Warum... - Ortwin Reimann - E-Book

Warum... E-Book

Ortwin Reimann

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Beschreibung

Dies ist ein Buch über ein etwas anderes Leben in der ehemaligen DDR. Es ist von vielen persönlichen Erfahrungen geprägt und zeigt die glücklichen Momente, ebenso wie den persönlichen Kampf um die eigene Überzeugung.

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Seitenzahl: 88

Veröffentlichungsjahr: 2015

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PROLOG

Ich wage mich mit den Erinnerungen dieses Buches, in ein heikles Gebiet.

Zum einen möchte ich gern meine persönlichen Empfindungen, meine Freuden, mein Leid, einfließen lassen, zum anderen, warum ist eine scheinbar gute Idee in der ehemaligen DDR (aber nicht nur dort), zu einem System verkommen ist, in dem Lüge, Argwohn und Verrat dominierten.

Ich nehme mir vor, die Beschreibungen objektiv zu Papier zu bringen, denke jedoch, dass die Gesamtheit meiner Wahrnehmungen von dem Umfeld und in meinem Fall von meiner religiösen Ausrichtung beeinflusst ist. Eine objektive Bewertung müsste daher alle diese und viele andere Faktoren ausblenden. Daher wird vieles subjektiv sein, trotz meiner gewollten Objektivität.

Obwohl meine Religion als Zeuge Jehovas mein Leben bestimmt und ich völlig glücklich darin bin, wird dieses Buch kein religiöses Buch werden, sondern Fakten einer Zeit enthalten, die sich von 1957 bis heute ergeben haben.

Deshalb schauen sie hinein, auch wenn sie ein distanziertes Verhältnis zu Außenseitern in einem totalitären Staat haben, es ist schon interessant zu sehen, was während der DDR in ihrer Nachbarschaft geschah.

Viele Fakten werde ich durch Bildmaterial oder Protokollen aus meiner mir bisher bekannten Stasiakte belegen. Anderes aus meiner Erinnerung und einigen Aufzeichnungen und Notizen aufschreiben.

Es soll eine positive Erinnerung werden und kein Schrei nach Vergeltung.

Na dann…

Ich war 17 Jahre und hatte gerade beschlossen meinem Leben eine neue Richtung zu geben. “Evolution oder Schöpfung, was ist die Wahrheit?“ eine kleine Broschüre und ein Studium der Bibel zeigten mir, diesen Weg willst du beschreiten.

Vom 17.07.1957-21.07.1957 fand in Westberlin im Olympiastadion ein Kongress der Zeugen Jehovas statt. Dort wollte ich hin.

In den Zügen, auch schon auf den Nebenstrecken, fuhr regelmäßig die Transportpolizei mit und kontrollierte die Reisenden. Bei besonderen Ereignissen in Westberlin, wurden diese verstärkt durchgeführt und es kam vor, dass man seinen Ausweis abgeben musste und somit nicht nach Berlin fahren konnte. (Am Stadtrand Berlins waren Kontrollpunkte auf der Straße und auch bei der Bahn)

Da ich schon einen Tag vorher gefahren bin, hatte ich Glück und war im Olympiastadion. Vier Tage war ich dort und schlief in den Katakomben des Olympiastadions auf Stroh. An einem Tag gab es plötzlich einige Unruhe in der Unterkunft, als die Polizei einen Mann mitnahm der sich unter uns gemischt hatte und auch dort schlief. Wie sich herausstellte war er ein Mitarbeiter der Stasi, der den Auftrag hatte Personen auszukundschaften die aus der DDR waren. Er hatte sich dadurch verraten, dass er zum Frühstück seine selbst mitgebrachte Blutwurst gegessen hat. Da Zeugen Jehovas, keine mit Blut hergestellte Lebensmittel essen, machte er sich selber verdächtig. (dumm gelaufen) Insgesamt war beim Kongress eine tolle Atmosphäre und voller Tatendrang fuhr ich nach Hause.

In Angermünde hatte ich Aufenthalt und setzte mich in die Mitropa um auf den Anschlusszug zu warten. Kaum saß ich, da kamen zwei Transportpolizisten zu mir, forderten mich auf, meinen Ausweis zu zeigen und nachdem sie meine Personalien festgestellt hatten, wurde ich aufgefordert mitzukommen zur Klärung eines Sachverhaltes. (Diesen Satz, ob schriftlich oder persönlich habe ich in meinem Leben in der DDR sehr, sehr häufig gehört oder gelesen.) Jedenfalls war diese Festnahme mit Verhör, meine erste persönliche Berührung mit der Staatssicherheit.

Da ich mir keiner Schuld bewusst war etwas Unrechtes getan zu haben, verteidigte ich meinen Besuch dieses christlichen Kongresses in Berlin vehement und nach zwei Stunden Verhör konnte ich wieder gehen.

Ich ahnte nicht, dass meine Mutter und mein kleinerer Bruder schon auf der Fahrt nach Berlin festgenommen wurden und ein ähnliches Verhör hinter sich hatten.

Im Triebwagen der damals noch zwischen Schönermark und Gramzow fuhr, sahen wir uns und Hansi mein Bruder kam (4 Jahre alt) und rief durch den ganzen Wagen, Ortwin, Ortwin uns haben sie gekascht. (Soll so viel bedeuten wie geschnappt)

Bei dem Verhör meiner Mutter wurde sie ziemlich bedrängt und ihr wurde gesagt, sie sei eine Staatsfeindin und Agentin der Amerikaner (auch so eine Behauptung, die ich persönlich in meiner späteren Zeit zu hören bekam) und übrigens, ihren Sohn haben wir schon festgenommen. Natürlich war sie beunruhigt und so war ihre Freude groß mich im besagten Triebwagen frei zu sehen.

Im Herbst 1957 fuhren wir, meine Mutter und der erwähnte 4 Jahre alte Bruder, mit einem Interzonenzug mit entsprechender Genehmigung nach Bayern, um den Bruder meiner Mutter zu besuchen. An der Grenze, bei der Kontrolle im Zug, gab es noch ein Problem, da der Kleine 4 jährige nicht im Pass eingetragen war. Es war die Rede von möglichem Menschenhandel, aber ein Grenzbeamter sorgte dafür, dass wir weiter fahren konnten. In Straubing angekommen, war niemand auf dem Bahnhof um uns abzuholen. Irgendwie war das Telegramm nicht angekommen. Nun wollten wir telefonieren. Aber wir besaßen nur DDR Mark. Niemand tauschte unser Geld gegen ein paar Groschen. An zwei oder drei Stellen versuchten wir es, auch in der Post. Ein Schild, das mich persönlich schockierte war an den öffentlichen Gebäuden angebracht. Es lautete, „Betteln und Hausieren Verboten“. Ich war vom Westen völlig bedient, besserte sich erst als ich die Menschen etwas kennenlernte. Ein freundlicher Mann half uns dann doch weiter und der Onkel kam, um uns abzuholen. Er hatte einen Ford Taunus 12M vorn mit einer Weltkugel und war ziemlich stolz auf sein Auto. Bei der Rückfahrt begann der Motor zu stottern und blieb kurz vor einer Tankstelle stehen. Wir schoben ihn also bis zur Tankstelle. Meine Mutter fiel dabei noch hin und machte ihre gute Kleidung schmutzig. Erst an der Grenze das Problem, dann die Sache mit dem fehlenden Groschen und jetzt auch noch die Panne, ein Unglück kommt selten allein.

Da ich eine Schlosserlehre schon hinter mir hatte, zwar als Traktorenschlosser, schaute ich mir das Problem etwas näher an und tatsächlich war ein Zündkabel locker und es war nicht schwierig den Schaden zu beheben. Der Tankwart schaute zu und erklärte mir, er wolle in nächster Zeit eine kleine Werkstatt anbauen, ob ich denn nicht Lust hätte bei ihm anzufangen, er könne Leute die sich zu helfen wissen gebrauchen. Ich hatte gerade meine erste Stasierfahrung hinter mir und es schien verlockend zu sein. Wer weiß wie ich mich entschieden hätte, wäre da nicht immer noch das Schild Betteln und Hausieren verboten, in meinem Hinterkopf. Jedenfalls fuhren wir weiter und haben eine sehr schöne Zeit mit unseren Verwandten erlebt. Das war übrigens die erste Gelegenheit in den Westen zu gehen bzw. zu bleiben. Es sollten noch weitere folgen.

Am 20.10.1958 begann ich meine Laufbahn bei der Deutschen Reichsbahn. Die erste Arbeitsstelle war der Güterboden in Angermünde, wo im 4-Schichtsystem Stückgut verladen oder umgeladen werden musste. Zu dieser Zeit musste man Glück haben wenn man aus der Landwirtschaft kam, eine Arbeitsstelle woanders zu erhalten, da die Leute in den LPG-Betrieben und in der Landwirtschaft gehalten werden sollten. Es wurden Aktionen gestartet unter dem Motto „Industriearbeiter aufs Land“. Die Deutsche Reichsbahn brauchte aber auch neue Arbeitskräfte und so hatte ich Glück.

Da ich am 16.11.1958 mit 18 Jahren das erste Mal wählen gehen sollte, (große Propaganda-Jungwähler für den Sozialismus) dachte ich schon, da ich nicht zur Wahl ging, es würde große Probleme geben. Aber irgendwie ging die Sache in diesem Jahr völlig unter. (Sollte sich bei späteren Gelegenheiten, drastisch ändern) Während meiner Beschäftigung bei der Güterabfertigung, wurde ich häufig in der Zugabfertigung eingesetzt. Bei dieser Tätigkeit kam ich mit Lokführer und Wagenmeister ins Gespräch. Da ich eine abgeschlossene Schlosserlehre hatte, war häufig die Frage, du hast einen metallverarbeitenden Beruf, warum willst du nicht Lokführer oder Wagenmeister werden? Da der Dienst als Wagenmeister etwas geregelter war, wurde ich im September 1960 zur Wagenmeisterei Pasewalk versetzt.

Der Einsatzort war der Wagenmeisterposten in Angermünde, die Dienststelle jedoch in Pasewalk.

Ich wurde Wagenmeisteranwärter und machte eine anderthalbjährige Ausbildung zum Wagenmeister mit Abschluss in Schönebeck an der Elbe. Dass es Überhaupt dazu kam an der Prüfung teilzunehmen, habe ich der Zivilcourage eines Mannes zu verdanken.

Am 17.09.1961 war wieder einmal Wahl in der DDR. Ich hatte im Juli geheiratet (schreibe später noch etwas dazu), meine Frau und ich hatten beschlossen nicht zur Wahl zu gehen. Wir dachten schon daran, dass wir noch eine persönliche Aufforderung erhalten würden, aber dass dann an diesem Tag dreizehn Besuche stattfinden würden, war nicht zu erwarten. Die ersten zwei gingen nachdem wir ihnen mitteilten, dass wir von unserem Nichtwahlrecht Gebrauch machen. Dann kamen Funktionäre zu zweit oder zu dritt um uns zu überreden zur Wahl zu gehen. Als es uns dann zu viel wurde, setzten wir uns aufs Motorrad und fuhren zu meinen Eltern, in der Hoffnung nun Ruhe zu haben.

Wir hatten uns getäuscht, weitere sechs Leute belagerten uns. Die letzten zwei, die kamen waren ein Tierarzt und ein Rechtsanwalt der einer christlichen Gemeinschaft angehörte. Die beiden sagten uns, die Funktionäre haben aufgegeben, jetzt sollten sie versuchen, uns mit wissenschaftlichen und religiösen Argumenten zu überzeugen. Unsere Nichtteilnahme an Wahlen, hatte etwas mit unserer persönlichen Gewissensentscheidung zu tun, die wir bis heute vertreten und so waren auch ihre Bemühungen erfolglos.

Am nächsten Tag, ich hatte Frühschicht und war noch in der Ausbildung zum Wagenmeister. Gegen 8.00 Uhr kamen zwei Herren vom Mfs (Ministerium für Staatssicherheitsdienst der DDR), ich wurde in einen separaten Raum geführt und verhört. Warum ich ein Feind der DDR bin, ob ich nicht an meine Zukunft denke, in den Westen kommen sie jetzt ja auch nicht mehr, dafür haben wir für solche wie sie die Mauer gebaut usw. Der letzte Satz als sie gingen lautete, sie werden kein Wagenmeister, dafür werden wir sorgen.

Bei der Durchsicht der Unterlagen, die ich nach der Wende von der Kaderabteilung erhielt, war das Schreiben der Staatssicherheit in meinen Kaderakten, in dem stand, mich nicht weiter als Wagenmeister auszubilden. Warum ich trotzdem nach Schönebeck fahren durfte um die Abschlussprüfung zu machen, erfuhr ich aus einem zufälligen Gespräch mit meinem früheren Chef. Dieser Mann mit Zivilcourage, wir nannten ihn wegen seiner freundlichen Art hinter vorgehaltener Hand, Papa Braun, hatte, als er meine Akte zur Reichsbahndirektion schickte, zur Prüfungszulassung, das Schreiben der Staatssicherheit entfernt und später wieder rein gelegt. Ich machte meine Prüfung mit dem Abschluss „gut“ und bekam noch 50,-Mark als Belobigung von ihm.

In den Jahren von 1958 – 1961 hatte sich in meinem persönlichen Leben einiges verändert.

Ich lernte ein junges Mädchen kennen, die die gleichen Ziele in ihrem Leben hatte. Ihre Eltern lebten jetzt in Berlin und sie machte hier eine Ausbildung zur Industriekauffrau und wohnte bei ihrer Oma. Sie sollte dann später zu ihren Eltern nach Berlin kommen.

Der erste Kontakt mit ihr war (damals in der DDR