Verlag: Drachenmond Verlag Kategorie: Fantasy und Science-Fiction Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2017

Warrior & Peace E-Book

Stella A. Tack  

(0)
Bestseller

Das E-Book lesen Sie auf:

E-Reader EPUB für EUR 1,- kaufen
Tablet EPUB
Smartphone EPUB
Computer EPUB
Lesen Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?

Leseprobe in angepasster Form herunterladen für:

Sicherung: Wasserzeichen

E-Book-Beschreibung Warrior & Peace - Stella A. Tack

Es gibt fünf Dinge, die du wissen solltest, bevor du dieses Buch liest. 1. Mein Name ist Warrior Pandemos. 2. Ich bin die Tochter der größenwahnsinnigen Götter Hades und Aphrodite. 3. Ich wurde mit einem Gendefekt geboren, der sich Medusa-Effekt nennt. Soll heißen? Sieh mich an und du verlierst den Verstand! 4. Obwohl ich im Gegensatz zu meinen Eltern menschlich bin, passieren in letzter Zeit ziemlich schräge Dinge. Ich meine, ist es normal plötzlich silbern zu bluten? Stimmen im Kopf zu hören? Oder von einem Baum aufgespießt zu werden, ohne dabei ... na ja, draufzugehen? 5. Tja, und schließlich bin ich in der Hölle einem Gefängnisflüchtigen über den Weg gelaufen. Sein Name ist Peace. (Sohn des Zeus/ arroganter Arsch/ verboten heiß/ seelenlos ...) Er versucht mit einem absolut hirnrissigen Plan die Götter aus dem Olymp zu stürzen. Und ich? Ich werde ihm dabei helfen.

Meinungen über das E-Book Warrior & Peace - Stella A. Tack

E-Book-Leseprobe Warrior & Peace - Stella A. Tack

Warrior & Peace

Göttliches Blut

Stella A. Tack

Copyright © 2017 by

Astrid Behrendt

Rheinstraße 60

51371 Leverkusen

http: www.drachenmond.de

E-Mail: info@drachenmond.de

Lektorat: Viktoria Kravtschenko & Lillith Korn

Korrektorat: Lillith Korn

www.helfeelfe.de

Layout: Michelle N. Weber

Umschlagdesign: Stella A.Tack & Leander Fritsche

Bildmaterial Umschlag: Shutterstock & Envato Elements

Illustrationen: Ursula Pirchmoser

Druck: Booksfactory

ISBN 978-3-95991-467-3

Alle Rechte vorbehalten

Für meine Schwester Luna,

ohne die es dieses Buch gar nicht geben würde.

Inhalt

1. Ich bin der Freak …

2. Ein Pieps und ich schlitz dir die Kehle auf

3. Ich bin nicht im Himmel? Ich will mein Geld zuruck!

4. Nur Warrior hat die Eier, den alten Herren Daddy zu nennen

5. Sie waren mächtig, unsterblich, gelangweilt und hatten eindeutig zu viel freie Zeit

6. Ich wollte viel lieber von Lollipops und regenbogenpupsenden Einhörnern träumen!

7. Steuerberater von Amboss erschlagen! Götter weisen Schadenersatzklage zuruck!

8. Ein Baum steckt in meinem Bauch fest!

9. Mit ein paar Tieropfern und dem richtigen Know-how ist so einiges möglich

10. Das Schicksal ist eine Schlampe

11. Ich wurde zu einem Glühwürmchen!

12. Sie ist töricht. Oberflächlich. Bist du es ebenfalls?

13. Nichts, was ein Eisbeutel und ein Aspirin nicht auskurieren könnten.

14. Was meinst du mit Göttin?

15. Ein Wienerschnitzel in einem Hello-Kitty-Hoodie!

16. Ich bin Gott und wer zum Teufel bist du?

17. Ich habe keine Seele

18. Ich bin nackt, du bist da, ich erröte nicht mehr! Paaam. Kleidung her, Kumpel!

19. Ich bin ein Schleimklumpen und alle hassen mich

20. Peace. Gehört. Mir

21. Wie kannst du ohne Seele fühlen?

22. Ein Glück, dass ich eine Schwäche für Monster habe

23. Hatte nie gedacht, jemals eine Rüstung zu brauchen. Ich war eher der Prinzessinnen-Typ

Danksagung

Über die Autorin

Eins

Ich bin der Freak …

»Name?«

»Äh …«

»Name!«, bellte die Furie am Empfangsschalter. Dabei schraubte sich ihre Stimme in eine Tonhöhe, die das Wasserglas am Schreibtisch klirren ließ. Mühselig unterdrückte ich ein Augenrollen. Alles klar, erst mal tief durchatmen.

»Warrior Pandemos! Sie kennen mich seit meiner Geburt, Gladis, Sie wissen ganz genau, wer ich bin!«

Zweifelnd kniff die Furie ihre Schweinsäuglein zusammen und rückte betont langsam ihre spitze Brille zurecht. »So? Ich sehe dich so schlecht, Kind. Komm ein wenig näher!«

Ich beugte mich vor.

»Näher!«

Mein Bauch stieß bereits am speckigen Linoleumtisch an.

»Näher!«

Jetzt lehnte ich mich noch weiter vor.

»Näher!«

Okay, nun konnte ich Gladis’ Nasenhaare zählen. »Nahe genug?«

»Was?«

»Nahe genug?«

»Bei den Göttern! Was schreist du denn so?«

»Ich … egal. Soll ich noch näher kommen?«

»Was? Nein! Wozu? Mit dieser Kapuze kann ich dein Gesicht ohnehin nicht sehen. Ist das so eine eigenartige Modeerscheinung bei den Menschen? Zeig ein wenig Anstand und nimm dieses Ding runter!« Gladis blinzelte mich an, als würde sich eine Bombe unter meiner langen Kapuze verstecken.

Grrr. Ich knirschte mit den Zähnen und richtete mich wieder auf. »Die Kapuze bleibt«, teilte ich ihr liebenswürdig mit. »Checken Sie doch noch einmal meine Personaldaten. Warrior Pandemos. Sie kennen mich. Ich bin die Tochter Ihres Chefs.«

»Mhm«, brummte die Furie zweifelnd, tippte jedoch die Daten in ihren Computer ein.

Ich seufzte und schloss kurz die Augen.

Seit ich denken konnte, arbeitete Gladis für meinen Vater in der Vermittlungsstelle der Unterwelt. Dabei schien die Gute keinen einzigen Tag ihren Posten verlassen zu haben. Egal, ob bei Tag oder Nacht. Wie eine faltige, hässliche Spinne hockte sie hinter ihrem Schreibtisch und machte armen Gottkindern wie mir das Leben schwer. Dabei trug sie unablässig diesen grauenhaften rosaroten Pullover mit den Katzenbabyprints. Ihre Nase war spitz zulaufend – ähnlich dem Schnabel eines Vogels – und von dunklen Warzen übersät. Die blassen Lippen presste sie ständig zu einem schmalen Strich zusammen. Die Gute sah einfach immer genervt aus.

Inzwischen hatte sich hinter mir eine lange Warteschlange gebildet. Die Leute traten ungeduldig auf der Stelle. Wie üblich warteten dämonische Geschäftsmänner in dunklen Anzügen auf ihre Erlaubnis, die Unterwelt betreten zu dürfen. Die meisten stammten von einem der Außenposten der Unterwelt oder reisten als Anwälte im Auftrag des Olymps. Die Götter verklagten sich nämlich mit Vorliebe gegenseitig, wegen … nun, wegen so ziemlich allem. Hinter den Anzugtypen wartete ein erschöpft aussehendes Pärchen auf zwei ausgeblichenen Plastikstühlen. Das Licht der Neonlampen über unseren Köpfen blinkte dabei die ganze Zeit, begleitet von einem nervigen elektronischen Summen. Eine blecherne Lautsprecherstimme plärrte indessen über Gladis’ Kopf unablässig Anweisungen: »Achtung! Ebene 8, bitte ein Putzteam zu den Sanitäreinrichtungen 1 bis 7. Zu viele verdammte Seelen sprengen die Rohre. Ich wiederhole, ein Putzteam nach Ebene 8.«

»Miss Pandemos, hören Sie mir zu?« Die ungeduldige Stimme von Gladis riss mich aus der Betrachtung einer potthässlichen Plastikpflanze, die im Wind des eingeschalteten Ventilators flatterte.

»Entschuldigen Sie, was?« Schuldbewusst sah ich die Furie an.

Seufzend rückte diese ihre Brille abermals zurecht. Eine gespaltene Zunge zuckte aus ihrem Mund hervor, während die Lautsprecheranlage wiederholt um Verstärkung auf Ebene 8 bat. »Ich sagte: Name und Adresse der Eltern!«

Ich stöhnte genervt. »Ach, kommen Sie, Gladis. Seit Jahren gehen Sie mir mit diesem Mist auf die Nerven! Sie arbeiten seit – wie lange? – fünfhundert Jahren für meinen Vater? Sie wissen ganz genau, wer meine Eltern sind. Lassen Sie den dummen Bürokram und geben Sie mir einfach den Besucherausweis. Ich bin ziemlich spät dran!«

»Name und Adresse der Eltern!«, knurrte Gladis. Ihre Augen verdunkelten sich und quollen ein Stück aus den eingesunkenen Augenhöhlen hervor. Igitt.

Die umstehenden Menschen traten vorsichtig einen Schritt zurück. Die hässliche Topfpflanze fiel bei dem Anblick prompt um und stellte sich tot. Seufzend griff ich unter die dunkle Kapuze, die mein Gesicht verdeckte, und wischte mir den Schweiß von der Stirn. Regel Nummer eins in der Vorhölle: Mache niemals eine Furie wütend. Leider schien ich ein ausgesprochenes Talent dafür zu haben.

»Achtung! Achtung, Sicherheitsteam auf Ebene 8 erforderlich! Ausgebrochene Seelen bewerfen das Personal mit Fäkalien!«, dröhnte es dumpf aus dem Lautsprecher. Angestrengt unterdrückte ich den Impuls, meinen Kopf gegen etwas Hartes zu schlagen.

»Schön«, stieß ich schicksalsergeben hervor. »Vater: Hades Pluton, Herrscher der Unterwelt. Anschrift: 666 Hellgate am Styx, Abaddon. Mutter: Aphrodite Venus, Göttin der Liebe. Anschrift: 45 Sunshine Street EC1A, London.« Bei der Erwähnung meiner Eltern verzog ich leicht gequält das Gesicht. Es brachte selten etwas Gutes mit sich, die Tochter zweier größenwahnsinniger Götter zu sein.

Gladis tippte geschäftig meine Angaben in ihren uralten Computer, der zum Öffnen einer Datei nervtötende zehn Minuten brauchte. Mit diesem Ding konnte man locker jemanden erschlagen. Ich meine, sofern man es überhaupt schaffte, ihn hochzuhieven. »Sehr schön! Willkommen im Limbus, auch Vorhölle genannt, Miss Pandemos. Was für einen Antrag möchten Sie denn gerne stellen?«

Zornig funkelte ich sie an. Hinter mir hüstelte einer der Anzugtypen. Idiot! »Ich wünsche einen Besucherausweis für den Olymp, zum allmonatlichen Gesundheitscheck«, diktierte ich ihr laut und deutlich. Ein prüfender Blick auf die Wanduhr über Gladis’ Schreibtisch ließ mich ungeduldig das Gewicht von einem Bein aufs andere verlagern. Der Minutenzeiger war abgebrochen und der schmalere für die Sekunden lief rückwärts, sodass ich nur vage am Stundenzeiger abschätzen konnte, dass es halb drei am Nachmittag sein musste. Mein Termin war um zwei gewesen. Verdammt! Mutter würde mir den Hals umdrehen. Gladis tippte immer noch geschäftig. »Sie wollen also in den Olymp? Haben Sie die Befugnis dazu, Miss Pandemos?«

»Natürlich habe ich die Befugnis! Sie ist … Ohhh, verdammt!« Erschrocken hielt ich inne. Augenblicklich wurde mir heiß und kalt gleichzeitig. Ich hatte den dummen Zettel zu Hause liegen lassen! Nervös klopfte ich meine Hosentaschen ab. Nichts außer ein paar Centmünzen, einem Kaugummi und … igitt, einem alten Taschentuch. Ich wusste, ich hatte etwas vergessen. Aber wie gesagt, ich war einfach zu spät dran gewesen. Die Furie zog eine Augenbraue in die Höhe. Ihr Tippen auf den Computertasten wurde eine Spur langsamer. Ich knirschte mit den Zähnen.

»Kann ich die Bescheinigung denn sehen?«, fragte Gladis süßlich, was meinen ohnehin schon strapazierten Nerven den Rest gab. Knurrend knallte ich meine schwarz behandschuhte Faust gegen die gläserne Trennscheibe zwischen uns. »Verdammt noch mal, nein! Ich habe den Passierschein vergessen, aber Sie wissen genau, dass ich die Berechtigung für den Olymp habe, Gladis! Geben Sie mir einfach den blöden Wisch!«

Gladis zog ungerührt eine faltige Augenbraue nach oben. Die Haut auf der gesamten linken Gesichtshälfte rutschte dabei nach unten. »Mäßigen Sie Ihren Ton, Miss Pandemos. Ansonsten sehe ich mich gezwungen, den Sicherheitsdienst zu rufen.«

»Sie scherzen wohl?!«, blaffte ich und blickte der alten Furie finster in die Augen. Nun, zumindest sah sie das Aufblitzen meiner dunklen Sonnenbrille. »Geben Sie mir einfach den Ausweis oder ich sage meinem Vater, er soll Sie rauswerfen!« Okay, ich sollte womöglich die Klappe halten, doch mit jeder Sekunde, die ich hier unten mit unnötigem Papierkram verplemperte, kam ich noch später zu meinem Termin im Olymp. Die Götter waren bei so etwas ganz und gar nicht cool. Es würde mir einen Haufen Ärger einbringen. Die Neonleuchten über uns blinkten hektisch, während auf meinem Gesicht kalter Schweiß ausbrach. Ich musste wirklich dringend zu diesem Gesundheitscheck. Die blecherne Ansagestimme verkündete indessen, dass eine Fahndung nach fünf flüchtigen Seelen, Sterbezeit circa 17. bis 18. Jahrhundert, herausgegeben wurde. Hilfreiche Informationen sollten bitte in der Vorhölle abgegeben werden.

Gladis stieß ein ungeduldiges Knurren aus, das ihre hundert Falten bedrohlich zum Zittern brachte. »Sie drohen mir, Miss Pandemos? Schön, ich habe sie gewarnt. Vielleicht flößen Ihnen zwei Tage in Downtown ein paar Anstandsregeln ein.« War sie zuvor noch extrem langsam gewesen, so drückte sie jetzt blitzschnell den roten Knopf neben ihrem Tisch.

»Was? Nein! Was tun Sie da?«, fragte ich, doch es war zu spät. Der Raum bebte. Die Warteschlange kam unruhig in Bewegung, einige Anstehende strauchelten. Das Wasserglas neben Gladis klirrte und ein paar Brocken Putz fielen von der Decke. Schnell hielt ich mich am Tresen fest, als das Ruckeln genauso plötzlich wieder aufhörte. Wie aus dem Nichts knallte eine breite Tür mitten in den Warteraum hinein. Durch die Erschütterung bröckelte weiterer Putz von der Decke und prasselte auf die Köpfe der Umstehenden nieder. Die Warteschlange zog sich noch einen Schritt zurück, als die Tür aufgerissen wurde und zwei bullige Höllenhunde den Raum betraten.

Ich stöhnte. »Nicht die Hunde.« Speichel tropfte den Bestien von den verfilzten Mäulern. Ihre rot glühenden Augen waren starr auf mich gerichtet. Ein fieses Knurren erfüllte das schäbige Büro, als die Hunde ihr räudiges Fell schüttelten und zu wachsen begannen. Binnen Sekunden hörte man das Brechen von Knochen und das Reißen von nassem Fleisch. Klauen formten sich zu Händen. Fell zu Haut und Läufe zu Beinen. Seufzend kratzte ich mich am Kopf und starrte auf die beiden Sicherheitsmänner, Milon und Kroton, die wie zwei Berge ungeschlachter Muskeln vor mir standen und die Zähne fletschten.

»Wow! Hey, Milon! Kroton! Schon lange nicht mehr gesehen, wie gehts euch zweien? Gladis und ich hatten nur eine kleine Meinungsverschiedenheit, es besteht also kein Grund zur Aufregung.« Bedächtig ging ich einen kleinen Schritt rückwärts, die Hände kapitulierend erhoben. Höllenhunde sind … na ja, man konnte sie wohl als Security der Unterwelt bezeichnen. Sie waren stark, schnell, zäh und beinahe unmöglich umzubringen. Allerdings zählten Dinge wie überlegtes Handeln oder regelmäßige Waschtage nicht wirklich zu ihren Stärken. Jeder Befehl wurde befolgt, egal, wie hirnrissig er auch sein mochte. Unschuldig riss ich die Augen auf und entschied spontan, dass Flucht eindeutig besser war als Knast. Scheiß auf den Gesundheitscheck! Ich würde ihn nachholen. Flink drehte ich mich auf den Fersen um und nahm Reißaus. Zumindest versuchte ich es. Ich kam jämmerliche vier Meter weit, bevor Milon mich von hinten packte und zu Boden drückte. Keuchend wich mir die Luft aus der Lunge.

»O Mann, wozu war das denn nötig?«, grunzte ich und riss erschrocken die Augen auf, als sich Kroton ebenfalls auf mich fallen ließ. »Pfff!« Wie bei einem Luftballon schoss die restliche Luft aus mir hinaus.

»Bringt sie nach Downtown! Ich werde ihrem Vater von den fehlenden Manieren seiner Tochter berichten«, krächzte Gladis zufrieden, während mir die beiden Höllenhunde die Hände auf den Rücken drehten.

»Ach, kommt schon. Das muss wirklich nicht sein. Ich komme noch zu spät.«

Meine Rippen schmerzten von dem Zusammenprall und meine Lunge … War dieses merkwürdige Pfeifen normal? Hm. Ungerührt von meinem Gezappel stießen die Typen mich durch die offen stehende Tür. Das Letzte, was ich sah, war, wie die Warteschlange zufrieden weiterrückte, bevor die Tür ratternd vor meiner Nase zuschlug.

»Nicht schon wieder!« Kläglich ließ ich den Kopf hängen. Das war ein wirklich beschissener Tag und dabei war es gerade erst Nachmittag. Im Selbstmitleid schwimmend, sah ich auf. Ich war im Inneren eines Aufzugs. Davon gab es einige in Abaddon. Anders war es ziemlich mühselig, von einer Ebene in die nächste zu gelangen. Man konnte sich hier unten locker für ein paar Jahrzehnte verirren. Es war wie ein Labyrinth aus bunten Kuchenschichten, die in einer wirren Konstellation zusammengeschustert worden waren. Jede Ebene sah ein wenig anders aus. Manche waren ganz normale Orte. Kleinstädte mit lauschigem Ortskern, wo man Kaffee trinken und Eis essen konnte. Andere waren bizarre und albtraumhafte Welten aus Rauch und Feuer, in denen man jenen Wesen begegnete, die normalerweise nur mit Maulkorb herumlaufen sollten. Auf Ebene 99 gab es zum Beispiel einen Kobold namens Frank, der für die Buchhaltung zuständig war. Klasse Typ. Er hatte immer Lollis mit Kirschgeschmack in seiner untersten Schreibtischschublade. Wenn man sich allerdings auf Ebene 61 verirrte, wurde man von einem Seeungeheuer gefressen. Um so etwas zu vermeiden, waren die Aufzüge ein wahrer Segen. Leider fuhr der hier nur zu einer Station: Downtown.

Pling. Die Aufzugtüren schwangen auf. Ich blickte in einen feuchten steinernen und sehr, sehr dunklen Tunnel. Schon wieder. Meine Schultern sackten herab. Ich war so was von am Arsch. Das grelle Licht des Fahrstuhls durchdrang nur wenige Meter die Dunkelheit. Ich sah einen blauhäutigen Pixie über den Boden huschen. Geblendet durch die plötzliche Helligkeit blieb das Wesen wie gebannt stehen und zischte mit seinen kleinen, messerscharfen Zähnen in meine Richtung. Die gelben Augen verzogen sich zu bösartigen Schlitzen, bevor es krallenschabend wieder in der Dunkelheit verschwand. Oje, das würde meinem Vater gar nicht gefallen. Die Biester waren schlimmer als jede Rattenplage und sie konnten mit ihren Zähnen selbst Aufzugskabel durchbeißen, sodass es ihretwegen immer wieder zu schrecklichen Abstürzen kam. Man brauchte Tonnen an Schädlingsbekämpfungsgift, um die Pixies in Schach zu halten. Dort, wo man einen sah, waren meistens tausende andere in den hohlen Wänden oder dahinter versteckt. Misstrauisch musterte ich den Boden, suchte nach weiteren mordlüsternen Nagetieren, aber der Gang war leer. Ich trat aus dem Fahrstuhl. Die Türen knallten hinter mir zu und nahmen damit auch noch den letzten Rest Helligkeit mit sich. Es rappelte. Der Boden bebte leicht, ließ mich wanken, bevor der Aufzug genauso schnell wieder verschwand, wie er gekommen war. Ich blinzelte angestrengt und begann mir vorsichtig einen Weg nach vorne zu bahnen. Ich war so oft in Downtown unterwegs, dass die Höllenhunde meines Vaters mich nicht einmal mehr schützend begleiten mussten. Ich wusste, wohin mein Weg mich führte. Vor mir lag ein langer, kalter Schacht, von dessen Decke es immer wieder ekelhaft tropfte. Von überall und gleichzeitig nirgendwo hallten gequälte Schreie durch das Mauerwerk. Der Boden war nass und bei jedem Schritt schmatzte es leise. Das Scharren der kleinen Pixie-Krallen war unüberhörbar. Meine Nackenhaare stellten sich auf. Wenn man vor Dunkelheit, Schimmel, Platzmangel, Pixies oder dem Verlust von WLAN Angst hatte, starb man hier unten tausend Tode. Was natürlich auch der Sinn der Sache war. Mit Hölle und so. Wenn man jedoch so oft wie ich hier unten war, wusste man, dass es nur zehn Meter weiter einen Lichtschalter gab. Auch das ständige Tropfen und gequälte Geschrei, das in der Dunkelheit nachhallte, war wirklich nichts, vor dem man sich fürchten musste. Theoretisch. Hier unten lagen zwar Folterkammern, diese wurden jedoch nur noch selten benutzt. Dafür befanden sich hier aber auch die Sanitäranlagen der Angestellten. Das benötigte Wasser für die Toiletten wurde aus dem Styx, dem See der verdammten Seelen, abgepumpt, sodass man mitsamt Klowasser und Inhalt auch gleichzeitig Dutzende verstorbene Seelen hinunterspülte. Das Stöhnen und Schreien war lediglich ein schwacher Protest vor dem Angepinkelt-und-runtergespült-Werden. Okay, es scharrte wieder. Etwas zwickte mich fest ins Bein. Ich sprang einen gefühlten Meter nach oben und kreischte erschrocken. Ein Pixie lachte gackernd. Fluchend rieb ich mir das Bein und warf dem Vieh einen bitterbösen Blick zu, was dieses nur irre Kichern ließ. Bei den Göttern! Diese Dinger waren so was von durchgeknallt! Na toll.

Jetzt hatte ich doch Schiss. Ich brauchte Licht, sonst würde ich hier unten noch als Pixie-Dessert enden.

Schimpfend humpelte ich an den Wänden entlang, wo ich tatsächlich die kalte Klinke fand. Eine Tür. Ich richtete mich auf und tastete mich weiter, fuhr in etwas Glitschiges – Ahhh! O Gott! Hoffentlich kein Trollrotz! – und fand schließlich den Lichtschalter. Mit dem Ellbogen drückte ich drauf. Es klickte leise und … nichts. Stirnrunzelnd versuchte ich es erneut. Wieder nichts. Ein Wasserrinnsal tropfte mir über den Nacken. Ich konnte die Seelen über mir stöhnen hören, gefolgt von einem lauten Spülgeräusch.

»Was zum …?« Murrend drückte ich den Schalter ein drittes Mal. Doch es blieb ebenso stockdunkel wie zuvor. Fluchend lehnte ich mich gegen die Tür. Nicht schon wieder! Die Stromversorgung in der Hölle war einfach grauenhaft. Meist wurden die Leitungen von flüchtenden Pixies angeknabbert. Jetzt musste ich meinen Weg zu den Folterkammern im Dunkeln zurücklegen. Ganz toll. Wunderbar! Genervt stützte ich mich an der Wand ab und überlegte. Die Spülung hatte mich daran erinnert, dass ich eigentlich schon seit dem Mittagessen aufs Klo musste. In meinem Stress, den Termin im Olymp nicht zu verpassen, hatte ich es einfach ignoriert. Jetzt aber musste ich wirklich, wirklich dringend. Zu meinem Glück befand sich hinter dieser Tür eine der Toiletten. Zumindest, wenn sie in den letzten Tagen nicht zu einem Abstellraum oder etwas Ähnlichem umfunktioniert worden war. Hier unten wusste man nie. Vielleicht funktionierte zumindest das Licht im Inneren des Raumes. Die Sanitäranlagen wurden seit Neuestem auch mit dem Notstromgenerator versorgt, da einfach zu viele Angestellte im Dunkeln falsch gezielt hatten. Die Putzfrauen hatten sich geweigert, die ständige Schweinerei aufzuwischen. Es gab erste Streiks, bis sich am Ende sogar die Verdi – verdammte Dienstleistungsgewerkschaft – eingeschaltet und Hades die Verantwortliche entweder beschwichtigt oder an den Daumen aufgehängt hatte. Meine Chancen standen also nicht schlecht. Einen Versuch war es zumindest wert. Blinzelnd tastete ich wieder nach der Klinke, fand sie und drückte. Die Tür schwang problemlos auf. Ich streckte den Kopf hinein und musste augenblicklich würgen. Ein strenger Geruch nach künstlicher Zitrone, Urin und schwarzer Magie schlug mir entgegen. Ich rümpfte die Nase und hatte überhaupt keine Lust mehr, in diese Stinkhöhle hineinzugehen, aber meine Blase hatte inzwischen so sehr ihre liebe Not, dass ich todesmutig in die Toilette hineinpolterte. Sofort scharrten kleine Pixie-Krallen am Holz und haarsträubendes Lachen erklang. Schnaubend trat ich dagegen. Die Pixies quietschten erschrocken und rannten davon. Sehr schön. Jetzt musste ich nur noch den Lichtschalter finden. Die Beine zusammenkneifend, fuhr ich mit den Händen über die gesprungenen Fliesen hinweg und drückte den Schalter. Schummrig grünes Notlicht leuchtete auf. Ich blinzelte und fluchte. »Scheiße, was soll denn das sein?« Hier drinnen sah es aus, als hätte sich ein Troll die Seele aus dem Leib gewürgt und sich anschließend noch ein paarmal kräftig darin gewälzt. Unter meinen Schuhen klebte es schmatzend, als ich mich vorsichtig der Kloschüssel näherte. Das Ding sah aus, als hätte eine gigantische Schnecke ihr Geschäft darauf verrichtet. In der Schüssel blubberte es. Quiekend sprang ich zurück und wäre beinahe auf der Sauerei am Boden ausgerutscht. Vor lauter Ekel schüttelte es mich. Nie im Leben würde ich hier pinkeln können. In der Schüssel brodelte es erneut. Es klang beinahe wie ein Hilfeschrei. Misstrauisch linste ich noch einmal hinein und sah unter all dem Schleim etwas zappeln. Eine Seele! O mein Gott, die arme.

»Hey? Alles gut da drin?«, fragte ich zaghaft. Die Seele begann panisch zu flimmern. »Klar, blöde Frage. Soll ich dich da rausholen?« Die Seele zappelte heftiger. Der grüne Schleim schlug Blasen. Ein unglaublich schrecklicher Geruch stieg dabei nach oben. Es ätzte mir praktisch die Nasenhaare weg. Ich unterdrückte ein Würgen und suchte hektisch nach der Klobürste. Nie im Leben würde ich da mit der Hand reingreifen. Ich fand das Ding unter einer so dicken Schleimschicht, dass ich tatsächlich dankbar für meine Handschuhe war, die ich ständig anhatte. Mit spitzen Fingern hob ich den Stiel, versuchte, den Modder abzuwedeln, und gab es sofort wieder auf. Das Zeug klebte wie Kleister. Die Seele zappelte inzwischen so heftig, dass es in der Schüssel wie in einem versifften Whirlpool brodelte.

»Okay. Okay. Halt mal still, ich hole dich raus!«, wies ich sie an und stocherte im Matsch herum. Sofort schossen zwei leuchtend blaue Tentakel hervor und krallten sich verzweifelt in die Bürste. Ich zog und war erstaunt, wie schwer die Seele war. Seelen, die schon lange verstorben waren, verloren mit der Zeit ihre Form. Am Anfang ähnelten sie zwar noch ihrem körperlichem Ich, doch nach ein paar Jahrzehnten glichen sie eher leuchtenden Kugeln mit kleinen Tentakelchen. Diese hier war eine ebensolche, mit glitschigen Ärmchen. Eine von der schweren Sorte noch dazu. »Hoppla.« Beinahe rutschte mir der Stiel aus der Hand. Schnell nahm ich auch die zweite Hand zu Hilfe und zog weiter. Die Seele zappelte, zog sich hoch und schoss so blitzartig aus der Schüssel hervor, dass ich erschrocken nach hinten stolperte. Die Bürste flog in hohem Bogen durch den Raum, während die Seele wie ein großer und wabbeliger Tintenfisch auf mir landete. »Ahhh!«, jaulte ich erschrocken auf, als mich ein heftiger Stromschlag traf. Die Seele war warm, beinahe heiß, und ihr Körper war so durchscheinend wie der einer Qualle. In ihrem Inneren zuckten bunte Lichter wie Blitze umher. So eine hatte ich tatsächlich noch nie gesehen. Sie war viel zu groß und dann auch noch so frech, mich nach dieser Rettungsaktion anzuzischen. Das Ding verpasste mir prompt einen weiteren schmerzhaften Stromschlag.

»Na warte, du kleines Biest!« Fluchend stürzte ich mich auf sie, doch sie schoss wie ein Flummi in die Luft und noch während ich sie zu packen versuchte, versetzte sie mir einen weiteren kräftigen Stromstoß, der mich gegen das schleimige Waschbecken stieß. Es krachte, Splitter flogen in alle Richtungen und ich starrte verdutzt auf ein faustgroßes Loch mitten in der Tür. Ein paar Pressholzspäne fielen zu Boden. »Scheiße!« Ich riss die Tür auf und sah, wie die Seele praktisch Fahnenflucht beging. Das schwache grüne Notlicht war hell genug, dass ich gerade noch erkennen konnte, wie sie sich in einen Abwasserrost quetschte und mit einem nassen Ploppen im Kanal verschwand. Ich hechtete hinterher, spähte durch das rostige Gitter, von dem ein paar grüne Schleimspuren hinabtropften. Wasser floss als dunkler Strom entlang. Der leicht säuerliche Geruch des Styx schlug mir entgegen. Dutzende Seelen paddelten darin herum. Manche von ihnen waren schon so weit fermentiert, dass sie nur noch als lose Schliere zu erkennen waren. Andere hingegen waren noch recht kompakt, sodass sich Gesichter und Ansätze von Gliedmaßen abzeichneten. Die von eben war jedoch nicht darunter. Sie war weg und ließ mich ziemlich schleimig zurück. Wahnsinn.

Eine Weile guckte ich noch verdattert den Gully hinab, hörte das Gluckern des Styx unter mir und das Stöhnen der Vorbeitreibenden. Was war das denn gewesen? Die feuchte Kälte des Flurs kroch mir langsam in die durchlässigen Schuhe. Fröstelnd wischte ich mir die Hände an der Wand ab, versuchte, nicht weiter darüber nachzudenken, wie dringend ich inzwischen aufs Klo musste, und wich ein paar tollkühnen Pixies aus, die mir kreischend das Hosenbein hochkrabbeln wollten. Ich trat ihnen auf die kleinen Füßchen, bis sie jaulend das Weite suchten. Langsam ging ich weiter durch den schnurgeraden Tunnel. Als Kind hatte ich hier mit Kreide viereckige Flächen auf den Boden gemalt und darauf Himmel und Hölle gespielt. Inzwischen waren die Farbspuren von den vielen Füßen und der Nässe kaum mehr zu sehen. Außerdem verloren Hüpfspiele ein wenig von ihrem Reiz, sobald man einen Sport-BH tragen musste. Lustlos schlenderte ich durch den Tunnel, duckte mich unter ein paar zischenden Rohren hindurch und hörte mein Ziel, noch bevor es überhaupt in Sicht kam.

Das Knallen einer Peitsche mischte sich mit dem Geschrei eines Mannes, der eindeutig keinen Spaß zu haben schien. Der Geruch von feuchtem Schimmel löste sich abwechselnd mit dem von verbranntem Fleisch ab, als ich mich Schritt für Schritt weiter durch den engen Flur tastete. Bis sich die Dunkelheit langsam lichtete und den Anblick auf ein Paar wuchtige eiserne Flügeltüren preisgab. Beide standen sperr­angelweit offen. Über ihnen war ein blinkendes rotes Neonschild mit den Worten Herzlich willkommen in der Verdammnis! angebracht. Höllenfeuer zuckte aus den Türen hervor und beleuchtete eine bereits wartende Schlange von Menschen, Olympiern und Abaddoner, die in etwa genauso begeistert aussahen, hier unten zu sein, wie ich mich fühlte. Ein jeder kam aus einer anderen Richtung. Verschiedene Tunnel, die sich wie Flussarme zu einem einzigen großen Flusslauf vor den Höllentoren zusammenschlossen. Manche Menschen waren alleine. Die Augen vor Angst weit aufgerissen, die Gesichter bleich. Andere wurden in ganzen Gruppen von schattenhaften Höllenhunden an Ketten nach vorne geschleift. Mit jedem Schritt wurde das Gewinsel der Gefolterten lauter. Der Geruch nach Urin, Angstschweiß, Blut und Eiter mischte sich mit dem vom paradiesischen Kokostraum. An den Türen hingen überall diese künstlich riechenden Tannenbäumchen, die den Gestank der Kerker ein wenig verbessern sollten. Eigentlich hatte die Gewerkschaft Lufterfrischer gefordert. Meinem Vater war der Kragen dann allerdings geplatzt, weshalb er die Gewerkschaftsführer für ein paar Tage an den Daumen hat aufhängen lassen. Also gab es jetzt Dufttannenbäumchen. Auch nett, wie ich fand. Unauffällig mischte ich mich in die Schlange der unglücklich Verdammten und schielte auf die Armbanduhr des Mannes vor mir. Eine blutbespritzte Rolex. Sehr teuer. Aber verdammt! Wenn die Uhr hier unten richtig ging, war es bereits halb vier. Damit hatte ich meinen Termin im Olymp mehr als verpasst. Niedergeschlagen folgte ich der Menge durch die dunklen Türen, wobei sich der Rolex-Armband-Typ vor mir prompt in die Hose pinkelte, als ein kahlköpfiger Troll ihm ein glühendes Eisen gegen den Handrücken presste. Sein heiserer Schrei schraubte sich in gellende Tonlagen. Ach ja, die Anfänger. Man erkannte immer, wenn jemand zum ersten Mal hier unten war.

»Nicht aufgeben. Es wird besser«, versicherte ich dem Typen, der ohne viel Federlesen die Augen in den Höhlen verdrehte und in Ohnmacht fiel. Oha. Eine Dramaqueen also auch noch. Knurrend stieß der Troll den ohnmächtigen Mann in den Raum hinter sich, wo er ein paar der umstehenden Menschen umkegelte.

»Hey, Teddy! Na, alles klar?«, grüßte ich den zwei Meter großen Troll, dessen Haut grünlich schimmerte. Seine Pranken mit den gelben Nägeln packten das Brenneisen fester, als er zustimmend grunzte. Zu mehr Konversation war der Arme nicht fähig. Sein Wortschatz reichte von grunz bis grunz-grunz. Alles andere überstieg seinen Horizont. Für einen kurzen Plausch reichte es aber allemal.

»Ich habe gehört, du wurdest zum zweiten Folterknecht befördert. Gratuliere!«, plauderte ich munter weiter und schob den Ärmel meiner schwarzen Jacke ein Stückchen nach oben, sodass ein schmaler Spalt Haut zwischen dem Ärmelstoff und den Handschuhen sichtbar wurde. Dort prangte eine tätowierte Nummer, meine lautete: 30013 A/H. Jedes Gottkind bekam nach der Geburt ein solches Zeichen auf den Arm tätowiert. Im Klartext: Ich war Gottkind Nummer 30013 auf dieser Welt. A stand dabei für meine Mutter, Aphrodite. H für Hades, meinen Vater.

Zustimmend nickend winkte er mich weiter. Vorsichtig stieg ich über die auf dem Boden sitzenden und teilweise vor Angst wimmernden Gefangenen hinweg, die sich wie ein Haufen blökender Schafe in der Empfangshalle zusammendrängten. Diese bestand im Grunde nur aus einer schmucklosen Steinhöhle, die sich kuppelartig nach oben hin schloss. Den Boden bedeckten brüchige weiße Fliesen, die von Erbrochenem und Ruß schimmerten. Ein paar grünlich blinkende LED-Lichter spendeten ein Mindestmaß an Helligkeit. Hier und da sah ich sogar noch ein paar altmodische Fackeln, die den Geruch nach verbranntem Teer verbreiteten. Ich rümpfte die Nase. Eigenartig. Normalerweise waren die Folterkammern mit besserem Licht ausgestattet. Ein paar Nachzügler wurden am Eingang noch gebrandmarkt, bevor sich die schweren Türen knarrend schlossen. Eine angespannte Stille breitete sich im Raum aus. Selbst die toughesten Menschen sahen inzwischen so aus, als würden sie vor Angst einen Herzinfarkt bekommen. Seufzend lehnte ich mich in den Schatten einer Steinmauer, direkt neben einer weiteren, gut getarnten Tür, hinter der sich Putzkübel und Wischmopps stapelten. Man sollte es an einem Ort wie diesem nicht vermuten, aber die Hygienevorschriften des Olymps und Abaddons waren sehr streng. Das Hygieneamt bescherte meinem Vater regelmäßig graue Haare. Insbesondere, wenn Strafzahlungen anstanden. Meistens wegen der Pixies. Ich wischte mir noch ein wenig Schleim von den Handschuhen, holte den Minzkaugummi aus meiner Hosentasche und wartete auf den Beginn der Show, die hier unten zweimal am Tag für die Neuankömmlinge stattfand. Tatsächlich dauerte es nicht lange, bis die LED-Lichter ruckartig erloschen und uns in pechschwarzer Dunkelheit zurückließen. Wie gewohnt folgte ein warmer Windzug, der den Gestank nach Tod und Verwesung mit sich brachte. Die Gefangenen begannen zu wimmern. Ängstlich lauschten die Menschen in die Schwärze, als das Scharren von großen Füßen durch den Saal hallte.

»Ahh!« Unruhig wichen die Verdammten zurück, rissen dabei ein paar andere Unglückliche zu Boden. Ein tiefes Grollen durchdrang den Raum, bevor eine körperlose Stimme die panischen Schreie der Gefangenen durchschnitt: »Willkommen Seelen, in der ewigen Verdammnis! Kein Weg führt aus diesen Gemäuern heraus. Nehmet Abschied von jeder Hoffnung, denn ich werde euer Kerkermeister sein.«

Das Grollen erfüllte die Dunkelheit und ließ die steinigen Wände erzittern. Nett. Grinsend ließ ich eine Kaugummiblase zerplatzen und schielte zu den verborgenen Lautsprechern hoch.

»Ihr werdet eure Taten bereuen. Wir werden eure Seelen läutern. Macht euch bereit, die Strafe zu empfangen. Also … stellt euch in einer Reihe auf und drängelt nicht! Ich kann Unordnung nicht leiden!«, bellte die Stimme. Ein warmes Licht durchzuckte die stählerne Dunkelheit, als der Körper eines gigantischen Minotaurus sich in unser Blickfeld schob. Das Untier hatte den Körper und die Beine eines muskulösen Mannes mit sandbrauner Haut. Seine Füße endeten in gespaltenen Hufen, die bei jedem Schritt Funken sprühten. Sein Kopf war der eines Stieres, mit dunklen Hörnern, die sich bis zur steinernen Decke streckten. Ein faustgroßer Nasenring steckte in seinen Nüstern, die er in ebenjenem Augenblick Furcht einflößend blähte. Hinter ihm lösten sich Teddy und drei weitere Trolle aus der Dunkelheit und begannen damit, die Menschen wie aufgescheuchte Hühner zusammenzupferchen. Mit altmodischen Speeren trieben die Trolle die Gefangenen an dem Minotaurus Namens Sokrates vorbei, der soeben das Mikrofon für den Verstärker von seinem Maul wegschob und ein iPad herausholte. Grimmig begann er eine Liste sämtlicher neu registrierter Insassen aufzurufen und las ihre Vergehen vor. Dabei kniff er die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen. Der gewöhnliche Laie machte sich bei diesem Ausdruck normalerweise vor Angst in die Hose. Ich hingegen wusste, dass er nur seine Brille vergessen hatte. Schon wieder. Nach einem kritischen Blick in das Gesicht des jeweiligen Gefangenen verwies Sokrates diesen, je nach Schwere des Vergehens, in eine bestimmte Abteilung der Folterkammer. Da sich dieses Prozedere oft endlos in die Länge ziehen konnte, insbesondere dann, wenn dieser Hornochse seine Brille vergessen hatte, wartete ich geduldig, bis die Gefangenen Rotz und Wasser heulend in die dunklen Kammern verschleppt wurden. Dass die Mehrheit nur Sozialdienst aufgebrummt bekommen hatte, würde ihnen noch früh genug klar werden. Mein Vater vertrat die Ansicht, dass Sozialarbeit der Hölle weitaus mehr zugutekam, überdies Personalkosten einsparte und schlechte Charaktereigenschaften viel schneller auf den rechten Weg rückte, als jedem Einzelnen die Haut von den Knochen zu ziehen – und wenn man mich fragte: Die Klos der Hölle zu putzen, das war eindeutig schlimmer als jede Folter. Schon mal den Haufen eines Minotaurus gesehen?

Ploppend zerplatze eine nach Minze schmeckende Kaugummiblase vor meinem Mund. Nach etwa einer halben Stunde stand ich endlich selbst vor dem Minotaurus. Grinsend blickte ich zu ihm auf. »Was sollte das denn werden? Stellt euch in einer Reihe auf? Nicht drängeln, ich kann Unordnung nicht leiden? Sehr Furcht einflößend. Bewerfen wir die Verdammten demnächst auch mit flauschigen Kaninchen?«, zog ich den Kerkermeister auf. Schnaufend ließ er das iPad sinken und starrte mit belustigt funkelnden Augen zu mir hinab.

»Beim Abaddon, Warrior! Dieses ganze Gejammer geht mir schrecklich auf die Nerven. Sie sind immerhin nicht ohne Grund hier unten. Und dieser verdammte Technik-Schnickschnack macht mich am Ende noch wahnsinnig. Warum will dieses Ding ständig Updates von mir?« Er hob das iPad wieder an und tippte fluchend mit seinen dicken Fingern auf dem Bildschirm herum. »Ich sag es dir, Mädchen, die Zeiten waren eindeutig einfacher, als wir noch nicht alles digital für die Buchhaltung absichern mussten. Und wenn mir Hades noch ein Video von Hundebabys schickt, die kopfüber in den Fressnapf fallen, kündige ich!«

»Mein Daddy schickt Hundevideos?«, kicherte ich, während der Minotaurus das iPad anstarrte, als würde er es am liebsten fressen.

»Andauernd!«, blaffte er. »Und was soll dieses LOL bedeuten? Leiche ohne Leber? Ich verstehe einfach nicht mehr, was er von mir will. Hm, sei es drum. Was hast du eigentlich hier unten zu suchen?« Tadelnd zog der Minotaurus eine gigantische Augenbraue nach oben und schaltete die Lichter an den Wänden an.

Geblendet blinzelte ich. Meine Sonnenbrille war ein wenig verrutscht und ließ die Welt in viel zu grellen Farben leuchten.

»Spinnst du? Schau mich nicht an!«, fuhr ich Sokrates erschrocken an und zog die Kapuze tiefer, bevor das Licht mein Gesicht treffen konnte. Schnell rückte ich die Brille zurecht.

»’tschuldigung, Prinzessin! Trotzdem, warum bist du hier unten? Solltest du denn nicht im Olymp sein?«, brummte er und verschränkte mit strenger Miene die Arme vor der haarigen Brust.

»Tja, was das angeht …« Leicht verlegen schob ich meine behandschuhten Hände in die Hosentaschen und zog die Schultern nach oben. »Ich habe wohl eventuell die Furie beleidigt … und den Passierschein vergessen. Du weißt schon, das Übliche eben.« Die Nasenflügel des Minotaurus blähten sich erneut, doch bevor auch er mit einer Strafpredigt beginnen konnte, wechselte ich schnell das Thema. »Ist ja auch egal. Einmal von meiner sozialen Unfähigkeit abgesehen, warum läuft hier unten alles mit Notstrom? Draußen funktioniert das Licht auch nicht. Haben wir schon wieder einen Pixie-Schaden? Da laufen eine Menge herum und eine der Toiletten sieht aus, als hätte eine gigantische Nacktschnecke darin Party gefeiert. Außerdem ist da jetzt ein großes Loch in der Tür.«

Der Minotaurus brummte, verwirrt von dem schnellen Themenwechsel. »Da ist ein Loch in der Tür?«

»Ein ziemlich großes«, stimmte ich zu.

»Und wie kommt es dahin?«

»Eine Seele ist Amok gelaufen.«

»Aha … soll ich das verstehen?«

»Musst du nicht. Aber wenn du eine gigantische, schlecht gelaunte Seele siehst, hol sie nicht mit einer Klobürste raus.«

»Alles klar.«

Zusammen schlenderten wir den Gang rechts an der Empfangshalle entlang. Das schwache Licht der Neonlampen biss sich störrisch Zentimeter für Zentimeter durch die niederdrückende Dunkelheit und erhellte dabei ein paar vorbeihuschende Pixies. Aii, das würde meinem Vater gar nicht gefallen. Der letzte Kleintierschaden hatte ihn Millionen gekostet. »Also, warum ist es hier so dunkel?«, bohrte ich weiter nach.

Sokrates grunzte. Er konnte ganze Unterhaltungen nur mit Grunzen führen, wobei man zwischen seinem Ich-bin-genervt-Grunzen, seinem Ich-bin-hungrig-Grunzen und seinem Ich-mag-dich-Grunzen unterscheiden musste. Gerade war es allerdings eher ein Ich-fühle-mich-unwohl-Grunzen. »Es wurde befohlen! Dein Dad … ähm … ich meine natürlich den Boss, der hat gestern sämtliche Elektrik in der Unterwelt kappen lassen! Wir sind wieder, wie vor einhundert Jahren schon, auf Fackeln und ein wenig Notstrom angewiesen. Ich habe völlig vergessen, wie sehr diese Pechfackeln stinken.«

»Warum hat Hades das befohlen?«, fragte ich verwundert. Die Hölle tat sich ein wenig schwer damit, den Errungenschaften des 21. Jahrhunderts hinterherzukommen. Dennoch, die essenziellen Vorteile elektrischen Stroms hatten selbst meinen störrischen viertausend Jahre alten Vater überzeugen können.

»Es gab da ’n paar unschöne Dinge. Weiß nicht viel darüber, aber es hat den Boss mächtig wütend gemacht. Da bekomm selbst ich Angst.« Sein Blick verdüsterte sich, während er den Kopf schüttelte, als wollte er so ein paar unangenehme Erinnerungen loswerden. »Ich bin übrigens am Überlegen, mir eine neue Willkommensrede einfallen zu lassen. Ich sage seit beschissenen dreihundert Jahren dasselbe! Langsam kann ich es selbst nicht mehr hören.«

»Es ist ein wenig abgedroschen«, stimmte ich zu und rieb mir den Kopf. Seit dieses Seelending mir einen elektrischen Stoß versetzt hatte, brummte mein Schädel.

Der Bulle grinste genüsslich und kratzte seine haarige Brust. »Dachte ich mir doch! Wenn du ein paar Vorschläge hast, höre ich sie mir gerne an. Aber ich werde keine Worte wie cool oder chillig benutzen! Nur damit das schon mal geklärt ist«, brummte Sokrates, was mich leise kichern ließ.

»Ich überlege mir etwas. Besonders die Stelle mit Nehmet Abschied war ein wenig … staubig. Nicht wirklich beeindruckend. Du solltest öfter improvisieren. Alle paar Jahrzehnte einen neuen Spruch, das würde ordentlich Schwung in die Bude bringen!«

Sokrates errötete, was man bei seinem fellbedeckten Gesicht nur am Halsansatz erkennen konnte. »Ach, hör doch auf. Warum hast du schon wieder deinen Ausweis vergessen? Ich dachte, du hättest deiner Mutter versprochen, für ein paar Wochen keinen Ärger zu machen. Außerdem ist dein Gesundheitscheck fällig.«

»Meinst du, das weiß ich nicht?«, fragte ich finster und stieß eine im Mauerwerk verborgene Tür auf. Wir befanden uns in dem kleinsten der sechs Kellergewölbe, innerhalb von Ebene 243 der Hölle. Der Raum, den wir daraufhin betraten, war schmal und hatte früher als Folterkammer gedient. Rostige Handschellen baumelten noch von der Decke. Alte, abgenutzte Tische, auf denen dunkle Flecken zu sehen waren, beherrschten die karge Kammer, wobei in der rechten Ecke eine eiserne Jungfrau Staub ansetzte.

»Ich will wirklich keinen Stress mit meiner Mutter, aber es scheint sich nicht vermeiden zu lassen. Sag mal, ist hier auch kein Strom?« Entmutigt ging ich zur hinteren Wand der Folterkammer, wo eine mit Laken abgedeckte rote Ledercouch stand. Über der eisernen Jungfrau hing ein schwarzer Plasmafernseher mitsamt Lautsprecherboxen, die den gesamten Raum zum Beben bringen konnten. Als Abstelltisch diente eine der alten Folterbänke. Der Raum wurde schon seit Jahrhunderten nicht mehr in seiner ursprünglichen Form genutzt und da er – den Göttern sei Dank! – schalldicht war, mussten wir uns auch nicht das Geschrei der im Nebenraum tatsächlich Gefolterten anhören. Ich hatte den Großteil meiner Kindheit zusammen mit Sokrates, als meinen Babysitter, und meinen Brüdern in diesem Raum verbracht. Am Anfang hatten hier noch Bauklötze, Spielautos und kopflose Barbies herumgelegen. Später wurde das alles durch Elektronikzeug, Plakate von One Direction und Playboy-Bunnies abgelöst – wobei Letzteres von meinem Bruder Madox magisch an die Wand getackert worden war, sodass Miss Mai 2006 immer noch dort hing. Als wir älter wurden, sollte Sokrates uns viel mehr Respekt vor den Göttern lehren, aber da der Minotaurus keinen Nerv und keine Lust dazu hatte – und weil auch ich wirklich Besseres zu tun hatte –, guckten wir meist Filme oder mampften Pizza, bis mich Vater wieder aus dem Kerker entließ. Eine Zeit lang hatte ich versucht, wütend auf ihn und meine Mutter zu sein, wann immer sie mich wieder in die Folterkammern abgeschoben hatten. Bis ich letztlich begriff, dass es sinnlos war, sauer zu sein. Es ging ihnen schlicht und einfach am göttlichen Arsch vorbei. Man konnte von einem Gott, der beinahe viertausend Jahre alt war, kein normales, menschliches Verhalten mehr erwarten. Macht und Alter ließen sie kauzig werden.

»Wie geht es deiner Mutter?«, fragte Sokrates wie aufs Stichwort. Ich brummte nichtssagend. Er zog eine buschige Augenbraue hoch. »So schlecht?«

»Schlimmer.«

»Irre ich mich oder kommt ihr immer schlechter miteinander aus?«

Ich zuckte verhalten mit den Schultern. »Was soll ich sagen. Ich bin nun einmal die große Enttäuschung in ihrem perfekten Leben. Die Tochter, die nicht das Erbe ihrer Mutter mit dem sexy Hüftschwung, den perfekten Lidstrichen und der gnadenlosen Männerjagd geerbt hat. Wenn sie nicht aufpasst, wächst ihr von dem ganzen Naserümpfen noch ein Rüssel.«

Der Bulle guckte mitfühlend.

Ich schluckte trocken und grinste schal.

»Ich bin sicher, Aphrodite liebt dich, Warrior. Sie kann gar nicht anders. Immerhin ist sie die Liebe persönlich.«

Ich lachte ungläubig. Von der Härte in meiner Stimme wurde mir ein wenig schlecht. »Meine Mutter liebt mich nicht. Ich bin der Freak, bei dem sich die Kräfte der Liebe mit den wahnsinnig tollen Todeskräften von Hades verbunden haben, sodass jeder, der mein Gesicht anglotzt, wahnsinnig wird. Das ist ja so viel besser. Aber nein, warte! Es wird sogar schlimmer: Letztens wurde ich in der U-Bahn fast vergewaltigt, weil ein paar Typen fanden, dass ich so wundervoll nach Rosen riechen würde.« Ich rümpfte die Nase und war dankbar, dass die Sonnenbrille die aufsteigenden Tränen verdeckte. Ich blinzelte hektisch und versuchte, möglichst nicht zu schniefen. So sehr ich mich auch bemühte, das Thema mit meiner Mutter hinter mir zu lassen, tat es dann doch immer weh, erkennen zu müssen, wie sehr sie mich ablehnte. Es schmerzte, dass sie mich lieber nach Abaddon zu meinen Brüdern steckte, als mich, genau wie meine Schwestern, mit in den Olymp zu nehmen. Sie schämte sich für mich. Schämte sich für mein Gesicht, das ich verstecken musste, während ihr die olympischen Ärzte ein ums andere Mal erklärten, dass sich mein Medusa-Syndrom verschlimmert hatte. Der Ekel in ihrem Gesicht war jedes Mal wie ein Schlag in den Magen. Meine Schwestern Diamond, Ruby und Opal entsprachen da schon eher ihren Erwartungen.

»Möchtest du eine Cola?« Sokrates’ Stimme durchdrang meine Gedanken.

Lächelnd nahm ich eine staubige Flasche aus seinen wuchtigen Pranken. »Danke, Sok! Alsooo … können wir heute überhaupt fernsehen? Ich meine, wenn der Strom gekappt ist und so?«

Der Büffel schnaubte und ließ sich seufzend neben mich auf das Sofa fallen. Er war so schwer, dass es mich dabei fast von der Couch katapultierte. »Nein. Aber die Xbox ist glücklicherweise mit dem Notstromgenerator verbunden. Es dürfte kein Problem sein, sie anzuschalten, sofern du mich nicht beim Boss verpfeifst.«

»Meine Lippen sind versiegelt!«, schwor ich feierlich und zog meine behandschuhten Finger über die Lippen, als würde ich einen Reißverschluss zuziehen. Der Minotaurus grunzte und öffnete sich seinerseits eine Coca-Cola.

»Hier!« Achtlos warf er mir einen der Controller zu, den ich ungeschickt auffing. Ich war nicht unbedingt ein Naturtalent, was die Auge-Hand-Beinkoordination betraf. Ich war zwar nicht direkt tollpatschig, aber bei Gott, beim Sport versagte ich kläglich. Jedes Mal! Meine Ausdauer war miserabel, was ich wohl meinem Dasein als Stubenhocker zu verdanken hatte. Einzig bei Strategiespielen blamierte ich mich nicht vollkommen. Ich mochte Kriegsspiele. Das rationale, kalte Denken dahinter. Die Fallen und Taktiken des Gegners, die man vorausahnen musste. Die Fülle an Möglichkeiten, die es einem eröffnete, sein Gegenüber restlos zu vernichten. Es war wohl eine der wenigen dunklen Adern, die ich von meinem Vater geerbt hatte. Zumindest neben diesem Jeder-der-mich-ansieht-wird-verrückt-Gen.

»Was sollen wir heute spielen?«, fragte Sokrates und sah die Spielesammlung durch, die wir in den letzten Jahren mühselig in den Kerker geschmuggelt hatten.

»Mhm, Assassin’s Creed?«, schlug ich vor, was dem Minotaurus das zufriedene Grunzen entlockte. Lächelnd lehnte ich mich zurück und schüttelte meine Cola. Ruckartig blähte sich das Plastik in meiner Hand auf und wurde steinhart, bevor ich die Verschlusskappe langsam aufdrehte. Ein leises Zischen ertönte, während die Kohlensäure entwich. Sokrates verzog angeekelt das Gesicht, als ich noch mal zudrehte und schüttelte. »Wie kann man Cola ohne Kohlensäure trinken?«, fragte er mich schnaubend.

Schulterzuckend nahm ich einen tiefen Schluck und seufzte. »Ich mag Kohlensäure einfach nicht. Das verfälscht den Geschmack!«

»Du kleine Missgeburt!«, brummte der Stier liebevoll.

Ich grinste. Meine Geschwister nannten mich ähnlich, nur war es bei ihnen nicht annähernd so nett gemeint. »Du musst mir jetzt noch einmal erzählen, warum Hades den Strom in der gesamten Hölle kappen ließ!«, nahm ich das Thema von vorhin wieder auf, als das Spiel startete und ich flink den aktuellen Spielerstatus eingab. Die Figur: Ein in Weiß gekleideter Mann mit Kapuze und schweren Waffengurten um Schulter und Hüfte erschien auf dem Bildschirm. Seine Aufmachung erinnerte mich ein wenig an meine eigene. Seit ich in die Pubertät gekommen war, trug ich ausschließlich ausgeleierte Kapuzenpullis, schwarze Jeans und lederne Handschuhe, die mir bis zu den Ellbogen reichten. Alles Kleidungsstücke, die den Körper verhüllten und unförmig erscheinen ließen. Zudem verdeckte eine Sonnenbrille meine Augen. Die Füße steckten in wadenhohen Stiefeln. In meinen besten Tagen ähnelte ich doch sehr einer Möchtegern-Ninja-Spielfigur aus Dungeons and Dragons. Als Tochter der Aphrodite war ich damit natürlich eine absolute Peinlichkeit auf zwei Beinen. Leider war das notwendig. Niemand durfte meinen Körper genauer sehen. Nicht das kleinste Fleckchen Haut. Selbst meinen Geruch musste ich seit diesem Fiasko in der U-Bahn mit stinkenden Parfüms überdecken. Sokrates schnaubte unruhig und ließ seinerseits die Spielfigur über den Monitor rennen. »Das ist nicht für deine Ohren bestimmt, Warrior. Außerdem weiß ich es nicht genau. Jedenfalls scheint die Kacke mächtig am Dampfen zu sein. Ich kann die Götter spüren, wann immer sie in der Nähe sind. Und ich habe den Boss noch nie so wütend erlebt. Gestern war es am schlimmsten. Angeblich sind ein paar Gefangene ausgebrochen. Der Boss ist ausgerastet und hat den Strom abgedreht.« Verwirrt runzelte ich die Stirn. Dass Gefangene aus der Hölle verschwanden, war nichts Neues. Die Unterwelt war oftmals ein einziges blutiges Chaos, voller übernatürlicher Wesen, die weitaus Besseres zu tun hatten, als sich andauernd Anti-Aggressions-Vorträge anhören zu müssen. Oder Toiletten im Dienste des Allgemeinwohls zu schrubben. Mein Vater nahm es gelassen hin, da am Ende doch alle wieder in Abaddon landeten. Und dann durften sie die Toiletten der Trolle putzen.

»Wurden die Gefangenen gefunden?«

Sokrates schüttelte den Kopf und erstach ein paar Soldaten mit einer schnellen Drehung seines Daumens. »Stirrrbbbb! Was? Äh … nein, hat man nicht. Offiziell sind wir in Alarmbereitschaft. Auch die Ausgänge wurden dichtgemacht.«

»Was?« Erschrocken sah ich auf und bekam nur am Rande mit, dass meine Spielfigur von einem Haufen Soldaten abgeschlachtet wurde. »Wie komme ich dann wieder hier raus?« Ich hatte wirklich keine Lust, länger als unbedingt nötig in der Hölle festzusitzen. Einmal davon abgesehen, dass Aphrodite mir gehörig den Marsch blasen würde, wenn sie erfuhr, dass ich schon wieder den Arzttermin verpasst hatte.

»Tja … Pech, Kleines. Kein Ausgang, bis der Boss sein Okay gibt! Außerdem solltest du auch im Olymp sein und nicht hier.«

»Das ist nicht meine Schuld! Gladis hat mich auf dem Kieker. Offensichtlich wusste das Biest, dass ich hier unten festsitze, wenn sie mich einbuchten lässt!«

Der Stier lachte polternd und schlug mir auf den Rücken. Keuchend wich die Luft aus der Lunge.

»Spinnst du?«, japste ich. »Willst du mir den Rücken brechen?«

Der Minotaurus lachte wieder und tätschelte meinen Kopf. »Verzeih, Warrior, manchmal vergesse ich, wie mickrig du bist. Die Töchter der Aphrodite konnten noch nie viel aushalten. Ihr seid viel zu zerbrechlich.«

»Na, herzlichen Dank auch!«, murmelte ich. Leider hatte er damit nicht ganz unrecht. Meine Geschwister kreischten schon bei einem kleinen Schnitt im Finger oder bei Spinnen … oder muskelbepackten Männern. Eigentlich in allen Situationen, in denen man kreischen konnte. Interessanterweise war Aphrodite das genaue Gegenteil ihrer Töchter. Wenn man sie sah, nun, sie war unleugbar eine Göttin, die mehr Leute in den Tod gerissen hatte als die meisten anderen Götter zusammen. Ihre Liebe war gefährlich. Sie hatte viele Facetten, aber nur wenige davon waren wirklich romantisch.

Zwei

Ein Pieps und ich schlitz dir die Kehle auf

»So, es ist spät! Ich habe noch zu arbeiten!«, murrte Sokrates nach einigen Stunden, in denen wir verbissen Soldaten abgeschlachtet und Hurenhäuser geplündert hatten. Meine Augen brannten bereits und meine Daumen hatten vor etwa einer halben Stunde den Geist aufgegeben.

Zustimmend nickte ich und schaltete die Xbox aus. »Warum genau arbeitest du noch mal als Kerkermeister?«, fragte ich Sokrates missbilligend, der sich polternd erhob und ein brüllendes Gähnen ausstieß. Himmel! Ich konnte verstehen, warum die meisten Schiss vor ihm hatten. Diese Hauer konnten mir den Hals so was von mühelos durchbeißen. Grunzend kratzte er sich den haarigen Nacken und blickte auf mich herab. »Tja, lieber Menschen foltern als Steuerberater werden wie mein Vater«, gab er trocken zurück. »Komm jetzt! Wenn du schon nicht zurück nach London kannst, solltest du die Nacht zumindest hier unten verbringen. Suchen wir dir ein Taxi und verfrachten dich zu deinem Daddy. Ist ansonsten ein weiter Fußmarsch.«

Ich nickte, warf einen letzten Blick in das geheime Spielzimmer und spürte ein plötzliches Stechen von Wehmut in meiner Brust. So schrecklich die Unterwelt auch war, wie ungern ich auch hier war, so verbanden mich doch einige schöne Erinnerungen mit diesem Ort. Ein kleines Versteck in all dem Chaos, das mein Leben war. Aus irgendeinem Grund hatte ich das Gefühl, diesen Raum für lange Zeit nicht mehr zu sehen.

»Warrior, alles in Ordnung?« Die Stimme von Sokrates ließ mich aufsehen. Sein vertrautes haariges Gesicht weckte in mir den Impuls, die Arme auszubreiten und ihn fest an mich zu ziehen.

»Ich habe dich lieb, Sok«, murmelte ich. Sein Geruch nach Ruß, Schweiß und Blut kitzelte in meiner Nase.

Der Riese grunzte erstaunt. Seine ungeschlachten Gesichtszüge nahmen einen liebevollen Ausdruck an, als er mich ruppig an seine breite Brust drückte und über meine Kapuze strich. »Ich dich auch, meine kleine Missgeburt, aber jetzt hör auf mit dem Quatsch.«

Nickend drückte ich ihn ein letztes Mal an mich und ließ ihn ein wenig beschämt los. Himmel! Es war uns beiden peinlich! Sokrates’ Hals war ein wenig gerötet. Er wirkte unglaublich verlegen.

»Na dann, auf Los gehts los!«, schniefte ich ein letztes Mal und stieß die Tür mit einem dumpfen Knall auf. In stiller Eintracht gingen Sokrates und ich nebeneinander über den gefliesten Boden. Alles wirkte still und friedlich. Nur gelegentlich war das Stöhnen der Sträflinge zu hören, die versuchten, den Schimmel aus den Ecken zu kratzen. Irgendwo über uns rauschte eine Toilettenspülung, dicht gefolgt von dem Stöhnen gequälter Seelen, die die Abflussrohre hinabgespült wurden. Nach einer Weile bogen wir scharf nach links ab und standen unvermittelt vor einer Reihe metallischer Aufzüge. Die Rufknöpfe leuchteten giftgrün im schwachen Licht der LED-Lampen. Mit einem dicken, haarigen Finger drückte Sokrates einen von ihnen. Ein wenig befangen starrten wir auf das blinkende Licht, während sich der rechte Aufzug laut ächzend in Bewegung setzte. Als die stählerne Tür endlich aufschwang, lächelte ich Sokrates ein letztes Mal zu, obwohl er es wegen der Kapuze nicht sehen konnte, und tätschelte seinen gigantischen Bizeps. »Danke, Sok. Bis zum nächsten Mal!«

»Machs gut, Kleine«, knurrte er leise. Knarrend schlossen sich die Türen und ich starrte auf eine Reihe von etwa einhundert Knöpfen neben mir. Mit diesem Lift waren die Ebenen 1 bis 33 sowie 140 bis 266 zu erreichen. Augenblicklich befand ich mich im sogenannten Keller. Oder auch Downtown genannt. Ebene 266. Um eines der Taxis zu erreichen, musste ich nach Uptown, also zumindest auf Ebene 145 hinauf. Seufzend drückte ich den entsprechenden Knopf und lauschte der grässlichen Fahrstuhlmusik, die in Dauerschleife Highway to Hell abspulte. Aber es tat sich nichts. Stirnrunzelnd drückte ich erneut.

Dann ein drittes Mal.

Ich wartete.

Und wartete.

Highway to Hell dudelte noch immer schrill in meinen Ohren.

Genervt starrte ich den Knopf an und drückte ein viertes Mal drauf.

Immer noch nichts.

Verdammt!

So fest ich konnte, hämmerte ich jetzt dagegen, bis er plötzlich feuerrot aufleuchtete.

»Was?«, rief ich. Verwundert beäugte ich das störrische Ding, als plötzlich eine Luke an der Decke des Lifts aufgerissen wurde. Mein Blick schoss nach oben. Der Kopf einer alten Frau mit ellenlangen Nasenhaaren und blutunterlaufenen Augen starrte auf mich herab. Finster verzog die Alte ihre blassen Lippen, bis ich messerscharfe Zähne sehen konnte. Ihre Haut war grau, das Haar schlohweiß. Vor Schreck verschluckte ich mich an meiner eigenen Spucke.

»Egal, wie oft du drückst, du kommst nicht nach oben«, krächzte der Kopf missgelaunt und spuckte dabei in alle Richtungen. Verblüfft klappte mir der Mund auf.

»Was? Warum?«, fragte ich hustend. Gott! Ich hatte zwar gewusst, dass die Lifte mit Hexenkraft angetrieben wurden, jedoch nicht, dass diese wirklich darauf saßen! Mir war auch nicht bewusst, wie grauenhaft sie stanken.

Die Hexe schnaubte wütend und verdrehte ihre kalkweißen Augen. »Hast du die Meldung nicht gekriegt, Mädchen? Die Ebenen 145-266 wurden gesperrt.«

Verzweifelt kniff ich mir in die Nasenwurzel und atmete tief durch. Wie viel konnte denn noch schiefgehen? »Das heißt, ich muss drei Ebenen zu Fuß laufen?« Meine Stimme klang völlig fertig.

Die Hexe kicherte und zuckte mit ihren knochigen Schultern. Es sah beinahe komisch aus, wie sie ihren schrumpeligen Kopf durch das Loch streckte. »Anweisung vom Boss. Also … willst du nun hoch oder nicht?«

»Von mir aus!«, fauchte ich, was die Alte zufrieden nicken ließ. Krachend fiel der Aufzugdeckel wieder zu. Dabei geriet Highway to Hell leicht ins Stottern, bevor das Gefährt sich ruckartig in Bewegung setzte. Der Gedanke, dass ich in Kürze drei Ebenen allein zu Fuß gehen musste, ließ mich unbehaglich auf und ab hopsen. Ebene 144 war mehr als nur gefährlich! Es waren zwar Ebenen, die zum Teil als zivilisiert galten, 144 war jedoch ein Ort, an dem man am besten nie, nie, nie ohne Bodyguards oder Pfefferspray hinging. Oder ohne eine vollgeladene Kalaschnikow! Theoretisch war mir der Zutritt zu diesen Ebenen sogar verboten. Unruhig knabberte ich an der Unterlippe und überlegte mir, einfach umzudrehen und bei Sokrates zu übernachten. Leider hatte ich keine Ahnung, wo sich der Minotaurus zurzeit aufhielt. Die Kerker waren riesig, die Folterkammern erstreckten sich kilometerweit über Downtown. Sie kamen einem Irrgarten gleich. Bevor ich ihn fand, hätte ich mich bestimmt für einige Tage verlaufen. Nein! Außerdem war ich nicht feige. Ich würde einfach möglichst unauffällig die Ebenen durchqueren und hoffentlich auf Ebene 145 ein Taxi erwischen. Dort war die Gegend nicht mehr ganz so übel.

Die Fahrt dauerte geschlagene zehn Minuten. Stetig düste ich aufwärts und passierte die verschiedensten Gegenden. Manchmal drangen laute Schreie oder irres Gelächter durch die Aufzugtüren. Ein andermal erschütterte eine kleine Explosion den Raum, sodass ich mich schnell an der glatten Wand festhalten musste, um nicht hinzufallen. Ich starrte auf den dreckigen Boden und bemerkte dabei, dass ich in Trollrotz getreten war. Toll! Das grüne Zeug klebte mir wie Kaugummi an der Sohle und war ätzend. »Igitt!« Schnell begann ich, den Gummi an der nackten Wand abzukratzen. Der Schleim zog lange Fäden am Metall entlang und fraß kleine Schmauchspuren hinein.

»Hör sofort auf damit oder ich schmeiße dich raus!«, krächzte plötzlich die Stimme der Hexe aus dem Lautsprecher.

Erschrocken setzte ich den Fuß ab und starrte schuldbewusst nach oben. »Äh, Verzeihung. Wird nicht wieder vorkommen!«

»Das will ich auch hoffen. Immerhin muss ich diese Sauerei dann putzen.«

O Gott, wie peinlich! Verlegen stand ich im Aufzug und versuchte, die Tatsache zu ignorieren, dass mir der Rotz ein kleines Loch in die Schuhsohlen brannte. Bei Stock 120 hielt der Aufzug plötzlich ruckelnd an. Vor Schreck biss ich mir dabei in die bereits leicht lädierte Unterlippe und schmeckte warmes Blut auf der Zunge. Schnell leckte ich es ab und runzelte die Stirn. Sollte Blut so süßlich schmecken? Eigenartig. Hm … vielleicht lag es an der Cola von vorhin? Bevor ich mich weiter über mich selbst wundern konnte, öffneten sich die Türen. Ein eisiger Luftzug zerzauste meine Haarspitzen, die unter der Kapuze hervorlugten. Drei Personen betraten den engen Raum. Innerlich erstarrte ich und beäugte die Höllenbewohner misstrauisch. Als Erstes betrat ein großer blasser Mann, um dessen schlanke Gestalt ein dunkler Ledermantel wallte, den Aufzug. Mit nahezu animalischer Eleganz stellte er sich neben mich und grinste mit einer Reihe scharfer Zähne auf mich herab. Sein weißes Hemd mit entzückenden Rüschen, die aus den Ärmeln ragten, und Blutflecken am Kragen raschelte leise, bevor eine Frau mit feuerrotem Haar und ähnlichem Outfit den Aufzug betrat. Ihre Lippen waren blass, die Mundwinkel rot verschmiert. Als sie mich bemerkte, leuchteten ihre ebenso roten Augen hungrig auf. Ein gewinnendes Lächeln trat auf ihre Lippen. Den Göttern sei Dank, sie hielt trotzdem Abstand. Der letzte Kerl des Trios war ein junger Mann von vielleicht zwanzig Jahren. Er konnte nur wenig älter sein als ich, obwohl die erschöpften Falten um seinen Mund ihn ausgelaugt und verhärmt wirken ließen. Sein Gesicht war von einer ungesunden grauen Farbe, während seine blonden Haare blutverklebt und dreckstarrend zu Berge standen. Sein Blick war demütig gesenkt. Um den Hals trug er ein mit Nieten besetztes Hundehalsband. Mein Blick huschte zurück zu dem männlichen Abaddoner, der mit langen schlanken Fingern die Nummer 144 drückte. Sie würden also die letzten Minuten mit mir nach oben fahren. Nervös blieb ich in meiner Ecke stehen und vergrub die Hände in den Hosentaschen. Die beiden anderen musterten mich. Die Frau flüsterte dem Mann etwas zu und begann haltlos zu kichern, während ihr Begleiter mich mit rot leuchtenden Augen beäugte. Es war nicht schwer zu erraten, dass die beiden Vampire waren. Ihrem Auftreten zufolge jedoch keine sonderlich alten. Ein wenig genervt verdrehte ich die Augen. Die jungen waren immer die schlimmsten. Es gab verschiedene Clane, die ihre finsteren Spielchen in einigen der unteren Etagen trieben. Diese Wesen hatten einen ausgesprochen lästigen Größenwahn. Hielten sich für stärker, schneller, schlauer und unwiderstehlicher, als sie es in Wirklichkeit waren. Dabei gaben sie sich so unmögliche Namen wie Vladimir, obwohl sie in Wirklichkeit Franz-Dieter hießen. Sie waren Jagdtiere und hungrig. Immer. Die meisten starben bereits in den ersten Wochen ihrer Existenz. Sie hatten die unglückliche Tendenz, sich gegenseitig auszusaugen, wenn der Hunger zu groß wurde. Der junge Mann an ihrer Seite musste hingegen ein Domestik sein. Ein Schoßhund. Man traf nur selten einen Vampir ohne einen oder gleich mehrere Domestiken an. Meistens waren es Menschen mit besonderen Blutgruppen oder außergewöhnlich gutem Aussehen. Dieser hier schien wohl eher zu der gut schmeckenden Sorte zu gehören. Zumindest sah er bereits ziemlich leer gesaugt aus. Beinahe tat er mir leid. Aber auch nur beinahe. Man wusste nie. Die meisten Menschen waren verrückt genug, sich freiwillig als Snack anzubieten. Der Twilight-Hype in der Menschenwelt hatte den Vampiren einen unerwartet hohen Blutvorrat und ein noch größeres Ego verschafft.

Nervös schielte ich zu ihnen und bemerkte, dass die beiden mich immer noch anstarrten. Zum Glück konnten sie mein Gesicht durch den Schatten der Kapuze nicht sehen! In Gedanken zählte ich die Sekunden, bis wir endlich die 144. Ebene erreichten. Die Luft war zum Schneiden dick und roch leicht nach salzigem Blut. Unruhig trat ich von einem Bein auf das andere und merkte, wie mein Puls stetig in die Höhe schoss. Die Vampire grinsten wölfisch. Der männliche beugte sich verschwörerisch zu mir vor. Sein Atem roch unangenehm vergoren.

»Was hat ein solch süßes Mädchen bei Sperrstunde in den unteren Ebenen zu suchen?« Seine Stimme war weich und samtig. Er klang verführerisch … lockend. Sofort fühlte ich den Drang, meinen Kopf in den Nacken zu legen und ihm meine Halsschlagader anzubieten. Gewaltsam unterdrückte ich den Impuls und zuckte stattdessen betont gleichgültig mit den Schultern. Ich war nicht unbedingt scharf auf eine Unterhaltung mit den beiden und mein Blut wollte ich ebenfalls behalten.

»Woher wisst Ihr, dass ich ein Mädchen bin?«, fragte ich daher nur flapsig und ließ seine Frage unbeantwortet. Unter meinen unförmigen Klamotten konnte ich genauso gut als schlaksiger Junge durchgehen. Wobei es tatsächlich immer schwieriger wurde, meine Kurven ausreichend zu verdecken.

Der Vampir lachte rau. Genießerisch sog er die stickige Luft in seine Lunge. »Ich kann es förmlich schmecken. Die Luft ist erfüllt von dem Duft frischer Rosen und süßen Honigs. So etwas habe ich noch nie zuvor gerochen. Du bist ein Dessert auf zwei Beinen.«

Verdammt! Knirschend biss ich die Zähne zusammen. In Zukunft würde ich mehr Parfüm benutzen müssen. Der chemische Geruch überdeckte meistens sehr effektiv den meines eigenen Körpers. Heute offensichtlich nicht.