklich zu einem ganz besonderen Exemplar.
Auf dem Parkplatz des Supermarktes angekommen, zögerte ich vor dem Aussteigen. Wie allgemein bekannt, gehören Supermärkte neben Postfilialen, Einwohnermeldeämtern und Fußgängerzonen im Innenstadtbereich zu den Orten, die aus friedliebenden Bürgen blutrünstige Bestien machen können. In meiner aktuellen Verfassung war ich etwas in Sorge, ob ich den üblichen Prüfungen meiner Selbstbeherrschung und Umgangsformen, die ein Supermarktbesuch in der Regel bereithält, Paroli bieten konnte. Der Tag war bisher nicht optimal verlaufen und ich hatte geringe Neigung, dieser Ereigniskette mit einer Verhaftung wegen Körperverletzung oder Vandalismus (oder beidem) noch das Sahnehäubchen aufzusetzen. Also versuchte ich, mich mental auf die drohenden Herausforderungen einzustimmen und nahm mir fest vor, auch in den provokantesten Situationen mein seelisches Gleichgewicht zu bewahren. In dieser pazifistischen Grundhaltung betrat ich das Geschäft.
Die dritte Re-Organisation der Regale in diesem Quartal nahm ich noch gelassen hin, auch wenn sich die Suche nach den gewünschten Artikeln etwas zeitaufwendiger als gewöhnlich gestaltete. Größere Mühe bei der Wahrung meiner Contenance hatte ich dann, als ich am Passieren eines Ganges wie so oft durch einen mitten im Durchgang platzierten, querstehenden Einkaufswagen gehindert wurde. „Entschuldigen Sie bitte“, sprach ich den Besitzer, einen etwa 35-jährigen Mann, der sich der Kleidung nach zu urteilen scheinbar gerade auf dem Weg zum Lauf-Training befand, an.
„Wären Sie so nett, mich kurz durchzulassen?“
Er fühlte sich offensichtlich bei der Suche nach seiner bevorzugten Fertigmahlzeit gestört und erwiderte auf seinen Wagen deutend:
„Sind doch Räder dran, kannste wegschieben.“
Sofort bemächtigten sich meiner Gewaltphantasien, in denen ich den Arsch im Jogginganzug mit einer Konservendose Ananas (in Scheiben, nicht stückig) niederschlug und ihm mit einem 20-Kilo-Sack Katzenstreu den Rest gab.
Schnell rief ich mir das Mantra in Erinnerung, das ich mir auf dem Parkplatz für kritische Situationen zurechtgelegt hatte: „Ich bleibe ruhig, weil ich nicht am selben Tag gefeuert und verhaftet werden möchte, ich bleibe ruhig…“ (Außerdem wusste ich nach der Neuordnung der Regale gerade nicht, in welchem Gang der Haustierbedarf zu finden war.)
Etwas Unhöfliches murmelnd schob ich den Wagen beiseite und setzte meinen Einkauf fort.
Als ich alles zusammen hatte, reihte ich mich in eine der beiden langen Schlangen vor den zwei besetzten (von 10 vorhandenen) Kassen ein. Irritiert aber dankbar stellte ich fest, dass vor mir (zumindest soweit ich die Schlange überblicken konnte) keine älteren Damen zu stehen schienen, die mitunter mit dem Bezahlvorgang Schwierigkeiten haben, weil sie sich gerade erst an das D-Mark-Münzgeld gewöhnt hatten, als schon wieder auf den Euro umgestellt wurde. Trotzdem ging es recht schleppend voran. (Raten Sie mal, ob die andere Schlange die bessere Wahl gewesen wäre….) Erst als nur noch zwei Kunden vor mir in der Reihe standen, erkannte ich den Grund für das Fortschreiten im Gezeitentempo: Eine junge Auszubildende, assistiert von einer erfahrenen Kraft, machte gerade ihre ersten Erfahrungen an der Kasse. Nun gut, kein Grund zur Aufregung, schließlich müssen wir alle unsere ersten Schritte im Beruf machen (auch wenn es nicht zwingend auf der Hand liegt, warum das bei Kassiererinnen grundsätzlich zur Stoßzeit am Feierabend geschehen muss). Als ich dann nach gefühlten Stunden an der Reihe war und endlich meine fünf Artikel auf das Band legen konnte, stieg so etwas wie Stolz in mir auf. Trotz der widrigen Umstände hatte ich meine Beherrschung nicht verloren, niemand war zu Schaden gekommen.
Zufrieden lauschte ich dem Piepsen des Barcodescanners, bis ich den tadelnden Kommentar der Ausbilderin vernahm.
„Nein Frau Müller, das haben Sie jetzt versehentlich doppelt gescannt. Kasse zwei, Stooooooorno bitteeeee!“
„Ich bleibe ruhig, weil ich nicht am selben Tag gefeuert und verhaftet werden möchte, ich bleibe ruhig…“
Nachdem ich gezahlt hatte, packte ich meine Einkäufe in den Wagen und fuhr ohne weitere besondere Vorkommnisse nach Hause.
In meiner Drei-Zimmer-Wohnung in einem der äußeren Stadtbezirke angekommen, verstaute ich die Lebensmittel in der Küche, griff mir ein Bier aus dem Kühlschrank und warf mich auf das Sofa um nachzudenken. Mein Blick schweifte in meinem Wohnzimmer umher, dessen Einrichtung mit dem Adjektiv spartanisch recht treffend beschrieben war.
Zu dem schwarzen Kunstledersofa, auf dem ich saß, gesellten sich noch ein passender Sessel, ein schwarzes Beistelltischchen und ein schwarzes Bücherregal aus dem Sortiment eines schwedischen Möbelhauses, das mich auf meinem Weg aus meiner Studentenbude in die hessische Metropole begleitet hatte, in der ich jetzt seit ca. 8 Jahren lebte, sowie ein Wohnzimmertisch mit Stahlgestell und Glasplatte. Dieser stand auf einem blau-türkisen Teppich, der wiederum den (von mir) dilettantisch verlegten Laminatboden in Ahorn-Optik leider nur teilweise bedeckte. Weiterhin stand ein schwarzes Phonoschränkchen in der Zimmerecke, das die Elemente meiner angejahrten Hifi-Anlage beherbergte, eine halbverkümmerte Zimmerpflanze in der anderen und zwei großformatige gerahmte Photographien an den Wänden und der obligatorische Fernseher rundeten das insgesamt trostlose Bild eines Raumes mit dem spröden Charme eines Zahnarzt-Wartezimmers ab, dem man die finanziellen Beschränkungen ansah, die die Zusammenstellung des Mobiliars bei der Anschaffung maßgeblich beeinflusst hatten. Auf dem Tisch lagen ein paar alte Zeitschriften und die Pizzaschachteln, die vom Wochenende übrig geblieben waren. Auf dem Bücherregal standen neben einigen Büchern, alten Studienunterlagen und einem Schuhkarton, der alte Photos und sonstigen Krimskrams enthielt, noch eine handgeschnitzte (und leicht angeschimmelte) ca. 30 cm große Wildschweinfigur als einzige Dekoration. Das Highlight des Zimmers war ein cremefarbener Mini-Kühlschrank, der allerdings schon vor ein paar Monaten den Geist aufgegeben hatte. Kurzum, der aufmerksame Leser hat mühelos erkannt, dass es sich offensichtlich um eine Junggesellenbude handelt (und das, ohne dass ich den Zustand der übrigen Wohnung, insbesondere des Bades und der Küche hätte schildern müssen).
Es hatte durchaus Elemente in der Wohnung gegeben, die der Behausung einen persönlichen Anstrich und eine gewisse Wohnlichkeit verliehen hatten, doch diese waren mit meiner Freundin, bzw. richtiger: Ex-Freundin, vor ca. zwei Monaten ausgezogen.
Britta hatte sich zu diesem (für den Zustand der Wohnung definitiv nachteiligen) Schritt entschlossen, nachdem sich unser Zusammenleben zunehmend unharmonisch gestaltete.
Nach gewissen Startschwierigkeiten, die zum Teil der für mich ungewohnten Situation des Zusammenwohnens mit einer Frau geschuldet waren, hatten wir uns eigentlich über die Jahre ganz gut eingespielt. Wenn man es, wie ich, lange Jahre gewohnt war, allein bzw. in einer Studenten-WG zu wohnen, sind die Kompromisse, die eine Wohngemeinschaft mit einer Frau, noch dazu einer Vegetarierin, mit sich bringen, zunächst schwer zu akzeptieren. Der richtige Inhalt des Kühlschranks sowie die Hygienestandards in Bad und Küche waren hierbei nur einige der strittigen Punkte. Dass man sich bei einem Kompromiss immer zwischen den beiden Ausgangspositionen trifft, ist sicher richtig, allerdings war der Weg dorthin von meinem Standpunkt aus oftmals deutlich weiter als von ihrem. Allerdings bot das Zusammenleben auch unbestreitbare Vorteile (nein, nicht nur den Zustand der Wohnung betreffend), so dass ich mich letztendlich überraschend schnell mit der neuen Situation arrangieren konnte.
Die ernsthafteren Schwierigkeiten in unserer Beziehung hatten angefangen, als Britta erkannte, dass ihre Vorstellungen von einer gemeinsamen Zukunft als verheiratetes Ehepaar mit zwei Kindern (eine Tochter, Luise, und ein Sohn, Elliot) in einem Eigenheim (Reiheneckhaus) am Stadtrand sich mit meinen nicht zu 100% deckten. Um etwas präziser zu sein, muss ich gestehen, dass ich überhaupt keine Pläne unsere gemeinsame Zukunft betreffend hatte, die über den Status quo, mit dem ich insgesamt ganz zufrieden war, wesentlich hinausgingen. Außerdem war ich der Ansicht, dass man sich im zarten Alter von 38 Jahren nicht ohne Not schon diese Art von Verantwortung aufhalsen musste. Was war so falsch daran, sich der Annehmlichkeiten und Freiheiten zu erfreuen, die das Leben als unverheiratetes kinderloses Paar mit zwei akzeptablen Einkommen bereit hielt? Zwei- bis dreimal im Jahr Urlaub außerhalb der Schulferien, Ausschlafen am Wochenende, Stadionbesuche am Samstag, abends mal weggehen, wenn man gerade Lust dazu hatte, usw. sollte ich eintauschen gegen durchwachte Nächte, Jahresurlaub im Familienhotel zur Stoßzeit, Wochenenden im Zoo und Nachmittagskaffee mit anderen jungen Eltern? Und, was mit am schlimmsten wäre, Kombi fahren müssen? Sehr verlockend. Allein der Gedanke an das Traumszenario meiner Freundin verursachte mir Beklemmungen.
