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Das Leben des Journalisten Karl Lehman schien endlich seinen verdienten ruhigen Gang zu nehmen. Eine wiederbelebte Beziehung, ein verantwortungsvoller neuer Posten in der Redaktion einer Berliner Tageszeitung. Und als Höhepunkt des Jahres, die Leitung der Berichterstattung zur kurz bevorstehenden Bundestagswahl. Alles im Lande scheint nur auf diesen Termin hin fokussiert zu sein. Der Montag nach der Wahl beginnt jedoch mit einem Paukenschlag. Absolut Unfassbares geschieht. Ganz Berlin wird von Helikoptern und bewaffneten Truppen belagert. Das Establishment der alten Republik ist plötzlich wie vom Erdboden verschwunden. Die Leute hinter dem Umsturz geben sich nicht zu erkennen. Wie kann so etwas sein? In einem so stabilen und demokratisch gefestigten Land? Wer steckt dahinter? Was ist das Ziel dieser Umstürzler? Sollte es im 21. Jahrhundert wirklich möglich sein, wieder eine Diktatur in Deutschland zu errichten?
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Seitenzahl: 293
Veröffentlichungsjahr: 2020
Michael Hauck
Warum die grauen Schatten
Eine politische Dystopie?
© 2020 Michael Hauck
Verlag und Druck:
tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-347-22391-2
Hardcover:
978-3-347-22392-9
e-Book:
978-3-347-22393-6
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Warum die grauen Schatten
-Ein Roman von Michael Hauck -
Dezember 2012 unter dem Titel „Die letzte Instanz“
KAPITEL I
Sonntag 12. September
Der Urlaubsflieger setzte langsam zum Anflug auf den Berliner Flughafen an. Karl Lehman hatte Angst vor dem bald einsetzenden Fremdschämen. Man muss sich schon bewusst drüber sein, wenn man von Mallorca heimreist, dass sich so allerhand gemischtes Volk im Flieger tummelt. Denn am Schluss den Piloten zu beklatschen gehört wohl einfach zum beliebten teutonischen Urlaubsritual dazu. Er versuchte diesen kommenden möglichen Moment einfach beiseite zu schieben. Was ihn vielmehr umtrieb war eine ganz melancholische Mixtur aus Traurigkeit über die vergangenen zwei Wochen mit Sandra. Klar, es war auf jeden Fall ein sehr schöner Urlaub. Und der Beziehung hat er ebenfalls sehr gut getan. Hie und da eine kleine Auseinandersetzung, aber kein richtiger Streit. Und das soll in zwei Wochen schon mal passieren. Vor allem, wenn man schon so lange zusammen ist. Karl kannte Sandra nun schon seit ca. vier Jahren. Eine richtige Beziehung wurde daraus aber erst etwas später.
Karl hatte Sandra Schneider bei einer Ballettvorführung im Theater kennengelernt. Er war damals, wie das für Karl so üblich war, zunächst vom Äußeren dermaßen beeindruckt, dass ihm die ein oder andere gute Erziehung abhandengekommen ist. Karl ging immer aufs Ganze, sein ganzes Leben lang. Auch wenn‘s mal so richtig in die Hose ging. Egal, immer wieder aufstehen, von neuem anfangen, das war sein Motto! Sandra und Karl sind vor etwa eineinhalb Jahren in eine gemeinsame Wohnung gezogen. Das klappte anfangs sehr gut. Aber wie die Tücken des zwischengeschlechtlichen Zusammenlebens so spielen, kam zum einen dieses und jenes und er erkannte, dass sie wohl doch alle eine kleine Macke haben, die Mädels.
Umgekehrt, so war er sich jedoch ebenfalls sicher, wird es nicht anders gewesen sein. Vor einem halben Jahr fing es dann aber etwas massiver an, mit den Problemen. Karl arbeitet bei einer Berliner Tageszeitung. Nicht so bedeutend, dass sich die große Politik drum kümmern würde, kein sog. Meinungsblatt also, aber zumindest auch keine ganz unwichtige Stimme im Berliner Blätterwald. Auf jeden Fall war er die letzten Monate über alle Massen eingespannt. Einer seiner Kollegen, der Politikchef musste, so war zumindest das Gerücht, auf Entziehung. Der Chefredakteur und die Verlagsleitung hielten sich in Schweigen, aber es war ein offenes Geheimnis, dass da so manches mit Xaver Hinrichsen nebenraus ging. Karl war‘s unterm Strich egal. Er wurde vom Chefredakteur, Walter Baumann, gefragt, ob er für die Übergangszeit den Posten von Hinrichsen übernehmen könnte. Nichts lieber als das. Karl hatte keine Lust mehr, auf irgendwelche bescheuerten Ortsvereinssitzungen von allen möglichen Splitterparteien zu gehen. Auch keine Lust mehr, immer wieder den Zuträger zu spielen. Er wollte mal an der "großen Politik" schnuppern. Es war seine Chance, und die wollte er sich von nichts und niemandem nehmen lassen.
Schließlich standen ja auch schon die Bundestagswahlen im Herbst an und das war die Garantie, dass selbst auf dem Berliner Lokalparkett so einiges los sein würde. Mit dem, zumindest übergangsweisen Job war natürlich erheblich mehr Zeitaufwand verbunden. Sandra Schneider auf der anderen Seite war, wie so viele ihres Fachs, weder fest angestellt, noch hatte sie ein festes Engagement in Aussicht. Viel reisen, viel Leerlauf, viel Muse, viel Frust, das war das Resultat. Sandra hätte sich eben gewünscht, dass ihr Karl einfach öfter an ihrer Seite wäre. Sie mal in den Arm nehmen, sie trösten, sie einfach mal wieder zum Lachen bringen, wenn eh schon alles so beschissen für sie lief.
Neiden tat sie ihm den neuen Job auf keinen Fall. Neiden tat sie ihm nur, dass er in der neuen Verantwortung förmlich aufging. Karl fand wohl endlich seine Berufung. Er investierte viel Zeit und vor allen Dingen viel Nerven. Was Karls Charakter etwas schwierig macht, ist die Tatsache, dass er gerne mal überschnappt. Von null auf hundert, vom Nobody zum "Politikchef". Solche Sachen hatte er immer etwas schlecht im Griff. Mag an seinem Sternzeichen liegen. Entweder tief betrübt oder eben himmelhoch jauchzend. Und letzteres schlug dann in der ein oder anderen Situation auch mal in Arroganz um. Karl wunderte sich immer, wenn ihn Leute direkt drauf ansprachen. Das passierte zwar selten, aber gute Freunde, oder eben Sandra hatten den Mut, den grantigen Löwen auch mal anzufahren. Man kann sich also gut vorstellen, wie das Leben der beiden die letzten Monate und Wochen verlaufen ist. Eine Melange aus Wollen aber nicht richtig Können.
Baumann, der Chefredakteur, kannte Karl ganz gut. Er hatte für Zwischenmenschliches ein Auge, für einen Mann eher ungewöhnlich, aber nicht umsonst saß er wohl auf diesem Posten. Baumann befahl Karl förmlich in den Urlaub, ohne Widerrede. Und ohne, dass sich Karl Sorgen machen müsste, um seinen neuen Job. Zwei Wochen! "Lehman, wie lange waren Sie nicht mehr im Urlaub? Dreieinhalb Jahre? Sie sind ja total bekloppt. Wissen Sie, was uns im Herbst noch alles bevorstehen wird? Sie hauen jetzt zwei Wochen ab. Ich möchte kein Wort mehr von Ihnen hören. Ab Montag möchte ich Sie hier für zwei Wochen nicht mehr sehen, ist das klar?" Baumann hatte dabei einen unwiderstehlich väterlich freundlichen Blick, so dass Karl wirklich nichts anderes übrig blieb. Mit Sandra und ein paar Freunden feierte man noch in den Geburtstag hinein, und am selbigen 28. August ging der Flieger nach Palma. Das hatte Sandra so durchgesetzt.
Karl wollte nie, nie, nie nach Malle. Aber bevor der nächste Anlass für Streit aufgezogen wäre, hatte er lieber mal den Mund gehalten. Im Nachhinein muss er jetzt, wo die ganze Chose schon wieder vorbei ist, zugeben, dass es gar nicht mal so schlecht dort war. Man muss halt wissen, wie man dem eigenen Volk aus dem Weg gehen kann. Rundum gesagt, die Beziehung hatte wieder neues Futter bekommen, sich etwas zu entspannen und das Leben wieder gemeinsam zu genießen, anstatt sich's schwer zu machen.
Also mit einem sehr feuchten Auge verabschiedete er sich von dieser Zeit des müßigen, schönen Nichtstuns. Und mit einem feuchten zweiten Auge blickte er gespannt aber doch etwas ängstlich in die Zukunft. Hin und wieder hat er mit Baumann per Mail oder SMS kommunizier, ja sogar den ein oder anderen Artikel sollte er schreiben. In der heutigen mobilen Welt ja kein Problem. Das hatte ihm Baumann zugestanden. Aber kein Wort von Baumann über die Zeit seiner Rückkehr, kein, "eigentlich bräuchte ich Sie jetzt doch langsam wieder hier, Lehman." Karl beunruhigte das. Von seinen Kollegen bekam er auch keine Neuigkeiten aus dem Nähkästchen mit. Auf die meisten war er eh nicht sonderlich gut zu sprechen. Als er noch der Nobody war, hat es sich eingebürgert, dass Karl "Brother Lehman" genannt wurde. Was für ein pubertärer Scheiß. Ausgedacht hat sich's Müller. Karl-Christian Müller aus der Wirtschaftsredaktion; klar eigentlich. Dieser fand sich besonders witzig und glaubte wohl von sich selbst, dass er der größte Charmebolzen in der Redaktion sei. Zugegeben, dieses Arschloch sieht verdammt gut aus. Ist der Hengst auf jeder Feier. Aber dieses Extrovertierte ging Karl einfach unendlich auf die Nerven. Sei's drum, Kollegen und Familie, heißt es, kann man sich leider nicht aussuchen. Von der Sorte Müller gab es einige weitere Kollegen.
Als Sahnehäubchen ein paar zickige Kolleginnen, die grade mal ihr Volontariat abgeschlossen haben und dachten, dass ihnen jetzt aber mal wirklich niemand mehr was erklären braucht. Einen ganz guten Draht hatte Karl in den Sport. Fußballbegeistert, wie er ist, eine logische Folge. Mit diesem Ressort konnte man zumindest ohne dummes Getue einfach mal auf ein Bier gehen, den Tag gut sein lassen und sich über die wirklich wichtigen Dinge unterhalten. Naja, was in einem Männerleben eben als solche zu betrachten sind.
Morgen ging‘s also wieder los. 9.30 Uhr Redaktionssitzung, letzte Vorbereitungen zur Bundestagswahl am kommenden Sonntag. Volles Programm also, bis in die Puppen Arbeiten, wenig Schlaf, geschweige denn Beischlaf. Aber in ein paar Wochen ist der ganze Zinnober ja wieder vorüber. Da wird Sandra schon irgendwie drüber hinweg kommen, nach den schönen zwei Wochen.
Montag, 13. September
Karl betrat recht zufrieden sein Büro. Das war einer der weiteren Vorzüge in seinem neuen Job. Ruhe vor der ganzen Hektik da draußen und Ruhe vor nervigen Kollegen. Die Redaktionskonferenz lief wie üblich, nichts Besonderes. Außer dass sich doch einige Kollegen ernsthaft freuten, dass Karl wieder da ist. Selbst Karls Spezialfreund Müller schien ihn ohne Missgunst freundlich zu begrüßen. Wer weiß, vielleicht freute sich Müller, dass er endlich wieder jemand zum Piesacken hatte. Die kommende Woche hatte es also in sich.
Termine über Termine. Parteiveranstaltungen, Podiumsdiskussionen, zu jeden politisch wahrnehmbaren Furz eine Veranstaltung. In seiner Position konnte Karl sich zum Glück die Rosinenstücke rauspicken. Was muss er jetzt noch in die stupiden Tiefen von Ortsvereinssitzungen abtauchen, die in etwas so spannend sind, wie ein Schneckenwettrennen. Nein, die dicken Fische, die wirklich wichtigen Termine, das war jetzt sein Ding. Soll sich doch das Fußvolk mit dem ganzen Kram abtun. Zwei Termine interessierten ihn ganz besonders. Am Donnerstag war eine Podiumsdiskussion mit den Spitzenkandidaten aller Parteien und den Spitzenleuten aus Wirtschaft, Kultur und Medien angesetzt. Das ist seine Kragenweite und nichts anderes. Am Freitag dann noch die Abschlusskundgebungen der Parteien, wobei er sich für die diejenige der größten Oppositionspartei entschieden hat. Wobei dieser Ausdruck bei einer regierenden Großen Koalition etwas in die Irre führen mag. Also zumindest hatte diese Partei die meisten Sitze in der Oppositionsriege. Naja, und am Sonntagabend ist die ganze Chose eh schon wieder vorbei. Dann gibt es wieder nur Sieger und alles bleibt beim Alten.
Wie Karl wahrnehmen konnte, hat sich in den letzten zwei Wochen seines Urlaubs nicht wirklich viel bewegt. Und das in der Endphase des Wahlkampfes. Bezeichnend! In der Redaktion war die Meinung über den Ausgang der Wahl sehr ambivalent. Die eine Hälfte vermutete, dass wohl die Große Koalition weitermachen werde, zumindest versprachen das alle seriösen Zahlen der Umfrageinstitute. Ein Viertel der Redaktion, in Wahrheit eigentlich die komplette Mischpoke aus dem Wirtschaftsressort, ging fest davon aus, dass die Liberalen wieder mit ins Boot geholt werden. Selbstredend egal, von welcher dann führenden großen Volkspartei.
Die Kulturfuzzis erhofften sich natürlich einen kleinen revolutionären Umbruch und die zumeist ketterauchenden Sportleute waren eher dran interessiert, wie das Berliner Derby am Sonntag ausgehen wird. Also, wie gesagt, es war eigentlich wie immer. Wenn man bedenkt, wie die Stimmung in den Medien befördert wurde, die mal wieder davon schwadronierten, dass diesmal auf jeden Fall wieder eine "historische" Wahl ansteht, war davon auf den Straßen, den Cafés und den Kneipen nichts, aber rein gar nichts zu spüren. Den Leuten schien just diese Bundestagswahl komplett egal zu sein. Die Umfrageinstitute warnten bereits seit Wochen vor erschreckend niedriger Wahlbeteiligung. Auch, dass jetzt die letzten Tage des Wahlkampfes anstanden, konnte man nur mittels Terminkalender und unmäßig vielen Anfragen von diversen Hinterbänklern erkennen, die sich noch mal in Position bringen wollten. Ansonsten, absolute Flaute. Geringe Einschaltquoten bei den politischen Talksendungen, ja sogar sinkende Auflagenzahlen bei den meinungsführenden Tageszeitungen der Republik.
Stell dir vor, am Sonntag ist Wahl und keiner geht hin.
Nie war dieser - etwas abgewandelte - Spruch so wahr. Was also könnte die wehrten Leser dann eigentlich interessieren? Köpfe, Geschichten, Affären. Letzteres immer, aber das passt eher in eines dieser Boulevardblätter, die es in Berlin zuhauf gibt. Obwohl Karl immer offen war für Halbgares aus der Gerüchteküche, musste er diesmal die Seriositätsbremse reinhauen. Zumindest für die Sachen, die er selber schreiben wollte. Naja, irgendwas ließ sich ja schon immer aus der Nase herausziehen, wird diesmal wohl auch klappen. Karl lehnte sich zufrieden in seinen viel zu groß dimensionierten Ledersessel - der war natürlich noch von seinem beurlaubten Vorgänger Xaver Hinrichsen - und machte sich einen Plan für den Tag zurecht.
Erst mal die gefühlten tausend E-Mails checken, mit den befreundeten Kollegen Mittag machen um den allerneuesten Tratsch aus der Redaktion zu hören, seine Termine für die Woche vorbereiten und mit ein paar wichtigen Leuten telefonieren.
Dann würde er heute nochmal piano machen, Sandra hätte sicher nichts dagegen, wenn er heute mal vor 20 Uhr nach Hause käme.
Donnerstag 16.September
Karl war schon wieder ziemlich spät dran. Er wollte eigentlich etwas früher zu der Podiumsdiskussion gehen. Man trifft ja auf solchen Veranstaltung den ein oder anderen Kollegen von der Konkurrenz, den man schon länger nicht gesehen hat. Ein schönes kühles Pils, ein paar Häppchen und der neueste Klatsch aus den anderen Redaktionen. Der Chefredakteur hat nochmal kurzfristig eine Redaktionskonferenz im engeren Kreis einberufen, weil er die nächsten Tage einfach auf Nummer sicher gehen wollte. Müller nervte Karl wieder ungemein, er brachte ihm ganz wichtige Ratschläge für den Abend mit, als ob Karl nichts von seinem Job verstehen würde. Müller war wohl einfach eifersüchtig, dass nicht er vom Chef zu der Podiumsdiskussion geschickt wurde, schließlich war das Hauptthema ja die Wirtschaft. Karl war‘s so was von egal, er gab nicht einmal einen Kommentar zu Müllers Einlassungen ab. Er war darüber selbst ziemlich erstaunt. Der neue Job erzeugte eine unglaubliche Selbstsicherheit, die ihn über solche Sachen erhaben machte.
In der Eingangshalle des Velodrom angekommen, empfing ihn eine umherstehende Masse an allerhand B- und C-Promis aus der Stadt. Der Beginn verzögerte sich wohl, da einer der Podiumsgäste ganz wichtigen Staatsgeschäften verpflichtet war. Er schlenderte so langsam in den Innenraum. Holte sich vorher in der Presselounge die überlebenswichtige Grundausstattung ab, Bier und Häppchen. Plötzlich entdeckte er Michael Hofmann.
Ein alter Kollege aus Volontariatszeiten. Michael war mittlerweile beim Fernsehen gelandet, das hier live von der Veranstaltung übertragen sollte. Michael Hofmann war Regieleiter und schien ziemlich nervös zu sein. Karl bemusterte ihn während ihres kurzen Gesprächs sehr aufmerksam. Nach einem Vierteljahrhundert bemerkt man schon die Nuancen des Verhaltens anderer.
Er fragte, ob bei ihm alles paletti sei. Michael entgegnete ihm, dass er einfach etwas Bauchgrummeln habe, schließlich sei das das wichtigste Event vor der Wahl überhaupt. Wenn das schief geht. Er müsse sich mit lauter Praktikanten herumschlagen, weil der Sender kein Geld mehr für die ganzen Kabelträger ausgeben will. So nannte er irgendwie alle, die unter ihm arbeiteten. Was Karl aber viel stutziger machte, war die Tatsache, dass in Michaels Gesicht so ein Zucken unterhalb seines linken Auges deutlich wurde. Das hatte Michael noch nie. Er insistierte weiter, bis er den Eindruck hatte, dass Michael langsam ziemlich angefressen war. "Wirst schon sehen, was die nächsten Tage auf uns zukommt." verabschiedete sich Michael ziemlich genervt. Karl hatte keine Ahnung, was dieses kryptische Gerede bedeuten sollte, er schob es auf dessen Angespanntheit.
Endlich wurde es dann etwas ruhiger in diesem überdimensionierten Diskussionsforum. Eigentlich gedacht für Rockkonzerte, Sportveranstaltungen und dergleichen. Etwa 800 Personen zählte Karl in den Zuschauerreihen. Wahnsinn, wer tut sich so etwas freiwillig an und zahlt auch noch dafür. Mediengeile No-Names, die einfach mal im Fernsehen erscheinen möchten? Parteiclaqueure, die von den Parteizentralen hierher gekarrt wurden? Gerade in dieser Umgebung schien ihm so eine Massenveranstaltung etwas beängstigend. Nein, Karl wollte jetzt gar nicht an den ganzen alten Nazi-Quark erinnern, aber irgendwie machte ihm diese Stimmung im großen Rund und die ganze Choreografie etwas Kopfweh.
Dann war es soweit. Deutschlands bekanntester und wohl auch beliebtester Moderator - Karl war da explizit anderer Meinung - eröffnete das Podium. Zunächst waren die Spitzenkandidaten dran, die sich "bitte kurz vorstellen mögen".
Dies scheint, wie beim Pawlow‘schen Hund das Signal für Politiker zu sein, sich ohne Punkt und Komma ins Nirwana zu reden. Von den eigenen Beweggründen, warum man überhaupt in die Politik gegangen ist, über das Stahlbad in der eigenen Partei, das einen ja doch irgendwie ein bisschen verändert, landet man beim politischen Gegner, bzw. Feind. Karl konnte diesen Euphemismus nicht mehr ertragen, dass sich Politiker in der Öffentlichkeit immer in der Art darstellen, dass man ja "eigentlich" auch ganz gut mit dem gegnerischen Kollegen könne. Es gehöre aber einfach zum politischen Geschäft, dass man sich medienwirksam auch mal etwas härter angeht. Das sei so, wie beim Fußball. Noch so ein beliebter Vergleich! Dieses erstaunlicherweise immer kurz vor einer Wahl, anbiedernde Herauskehren von Bodenständigkeit und Verständnis mit "den Menschen da draußen" – zum Kotzen!
Karl stand auf, zum Glück saß er ganz am Rand des mittleren Durchgangs, und holte sich in der Lounge ein Bier. Vielmehr ein Herrengedeck, das brauchte er jetzt. Er holte tief Luft und besann sich, dass er ja von dieser ganzen Show auch was zu Papier bringen sollte. Also, wieder runter und sich wieder öffnen für die lehrreichen, noch niemals vorher vernommenen Wortkreationen. Er ließ es über sich ergehen, bis endlich die zwei Vertreter aus Wirtschaft und Kultur dran waren. Kultur ist natürlich Frauensache.
Eine Vertreterin aus der Theaterwelt brachte endlich etwas Humor und Weitblick in die ganze Runde. Es schienen alle, sogar die Spitzenpolitiker etwas aufzuatmen, so konnten sie einen kurzen Ausbruch aus ihrer realpolitischen Zwangsjacke genießen. Sehr kurzweilig, sehr originell, was die sehr attraktive Dame mittleren Alters in die Runde warf, zumindest fanden das die Zuschauer. Denn bei ihrem zum Schluss in die Runde geworfenen Satz, bemerkte man ein gewisses Entsetzen bei den Volksvertretern.
Sie behauptete, wenn es, und nicht nur in der Kulturpolitik, so weiterginge, wir "in der nächsten Zeit wohl noch so einiges erleben werden." Ist das Kultursprech?“ dachte sich Karl. Diesen Satz hat er doch gerade vorhin schon mal gehört. Die Antworten der jetzt voll in Fahrt kommenden Spitzenleute waren genauso zu erwarten, wie nichtssagend. Man müsse natürlich viel näher an den Menschen dran sein, ihnen zuhören. Aber der Politzirkus in Berlin lasse einem einfach nicht mehr genügend Zeit. Der Mann von der kleinsten Oppositionspartei brachte den Vergleich mit den Ärzten. Die hätten ja auch schon Zeitbudgets für Patienten, da komme das Menschliche einfach zu kurz. Wie Herz zerreißend!
Nun war der Mann der Wirtschaft dran, der Vorsitzende des DIHT. Ein Bild von einem Geschäftsmann. Immer irgendwie busy, in allem, wie er sich bewegte und redete. Zielführend seine Ausführungen, ohne Umschweife.
Kann er sich doch gar nicht leisten, so viel Palaver um Kleinigkeiten. Er muss jeden Tag Entscheidungen treffen. Von einer Tragweite, die über das Politische hinausgehen. Denn in der Wirtschaft ginge es ja schließlich und endlich auch "um die Menschen". Obwohl dieser Lobbyist seit Jahren von einer Regierung profitiert, die alles andere als wirtschaftsfeindlich ist, merkte man ihm mit jeder Faser seine unternehmerische Unzufriedenheit an. Es sei ihm als Unternehmer ja gar nicht mehr möglich und überhaupt, man könne doch nicht immer nur von den Wohlhabenden verlangen, dass…
Karl schüttelte mit dem Kopf. Er hoffte bzgl. seiner Entscheidung, dass nur er aus der Redaktion hier sein dürfe, ganz naiv, mal etwas klitzekleines Neues zu hören. Zumindest ein einziger neuer Gedankengang. Nichts. Von niemandem, nicht mal von der Kultur. Witzig und unterhaltsam zu sein ist zwar nett und lenkt ab, hat aber ebenfalls wenig Substanz. Er war verzweifelt.
Er wusste ernsthaft nicht, was er bitteschön über diesen Abend schreiben sollte. Was könnte die Leser, die sowieso alle heute Abend vor der Glotze sitzen, morgen noch darüber lesen wollen? Karl spielte verschiedene Alternativen durch. Er könne morgen dem Chef erzählen, dass, als der den Artikel wegschicken wollte, irgendwie sein iPad abgestürzt sei. Und als er ihn wieder hochgefahren hätte, wäre der Artikel einfach verschwunden, ehrlich! Danach hätte er sich aus Frust darüber so in der Presselounge besoffen, dass alles zu spät war. Letzterer Gedanke war zumindest eine Option. Er hielt es wirklich nicht mehr länger aus, bis er noch den letzten Satz vom Mann der Wirtschaft hörte. Wenn die Politik meint, dass sie so weitermachen kann und all die fleißigen kleinen Unternehmer in ihrem Tun behindern will, dann soll sich die Politik mal ganz warm anziehen, denn "da wird in der nächsten Zeit ein ganz anderes Fass aufgemacht", und da wäre er sich sogar der Unterstützung vom "Mann auf der Straße" sicher.
Was sollte das alles? Stammtischparolen, elegant umgetextet für den akademischen Wutbürger? Irgendwann hätten die Leute die Schnauze voll und dann gibt es Revolution, und dann werden sich die Herren da oben mal umschauen. Na klar, hat ja in Deutschland schon immer so gut funktioniert, mit dem wütendem Volk!
Karl verließ den Ort des Schreckens mit dem Gefühl, auf einem psychologischen Seminar gewesen zu sein. "Wie schaffe ich es, endlich auch mal meine Meinung zu sagen, die aber keiner hören will". Sage und schreibe zwei geschlagene Stunden volle Aufmerksamkeit für null Ertrag. Er rief sich ein Taxi und ließ sich an seiner Stammkneipe absetzen, wo er sicher sein konnte, dass er hier ganz normale Menschen mit normalen Gesprächsthemen antraf.
Ein paar Jungs von seiner Freizeitmannschaft waren da und einer der Kollegen aus dem Sport, der zufällig auch hier um die Ecke wohnt. Die letzten Minuten des Europa-League-Spiels liefen und Karl fühlte sich endlich angekommen. Seine Zufriedenheit über diesen Moment schien keine Grenze zu finden. Jetzt nur noch drei Tage diesen ganzen Wahnsinn überstehen und dann ging das normale Leben wieder weiter. Toooooor! Sein Kumpel Anton fiel ihm in die Arme und übergoss ihn mit seinem komplett neu gezapften Pils. Anton war aus dem Pott und natürlich Anhänger der Dortmunder; der hatte es gut heute. Karl freute sich mit ihm, diese Bierdusche war wie der Gewinn der Meisterschaft für seine geschundene Journalistenseele.
Freitag, 17. September
Die Nacht dauerte ausgesprochen lange. Karl konnte sich einfach nicht losreißen. Definitiv 2-3 Bier zu viel und schlechtes Gewissen machten den Abschluss des Abends zu etwas Quälendem. Sandra war nicht unbedingt begeistert von Karls Zustand. "Drei Tage noch, Schatz, dann bin ich wieder für dich da, versprochen!" Ob sich Sandra mit diesem verbalen Gang nach Canossa zufrieden gab, war zu bezweifeln. Aber sie hätte doch vorher wissen müssen, auf was sie sich mit einem Journalisten einlässt, oder?
Am Morgen überraschte ihn Sandra mit einem ausgesucht feinem Frühstück. Alles frisch vom Bäcker, die ganze Wohnung duftete nach italienischem Kaffee. Was war das denn jetzt? Vielleicht sollte Karl vielleicht doch öfter mal über die Stränge schlagen?
Sandra war eine Frau, die sich fokussiert auf ihre Künstlerkarriere und folglich auf diese ganz spezielle Szene konzentrierte. Das heißt aber nicht, dass sie in irgendeiner Form uninteressiert war, was Politik anging. Sie hatte einfach nur etwas spezielle Ansichten. Wählte seit sie denken konnte eine Partei. Lobbyismus im Kleinen sozusagen.
Sie schlug die Zeitung auf und fragte Karl, wie er es bitte geschafft hat, in dem gestrigen Zustand noch einen Artikel in die Redaktion schicken zu können. Eine schlüssige Antwort konnte Karl ihr nicht anbieten. Er wusste es schlicht und einfach nicht mehr. Die einzige Erinnerung an den Abend in der Kneipe war Fußball, die davon geprägten Fachgespräche und eben unbotmäßig viele Getränke. Trotz aller Anstrengung, sich an eine irgendwie geartete journalistische Tätigkeit zu erinnern, verliefen im Sand.
Sandra wollte von Karl wissen, was es mit den kryptischen Aussagen der Diskutanten gestern auf sich habe. Tja, was sollte er sagen, er hat im Artikel einfach nur zitiert, was ihm erwähnenswert erschien. Das war wohl die Essenz davon. Sandra war entsetzt über den Grundtenor, der in Karls Artikel wahrnehmbar wurde.
Sie gibt ja zu, dass sie jetzt auch nicht täglich Zeitung lese oder die Nachrichten im Fernsehen ansehe. Das sei ja auch gar nicht nötig. Aber man müsse doch einen Standpunkt haben, wissen, wofür man im Ernstfall kämpfen würde.
Alles, was sie im Artikel über die Aussagen der Parteileute gelesen habe, hätte sie ernsthaft entsetzt. Ihr sei das in dieser Intensität vorher noch nie bewusst gewesen. Selbst der Mann der "eigenen" Partei hätte sie ziemlich ermüdet, was er so von sich gegeben hat. Egal, sie wird "ihre" Partei trotzdem wieder wählen. Ist doch klar, bevor sie ihre Stimme an irgendwelche rechten oder linken Idioten verschenkt. Was sei eigentliche seine Position, insistierte Sandra. Schwierig, schwierig. Wenn Karl so darüber nachdachte, konnte er es nicht eindeutig sagen, wo er sich politisch verorten würde. Rechts natürlich gar nicht, was für ne Frage. Links? Kommt auf das Thema an. Vielleicht "im Zweifel", wenn es Spitz auf Knopf steht, ja, eher hier. Aber sicher auch mal konservativ, wenn nicht gar spießig, wenn es um Themen, wie "Innere Sicherheit", "Integration" und dergleichen ging. Also alles Themen, die die persönliche gefühlte Sicherheit, oder besser, Unsicherheit betreffen. Dort, wo einem das Hemd näher ist, als der Rock.
Diesmal geht‘s doch mal echt um eine grundsätzliche Richtungsentscheidung. Da müsse man doch wissen, wem man seine Stimme gebe. Karl bemerkte für sich, dass er für diese Frage keine Antwort geben konnte.
Nicht weil er hier ein Transparenzproblem gegenüber Sandra gehabt hätte.
Nein, er hätte ihr es, wie aus der Pistole geschossen sofort und auf der Stelle gesagt. Allein, er war nicht dazu fähig. Seit er für die Zeitung arbeitete, noch dazu seit der Übernahme der neuen Position, fühlte sich Karl eher als interessiert Beobachtender, denn als aktiv Teilnehmender. Karl betrachtete den Politikbetrieb eher wissenschaftlich differenziert, wie durch ein Mikroskop. Eine Versuchsanordnung, die der Erklärung, aber nicht der Wertung bedarf. Erstaunlich eigentlich. Karl verstand sich doch immer als politischen Menschen. Das sollte doch implizieren, dass man auch aktiv daran teilnimmt.
Aber im Lauf der Zeit hat sich sein Verhältnis in Bezug auf seine Berufswahl in eine zynische Hassliebe entwickelt.
Er verachtete im Grunde das Heer an willenlosen Parteisoldaten. Egal, ob sich diese in den etablierten Parteien befanden, die auf Basis einer machtpolitischen Hierarchie funktionieren. Oder ob sie sich in sogenannten basisdemokratischen Parteien befanden. Alphatiere hatten überall das Sagen, hier wie dort, machen wir uns doch bitte mal nichts vor. An selbigen faszinierte ihn der Mut, dass sie mit jeder Handlung, mit jedem Wort, mit jeder Regung deutlich machten, dass es ihnen allein um eines ging. Macht! Das leuchtete Karl auch ein. Was nutzt mir die beste Idee, wenn ich sie nicht umsetzen kann? Das ist nicht klug, nicht effizient.
Sandra war ziemlich ungehalten, dass sich Karl nicht mal irgendwie äußern wollte. Sie verstehe ja, dass er als "neutraler" Beobachter mit seiner persönlichen Meinung nicht hausieren gehen kann, aber ihr gegenüber? Also, das findet sie einfach nicht ok. Sie dachte eigentlich, dass in einer Beziehung Offenheit nicht nur auf Beziehungsgeschichten und Sex bezogen sei. Aber im Grunde kann es ihr auch egal sein. Sie weiß ja eh, was sie wählt. Liebe ist wohl im seltensten Fall von einer politischen Einstellung abhängig, aber sie wüsste schon gerne, mit wem sie es diesbezüglich in diesen vier Wänden zu tun hätte.
Um etwas Frieden zu stiften, sagte Karl schließlich, dass sie sich doch denken könne, wofür er sich entscheidet, ihre Partei stehe ihm doch auch ziemlich nahe. Diese kleine Liebeserklärung durch die Blume untermalte er mit seinem charmantesten Lächeln, das er zu diesem Zeitpunkt zustande brachte. Sandra winkte nur herablassend ab, gab ihm einen Kuss auf die Wange und eine ziemlich heftige Kopfnuss. Warum müssen diese Künstler immer so kompromisslos sein, in allem was sie tun?
Karl versuchte sich zu Sortieren und sich mental auf den heutigen Abend vorzubereiten. Abschlusskundgebung der Ökos. Wird sicher ein Heidenspaß, gähnte er vor sich hin. Schließlich schleppte er sich, die Tasse Kaffee in der Hand, ins Bad und begann sich öffentlichkeitstauglich herzurichten.
Am Abend war also Endspurt angesagt. Karl war im "Hamburger Bahnhof" angekommen. Ein mittlerweile traditioneller Rahmen für Veranstaltungen der einst alternativen Anti-Parteien-Partei, die mittlerweile selbst arg in die Jahre gekommen ist und zum festen Inventar des Berliner Machtapparates geworden ist. Die Partei machte insgesamt einen irgendwie abgekämpften, ja abgeschmirgelten Eindruck. Regierungserfahrung im Bund und in vielen Ländern haben sicher nicht zur "Frische" beigetragen. Aber Karl hatte schon seinen Grund, warum er gerade hierher wollte. Klar hat er des Öfteren bei jenen sein Kreuz gemacht, aber nicht immer. Karl wollte sich nie parteimäßig vereinnahmen lassen. Aber unterm Strich fühlte er sich dennoch zu ihnen hingezogen. Mit Bauchschmerzen oftmals, aber für ihn schien diese Partei noch immer so etwas wie ein Korrektiv für die drohende Allmacht der beiden Volksparteien zu sein.
Alles war wie zu einer Hochmesse der politischen Agitation vorbereitet. Plakate, Fahnen, große Bühne. So als hätte auch diese Partei gelernt, wie wichtig es ist, die Massen zu vereinnahmen. Karl erwartete sich inhaltlich sicher nichts Neues. Ihm war nur wichtig, letzte interne Stimmungsbilder aufzuschnappen. Vielleicht sogar noch einen richtigen Knaller, den einer der beiden Spitzenkandidaten heute Abend raushauen würde. Irgendein Ass im Ärmel hat doch jeder Politiker. Für morgen war in der Zeitung ein großes Special angekündigt. Großer Programmvergleich aller Parteien, Stimmung in den Parteien und natürlich allerletzte O-Töne, die den einen oder anderen Unentschiedenen nochmal an die Urne treiben sollte.
Die Liturgie konnte also beginnen. Wie für diese Partei üblich, begann der weibliche Part der zwei Spitzen. Inhaltlich etwas mau und rhetorisch ziemlich angestrengt wirkend, spulte sie ihr Programm runter. Als Einpeitscherin also eher eine suboptimale Besetzung. Dem Parteivolk schien es aber zu gefallen, zumindest gab es volle fünf Minuten Standing-Ovations. Es wirkte alles sehr einstudiert. Getreu dem alten Sponti-Motto, "wenn du keine Chance hast, dann nutze sie", hatte das alles etwas sehr Trotziges, Beleidigtes. Die Umfragen sagten ja voraus, dass es wohl eher zu einer Fortführung der Großen Koalition käme, als dass ein Wechsel vor der Tür stünde. Also sehr viel Pfeifen im Walde. Der Spitzenmann im Anschluss machte seine Sache auch nur geringfügig besser. Auf den großen Knaller wartete Karl also vergebens.
Kantig geschliffene Sätze aus dem Baukasten des parlamentarischen und TV-kompatiblen Politsprech. Der Stimmung im Saal tat das keinerlei Abbruch, ganz im Gegenteil. Die Unterbrechungen wurden häufiger, der Applaus heftiger, die Basis fiebriger. So, als ob der Sieg mit absoluter Mehrheit kurz bevor stünde. Karl fragte sich, was das ist, das Menschen zu solch unreflektierten, widerspruchslosen Wesen macht. Nur die Tatsache, dass man sich mit dem Eintritt in eine Partei zu Solidarität und Geschlossenheit verpflichtet fühlt?
Oder glaubten die fast schon in Ekstase verfallenden Claqueure ernsthaft selbst dran, dass sich innerhalb 48 Stunden die Stimmung im Lande noch zu eigenen Gunsten drehen ließe?
Lauter intelligente Menschen hier, gerade in dieser Partei, die ja immer so viel auf ihren akademischen Bildungshintergrund hielt. Und dann so was. Die ersten eineinhalb Stunden sind dann trotz allem wie im Fluge vergangen. Nicht, dass Karl irgendeine Begeisterung für die Reden verspürt hätte. Die fast schon zoologisch zu nennende Betrachtungsweise der Anwesenden hatte Karl ganz gut die Zeit vertrieben. Er war sich sicher, seinen Kollegen bei den parallel laufenden Veranstaltungen ging es just in diesem Moment nicht anders. Ja, er war doch froh über seine Berufswahl. Dieses Stück Freiheit, eine Meinung haben zu dürfen, ohne sich vor irgendwelchen Gremien dafür rechtfertigen zu müssen, das hat schon eine andere Qualität. Wer kann sich das schon leisten. Am Krückstock gehende Altkanzler vielleicht, die über jeden Parteihader erhaben sein dürfen, aber sonst?
Als nun noch ein paar ausgesuchte Hinterbänkler zu ihren Reden aufgefordert wurden, war das für ihn Anlass genug, das Weite zu suchen. Standpunkte, die zwar bereits gehört werden durften, aber noch nicht von allen gesagt, das war nicht das, was Karl jetzt noch hören wollte.
Lieber in der Lobby noch ein wenig Stimmung aufsaugen und sich Gedanken über den letzten Schliff seiner Reportage machen, dann sollte es endgültig genug sein mit Wahlkampf. Am Sonntag würde eh alles beim alten bleiben und das politische Leben ging wieder seinen gewohnten Gang, bis zur nächsten, richtungsweisenden Landtagswahl in irgendeinem eher unbedeutenden Bundesland.
Sonntag, 19. September
Endlich! Endlich war er da. Der Tag. Der Tag der mentalen Erlösung. Der Erlösung von all der Last. Der Last, in jeder wachen und nichtwachen Sekunde eine Antwort auf die ungelösten Probleme dieses Landes zu finden. Von der Last, sich mit dem "Mann auf der Straße" abgeben zu müssen. Flyer zu verteilen, Luftballons für die Kleinen aufblasen zu müssen. Sich den Anfeindungen demokratiemüder Wutbürger entwinden zu müssen. Seine soziale Ader öffentlichkeitswirksam in Szene setzen zu müssen, auch wenn es einem zuwider war. Die Grußreden, die man auf Feuerwehrfesten und lokalen Festivitäten abzuhalten hatte, mit all dem schalen Bier, das es zu trinken galt. Es war endlich vorbei! Rien ne va plus! Jetzt musste das kleine Kügelchen nur noch ins richtige Loch fallen. Heute konnte man eh nichts mehr dran ändern.
Diese seltsame Art der Befreiung von allen seelischen und charakterlichen Zumutungen für einen Menschen betraf nicht allein die zu Wählenden. Ein ähnlich euphorisierendes Gefühl empfand auch Karl und sicher alle Kollegen aus der schreibenden Zunft. Karl freute sich auf einen schönen sonnigen Tag mit Sandra, zumindest bis späten Nachmittag.
Karl, dem man keine emotionale Ungebildetheit vorwerfen konnte, genoss dieses Gefühl in vollen Zügen und die etwas ausgefranzte Beziehung profitierte an diesem Tag am meisten davon. Ein Hochfest der Zweisamkeit. Nur Sandra und er, Pläne und Wünsche und Ehrlichkeit und tief empfundene Empathie.
Von dieser Stimmung im tiefsten seines Wesens berührt, machte sich Karl auf in den Reichstag. Er versprach Sandra, dass man morgen Abend schön Essen gehen wird, heute sei halt leider nochmal Höchstleistung angesagt.
Der Leser habe ja schließlich ein Anrecht darauf, morgen zum Kaffee zu lesen, warum und wieso und weshalb es so hatte kommen müssen. Gegen halb sechs betrat Karl den Reichstag. Die Spannung der Medienmeute schien zu bersten. Komisch, da eigentlich jeden relativ geradeaus denkenden Menschen klar sein sollte, was dieser Wahlabend bringen würde. Dann die berühmte Uhr, der berühmte Gong. "Es ist jetzt genau 18 Uhr. Die Wahllokale sind nun geschlossen. Hier nun unsere Prognose….." Was wird Sandra jetzt wohl machen? Sie wollte sich mit Kolleginnen in einem Biergarten am Spreeufer treffen. Da draußen war sicher die Hölle los, klar bei dem Wetter.
Der Rest der Republik, die noch einen letzten Funken Interesse an Politik hatte, saß natürlich vor dem Fernseher. Die erste Hochrechnung, Gewinne und Verluste, Sitzverteilung im neuen Bundestag. Und schon um 18.30 Uhr die Gründe, warum diese oder jene Partei nun doch wieder nicht ihre selbst gesteckten Ziele erreicht hat - plus Wählerwanderung. Alles war heutzutage innerhalb weniger Sekunden griffbereit und valide. Hat das eigentlich jemals irgendjemand hinterfragt? Bereits um 18.45 Uhr konnte die Parteienvertreter, zumindest für sich selbst, genau erklären, warum man es einfach nicht geschafft hat, seine Kernwählerschaft zu motivieren, obwohl doch, "und ganz herzlichen Dank an die vielen einfachen Mitglieder da draußen", diese doch mit einer so phantastischen Motivation um jede einzelne Stimme gekämpft haben. Was und wo überhaupt ist "da draußen"? Draußen von was und von wem?
Und schließlich konnten all die Sieger dieser Wahl - also sozusagen alle, außer diejenigen, bei denen selbst mit bunten Statistiken nicht mehr zu Kaschieren war, dass sie haushoch verloren haben - erklären, warum die Wahl so erfolgreich verlaufen ist. Man hat einfach auf die Menschen an den Infoständen und in der oft nicht gewürdigten Wahlkreisarbeit gehört. "Denn man muss wissen, was den Leuten wirklich am Herzen liegt und welche Sorgen sie haben….." Das wurde Karl langsam doch etwas zu viel. Alles so schön dick aufgetragen, wie beim Metzger. Lieber noch eine Scheibe obendrauf, zahlen muss es ja am Ende der Kunde. Die Berliner Runde, die früher noch so poetisch die "Elefantenrunde" genannt wurde, stand noch auf dem Plan von Karl, danach wollte er wieder in die Redaktion und seinen Abschlussbericht abliefern.
Dann war Schluss mit der nichts wirklich entscheidenden Wahl. Gegen drei Uhr nachts viel Karl daheim ins Bett. Er schmiegte sich in aller Demut an diesen gemeinsamen schönen Tag mit Sandra an sie und schlief innerhalb weniger Minuten ein. Morgen geht‘s wieder aus einem anderen Fass. Ruhiger, weniger panisch, überschaubarer…..endlich!
KAPITEL II
Montag, 20. September
