Warte auf mich am Meer - Amy Neff - E-Book
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Warte auf mich am Meer E-Book

Amy Neff

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Beschreibung

Ein wunderschöner Roman über die grenzenlose Kraft der Liebe und darüber, dass selbst in den dunkelsten Momenten des Lebens Hoffnung und Schönheit verborgen liegt.

Evelyn und Joseph wachsen an der malerischen Küste New Englands auf, an der ihre Familien seit Generationen leben. Schon als Kinder sind sie unzertrennlich, und als sie älter werden, verlieben sie sich ineinander. Gemeinsam übernehmen sie die Pension von Josephs Eltern am Meer. Sie erleben stürmische Zeiten, ziehen ihre drei Kinder groß und versuchen, stets an ihrer Liebe festzuhalten. Jetzt versammeln sie ihre Familie in ihrem wunderschönen alten Haus am Strand. Und was sie ihren Kindern mitzuteilen haben, wird alles verändern …

Ein herzergreifender Roman über das Leben, das Meer und eine Liebe, die nie endet.

»Ein wunderbares Debüt über eine unvergessliche Liebe« - Für Sie

»Herzzerreißend schön.« - Für Sie

»Eine wundervolle, berührende Liebesgeschichte.« - Neues für die Frau

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 608

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Buch

Evelyn und Joseph begegnen sich im Sommer 1941. An der malerischen Küste New Englands, an der ihre Familien schon seit Generationen leben, verlieben sie sich ineinander. Gemeinsam übernehmen sie das Oyster Shell Inn von Josephs Eltern und ziehen dort, direkt am Meer, ihre drei Kinder groß.

Nach sechzig turbulenten Ehejahren versammeln Evelyn und Joseph ihre Familie in dem wunderschönen alten Haus am Strand. Denn Evelyn hat eine erschütternde Diagnose erhalten, und Joseph will nicht ohne sie sein. Während alle unter Schock stehen, lassen die beiden ihre Liebe Revue passieren – die glücklichen Anfänge, aber auch die schwierigen Zeiten. Doch als Evelyns Zustand sich verschlechtert, stehen die beiden vor der schwersten Entscheidung ihres Lebens: Wie soll ihre Geschichte enden?

Weitere Informationen zu Amy Neff

finden Sie am Ende des Buches.

Amy Neff

Warte auf mich am Meer

Roman

Aus dem amerikanischen Englisch von Wibke Kuhn

Die amerikanische Originalausgabe erscheint im Juli 2024 unter dem Titel »The Days I Loved You Most« bei Park Row, Harper Collins, New York.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44 b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

Deutsche Erstveröffentlichung Juli 2024 

Copyright © 2024 by Amy Neff

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2024 by Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München

Covergestaltung: punchdesign

Covermotiv: Adobe Stock/Thanapong, Shutterstock/Sergei25, Doris Oberfrank-List

Art Direction: Erin Craig and Sean Kapitain

Autorinnenfoto: © Sylvie Rosokoff

Redaktion: Annika Krummacher

LK · Herstellung: ast

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN: 978-3-641-32202-1V004

www.goldmann-verlag.de

Hätte ich eine Blume für jedes Mal, wenn ich an dich gedacht habe … ich könnte ewig durch meinen Garten spazieren.

Lord Alfred Tennyson

Eins

Evelyn

Juni 2001 

Josephs Worte lauern schon im Hintergrund und warten nur darauf, ausgesprochen zu werden. Ich greife nach seiner Hand und lasse mich von dieser Landkarte aus Schwielen beruhigen, die sich schützend über meine legt. Seine Nagelhäute haben Schmutzränder vom Einpflanzen der Blumenzwiebeln am Nachmittag, und meine Finger zittern in seinem Griff. Wo sich unsere Handflächen berühren, bildet sich ein leichter Schweißfilm.

Gegenüber von uns auf dem durchgesessenen Sofa sitzen unsere Kinder. Sie sind mucksmäuschenstill. Die beiden Lampen, die neben uns stehen, verbreiten einen warmen Lichtschein. Joseph hat sie angemacht, als es langsam dunkel wurde. Durch die Fenster fällt das Mondlicht glänzend auf die beiden Flügel im Arbeitszimmer und wird von den elfenbeinfarbenen Tasten reflektiert. Die Fenster sind offen und lassen die Nacht herein, die gekommen ist, während wir hier zusammensaßen. Trotzdem ist es stickig und außergewöhnlich heiß für einen Frühsommertag in Connecticut. Abgesehen vom Deckenventilator über uns und dem sanften Rauschen der Wellen am Bernard Beach, ist es still.

Als unsere Kinder klein waren und wir noch im Oyster Shell Inn wohnten, versteckte sich der Beistelltisch unter halb fertigen Puzzles mit Motiven von Leuchttürmen in New England. Heute Abend verschwindet er fast unter einer Häppchenplatte mit Käsewürfeln, die allmählich glänzen und weich werden, ein paar Stängeln, von denen die Trauben gezupft wurden, und ein paar einsamen Crackern. Joseph hatte gesagt, ich solle mir die Mühe sparen – aber Thomas war doch extra aus Manhattan gekommen, und wir hatten ihn seit Weihnachten nicht mehr gesehen. Der seltene Besuch unseres Sohnes lieferte mir einen Vorwand, zu diesem neuen Wein- und Käsegeschäft in der Stadt zu gehen. Es liegt gegenüber von Vic’s Sandwiches, das es schon gab, als unsere Enkel klein waren und Joseph sie mit Dollarscheinen losschickte, damit sie in Wachspapier gewickelte Sandwiches für unser Mittagessen am Strand holten. Joseph hatte versucht, es mir auszureden, aber ich finde mich schon noch zurecht, obwohl ich mich langsamer bewege als früher.

Niemand spricht, alle warten darauf, dass Joseph seine unheilvolle Einleitung fortsetzt, den Grund für diese Familienversammlung. Wir müssen etwas Wichtiges mit euch dreien besprechen.

Violet, das Nesthäkchen der Familie, inzwischen eine erwachsene Frau mit Mann und vier eigenen Kindern, sitzt zwischen ihrem Bruder und ihrer Schwester auf dem abgewetzten Sofa. Ich habe es eigenhändig neu gepolstert, als die Kinder aus dem Haus waren und das Inn geschlossen hatte, obwohl es sich nicht vermeiden ließ, dass unsere Enkel neue Flecken darauf hinterließen und die Polsterung in der Mitte der Kissen mit der Zeit wieder weich wurde.

Unsere Kinder sind hier im Oyster Shell Inn groß geworden. Genauso wie ich, auf eine gewisse Art zumindest. Mein Bruder Tommy, Joseph und ich waren hier für viele Jahre unzertrennlich und platzten ständig durch die Fliegengittertür herein, bis uns Josephs Mutter unter Schürzengewedel und Gelächter auf die Veranda vor dem Haus scheuchte, bevor wir die Gäste stören konnten.

Doch die Zeit verging, und ehe wir es recht gemerkt hatten, trugen unsere Kinder die Reservierungen in den gut gefüllten Kalender des Inns ein. Sie fegten die Böden, und sie halfen mir, den Teig für die Frühstücksbrötchen auszurollen und auszustechen. Unsere Enkel machten später ebenfalls mit, zeigten den Gästen ihre Zimmer, nahmen von der Sonne gebleichte Laken von der Wäscheleine, spülten mit dem Gartenschlauch den Sand von den gestapelten Strandstühlen. Unser Inn war immer voll, doch die Gesichter kamen und gingen wie das Rauschen im Radio, wie ein Hintergrundgeräusch zu dem Leben, das wir uns aufbauten. Selbst jetzt, da wir uns anschicken, es den Kindern zu erzählen, kann ich nicht begreifen, was wir alles hinter uns lassen werden. Alles, was ich mir wünsche, ist, wieder von vorn zu beginnen, zusammen am Anfang zu stehen.

»Es gibt keine einfache Art, es in Worte zu fassen. Ich weiß gar nicht, wie ich anfangen soll …« Joseph stottert und drückt meine Hand.

Jane, unsere Älteste, schaut mich aufmerksam an. Ihr Gesichtsausdruck ist schwer zu deuten. Früher hat sie ihre Gefühle unter ihrer wilden Haarmähne versteckt. Jetzt trägt sie es professionell geglättet und auf Schulterhöhe, ein Look, der irgendwie besser zu anderen Nachrichtensprecherinnen passt. Sie bewegt sich mit einer Anmut, die sie als schlaksiger Teenager noch nicht hatte. Ich muss den Blick abwenden, weil ich befürchte, dass mein Gesicht verraten wird, was mein Mund ihr verschwiegen hat.

Thomas fixiert Joseph. Sein Mund ist eine harte Linie. Wie ähnlich sie gebaut sind – beide gut einen Meter achtzig groß, mit der Figur eines Schwimmers: breite Schultern und schmaler Oberkörper. Doch im Gegensatz zu Joseph, der noch mit über sechzig dunkle Haare hatte, bevor es an den Schläfen dünner und weiß zu werden begann, ist Thomas schon früh ergraut. Bereits als er an der New York University seinen Abschluss machte, glänzten silberne Haarsträhnen unter seinem Doktorhut. Er war immer so ernst, lächelte nur für Fotos, selbst am Tag seines Abschlusses. Sein Gesicht sieht schmaler aus als an Weihnachten, und ich weiß nicht, ob Ann und er abends gemeinsam kochen oder ob er sein Abendessen allein am Schreibtisch einnimmt. Noch immer trägt er nach einem langen Tag voller Meetings mit anderen Abteilungsleitern seinen Anzug. Nur wegen der drückenden Hitze hat er sein Jackett ausgezogen. Sogar sein Schwitzen hat etwas Beherrschtes, der Schweiß bleibt unter den Haaren und wagt es nicht, ihm über die Stirn zu laufen.

»Eure Mutter und ich …« Joseph zögert kurz, und seine Augen füllen sich mit Tränen. Ich bin mir nicht sicher, ob er es schaffen wird, die Worte auszusprechen. »Ihr wisst, wie sehr wir uns lieben, wie wir uns jeden Tag in unserem Leben geliebt haben. Wir lieben euch alle auch so sehr, das müsst ihr uns glauben … aber wir können uns inzwischen einfach nicht mehr vorstellen, ohne den anderen weiterleben zu müssen …« Beinahe falle ich ihm ins Wort, um die Schuld auf mich zu nehmen und ihm zu ersparen, unseren Kindern das Herz brechen zu müssen. Unsere Kinder, unsere Kleinen, die jetzt allesamt Erwachsene sind. Die sich früher immer an meine Knie klammerten, erfüllt von Liebe und Bedürftigkeit, und sich lautstark darum stritten, wer auf meinen Schoß sitzen durfte. Sie konnten mir gar nicht nah genug sein. Dann gingen sie auf einmal zur Schule, zogen weg und führten ihr eigenes Leben, fanden Freunde und trafen Entscheidungen und begingen Fehler, sie verliebten und entliebten sich, und während ihre Körper aus unserem Fleisch und Blut gemacht waren, war ihr Innerstes es eben nicht mehr. Und die ganze Zeit waren Joseph und ich noch hier, wie eine einsame Insel, verblüfft darüber, wie die Jahre an uns vorbeigerauscht waren.

Er holt tief Luft und nimmt seine ganze Kraft zusammen. »Wir wollen das letzte Kapitel unseres Lebens nicht dem Zufall überlassen, mit einem elenden, schleppenden Ende für alle Beteiligten. Ich weiß, das wird euch jetzt erst einmal schockieren, es fühlt sich auch schockierend an, es auszusprechen, wir haben selbst eine Weile gebraucht, bis wir alles zu Ende durchdacht hatten, aber wir halten es für die beste Entscheidung …«

»Was denn?«, wirft Thomas ein, der ungeduldig wird, als Joseph ins Stocken gerät.

»Wir haben vor, unserem Leben in einem Jahr ein Ende zu setzen. Nächsten Juni.« Josephs Stimme bricht.

»Wie bitte, was hast du gesagt?« Violet reißt die Augen auf.

»Wir wollen nicht, dass einer von uns vor dem anderen stirbt. Wir wollen nicht ohneeinander leben … wir wollen selbst bestimmen, wie unsere Geschichte endet.« Diese Erklärung spricht er jetzt sanfter aus, aber seine Stimme klingt gequält, als würde er sein Bestes tun, um die Bürde leichter zu machen, die wir ihnen auferlegen.

»Was?«, fragt Thomas entgeistert.

»Ja, wovon redet ihr überhaupt?«, stößt Jane hastig hervor und stellt ihr Glas auf den Tisch, als müsste sie die Hände frei haben.

»Das hier wird unser letztes Jahr.« Es ist surreal, Joseph diese Worte aussprechen zu hören, obwohl ich sie schon vor ihm ausgesprochen habe. Das hier wird mein letztes Jahr.

»Das ist ein Witz, oder?« Jane lässt ihren Blick zwischen uns beiden hin- und herwandern, als würde sie nach der Pointe suchen.

»Das ist kein Witz«, sage ich, wobei ich mir verzweifelt wünsche, dass wir uns wirklich so einen Spaß erlauben könnten.

»Ich verstehe das nicht«, sagt Violet in flehendem Ton.

»Wir werden es euch erklären.« Ich beuge mich vor und rutsche dabei an den vorderen Rand des Sofas.

»Ja, bitte. Das Ganze klingt ziemlich krank.« Thomas wirft sich zurück auf die Polster, weg von mir.

»Euer Vater und ich, wir werden langsam älter …«

»Aber du bist noch keine hundert! Meine Güte, du bist doch nicht mal achtzig«, wendet Jane heftig ein. »Wie alt wirst du, sechsundsiebzig?«

Nächstes Jahr um diese Zeit werde ich fast siebenundsiebzig sein und Joseph neunundsiebzig, aber die Korrekturen sind so nebensächlich, dass ich sie gar nicht ausspreche. »Wir werden langsam älter, hab ich gesagt. Bitte lasst mich ausreden.«

Ich versuche, meine Nerven unter Kontrolle zu bringen. Die ganzen Begründungen, die wir einstudiert haben, bleiben mir im Hals stecken, und mir schnürt es die Kehle zu beim Gedanken an die bevorstehenden Verluste, an alles, was wir verpassen werden, an den ganzen Kummer, den wir uns durch diese Entscheidung in unser kleines Paradies holen. Thomas rutscht auf seinem Platz herum, er schäumt vor unterdrückter Wut.

»Uns ist klar, dass irgendwann mal ein Punkt kommen wird, an dem es kein Zurück mehr gibt – wenn einer von uns für den anderen nicht mehr wiederzuerkennen ist, wenn wir am Ende nicht mehr in der Lage sind, uns gegenseitig zu versorgen, wenn wir uns vielleicht nicht mal mehr an den anderen erinnern können. Und wir können weder vorhersagen, wann dieser Punkt kommen wird, noch ewig so weiterleben, wie wir es jetzt tun. Wir haben schon länger gelebt als unsere Eltern, mit Ausnahme meiner Mutter … und ihr alle wisst, wie schlimm ihre letzten Lebensjahre waren. Wir wollen euch diese Belastung nicht zumuten, und wir wollen sie uns auch nicht gegenseitig zumuten.«

»Und aus genau diesem Grund gibt es Pflegeheime! Es gibt vernünftige Lösungen …«, wirft Jane ein, aber ich rede einfach stur weiter.

»Wir wollen so ein Leben nicht. Wir wollen kein halbes Leben. Wir wollen kein Leben ohneeinander«, sage ich und habe das Gefühl, dass mir die Luft ausgeht.

»Und was zum Teufel schlagt ihr jetzt vor? Ganz ehrlich?« Thomas verschränkt die Arme.

»Wir schlagen ein letztes Jahr vor«, sagt Joseph. »Ein letztes Jahr, um uns noch offene Wünsche zu erfüllen, um glückliche Erinnerungen für euch und unsere Enkel zu hinterlassen, damit wir uns auf dem Höhepunkt zurückziehen können, statt dass ihr alle euch nur an eine verwelkte Version von uns erinnert.«

»Ach, dann erinnert ihr euch also daran, dass ihr Enkel habt?«, spottet Jane.

»Selbstverständlich.« Ich bringe die Worte kaum über die Lippen, so nah bin ich daran, in Tränen auszubrechen. »Wir haben uns die Sache wirklich gründlich überlegt.«

Thomas stößt den Atem durch die Nase aus, und es klingt fast wie ein Lachen.

»Und was ist mit uns?«, ruft Violet. »Was meint ihr, was wir ohne euch anfangen sollen?« Ihr Ausruf bleibt in der feuchten Nachtluft zwischen uns hängen.

Jane blickt erneut zwischen Joseph und mir hin und her, dann verengen sich ihre Augen, und sie schaut auf die Käseplatte, als könnte sie dort die Erklärung für das finden, was wir ihr gerade eröffnet haben. Ich sehe ihr an, wie sie das Ganze durchdenkt, die Informationen verarbeitet und mit dem abgleicht, was sie weiß, und wie sie am Ende keinen einzigen Grund findet, den sie verstehen würde.

Joseph lächelt ein trauriges Lächeln, versucht, stark zu sein, und es zerreißt mich fast, ihn dabei zu beobachten. »Wir lieben euch alle. Wir wollen, dass dieses Jahr ein Fest wird, mit viel Zeit, die wir als Familie zusammen verbringen.«

»Ein Fest?«, wiederholt Thomas ungläubig. »Klar. Okay. Abgesehen von den Millionen von Fragen, die mir gerade durch den Kopf gehen – ist einer von euch beiden unheilbar krank oder so was?«

Ich schenke ihm ein sanftes Lächeln. »Wir alle müssen sterben, Thomas.«

»Toll, Mom.«

»Nein, jetzt mal im Ernst. Hast du eine unheilbare Krankheit?« Jane sitzt da wie ein Jagdhund, reglos, die Ohren gespitzt, während es im Gras raschelt.

Ich hatte mir geschworen, es ihnen nicht zu erzählen. Noch nicht.

»Mom.« Janes geballte Aufmerksamkeit lässt meine Unterarme prickeln, das Licht im Zimmer ist mir auf einmal zu grell.

»Mom«, echot Violet, die jetzt ebenfalls Witterung aufgenommen hat.

Meine Diagnose, die sich nach endlosen Tests endlich bestätigt hat, ein Name für meinen stillen, geheimen Kampf. Ein Grund. Ein Dieb, der mir mein Gedächtnis stiehlt, meine Körperfunktionen, meine Fähigkeit, mich selbst wiederzuerkennen, meine Lieben wiederzuerkennen. Die Wurzel jeder Angst in einem einzelnen Wort: Parkinson. Medikamente, die helfen sollten, es aber nicht tun. Die Krankheit, die viel aggressiver fortschreitet, als die Ärzte gedacht hatten und wofür sie keine Erklärung haben. Ich gehöre zu dem unglücklichen Drittel der Patienten, bei denen sich eine Demenz ankündigt, ein Albtraum, den ich nur zu gut kenne. Der Fäulnis- und Putzmittelgeruch im Pflegeheim meiner Mutter, die Art, wie sie herumschrie, zwischen den Jahrzehnten hin- und herrutschte, mit Dingen um sich warf, mich nicht mehr erkannte. Ein Ende, das sogar noch schmerzhafter sein würde als das, das wir gewählt haben.

»Warum lügt ihr uns an?« Jane äußert diesen Vorwurf, schleudert ihn mir geradezu entgegen.

»Wir lügen euch doch gar nicht an.« Ich vergrabe meine zitternden Finger in den Kniekehlen.

»Aber ihr sagt uns ganz sicher nicht die ganze Wahrheit.«

»Evelyn«, lenkt Joseph ein, »vielleicht würden sie es verstehen …«

»Was verstehen?« Violet fährt herum und sieht ihren Vater an.

»Joseph …«

»Sie werden es doch sowieso herausfinden …« Seine Schultern sacken unter der Bürde des Ungesagten zusammen, er hat seine ganze Kraft aufgebraucht, um uns an diesen Punkt zu bringen.

»Wir haben das doch besprochen.« Ich muss den Drang unterdrücken, ihn zum Schweigen zu nötigen.

»Was besprochen?« Violets Blick wandert zwischen uns hin und her, wie bei einem Kind, das unbedingt eingeweiht werden will.

»Wusste ich’s doch«, sagt Jane.

»Ich habe nicht gesagt …«

»Das ist doch unglaublich.« Thomas steht auf und geht zum Kamin, wo er sich konsterniert auf dem Kaminsims abstützt.

»Erzählt. Es. Uns.« Jane betont jedes Wort, bereit, die Tür zu öffnen, die wir so sorgsam vor ihnen verschlossen haben.

»Evelyn …«

»Ich wollte nicht …«

»Ihr könnt doch nicht so eine Nachricht verkünden und erwarten, dass wir das einfach so akzeptieren«, sagt Thomas.

»Mom, was ist hier eigentlich los?« Die wachsende Angst in Violets Stimme ist nicht zu überhören.

»Was könnte denn noch schlimmer sein, als dass ihr beide uns eröffnet, dass ihr euch in einem Jahr umbringen wollt?«, fragt Jane. Wider Willen, trotz der Absurdität dieser ganzen Unterhaltung – oder vielleicht gerade deswegen – muss ich ein Lachen unterdrücken. Es schwillt in meiner Kehle zu einem Schluchzer an.

»Wenn ihr mich alle ein Jahr lang wie zerbrechliches Porzellan behandeln würdet – das wäre schlimmer.« Die Worte kommen aus meinem Mund, bevor ich sie aufhalten kann, ein erstes Eingeständnis, das zum ersten Mal die volle Wahrheit enthält.

»Du stirbst also wirklich«, stellt Jane fest.

»In einem Jahr«, stimme ich zu, in einem verzweifelten Versuch, wieder dorthin zurückzukommen, wo wir angefangen haben. Ein letztes Jahr. Nächsten Juni.

»Das ist so was von krank«, sagt Thomas entrüstet.

»Mom, jetzt komm schon.« Janes Worte sind wie eine ausgestreckte Hand, mit der sie mich auffordert, in ihr Rettungsboot zu steigen. »Hast du wirklich gedacht, dass wir das einfach so hinnehmen würden?«

Ich atme tief aus, meine Resignation wird zum Anker. Zweites Stadium. Vor sechs Monaten hielten wir das erste Stadium schon für unerträglich. Es schreitet schnell voran … Normalerweise können Monate, sogar Jahre zwischen den einzelnen Stadien liegen, das kann man nie vorhersagen, aber bei Ihnen … Im Moment würde ich alles geben, um die Sprossen dieser Leiter wieder hinuntergehen zu können. Joseph hat natürlich recht. Der Schutzraum, den ich mir um meine Krankheit zurechtgezimmert habe, ist nicht stabil. Auch ohne mein Geständnis hätten unsere Kinder ihn früher oder später eingerissen.

»Ich habe Parkinson. Und die Krankheit schreitet schneller voran, als die Ärzte gedacht haben. Ich wollte so lange wie möglich den Anschein von Normalität wahren, aber so, wie es im Moment läuft …« Ich strecke meine Hand aus, und das Zittern ist so verräterisch, dass es der beste Pokerspieler nicht verbergen könnte.

»Oh, Mom«, setzt Violet an.

»Du liebe Güte«, sagt Thomas betroffen.

»Mom, oh Gott. Es tut mir so leid. Ich wünschte, du hättest es uns erzählt … Sag mal, ist Parkinson nicht das, was Michael J. Fox hat? Der voll funktionstüchtige Schauspieler, der ganz sicher nicht im Sterben liegt?«, bemerkt Jane.

»Menschen reagieren unterschiedlich. Mein Arzt sagt, dass ich ein ungewöhnlicher Fall bin …«

»Gut, dann gehen wir eben zu einem anderen Arzt«, sagt Thomas. »Hast du schon andere Meinungen eingeholt?«

»Genau deswegen wollte ich es euch nicht erzählen. Ich habe die letzten paar Jahre damit zugebracht, mich von allen möglichen Ärzten genauestens untersuchen zu lassen, auf der Suche nach einer Antwort, die zu einem anderen Ergebnis führt, aber die gibt es nicht.« Meine Stimme bricht weg unter den bloßen Fakten, diesem eindeutigen und unvermeidlichen Verlauf, gegen den ich angekämpft habe, nur um jetzt aufzugeben. »Ich will meine verbliebene Zeit nicht in Kliniken und Wartezimmern verschwenden, während ihr drei euch dumm und dämlich recherchiert, um irgendein Heilmittel zu finden, das es einfach nicht gibt. Das ist meine Entscheidung. Meine Diagnose steht nicht zur Debatte.«

»Du hättest es uns erzählen müssen … wir hätten dir helfen können«, sagt Thomas. »Das betrifft doch nicht bloß dich …«

»Was können wir tun? Es muss doch irgendwas geben …«, meint Violet.

»Okay, aber Moment mal«, fällt ihr Jane ins Wort. »Du hast also Parkinson … Das tut mir leid, Mom, wirklich, so leid … es ist ganz schrecklich … aber ihr habt doch gesagt, dass ihr beide … Moment. Dad, was hast du?«

»Oh Gott …« Ein ganz neues Grauen zieht über Violets Gesicht. »Was hast du?«

Joseph blinzelt verwirrt. »Wie, was habe ich?«

»Ihr habt doch gesagt, dass ihr beide eurem Leben ein Ende setzen wollt«, sagt Jane, die versucht, ihre Gefühle in Schach zu halten. »Was hast du?«

»Ich habe keine …«

»Euer Vater hat ganz allein die Entscheidung getroffen, dass mein Tod verlangt, dass auch er stirbt. Wenn ihr drei ihn davon abbringen könnt, wäre ich euch sehr dankbar. Ich hab es auch schon versucht.«

»Evelyn«, warnt Joseph.

»Was?« Thomas reibt sich hektisch die Stirn. »Okay, ihr seid beide verrückt.«

»Du bist bei bester Gesundheit, Dad?«, fragt Jane trocken.

»Soweit ich weiß, ja.«

»Und du willst dich selbst umbringen, weil Mom stirbt?«

»Mir wäre es lieber, wenn wir beide weiterleben würden, aber sie hat klargemacht, dass das nicht möglich ist«, erwidert Joseph und klingt dabei schroff. Jetzt gibt es nichts mehr, wohinter er sich verbergen könnte, alle Karten liegen auf dem Tisch …

»Ist das irgendein perfides Spiel von euch beiden?«, erkundigt sich Thomas. »Mittlerweile durchschauen wir eure Bluffs nämlich.«

»Ich bluffe nicht«, sage ich, und innerlich würde ich die Uhr am liebsten zurückdrehen, bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich die Kinder am Ende des Abends fest in den Arm nehmen und ihnen versichern kann, dass wir immer für sie da sein werden – eine Lüge, die ich mir durch schiere Willenskraft selbst einreden möchte. Wie sehnlichst ich mir wünsche, dass sie wahr wäre.

»Ich leider auch nicht«, fügt Joseph hinzu. Könnte er es wirklich tun? Kann es überhaupt einer von uns beiden tun? Ehrlich gesagt reicht es schon, die Last des Schmerzes, der Wut und des Kummers ertragen zu müssen, die allein unsere Worte bei unseren Kindern ausgelöst haben … aber werden wir es dann auch wirklich umsetzen?

»Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll«, meint Jane.

»Ich hätte gedacht, dass du mehr Verstand hast, Pop«, sagt Thomas herausfordernd, während er Joseph wütend anstarrt.

»Thomas.« Mein Ton ist fest, aber nicht unfreundlich. Wir haben erwartet, dass Thomas so reagieren würde. Wir haben uns darauf vorbereitet.

»Hört auf«, empört er sich. »Ihr seid total egoistisch. Was meint ihr, wie Violet und Jane das ihren Kindern erklären sollen?«

»Wir haben schon darüber nachgedacht.« Mein Tremor, den ich jetzt öffentlich gemacht habe, hält mich von einer längeren Erläuterung ab. Joseph greift meine Hand noch einmal ganz fest, um mich zu stützen, und ich bin ihm dankbar dafür.

»Das glaub ich nicht!«, ruft Thomas. »Ihr führt euch auf wie zwei liebeskranke Teenager …«

»Thomas, komm mal runter. Ich kann nicht nachdenken«, unterbricht ihn Jane, und die Autorität der großen Schwester triumphiert über seinen Status in der Finanzwelt. Unsere Erstgeborene … kaum zu glauben, dass sie, obwohl sie nie verheiratet war, vielleicht selbst bald Großmutter wird. Ihre Tochter Rain hat uns eröffnet, dass sie und ihr Mann es schon probieren. Ein Baby, das ich vielleicht nie auf dem Arm halten werde. Ein nagender Verlust, der mich in den Wahnsinn treiben könnte – wenn ich mir Rain vorstelle, wie sie in ihrem Krankenhausbett sitzt, das neugeborene rosige Baby an die Brust gedrückt, und daneben ein Stuhl, der extra für mich ans Bett gestellt wurde, und dann drückt sie mir meinen Urenkel in die Arme … nur, dass ich dann nicht mehr da sein werde. Ich werde niemals miterleben, wie sich dieses Leben entfaltet, werde nie spüren, wie die winzigen Händchen meine Finger umklammern, werde nie sehen, wie meine Enkelin die Geheimnisse der Mutterschaft erkundet und wie uns das verbindet. Ich habe meine Babys genauso im Arm gehalten, wie ich sie gehalten habe, und ich sollte bei ihr sein, um ihr zu zeigen, wie das alles geht, damit sie ihre müden Augen einen Moment zumachen kann. Damit ich sagen kann, komm, gib mir das Baby, das Kind, das ich genauso lange liebe, wie ich dich geliebt habe, nämlich schon bevor wir uns jemals begegnet sind, mein ganzes Leben lang und bis in alle Ewigkeit.

Thomas richtet sich an seine jüngere Schwester: »Violet, damit kannst du doch unmöglich einverstanden sein.«

Sie ist kleiner als ihre Geschwister, sie hat meine zierliche Figur geerbt, während Jane und Thomas in dieser Hinsicht nach Joseph kommen. Violet erinnert mich an die Porzellanpuppen, die sie als kleines Mädchen so geliebt hat, mit ihrem welligen Haar und den vollen Lippen und den tränenverschleierten Augen, mit ihrer so augenfälligen und zerbrechlichen Schönheit.

»Ich kann mir das gar nicht vorstellen«, sagt Violet leise und unsicher. »Aber ich glaube nicht, dass sie egoistisch sind. Es ist total grausam, sich so etwas vorzustellen, aber es ist auch … irgendwie romantisch.«

Thomas senkt den Kopf, kneift die Augen zusammen und legt die Fingerspitzen aneinander. »Ihr seid verrückt, das wisst ihr schon, oder?« Er sieht seine große Schwester hilfesuchend an. »Jane, kannst du hier mal Vernunft walten lassen?«

»Ich habe das alles noch gar nicht verarbeitet.« Jane dreht abwesend einen Traubenstängel zwischen den Fingern. Sie puhlt daran herum, zieht an den Verzweigungen die oberste Schicht ab, unter der ein rohes Grün zum Vorschein kommt.

Sie weint nicht und ist auch nicht wütend. Sie versucht, uns zu verstehen, aber die Details helfen ihr nicht. Ein Entschluss wie dieser ist fremd und unvorstellbar für sie – jemanden so zu lieben, jagt ihr eine Heidenangst ein.

»Ihr habt beide den Verstand verloren.« Thomas schüttelt den Kopf, seine Miene ist finster.

Joseph öffnet den Mund für weitere Erklärungen, doch ich unterbreche ihn, um den Zug wieder ins Gleis zu bringen. »Ihr seid natürlich geschockt, das verstehen wir.« Noch während ich die Worte ausspreche, weiß ich, dass sie unzureichend sind, aber mein Geist vernebelt sich, ich finde die Worte nicht mehr, die wir uns zurechtgelegt hatten, die beruhigende Erklärung, von der wir hofften, dass sie unseren Kindern trotz ihrer Traurigkeit eine Art Frieden schenken würde.

»Geschockt? Das ist doch Wahnsinn. Das könnt ihr nicht machen.« Thomas’ Stimme wird rau, als müsste er gleich weinen.

Ich spreche weiter und merke, wie ich dabei langsam schwächer werde. »Das ist eine Menge zu verdauen für euch, das wird seine Zeit brauchen. Aber vorerst mussten wir euch erst mal einweihen. Und da gibt es nichts mehr zu diskutieren.«

Joseph nickt. Ich spüre, wie er mich beobachtet. Er hat bei mir immer den geringsten Stimmungsumschwung wahrgenommen. Seine Augenbrauen verlieren ihre Strenge, wenn er auf meinem Gesicht liest, was ich nicht mehr verstecken kann. Mein Magen verkrampft sich. Was vor ein paar Tagen noch eine Hypothese war, ist jetzt in Gang gesetzt worden, der Timer läuft, das Stundenglas ist umgedreht. Viel mehr kann ich ihnen nicht geben. Der Mut, den ich mühsam zusammengenommen habe, wird mich verlassen, wenn sie weiter auf mich einreden, meine Gewissheit wird brüchig, wenn ich unseren Kindern in die Augen schaue. Joseph weiß, was ich brauche, ohne dass ich es aussprechen muss. »Wir hoffen, dass ihr es eines Tages verstehen könnt und dass ihr uns und unserem Entschluss bis zu diesem Tag vertraut«, sagt er, lässt meine Hand los und steht auf, zum Zeichen, dass die Unterhaltung beendet ist.

»Aha, so ist das also, euer Entschluss steht fest? Und wir sollen euch einfach vertrauen?« Thomas kocht, er ist stinksauer. Seinen Schwestern wirft er Blicke zu, mit denen er sie um Schützenhilfe bittet, aber sie schweigen beide. Violet ist völlig geplättet, Jane ein Eisklotz.

Thomas macht den Mund auf und zu, und für einen Moment sieht er aus, als wollte er noch etwas sagen. Über dem Zimmer liegt eine Art Schleier, als hätten wir alle denselben Tagtraum. Thomas nimmt sein Jackett und stapft wortlos in den Flur. Joseph folgt ihm, und Jane und Violet stehen ebenfalls auf, als wäre ein Bann gebrochen. Plötzlich habe ich das Gefühl, es ist schon spät. Die Wellen rauschen endlos, sie sind jetzt wieder zu hören in dem Raum, der vorher von den Protesten unserer Kinder erfüllt war. Ich habe kein Recht, gekränkt zu sein, weil Thomas mir keinen Kuss auf die Wange gegeben oder sich nicht von mir verabschiedet hat. Das haben wir uns selbst zuzuschreiben. Und doch versetzt es mir einen Stich, als ich ihn davongehen sehe. Jane beginnt, die Teller abzuräumen, und als ich ihr zu verstehen gebe, dass sie das nicht zu tun braucht, ignoriert sie mich und trägt den Tellerstapel in die Küche.

Violet lässt sich neben mich auf den Zweisitzer sinken, mit angezogenen Beinen, wie ein Kind. »Es tut mir so leid, Mom. Alles, was du durchmachen musstest, wie du dich gefühlt haben musst. Das ist so entsetzlich. Ich wünschte, ich hätte es gewusst … aber bitte tu das nicht.«

Ich sehe, wie sich Panik über ihre Traurigkeit legt, und die Schuldgefühle, die ich mühsam unterdrückt habe, melden sich wieder. Wie soll ich ihnen erklären, dass der Tod das Letzte ist, was ich mir wünsche? »Ich wünschte, es wäre so einfach.« Jetzt laufen mir doch Tränen über die Wangen. Ich nehme sie in den Arm und vergrabe meine Gefühle in ihren Locken.

Ich höre, wie Joseph ein letztes Mal an unseren Sohn appelliert. »Wir bitten dich nicht, unsere Entscheidung gutzuheißen. Ich weiß, dass du das nicht tust, Thomas. Aber bitte geh jetzt nicht einfach so.«

Thomas erwidert den Blick seines Vaters wütend, dann geht er ohne ein weiteres Wort hinaus. Die Fliegengittertür knallt hinter ihm zu.

»Das Gespräch ist noch nicht beendet«, sagt Jane, als sie ihre Handtasche nimmt. Sie weicht meinem Blick aus, aber beugt sich vor und nimmt mich in den Arm, bevor sie ihrem Bruder folgt. Sie hat sich bereit erklärt, ihn zum Bahnhof zu bringen, damit er den letzten Zug nach New York erwischt, bevor sie selbst nach Hause fährt. Ich mache mir jetzt tatsächlich Sorgen, ob er es noch rechtzeitig schafft oder zu aufgewühlt ist, um das richtige Gleis zu finden. Er hätte hier übernachten können, aber er fährt grundsätzlich vor Mitternacht zurück in die Stadt.

Joseph begleitet Violet noch nach draußen, und sie hakt sich bei ihm unter und bleibt an der Tür stehen, dreht sich um, als wollte sie sich das Wohnzimmer noch einmal einprägen, bevor es verschwindet. Sie wird die Abkürzung durch unseren Garten nehmen, um zu ihrem Haus gleich nebenan zu gelangen, in dem ich aufgewachsen bin – meine Mutter hat Joseph und mir das Haus mit den Zedernschindeln vererbt. Ich frage mich, wann Violet ihrem Mann Connor von unserer Entscheidung erzählen wird. Er ist ein guter Mann, der sie liebt, aber nie gelernt hat, sie nach dem Grund für die Traurigkeit zu fragen, die ihr ins Gesicht geschrieben steht.

Joseph kommt allein zurück und setzt sich zu mir aufs Sofa. Jetzt, wo das Wohnzimmer leer ist, hören wir das Echo all der Worte, die heute Abend gesprochen worden sind.

Mir ist das Herz schwer. Ich denke an den Traubenstängel, an dem Jane unablässig herumspielen musste, an Violets Tränen, an Thomas’ Zorn. Joseph und ich hatten uns vorher überlegt, ob wir es ihnen überhaupt sagen sollten, ob es menschlicher war, ihnen Zeit zu geben, um sich vorzubereiten, oder ob wir ihnen damit ein Jahr voller Qualen bescherten. Aber ich weiß um die Belastung, die das Wahren eines Geheimnisses mit sich bringt, und dieses Geheimnis ist keins, das ich für mich behalten könnte. »Das war für die Kinder ein ganz schöner Brocken. Sie brauchen einfach nur mehr Zeit.«

»Ich hoffe, du hast recht«, sagt er, aber ohne rechte Überzeugung.

»Du hast mich übrigens ganz schön schnell im Stich gelassen.« Ich wische mir über die Wangen, ohne mir einzugestehen, dass ich nicht nur Ärger, sondern auch einen Hauch von Erleichterung verspürte, weil es mir erspart blieb, mich zu verstecken, mir Ausreden auszudenken, um dann doch in einem demütigenden Moment aufzufliegen.

»Ich weiß. Es tut mir leid … Aber es hätte sich falsch angefühlt, wenn sie nicht über alles Bescheid gewusst hätten.«

»Ich war noch nicht bereit.« Ich klinge bockig.

»Ich bin auch zu nichts davon bereit.« Joseph schaut schmerzerfüllt auf das leere Sofa.

»Dann wären wir schon zu zweit.«

Wir sitzen schweigend nebeneinander, doch es ist nicht das angespannte Schweigen von vorhin. Stattdessen ist die Spannung geprägt von dem Bewusstsein, dass wir beide eine schwere Last tragen und uns in unserer Entscheidung gegenseitig stützen. Vielleicht setzt er gerade darauf, dass ich es mir anders überlege oder dass dieses Gespräch, meine Überzeugung, mit meinem schwächer werdenden Gedächtnis verschwindet.

»Und was jetzt?«, frage ich.

»Jetzt verbringen wir dieses Jahr zusammen, du und ich und unsere Familie. Wir werden uns die wichtigen Stationen unseres Lebens vergegenwärtigen … die Erinnerungen, die wir teilen, noch einmal zum Leben erwecken. Das ist alles, was ich will.«

»Ich wusste, dass du das sagen würdest«, necke ich ihn. Seine Vorhersehbarkeit ist bitter und wohltuend zugleich.

»Ist dieser Wunsch denn etwas Schlimmes?«

Die Leichtigkeit in meiner Stimme schwindet. »Nein. Aber du bist gesund … du hättest noch Zeit.«

»Ich habe schon zu viele Tage ohne dich gehabt.«

Ich lehne mich ganz leicht an ihn. Meine Jahre in Boston, seine Jahre im Ausland, Erinnerungen, die so weit weg sind, dass sie anderen Menschen zu gehören scheinen. »Das ist doch schon ewig her. Das haben wir längst wieder aufgeholt.«

»Ich werde nie aufhören, mir mehr Zeit mit dir zu wünschen.« Seine Augen füllen sich schon wieder mit Tränen, und zwischen uns tritt die Realität, wie kurz ein einziges Jahr sein kann.

»Es wird nie genug sein, oder?« Mein Kinn zittert, und er schließt mich in die Arme.

»Und was ist mit dir?«, flüstert er mir ins Ohr. »Ich weiß, dass du darüber nachgedacht hast. Ich weiß, dass du von all den Dingen geträumt hast, die wir hätten tun können.«

»Abgesehen davon, dass ich dich dazu bringen möchte, es dir noch mal anders zu überlegen?« Ich mache mich von ihm los und schaue ihm direkt ins Gesicht. Die Endgültigkeit eines einzelnen Jahres lässt meinen ganzen Körper beben. Als es nur um mich ging, war es nicht so beängstigend. Ich hatte das Gefühl, als könnte ich davontreiben und dort, wo ich gewesen war, kleine Wellen hinterlassen. Jetzt ist es doppelt so schwer. Zwei Steine, die in die Tiefe sinken, ins Unbekannte.

»Bitte, Evelyn. Der heutige Abend war schwer genug.«

Ich gebe nach, und sei es nur vorübergehend. »Du kennst die Antwort …« Ich schüttle den Kopf. »Aber es ist albern. Es geht nicht. Ich wüsste nicht, wie oder ob ich es könnte …«

Als ich nicht weiterspreche, schlägt er sanft vor: »Das Symphonieorchester?«

Ich blicke in das erleuchtete Arbeitszimmer mit unseren beiden Flügeln. Auf dem glänzenden schwarzen Steinway spiele ich nur selten. Es ist ein Vorzeigestück, das mein Vater in den Zwanzigern gekauft hatte. Ich bettelte ihn an, darauf spielen zu dürfen, aber es war nur unter dem kritischen Blick meiner Mutter erlaubt und fühlte sich immer an, als würde ich in einem Museum Swing tanzen, unangemessen, fast schon ruchlos. Ich mag den Baldwin lieber, den Joseph gebraucht gekauft hat, mit seinem warmen honigfarbenen Holz, den vergilbten Tasten, der Klavierbank, unter deren Klappdeckel Noten verstaut sind, das Polster, das in der Mitte eine Einbuchtung bekommen hat. Das Instrument, an dem ich Jane unterrichtet habe und versuchte, auch Thomas und Violet zu unterrichten, obwohl nie etwas hängen blieb. An dem ich Klavierstunden für Anfänger gab und Gäste unterhielt. Als die Kinder noch klein waren und jeder Raum im Oyster Shell Inn belegt, gab ich Stegreifkonzerte in unserem Wohnzimmer, das damals vor Musik und sich wiegenden Paaren und Gelächter aus allen Nähten platzte.

Der größte Traum auf meiner Liste: Einmal im Boston Symphony Orchestra mitspielen. Ich habe ein Leben lang dafür geübt, und dieser Traum war der Antrieb, der Herzschlag, der immer darunterlag. Eine unmögliche und unverständliche Sehnsucht, die in mir wuchs, als ich noch die Hoffnung auf eine andere Laufbahn hatte, die ich nie wirklich zum Schweigen bringen konnte, aller Vernunft und Logik und dem Verlauf meines Lebens zum Trotz. Selbst jetzt noch, wo ich meinem Ende entgegengehe. Ich will es nicht wahrhaben, wie unwahrscheinlich dieser Traum immer gewesen ist, wie lächerlich er jetzt ist. Mein Wunsch nimmt sich klein und egoistisch aus neben der Wut und dem Unverständnis auf den Gesichtern meiner Kinder. Und dennoch bleibt dieses Bedürfnis bestehen, es pulsiert und ist sich der davontickenden Minuten nur zu bewusst.

Stattdessen sage ich: »Wir müssen einen Weg finden, uns zu verabschieden.«

Zwei

Joseph

Juni 1940 

Ich überquere die Wiese, über die man zum Haus von Tommy und Evelyn gelangt. Die nagelneuen Zedernschindeln auf dem Dach des Hauses glänzen an diesem frischen rosafarbenen Morgen. Früher war ihr Hof voller Bäume, die ihre Blätter und Nadeln abwarfen, ihre Pinienzapfen, die klebrig waren vom Harz. Aber jetzt ist der Weg frei, denn die Bäume sind von einem Hurrikan entwurzelt worden. Im Winter war diese Wiese, die uns wie eine Brücke verband, schneebedeckt und tückisch. Unsere Stiefel hinterließen wässrige Abdrücke, oder wir rutschten aus, wenn wir durch die vereiste Oberfläche brachen. Im Herbst verwandelte sie sich in Gold, wenn das trockene Gras unter meinen Füßen knirschte. Im Frühjahr, wenn der Schnee schmilzt, ist es hier schlammig, alles ist welk und ungepflegt, ein einziges Wirrwarr von sich kreuzenden Spuren. Dann, an Tagen wie diesem, ein leichter Temperaturanstieg, die Knospen, das Austrocknen und wieder Aufsaugen, die Schauer, die mit Vogelgesang enden. Die Wildblumen wachsen unerklärlich, stetig, und die gesamte Wiese ist eine einzige lila Explosion.

Ich bin fast schon bei ihrem Haus angekommen, als Evelyn aus der Tür schießt und sie hinter sich zuknallt.

Tommy folgt ihr Sekunden später und ruft ihr nach: »Ev, halt! Du kannst Ma nicht anschreien und dann einfach davonrennen.«

»Was will sie denn machen, mich wegschicken, oder was?«, höhnt Evelyn, während sie sich zu ihrem Bruder umdreht.

»Was ist denn los?« Ich laufe schneller, um die beiden einzuholen, und Tommy verlangsamt seine Schritte. Evelyn stürmt uns voraus Richtung Bernard Beach.

»Meinst du nicht, dass du ihre Befürchtungen damit noch bestätigst? Ma glaubt jetzt schon, dass du völlig außer Kontrolle bist.«

»Der werd ich zeigen, was außer Kontrolle heißt.«

»Und für undankbar hält sie dich auch.«

»Wofür sollte ich dankbar sein?« Evelyn lacht ungläubig. »Dass ich die nächsten zwei Jahre damit verbringen darf, knicksen zu lernen? Ich will nicht so ein Leben wie sie. Allein im Haus sitzen und warten, bis Dad von der Arbeit kommt, jeden Tag dasselbe?« Sie rennt wieder davon und schreit dabei: »Eher würd ich sterben!«

»Was brüllt sie denn da?«, frage ich.

»Ma schickt Ev nach Boston, zu Tante Maelynn.«

»Moment – was?« Ich bleibe jäh stehen, während Tommy weiterstürmt.

»Am Ende des Sommers. Ich weiß. Wir sind genauso schockiert wie du.« Er bedeutet mir mit einem Winken, dass ich mitkommen soll, und versucht, mich auf den neuesten Stand dieser seltsamen Schicksalswendung zu bringen.

»Jetzt versteh ich gar nichts mehr. Zu der Maelynn?«

»Genau zu der.«

Soweit ich weiß, haben Mrs Saunders und ihre Schwester seit Jahrzehnten kein Wort mehr miteinander gesprochen, und niemand von uns hat Maelynn jemals kennengelernt. Sie ist mit siebzehn von zu Hause ausgerissen, aber die Einzelheiten sind undurchsichtig und umstritten, eine Art Kleinstadtlegende. Sie galt als wild, war immer auf dem Sprung. Das passt alles überhaupt nicht zusammen.

»Warum sollte eure Mutter wollen, dass Evelyn bei ihrer Tante einzieht?«

»Sie meint, dass Ev ein bisschen Unterstützung beim damenhaften Benehmen braucht, und wie es aussieht, ist Maelynn wohl Lehrerin an irgendeinem tollen Mädchenpensionat, Mrs Mayweathers Irgendwas. Anscheinend muss man jemanden kennen, um da reinzukommen.«

Wir nähern uns Evelyn wie einem Tier im Käfig, bloß keine jähen Bewegungen, und setzen uns neben sie am Bernard Beach in den Sand. Sie nimmt uns gar nicht zur Kenntnis, weil sie vor Wut kocht.

Tommy schmeißt einen flachen Stein, wirft ihn aus dem Handgelenk, sodass er über die Wasseroberfläche springt, ein-, zwei-, dreimal. »Ev, du siehst das alles ganz falsch. Das ist doch deine Chance, aus Stonybrook rauszukommen, in einer richtigen Stadt zu leben, neue Leute kennenzulernen. Ein Abenteuer. Ich würde alles darum geben.«

»Dann nimm du doch meinen Platz«, murmelt sie. Die Haare hängen ihr ins Gesicht. Das ist eine Evelyn, die ich noch nie gesehen habe. Ihre leicht sommersprossigen Wangen sind normalerweise zu einem breiten Grinsen verzogen, aber jetzt wirkt ihr Gesicht aschgrau und angespannt.

»Eine Schule voller Mädchen? Bin ich sofort dabei!« Tommy stößt mich mit dem Ellbogen an und grinst.

Während ich neben ihnen sitze, kommt mir die Erkenntnis, wie ähnlich sich die beiden sind. In ein paar Wochen werden sie fünfzehn und siebzehn, ihre Geburtstage sind nur zwei Tage voneinander entfernt, aber das ist nicht der Grund, warum sie häufig für Zwillinge gehalten werden. Sie haben beide ein Selbstvertrauen, wie ich es nie besessen habe, eine Selbstsicherheit, um die ich sie beneide, ein Charisma, das sie – und damit auch oft mich – genauso oft in dumme Situationen bringt, wie es sie wieder rausholt.

Ihre Leben waren immer ineinander verschlungen, Geschwister und beste Freunde zugleich, etwas, das ich nie gekannt habe, weil ich allein aufwuchs. Allein, aber nie einsam, denn sie nahmen mich in ihre Mitte auf, als wäre ich eine fehlende Spielkarte.

Gemeinsam rannten wir zum Strand, den Pfad hinunter, der in Vollmondnächten manchmal überflutet war. Tommy führte das Rudel an, unsere Füße waren nach dem Sommer abgehärtet gegen die spitzen Steine und den brennenden Sand. Wir schwammen hinaus zum Captain’s Rock, einer Landmasse, die aus dem Wasser ragte, und ertasteten die Ansammlungen von Muscheln, die an ihren glitschigen Seiten hafteten wie Trauben an einem Weinstock. Wir pflückten gerade so viele ab, dass wir einen Eimer füllen konnten, dann schwammen wir an Land, hievten uns pitschnass auf den hölzernen Bootssteg und blieben erschöpft dort liegen, um uns in der Mittagssonne trocknen zu lassen. Wir knackten die Schalen mit unseren bloßen Fersen und legten auf diese Art das schleimige Fleisch darin frei, das weiß oder knallorange war, bevor wir es mit einer Wäscheklammer an Leinen befestigten. Dann saßen wir zu dritt nebeneinander, während die drei Leinen zwischen unseren schwingenden Beinen baumelten, und warteten auf das leichte Zupfen, wenn eine Krabbe angebissen hatte. Ich kann mich nicht mehr an unsere erste Begegnung erinnern, was vielleicht den einfachen Grund hat, dass es die nie gegeben hat, weil die Häuser unserer Familien seit Generationen nebeneinanderstehen. Ich versuche, mir die nächsten zwei Jahre ohne sie vorzustellen, aber ich kann nur den Abdruck im Sand zwischen uns sehen, wo sie hingehört. Es gab nie eine Zeit vor Tommy und Evelyn, nicht wirklich.

»Diese Mädchen sind bestimmt ganz furchtbar.« Sie zieht mit einem Stecken schlampige Kreise in den Sand.

»Das glaube ich nicht«, protestiere ich.

»Und wenn sie furchtbar sind, aber sehr hübsch, dann bring sie für mich mit, okay?«, sagt Tommy.

Sie boxt ihn leicht gegen die Schulter, muss aber lächeln.

Nach einem gemeinsamen Sommer ist sie weg und wird erst nächstes Jahr wiederkommen. Tommy und ich verbringen das Jahr, wie wir es immer tun, wir teilen unsere Zeit auf zwischen Schule, dem Austausch von Kriegsnachrichten und der Unterstützung meiner Eltern bei der Reparatur des Gästehauses, das 1938 vom Hurrikan beschädigt worden war.

Der Sturm hatte zwei Jahre zuvor zugeschlagen, doch die Erinnerung ist noch frisch, wie eine Verbrennung, die eine Narbe zurücklässt. Jener September hatte heiß und klebrig begonnen, dem restlichen Sommer nicht unähnlich. Ich war damals fünfzehn. Tommy, Evelyn und ich schwammen nach der Schule in der hohen Brandung, während meine Mutter die Wäsche von der Leine nahm, weil es zu regnen begann. Dann brach der Sturm herein, wie ein wütendes Lebewesen. Wir überstanden ihn mit unseren vor Schreck wie gelähmten Gästen auf dem Dachboden, klammerten uns an schwere Truhen und aneinander, während unsere Fensterläden dem Orkanwind und dem hämmernden Regen trotzten. Das Wasser stieg, brach durch Türen und Fenster, fällte hundertjährige Ahornbäume, zerriss Stromleitungen und schickte Möbel schwimmend durch die Straßen.

Wir kamen nass und erschüttert nach draußen, wateten durch die Fluten und den Schlamm und versuchten, uns auf die Nachwirkungen gefasst zu machen. Die Pfähle unseres Bootsstegs waren zersplittert wie Zahnstocher, die Sommerhütten am Strand waren von ihren Stelzen gerissen oder gleich zu Trümmern zerschlagen worden. Tommy und Evelyn fanden mich neben einer umgekippten Badewanne aus Porzellan, und wir blieben schweigend beieinanderstehen. Meine Mutter ließ sich auf der dunklen, aufgerissenen Erde auf die Knie fallen, umklammerte die freigelegten Wurzeln einer Pinie, die in unserem Garten aus dem Boden gerissen worden war, und schluchzte. Mein Vater stand neben ihr und hielt ihre bebenden Schultern fest.

Das Haus der Familie Saunders stand schon wenige Monate nach dem Hurrikan wieder in gewohnter Pracht da. Mr Saunders bezahlte seine Arbeiter, damit sie die schimmeligen Abschnitte aus den Wänden schnitten, die Teppiche herausrissen und alles wieder aufbauten, während er im Büro arbeitete. Das einzige Anzeichen eines Schadens war der leere Garten, der vorher voller alter Bäume gewesen war.

In unserem Haus ist der Sturm immer noch ein allgegenwärtiger Feind. Mein Vater ist beim Abendessen abgelenkt, weil er auf unsere nackten Zimmer und die rohen Wände starrt. Mr Saunders gab meinem Vater auf Tommys Drängen eine Stelle am Fließband in seiner Fabrik, der Groton Ship and Engine Company. Meine Mutter übernahm Schichten beim Roten Kreuz, wo sie Lebensmittel verteilte, während die WPA, Roosevelts Arbeitsbeschaffungsprogramm, dafür sorgte, dass unsere Straßen aufgeräumt wurden. Es sei nur vorübergehend, sagte mein Vater, damit wir Geld für die Reparaturen beiseitelegen könnten, die nötig seien, um das Oyster Shell Inn wieder eröffnen zu können. Doch zwei Jahre später geht er immer noch zur Garage, sobald er seinen Teller leer gegessen hat, und dann arbeitet er bis weit nach Einbruch der Nacht, um Möbel aus Holzresten zu bauen. Meine Mutter läuft auf und ab und räumt das Inn auf, das kein Inn mehr ist. Besorgt beobachtet sie durchs Fenster meinen Vater, von dem im Licht der nackten Glühbirne über ihm nur der Umriss zu sehen ist. Manchmal ertappe ich die beiden, wie sie sich in den Armen halten, wenn meine Mutter beschlossen hat, dass es jetzt spät genug ist, und ins taufeuchte Gras hinaustritt, um meinen Vater ins Bett zu holen. Sie legt ihm die Arme um seinen weichen Bauch, bis er nachgibt.

Obwohl sich unsere Beschäftigungen nicht verändert haben, fühlt sich Stonybrook in diesen Monaten ohne Evelyn seltsam an, und ich laufe mit einem Knoten im Magen herum, als hätte ich etwas vergessen, von dem ich aber nicht mehr weiß, was es ist. Ich erwarte ständig, dass sie auftaucht, ihre Nase gegen die Fenster drückt oder auf ihrem Fahrrad hinter uns von der Schule nach Hause fährt. Ich wusste, dass Tommy unter ihrer Abwesenheit leiden würde, aber es überrascht mich, wie stark ich ihre Abwesenheit spüre.

»Weißt du noch, wie wir klein waren und Evelyn die Campbell-Zwillinge mit dieser riesigen Krabbenspinne gejagt hat?« Ich bleibe stehen und lasse meinen Pinsel über dem neuen Fensteranstrich schweben. Als ich die Worte ausspreche, spüre ich ein Ziepen, wie bei einem schief sitzenden Gelenk. Sie geht mir einfach nicht aus dem Kopf. Evelyn, die immer in Tommys abgelegten Overalls rumlief, die den Kopf zurückwarf, wenn sie lauthals lachte, die im Schlick kniete und mit bloßen Händen nach Schwertmuscheln tastete.

Tommy kichert. »Dann hoffen wir mal für die Leute in Boston, dass es dort nicht allzu viele Krabbenspinnen gibt.«

»Glaubst du, dass sie sie früher heimschicken? Sie rausschmeißen wegen schlechtem Benehmen oder so?«, frage ich und bemühe mich, meiner Stimme einen beiläufigen Ton zu geben.

»Machst du Witze? Ich wäre überrascht, wenn sie jemals zurückkäme.«

»Wie meinst du das?«

»Stonybrook ist so langweilig. Wenn man mich nach Boston schicken würde, ich würde nie wieder nach Hause kommen.«

»Was redest du denn da? Sie liebt Stonybrook.«

Tommy wischt sich mit dem Arm über die Stirn. »Sie liebte Stonybrook. Sie ist ja noch nie irgendwo anders gewesen. Willst du wirklich den Rest deines Lebens hier verbringen?«

Diese Frage ist mir noch nie in den Sinn gekommen. Ich schaue mich im Oyster Shell um, das meine Urgroßeltern im 19. Jahrhundert gebaut haben. Irgendwann werden die stockfleckigen Wände und die verfaulten Bretter so weit renoviert sein, dass wir wieder aufmachen können. Eines Tages werde ich das Inn übernehmen, werde meine Familie hier großziehen, so wie meine Eltern und ihre Eltern vor ihnen. Vier Generationen von Myers am Long Island Sound, und meine eigenen Kinder werden die fünfte sein. Fünf Generationen, die über den gleichen Sand laufen, in den gleichen Wellen schwimmen lernen. Es gibt keinen anderen Ort, der so tief in meiner Seele verwurzelt ist, keinen anderen Ort, an den ich hingehöre, es ist der einzige Ort, der mich heimruft.

»Stonybrook ist mir genug.«

Ich kann nicht anders, als sie zu bemerken, als sie aus dem Zug steigt – ein Leuchtturm im grauen Nebel von Männern mit Anzugjacken und Hüten. Doch erst als sie fast bei uns ist, erkenne ich sie. Sogar Tommy ist überrumpelt. Er hat gerade den Hals gereckt, um die geschäftige Union Station in New London ganz genau nach einem bekannten Gesicht abzusuchen, als sie ihm auch schon die Arme um den Hals wirft. Wir hatten Evelyn erwartet. Aber dieses Mädchen – diese Frau –, die da auf uns zuschwebt, mit dem Lederkoffer in der Hand und einem Lächeln für die Mitreisenden auf den Lippen, ist eine Fremde.

Ihr Kleid schmiegt sich an die Kurven ihres Körpers, es hat die Farbe der wilden Veilchen, die auf der Wiese zwischen unseren Häusern wachsen. Sie trägt einen Seitenscheitel und hat das Haar auf eine Art hochgesteckt, die ihre Augen betont. Mir war noch nie aufgefallen, dass ihre Augen grün gefleckt sind. Ihr Körper wirkt so schlank, so weiblich, statt einfach nur klein. Ihre polierten Schuhe haben sogar Absätze, dabei sehe ich sie in jeder meiner Erinnerungen barfuß. Ein Zug tutet in der Ferne, und die frühsommerliche Hitze wird langsam drückend. Mein Brustkorb schnürt sich zusammen, und mein Mund wird ganz trocken.

Tommy fasst sie bei den Schultern und hält sie auf Armeslänge von sich. »Wo ist meine Schwester?« Er dreht sie und macht sich einen Spaß daraus, suchend herumzuschauen. »Was haben sie mit Evelyn gemacht?«

Tommy kommt mir immer größer vor, als er ist, seine lebhaften Gesten und seine kräftige Stimme lassen jeden Raum leer wirken, bis er ihn betritt, aber jetzt, wo sie Absätze trägt, sind sie beinahe gleich groß. Evelyn kichert, und auch das hat eine wärmende Wirkung. Sie wendet sich zu mir und legt den Arm um meine Mitte. Sie riecht wie eine Blume, die ich nicht benennen kann.

»Es ist so schön, euch zu sehen, ihr ahnt es nicht.« Sie strahlt und greift uns beide bei den Armen. Dann zieht sie die Augenbrauen hoch, wie immer, wenn sie uns eine von ihren Geschichten erzählen will. »Ihr könnt euch nicht vorstellen, was ich für ein Jahr hatte.«

Tommy nickt. »Tja, Ev, ich kann nur sagen – ich weiß nicht, was sie mit dir gemacht haben, aber es hat funktioniert. Ma könnte tatsächlich in Ohnmacht fallen.«

Evelyn legt den Kopf in den Nacken und lacht laut. Wärme breitet sich in meinem Brustkorb aus wie Sonnenschein, ihre Finger auf meiner Haut fühlen sich heiß an. Sie blickt mich an, dann schaut sie auf ihre Schuhe und lässt mich los. »Lasst euch nicht täuschen. Ich hab wirklich überlegt, ob ich so richtig zerlumpt nach Hause kommen sollte, aber ich will ja nicht, dass sie am Ende explodiert. Außerdem hat Tante Maelynn sich ganz schön aus dem Fenster gelehnt für mich, und ich könnte es nicht ertragen, wenn Mom da noch was obendrauf packt. Sagen wir mal so: Ich war nicht allzu beliebt bei der Direktorin.«

»Warum überrascht mich das nicht?«, bemerkt Tommy.

»Wie ist Maelynn denn so?«, frage ich. »So wie in den Geschichten, die man sich über sie erzählt?«

»Ja, ihr müsst sie unbedingt kennenlernen. Sie ist unglaublich. Sie ist die Einzige, die wirklich was Interessantes unterrichtet. Wir haben bei ihr Faulkner, Woolf, die Brontë-Schwestern gelesen …« Sie bemerkt unsere verständnislosen Mienen. »Okay, ihr habt keine Ahnung, wovon ich rede, aber glaubt mir – sie ist großartig. Die Mädchen lieben sie. Kaum zu glauben, dass sie Moms Schwester ist.«

Tommy legt den Kopf schief und ist mal wieder bereit, das Verhältnis zwischen Evelyn und ihrer Mutter zu beschönigen. »So schlimm ist sie nun auch wieder nicht, Ev.«

Sie wirft ihm einen Blick zu. »Du hast gut reden. Du bist ja ihr kleiner Engel.« So streng ihre Mutter zu Evelyn ist, so weich wird sie, wenn ihr Sohn seine Aufmerksamkeit auf sie richtet. Wie ein Riss in ihrer ansonsten stählernen Fassade.

»Tja, das liegt daran, dass ich ein kleiner Engel bin.« Er zwinkert.

Evelyn schüttelt den Kopf, hakt sich bei uns beiden unter und sagt mit übertriebener Höflichkeit: »Nun, würdet ihr zwei feinen Gentlemen wohl eine Dame nach Hause begleiten?«

Tommy tippt sich an seinen unsichtbaren Hut, dann nimmt er ihren Koffer. Ich lache, und es klingt heller als normal, wofür ich mich gleich darauf schäme. Meine Sinne sind geschärft, ich spüre die Zartheit ihrer Haut an der Innenseite ihres Unterarms an meinem. Evelyn strafft die Schultern, streckt das Kinn vor und lächelt auf dem Heimweg jeden Passanten demonstrativ an.

In den folgenden Nächten träume ich von ihr. In meinen Träumen trägt sie ihr veilchenfarbenes Kleid, oder sie geht über eine Wiese voller Wildblumen oder gleich ganz nackt, mit Blüten im Haar. Ich kann mich an keinen Tag erinnern, an dem Evelyn und ich allein gewesen wären, aber das ist jetzt alles, was ich mir wünsche. Ich muss sehen, wie sehr sie sich verändert hat. Sehen, ob es einen Bereich in ihrem Leben gibt, in den ich noch reinpasse. Es überrascht mich, wie wenig ich sie kenne, nach all den Jahren, die wir gemeinsam verbracht haben, als wir an derselben Küste aufwuchsen.

Obwohl ich ehrlich gesagt dankbar bin für die Zeit, die wir getrennt verbracht haben. Ich bin nämlich nicht sicher, wie Tommy meine neuen Gefühle aufnehmen wird. Ich spüre, wie ich bei dem Gedanken an meine Träume erröte. Er ist mein bester Freund, er ist der Junge, der einem Bruder am nächsten kommt. Wie kann ich von ihm erwarten, dass er diese Veränderung akzeptiert, dieses Bedürfnis, seine kleine Schwester zum Lachen zu bringen, dieses Verlangen, ihre Hand zu halten?

Ich kann Evelyn nicht nebenher um ein Date bitten, ihr auf der Straße nachpfeifen, wie Tommy es bei den Mädchen in der Stadt tut. Diese Mädchen lachen, weil sie wissen, dass er ein notorischer Aufreißer ist, aber sie lieben ihn trotzdem. Tommy nimmt mich mit auf seine Dates, damit ich dem anderen Mädchen Gesellschaft leiste, der Freundin derjenigen, auf die er ein Auge geworfen hat. Manchmal beugen sich diese Mädchen zu mir, und wir küssen uns, aber mein Herz schlägt nicht schneller, wenn ihre Lippen auf meine treffen.

Ich bin nicht mal sicher, was ich denken soll. Es ist immerhin Evelyn. Evelyn, mit der wir früher immer an der Sandbank gerauft haben, die uns zu Weitspuckwettbewerben angestachelt und Händevoll von Brombeeren gegessen hat, ohne sich darum zu scheren, wenn ihr der Saft am Kinn runterlief. Evelyn, die mich früher immer umgerannt und verlangt hat, dass ich sie huckepack nehme, die über Tommys Witze lachte, bis sie Schluckauf bekam. Evelyn, die jetzt ihre Schultern zurücknimmt und ihre Kurven unter dem Stoff ihres Kleides betont. Evelyn, deren süßer Duft mich lockt wie ein Zauberbann, deren Berührung mir weiche Knie macht. Evelyn, die nur den Sommer über zu Hause ist, bevor sie wieder zurück an die Schule nach Boston muss.

Tommy hat heute frei, und die beiden kommen auf ihrem Weg zum Strand beim Inn vorbei. Sie bestehen darauf, dass ich mich für ein paar Stunden davonstehle.

Tommy wirft mit einem gestreiften Handtuch nach mir. »Komm mit, um der guten alten Zeiten willen. Bevor Evelyn wieder weggeht und endgültig zu damenhaft für uns wird.«

Ich grinse. »Das wär natürlich blöd.« Evelyn muss lachen, und mein verlegenes Grinsen wird breiter.

Sie trägt ein gelbes Baumwollkleid über ihrem Badeanzug und geht uns voraus über die Sandstone Lane zum Bernard Beach. Ich stelle mir den Augenblick vor, in dem sie ihr Kleid aufknöpft und es sich über den Kopf zieht. Gott sei Dank sind diese Gedanken, die mich zwar immer noch überraschen, aber doch angenehm sind, nur in meinem Kopf. Sie trägt eine Sonnenbrille, und ich denke über die wechselnde Farbe ihrer Augen nach, möchte unbedingt die genaue Schattierung von Blau oder Grün wissen.

Der Sand unter meinen Füßen ist kühl an diesem späten Vormittag, aber das wird nicht lang so bleiben, denn die Sonne brennt mir schon wieder auf den Nacken. Evelyn wirft ihre Sonnenbrille auf eine Decke und rennt aufs Meer zu, das fast den höchsten Wasserstand erreicht hat. Im Gehen zieht sie ihr Kleid aus, es flattert hinter ihr, bevor es auf dem Sand landet. Sie planscht mit den Füßen im Schaum, schreit auf wegen der Kälte, als sie ins Wasser hineinwatet und der ersten kleinen Welle standhält. Tommy und ich lassen unsere Handtücher fallen und streifen unsere Hemden ab, bevor wir ihr hinterherrennen. Ich tauche ins Wasser, das eiskalte Nass rauscht über meine Haut, es hämmert in meinen Ohren, alles ist auf einmal ganz still. Dann tauche ich wieder auf, durchbreche die Oberfläche, die Luft kehrt in meine Lunge zurück, und die Geräusche sind wieder klar. Evelyn lässt sich auf dem Rücken treiben, ihre Zehen ragen aus dem Wasser, genauso wie ihre Brüste, und ihr blasses Gesicht schimmert dazu wie das Innere einer Muschel. Als die Wellen sich wieder senken, erhasche ich einen Blick auf einen weißen Streifen an ihrem Bauch, bevor er wieder unter Wasser verschwindet. Tommy ist auf und davon, man sieht nur seine von der Arbeit auf der Werft gebräunten Arme, während er durch die Wellen von uns wegschwimmt. Ich kann zwar stehen, aber trete trotzdem Wasser, um mich neben Evelyn warm zu halten. Ich beobachte, wie das Wasser auf ihrem Bauch zusammenläuft und wieder abfließt, während sie in der leichten Strömung schaukelt.

»Schön, dass du wieder da bist.« Meine Stimme ist leise, und ihre Ohren sind zum Teil unter Wasser. Sie gibt mir keine Antwort, deswegen glaube ich, dass sie mich nicht gehört hat. Dann seufzt sie, aber es ist kein frustrierter oder erschöpfter Seufzer, sondern ein glücklicher, ein so zufriedener Atemzug, dass sie ihn einfach nicht mehr zurückhalten konnte.

Nach einer Weile sagt sie: »Ich find’s auch schön, dass ich wieder da bin.« Sie macht die Augen auf und beobachtet die Wolken, die endlos über uns hinwegziehen. Ihre Haut zieht sich in der Kälte zusammen, jetzt im Juni ist das Wasser noch nicht warm genug, noch nicht erfrischend kühl wie im Juli und ganz sicher nicht das Badewannenwasser vom August. Etwas durchsichtiger kupferfarbener Seetang schwimmt neben ihrem Oberschenkel vorbei und wird wieder dahin zurückgeschickt, wo er herkam.

Bevor ich mich zurückhalten kann, platze ich heraus: »Ich hab dich vermisst.« Kaum habe ich diese Worte ausgesprochen, gerate ich in Panik. Das ist zu direkt, wir reden nicht so miteinander. Vielleicht hat sie sich ja gar nicht verändert. Vielleicht hat sie sich zu viel verändert. Vielleicht sollte ich gar nichts mehr sagen und sie einfach so mit den Wolken treiben lassen, leicht und frei.

Sie richtet sich auf und tritt neben mir Wasser. »Also, Joseph …« Sie lächelt und legt den Kopf auf eine Seite, mit einer Art Tommy-Gesichtsausdruck, bei dem sich mein Magen vor Schuldgefühlen zusammenkrampft. »Jetzt erzähl mir nicht, dass du bloß, weil ich beim Heimkommen ausgesehen habe wie eine Dame, plötzlich zum Gentleman geworden bist.«

»Ich meine …« Ich blinzle, froh über die Helligkeit der Sonne, die mir einen Grund zum Erröten liefert. »Tommy und ich haben dich hier sehr vermisst.«

»Mm.« Sie zieht die Augenbrauen hoch. »Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, dass du dich gerade in mich verliebst.«

Sie legt eine Pause ein und hält meinen Blick fest. Ihre Augen sind heute blauer, wie ich jetzt sehe, und ich mache den Mund auf, aber es kommen keine Worte heraus. Sie lacht und durchbricht damit mein schuldbewusstes Schweigen.

»War doch bloß Spaß! Entspann dich!«, sagt sie, bevor sie untertaucht. Tommy nähert sich, mit starken, gleichmäßigen Schwimmzügen.

Er stellt sich hin, als er bei uns ist. »Das macht einen so richtig wach, oder?« Er schüttelt energisch den Kopf, um das Wasser aus seinen Ohren zu kriegen. »Wollen wir rausgehen?«

»Nö, ganz sicher nicht, es ist so schön. Ich geh nie wieder raus.« Sie strampelt mit den Füßen, wobei sie ihre Zehen abwechselnd einzieht und ausstreckt. »Wenn ich in der Schule wäre, würde ich drinnen sitzen und lernen, welche Gabel zu welchem Gang gehört und wie ich meinen Ehemann nach einem langen Arbeitstag am besten begrüße.«

»Du? Mit einem Ehemann?« Tommy spritzt sie nass. »Bitte sag nicht, dass sie euch wirklich solches Zeug beibringen.«

»Aber sicher tun sie das.« Evelyn hebt die Hände und dreht sich ihre nassen Haare im Nacken zu einem Knoten.

»Und, hat dir auch was gefallen? War irgendwas davon nützlich?«, frage ich und versuche, meiner Stimme einen beiläufigen Klang zu geben. Ein Kringel löst sich aus ihrem Haarknoten, und ich muss den Drang unterdrücken, die Hand auszustrecken und danach zu greifen.