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In dem Buch "Waren wir berabredet- 2 Tage voller Hausbesuche", nimmt uns die Ergotherapeutin Stephanie Birckmann mit zu ihren Hausbesuchen. Manchmal lustig, manchmal tragisch erzählt sie uns die Geschichten ihrer Patienten: Von Schicksalsschlägen, Familie und der Liebe.
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Seitenzahl: 62
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Stephanie Birckmann arbeitet seit vielen Jahren als Ergotherapeutin. Ihr Schwerpunkt ist die Arbeit mit neurologischen und geriatrischen Patienten. Mit ihren vier Kindern, einem Pferd, einem Hund und drei Katzen lebt sie in einem Bonner Vorort. Von ihr ebenfalls erschienen sind die Bücher:
Plötzlich Pflegefall
Sonniger Herbst
Mann 17
Die Abenteuer von Kallefrosch
Über die Autorin
Vorwort
Kurzes Glück
Frühlingserwachen
Schönes Kind
All you need is love
Dingsda
Mitgefangen, Mitgehangen
Träume
Albtraum
Et hätt noch immer allet jut jejangen
Vergangene Liebe
Lebensretter
Preis der Liebe
Dem wo tot ist
Nachwort
Seit über 20 Jahren fahre ich nun auf Hausbesuch. Ich besuche meine Patienten in ihrem eigenen Haus, der gemeinsamen Wohnung, im Seniorenheim, in einer betreuten Wohngemeinschaft oder im Krankenhaus. Viele der Damen und Herren begleite ich über Jahre, oder sogar Jahrzehnte und einige bis zu ihrem Tod. Die Geschichten die man mir im Laufe alle dieser Jahre erzählt hat, die Einblicke die mir gewährt wurden, die unterschiedlichsten Erfahrungen und Lebensumstände die diese Herrschaften erlebt haben, bewegten mich oft sehr. Manches bringt mich zum Lachen, vieles zum Nachdenken und einiges sogar zum Weinen. Besonders beindruckt bin ich angesichts der Zähigkeit und Tapferkeit insbesondere der älteren Generation, die noch den Krieg mit all seinen Entbehrungen und Opfern miterlebt haben und sich dennoch nie haben unterkriegen lassen. „Gejammert wird nicht“ höre ich oft und lasse mir gerne stets aufs Neue beschreiben wie man bei Wind und Wetter täglich von Bonn nach Köln zu Fuß gegangen ist oder noch weitere Entfernungen mit einem alten klapprigen Fahrrad zurückgelegt hat. Natürlich hatte man auch nicht immer die passende Winterkleidung an, so wie unsereins heutzutage selbstverständlich mit Gore tex Kleidung und bequemen Wanderschuhen ausgerüstet so eine Wanderung antreten würde. Auch handelte es sich natürlich nicht um neue mehrgängige Fahrräder, sondern alte Klapperkisten die im Glücksfall eine funktionierende Bremse hatten.
Alles kaum vorstellbar heutzutage, meine Kinder beklagen sich schon gelegentlich wenn sie den „weiten“ Weg bis zur Bushaltestelle zurücklegen müssen. Wie selbstverständlich wurde früher gearbeitet, Kinder bekommen, der Haushalt ohne die ganzen modernen Hilfsmittel wie Waschmaschine, Spülmaschine, Trockner usw. geführt, OHNE zu jammern. Heute haben fast alle Rücken, Kopfweh und/oder Burnout.
Kaum vorstellbar wie wir alle überhaupt mal 70 werden wollen! Die mittlerweile oft über 90jährigen beklagen sich auffallend selten und sind meist schon am frühen Morgen komplett angezogen vorzufinden. Trotz Arthrose, schlechtem Schlaf und sicherlich noch vielen anderen Alterserscheinungen stellen sie sich eisern jeden Morgen den Wecker, absolvieren die sich selbst auferlegten Pflichtprogramme (waschen, anziehen, zehn Kniebeugen, 8 Minuten aufs Heimfahrrad, 20 x die Arme kreisen lassen usw.) um dann frühzeitig mit allem fertig zu sein. Es könnte ja mal jemand unverhofft klingeln und dann wäre man nicht richtig angezogen. Was würde derjenige dann von einem denken…
Aber auch so manches Schicksal jüngerer Menschen ließ mich nachdenklich werden und nicht selten schämte ich mich, angesichts meiner eigenen Undankbarkeit und meines Anspruchsdenkens. Wie oft beschwere oder ärger ich mich über Nichtigkeiten wie verpasste Busse, lange Wartezeiten, nicht funktionierende Haushaltsgeräte oder Gewichtszunahmen – während der ein oder andere seit Jahren bettlägerig ist, täglich mit Schmerzen kämpft und dennoch immer ein freundliches Wort für mich parat hat wenn ich zu Besuch komme. Die folgenden Hausbesuche haben sich so oder so ähnlich zugetragen. Alle Personenbeschreibungen und Namen sind jedoch rein fiktiv gewählt. Ebenso wurden Ereignisse, Zeitpunkte und Orte stark abgewandelt.
„Es sind nicht die Jahre deines Lebens, die zählen. Was zählt, ist das Leben innerhalb der Jahre.“
(Abraham Lincoln)
„Das Leben ist kurz. Brich die Regeln, verzeihe schnell, küsse langsam, liebe wahrhaftig, lache hemmungslos und bedauere niemals etwas, das dich zum Lächeln gebracht hat.“ (Mark Twain)
„Nehmen Sie sich vor der in Acht! Die ist nur auf Krawall gebürstet!“ gibt mir die Stationsschwester zusammen mit der Verordnung noch mit auf den Weg.
Die Dame, die ich an diesem Morgen in ihrem Zimmer aufsuche, schaut mich erwartend aus ihrem Rollstuhl an. Ich stelle mich kurz vor und biete ihr meine Unterstützung an. Ungeduldig und fast unwirsch bittet sie mich doch lieber endlich loszulegen. Im Seniorenheim wo sie nun seit fast 3 Wochen lebt, hat sie es sich mit den meisten Bewohnern und dem Pflegepersonal bereits verscherzt. Dabei fühlt sie sich nur falsch verstanden und will niemanden beleidigen oder gar verletzen, wie ich schon sehr bald herausfinde. Ihr manchmal etwas ruppiger Ton entsteht nur aus Frustration von Niemandem angehört oder ernst genommen zu werden. Keiner nahm sich bisher die Zeit ihr zu erklären, warum dies oder das mit ihr gemacht werden muss oder nicht gemacht werden kann. Dabei war sie doch bis vor kurzem ein selbständiger Mensch, hatte alles allein geregelt und niemanden um Hilfe bitten müssen. Schon bald erzählt sie mir, dass sie vier Kinder großgezogen hat und bereits drei Enkelkinder hat. Auch ein eigenes Haus mit großem Garten hätte sie ihr Eigen genannt.
Dort hatte sie bis zuletzt einen großen Nutzgarten gepflegt und sich an der reichhaltigen Ernte erfreut. Salat, Tomaten, Bohnen, Kartoffeln, Kräuter, Äpfel, Birnen, Pflaumen, Himbeeren, Erdbeeren hatte sie Jahr für Jahr geerntet und eingekocht. Ihr ganzer Stolz jedoch waren ihre Rosen, diese blühten mehrere Monate im Jahr so üppig, dass oftmals Passanten vor ihrem Haus stehen blieben und die Blumen bewunderten, die dort so wundervoll in ihrem Vorgarten wuchsen. Das ein oder andere Gespräch war so wie von selbst entstanden und da sie immer schon ein sehr kommunikativer Mensch gewesen war, hatte sie sich oft auch nur in der Hoffnung auf ein nachbarschaftliches Gespräch vor dem Haus aufgehalten.
Mit ihrem damaligen Mann und den Kindern hatte sie viele glückliche Jahre in diesem Haus verbracht. Zeit ihres Lebens war sie Hausfrau und hatte sich mit viel Freude um die Kinder und den Haushalt gekümmert. Geheiratet hatte sie schon früh, weil „etwas unterwegs“ war und es sich damals einfach nicht anders geschickt hätte. Wenn es auch nicht die große Liebe gewesen sei, habe man sich doch immer arrangiert und es sei nie ein böses Wort zwischen ihnen gefallen. Viel zu schnell waren die Kinder dann erwachsen geworden und einer nach dem anderen ausgezogen. Dann war ihr Mann erkrankt und schon bald danach gestorben. Erstmalig in ihrem Leben war sie nun allein in ihrem Heim und die Einsamkeit brach schon bald über sie hinein. Die ersten Tage und Wochen hatten sich die Kinder sehr um sie bemüht und abwechselnd war täglich eines der Kinder nach Hause gekommen. Aber das Leben ging weiter und die Kinder hatten nun ihr eigenes Zuhause, ihren Beruf, ihre Verpflichtungen und nach und nach auch ihre eigenen Familien.
Während der einsamen Abendstunden versuchte sie sich mit Stricken, Häkeln, Malen und Töpfern zu beschäftigen, aber die Einsamkeit ertrug sie nur sehr schlecht. Auch wenn stets der Fernseher oder das Radio eingeschaltet war, konnte dies nicht einen realen Gesprächspartner ersetzen.
Als schon mehrere Jahre vergangen waren und sie sich schon fast – mehr schlecht als recht – mit dem Alleinsein abgefunden hatte, war ihr dann eine Annonce in ihrer Tageszeitung in die Hände gefallen: „Es ist nie zu spät für ein bisschen Glück! Rüstiger Witwer (73) sucht unternehmungslustige Dame für gemeinsame Unternehmungen.“ Wieso eigentlich nicht, hatte sie damals gedacht und dem unbekannten Herrn einen Brief geschrieben. Schon bald darauf hatte dieser sehr nett darauf geantwortet und ein Treffen vorgeschlagen.
„Wissen Sie, es war Liebe auf den ersten Blick!“ vertraute sie mir später an und erzählte mir von
