Ware Hoffnung - Ulli Gerer - E-Book

Ware Hoffnung E-Book

Ulli Gerer

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Beschreibung

Ein Ding, das die Welt nachhaltig verändern wird zu finden, nichts Geringeres ist die Aufgabe von Investment-Scout Ricardo Torres. Auf der Suche nach der ultimativen Zukunftstechnologie begegnen sich Geldgeber, Wissenschaftler und geschickte Betrüger in einer Welt voller richtiger und falscher Informationen. Ricardo lernt, mit Hilfe des kritischen Denkens Fakten und Fantasien voneinander zu unterscheiden – und wir lernen mit. Niemand sollte unbehelligt mit falschen Hoffnungen handeln können, fand Ricardo. Hoffnung sollte tief aus unserem Inneren erwachsen, einen guten Grund haben, als Triebkraft, die uns durch die Herausforderungen des Lebens trägt, die uns hilft, Hürden zu überwinden, als Anker, der uns in turbulenten Zeiten Halt gibt. Niemals sollte sie als minderwertige Ware an verzweifelte oder gelegentlich auch gierige Menschen verscherbelt werden.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Ein Ding, das die Welt nachhaltig verändern wird zu finden, nichts Geringeres ist die Aufgabe von Investment-Scout Ricardo Torres.

 

Auf der Suche nach der ultimativen Zukunftstechnologie begegnen sich Geldgeber, Wissenschaftler und geschickte Betrüger in einer Welt voller richtiger und falscher Informationen. Ricardo lernt, mit Hilfe des kritischen Denkens Fakten und Fantasien voneinander zu unterscheiden – und wir lernen mit.

 

 

So hope springs eternal not just for spiritualists,

religionists, New Agers, and psychics, but for

materialists, atheists, scientists, and, yes, even skeptics.

The difference is in where we find hope.

 

Why People Believe Weird Things – Michael Shermer

 

UIli Gerer

Ware Hoffnung

Roman

 

 

Dieser Roman beruht auf wahren Begebenheiten.

 

Handlung, Personen, Firmen und Produkte sindjedoch frei erfunden.

 

 

Impressum

 

Herausgeber:LinguaSite, Peter EhligJägerstr. 4, 23774 HeiligenhafenISBN: 978-3-757-94183-3

 

Hinweis: Die Kapitelüberschriften sind anklickbar und führen auf zusätzliche Informationen.

Übersicht: https://www.warehoffnung.de

Nachtschicht

»Wir brauchen Ergebnisse! Verstehst du das, Torres? Und wir brauchen sie schnell!«

Wenn Masoud derart erregt war, erinnerte er ein wenig an Wachtmeister Dimpfelmoser aus der Räuber-Hotzenplotz-Inszenierung der Augsburger Puppenkiste. Sein Unterkiefer wirkte dabei unnatürlich breit, als ob seine Wangenknochen plötzlich an den Seiten seines Gesichtes heruntergerutscht wären. An seinen Schläfen bildeten sich kleine rötlich-blaue Flecken, die durch ihren leicht feuchten Glanz besonders bedrohlich wirkten.

Ein riesiges, strahlend weißes Kreuzfahrtschiff legte wie in Zeitlupe vom Passagierterminal ab und in der beginnenden Dämmerung leuchtete es farbenreich durch die vollflächig verglaste Fassade in Masouds Büro hinein. Das gab der Szenerie eine fast filmreife Kulisse. Einige immerhungrige Möwen erkundeten in langgezogenen Bögen schwebend die Achterdecks des schwimmenden Hotels und hielten Ausschau nach fütterwilligen Passagieren.

Während der kurzen Stille, die Masouds stimmgewaltigem Ausbruch folgte, pressten sich seine Handflächen gegen die dicke Glasplatte des breiten und stets leeren Schreibtisches. An den Rändern seiner kräftigen Finger bildeten sich kleine Kondensflecken, welche die kalt wirkenden, punktförmigen Lichtreflexionen der unangemessen teuer wirkenden Designer-Deckenleuchte weichzeichneten.

Die Tatsache, dass er Ricardo Torres beim Nachnamen nannte, betonte deutlich, wie sehr er gerade unter Druck stand. Und wie die meisten Vorgesetzten verstand er es, diesen Druck an seine Angestellten weiterzugeben. Immerhin sagte er wir statt ich, was darauf hindeutete, dass er diese Aufgabe durchaus als gemeinsame Herausforderung betrachtete.

»Du bist wirklich mein bester Mann, Ric«, setzte er etwas versöhnlicher fort. »Ich habe dir diesen Auftrag gegeben, weil du eine enorm gute Nase hast. Und genau die brauchen wir jetzt. Es muss eine Sensation werden, ein richtiger Knaller, ein Ding, das die Welt nachhaltig verändern wird. Ich weiß, du kannst das. Sei kreativ! Suche dort, wo niemand zuvor gesucht hat! Es geht um enorme Summen! Ich verlasse mich auf dich.«

Man konnte nicht behaupten, dass Masoud Hayats wirtschaftlicher Erfolg sein alleiniger Verdienst gewesen war. Sein Vater, Hassan Hayat, hatte vor fast fünfzig Jahren begonnen, mit diversen Rohstoffen zu handeln und sich mit der Zeit auf Öl und Erze spezialisiert. Wie weit sein Vermögen inzwischen angewachsen war, ließ sich kaum ermessen, da er es vorzog, nach außen eher bescheiden zu wirken. Es musste auf jeden Fall genug sein, um ihm die Türen zu den exklusivsten Unternehmerclubs der Stadt zu öffnen.

Von Masoud als jüngstem Sohn der Familie wurde nicht erwartet, in das väterliche Imperium einzusteigen. So kam es, dass er nach dem Studium, mit einem üppigen Startkapital ausgestattet, sein Glück in der internationalen Finanzwelt suchte. Dabei ließ er sich schon früh von seiner Leidenschaft für neue Technologien leiten. Seine erste selbstverdiente Million resultierte aus geschickten Investitionen in die damals an allen Ecken auftauchenden Hersteller von Heimcomputern. Wie sich herausstellte, waren aber nur wenige echte Perlen dabei und so erfuhr er schon bald, wie schnell sich ein Vermögen wieder verflüchtigen kann.

Ricardo Torres verstand Masouds letzten Satz als Ende des für dessen Verhältnisse ungewöhnlich lange dauernden Monologes, stand auf, tippte sich mit zwei Fingern an die Schläfe, um sich zu verabschieden und gleichzeitig zu signalisieren, dass er verstanden hatte. Wortlos verschwand er aus dem weitläufigen Büroraum durch die halbverspiegelte Tür.

»Und?«, fragte Jennifer mit leicht angehobenen Augenbrauen, während sie von den endlosen Zahlenreihen auf ihrem Monitor aufschaute. Mit verständnisvollem, fast mitleidigem Blick folgte sie Ricardos Schritten, als er an ihrem Stehtisch kurz vor dem Ausgang des Großraumbüros vorbeilief. Nach mehr als zwanzig Jahren in dieser Firma hatte sie ein feines Gespür dafür, wie sie den Gemütszustand jener Menschen zu beurteilen hatte, die das Büro ihres Chefs verließen. Besonders, wenn es wieder einmal lauter wurde.

»Ach, die übliche Panik. Sieht nach Nachtschicht aus. Ich mache zu Hause weiter. Schönen Feierabend, Jenny.«

Als Ricardo die Tür des Lofts mit seiner Smartwatch entriegelte, war es draußen bereits stockdunkel. Die Tage wurden stetig kürzer und mit jeder Minute weniger Tageslicht verdichtete sich in ihm das Bedürfnis, in einen tiefen Winterschlaf zu verfallen und der täglichen Jagd nach dem nächsten großen Ding zu entfliehen.

Die kleine blaue Leuchte an seinem Arbeits-Tablet blinkte aufgeregt und erhellte die hohe weiße Decke über dem Schreibtisch in kurzen Intervallen. Eine Nachricht aus der Firma. Ricardo tastete nach dem gläsernen Sensorfeld neben der Eingangstür und regelte die Raumbeleuchtung gerade so weit hoch, dass er sich orientieren konnte. Aus dem Schlafzimmer drang ein leises Schnurren an sein Ohr. Zaphod, Ricardos grauweißer Perserkater, schlief schon fest. Beneidenswert. Die Nachricht konnte bis nach dem Essen warten.

Mit einem dampfenden Espresso ausgestattet, setzte sich Ricardo an den Schreibtisch und schaltete das Tablet sowie die weit ausladende, verchromte Schwenkleuchte ein. Links und rechts neben ihm stapelten sich Mappen, Dossiers, Bankauskünfte, Bewerbungen, Prospekte und Businesspläne.

Du hast eine Woche Zeit!, dahinter ein unidentifizierbares Emoji.

Er wischte die Nachricht vom Schirm und verband sich mit dem Bürorechner.

»Was haben wir denn bisher …?«, murmelte er in seine Espressotasse, öffnete die Materialsammlung und ging die einzelnen Einträge durch. Eine Fitness-App, ein Online-Lieferdienst für Sanitätsartikel, ein Massagebett mit Vitalsensoren und Cloudanbindung, ein E-Bike mit Bluetooth, Mobilfunk und GPS, ein auf Klassik spezialisierter Musikdienst mit Transkriptionen, diverse Software-Entwicklungen für Finanztransaktionen, Gadgets für Smart-Home-Systeme und viele weitere große und kleine Ideen von Start-ups, aber auch von etablierten Technologieanbietern aus aller Welt.

Die meisten Kandidaten hatten sich direkt bei ihm beworben, einige hatte er über Pressemeldungen oder Business-Netzwerke gefunden. Allen war eines gemeinsam: Sie brauchten Geld. Eine echte Sensation, wie Masoud sie sehen wollte, war nicht dabei.

Ricardo nannte sich Investment Scout. Seine Aufgabe war es, junge, erfolgversprechende Firmen oder Produkte zu finden, um sie mit Liquidität zu versorgen, also sich an ihnen zu beteiligen oder ihnen Financiers zu vermitteln. Dabei hatten die Empfänger des Geldregens weitgehend freie Hand bei der Umsetzung ihrer Projekte.

Einige dieser Neuentwicklungen wurden außerordentlich erfolgreich und bescherten der Angel Business Capital, Ricardos Arbeitgeber, beträchtliche Renditen. Andere Unternehmungen hatten weniger Geschick und schafften es immerhin irgendwann aus eigener Kraft, die Einlagen ordentlich verzinst zurückzuzahlen. Ein großer Teil jedoch kam nie über das Gründerstadium hinaus und verschwand früher oder später mitsamt dem eingesammelten Kapital, meistens durch Konkurs. Dennoch war es ein enorm rentables Unterfangen, mehrere dieser Investitionen zur Risikostreuung in Fonds zu bündeln und an stets provisionshungrige und wagemutige Wertpapierhändler zu verkaufen.

Die internationale Finanzkrise hatte die Branche nun sehr unter Druck gesetzt. Das große Geld saß nicht mehr so locker wie zuvor, risikobehaftete Anlagen wurden besonders intensiv geprüft und mussten oft stabileren und eher konservativen Finanzprodukten den Vortritt lassen. Das war der Grund für Masouds gereizten Zustand.

Nur mit einer echten Sensation ließe sich das Vertrauen und die Aufmerksamkeit der Händler zurückgewinnen.

Zuerst kitzelte es an Ricardos Nase. Dann an den Ohren. Plötzlich fiel ihm das Atmen schwer und er wachte widerwillig aus seinen unruhigen Träumen auf. Er war, wie er bemerkte, auf der Ledercouch eingeschlafen. Irgendetwas drückte kantig in seinen Rücken und sein Gesicht war von einer warmen, wolligen Masse bedeckt. Zaphod forderte ihn unmissverständlich auf, endlich dieses unnütze Rumgeliege zu beenden und für ein angemessenes Katzenfrühstück zu sorgen.

Ricardo fasste unter den Kater und hob ihn behutsam auf den weißen Läufer, wo er mit schiefgelegtem Kopf und erwartungsvollem Blick laut maunzend sitzen blieb. Wie spät? Die Smartwatch reagierte nicht. Natürlich hatte er vor dem Einschlafen vergessen, sie auf das Ladepad zu legen. Die bläulich glimmende Uhr am Backofen zeigte kurz nach acht. Er griff umständlich unter sich und angelte das Tablet mit zwei Fingern aus der Sofaritze. Weniger als vier Stunden Schlaf. Das sollte in der kommenden Woche keine Seltenheit bleiben.

Seit seinem Ausstieg bei der Future Investment Transglobal war Ricardos Alltag deutlich ruhiger geworden. Als Strukturierer hatte er dort eine Menge Geld verdient, und das in vergleichsweise kurzer Zeit. Es war ein Leben auf der Überholspur, mit Vollgas, ohne Gurt. Immer gab es zu wenig Schlaf, zu viel Arbeit, ständigen Zeitdruck, Misserfolge waren nicht vorgesehen.

Die Finanzmärkte kannten keine persönlichen Schicksale, keine Unpässlichkeiten, erlaubten keine Schwächen. Moralische Bedenken waren etwas für fragile Charaktere. Nur starke, durchsetzungsfähige Persönlichkeiten hatten dauerhaft Erfolg. Ein Erfolg, der sich gewöhnlich in harten Zahlen messen ließ, garniert mit Anerkennung von Vorgesetzten, Bewunderung von Kollegen und bisweilen auch Neid, wenn es einem gelang, einen besonders lukrativen Deal einzufädeln und ein Produkt vor der Deadline zu komplettieren.

Der Job bei Masoud war dagegen eine Spazierfahrt und ließ sich auch ohne bewusstseinserweiternde und aufputschende Substanzen bewältigen. Natürlich gab es ebenfalls Closings, wie Termine für den Abschluss einer Akquisitionsrunde hier genannt wurden. Auch Erfolgsdruck und hohe Erwartungen waren üblich. Trotzdem fühlte sich Ricardo in der Firma gut aufgehoben. Auf ein angenehmes Betriebsklima wurde sorgfältig geachtet, alle nannten sich beim Vornamen. Das knapp dreißigköpfige Team nahm sich die Freiheit, gelegentlich gemeinsam während der Arbeitszeit zu feiern, zog regelmäßig in kleinen Gruppen durch die besseren Clubs der Stadt und selbst in anstrengenden Meetings war die Stimmung auffallend gelöst.

Sein ausgeprägter Gerechtigkeitssinn hatte Ricardo hierhergeführt. Im Finanzinstitut hatte er nie das Gefühl, wirklich etwas außer Geld bewegen zu können. Die Menschen und Schicksale, die untrennbar mit seinem Handeln verbunden waren, bekam er nie zu Gesicht. Wer es nicht schaffte, diesen Teil der Tätigkeit vollständig auszublenden, wurde früher oder später unvermeidbar damit konfrontiert, dass hier Lebenswege von Menschen beeinflusst wurden, die sich kaum dagegen wehren konnten, dass man mit einem Mausklick ihre berufliche Existenz gefährden oder eine Altersversorgung vernichten konnte und die Macht besaß, über Leben und Tod zu entscheiden. Das war bei Angel Business anders. Hier ging es darum, Menschen und Chancen zusammenzubringen. Es war ein Handel mit Hoffnungen.

Der Kaffeeautomat zerbiss angestrengt ratternd die schwarzen Bohnen. Ricardo öffnete den Cloudspeicher, um sich die Arbeit der Nacht anzusehen. Das Frühstück musste warten. Nachdem er sich einen Überblick verschafft hatte, würde er im Café gegenüber eine Kleinigkeit essen und dabei weiterarbeiten. Suche dort, wo niemand zuvor gesucht hat! waren Masouds abschließende Worte. Das war einfacher gesagt als getan. In einer vernetzten Welt verbreiteten sich Informationen so zügig, dass es kaum möglich war, sich alleine durch schnelle Reaktion einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen. Ricardo musste einen Schritt weitergehen und dort suchen, wo neue Ideen keimten, wo bisher unbekanntes Terrain erkundet, wo Wissen geschaffen wurde, das so jung und so komplex war, dass es zunächst nur wenige Menschen verstanden.

Der Rapid Science Ticker eignete sich bestens, um einen ersten Überblick zu gewinnen. Zwar handelte es sich bei dieser Seite um einen offenen Verteiler ohne Redaktion, aber auf den ersten Blick wirkte die Sammlung wissenschaftlicher Veröffentlichungen und Pressemeldungen vielversprechend. Biotechnologie, Elektronik, Materialforschung, künstliche Intelligenz, Astronomie, Chemie, Teilchenphysik, Medizin – das gesamte Spektrum naturwissenschaftlicher Forschung von der Theorie bis zur Anwendung war hier vertreten. Auch wenn einige Einträge erkennbar werblichen Charakter hatten, sollte dies das Tor zu völlig neuen Bereichen des Wissens für Ricardo werden und damit der Weg zur Lösung seines Problems. Konnte es so einfach sein?

In der nächtlichen Sammlung fanden sich viele Links auf weiterführende Abhandlungen, Lesezeichen zu Präsentationsseiten von Start-ups, einige Papers und Studien mit Grundlagenforschung sowie diverse Patente und Patentanmeldungen. Daneben hatte Ricardo mehr oder weniger verständliche Notizen gespeichert, die stichwortartig zusammengefasste Gedankengänge und Erinnerungen enthielten sowie kurze Texte, in denen er versuchte festzuhalten, was er von einem Thema verstanden hatte. Ein grundsätzliches Interesse für Naturwissenschaften hatte er immer gepflegt und regelmäßig aktuelle, eher laientaugliche Magazinartikel aus der Forschung gelesen. Weitergehendes Grundlagenwissen, das über die höhere Schulbildung hinausging, besaß er auf diesem Gebiet nicht.

Ein warmer, wohliger Luftstrom aus der Decke empfing Ricardo, als er von der feuchten, kühlen Straße durch die automatisch öffnende Schiebetür in sein Stammcafé trat. Es roch nach frisch gebackenen Brötchen, sortenreinem, kräftig geröstetem Kaffee, aromatisiertem Sirup, nach Putzmittel und ein wenig nach nassem Hund.

Sehr gedämpfte elektronische Musik kam von irgendwo her und die wenigen anwesenden Gäste unterhielten sich leise. Der kleine quadratische Tisch in der verglasten Ecke mit Blick auf das quirlige Stadtleben war frei. Er stopfte seinen Schal zwischen sich und die blau gepolsterte Rückenlehne der Sitzbank, zog das Tablet aus der Jacke und verband es mit dem Router des Cafés.

»Hi Ric, siehst müde aus. Kleines Frühstück und einen Doppelten zum Aufwachen?« lächelte ihn Tahri wie frisch aus dem Frühstücksei gepellt an.

Tahris androgynes und stets gepflegtes Äußeres machte es nahezu unmöglich, sich ohne fremde Hilfe für ein angemessenes Pronomen zu entscheiden. Das spielte aber keine Rolle, denn sein oder ihr natürlich sympathisches Wesen sorgte schon bei der ersten Begegnung dafür, dass man sich hier willkommen und wie zu Hause fühlte. Deshalb, aber noch mehr wegen der hervorragenden Küche, verbrachte Ricardo hier eine Menge Zeit. Er versuchte, so unangestrengt wie es ihm gerade eben möglich war, zurückzulächeln und nickte zustimmend.

In Ricardos Kopf stapelten sich neue, nie zuvor gehörte oder verstandene Begriffe, fielen um, sammelten sich in kleinen, augenscheinlich thematisch zusammengehörigen Grüppchen, trennten sich wieder, um neue Banden zu bilden, wie Teenager in den weniger gut einsehbaren Ecken eines Problembezirk-Schulhofs und vermischten sich schließlich mit den teils absurden Bildern aus den Träumen der vergangenen Nacht. Eine Liste mit Firmenbezeichnungen, die er unmotiviert auf und ab scrollte, verblasste langsam vor seinen Augen, wurde immer unschärfer, während sein auf Hochtouren arbeitendes Gehirn versuchte, sie mit Formeln, Versuchsbeschreibungen, Tabellen, Zeichnungen und Diagrammen in Verbindung zu bringen.

Unzählige Bezeichnungen – Neuronale Netzwerke, Biophotonen, Blockchain, Kernfusion, Laser, Quantenverschränkung, Neutrinos, Gravitationswellen, Kapillartechnik, Wasserstoffantrieb, Tachyonen, Zeitdilatation, Plasma, Photovoltaik, Higgs-Boson, Raumenergie, Nanoröhrchen, Hydrinos, Supraleitung, Levitation, Supersymmetrie und viele mehr – warteten darauf, verstanden, sortiert, strukturiert, bewertet, mit den zugehörigen Projekten verknüpft oder wieder verworfen zu werden. Ricardo ließ das Tablet sinken, seufzte, schloss kurz die Augen und sehnte sich nach etwas Ablenkung.

Die Dating-App zeigte zwei neue Matches. Seit Natalya weg war, suchte er auf diesem Weg gelegentlich etwas Nähe und Zerstreuung. Ein wirklich befriedigendes Gefühl wollte sich dabei aber nicht einstellen. Zu intensiv war die Zeit mit ihr, oft anstrengend, manchmal unerträglich, aber immer irgendwie bewegend. Ihre Unberechenbarkeit, ihr stürmisches Temperament und die Ungewissheit, in welchem emotionalen Zustand sie sich in der nächsten Minute befinden würde, waren Herausforderung und Nervenkitzel zugleich. In den Monaten vor der Trennung war es kaum mehr möglich, ein sinnvolles Gespräch zu führen. Jeder Versuch endete in einem heftigen Streit, meist gefolgt von einer ebenso heftigen Versöhnung.

Gewöhnlich war er es, der sich bemühte, die Wogen zu glätten, Fakten zu bewerten, mit hitzigem Gemüt getroffene Aussagen einzuordnen. Das machte Natalya aber oft nur noch wütender und früher oder später drehte sie sich mit einem lauten Du verstehst mich überhaupt nicht! um.

Ja, das war gut möglich, sogar wahrscheinlich. Ihm lagen Dinge, die sich sortieren ließen, an die man Zahlen schreiben konnte und die in sich selbst einen eindeutigen Sinn ergaben, einfach mehr. Das war seine Stärke: Strukturen schaffen, wo andere Menschen oft nur ein unüberschaubares Chaos sahen.

Ricardo beschloss, für die Auswahl von Investment-Kandidaten wie üblich Kategorien anzulegen und diese nach Wichtigkeit und Erfolgsaussichten zu ordnen. Als Leitfaden sollten zunächst wissenschaftliche Bewertungen dienen sowie eine Prüfung, ob vergleichbare Produkte oder Technologien bereits kommerziell erfolgreich waren. Oberstes Kriterium: Hat ein Produkt das Potential, die Welt nachhaltig zu verändern? Das war schließlich Masouds Vorgabe, nichts weniger.

»Na, bist du fleißig?«, hörte er eine vertraut klingende, freundliche Stimme über sich, während er lustlos in den Resten seines erkalteten Rühreis stocherte.

Marlen Bernstein arbeitete ebenfalls für Masoud und leitete die Verkaufsabteilung. Sie hatte ein unvergleichliches Talent, Menschen davon zu überzeugen, dass sie etwas brauchten und ihnen dabei das gute Gefühl zu geben, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Erwies sich ein Finanzprodukt als echter Ladenhüter, konnte man sicher sein, dass sie genau die passenden Kunden dafür finden würde. Man kannte und schätzte sie bis in die Führungsebenen der großen Finanzkonzerne.

»Hey, schön, dass du mich retten kommst!«, rief Ricardo erleichtert.

»Wird eine harte Woche für dich, habe ich gehört«, bemerkte Marlen, halb fragend, während sie den freien Bistrosessel vom Tisch wegzog und sich Ricardo gegenübersetzte.

»Was glaubst du, ist derzeit weltweit das dringendste Problem, das einer technischen Lösung bedarf?«, fragte er, ohne auf Ihre Vermutung einzugehen.

Marlen überlegte nicht lange und antwortete: »Klimawandel, Energieversorgung, CO2-Reduktion. Das beschäftigt derzeit die Anleger und Konzerne mehr als jedes andere Thema.«

Ricardo nickte zustimmend.

»Ja, das denke ich auch. Da müssen wir rein.«

 

Gift

Laut polternd schloss sich das schwere, mit spitzen Stäben und Stacheldraht armierte Tor hinter Sergio Masso und rastete mit einem metallischen, endgültig klingenden Klacken ein. Ein dumpf schleifendes Geräusch war zu hören, als dicke, stählerne Riegel auf der Innenseite automatisch in ihre Führungen geschoben wurden. Masso drehte sich nicht um. Nie wieder würde er sich auch nur in die Nähe dieses verfluchten Ortes bewegen. Dafür wüsste er zu sorgen.

Seine hellbraune Hose passte noch immer perfekt, nur die einst messerscharfen Bügelfalten hatten ein wenig ihre Form verloren. Er schloss den mittleren Knopf seines fein karierten Sakkos und bewegte sich langsam, aber entschlossen die zur Promenade führende Via hinunter in Richtung der Telefonzelle auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Während er erhobenen Hauptes den Zebrastreifen überquerte, fischte er einige Geldstücke aus seiner Hosentasche. Ein rostiger, notdürftig nachlackierter weißer Lancia verlangsamte hupend seine Fahrt, ließ Masso knapp die Mitte der Fahrbahn erreichen und beschleunigte sofort wieder quietschend.

Es war Mittagszeit, die Sonne stand hoch am wolkenlosen Himmel und als er die Tür zum Fernsprecher öffnete, schlug ihm ein warmer, nach Schweiß, Urin und altem Papier riechender Luftschwall entgegen. Einige Fliegen kreisten ruhelos unter der Decke der kleinen Zelle. Masso warf eine 500-Lire-Münze ein und tippte die Nummer des Anschlusses, den er wohl öfter als jeden anderen in seinem Leben angerufen hatte. Meistens, wenn er in Schwierigkeiten war. Masso war oft in Schwierigkeiten.

»Ottavio! Ciao! Ich habe Arbeit für dich.«

»Dottore, bist du das?«, fragte Ottavio Ramoni, Massos langjähriger Wegbegleiter, Anwalt und Komplize erfreut. »Ich dachte, du kommst erst in drei Monaten raus!«

»Nun«, begann Masso, »ich war wohl ein folgsames Kaninchen und darf deshalb schon etwas früher auf die Wiese.«

Masso hatte die Angewohnheit, in blumigen Bildern zu sprechen. Das führte dazu, dass man ihm gerne zuhörte, aber selten unmissverständlich erkennen konnte, worüber er gerade redete. Diesen Umstand wiederum wusste Masso zu seinem Vorteil zu nutzen, indem er im Ernstfall einfach abstritt, etwas so gesagt oder gemeint zu haben, wie es ihm vorgehalten wurde.

»In Ordnung. Ich bringe Karotten mit. Bleib’ wo du bist!«, versuchte der Jurist ungelenk, den Ball zurückzuspielen.

»Warte, wie geht es meinen Bambini?« Da Masso keine Kinder hatte, war Ramoni sofort klar, was er meinte.

»Oh, die eine Hälfte sonnt sich in der Karibik, die andere ist zum Skifahren in die Schweiz gefahren. Abzüglich meiner nicht unbeträchtlichen Auslagen natürlich.«

»Du alter Mafioso!«, bellte Masso in den Hörer. »Ich weiß genau, dass du dir auf meine Kosten ein schönes Leben gemacht hast. Wofür hast du es ausgegeben? Frauen? Autos? Ausschweifende Orgien?«

»Keine Sorge!« erwiderte Ramoni schnell, »Es ist noch genug für dich übrig, du Geizhals.«

Ottavio Ramoni lenkte den feuerroten Spider, in den er nur noch knapp hineinpasste, mit geöffnetem Verdeck durch die engen Kurven der Küstenstraße, während Masso neben ihm schnell gestikulierend, in kurzen und für ihn erstaunlich klaren Sätzen, gegen den Fahrtwind auf ihn einredete, als ob ihm die Zeit davonliefe.

»Hör zu, Ottavio! Ich muss über den Teich. Das ist verbrannte Erde hier. Amalia ist ja schon dort, in Kalifornien, hat alles vorbereitet. Du musst ihr die Hälfte des Geldes überweisen. Den Rest brauche ich hier. Du weißt, meine Kontakte. Die habe ich dort nicht. Also werde ich oft hier sein. Ein Physiker, hier aus Neapel, er will mir helfen. Wir haben viel geschrieben in den vergangenen Monaten. Er ist genau der richtige Mann. Es wird alles anders diesmal. Man wird darüber sprechen, darüber schreiben. Drüben sitzt das große Geld. Da muss ich ran. Es wird funktionieren. Und ich werde deine Dienste benötigen. Du wirst hier meine Interessen vertreten. Aber es kann eine Weile dauern. Vertrau mir!«

Masso hatte einige Jahre Zeit gehabt, darüber nachzudenken, was er falsch gemacht hatte. Er sah seine Fehler hauptsächlich darin, zu leichtfertig gewesen zu sein und den verkehrten Leuten vertraut zu haben. Ein weiterer Fehler bestand für ihn darin, Dinge versprochen zu haben, auf deren Einhaltung man ihn festnageln konnte. Das sollte ihm nicht erneut passieren. Bei seinem letzten Coup hatte er gelernt, dass sich Hoffnung mit hohem Gewinn verkaufen lässt. Die Nachfrage nach Hoffnung ließ nie nach, war nie gesättigt. Und niemand würde ihn dafür verurteilen, zahlenden Kunden das gegeben zu haben, was sie sich am meisten wünschten.

Ja, Masso liebte es, wenn man über ihn sprach. Noch lieber war es ihm, wenn man über ihn schrieb, bevorzugt in Form von Lobeshymnen auf seine Genialität, in überregionalen oder gar internationalen Publikationen. Das jedoch führte letztlich zu der erwähnten verbrannten Erde. Diese war in einem Industriegebiet im Nordosten der Stadt zu besichtigen.

Hinter der mit Warnschildern gepflasterten provisorischen Umzäunung des im hinteren Bereich leicht ansteigenden Grundstücks waren langgezogene Hügel aus aufgeschüttetem Aushub und mehrere tiefe Gräben und Gruben zu erkennen, teilweise mit hochgewachsenen, wilden Kräutern überwuchert. An manchen Stellen brach roh und fast schwarz der verseuchte Boden ans Tageslicht. An den tiefsten Stellen hatten sich blaubräunlich schimmernde Pfützen gebildet, an deren Oberfläche bewegungslos glitzernde Schlieren mit dunkelgelben Schaumflecken schwammen. Im hinteren Teil des Geländes lagen einige umgestürzte, angerostete Chemietanks zwischen einer hölzernen und einer metallbeschlagenen Halle mit offenen Toren. Eine unnatürliche Stille umschloss diesen Flecken wie ein dick gepolsterter Sarg. Kein Vogel war zu hören, keine Biene summte, nicht einmal das in dieser Gegend so oft zu vernehmende Grillenzirpen drang an das Ohr.

Ein Gespür für monetarisierbare Bedürfnisse hatte Sergio Masso schon als Kind entwickelt. Wurden auf dem Schulhof Sammelbilder von beliebten Fußballstars getauscht, hatte der junge Sergio immer genau jene Exemplare vorrätig, die gerade besonders gefragt waren. Seine Überzeugungskraft reichte aus, um seinen Mitschülern plausibel zu erklären, dass die schwarzweißen, sorgfältig mit Klarsichtfolie versiegelten Karten, die er im Angebot hatte, außergewöhnlich wertvolle und seltene Fehldrucke waren, von denen er sich nur im Tausch gegen mindestens zehn andere Spieler oder einen Teil des Taschengeldes seiner Interessenten trennen konnte.

In den frühen Neunzigern wurde Masso darauf aufmerksam, dass es in Italien ein massives Giftmüllproblem gab. Es fehlte an geeigneten Entsorgungsbetrieben, deren Dienste für die Produzenten von Farben, Reinigungs- und Pflanzenschutzmitteln sowie Hilfschemikalien für verschiedene Produktionsprozesse rentabel nutzbar waren. Die wenigen und oft weit entfernten, offiziell genehmigten Deponien drohten überzulaufen, illegale Lagerstätten entstanden und führten neben einer verheerenden Umweltverschmutzung in der Folge auch zu mehreren großen Razzien, Gerichtsverhandlungen und schließlich zu Verurteilungen.

Da war Massos Moment gekommen. Sein frisch erworbener Doktorgrad in Chemie von einer in akademischen Kreisen vollständig unbekannten Firma namens Columbia World University verlieh ihm neben seinem selbstbewussten Auftreten die nötige Autorität, um die Verantwortlichen einiger kleinerer Industriebetriebe zu überzeugen, seine neu gegründete Firma mit der Entsorgung ihrer Abfälle zu beauftragen. Im Gegenzug bot er ihnen an, sie mit verschiedenen, aus den Rückständen gewonnenen Rohstoffen, hauptsächlich technischen Gasen, zu beliefern.

Das Zauberwort hieß Pyrolyse, ein Vorgang, bei dem unter Einfluss hoher Temperaturen Moleküle aufgespalten und in andere Verbindungen umgewandelt werden. Entsprechende Anlagen waren groß, teuer und energiehungrig. Masso aber warb damit, einen speziellen Katalysator, also einen Reaktionsbeschleuniger, erfunden zu haben, der diesen Vorgang um Größenordnungen vereinfachte.

Ein passendes, brachliegendes Stück Land war bald gefunden und dieses befand sich praktischerweise nicht weit entfernt von einigen etablierten Werken, die händeringend nach einer Lösung für ihr Abfallproblem suchten. Masso ließ sich einige blecherne, wichtig und fast martialisch aussehende Maschinenkulissen zusammenschlossern, versah sie mit allerlei Rohren, Ventilen, Klappen, Knöpfen und Kaminen und stellte sie auf dem Gelände auf, das zwischenzeitlich durch eine hohe Umzäunung und ein beeindruckendes Portal samt leicht überdimensioniertem Firmenschild gesichert worden war. PYRODRAGON war schon von weitem zu lesen, in der Nacht durch mehrere leistungsstarke Halogenstrahler beleuchtet.

Natürlich war Massos Maschine nicht in der Lage, irgendein Problem außer dem seines schwindenden Finanzpolsters zu lösen. Eine technische Ausbildung hatte er nie genossen. Mit seinem geisteswissenschaftlichen Diplom verfügte er zwar über eine angemessene Bildung, um eloquent wirken zu können, aber nur seiner unerschöpflichen Phantasie und einigen zum jeweiligen Coup passend eingekauften akademischen Titeln war es zu verdanken, dass selbst deutlich kompetentere Personen als er hellhörig wurden, wenn er von seinen neuesten Erfindungen erzählte. Als Anrede bevorzugte er Dottore oder Professore.

Zu Massos Rechtfertigung muss man sagen, dass es ihm immer leichtgemacht wurde. Menschen lieben große Versprechungen. Je größer sie sind, desto weniger werden sie in Frage gestellt. Und Menschen lieben die Hoffnung, mehr als alles andere. Er wusste das genau. Natürlich wusste er auch, dass es immer Zweifler geben würde. Jene ließen sich jedoch leicht als Neider diskreditieren und wenn man nur ein ausreichend großes Publikum gewann, waren immer genug Leichtgläubige darunter, die man überzeugen konnte.

Eine weitere große Stärke Massos war es, einflussreiche oder anderweitig für ihn nützliche Menschen in Abhängigkeiten zu verwickeln. Dies gelang ihm, indem er sie mit nicht allgemein verfügbaren Informationen versorgte oder dadurch, dass er einfach manche Dinge, die er erfahren hatte, für sich behielt. So schuf er gewissermaßen ein sich selbst erhaltendes System. Man wusste, dass Masso Dinge wusste. Manche dieser Dinge erwiesen sich als nützliche Handelsware und wurden mit Gegenleistungen und dem Zugang zu weiteren Informationen honoriert. Andere waren eher als Druckmittel geeignet und man hoffte und bemühte sich, Massos Gunst nicht leichtfertig zu verspielen.

Mit Hilfe der genannten Abhängigkeiten gelang es Masso nun, alle notwendigen Zertifikate und Genehmigungen zu erhalten, die Pyrodragon als offiziellen Entsorgungsbetrieb für Gefahrstoffe auswiesen. Weiterhin erschien es ihm hilfreich, ein internationales Patent auf seinen Katalysator anzumelden. Dass dieses Patent niemals erteilt wurde, schon alleine aufgrund unzureichender und unplausibler Erläuterungen in den Antragsdokumenten, kümmerte ihn nicht. Wichtig war nur, dass seine Anmeldung mit einer offiziellen Patentnummer versehen war, die er in seine Prospekte drucken lassen konnte und die sich in den Karteien der Patentämter recherchieren ließ. Niemand würde auf die Details achten.

Nun, der Rest der Geschichte ist schnell erzählt. Zunächst wurde Masso als erfolgreicher Entrepreneur gefeiert, Tageszeitungen und Magazine waren voll des Lobes und Pyrodragon erhielt eine Menge Aufträge im Wert von einigen Milliarden Lire. Möglicherweise wurde Masso selbst von diesem gewaltigen Erfolg überrumpelt, denn es fiel ihm zunehmend schwer, die Mengen hochgiftiger Substanzen auf den üblichen Kanälen in stillgelegten Kiesgruben oder, vermischt mit harmlosem Hausmüll, in gewöhnlichen Deponien und Verbrennungsanlagen verschwinden zu lassen. Irgendwann wurden die Gefälligkeiten, die er von seinen Vertrauten erwartete, größer als die Verbindlichkeiten, mit denen er sie motivieren konnte. Und täglich rollten mehr Lastwagen auf sein Gelände, um sich ihrer giftigen Fracht zu entledigen. So stapelten sich bald mit Gefahrsymbolen markierte Fässer auf dem Pyrodragon-Gelände, wurden dort hastig im Schutz der Nacht vergraben oder in zügig errichteten Silos, Behelfshallen und Großzelten zwischengelagert.

Diese Vorgänge ließen sich auf Dauer nicht verborgen halten und so wurden nach und nach die zu dieser Zeit erstarkenden Umweltorganisationen der Region auf Pyrodragon aufmerksam. Es kam zu Anzeigen bei den Behörden, zu Bodenproben und Untersuchungsverfahren. Masso wusste, wann er sich auf einem sinkenden Schiff befand und leitete einen Konkurs ein, wobei er mit hohem Aufwand dafür sorgte, dass möglichst viel Kapital aus seinem direkten Einflussbereich verschwand und im Ernstfall nicht für Schadensersatzforderungen zur Verfügung stand. Das brachte ihm letztlich zum Verfahren aufgrund von Verstößen gegen Umweltschutzvorschriften auch noch eine Klage wegen Konkursbetruges sowie weitere wegen Steuerhinterziehung ein. Verbündete an strategisch wichtigen Positionen konnten verhindern, dass es in allen Fällen zu Verurteilungen kam.

»Hier, schauen Sie, Dottore, das sind die neuesten Forschungsergebnisse. Ich denke, diese Geschichte dürfte extrem interessant für Sie sein.«

Professor Giorgio Infanti legte einige farbig bedruckte Papiere nebeneinander vor Masso auf den Konferenztisch in seinem Dozentenbüro und rieb sich erwartungsvoll den nachlässig gestutzten Kinnbart.

Der Raum war mit zweckmäßigen, weiß beschichteten Spanplattenmöbeln ausgestattet. Die aluminiumgerahmten Fenster waren zum begrünten Innenhof ausgerichtet und von metallisch glänzenden, aus einem stabilen, pflegeleichten Material gefertigten Vorhängen umgeben. An den Säumen löste sich langsam die wasserfeste Beschichtung in kleinen Lamellen vom Trägerstoff. Auf den hellrot gepflasterten Pfaden im Hof eilten Studierende zu gerade beginnenden Vorlesungen, andere sammelten sich in kleinen Grüppchen auf den Rasenflächen sowie auf den Umrandungen der verwilderten Pflanzenbeete, um in der Morgensonne in Büchern zu blättern oder Notizen und Berechnungen zu diskutieren.

Massos Mobiltelefon gab ein kurzes Trommelgeräusch von sich. Sein Gesprächspartner machte eine Handbewegung, die symbolisieren sollte, dass er nichts dagegen habe, wenn Masso die Benachrichtigung annahm. Mit einem dankbaren Nicken griff Masso in die Innentasche seines Sakkos und angelte das brandneue Kommunikationsgerät heraus. Es war eine Nachricht von Amalia, ein Foto des gerade erworbenen Appartements in San Diego, dazu der unterschriebene Kaufvertrag. Meerblick, Palmen vor dem Haus, großer Balkon nach Südwesten. Er lächelte kurz auf seine übliche, leicht verkrampfte Art und steckte das Gerät mit einem zufriedenen, fast melodischen Summen zurück in die Jackentasche.

Der letzte Deal hatte sich gelohnt. Masso war es gelungen, nachdem er einige Kontakte in den USA geknüpft und andere, vorzugsweise mit italienischstämmigen Armeeangehörigen, reaktiviert hatte, das US-Militär davon zu überzeugen, in die Entwicklung einer hocheffizienten Solarzelle zu investieren. Letztlich scheiterte die Entwicklung, vorgeblich aufgrund einer Rohstoffknappheit und die gelieferten Prototypen entpuppten sich als ganz gewöhnliche, polykristalline Photovoltaikmodule aus Silizium. Aber die Verträge waren diesmal zu seinem Vorteil wasserdicht. Masso hatte gelernt.

»Fleischmann und Pons«, fuhr Infanti fort. »Es geht um Niedrigenergie-Transmutation, im Prinzip eine kalte Fusion. Liegt schon ein paar Jahre in der Schublade. Leider ist das Interesse an einer Replikation hier an der physikalischen Fakultät gering. Wir haben jedoch erfolgreich Versuche mit anderen Elementen durchführen können. Die Ergebnisse habe ich Ihnen kopiert. Wenn sich das technisch nutzen lässt, dürfte ein großer Teil des Energieproblems gelöst sein.«

Masso kniff die Augen zusammen und zog die Wangen ein wenig hoch, was einige Fältchen in seinem Gesicht vertiefte und seine Nase so noch etwas spitzer wirken ließ als sonst. Er griff in die Brusttasche seines hellbeige gestreiften Hemdes und zog eine schmale Lesebrille heraus.

»Sie können auf sämtliche mir verfügbaren Informationen zugreifen, Dottore Masso, die Bibliothek steht Ihnen offen und ich bin gerne bereit, Ihnen Zugang zum Labor zu verschaffen«, versicherte der Professor.

Die vergangenen Jahre an der Universität hatten Giorgio Infanti etwas zermürbt. Manchmal hatte er das Gefühl, mehr Zeit mit Anträgen für Forschungsbudgets zu vergeuden, als tatsächlich die Physik voran zu bringen. Gerade die Nuklearforschung, wie sie hier betrieben wurde, barg so viel Potential, so viele Geheimnisse, die gelüftet werden wollten. Hier lagen die Möglichkeiten verborgen, welche einige der aktuellen Probleme der Menschheit lösen konnten, da war er ganz sicher. Aber das war offenbar nicht auf herkömmliche Art, den akademischen Gepflogenheiten und Regeln folgend, zu erreichen.

Infanti wusste von anderen Universitäten, dass dort mit ähnlichen Hindernissen gekämpft wurde. Viele Institute waren dazu übergegangen, Partnerschaften mit Firmen, etwa aus der Technologiebranche, einzugehen. Noch hatte er den Ehrgeiz, irgendwann mehr zu erreichen, als nur gelegentlich in einem Paper zur physikalischen Grundlagenforschung zitiert zu werden, auch wenn ihm klar war, dass er die besten Jahre bereits hinter sich hatte. Er wollte höher hinaus. Einmal noch. Seine Hoffnung ruhte jetzt auf Massos Versprechungen.

»Danke, Professore, ich habe von dieser Geschichte gehört und Sie hatten davon bereits in einem Ihrer Briefe berichtet. Wir arbeiten seit Jahren an Verfahren zur alternativen Energiegewinnung und sind bereit, dafür einiges an Kapital zu mobilisieren. An Investoren mangelt es nicht. Ich schaue mir das genauer an. Geben Sie mir etwas Zeit. Nächsten Monat beziehen wir unser neues Entwicklungszentrum hier in Neapel. Die Fusion wird dort auf jeden Fall ein Thema sein.«

Von den gerade gehörten Begriffen wusste Masso nicht viel mehr als die Reihenfolge der Buchstaben in den Wörtern. Natürlich hatte er mitbekommen, dass unter anderem in Südfrankreich und im Norden Deutschlands Anlagen entwickelt wurden, mit denen sich irgendwann Atome verschmelzen lassen würden. Das Verfahren glich dem, welches in der Sonne ablief und dort eine nahezu unerschöpfliche Energiemenge freisetzte. Weiter ging sein Interesse bisher nicht, weil das alles milliardenschwere, staatliche Forschungsprojekte waren, in denen er keine Möglichkeit sah, Geschäfte zu machen. Immerhin war das Wort Fusion damit in aller Munde und mit gewaltigen Erwartungen verbunden. Dieser Umstand könnte ihm nun den Boden bereiten, eine Erfindung zu präsentieren, die mehr Aufmerksamkeit erregte als alles, was er je zuvor unternommen hatte.

 

Sturm

Zaphod schmiegte seine Wange fest an Ricardos Ferse, bis einige spitze Zähne hervorblitzten und machte dabei eigenartige Geräusche. Langsam robbte er an der Hosennaht entlang in Richtung Hüfte, zwängte sich zwischen die Rückenlehne der Couch und Ricardos Körper. Dabei hinterließ er einen feinen Saum silbriger Haare am Stoff. Das Tier litt ganz offensichtlich unter dem Aufmerksamkeitsmangel der vergangenen Tage.

Gedankenverloren streckte Ricardo seine linke Hand aus und kraulte den Kater sanft hinter dem Ohr, was dieser mit einem dankbaren Schnurren quittierte. Irgendetwas im Leben seines menschlichen Gefährten schien gerade wichtiger zu sein als er, wofür Zaphod nicht eine Spur Verständnis aufbringen konnte. Selbst die übliche Taktik, mit hoch aufgerichtetem Schweif und beleidigtem Gesichtsausdruck aus dem Raum zu stolzieren, hatte nicht für eine Veränderung zu seinen Gunsten gesorgt. Und so blieb ihm nichts anderes übrig, als mehrmals täglich aus Sicherheitsgründen zu inspizieren, ob der Zweibeiner noch ausreichend funktionstüchtig war, um im Ernstfall einen Dosenöffner betätigen zu können.

Der Herbststurm wehte kurze, eisige Schauer und mitunter ein aufgewirbeltes Blatt an der Fensterfront vorbei. Ricardo reckte sich, breitete die Arme aus und ließ den Blick über die Silhouette der Stadt schweifen. Der kupfergedeckte Kirchturm ragte unübersehbar in den Himmel, einige gläserne Bankentürme versuchten, ihn zu übertrumpfen. Das nasse Dach des neuen Konzerthauses glänzte im Licht unzähliger Scheinwerfer.

In der Ferne waren, halb im Dunst versunken, die Frachtkräne der Hafenanlagen zu erahnen, daneben die gewaltigen Stahlwände der Trockendocks auf den Schiffswerften. Ganz am Rand streckte sich die grazil wirkende Autobahnbrücke, unter der gerade ein riesiges, von Schleppern begleitetes Containerschiff kleine Rauchschwaden in die trübe Luft stieß, über die aufgewühlte Wasserfläche. Ein gutes Stück über dem Horizont blitzte gelegentlich ein dunkelgoldener Schein durch die schwarzen, schnell ziehenden Wolken und bemalte den unteren Teil des Bildes mit fächerförmigen Leuchtstreifen.

Das Türsignal holte Ricardo aus seiner herbstlichen Gedankenreise. Er öffnete das Kamerabild am Tablet und blickte auf ein papiernes Körbchen mit leicht gezackten Rändern. Best Sushi war darauf zu lesen. Dahinter zappelten dichte, kastanienfarbene Locken im Wind.

»Der Fisch wird nass!«, rief Marlen in das Mikrofon, ließ das Paket sinken und strahlte mit großen, grünen Augen in den Spion. Ricardo tippte den Türöffner auf dem Schirm an und begann hektisch, die überall verstreuten Papiere einzusammeln, um sie, eilig aufgestapelt, mit den blanken Zehen in eine Ecke zu schieben. Mit dem anderen Fuß kickte er fast gleichzeitig ein zerknülltes Paar Socken unter die Couch. An der Wohnungstür klickerten Fingernägel und er eilte patschend über den beheizten Granitboden des Wohnraumes, um zu öffnen. Zaphod folgte ihm neugierig dicht auf dem Fuß und freute sich über die lang ersehnte Abwechslung.

»Ric? Ricardo Torres?« gab sich Marlen überrascht.

»Hey, es waren nur drei Tage, Frau Bernstein!«, rechtfertigte er sich grinsend.

Aus dem hohen Flurspiegel blickte ihm eine stoppelige, leicht desorientiert dreinschauende Gestalt entgegen. Ungebändigte, spitze Haarsträhnen probten neue Formationen auf seinem Kopf, der aus einem verwaschenen, etwas zu weiten T-Shirt mit brustseitig aufgedrucktem Rockband-Logo und Tourneedaten auf dem Rücken ragte. Zaphod strich sanft um Marlens halbhohe Schuhe, wickelte seinen Schweif um ihre Knöchel und schnüffelte erwartungsvoll in Richtung des weißen Bündels an ihrer auf Hüfthöhe ruhenden Hand.

»Dann hast du bestimmt eine Menge zu erzählen?« fragte sie neugierig.

»Ja, allerdings, habe ich, komm rein!«, antwortete Ricardo lächelnd, während er ihr den rot gepunkteten, leicht feuchten Regenumhang von den Schultern zog und an einen der edelstahlglänzenden Garderobenhaken hängte. Mit der von einigen Wassertröpfchen benetzten Hand fuhr er sich durch die Haare, in der Hoffnung, dadurch etwas sortierter zu wirken.

»Es ist diesmal alles sehr unübersichtlich. Ich werde mehr Zeit brauchen, wie es aussieht.«

Ricardo versuchte, mit zwei Stäbchen ein hauchdünnes Blatt eingelegten Ingwers aus der kleinen Kunststoffschale zu ziehen.

»Ja, das habe ich mir gedacht«, stimmte Marlen zu. »Aber das sagst du ihm bitte selbst.«

»Klar, morgen. Dann bin ich zumindest so weit, dass ich erste Vorschläge präsentieren kann.«

 

Genie

»Ja, Professore Infanti, es ist alles bereit. Können wir uns morgen treffen, hier bei mir? Und wären Sie einverstanden, wenn wir das Experiment filmen?«, fragte Sergio Masso in das neben ihm liegende Telefon, während er mit zwei Fingern einen Text in die Tastatur seines Laptops tippte.

»Sie sind schnell, Dottore Masso, erstaunlich schnell«, krächzte es aus dem Lautsprecher. »Und ich muss gestehen, Ihre Pressemeldung hat mich mehr als überrascht. Besonders die Tatsache, dass ich dort meinen Namen las. Hatten wir das so vereinbart?«

»Die Zeit drängt, Professore, die Konkurrenz ist uns hart auf den Fersen«, gab Masso zu bedenken. »Da müssen wir gelegentlich etwas improvisieren. Bitte verzeihen Sie, wenn ich Ihnen dadurch Unannehmlichkeiten bereitet habe. Aber überlegen Sie, Professore, der Infanti-Masso-Energieconverter – klingt das nicht nach der Krönung Ihrer wissenschaftlichen Laufbahn?«

Masso war in den vergangenen Wochen nicht untätig gewesen. Er hatte seinen Freund und Anwalt Ramoni angewiesen, eine geeignete Gewerbeimmobilie in Neapel zu finden und anzumieten, während er selbst in San Diego alles für die Gründung seiner neuen Vermarktungsfirma Galileo Corporation vorbereitete. Das umfasste allerdings kaum mehr als die Abwicklung einiger Formalitäten sowie die Bereitstellung eines Briefkastens und eines Telefonbeantwortungsdienstes.

Grundsätzlich war Masso durchaus an technischen Dingen interessiert, bereits seit seiner Jugend. In der Praxis ging sein Interesse jedoch nie so weit, etwas vollständig verstehen zu wollen, als vielmehr bis zu dem Punkt, an dem sich etwas zu Geld machen ließ. Das beschränkte sich im Wesentlichen darauf, eine Täuschung auszuklügeln, die gut genug funktionierte, um potentielle Liquiditätsquellen anzuzapfen.

Und so versuchte er, auch den Aufwand für die Präsentation des neuen E-Converters, wie er die Apparatur nannte, so überschaubar wie möglich zu halten. Auf einer Reihe grauer Labortische standen in einem Nebenraum einer neapolitanischen Lagerhalle einige wichtig aussehende Messgeräte, deren Funktion für Masso jedoch unerheblich war, weshalb er sich auch nicht bemühte, sie anzuschließen. Ein Infrarot-Thermometer sowie ein elektrisches Leistungsmessgerät reichten für seine Zwecke völlig aus.

Der erste Prototyp seiner Erfindung bestand aus einem beidseitig verschließbaren Keramikrohr mit angeflanschten Heizmanschetten, außerdem einige Kabel, Steckverbinder, Schalter und Klemmen, weiterhin etwas Isoliermaterial. Dazu gesellten sich noch ein paar kleine Dosen mit Schraubdeckeln, die streng geheime Pülverchen enthielten und mit Zahlen beschriftet waren.

Auch seine rhetorischen Fähigkeiten mussten etwas aufgerüstet werden. Deshalb las Masso ausgewählte Artikel über Kernfusion und versuchte, Infantis Berechnungen zu begreifen, begnügte sich jedoch mit jenen Stellen, die ihm das notwendige Vokabular für sein Vorhaben vermittelten. Er hatte verstanden, dass bei der Fusion leichtere Elemente unter Freisetzung von Wärme und Strahlung in schwerere verwandelt wurden. Das war grob gesagt das umgekehrte Prinzip der Kernspaltung, die in gewöhnlichen nuklearen Kraftwerken genutzt wurde.

Den Ausführungen Infantis entnahm er, dass für sein Experiment chemische Elemente erforderlich waren, die im Periodensystem nebeneinanderlagen. Die Ergebnisse mussten zeigen, dass das leichtere der beiden unter Mitwirkung eines weiteren Elementes in das schwerere mutierte und dabei Masse in Energie verwandelt wurde.

---ENDE DER LESEPROBE---