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Nach über dreißig Jahren entscheidet sich Sebastian wie fremdgesteuert bei einer Wanderung in einer Art Trance, seiner Jugendliebe zu schreiben. Und diese antwortet erstaunlicherweise auch auf seine Mail mit folgendem Kontext: Wenn er die Wahrheit, die ganze Wahrheit über sich und das, was damals war schreiben würde, dann... Sebastian nimmt unendlich viele Anläufe bis er seine Gefühle schließlich in Worte kleiden kann. Er verliert sich anfänglich immer wieder in seinen Ausführungen, doch schreibt er sich mit der Zeit hinein in sein Innerstes, solange bis er endlich dort ankommt. Lange wird es dann noch dauern, bis er diese Zeilen letztendlich auch wegschickt. Zu ihr... Und dieser Mut wird belohnt. Denn wahrhaftiger Mut zahlt sich immer aus im Leben, ...fast immer.
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Seitenzahl: 258
Veröffentlichungsjahr: 2019
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„Warum erst jetzt ...?“ erzählt von Sebastian, der mit Mitte 50 wie von Geisterhand geleitet seiner Jugendliebe schreibt. Diese antwortet sogar, jedoch mit folgender Forderung: dass er alles von sich, seinem damaligen abrupten Verschwinden, kurzum seinem gesamten bisherigen Lebensverlauf preisgibt. Erst dann würde sie gegebenenfalls ernsthaft darüber nachdenken, ob sie sich nach so langer Zeit nochmal mit ihm treffen wolle. Mit dieser Aufforderung Danielas schreibt und fühlt sich Sebastian in seine Vergangenheit und somit in den Kern seines Ichs.
Otto Maria Symperth kam 1957 in einer oberbayerischen Kleinstadt zur Welt. Seine vielseitigen beruflichen Tätigkeiten führten ihn in zahlreiche Länder - weltweit. Vor allem die Arbeit mit jungen Erwachsenen prägte ihn in seinem Denken und Handeln. Sein großes Interesse an Philosophie und Psychologie ließen ihn ein Leben lang nachdenken, grübeln und hinterfragen, um die Dinge, wie sie da sind von immer neuen Perspektiven durchleuchten zu können. Dies war auch die Basis für das Entstehen dieses Romans, - einer Liebesgeschichte, in welcher zudem ethischphilosophische Fragen des ganz normalen Daseins fest verwoben sind. Fragen, die eigentlich jeden ernsthaften Menschen zutiefst beschäftigen dürften.
Ähnlichkeiten mit irgendwelchen Namen, Personen, usw. sind nicht beabsichtigt und somit rein zufällig; es handelt sich hierbei um eine Dichtung, keineswegs um Autobiographisches
der Autor
„Que l´importance soit dans ton regard, non dans la chose regardée!“
André Gide
Liebe Daniela,
als Antwort auf Deine Mail übersende ich Dir nun den wohl längsten Brief meines Lebens.
Bitte versprich mir, Dich vor der Lektüre meines Briefes klar für eine der folgenden Varianten zu entscheiden:
den gesamten Brief zu lesen, denn nur so machen meine Zeilen Sinn, auch wenn Dich so manches darin langweilen, oder gar ärgern wird,
oder besser den Text ungelesen der Mülltonne anzuzvertrauen.
Du sagtest doch, „...alles solle ich Dir schreiben“ und so habe ich wirklich alles geschrieben, was mir mein Bauchgefühl mitteilte.
Gruß, Sebastian
Vor allem wenn ich allein wandere, den Rucksack am Buckel, am Tag zwischen 25 und 35 km kommt es - das besondere Gefühl: Man kann es nur so erklären, obwohl dies jetzt sicherlich profan und kitschig klingen mag - so wie man´s in der billigsten Eso(Hys)terikerecke vermuten möchte - es ist so eine Art Einheit mit dem Ganzen: Ich bin Stein, Mensch, Tier, Luft, Sonne und Meer oder auch nur ein Gedanke zwischen all dem. Plötzlich ist mir einfach wirklich alles absolut egal, als hätte ich in diesem Erdendasein noch nie, auch nur irgend ein Problem gehabt. Dabei laufe ich, laufe, laufe und laufe, schwitze wie ein Vieh... und irgendwann - natürlich nicht immer - aber irgendwann mal, kommt er, eine Art mentaler Orgasmus in und mit diesem Glückserlebnis. Das Herz ist so unglaublich voller Sonne, der Bauch wohlig, bar jeder Körperlichkeit - fast wie in einem unendlich positiven Rausch - ein Moment in welchem man die ganze Welt umarmen möchte. Ich habe mich dann meist immer mehr, immer weniger im Griff, und so laufen dann schon auch mal die Tränen plötzlich und absolut unerklärbar, ...bächeweise...
Lustigerweise spüre ich dabei keinerlei Schmerzen in den Füssen, jedweden Gelenken, das Drücken des Rucksacks, Hunger, Durst.
Kurzum - alles Weltliche ist wie weggeblasen.
Ich fühle mich just in solch einem Moment einfach - sowas gibt's also tatsächlich selbst in meinem Leben - rundum sauwohl und glücklich.
Alles muss also genau auch in solch einem der seltenen Momente geschehen sein, da ich mich mal wieder absolut lebenshigh fühlte.
Es muss in einem Moment der absoluten Zufriedenheit geschehen sein (wenige gab es bis dato in diesem, meinem Leben), dass mich diese Entscheidung, die irgendwie doch nicht so ganz die meine war, ereilte. Mein Unterbewusstsein nötigte mich, etwas zu tun, was ich normalerweise (so also ganz einfach im ganz stinknormalen Alltagsgeschehen meine ich) niemals getan hätte.
Nun, wie soll ich´s genauer beschreiben, ich führe vollen Bewusstseins etwas aus, ohne mein Oberstübchen auch nur im geringsten daran teilhaben zu lassen. Nur einmal ist mir in meinem bisherigen Leben sowas schon mal passiert:
Ich fuhr durch die abends leere Stadt, um meine Nachbarin wegen einer Verletzung ins Krankenhaus zu bringen. Ich nähere mich einer roten Ampel und (wissend der Dinge, die da sind, vollen Bewusstseins - heute noch schüttelt es mich beim Erzählen des Erlebnisses) rase einfach über die Kreuzung, trotz einer roten Ampel, obwohl offensichtlich das Leben der Verletzten nicht am seidenen Faden der verrinnenden Sekunden hängt. Es fuhr mich einfach, und ich konnte gar nichts dagegen tun, so kriminell Auto zu fahren und freiwillig und zudem grundlos solche Risiken einzugehen.
Denn Ich, nicht irgendjemand hatte wie von Geisterhand dies' Auto gelenkt.
In obig beschriebenen Moment des Glücksempfindens und Einsseins mit der Welt also, geschah ebenso etwas vergleichbar Besonderes, besser Absonderliches mit mir.
Ich vollzog wieder mal eine Handlung vollen Bewusstseins (mich gleichzeitig ohne Beisein meines selbstbestimmten Willens beobachtend), die ich aber selber willentlich nicht ausgelöst hatte.
Irgendwie so, als würde alles von außen, - oder besser von Geisterhand gelenkt und gesteuert werden:
Ich unterbrach also aus heiterem Himmel heraus vollkommen ungeplant meine Wanderung, suchte ein Internetcafe auf, und schrieb eine mail und wusste nicht warum, auch nicht was gerade mit mir geschah, und was oder wer das mit mir wohl tat. Mehr dazu aber später...!
Gedankenverloren starrte ich um mich. Die Fenster seit Monaten - wahrscheinlich eher seit Jahren nicht mehr geputzt, die Farbkopien mit Angeboten, die schon seit einem halben Jahr abgelaufen, am Rande eingerollt und vergilbt, gehalten am Schmuddel-Glas von den vielen Spinnweben, die in diesem illustren Gesamtkonzept schon gar nicht mehr auffielen. Erwähnenswert ist besonders der billige schwarze Eingangstürgriff aus Plastik, von der Sonne ins grünliche gereift, an den Griffflächen speckig, die Restflächen verpekt. Kurzum ein Sammelbecken für alle möglichen und unmöglichen Bakterien. Krönung hierbei ist der stellenweise 'noch' rote Läufer direkt vor der Tür, bei dessen Vorstellung mir sofort der Appetit vergeht und - wer kennt sie nicht - im derzeit auslaufenden Geschäftsmodell Internetcafé, die verdreckten Kabel zum Headset wo bereits eine Ohrmuschel mehrfach versucht wurde dilettantisch mit Tesa festzubinden.
Diese Örtlichkeiten faszinierten mich absolut, weil man mustergleiche Objekte damals in gesamt Europa finden konnte. Und zumal ich in den letzten Jahren beruflich viel im Ausland unterwegs war und der Kontakt zu meiner Frau Juliane hauptsächlich über's Internet und Skype stattfand, verdichtete sich das Bild über die deckungsgleichen Muster.
Nun mögen wir Deutsche ja wohl alle gleich spiessig und sauberkeitsfanatisch sein, doch komischerweise sinkt im Moment der Entspannung des Urlaubs in solchen Ländern die Schmerzgrenze ganz deutlich nach unten. Was ich im Urlaub an Lebensmitteln, Sauberkeitsstandards und in punkto Pünktlichkeit akzeptiere, würde mich daheim zutiefst anwidern oder regelrecht aus der Haut fahren lassen.
An solchen Kleinigkeiten merke ich immer wieder, wie hausgemacht ich mir durch meine selbstverschuldeten Ansprüche tagtäglich das eigene Leben vermiese.
Damals schien mir also der Siff in diesem Café vollkommen egal zu sein, wobei sich solche Bilder trotzdem unterbewusst ins Hirn einbuddeln und bei Abruf - wie soeben geschehen - komischerweise sofort wieder 1 zu 1 vor die Augen treten.
Auch wenn´s etwas überflüssig sein mag, ich muss ihn noch kurz beschreiben, den Inhaber: er ist eine lebendige Bildfläche, oder wie man solch ein Wesen nun auch bezeichnen mag, das seine Hautoberfläche mit sinnlosen Schriftzeichen, primitiven Bildchen oder irgendwelchen Bekenntnissen, wie „I love Maria“ und sonstigem Quatsch benadeln lässt, im erfolglosen Selbstfindungsprozess getoppt von zahlreichen Piercings, oder wie das Zeugs heißt, das man sich wer weiß wo überall in die Haut steckt.
Bei einer anderen Wanderung in der Pfalz hatte ich vor geraumer Zeit das Vergnügen einen jüngeren gleichermaßen wanderlustigen Berliner in einer Besenwirtschaft kennenzulernen, der seinen Lebensunterhalt mit einem Tattoo Studio bestritt. Zufällig kamen wir ins Gespräch, nachdem sich weinbedingt seine Zunge etwas gelöst hatte. Natürlich auch er zugepflastert mit Bildern von oben bis unten, sah darin hauptsächlich die Möglichkeit sich künstlerisch auszudrücken. Über die Irreversibilität solch eines Tuns braucht man mit dieser Klientel grundsätzlich erst gar nicht beginnen zu diskutieren, da man mit Logik - hier - immer auf verlorenem Posten landet.
Ganz offensichtlich war dieser Beruf die größte Erfüllung seines Lebens und bescheiden fügte er zudem an, dass er besonders stolz darauf sei, gut davon leben zu können. Sympathisch war er, äußerst ruhig und hätte bei seiner durchaus großen Persönlichkeit seine ganzen Bildchen auch nur malen und ins Wohnzimmer hängen können. Wenn ich so die letzten Zeilen nach Schreibfehlern durchforste, könnte man meinen ich sei altmodisch - und das stimmt natürlich, auch liegt der Verdacht sehr, sehr nahe, dass ich Tätowierten gegenüber ein sattes Pfund Vorurteil hätte. Und das stimmt eben nicht, denn Vorurteile habe ich sicherlich berechtigt nur gegenüber Moden, die unreflektiert übernommen werden, die sich mehr und mehr zum "muß man haben" entwickeln, ohne darüber ernsthaft zu reflektieren, ob man nun aus dem tiefsten Herzen heraus das wirklich braucht oder auch nur haben will. Inzwischen gerieren sich selbst gebildete junge Erwachsene in dieser Frage wie Peergruppen zwängige Pubertierende der 70/80iger in Fragen Alkohol, Drogen, Kleidung, usw..
Besonders erstaunlich dabei ist die Tatsache, dass diese Entscheidung ein lebendiger Bildträger zu werden, eigentlich irreversibel ist; was jeder unterschreiben wird, der Hautpartien nach einer Tatoo Entfernung gesehen hat. Früher war die Hautbebilderung vorzugsweise gewissen Berufsgruppen in Mitteleuropa zuzuschreiben. Heute ist es bei einem großen Prozentsatz derer, die es unbedingt meinen haben zu müssen eigentlich nur Gruppenzwang, Mode, wie auch mangelndes Reflexionspotential. Aber ich bin sicherlich schon wieder mal schrecklich altmodisch.
Pit hatte ich dann nach einem schönen feuchtfröhlichen Weinabend gefragt, ob ich ihm zu nahe trete, wenn ich incognito gerne wissen würde, welches die abstrusesten Fälle seiner Tattoo Karriere wären. Daraufhin entstand eine etwas beunruhigende Stille, die ich damit deutete nun etwas zu weit gegangen zu sein, den individuellen seelischen Intimbereich unbemerkt überschritten oder gar verletzt zu haben.
Bevor ich Luft holte, um die gefrorene Situation zu entspannen, begann Pit dann doch noch zu sprechen. Der sture Geradeaus-Blick während der lähmenden Stille richtete die Augen zuerst leicht nach links, dann aber beide Augäpfel ganz stark nach rechts oben; ausdruckslos begann er in seiner behäbigen, aber sehr sympathischen Art zu erzählen: „Nun Anfragen hatte ich schon die verrücktesten. Ich wäge dann ab, ob mir zum einen der Mensch symphatisch ist, und wenn ja, ob ich das Vorhaben künstlerisch wertvoll umsetzen kann und will.“ Danach entstand wieder eine längere Stille, die ich kurz durch Nachschenken zu entspannen versuchte. Dieses mal schaffte ich es noch die brennende Frage nach einigen interessanten Beispielen für mich zu behalten.
Kurze Zeit später rutschte mir die Frage dann doch noch raus: Und wo überall tätowierst Du Deine Klienten?
Abermals änderte sich die Stellung der Augäpfel und Pit begann mit stark nach rechts unten gehaltenem Blick aus der Schule zu plaudern, wobei sich die eingefrorene Mimik zu einem leichten Anheben des linken Mundwinkels schmolz:
„Tja Beispiele, nun Beispiele,... tja also mit Deiner Frage willst Du wahrscheinlich wissen, so wie mich die meisten darauf hin ansprechen, wer sich nun was im Genitalbereich tätowieren lässt.
Gut, eine sympathische Frau Anfang 30 wollte zum Beispiel, dass ich den gesamten Schambereich ab Anus versus Bauchnabel im rasierten Zustand mit der Vulva im Mittelpunkt zu einem Schmetterling gestalte, ein Flattermann, der also förmlich aus der Mitte Ihres Körpers herausfliegt. Der Mensch, also besagte Kundin war gepflegt, die Aufgabe wurde lange und ausgiebig diskutiert, Zeichnungen wurden erstellt und dann das Projekt wirklich künstlerisch wertvoll umgesetzt. Die neutrale Mimik und Körperhaltung während diese Gesprächs hatten mir einen Blickwinkel auf etwas ermöglicht, was vorher für mich eine absolute no go area war.“
Zurück zum Schmuddel Internetcafé. Die lebendige Bildfläche, der Inhaber sozusagen, bestach zu seinen vielen Piercings auch noch mit seinem absolut verlorenen Blick - als wäre er schon zweimal gestorben. Was mich nun aber besonders abtörnt - wie Du schon bis hierher feststellen konntest, bin ich zwar nur ein bisschen intolerant, zudem allerdings fürchterlich altmodisch - sind diese damaligen Hosen; eine Art Jeans von denen man nicht genau weiß ob sie seit 4 Monaten nicht gewaschen wurde oder sie nun doch der neuesten Kreation entfleucht und die sehr, sehr tief im Schritt getragen werden. So tief, dass man meinen könnte sie wären die letzten vier tage nonstop rektal befüllt worden, und der Träger eingedenk dieser onus magnus, dazu verdammt just aus diesem Beweggrund zu dieser Trageweise gezwungen.
Es hat - auch wenn man´s mir inzwischen fast nicht mehr glauben kann - wirklich nichts mit Intoleranz zu tun,... wirklich nicht, dennoch brennt bei mir diesbezüglich sofort wieder mal 'ne Sicherung durch.
Nun, bei Tattoos, auch wenn ich mal das Vergnügen hatte mehr davon erfahren zu dürfen und diesen bescheuerten, tiefer gelegten „Mantahosen“, wie insbesondere aber bei zwanghaften Beamten sehe ich einfach rot. Bei Beamten, die von einer monströsen Rigidität geplagt, und bar jeglichen pragmatischen Denkvermögens sich daran aufgeilen, einem durch halbverstandene Auslegung schwachsinniger Vorschriften das alltägliche Leben zur Hölle zu machen und einen auszubremsen bis man innerlich förmlich aus der Jacke fährt, und die einem Zeit stehlen, unendlich viel Zeit, auch hier reagiert mein innerer Fi schon nach Millisekunden. Und dann eigentlich das Schlimmste - die kaum zu tolerierende, böse Wahrheit, dass ich so etwas auch noch mit meinen Steuern finanzieren muss.
Gut, nachdem ich merke wie sehr ich mich ob solcher unwichtigen Details aufzuregen vermag, muss ich wirklich in mich gehen um zu eruieren, ob ich nicht doch ein kleines bisschen intolerant bin und vielleicht doch langsam mit regelmäßigem Sport anfangen sollte, um besser am Boden haften zu können.
Zumindest was die Tatoos und die Hose des Internet Café Besitzers angeht, hätte bereits eine kurze Umschreibung in einem Halbsatz genügt, ...mein Gott, wie bescheuert bin ich eigentlich?
Doch schreibe ich nur für Dich, für keinen anderen Menschen und so darf ich den Knallkopf in mir, auch mal aus mir heraus lassen; denn wenn mein ausführlicher Brief fertig geschrieben ist, kennst nicht nur Du mich, sondern auch ich mich wieder um ein gutes Stück besser.
Ein ganz wichtiger Aspekt, der total in Vergessenheit gerät, wenn man z.B. am Ende der Pubertät anfängt, mit dem Tagebuchschreiben aufzuhören - weil´s doch eigentlich albern ist. Pustekuchen, ...nix ist albern. Albern ist's eben seine Gedanken nicht vernünftig zusammenzufassen, um sich derer erst mal beim Niederschreiben richtig bewusst zu werden. Erst was laut in Worte gefasst, oder auch in Schriftform hinterlegt, kann vom Bewusstsein sinnvoll verifiziert und verarbeitet werden. Nur das geborene Wort (in Schrift oder auch ausgesprochen) kann letztlich mental verarbeitet, verstanden und somit zugeordnet werden. Nicht hingegen all dasjenige was niemals ausgesprochen oder notiert wurde. Das Verständnis der Gedanken davor, also vor dem in die Welt kommen des Wortes, ist immer indifferent, - eine Gefühlssuppe, die im Bauch herumschwimmt, ohne jemals verstandestechnisch und vor allem unterbewusst verdaut worden zu sein.
Jetzt geht's aber wirklich zurück zu meiner schönen Geschichte; in der Summe rekapituliert, alles was mich normalerweise auf die Palme bringt, all das war beim Betreten des Cafés total egal. Wo der Bauch sich durchsetzt und nur auf sich hört, wird das Leben schön und all die schlimmen Probleme, die man eigentlich von vornherein als Lappalien abtun hätte können, vertrocknen in ihrer Bedeutungslosigkeit.
Am Rechner angelangt, hatte ich in Sekundenschnelle Deine Adresse gegoogelt, und durch eine paar weitere wenige Einträge die Sicherheit erlangt, die richtige Adresse zur richtigen Person gefunden zu haben. Augenblicklich schloss ich das Programm, bezahlte den Tiefschritthosenträger, um mich in die Mitte des Dorfes zu begeben. Ein Ort, der kein besseres Internetcafé verdient hatte und wie Du siehst, habe ich schon aus obigen Fehlern gelernt und erspare Dir durch nur einen einzigen Querverweis die genaue Beschreibung der Örtlichkeit. Ich suche mir, der Magen brummt vom vielen Laufen, eine Kneipe und bestelle etwas zu essen, ein Bier, einen Kuli und ein Stück Papier.
Lange saß ich dann noch dort, ohne ein Gefühl für Zeit und Vergänglichkeit, warf eines der besten Schnitzel meines Lebens ein, ohne dabei irgendetwas zu denken. Ich nehme die Gaststätte in welcher ich mich befinde in mir auf, träume, sehe Dinge die keinerlei Verknüpfungen hervorrufen. Um Loriot zu zitieren, werde ich dort die ganze Zeit nur "sitzen". Das Leben fliest in unbemerkten, nicht eingeteilten Zeiteinheiten an mir vorbei und dabei bin ich immer noch eine glückliche "Menschkatze". Immer noch fahre ich über eine rote Ampel, weil es mich fährt und gewiss nicht weil ich das unbedingt so will. Der Wille ist mir abhanden gekommen und ich bin einfach nur ein verdauendes Wesen, das doof in der Gegend 'rumsitzt, einem Kleinkind gleich Dinge anglotzt, wie sie einfach sind und nicht zu vergessen, es schwelgt und keimt in mir ein Gefühl des Glücks. Glück wie ich es an einer Hand abzählen kann, gehabt zu haben, in diesem, meinem Leben.
Irgendwie muss ich dann doch mal bezahlt haben und mich mit meinem auf einen Bierdeckel gekritzelten Text zu oben ausführlich beschriebenen Unternehmer mit der tiefergelegten Modeeinheit zurückbegeben haben. Dieser hatte offensichtlich gar nicht verifiziert, dass ich gerade erst vor geraumer Zeit schon mal da war. Er erklärte mir also alles nochmals ganz genau von vorne. Nach jedem abgeschlossenen Satz - wohl um das Ende eines Satzes nochmals klar zu bedeuten, schob er die Unterlippe unter die obere, um übers Piercing zu lecken, und somit anzudeuten, dass er nun in nah zu erwartender Zukunft beginnen wird, die logisch folgende Denkeinheit verbal auszustossen. Nach Abschluss seiner Ausführungen kam die Unterlippe gar nicht mehr zum Vorschein, um jetzt nonstop an seinem Silberschmuck zu zuzeln.
Der diesmal neuere Rechner funktionierte erstaunlich gut, fuhr rasant hoch, und ich hacke meinen Text rein und schicke ihn via e-mail auch umgehend an Dich ab.
Das Ergebnis kennst Du ja, weil Du meinen Text am 5. Mai 2011 um 14.17 Uhr erhalten hattest.
Erst als die Meldung erscheint „e-mail erfolgreich versandt“, bin ich, um im obigen Bild zu verharren über die Kreuzung gelangt, hellwach und voll bewusst dessen, was ich da gerade angestellt habe.
Ich habe soeben bar jeglicher Vernunft, einfach so aus dem Bauch heraus eine Entscheidung getroffen, für die ich vorderbewusst keine Verantwortung trage, weil mein Bauch oder vielleicht besser mein Unterbewusstsein sich dazu entschied, und wollen wir´s mal recht drastisch ausdrücken, die Tat auch begangen hatte, ohne es für nötig zu befinden, vorher irgendeinen Kontakt mit dem Oberstübchen, also meiner Denkmaschine aufgenommen zu haben.
Da saß ich nun wie belämmert, - weiß nicht wie lange - und wurde vom Herrn Inhaber plötzlich mit der Frage geweckt: iss alles klaa äh? (ein Versuch einer freien Übersetzung meinerseits)
Ja danke, reagiere ich wie eine Antwortmaschine - jetzt bin ich plötzlich total wach - Gedanken drängen, etwas umständlich schlängle ich mich aus dem knarzenden Plastikstuhl, sammle all das Meine zusammen, bezahle und mach mich vom Acker: Wiedersehen und herzlichen Dank Ihnen.
Komischerweise kann ich nicht mehr hervorholen wie's dann weiterging, und ab hier... Filmriss. Die Erinnerung beginnt wieder mit dem Abend, da ich die geplante Wanderherberge erreichte.
Solche Herbergen zumeist Gemeinschaftsunterkünfte, wie man sie vom Bergwandern oder von Jakobswegen kennt, nehme ich immer wieder in Anspruch, weil ich mich gerne zusammen mit wildfremden Menschen in dieses Abendteuer stürze und mich dabei echt jung fühle. Es beflügelt mich, wenn ich in meinem fortgeschrittenem Alter, nennen wir's mal so, nochmal so ein bisschen Pfadfinder spielen darf.
All die positiven wohl, aber auch die negativen Erinnerungen, die mit solchen Etablissements verbunden sind, das ekelhafte Schnarchen von Apnoikern z.B. möchte ich zwischenzeitlich auch nicht mehr missen, weil's dazugehört und einmal im Jahr hält man´s dann schon aus.
Irgendwie hab ich ganz vergessen wer der Träger, bzw. Finanzier dieses Ladens ist, erinnern kann ich mich aber an den stilvollen Innenausbau. Ein wohl alter Stall, offensichtlich wärmegedämmt und den neuesten Standards angepasst, wurde lediglich mit OSB ausgeschlagen, alle Stromleitungen wurden über Putz in Kupferleitungen geführt (sehr geschmackvoll übrigens) und auf dem uralten gereinigten und ausgewaschenen Sandsteinboden stehen die Doppelbettpritschen. Matratzen mit Kunststoff überzogen und somit abwaschbar und Kissen, die man mit einem Wegwerfkissen beziehen muss. Decken kann man mit Überzug auch mieten, doch fast alle haben den eigenen Schlafsack dabei. Denn wenn es mal richtig brütend heiß ist, schlafe ich schon auch mal im Freien in einer Schutzhütte, einem Unterstand oder was mir eben so gefällt, sofern es einen vertrauenswerten Eindruck macht. Internetzugang hat's hier gegen Münzeinwurf und so schreibe ich meiner Frau erst mal, dass ich gut angekommen sei, wo ich mich befinde und bitte sie mir mein Handykonto wieder aufzufüllen, damit wir auch mal wieder life telefonieren können. Dieses mal schnarcht keiner und man kann wirklich richtig ordentlich ruhen. Die anderen Wanderer und Wandereusen, Wanderinnen, Wanderfrauen... keine Ahnung wie das heisst, sind im Alter zumeist gar noch fortgeschrittener als ich. Wahrscheinlich sind sie alle Rentner, denn wer kann sich schon den Luxus erlauben, mitten unter der Woche hier in der Gegend rumzuhoppeln.
Sie alle wirken echt richtig sympathisch - allein schon dessenthalben, weil sie mir meine Ruhe lassen. Ein paar belanglose höflich Worte und feine Distanz und das war´s schon; so muss es sein,... wunderbar. Nach der ruhigen, durchschlafenen Nacht stehen die ersten schon um halb 5 auf, um in den Sonnenaufgang zu laufen. Dies ist eine der schönsten Übungen beim Wandern: während die Leber noch am Verwerten der gestrigen Flasche Wein zu kämpfen hat, die Birne gerade mal so funktioniert, um den nötigsten Logikprozessen zu genügen, wäscht man sich dürftig und merkt spätestens beim Zähneputzen, dass man gestern wieder mal zu tief ins Glas geguckt hat. Und während die Sachen nach der Katzenwäsche so leise wie möglich zusammengepackt werden, um die restlichen Weiterschlafenden nicht zu stören, kommen die Vorsätze den Tag, der vor einem steht - vor allem wenn er wieder so schön wird wie der letzte - sinnvoller ausklingen zu lassen und ein Glas Wein weniger zu trinken.
Die Wanderstiefel angezogen - in den klammen dunklen Morgen getreten - merke ich, dass ich ohne mir darüber bewusst zu sein, unversehens leider wieder in meinen gesellschaftlichen „macht-man-Anzug“ geschlüpft bin und einfach funktioniere wie immer - wie eine Maschine.
Was war geschehen, von jetzt auf nachher ändert sich das Leben, als wäre ich eine multiple Persönlichkeit, ich funktioniere wieder - weiß aber nicht wieso. Das ärgert mich als ich es merke und der erste km ist bereits gelaufen, von dem ich nichts mitbekommen habe. Ich ärgere mich kolossal, weil das Schöne von mir offensichtlich wieder gewichen ist. Als ich bemerke, dass ich abgrundtief neben mir stehe, verbiete ich mir weiterzudenken - eine der wohl schwierigsten Aufgaben, die es in diesem meinem Leben zu bewältigen gilt.
Die km schmelzen unter meinen Füssen dahin, die Sonne ist längst aufgegangen, es scheint wieder ein herrlicher Tag zu werden, als ich in einer Kleinstadt ankomme. Ein Kaffee wäre jetzt nicht schlecht, und ein Mineralwasser. Offensichtlich bin ich in meinem Ärger über meine eigene Blödheit so schnell gelaufen, dass ich pitschnass geschwitzt bin. Und siehe da, schon ereilt mich das nächste Kaffee, und noch dazu - man glaubt es kaum - mit Internet. Ein ganz normales Kaffee in einem kleinen unbedeutendem Kaff mit 2 Internetplätzen. Irgendwie scheine ich diese Dinger bei dieser Wanderung nun fast schon gepachtet zu haben, sie springen mich förmlich an. Bei anderen Exkursionen hatte ich oft tagelang nach solchen Etablissements verzweifelt gesucht, dieses mal scheint mein Weg fast damit gepflastert zu sein. Ich bestelle mir ´nen Kaffee, 2 Croissants und ein eiskaltes riesiges Cola - ach wie ungesund und doch soooo schön. Nach dem Hineinstürzen des schwarzen Kalten Saftes öffne ich gedankenverloren meine e-mails. Hat sie schon geantwortet meine Frau? denke ich. Der Kostenvoranschlag vom Fliesenleger und der vom Schlosser müssten auch schon längst da sein. Von wegen, nicht mal eine dieser lästigen Werbungen nein, niemand hat mir geschrieben. Als ich gerade automatisch den gesamten Spam löschen will, sehe ich kurz bevor ich auf 'enter' drücke eine mail von unbekannt: [email protected]. In letzter Sekunde ziehe ich den Finger zurück und erlebe ein urplötzliches Gefühlswechselbad zwischen viel zu heiss und einem ganz schnell einströmenden saukalt. Der Saft läuft mir buchstäblich die Schläfen in Bächen herunter: Was hatte ich da angestellt?
Da klingelt auch noch das Handy, meine Frau ist dran. Ich hebe ab: na wie gehts Dir denn, Du geliebter Ausreisser, ich hab Dein Konto gerade aufgefüllt trällert sie. Im Verlauf des Gesprächs wird mir klar, ich habe ein Geheimnis in mir, das tief in mir zugeschüttet harrend die Tür geöffnet hat und irgendwie steigen emotionale Flammen herauf, alles lodert wie dereinst, wie vor 30 Jahren.
Warum hat es mich das getan?
Ist was, fragt mich da meine Frau, Du bist so eigenartig still, sonst plapperst Du doch bei einem Telefont schon mal die gesamte Telefonkarte leer!
'Nein' antworte ich, äh ich hab nur verdammt schlecht geschlafen (und ärgere mich gleichzeitig darüber, warum ich denn jetzt lügen muss); ich glaub es ist besser, wir telefonieren einfach später nochmals.
Nach dringlichen Beteuerungen, dass wirklich alles ok ist, lege ich auf.
Noch immer sitze ich sichtlich beklommen vor dem Rechner und öffne nach geraumer Zeit die mail, Deine mail:
Hallo Sebastian,
irgendwie schon schön von Dir zu hören, - irgendwie aber auch grenzenlos sonderbar; kommt Deine Midlife-Crisis erst jetzt? Was willst Du denn wirklich?
Wenn Du Kontakt mit mir haben willst, dann schreib mir alles - und dieses mal bitte wirklich alles, was Dich bewegt hat, Dich nach nunmehr über 30 Jahren doch nochmals zu melden. Schreib mir alles was damals - Du weißt schon ...damals - war, und was Du daraus gemacht hast. Schreib mir, wie Du jetzt bist und was Du von diesem Leben gelernt hast, berichte mir über Deine jetzigen Einstellungen zum Leben und was sich in diesen langen 30 Jahren bei Dir so alles geändert hat,... dann, - nur dann werde ich ernsthaft darüber nachdenken, ob ich Dich gegebenenfalls nochmals sehen will und eventuell ein Bierchen in Tickis Kneipe mit Dir trinken will.
Ciao Daniela
PS: Sei total ehrlich - sonst kannst Du Dir Deine Mühe sparen!
Oft habe ich es auch einen unterbewussten Ausrutscher bezeichnet, was ich da abgeliefert habe, und immer wieder, selbst heute noch, bin ich fast wie benommen von meinem unglaublichen Tun. Dass ich tatsächlich wie in einem Traum zu sowas fähig bin, ist mir auch heute noch unvorstellbar, ich hatte wahrscheinlich gleichermaßen unterbewusst fest eingeplant, dass ich wohl niemals Antwort bekommen würde,... nun, ich weiß es nicht.
Jedenfalls hatte ich den Stein losgetreten und Du hast geantwortet. Dabei hat mich die Tatsache, dass Du Dich gemeldet hast, obwohl wir uns nun schon mehr als 30 Jahre lang aus den Augen verloren hatten, von der Art und Weise des Abschieds - oder sagen wir besser Nichtabschieds ganz zu schweigen, mehr gewundert, als die Tatsache, dass es mich geschrieben hatte.
Damals nach dem Absenden meiner mail, Du weißt schon bei dem Typen mit dem tiefer gelegten Schritt, war ich ja urplötzlich wieder zurück von meinem Trip. Tja und den Rest dieser, meiner Reise durfte ich dann leider die angenehmen Glücksgefühle 'ante mailum', dies' "glücklich zu sein" wie ein kleines Kind, kein einziges mal mehr erleben.
Es war eher das vorherrschende Empfinden eines Ausflugs durch den Schwarzwald mit der gesamten Familie. Na, das war jetzt denn doch stark übertrieben, die Rhön würde schon reichen, - so eintönig wie mir der restliche Weg vorkam. Diese letzten Tage, ich lief sie halt ab, die Zeit, um ans Ziel zu gelangen, ohne jemals noch daran – an meine mail an Dich - zu denken. Irgendwann mal stieg ich in den Zug, der mich nach Hause bringen sollte, zurück ins normale Leben.
Dort, im gewohnten Umfeld angekommen lebte ich sofort wieder mein alltägliches Maschinenleben, wie es von mir erwartet wurde, erzählte meiner Frau von meiner Wanderung von Fuchs und Hase, die mir über den Weg liefen. Nichts aber davon, dass ich meiner Jugendliebe in einem Anflug von Wahnsinn nach nunmehr 30 Jahren eine e-mail geschickt hatte. So verlief also alles wie nach jedem Törn, wir leerten die schon obligate Flasche Willkommenssekt, erzählten und erzählten und gingen schliesslich schlafen. Ich schlief erstaunlich gut, na klar, endlich hatte ich mal wieder eine vernünftige Matratze, schlüpfte nächsten Tags in meinen gesellschaftlichen Schlafanzug, also Anzug und begann zu funktionieren, wie man es von mir erwartete.
Wieso ich erst zwei Tage später wieder in meine e-mails geguckt habe, weiß ich nicht. Normalerweise ist das nach längerer Absenz bei mir immer Nummer eins meiner „to-do-list“. Aber irgendwie hatte ich es wohl vollkommen verdrängt, wie auch die Tatsache, daß Du geschrieben hattest. Irgendwann hatte ich dann doch wohl mal endlich die Muße, um den üblicherweise zu 80% vollgemüllten e-mail account zu durchstöbern und all den unbrauchbaren Kram zu löschen. Als ich ohne Nachzudenken den Spam gerade am löschen bin, hält wieder etwas in mir inne,... der Oberarm zuckt zurück. Da sehe ich sie, - Deine Mail; ein Gefühl steigt in mir hoch als hätte ich was verbrochen, ich werde zittrig, schläfenschwitzend merke ich wie nun auch die Handinnenflächen feucht werden - was es bei mir schon seit mehr als dreißig Jahren nicht mehr gibt, unsicher rutsche ich am Stuhl hin und her, wobei....
Normalerweise mache ich mir über alles mögliche und vor allem unmögliche tausend Gedanken, versuche immer alles sofort zu erledigen, höre immer das Gras wachsen, doch solch ein wichtiges Erlebnis hatte ich doch tatsächlich geschafft vollkommen zu verdrängen; was geht vor in so einem Hirn, denke ich mir,... das ein Leben lang funktioniert wie ein Räderwerk und plötzlich solche Dinge treibt?
Briefe schreibt in die Vergangenheit, und die Antworten liest, um sie sofort zu verdrängen, ...was ist jetzt plötzlich mit mir los ---?
"Kannst Du mir beim Wäsche zusammenlegen helfen - nur für die Bettlaken, kommst Du mal kurz bitte!" ruft da Juliane. Ich erschrecke zutiefst, als wäre ich beim Einbruch ertappt worden, weiß nicht was ich machen soll, denn jetzt hab ich zum ersten mal in meiner Ehe ein Geheimnis und weil das Oberstübchen so gar nicht funktionieren will, knipse ich einfach den Bildschirm weg.
Komm gleich antworte ich. Ins Schlafzimmer stürmend, merkt natürlich die Liebste gleich, dass da was in der Luft hängt. "Was hast Du denn, gab's 'ne schlechte Nachricht???“ und wie mich das wieder nervt immer und überall sich sofort ertappt zu fühlen und obwohl ich keinen Grund dazu habe, beginne ich grenzenlos gut zu fabulieren und somit auch zu lügen: „Ach weißt Du in letzter Sekunde hat mir bei ebay so ein Trottel doch den Vertikutierer weggeschnappt, den ich schon so lange für den Garten anschaffen will.“ Die übliche Antwort schallt prompt "Ach das tut mir aber leid“ und ich werde noch dafür belohnt, gar bemitleidet, weil ich solch rotzfreche Unwahrheiten dichten kann. Das war übrigens auch ein ganz typisches Muster in meiner Erziehung. Zum einen wurde man berserkerhaft zur Wahrheit gezwungen, bis ich in früher Adoleszenz dann doch mal erkannte, dass es gar nicht um Wahrheit ging! Um so drastischer die Strafen für diese Wahrheit allmählich denn auch wurden, desto mehr fing ich an, Gegebenheiten geringfügig zu entstellen, um den drakonischen Strafgerichten zu entrinnen,... und dies immer mehr, bis handfeste Lügen daraus wurden.
So war einem eine positive Reaktion der Erzeuger immer sicher, denn sie wollten nicht sehen, nicht erleben, sondern immer nur einem stereotypen Gesellschaftsbild dienen, egal wie falsch und verlogen dies aufgerichtet wurde. Die Eltern, obwohl nicht ganz doof, wollten es selbst in ihrem Innersten so, - sich eine Scheinwelt vorlügen, die allen gesellschaftlichen Vorgaben entspricht. Nur nicht an des Pudels Kern gehen, denn Probleme gibt's bei uns nicht, denn wir sind schliesslich die Symperths. Dabei wären sie gar nicht so doof gewesen, um sich zusammenzureimen, dass das eine oder andere so wie ich's immer mehr drehte, gar nicht stimmen konnte!
