Verlag: Drachenmond Verlag Kategorie: Abenteuer, Thriller, Horror Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

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E-Book-Beschreibung Warrior & Peace - Stella A. Tack

Es gibt fünf Dinge, die du wissen solltest, bevor du dieses Buch liest: 1. Mein Name ist Warrior Pandemos und seit Neuestem bin ich eine Chaos-Göttin. 2. Leider habe ich noch nicht herausgefunden, wie ich diesen Job kündigen kann. 3. Bei unserer hirnrissigen Mission, die griechischen Götter aus dem Olymp werfen zu wollen, haben wir nicht nur versagt, uns wurde sprichwörtlich der Arsch aufgerissen. 4. Weil das Schicksal eine miese Bitch ist, wurde ich auch noch von einem Gott gekidnappt. Sein Name ist Virus (Sohn der Nemesis / grüne Haare / sarkastischer Idiot / schizophren…) 5. Er will Peaces Platz als Gottvater in der Elite streitig machen und bietet mir dafür einen Deal an: Er holt jemanden für mich von den Toten zurück, wenn ich ihn heirate. Und ich? Ich weiß verdammt nochmal nicht, was ich tun soll.

Meinungen über das E-Book Warrior & Peace - Stella A. Tack

E-Book-Leseprobe Warrior & Peace - Stella A. Tack

Warrior & Peace

Göttlicher Zorn

Stella A. Tack

Copyright © 2018 by

Drachenmond Verlag GmbH

Auf der Weide 6

50354 Hürth

http: www.drachenmond.de

E-Mail: info@drachenmond.de

Lektorat: Lillith Korn

Korrektorat: Pia Euteneuer

Satz: Marlena Anders

Layout: Michelle N. Weber

Umschlagdesign: Stella A. Tack & Leander Fritsche

Bildmaterial Umschlag: Shutterstock & Envato Elements

Bildmaterial Innenteil: Shutterstock

Illustration Seite 485: Sanny Sanary

ISBN 978-3-95991-465-9

Alle Rechte vorbehalten

Für Astrid,

die wie ein echter Drache für Warrior & Peace gekämpft hat.

Inhalt

1. Error. Stopp. Danke, kommt später wieder

2. Shames Schlüpfer waren mir im Augenblick egal …

3. Große Göttinnen weinen nicht

4. Du bekommst eine Einladung zu unserer Hochzeit

5. Und hier, holde Dame, sehen Sie zu unserer Rechten ein Klo

6. Äh … warum befummelt der Boss Luft?

7. Slasher-Film-Szenario

8. Ich rechtfertige mich nicht vor abgeschnittenen Köpfen!

9. Warrior und Charming. Wenn Götter bluten …

10. Keiner heiratet hier in Schlabberhosen

11. Das Problem hat grüne Haare, einen Egokonflikt und sitzt vor mir

12. Ein Geschenk für Rauch und Asche

13. Mein Wahnsinn und ich sind uns einig …

14. Familie lässt einander nicht im Stich

15. Böser Peace! Aus! Schneid ihm die Zunge raus

16. Und was wird das jetzt? Vergewaltigung mit Varietät?

17. Seitdem fehlt mir ein Achtel meines linken mittelkleinen Zehs

18. Das. Ist. Ein. Blöder. Plan

19. Du hast ihn mit deinem Hello-Kitty-Tennisschläger vermöbelt?

20. Ich bin so fertig, ich fühl nur noch aua

21. Willkommen zurück! Schön, dass ihr nicht abgekratzt seid!

22. Haben sie mich gerade rausgeworfen?

23. Love Fangs, Dirty Little Biscuit und Loverpowerbone

24. Das Universum hat schon einen krass perversen Sinn für Humor

25. Wenn ich gewinne, geht Brave in die Liebesschaukel!

26. Eine Katastrophe kam auf uns zu

27. Toll, vom Regen in die Traufe

28. Beisszahn und Co

29. Haben Sie die Befugnis dazu, Miss Pandemos?

30. Klappe halten und anschnallen!

31. Spuck. Würg. Röchel. Spuck. Würg. Würg. Kurzer Todeswunsch. Wieder spuck

32. Ich war neu, besser, böser

33. Kein Weinen. Kein Flehen. Kein Beten

34. Ist die Einhornmilch laktosefrei?

Epilog

Danksagung

Über die Autorin

Eins

Error. Stopp. Danke, kommt später wieder

Madox war tot.

Ich wusste es, tief in den Knochen.

Madox war …

Er war …

Mein Magen zog sich ruckartig zusammen. Die Galle schoss mir die zerschnittene Kehle nach oben. Ich rang nach Luft. Es fühlte sich an, als würde mein Hirn an diesen drei Worten ersticken.

Madox ist tot.

Allein bei dem Gedanken ging ich innerlich zugrunde. Er war wie ein Echo, das, statt leiser zu werden, stetig anschwoll und dabei von der Schädeldecke zurückgeworfen wurde.

Mein Bruder hatte nicht überlebt. Ein kurzer Blick in seine lindgrünen Augen war alles, was mir von ihm geblieben war, bevor die Flammen der Explosion ihn gefressen hatten. Noch immer sah ich die Angst in seinem Gesicht. Die Verzweiflung. Ich bildete mir ein, den Geruch verbrannter Federn in der Nase zu haben. Das Brüllen der Flammen in den Ohren.

Und ich … ich hatte ihm nicht helfen können.

War zur Bewegungsunfähigkeit verdammt gewesen, während er …

Ich würgte.

Der Schnitt an meiner Kehle klaffte so weit auf, dass mein Kopf nach hinten baumelte, während ich wie eine leblose Puppe in Charmings Armen lag. Durch meine zerschnittene Luftröhre pfiff die kalte Luft. Mein Körper verkrampfte sich. Der blanke Horror durchzuckte mich und jagte durch mein Fleisch wie einer von Peace’ Blitzschlägen. Höchstwahrscheinlich sah ich aus wie einer dieser toten Frösche, die man mit zwei Drähten wieder zum Zappeln brachte. Meine Lippen formten einen lautlosen Schrei.

Madox war tot.

Mad.

Mein Mad.

Er war …

»Schht. Alles in Ordnung. Beruhige dich!«, hörte ich Charming dicht an meinem Ohr flüstern. Sein warmer Atem kitzelte meine Wange. Die Stimme des Gottes drang nur langsam und verzerrt zu mir durch. Ich zitterte. Schmeckte süßes Götterblut, Tränen und dunkle Magie auf meiner Zunge. Mein Blick zuckte hektisch umher. Wo waren wir? Die Höhle! Das Tartaros-Wesen hatte das Maul immer noch weit aufgesperrt und wartete auf uns. Seine Zahnreihen leuchteten wie tote Bäume vor uns auf. Kahl und Unheil bringend wie in einem verwunschenen Märchenwald. Ich erkannte die Schemen der anderen Götter, wie sie langsam darauf zugingen. Fade. Trick. Raised und Honor, der seinerseits den schlaffen Körper von Peace trug. Peace! Mir wurde schwarz vor Augen, als ich an sein zerschossenes Gesicht dachte. In diesem Augenblick klinkte sich mein Verstand aus. Eine Leitung brannte durch und schaltete ab.

Error.

Stopp.

Danke, kommt später wieder.

Mein Körper verfiel in Schockstarre. Weigerte sich, weiter nachzudenken.

»Schlaf ein wenig«, befahl Charming und wischte mir sanft warmes Nass von den Wangen.

Was war …? Oh. Wann hatte ich zu weinen begonnen? Tropfen um Tropfen benetzte Charmings Arme, die mich fest an seine Brust drückten und trugen. Eventuell schnodderte ich ihn auch voll, aber das konnte ich im Augenblick nicht ändern.

»Alles wird gut«, versprach er mir. Wir wussten beide, dass er log. Nichts würde jemals wieder gut werden. Vor allem nicht ich. In meinen Ohren summte es. Ich fühlte mich leer. So schrecklich leer und einsam. »Das war erst der Anfang«, fügte Charming leise hinzu.

Ich wusste nicht, ob das ein beruhigendes Versprechen oder eine Unheil verkündende Drohung sein sollte. Allerdings war ich viel zu erschöpft, um mir darüber den Kopf zerbrechen zu können. Die Leere in mir erdrückte jeden weiteren Gedanken. Mein Verstand schützte sich vor sich selbst. Vor dem Wahnsinn, der mich mit Madox’ grünen Augen anstarrte und lachend an meinem Hirn kratzte.

Madox.

Ich schloss die Augen. Sie brannten wie Feuer. Das Gefühl in meiner Kehle war ekelhaft. Das eigene Fleisch klaffte auf, während sich die Kälte in die Öffnung zwängte. Wie bei einem filetierten Fisch, der im Todeskampf nach Luft schnappte. Ich erstickte, ohne zu sterben. Charmings Magie summte auf meiner Haut. Sein Geruch stieg mir in die Nase, süß und würzig wie Madox. Der hatte auch immer wundervoll gerochen. Nach Zuhause. Nach Zimt, Schokoladenduschgel und den Pop Tarts, die er sich heimlich reinpfiff. Reingepfiffen hatte, korrigierte mich eine hässliche Stimme in meinem Kopf. Ich würgte abermals.

»Schlaf!«, flüsterte mir Charming ins Ohr und ich fühlte, wie der Befehl in mein Hirn kroch, sich dort einnistete und mich hinabzog. Meine Finger zuckten. Mein Atem beruhigte sich langsam, ging tiefer und gleichmäßiger. Die Lider fielen bleischwer nach unten. Alles in mir lechzte danach, wie befohlen einzuschlafen, aber es ging nicht. Etwas hielt meinen leer gefegten Geist wach, ließ mir keine Ruhe. Immer wieder sah ich die Bilder vor mir.

Spades Lachen in meinem Ohr, als er mir das Messer an die Kehle hielt.

Der Schuss aus Madox’ Pistole.

Wie das dazugehörige Projektil in Peace’ Gesicht einschlug.

Silbernes Blut.

Die Angst und Verzweiflung in den Augen meines Bruders, als die Explosion ihn erfasste.

Erneut setzten die Krämpfe ein. Der Schock überlagerte selbst Charmings Magie.

»Was ist mit ihr?« Ich hörte Raiseds besorgte Stimme neben mir.

Charming schnaufte. »Sie hat einen Schock. Ihre Magie wehrt sich gegen meine.«

Ich röchelte. Die Seelenreste von Hades und Herakles flossen wie zäher Teer durch mich hindurch, verstopften meine Kehle und tropften schließlich mit etwas Speichel aus dem Mundwinkel. Es schmeckte bitter.

Madox! Peace! Spade! Madox! Peace! Spade!

»Das sieht übel aus!« Raised klang panisch.

»Ich weiß. Wir müssen uns beeilen. Der Doc wird wissen, was zu tun ist.«

Mir wurde heiß. Viel zu heiß. Die Magie in mir wütete in meinen Eingeweiden wie ein Tier, das an seinen Ketten riss. Der Basilisk auf meinem Handgelenk krümmte sich unruhig. Seine feinen Schuppen rieben dabei über meine Hand. Er war kurz davor, von mir abzuspringen.

»Schnell!« Die Götter liefen hastiger. Das Klatschen ihrer Füße hallte an den Wänden der steinernen Höhle wider. Plötzlich sprang Charming. Ein Luftzug riss an meinen Haaren, strich über meine glühende Haut. Mein Magen sackte ab, als wir in den Schlund des Tartaros stürzten. Ich hörte das Zuschnappen der Zähne und roch die uralte Magie, die uns dabei einhüllte. Der Tartaros verschluckte uns erneut. Zuvor ein Gefängnis, jetzt flüchteten wir zurück wie geschlagene Ritter in ihre Bastion. Der Schmerz bohrte sich wie lange Stricknadeln in meine Eingeweide und rührte einmal fest um. Ich krümmte mich. Meine Haut spannte, schnürte sich eng um meine Knochen, die pulsierten, als würden sie jederzeit aufbrechen. Meine Flügel zuckten unkontrolliert aus dem Rücken hervor.

Charming fluchte und seine Hände rutschten an mir ab. Ich fiel haltlos, klatschte gegen den feuchten, schleimigen Hals des Wesens. Mein rechter Flügel knirschte, als ich mich dabei überschlug. Ein paar der feinen Knochen zerbarsten unter dem heftigen Aufschlag. Als hätte man ein Radio lauter gestellt, hörte ich plötzlich die anderen Götter erschrocken aufschreien. Sie riefen meinem Namen. Doch ich konnte mich nicht bewegen. Was lähmte mich? Der Schock? Charmings Magie? Meine eigene? Selbsthass?

Was immer es war, ich fiel willenlos wie eine Marionette, der man die Fäden durchtrennt hatte. Schrammte den Hals hinab, stürzte immer tiefer.

»Gefährtin!« Das war Peace’ Stimme. Weit entfernt und so panisch, dass ich das Unmögliche vollbrachte und tatsächlich die Augen aufriss. Als wäre es ein Befehl, dem ich mich nicht widersetzten konnte. Eine Sekunde sah ich den Gott als hellen Fleck mit wild peitschenden blauen Haaren am blutroten Himmel. Danach kam der Aufschlag.

Eine gigantische Staubwolke stob auf. Ich biss mir auf die Zunge, durchtrennte sie wahrscheinlich, denn augenblicklich füllten Sturzbäche aus Blut meinen Mund. Meine Flügel zerrissen wie Papier. Bereits zweimal war ich von solch einer Höhe gestürzt. Damals, als die Götter mich in den Tartaros geworfen hatten, und als ich mit Madox vom Olymp in die Hölle gestürzt war. Die Erinnerung daran war überraschend frisch. Vor allem daran, wie es sich angefühlt hatte, als mein Körper in seine Einzelteile zerlegt worden war. Der Boden unter mir grollte, während mein Körper eine tiefe Schneise durch den sandigen Grund pflügte. Meine Knochen ächzten, hielten aber wie durch ein Wunder stand. Die Magie preschte wie ein wildes Tier durch meine Adern. Die Stärke der Göttin in mir hielt trotzig den Naturgesetzen stand.

Das war wohl jener denkwürdige Augenblick, in dem ich bemerkte, wie sehr ich mich verändert hatte. Und das innerhalb weniger Wochen. Im Grunde ab dem Moment, als Peace in mein Leben getreten war. Ein irrationaler, vor Kummer und Schmerz zerstörter Teil von mir wünschte sich in diesem Augenblick, diesem wunderschönen, seelenlosen Gott niemals in die Arme gelaufen zu sein. Denn egal, wie kaputt ich mich fühlte, wie zersplittert und gebrochen: Mein Körper war es nicht und würde es nie mehr sein. Im Gegensatz zu meinem Bruder konnte ich nicht sterben, ihm nicht folgen. Ich war inzwischen zu stark. Trotzte den Gesetzen der Natur, die bei solch einem Sturz mein Leben gefordert hätten. Doch die Unsterblichkeit ließ sich nicht länger unterdrücken. Was dort unten zersplittert war, war der Rest meiner Menschlichkeit. Sie hinterließ etwas vollkommen Unbekanntes. Noch während das Dröhnen des Aufpralls in meinen Ohren widerhallte, fühlte ich meine Zunge heilen. Der Rest von Herakles’ Seele quoll aus mir heraus und landete als schwarzer Schleim im Sand. Ich drehte mich zur Seite und würgte. Der Schnitt an meinem Hals pulsierte. Er zog sich rhythmisch zusammen, während Blut und Seelenreste mich gleichermaßen verließen. Ich röchelte. Schrie. Der Schmerz zerrte an meinen Nervenenden und Muskelsträngen.

»Warrior!« Einer der Götter – ich wusste nicht genau, welcher – landete neben mir. Der Sand peitschte immer noch heulend durch die Luft.

Dem Basilisken wurde es endgültig zu viel. Energisch riss er sich von meiner Haut los. Sein gigantischer Leib dehnte sich aus, bis er die stattliche Größe eines Hochhauses angenommen hatte. Sein Körper schloss einen beschützenden Kreis um mich, während seine drei Köpfe böse zischten. Mehr Götter landeten. Doch alles, was ich fühlte, war … Madox.

Ich krümmte mich. Spuckte einen Schwall Sand aus, von dem ich nicht wusste, dass ich ihn verschluckt hatte. Der Basilisk preschte auf die umstehenden Götter zu. Er verstand meinen Schmerz nicht. Den Hintergrund dafür. Er reagierte nur instinktiv auf die Verzweiflung, die in meinem Inneren herrschte. Die Götter stoben fluchend auseinander.

»Warrior! Pfeif das Vieh zurück«, hörte ich Raised schreien. Meine Finger gruben sich in den heißen Boden, während meine Kehle weiterhin verheilte. Gierig sog ich den Sauerstoff tief in meine Lunge, die daraufhin ächzte.

Neben mir verdichtete sich der zuvor erbrochene Schleim, ballte sich zusammen und formte sich träge zu Herakles’ Körper, der sich nach Luft schnappend aufsetzte. Herakles sah so desorientiert aus, wie ich mich fühlte. Seine blassen Augen zuckten zwischen mir, dem Basiliken und den anderen Göttern hin und her. Trotz seiner offensichtlichen Verwirrung schien er die Situation erstaunlich schnell zu erfassen. Wie ein flinkes Wiesel sprang er auf die Füße, schenkte mir einen gehetzten Blick und rannte davon. Ich sah ihm stumm hinterher. Der Basilisk wütete indessen durch den Sand, vollkommen auf die Götter fixiert, die ihrerseits auf das Monster achteten, während sich Herakles aus dem Staub machte.

Meine Finger zuckten. Ich sollte etwas tun. Was hatten wir nicht alles riskiert, um diesen einzigen bescheuerten Gott einzufangen?

Madox. Ruckartig schnürte es mir die frisch verheilte Kehle zu. Schmerz jagte durch meine Eingeweide und brachte mich zum Wimmern. Madox war gestorben, für Peace’ Mission, seine blutdürstige Rebellion. Peace hatte darauf bestanden, dass ich mitkam. Untrainiert, weil er ungeduldig gewesen war. Weil wir die Götter hatten einfangen müssen – und jetzt kratzte der einzige Triumph in diesem ganzen Fiasko die Kurve. Alles war umsonst gewesen. Wir hatten so kläglich versagt, dass wir mit dieser Aktion den ersten Platz im Guinnessbuch der jämmerlichen Failrekorde belegen würden. Ich schluchzte und um mich herum wütete Chaos. Die Götter versuchten verzweifelt, an dem Basilisken vorbeizukommen.

Plötzlich roch ich Ozon. Blitze knisterten in der Luft und schlugen so hart ins Herz des Basilisken ein, dass es ihn zurückschleuderte. Der lange, schuppige Körper krümmte sich im aufgewühlten Sand. Sein Schrei zerriss die schwüle Hitze. Vibrierte in meinem Trommelfell. Er zerbarst zu nutzlosen Rauchpartikeln, die Augenblicke später auf meinen Körper zurückkehrten.

Ich wimmerte, als der Tod des Schlangentiers mein Herz zusammenquetschte. Trotzdem rührte ich mich nicht vom Fleck. Wenn ich Glück hatte, traf mich auch einer von Peace’ Blitzen und ich würde zu Rauch verpuffen. Dann würde zumindest dieser Schmerz aufhören. Dieses Loch in meiner Seele, das mein Bruder hineingerissen hatte. Leider geschah nichts dergleichen. Stattdessen fühlte ich zwei starke Hände, die mich packten und auf den Rücken drehten. Ich starrte nach oben. Peace stand über mir. Das blaue Haar fiel ihm wirr in die zerschossene Stirn. Die Wunde hatte sich noch nicht geschlossen. Silbernes Blut rann ihm über das Gesicht und tropfte über das Kinn. Es hatte etwas Hypnotisches an sich. Der Platz an seinem ehemals rechten Auge war leer und fleischig. Der Knochen, der einst die Augenhöhle eingefasst hatte, schimmerte hervor. Die Haut roch verbrannt und Schmauchspuren zogen sich über seine Wange bis zu seinem Ohr hinauf. Mehr als die Hälfte seines Gesichts war zerstört worden. Genau wie mein Inneres. Nur dass man mich wahrscheinlich nicht mehr zusammenflicken konnte.

»Warrior!«, hauchte er zitternd. Der blanke Horror stand ihm ins blasse Gesicht geschrieben. Er tastete hektisch über meinen Körper. »Bist du verletzt? Kannst du atmen? Wo hast du Schmerzen?« Die Worte schossen aus seinem Mund wie knallharte Befehle.

Ich röchelte. Das musste als Antwort genügen.

»Gefährtin! Mach den Mund auf! Wo sind deine Verletzungen?« Grob schüttelte er mich. Ich spürte seine Angst um mich in jedem hektischen Atemzug, jedem Zittern seiner Finger.

Peace’ Gestalt verschwamm unter dem Schwall aus Tränen, der meine Augen füllte. Warum fragte er überhaupt nach meinen Verletzungen? Hatte er eine Ahnung, wie er aussah? Jemand musste ihn dringend zum Doc schaffen und zusammenschustern. Ich selbst war vollkommen zufrieden damit, hier liegen zu blieben und einen Nervenzusammenbruch zu bekommen. Nein … Moment … den hatte ich längst. Hätte ich schon viel früher machen sollen.

»Warrior, komm zu dir!«

Es klatschte. Meine Wange brannte. Ich blinzelte irritiert und fixierte Peace. Diese Ohrfeige … aua! Das war häusliche Gewalt, war ihm das klar? Normalerweise hätte ich ihm für diese Aktion den Arsch aufgerissen. Sein herausfordernder Blick schien genau diese Reaktion aus mir herauskitzeln zu wollen. Doch mein Hirn machte schlapp. Meine Finger zuckten, ansonsten tat sich bei mir nichts.

»Was ist mit ihr?« Charming tauchte neben uns auf. Sein blondes Haar wehte im Wind der roten Wüste und sein Gesicht war, wie offenbar bei uns allen, zur Unkenntlichkeit mit Dreck verschmiert. Zerflossener Kajal malte schwarze Streifen rund um seine Augen. Er erinnerte mich an einen niedlichen Waschbären.

»Ich weiß es nicht«, presste Peace hervor. »Sie reagiert einfach nicht.«

»Peace!« Raised tauchte ebenfalls auf. Er sah nicht minder mitgenommen aus als Charming oder Peace. Seine braune Hand legte sich auf Peace’ linke Schulter und drückte sie eindringlich. »Wir sollten von hier verschwinden. Charming oder ich nehmen Warrior. Du musst zum Doc. Jetzt!«

»Nein!«, sagte Peace.

Bei den Göttern! So viel Sturheit in einem so kurzen Wort.

Raised knurrte frustriert. »Nichts für ungut, Alter, aber dein Gesicht sieht aus, als hättest du bei Saw verloren.« Raised brachte es eindeutig auf den Punkt.

»Erst muss ich wissen, ob es Warrior gut geht!«

»Peace …«

»Sie bewegt sich nicht! Sie sagt nichts und ich fühle … keine Ahnung … nichts. Warrior, sag was.« Wieder schüttelte er mich verzweifelt.

Hilflos starrte ich ihn an.

Raised warf seinem Freund einen bestimmten Blick aus pechschwarzen Augen zu. »Peace, ganz im Ernst. Warrior geht es beschissen. Ihre Seele schreit innerlich so laut, dass ich taub werde. Vielleicht nimmst du sie besser mit. Wir können ihr wahrscheinlich gerade nicht helfen. Nicht so.« Er deutete abfällig auf den heißen, aufgewühlten Sand. Schöner Sand. Netter Sand. Hier konnte ich bleiben. Für immer.

Peace’ Gesichtsfarbe wechselte in so kurzer Zeit die Farben, dass er locker einen Job als Chamäleon hätte bekommen können. Erst rot, weiß, dann leicht gelbstichig, bis er wieder bei käseweiß angelangt war. »Was ist mit dir?«, fuhr er mich an. Er packte mich und hob mich hoch, obwohl er sich selbst kaum auf den Füßen halten konnte. Wir taumelten. Ich rutschte in seinem Griff hinab und schlug erneut auf, ohne mit der Wimper zu zucken.

»Was ist mit dir?«, brüllte Peace wieder. Durch sein Auge huschten Schatten, deren Bedeutung ich nicht erfassen konnte. Ich ignorierte sie. Manche Dinge sollte man nicht genauer ergründen.

»Peace!« Das war Charming. Eine seltene Härte schlich sich in seine üblicherweise sorglose Stimme. »Wir sind für den Tod ihres Bruders verantwortlich. Ich glaube, das ist los.«

Peace, der gerade noch den Mund aufgerissen hatte, um seinem Frust freien Lauf zu lassen, hielt inne. Beinahe hätte ich eine Augenbraue hochgezogen. Kapierte er es wirklich erst jetzt? Zugegeben, in seinem Kopf klaffte ein Loch so groß wie ein Golfball, was schnelles Denkvermögen wahrscheinlich nicht unbedingt gewährleistete. Aber was glaubte er denn? Er hatte dafür gesorgt, dass der halbe Tartaros, mein Zuhause, in die Luft gejagt worden war. Das war nicht: Ups, scheiße gelaufen, sorry. Das war … ich wusste nicht, was, aber es weckte den Wunsch in mir, das Loch in seinem Kopf zu stopfen. Mit seinem Penis zum Beispiel. Seinetwegen war Madox tot. Ebenso wie Spade und vermutlich alle Wesen in den umliegenden Ebenen. Hunderte! Tausende!

Als mir erneut Tränen in den Augen schwammen, schaute ich nicht weg. Er sollte es sehen. Das musste er, sonst würde er es nie verstehen. Ich wagte es nicht einmal zu blinzeln, obwohl die Hitze meine Augäpfel austrocknete.

Peace starrte mich an. Bewegungs- und emotionslos wie eine Statue. Noch immer tanzten Schatten in seinem verbliebenen Auge. Unter meinem forschenden Blick stellten sich die Härchen auf seinen Armen auf. Seine Nasenflügel blähten sich. Mein stiller Vorwurf fand einen Schuldigen. Der Gott drehte sich abrupt rum, wirbelte Sand auf und unterbrach damit den quälenden Blickkontakt. »Nehmt sie!«, befahl er barsch, bevor er unvermittelt losging. Kurz sahen Raised, Charming und ich ihm hinterher. Die anderen waren bereits ein ganzes Stück voraus, warteten jedoch darauf, dass ihr Gottvater zu ihnen aufschloss.

»Na komm, Süße. Alles wird gut.«

Schon wieder gelogen. Charming schien das in unangenehmen Situationen gerne zu tun. Starke Arme schoben sich unter meinen Rücken und hoben mich hoch. Wir folgten Peace und seinen göttlichen Anhängern.

Fades Haarschopf leuchtete im diffusen roten Licht. Seine Hände zitterten merklich, als er ein Portal öffnete, dessen fluoreszierender Schlund sich auftat wie eine Wunde inmitten des sandigen Nichts. Sie sprangen wortlos hindurch. Wir – also Charming und gezwungenermaßen ich –  taten es ihnen gleich. Die Welt verschwamm, als die Zeit sich krümmte und uns dort wieder ausspuckte, wo wir das Himmelfahrtskommando begonnen hatten.

In der Eingangshalle herrschte Totenstille. Die Schritte der Götter hallten laut auf dem Marmor. Von der vorherrschenden Geschäftigkeit war nichts mehr übrig.

»Die Elite wartet bereits im Konferenzraum!«, hörte ich einen Gott – Honor? – zu Peace sagen. Dieser nickte und wollte prompt in die angegebene Richtung schwenken, als er doch zögerte. Er sah zu mir zurück. »Vertagt es auf später!«, beschloss er mit gedämpfter Stimme. »Wir müssen zum Doc.«

In unseren Ohren knackte es auf einmal leise. »Er wartet schon im Zimmer auf euch!«, schallte Hacks Stimme durch unsere Köpfe. Ah. Den gab es also auch noch. Wie schön.

Ich ließ mich von Charming nach oben tragen. Alle blieben zurück, bis auf Raised, der Peace offensichtlich nicht allein lassen wollte. Ob jetzt mit mir oder der unangenehmen Situation sei mal dahingestellt.

Müde schloss ich die Augen. Ich wollte nicht mehr denken. Konnte es sowieso nicht mehr. Zumindest nicht rational. Jene kurze Zeit, die Charming benötigte, mich ins Zimmer zu tragen, spielte ich nicht existent. In meinen Ohren piepste hartnäckig ein Tinnitus. Übelkeit rumorte in mir und ich schmeckte Reste einer Götterseele auf der Zunge. Ein wenig davon befand sich offensichtlich noch in mir. Es musste raus, sonst würde ich niemals Ruhe finden. Der Doc hatte sicher ein Mittelchen dafür. Oder ich brachte Charming per Gedankenkraft dazu, mir den Finger in den Hals zu stecken. Von allein schaffte ich das nämlich nicht mehr.

Eine Tür wurde aufgedrückt und ein sanfter Luftzug zwang meine Augenlider nach oben. Ich linste unter meinen Wimpern durch und erblickte das Schlafzimmer. In einer Ecke an der Fensterfront stand eine verloren wirkende Zimmerpflanze. Brave. Seine Ästchen zitterten, als er mich bemerkte.

Im nächsten Augenblick lag ich schon in Peace’ großem Bett. Die dunklen Samtlaken waren so weich, dass es sich anfühlte, wie in Federn zu versinken. Die Matratze neigte sich, als sich Peace neben mich warf. Er ächzte und sah … sorry … einfach nur beschissen aus. Das Gesicht heilte zwar, allerdings so langsam, dass er wahrscheinlich noch einige Tage mit dieser Hackfresse würde rumlaufen müssen. Um die Nase war er kränklich blass. Seine Lippen pressten sich so fest zusammen, dass sie beinahe verschwanden.

Postwendend tauchte der Doc über ihm auf, einen fassungslosen Ausdruck im Gesicht und mit finster zusammengekniffenen Augenbrauen. »Bei den Göttern!«, stieß er hervor. »Ich nehme an, wir haben nicht gewonnen.«

»Spar dir das!«, fauchte Peace.

Der Kiefermuskel im Gesicht des Docs zuckte, doch er ließ sich zu keiner weiteren sarkastischen Bemerkung herab, sondern beugte sich zu Peace hinab. Sanft strich er ihm das blutige Haar aus der Stirn. »Eigenbestandsaufnahme?«, fragte er knapp.

Peace knirschte mit den Zähnen. »Glatter Schuss in den Frontallappen. Zerstörtes Jochbein. Die Kugel steckt noch. Die Blutung hat bereits aufgehört!«

Der Doc nickte, hob die Finger von seiner Stirn und wedelte damit vor Peace’ verbliebenem Auge herum, das sichtlich Schwierigkeiten hatte, der Bewegung zu folgen. »Glaubst du, die Kugel kommt von selbst heraus? Oder muss ich nachhelfen?«, erkundigte er sich nach ein paar weiteren Runden Guck dem Finger nach. Peace war ganz klar durchgefallen.

»Helfen!«, presste er knapp hervor. Schweiß stand ihm auf der Stirn.

Der Doc nickte und hob eine Hand, über deren Innenfläche seine Magie zuckte.

Peace schüttelte ruckartig den Kopf. Die Bewegung bereitete ihm sichtlich Schmerzen, denn er verzog die Lippen und stöhnte leise. »Nicht ich. Warrior zuerst. Sie hat … noch eine Seele in sich.«

»Warrior?« Docs Blick zuckte zu mir hinüber. Falten furchten sich in seine Stirn. »Wie geht es dir?«

Ich blieb stumm, während Charming neben mir seufzte.

»Sie steht unter Schock. Ihr Bruder ist gerade gestorben«, erklärte er sanft. Viel zu sanft.

Der Doktor musterte mich, trat an meine Seite und tastete meinen Körper ab. Drückte in meinen Magen, in dem es rumorte.

»Ich glaube, körperlich fehlt ihr nicht viel. Ich kann lediglich kleinste Spuren einer fremden Seele in ihr erkennen.« Sein Blick schnitt tief durch meine Muskeln und Knochen, bevor er sich wieder Peace zuwandte. »Ich kann ihr nicht helfen. Du bist dran, Peace.«

»Nein! Erst Warrior! Sie hat Herakles verschluckt«, krähte der blauhaarige Dickschädel aka Gottvater.

Der Doc schnalzte genervt mit der Zunge. »Schwerwiegende Verletzungen werden immer zuerst behandelt und damit meine ich deine«, hielt er eisern dagegen. »Wie ich eben sagte: Warrior fehlt körperlich nichts. Falls sie Herakles verschluckt hat, ist er jetzt nicht mehr in ihr!«

»Aber … das kapiere ich nicht.« Peace sah verwirrt und gleichzeitig angepisst aus.

Ich versuchte, ihm mit den Augen zu verstehen zu geben, dass Herakles längst ausgespuckt und in der Wüste verschwunden war, doch Peace lief nicht auf seiner empathischen Höchstleistung und entzifferte meine panische Augen-Zuck-Sprache nicht. Er machte nur ein Gesicht, als würde er jeden Augenblick vor Frust ins Kissen beißen.

Erneut schien er ein Veto einlegen zu wollen, wobei er uns langsam allen auf den Keks ging, doch der Doc hatte bereits die Hand ausgestreckt. Magie zischte über die blassen Fingerspitzen.

Peace blinzelte ob des plötzlichen Lichtblitzes und brüllte auf, als der Arzt ohne jede Skrupel in der offenen Wunde herumstocherte. Mir stellten sich die Nackenhaare auf. Ohne dass ich die Bewegung bewusst gesteuert hätte, umklammerte ich auf einmal Peace’ Hand. Seine langen Finger schlossen sich um meine, während sich seine Nägel in meinen Handballen gruben.

»Gleich vorbei!«, murrte der Doc.

Blut spritzte.

Ein paar silberne Tropfen trafen mich an der Wange. Süß duftend rannen sie mein Kinn hinab, kitzelten meine Mundwinkel, während sich Peace vor Schmerzen die Sehnen aus dem Hals brüllte.

»Geschafft!«

Ein nasses Schmatzen war zu hören. Erneut spritzte Blut. Peace stöhnte.

Triumphierend hielt der Arzt eine plattgedrückte Kugel in der Hand. Beinahe wirkte sie wie eine Münze. Nur kleiner. Mir wurde übel, als ich daran dachte, wie Madox die Waffe abgedrückt und die Kugel Peace’ Kopf getroffen hatte.

»Mhm, Titan. Schlau, schlau!«, kommentierte der Doc und ließ das Projektil mit einem nachlässigen Fingerschnippen verschwinden.

Peace zitterte. Seine Hand umklammerte so fest die meine, dass ich meine Knochen knirschen hörte. Trotzdem sagte ich nichts und mimte die stumme Puppe.

»Einen Augenblick!« Der Doktor entfernte sich mit langen Schritten, ging vor dem Fenster in die Hocke und öffnete sein allgegenwärtiges Arztköfferchen, aus dem er weiße Mullbinden, eine Kompresse und ein Fläschchen mit dubiosem roten Inhalt hervorholte. Noch während er wieder auf uns zumarschierte, schraubte er das Fläschchen auf. Der Geruch nach Ambrosia erfüllte die Luft. »Das kann jetzt etwas brennen, beschleunigt aber den Heilungsprozess.« Ohne viel Federlesen schüttete er den gesamten Inhalt über Peace’ offene Wunde.

Peace fiel fast aus dem Bett, als sich sein Rücken durchbog. Er ließ mich allerdings nicht los. Keine Sekunde. »Bist du völlig bescheuert?«, blaffte er, als der größte Schock überwunden war und der Arzt sich daran machte, Mullbinde und Druckverband wie einen weißen Helm um seinen Kopf zu wickeln.

»Oh, tut mir leid. Ich wusste nicht, dass unser Prinz eine Babybehandlung verlangt. Willst du einen Lolli?«

»Was ist denn in dich gefahren?«, fauchte Peace, der nun doch meine Hand losließ und sich abrupt aufsetzte. Er schwankte, trotzdem schaffte er es, ein paar bedrohliche Blitze in Richtung des Arztes loszulassen.

Dessen mausbraune Brauen zuckten nach oben. »Ich denke, der Anblick deiner emotional zerbrochenen Gefährtin ist Antwort genug. Ich habe mehr von dir erwartet«, sagte er schlicht.

Die Blitze hörten ruckartig auf. Der Doc schürzte die Lippen und kam ums Bett herum auf mich zu. Beinahe zärtlich blickte er auf mich hinab. Er ging in die Hocke und legte mir eine Hand auf die Stirn. »Ich werde dich schlafen lassen, wenn das für dich in Ordnung ist, Warrior«, flüsterte er. »Ich kann dir erst mal nicht helfen. Aber Zeit … Zeit heilt alle Wunden.«

Ich blinzelte. Kam einem Nicken zumindest nahe, oder?

Der Doc hingegen lächelte. So nett hatte ich ihn mir gegenüber noch nie erlebt. Gruselig.

»Alles wird gut«, log er.

Ich wandte den Blick zu Charming. Er lehnte mit verschränkten Armen im Türrahmen und ließ mich keine Sekunde aus den Augen.

Raised saß die ganze Zeit stumm in einem der großen Sessel neben Brave, der Topfpflanze, und betrachtete die Szene mit schwarzen Augen.

»Schlaf gut!« Die Magie des Arztes blitzte auf und zog durch mein Hirn. Anders als bei Charming zuvor schlief ich augenblicklich ein.

Zwei

Shames Schlüpfer waren mir im Augenblick egal …

Weder träumte ich noch fühlte ich irgendetwas, das außerhalb des komatösen Schlafes als Lebenszeichen anerkannt werden konnte. Wie lange ich im Bett lag und tot spielte, war unklar, dennoch schlug ich irgendwann die Augen auf. Die Magie des Doktors hatte mich weiterhin im Griff. Ich konnte sie als fahlen Geschmack auf meiner Zunge und in den Tiefen meiner Knochen spüren, die ob der Anstrengung zu ächzen begannen. Der Schlaf zerrte an mir, drückte mich nach unten. Trotzdem hielt ich die Lider mit aller Willensstärke auf und erkannte das Gesicht jener Person, die mich aufgeweckt hatte.

O saß mit ernster Miene neben mir auf der Matratze und starrte mich an. Sie war so kurz geraten, dass ihre Füße in den Cowboystiefeln dabei über den Boden baumelten. Ihre Federboa war verrutscht und ihr glänzender Schädel wirkte abgemagert. Die milchigen Augen blickten mich traurig an. Eine gefühlte Ewigkeit sahen wir uns einfach nur an. Schließlich streckte sie einen blassen Finger in meine Richtung und fing etwas auf. Eine Träne. Wann hatte ich begonnen zu weinen? Handelte es sich überhaupt um eine Träne? Die Göttin musterte sie. Der Tropfen hing wie eine Perle auf ihrer Fingerkuppe. »Es tut mir so leid, Warrior!«, flüsterte sie. Sie leckte sie ab. Ihre transparent wirkenden Lider zitterten, senkten sich hinab, während sie scharf die Luft einsog. »Ich …« Pfeifend ließ sie die angehaltene Luft wieder entweichen. Ihre Augen zuckten panisch. »Es tut mir so leid, ich habe es zu spät kommen sehen. Sonst hätte ich dich gewarnt. Ich schwöre es, natürlich hätte ich das alles verhindert, wenn ich es rechtzeitig gewusst hätte. Aber es fühlte sich an, als würde mir jemand die Sicht versperren. Jemand, der diesen Strang der Realität absichtlich vor mir zurückhalten will.« Ihre Unterlippe bebte. »Und jetzt ist es zu spät. Ich schwöre, Warrior, als ich hörte, was passiert ist, habe ich mich stundenlang in meinem Zimmer eingesperrt und nach einer Möglichkeit, einer Realität gesucht, in der Madox nicht … in der etwas anderes geschehen wäre. Aber ich befürchte, dein Bruder ist … Warrior, es tut mir so leid. Er ist tot.«

Ich schluchzte stumm. Mein Herz fühlte sich an, als wäre es in Scherben zerschlagen worden, und einer der Splitter bohrte sich in meine Lunge, einer in den Bauch, einer in das Hirn. Langsam und genüsslich. Ich weinte und O nahm meine Hand, umklammerte sie. Die Qual in meinem Inneren war so unerträglich, so erfüllt von Grauen, dass ich die Welt erneut ausschloss. Ich hörte auf zu kämpfen. Die Magie drückte mich nieder und ich fiel hinab, schlief ein weiteres Mal ein. Schwebte in Dunkelheit, bis mich ein anderer Reiz aufweckte.

Seufzend wandte ich den Kopf und linste unter meinen schweren Wimpern durch. O war verschwunden. An ihrer Stelle saß Brave auf meinem Bett und streichelte mir sanft über das Haar. Seine Lippen bewegten sich. Ich verstand kein Wort, das Rauschen in meinen Ohren war zu laut, aber es klang beruhigend. Friedlich. Schwach lächelte ich und er erwiderte es, ehe ich abermals einschlief.

So verhielt es sich immer und immer wieder. Die Magie des Doktors ließ mich nicht los. Genauso wenig wie der Schmerz, der in mir wütete. Götter betraten und verließen das Zimmer. Ich fühlte, dass Bloodclaw an meiner Seite wachte. Sein Körper spendete mir jene Wärme, die durch das Loch in meiner Seele abhandenkam. Manchmal glaubte ich, Peace neben mir zu wissen. Genau wie Bloodclaw saß er da und wachte über mich. Manchmal sang er mir etwas vor. Das machte mich glücklich, zumindest für kurze Zeit, bevor ich mich selbst in der erlösenden Dunkelheit ertränkte.

Hack redete verkrampft auf mich ein. Einmal schaffte ich es sogar, die Augen zu öffnen und ihn genervt anzusehen. Er grinste. Bei den Göttern! Er musste wirklich dringend den Frisör wechseln. Die Matte auf seinem Kopf wurde immer wilder.

Bizarre und Charming kamen ebenfalls zu Besuch. Erzählten mir, was im Tartaros passierte. Angefangen von Shames rotem Tanga, der immer zum Vorschein kam, wenn Peace an ihr vorbeiging und sie sich zufällig bückte, bis hin zu ihren Versuchen, ihn zu küssen, die kläglich scheiterten. Ich nahm an, damit wollten die beiden mich eifersüchtig machen und endlich eine Reaktion aus mir herauskitzeln. Doch Shames Schlüpfer waren mir im Augenblick genauso egal wie Bizarres Geplapper über ein paar besondere T-Shirts, die er mir besorgt hatte. Vieles erfuhr ich, aber nur wenig blieb hängen. Manchmal kam Raised vorbei, der irgendetwas über Unruhen unter den Göttern erzählte. Einige schienen unzufrieden mit Peace’ Führungsstil zu sein. Im Kerker der Hölle brodelte es. Ich dämmerte wieder weg und fühlte kurze Zeit später die kalten Hände des Docs über mich streichen.

Peace’ tiefe Stimme füllte meine Ohren. »Wird es besser?«

»Nein!«

»Wann wird es besser? Ich … Wir brauchen sie.«

»Das kann ich nicht sagen. Ihre Magie hat sich praktisch auf Reserveenergie verringert. Ihre Seele ist wie ein gebrochener Knochen, der nicht heilen will. Würde ich sie aufwecken, könnten psychische Nebenwirkungen entstehen. Sie ist labil. Sie kann im Augenblick gar nichts machen. Dein Krieg muss warten.«

Peace schwieg. Er verschwand und kam nicht wieder. Daraufhin zog ich mich tiefer in mich selbst zurück. Dachte an mein Leben vor dem Tartaros. Bevor ich zu einer Göttin geworden war. Bevor ich Peace kennengelernt hatte.

Ich ließ jedes noch so banale Erlebnis an mir vorbeiziehen. Die meisten davon kamen aus solch tiefen Winkeln meines Verstandes hervor, dass ich mich nicht einmal erinnern konnte, sie selbst erlebt zu haben. Doch egal, in welches Szenario ich hineinschaute, in beinahe jedem spielte mein Bruder eine zentrale Rolle.

Madox, wie er mich in die Arme nahm oder mir einen feuchten Fuzzi verpasste. Wie er neben mir schlief, eine Flügelspitze im Mund. Wie er vergaß, sein Hemd anzuziehen, oder sich sein erstes Tattoo stechen ließ und dabei heulte wie ein Baby. Ich glaube, ich heulte bei dieser Erinnerung ebenfalls.

Er fehlte mir so sehr. Ich hatte mir vorher schon Sorgen gemacht, als er nicht bei mir gewesen war. Immerhin hatte ich gewusst, dass er, trotz des schweren Sturzes aus dem Olymp, noch lebte. Dass es ihm gutging. Zwar ohne mich und mit einigen gebrochenen Knochen, aber zumindest in Sicherheit bei Hades, wo er mit unseren Brüdern streiten und illegale Basiliskenkämpfe veranstalten konnte. Solange ich mir dieser Sache sicher gewesen war, hatte ich beruhigt schlafen können. Doch jetzt … jetzt war ich allein. Ohne ihn.

»Warrior!« Das eindringliche Flüstern riss mich aus dem Schlaf. Hatte ich geschnarcht? Es klang beinahe danach. Wie peinlich! Ich öffnete die Augen.

O stand über mir. »Warrior!«, flüsterte sie und tätschelte mir grob die Wange, bis sie bemerkte, dass ich bei Bewusstsein war und ihr eingesunkenes Gesicht fixierte. Ihre dürren Finger vibrierten an meiner Haut. Irgendetwas stimmte mit ihren Augen nicht. Sie waren viel zu weit aufgerissen, blutrot von den feinen geplatzten Äderchen. Sie wirkte vollkommen ausgelaugt.

»Warrior, ich habe etwas gesehen«, zischte sie mir ins Ohr. »Es gäbe eine Möglichkeit für dich, Madox wiederzusehen. Ihn an deiner Seite zu haben!«, raunte sie.

Durch meine schlaffen Glieder ging der erste lebendige Ruck. Meine Augen öffneten sich weiter. Ich wollte etwas sagen, doch es kam nur heiße Luft heraus. Als wäre meine Kehle immer noch zerschnitten.

»Scht. Nicht sprechen. Es …« O zögerte. »Ich habe nach einer Lösung gesucht und etwas gefunden. Beziehungsweise hat es mich gefunden!« Das Fleisch unter ihren trockenen, spröden Lippen glänzte entzündet, als sie sich darüber leckte. »Ich habe etwas gefunden, aber der Preis dafür ist enorm. Es müssten schreckliche Dinge passieren, damit das geschehen kann. Nichts wäre mehr wie zuvor. Überleg es dir gut. Wenn du dich entschließt, ihn in Frieden ruhen zu lassen, wird dein Schmerz vergehen. Nicht jetzt, nicht in näherer Zeit, aber irgendwann. Du würdest an Peace’ Seite herrschen. Ihr würdet den Olymp stürzen. Ich habe es gesehen. Aber wenn du Madox zurückwillst, ist der Preis die Zerstörung von … vielen Dingen. Es werden Personen in dein Leben treten, denen du sonst niemals begegnet wärst. Menschen, die dich verändern werden. Die Realitäten verschieben sich. Der Zeitpunkt muss exakt abgestimmt werden. Ich muss schnell sein, aber ich könnte alles dafür in die Wege leiten. Ein neues Leben, das dich zu ihm führt. Willst du das?«

Sie verstummte. Die Stille drückte so laut wie ihre Worte auf mein Trommelfell. Ich konnte nicht denken! Alles drehte sich, ihre Stimme hallte als Echo in mir. Das Einzige, das ich wirklich verstand, war das Wichtigste: Ich könnte Madox zurückhaben. Vielleicht müsste er nicht sterben. Der Preis dafür? Unerheblich.

Ich sammelte jede Kraft, die ich aufbringen konnte, und nickte. Einmal. Aber kräftig und bestimmt.

Os Schultern bebten. Ihre Lippen verloren an Farbe. »Das dachte ich mir!«, hauchte sie. »Es tut mir leid. Jetzt noch mehr als zuvor. Du wirst Fürchterliches durchmachen. Aber du bist stark, also wirst du es schaffen. Du musst.«

Ich nickte erneut. Meine Energie verbrauchte sich. Ohne mein Zutun fielen mir die Augen zu und ich schlief ein. Eingehüllt in die Magie des Doktors, während mir Os Stimme von einem Schicksal erzählte, dass ich gerade mit einem einzigen Kopfnicken verändert hatte. Für uns alle.

Drei

Große Göttinnen weinen nicht

Ich saß mit einem fetten, glücklichen Grinsen auf einem Regenbogeneinhorn und jauchzte vor Freude. Eine geringelte Stange, an der das Karusselleinhorn befestigt war, ging dabei rhythmisch auf und ab. Warmer Fahrtwind blies mir das goldene Haar aus dem Gesicht. Ein glitzerndes rosarotes Krönchen funkelte auf meinem Kopf. In einer Hand hielt ich einen Lillifee-Zauberstab umklammert, mit der anderen hielt ich mich an der bunten Plastikmähne des Einhornponys fest. Der Kunststoff fühlte sich fettig und ein bisschen klebrig an. Eigentlich eklig, aber mit stolzen vier Jahren zählte nur, dass ich auf einem Einhorn ritt! Mit einem echten pinken Horn! Begeistert hoppelte ich auf dem steifen Rücken herum und winkte mit meinem Zauberstab Diamond zu, die mir von einer Parkbank aus zusah. Das Lachen der anderen Kinder hallte in meinen Ohren wider. Zwei Einhörner weiter erkannte ich Ruby, die mir altersmäßig am nächsten war. Mit ihren acht Jahren hatte Diamond sie praktisch zwingen müssen, mit mir auf dieses Karussell zu steigen. Ohne sie hatte ich nicht fahren dürfen. Ihre wütenden Blicke und die trotzig vor der Brust verschränkten Arme zeigten nicht nur eine strickte Weigerung, bei so etwas Kindischem Spaß zu haben, sondern auch ein stummes Versprechen, dass ich diesen Tag bitter bereuen würde. Aber im Augenblick konnten mich nicht einmal Rubys Blicke der finsteren Rache einschüchtern. Mein eigenes helles Lachen hallte mit dem der anderen Kinder durch den Hyde Park und fast konnte ich mir vorstellen, dass sie meine Freunde waren. Freunde, die mit mir hierhergekommen waren, um meinen Geburtstag zu feiern. Die Musik spielte fröhlich. Diamonds Gesicht tauchte auf und verschwand. Runde um Runde strahlte ihre kühle Schönheit zu mir herüber, während die Musik lauter und schriller wurde.

Das Lachen verstummte abrupt. Selbst mein eigenes Kichern blieb mir in der Kehle stecken, als die Spielorgelmusik einen leiernden, beinahe trägen Klang annahm, der mir einen kalten Schauer über den Rücken jagte. Verunsichert krallte ich mich fester in die Mähne des Tieres. Der Zauberstab rutschte mir dabei aus den Fingern und verlor sich klappernd im Nirgendwo. Der zuvor helle Park verdüsterte sich und die grünen Bäume traten in den Hintergrund. Ruby verschwand. Genau wie die restlichen Kinder. Ich fuhr allein mit meinem Einhorn im Kreis. Nur Diamond saß auf der Bank und beobachtete mich. Runde um Runde.

»Diamond!«, rief ich ängstlich.

Sie antwortete nicht. Das Lächeln klebte immer noch auf ihrem Gesicht.

»Aufhören!«, bat ich und riss an den Plastikzügeln. Einmal. Zweimal. Dreimal.

Die schiefe Spielmusik verstummte. Die darauffolgende Stille erdrückte mich. »Diamond! Runter!«, rief ich panisch, hob eines meiner Händchen und griff nach ihr. Meine Schwester rührte sich nicht. Legte nur den Kopf schief und musterte mich, als wäre ich eine Kuriosität.

»Du kannst nicht immer alles haben, was du willst, Warrior«, gab sie mit ruhiger Stimme zurück. »Du wolltest unbedingt Karussell fahren. Jetzt bleibst du dort oben, bis die Fahrt zu Ende ist.«

Meine Unterlippe bebte, während das Einhorn weiter an der Stange auf und ab fuhr. »Ich will jetzt runter«, schrie ich. Tränen rannen mir die Wangen hinab.

Diamond seufzte, stand auf und kam auf mich zu. Sobald das Einhorn sie passierte, hob sie mich aus dem Sattel und setzte mich behutsam auf dem schwarzen Boden ab. Elegant ging sie vor mir in die Hocke, sodass wir uns auf Augenhöhe befanden, und wischte mir die salzigen Spuren aus dem Gesicht. »Nicht weinen, Warrior«, rügte sie sanft. »Große Göttinnen weinen nicht, wenn sie Angst haben. Und du willst doch eine Göttin werden. Oder nicht?«

Ich schniefte. Das Einhorn verschwand lautlos in der Schwärze und ich sah ihm mit schreckgeweiteten Augen hinterher. Trotzdem nickte ich. Ja! Ich wollte eine Göttin werden wie Mommy. Oder eine Feenprinzessin. So genau hatte ich mich da noch nicht festgelegt. Diamonds Finger streichelten ein letztes Mal meine Wange, bevor sie meine Hände umfassten. Schniefend drückte ich sie. Unser heimliches Zeichen, dass wir uns liebhatten. Dreimal feste drücken. Diamond drückte zurück. Einmal. Ich lächelte. Zweimal. Ihr Griff wurde unangenehm fest. Mein Lächeln verrutschte. Dreimal. Sie packte so stark zu, dass meine Fingerknöchel knackten. Ich quietschte, wollte meine Hände losreißen, doch Diamonds Griff blieb unnachgiebig.

»Sieh mich an!«, befahl die blonde Schönheit streng.

Erneut versuchte ich, meine Hände zu befreien, denn Diamond machte mir inzwischen genauso viel Angst wie das Karussell zuvor.

»Warrior«, sagte sie und zwang mich, ihr ins Gesicht zu sehen. »Du musst aufhören, ein Kind sein zu wollen!«, schalt sie mich. Ihre Fingernägel gruben sich in meine Haut.

Ich schrie. »Du tust mir weh!«, heulte ich.

»Das Leben tut immer weh«, gab Diamond kalt zurück. »Du musst endlich anerkennen, wer du bist.«

»Das tue ich doch!«, jammerte ich. Die Schmerzen in meinen Händen pulsierten mit jedem Herzschlag. Inzwischen wurden meine Ellbogen taub.

»Nein, tust du nicht. Es macht nämlich einen Unterschied, ob du für dich selbst zur Göttin wirst oder für ihn.« Sie nickte nach rechts.

Unter nassen Wimpern sah ich hinüber und spürte, wie mein Atem stockte. Auf dem zuvor davongefahrenen Regenbogeneinhorn saß Peace – mit der Ausstrahlung eines Raubtiers, das überhaupt nicht glücklich aussah, auf einem bunten Einhorn sitzen zu müssen. Seine seelenlosen Augen leuchteten kalt wie Schnee. Die blauen Haare fielen ihm bis fast auf die Schultern. Eine steile Falte zerteilte seine arrogant gerunzelte Stirn. »Was soll das werden, Warrior? Warum ziehst du mich in deine Träume? Du solltest dich ausruhen.«

»Sieh ihn dir genau an!«, wies Diamond mich an. »Du hast dich ihm unterworfen. Beinahe widerstandslos. Willst du diese Art von Frau werden? Gezähmt und am Zügel, nur um seinen Erwartungen zu entsprechen?«

»Ich habe mich nicht unterworfen«, widersprach ich sofort. Trotzdem tat ich mir schwer, den Blick von dem blauhaarigen Gott loszureißen, der uns seinerseits musterte. Alles in mir wollte zu ihm laufen, sich in seinen Armen vergraben und seine Kälte mit meiner Wärme teilen. Ich wollte seine Lippen auf meiner Haut fühlen. Seine schlanken Finger, die mir über den Nacken strichen. Ich wollte … ich wollte … ihn. Mit Haut und Haaren.

»Er benutzt dich nur, Warrior«, flüsterte Diamond. Ihre Worte stießen unangenehme Spitzen durch meine Brust.

»Das tut er nicht. Wir sind Gefährten!«, zischte ich.

Diamond starrte mich an. »Denk doch mal nach. Wollte er dich? So wie du bist? Hat er dich gesehen und sofort Leib und Seele mit dir geteilt, wie es unter Gefährten üblich ist?«

»Ich …« Mein Atem stockte abermals. »Das kann er gar nicht. Er hat keine Seele«, erklärte ich bestimmt.

Diamond schnaubte belustigt. »Lüg dich doch nicht selbst an. Er hat erst Notiz von dir genommen, als er von deinen Kräften erfahren und dich als nützlich eingestuft hat!«, erwiderte sie missbilligend. »Es brauchte nur ein paar süß geflüsterte Worte, ein paar Berührungen und du bist praktisch willenlos in seinen Händen zerflossen. Sieh es ein, Warrior. Er benutzt dich. Das liegt in seinem Wesen. Sein Vater Zeus ist genauso. Er spielt Schach. Und du bist eines seiner Bauernopfer.«

»Nein! Nein, denn wenn ich sterbe, stirbt auch er. Er braucht mich. Ihm zu helfen, ist das einzig Richtige!« Ich versuchte ein weiteres Mal, mich loszureißen, doch Diamond hielt mich beharrlich fest. Ihre Nägel stachen wie Messer durch die blasse Haut. Ich wimmerte, als ein paar Blutstropfen heraustraten. Süßlich. Silbern. Unsterblich.

»Die Sache an sich steht hier nicht zur Diskussion«, wies mich meine Schwester scharf zurecht. »Es geht um eure Rollen. Rede dir ein, was du willst. Aber es wird schlecht für dich enden, wenn du weiterhin den verliebten Welpen mimst. Du bist eine Chaosgöttin und viel mächtiger als er. Mit ihm wird die Welt untergehen. Er wird von Hass und Rachsucht gelenkt. Seine fehlende Seele, die Dunkelheit in ihm, frisst seinen Verstand auf. Zeus wusste ganz genau, was er tat. Aber mit dir … du an der Spitze würdest die Welt zu etwas Unglaublichem machen. Denk darüber nach. Früher oder später wird es heißen: fressen oder gefressen werden.« Mit diesen Worten ließ sie endlich los und richtete sich auf. Plötzlich wieder liebevoll rückte sie mir das verrutschte Krönchen zurecht. Ihre Finger blieben auf meinem Kinn liegen, hoben es sanft an. »Du bist eine Göttin, Warrior. Akzeptiere es.«

Sie drehte sich um und ging. Ließ mich allein mit Peace zurück, der den eleganten Rücken aus schmalen Augen musterte. »Sie versucht, dich zu manipulieren«, stellte er nüchtern fest. »Einer der alten Götter muss einen Weg in deine Träume gefunden haben. Wir werden etwas dagegen unternehmen.« Sein Blick zuckte zu mir. Ein weicherer Ausdruck huschte über seine schönen Züge. »Hör nicht auf sie!«, raunte er mit belegter Stimme. »Ich bin dein Gefährte. Ich könnte dir niemals so etwas antun. Ich gehöre zu dir und du zu mir. Für immer … immer … immer … immer …«

Ich keuchte. In den wenigen desorientierten Sekunden, in denen ich immer noch glaubte, auf einem Regenbogeneinhorn herumzudüsen, registrierte ich drei Dinge.

1: Ich leuchtete grell wie ein Stern.

2: Ich schwebte einen guten Meter über dem Bett.

3: Jemand hämmerte lautstark gegen die Tür und ging mir damit gewaltig auf die Nerven.

»Herrin Warrior? Ist alles in Ordnung?!«

Ich hatte Schwierigkeiten, der grollenden, tiefen Stimme eine Person zuzuordnen. Als diese jedoch wütend knurrte und ein massiger Leib gegen die Tür krachte, erkannte ich sie endlich als die von Bloodclaw. Hilflos in der Luft schwebend schaute ich mich um. Mein Blick fing dabei meine Spiegelung in der Fensterfront auf. Ich leuchtete so hell, dass es blendete. Das gelöste lange Haar wogte um mich herum, als würde ich unter Wasser schweben, und ein so intensiver Rosengeruch stieg mir in die Nase, dass mir schlecht wurde. Kraftlos ruderte ich mit den Armen. Wie kam ich denn jetzt wieder runter?

»Herrin Warrior?«, bellte der Hund.

Ich öffnete den Mund, wollte um Hilfe rufen, doch die Wörter verstopften mir den Rachen. Heraus kam nur ein hilfloses Röcheln. Inzwischen schwebte ich so hoch, dass ich die Decke berühren konnte. Zappelnd versuchte ich, den Auftrieb zu stoppen, aber mein Körper schwebte stur auf die Zimmerdecke zu, bis meine Nase Bekanntschaft mit dem Putz machte. Stöhnend wollte ich mich abstoßen und im gleichen Augenblick geschahen zwei Dinge für mein schläfriges Hirn zu schnell.

Es rumste laut. Die Tür splitterte und der Höllenhund sprang jaulend ins Zimmer, das schwarze Fell vor Aufregung gesträubt. »Herrin?«, bellte er ungläubig, als ich mit den Füßen strampelte und sich seine rötlich-lilafarbenen Augen endlich auf mich richteten. »Was macht Ihr da oben?«, fragte er mich baff.

Gerade wollte ich etwas Schlagfertiges antworten, als ich fühlte, dass der Widerstand zwischen meinem Körper und der Wand ohne jede Vorwarnung nachgab. Als hätte jemand ein Gummiband überspannt, das schnalzend riss. Meine Haut kribbelte. Im nächsten Moment schwebte ich durch die Decke. Einfach so. Wie ein beschissener Geist!

»Herrin Warrior!« Bloodclaw sprang. Seine Zähne schnappten nach meinem Hemdsärmel. Leider knapp vorbei. Ich fuchtelte wild herum, verlor den Höllenhund aus dem Blick. Kurzzeitig erspähte ich nur dunklen Stahl, Beton und die Stränge aus Magie, die das Konstrukt wie Kleber zusammenhielten. Meine Gedanken jagten kreuz und quer. Was passierte hier? Warum tat ich das? Meine Magie summte und füllte meine Zellen bis zum Überquellen. Wie ein See, dessen Damm gebrochen war und der jetzt alles überschwemmte. Die Göttin in mir schien Amok zu laufen. Aber warum? Es kam mir vor, als suchte sie nach etwas.

Ich schnappte erleichtert nach Luft, als ich endlich die Wand hinter mir ließ und aus dem Fußboden eines Büros auftauchte. Eine Handvoll Schreibtische mit hochgefahrenen Computern stand im Raum rum. Dazu passend einige Götter, die ungläubig aufsahen, als ich neben dem Kopiergerät aus dem Boden purzelte. Ihre Präsenz füllte den Raum. Jung, wild und süßlich hing ihr unsterblicher Geruch in der Luft, wobei einer von ihnen deutlich hervorstach. Hacks dunkler Pony mit den roten Spitzen flog zur Seite, als er mit entgleistem Blick zu mir starrte. Ich nahm Kurs auf die nächste Zimmerdecke, kollidierte dabei aber mit einem der PCs und warf allerhand Krimskrams um.

»Bei Hades’ Klöten! Was ist das?«, fragte einer ungläubig. Eine Göttin kreischte schrill, als wäre ich eine Maus, die ihr gerade unter dem Pausenbrot hervorkroch.

»W-Warrior?«, stotterte Hack. Die Lämpchen und Kabel auf und in seiner Stirn blinkten hektisch, als er auf die Füße sprang. Sein Schreibtischstuhl fiel dabei polternd auf den Boden. »Was machst du da? Was ist passiert?«

Hilflos fuchtelte ich mit den Händen, öffnete den Mund, wollte die Worte gewaltvoll hervorpressen, doch es entwich kein Ton. Kein Piep. Mein Körper streikte immer noch.

»Warrior! Warte! Ich hole Peace!«, sagte der junge Gott, als er meine Misere endlich durchblickte. Zumindest hoffte ich, dass er es tat. Dankbar nickte ich und verschwand in der nächsten Decke. Das Gefühl jagte mir eine Gänsehaut über den Rücken.

Diesmal ploppte ich mit dem Hintern voran in den nächsten Raum. Ich konnte – wie eben schon – ein überraschtes Kreischen hören. Na, danke auch! Vielleicht sollte ich abnehmen.

Etwas ging zu Bruch und eine Flüssigkeit rann mir klebrig über die Füße. Als sich mein Kopf dazu bequemte, endlich ebenfalls aus dem Boden aufzutauchen, sah ich Charming in Schockstarre. Und … o nein! Panisch kniff ich die Lider zusammen. Das hatte ich niemals sehen wollen. Nie! Nie! Nie! Augenkrebsgefahr! Der Gott war splitterfasernackt und schien eine Party der etwas anderen Art zu feiern. Jene mit viel Haut, Alkohol und anschließendem Psychiaterbedarf.

In der schwer nach Ambrosia und Weihrauch riechenden Lusthöhle tummelten sich alle Arten von Frauen und Männern und … keine Ahnung, was das Ding auf Charming war! Schmuste er mit einer Pflanze? Es schüttelte mich.

Diese Bilder würde ich nie wieder aus dem Kopf bekommen. Ich hörte ein ziemlich bekifftes Glucksen und wagte es zu linsen. Charming rekelte sich in seiner vollen … äh, nennen wir es mal »Gotteskraft« in den Samtlaken. Eine nach Opium und Ambrosia stinkende Zigarette hing ihm aus dem Mund, als er mir einen trägen Schwall aus gelblichem Rauch entgegenblies. Schwindel erfasste mich prompt. Der Gott schien so abgespact zu sein, dass er wohl jeden Augenblick mit mir abheben würde.

»Huiii, Warrior fliegt«, nuschelte er. Das fette Grinsen wurde breiter. Sein Make-up war verlaufen, die Haare wirr. Ein Schweißfilm glänzte auf seiner hellen Haut und roch genauso anziehend wie mein nach Rosen duftender Arsch. »Schick mir ne WhatsApp, wenn du angekommen bist, Süße«, säuselte er.

Mit all der mir verbliebenen Kraft hob ich die rechte Hand und zeigte ihm den Mittelfinger, bevor ich die nächste Decke passierte. Der dort angebrachte Lüster wackelte und klirrte, als ich knapp daran vorbeischrammte. Charmings bekifftes Lachen begleitete mich ein Stück durch die Wand. Ich erwartete das Schlimmste, als ich im nächsten Stockwerk auftauchte. Doch diesmal landete ich lediglich in einem schwach beleuchteten Flur, an dessen Ende eine stählerne Tür mit grün leuchtendem Exit-Zeichen angebracht war. Die Erleichterung, nicht auch noch Bizarre auf der Toilette überrascht zu haben, währte jedoch nur kurz, weil mir einfiel, dass diese Tür wahrscheinlich der Ausgang zum Dach des Hochhauses war. Nackte Panik schnürte mir die Kehle zu. Ich würde im freien Tartaros herumfliegen! In schwindelerregenden Höhen, ohne dass ich meinen Sturz würde bremsen können – falls sich mein Körper jemals dazu entschließen würde, eine Schwebepause einzulegen. Auf meine Flügel vertraute ich aktuell nicht. Ich wackelte mit den Armen und Beinen, versuchte, mich an meine Fährtenschwimmertage zu erinnern, wo ich das Kraulen gelernt hatte. Wobei ich zugeben muss, dass ich mehr abgesoffen als geschwommen war. Nicht alles zählte zu meinen glorreichen Talenten. Schwimmen zum Beispiel eher nicht. Mein Gezappel erinnerte vermutlich an einen lahmenden Frosch, der immer wieder mit dem Kopf gegen die Decke knallte. Und es hatte zur Folge, dass ich mich einmal um 180 Grad drehte und mit Füßen und Popo voran zur Tür schwebte. Meine Haare wogten dabei schwerelos um meinen nutzlosen Körper. Eine vorwitzige Haarsträhne kitzelte meine Nase, stahl sich in mein Nasenloch. Unter meinem heftigen Niesen überhörte ich beinahe die besorgte Stimme, die an den nackten Wänden vorbeischallte.

»Warrior!«

Peace! Endlich! Wurde auch höchste Zeit, dass jemand die Ritterrüstung anzog und mir zur Hilfe eilte. Panisch sah ich auf und erhaschte einen göttlichen blauen Haarschopf, der die Treppen hochhetzte. Genau in diesem Moment schwebte ich durch die Stahltür nach draußen.

Peace’ entsetzter Gesichtsausdruck folgte mir. »Warrior!«, drang seine Stimme gedämpft hinter der Tür hervor.

Ich ächzte, spuckte Haare aus und überlegte, ob ich Peace eventuell eine Spur aus Spuckefäden hinterlassen sollte, damit er mich im schlimmsten Fall dadurch aufspüren konnte. Statt Brotkrumen halt. Aber nein! Er war mein Gefährte. Ich hielt im Spucken inne. Peace würde mich immer finden. Auch ohne dass ich zu ekligen Methoden greifen musste.

»Warrior! Hör sofort mit dem Fliegen auf und komm zurück!«, brüllte er.

Na, der war mir mal ein Witzbold!

Die Klinke wurde nach unten gedrückt, doch die Tür rührte sich trotz Rütteln nicht, während ich in der tartarosischen Dunkelheit über das Dach düste. Stetig dem Abgrund entgegen.

»Warrior! Hör sofort auf mit … was immer du da tust!«

Verarschte der mich? Wütend guckte ich in seine Richtung, obwohl er mich ja nicht sehen konnte.

Er schien die Nerven zu verlieren, denn es rumste laut, als er gegen die Scharniere trat. Zumindest stellte ich mir vor, dass er es tat, denn der Rahmen wackelte ächzend.

»Verdammte Scheiße, Kacke!«, hörte ich Peace fluchen, bevor der verräterische Geruch nach Ozon meine Nase kitzelte. Am Himmel grollte es. In der nächsten Sekunde wurde die gesamte Tür mit einem hellen Blitz aus den Angeln gerissen und flog nach vorn. Leider genau in meine Richtung.

Ich riss die Augen auf. Als Nächstes spürte ich den Aufprall, begleitet von einem Schwall silbernem Blut, das mir aus Nase und Mund sprudelte. Der harte Stoß warf mich vollends über die Kante. Stechender Schmerz setzte unmittelbar danach ein, als meine Halswirbel knackten. Ich schielte, schluckte silbernes Nass hinunter, während ich in einem komischen Winkel auf Peace hinabsah, der zur Dachkante stürzte und die Hand nach mir ausstreckte. Leider war ich für diese Last-Minute-Rettungsaktion schon zu weit weggetrudelt.

»Warrior! Bleib ganz ruhig. Ich … Ich hol dich. Flieg nicht zu weit weg«, rief Peace. Ich musste stark den Drang unterdrücken, nicht auch ihm den Mittelfinger zu zeigen. Wir starrten uns an. Die Distanz zwischen uns war mit so viel unterdrückter Angst, Schuld und Vorwurf geladen, dass sich die Härchen auf meinen Unterarmen aufstellten. Peace schluckte. Der Wind riss an seinem Haar und sein Köper spannte sich an, als wollte er über die Kante springen. Über uns erhellte ein blauer Blitz den Himmel. Schatten schnitten seine Züge in zwei Teile. Sein eines Auge war erst zur Hälfte verheilt und sah aus, als würde es schmerzen. Gut so. Oder auch nicht, keine Ahnung. Plötzlich drehte er auf den Fersen um und verschwand in dem aufklaffenden Flur.

Seine Schritte hallten überdeutlich laut. Ihnen folgte das Schaben von Hundekrallen. Bloodclaw half ihm also. Zumindest ein kleiner Hoffnungsstreifen am Horizont. Der Höllenhund würde mich riechen können, egal, wo im Tartaros ich landen würde. Zum Glück war es nicht das erste Mal, dass ich über diesen Stadtteil hinwegflog.

Während ein scharfer Wind an meinen Klamotten riss, versuchte ich, mich zu orientieren. Ich erkannte Charmings Club, das Dark Wonderland, an den Lichtern, die aus dem Industriegebäude zuckten und bunte Farben in den Himmel malten. Dahinter lagen die Trümmer des Hochhauses, welches der Basilisk zerlegt hatte. Was sich jedoch eine Nasenlänge voraus befand, war absolutes Neuland für mich. Erbärmlich, wenn man bedachte, wie viel Zeit ich hier unten verbracht hatte. Peace hatte mich vorbildlich vom Rest der Götterwelt abgeschottet. Tja, zumindest das würde sich jetzt ändern. Ich leuchtete so beschissen hell, dass mich selbst ein Blinder problemlos vom Himmel hätte schießen können. Trotz der Dunkelheit entdeckte ich das ein oder andere neugierige Augenpaar, welches mich beobachtete. Die unterschiedlichsten Empfindungen und Wellen an Macht trafen mich dabei und je tiefer ich in die Stadt hineinflog, desto wirrer und wilder wurden die Eindrücke, die auf mich einprasselten. Als würde erst dort das Leben im Tartaros pulsieren. Ein paar der schwächeren Schwingungen nahm ich kaum als die Signatur eines Gottes wahr. Andere hingegen ließen meine Haut kribbeln, als liefen Hunderte Ameisen darüber. Andere Präsenzen konnte ich stattdessen gar nicht zuordnen. Die enorme Fülle an neuen Empfindungen stürmte in so kurzen Abständen auf mich ein, dass mir tatsächlich schwindelig wurde. Das Leuchten meines Körpers flackerte. Der wiederum schien immerhin zu wissen, wohin er wollte, auch wenn er dabei wie betrunken herumschlingerte. Doch der Kurs blieb. Immer tiefer ins dunkle Herz des Tartaros hinein. Oder hinaus? Ich hatte eindeutig die Orientierung verloren.

Mit der linken Schulter streifte ich die gläserne Kante eines Hochhauses. Ich wandte den Kopf und blickte in das überraschte Gesicht einer pummligen Göttin. Sie saß in ihrem Wohnzimmer auf dem Sofa. Die Beine untergeschlagen. Eine blaue Decke darum gewickelt las sie in einem Buch. Die Inneneinrichtung sah aus wie die einer gewöhnlichen Wohnung, was Sinn machte, wenn man bedachte, dass auch die Götter hier unten irgendwie normal leben mussten. Trotzdem war dieses Bild verstörend. Wie aus einem Leben, das nicht hierhergehörte. Nicht in den Tartaros, ein Gefängnis.

Kurz trafen sich unsere Blicke. Ihre braunen Bambi-Augen wurden stetig größer, während mein eigener Körper sich grell im Fenster widerspiegelte. Gerade als ich an ihr vorbeidriftete, stand sie vom Sofa auf und stürzte zu mir. Mit zittrigen Fingern öffnete sie eine der gläsernen Fronten. Es knackte, als das schwere Glas nach innen schwang und ihr Kopf mit den schulterlangen blonden Locken herauspoppte.

»He–Hey, ist alles okay bei dir?« Ihre Stimme klang hoch und dünn. Ein süßlicher Geruch wehte mir entgegen. Ich öffnete den Mund, gab aber sofort wieder auf. Seufzend schüttelte ich den Kopf. Die junge Göttin musterte mich wachsam. Ihr Blick huschte über meine Gestalt, als würde sie Dinge sehen, die mir verborgen blieben. Hektische rote Flecken bildeten sich dabei auf ihren runden Wangen. »Ich … Ich glaube, da übt jemand einen Zauber auf dich aus!«

Ich riss besorgt die Augen auf.

»K-Keine Angst!«, stotterte die Göttin und lächelte kurzentschlossen. »Ich folge dir. Du bist nicht allein!« Im nächsten Moment verschwand sie aus meinem Sichtfeld.

Ich trieb davon, zog eine Schneise durch die Dunkelheit und spürte, wie Peace in meinem Inneren nach mir suchte. Seine Verbindung zu mir zog an meiner Seele, als hielte ein straff gespanntes Seil uns zusammen. Ich packte es und zog ihn gedanklich näher zu mir. Er folgte wie ein Bluthund, der seine Fährte aufgenommen hatte. Sehr gut. Zumindest war er unterwegs. Die Anspannung in meinem Nacken ließ ein wenig nach, als ich ein Rufen hörte. Mein Blick zuckte hinab zur Straße.

»Hey! Alles okay? Tief durchatmen! Ich glaube, es zieht dich in Richtung des Idiotendreiecks!«