Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Joëlle, die Protagonistin, erzählt von ihrem Kindesmissbrauch als Mädchen. Nach dem Trauma muss sie über Jahre das kontrollierende, beschämende Mutterauge ertragen. Das kleine Mädchen vermisst die beschützende Mutter und verliert die Geborgenheit. Es ist auch die Geschichte einer Frau, die später, inzwischen selber Mutter geworden, den Missbrauch an ihrem eigenen Sohn erleben muss. Die Mutter-Sohn Beziehung wird dadurch bis an die Grenzen menschlicher Kraft belastet. Nur die Liebe zur Musik und zur Natur retten sie vor der Verzweiflung. Nach einer Ehe mit einem Mann, der weder zu ihr steht noch etwas von Treue hält, erlebt Joëlle nach vielen Jahren der Einsamkeit nochmals einen Frühling ihres Frauseins in der Liebe. Die Autorin analysiert gesellschaftskritisch die Machtverhältnisse, die den Missbrauch begünstigen – sogar in einem Rechtsstaat. Sie zitiert themenrelevante Texte aus der Fachliteratur, um die sozialpsychologischen Hintergründe zum sexuellen Missbrauch aufzuzeigen.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 262
Veröffentlichungsjahr: 2015
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Joëlle, die Protagonistin, erzählt von ihrem Kindesmissbrauch als Mädchen. Nach dem Trauma muss sie über Jahre das kontrollierende, beschämende Mutterauge ertragen. Das kleine Mädchen vermisst die beschützende Mutter und verliert die Geborgenheit. Es ist auch die Geschichte einer Frau, die später, inzwischen selber Mutter geworden, den Missbrauch an ihrem eigenen Sohn erleben muss. Die Mutter-Sohn Beziehung wird dadurch bis an die Grenzen menschlicher Kraft belastet. Nur die Liebe zur Musik und zur Natur retten sie vor der Verzweiflung. Nach einer Ehe mit einem Mann, der weder zu ihr steht noch etwas von Treue hält, erlebt Joëlle nach vielen Jahren der Einsamkeit nochmals einen Frühling ihres Frauseins in der Liebe.
Die Autorin analysiert gesellschaftskritisch die Machtverhältnisse, die den Missbrauch begünstigen – sogar in einem Rechtsstaat. Sie zitiert themenrelevante Texte aus der Fachliteratur, um die sozialpsychologischen Hintergründe zum sexuellen Missbrauch aufzuzeigen.
Die Autorin schreibt unter dem Pseudonym Françoise Noailles. Aufgewachsen ist sie in der französischen Schweiz. Sie studierte Psychologie und schloss das Studium an der Universität mit dem Master ab.
Für meine Söhne, die mich lehrten,
was menschliches Leben sein kann.
Für Thierry, der mich zu diesem Buch
ermutigte und dabei begleitete.
Dieses Buch ist all jenen gewidmet, die trotz Missbrauchs den
Glauben an die Liebe nicht aufgeben.
Nackt – missbraucht – beschämt
Liebe
Suizidversuche – Flucht
Der polygame Mann und die geheime Geliebte
Familiengeheimnisse
Ausgegrenzt
Pascal
Spuren der Ehe
Angst vor Liebesverlust
Das Ende einer Liebe
Einsamkeit – Suizidgedanken
Olivier
Suchtkrank
Sexueller Missbrauch
Männer
Nachwort
Literatur
Die Wertschätzung … dazu gehört das Gefühl, respektiert und ernst genommen zu werden. Sexuelle Ausbeutung in der Kindheit verletzt diese Dimension aufs Tiefste. Kinder erleben den Missbrauch oft als einen Beweis dafür, dass sie böse sind, schlechte Menschen, die nichts Besseres verdient haben … und vor allem nicht würdig, geliebt zu werden.
– Ursula Wirtz, Seelenmord
Eines Tages, als sie in einer Fernseh-Dokumentation sah, wie afrikanische Mütter ihre Kinder in den Arm nahmen, über ihre Köpfe streichelten, dachte Joëlle an ihre Mutter: «Warum hat sie mich nie in ihre Arme geschlossen, nie an sich gedrückt, nie über meine Haare gestrichen, als ich noch ein Kind war? War sie etwa meine Leihmutter, nicht meine leibliche Mutter?»
Die Mutter hatte Joëlle verleugnet. «Wann hört dieser kalte Krieg zwischen uns auf?», fragte sich Joëlle. Wann immer sie die Mutter besuchte, wurde sie, die einzige Tochter, von ihr draussen stehen gelassen, vor dem Haus, vor ihrem Herzen, auch wenn Joëlle durch ihre Haustüre im realen Sinne eintreten konnte.
Ihr Herz hatte die Mutter für Joëlle für immer verschlossen, seitdem die Tochter ein fünfjähriges, dunkelhaariges Mädchen gewesen war. Eine lange Zeit ohne Mutter.
Es geschah, als sie noch ein kleines Mädchen war. Ihre Haut war noch samtigweich wie eine Pfirsichhaut. Ihre Augen waren dunkel, ernst wie die eines scheuen Rehs. Es war auch ein aufgescheuchtes, gejagtes Rehkitz, das kleine Mädchen. Denn während des Tages liess die Mutter das unerfahrene Rehkitz allein. In solch einsamen Stunden schlich es in die Scheune zu den Kühen. Da war noch ein Mann. Der meinte es aber nicht gut mit dem kleinen Mädchen. Doch es ahnte nicht den bösen Mann in ihm. Erst viel später wurde er zum bösen Mann, als die Mutter alles wissen wollte von den Stall-Erlebnissen und dafür ein Geschenk versprach mit den Worten: «Dann bist du ein Liebes, wenn du mir alles erzählst.»
Das Mädchen wollte ein Liebes sein und erzählte alles trotz der Androhungen des Knechts, wenn es alles ausplaudern würde bei den Eltern. Der Schmerz war so gross, dass sie später eine Puppe mit einem Kleiderhaken so malträtierte, bis der Kopf abfiel.
Dann geschah das grosse Unheil. Die Mutter schlug das Mädchen auf den nackten Hintern. Sie schlug und schlug mit voller Wut – und dann verstiess sie das Mädchen. Es gehörte fortan nicht mehr zur Familie. Zwar schlief und ass es noch im Elternhaus, aber nie mehr so wie früher. Das Essen war nur noch ein Gnadenbrot, das die Mutter auch noch entziehen konnte, wie die Liebe.
Joëlle musste als fünfjähriges Mädchen für die Mutter eine lebendige Erinnerung an deren eigenes Trauma, einen sexuellen Missbrauch, gewesen sein. Die Mutter hatte keine Verarbeitungsmöglichkeit durch Psychotherapie gehabt. Deshalb schlug sie ihre seit Jahren unterdrückte Wut auf den nackten Körper des eigenen fünfjährigen Töchterchens und liess es stehen in der emotionalen Wüste; sie koppelte es ab wie einen defekten Waggon auf dem Geleise. Dass sie ihr eigenes Kind stigmatisierte mit der drakonischen Strafe, daran dachte sie wohl nicht. Es ging ihr um ihre Ehre als Mutter.
Die Mutter hatte ihr die Kleider vom Leib gerissen. Ein fünf Jahre altes kleines Mädchen war sie damals, als sie von der Mutter auf den Po geschlagen wurde. Die Mutter wollte den Teufel aus ihr herausschlagen, den Knecht, der ihr Töchterchen sexuell missbraucht hatte.
Damals wusste das kleine Mädchen nichts von Exorzismus, Teufelsaustreibung. Später, als erwachsene Frau liess jeder Film zu diesem Thema den kalten Schauer über ihren Rücken laufen.
Seit jener Bestrafung für ein unbegreifliches Vergehen, schämte sich Joëlle immer für ihren Körper.
Mitreden, mitlachen durfte das Mädchen nicht mehr in der Familie. Alle lachten über es, über das, was es mitteilte. Die Stunden am Tisch wurden zur Qual. Es zog sich in sein Fantasiereich zurück und träumte immer davon, von einem fremden Menschen in den Arm genommen zu werden. Zu allen Verwandten, zu denen es eingeladen wurde, ging es, ohne eine Minute Heimweh nach dem Elternhaus zu verspüren
M. Titze schrieb in seinem Buch «Die heilende Kraft des Lachens»:
In einer Entwicklungsphase, in der das Kind noch nicht über ein begriffliches Urteilsvermögen verfügt, bezieht es alle erzieherischen Massregelungen der Eltern auf sein gesamtes Selbst … Ihr böser Gesichtsausdruck, ihr harter und lauter Tonfall, ihre abweisende Körperhaltung, all das fasst das Kleinkind als Hinweis dafür auf, jetzt nicht mehr liebenswert zu sein. Ein so beschämtes Kind beginnt sich selbst gleichsam durch die Brille seines Identifikationsgewissens zu betrachten. Dies kann ein tief gehendes Gefühl des Unwohlseins hervorrufen, das die gesamte körperliche Sphäre mit einbezieht … So sucht sich schon das Kleinstkind vor den Augen der Welt zu verbergen, indem es den Blick abwendet und sich verstecken will. Im Grunde ist die Scham ein persönliches Schutzgefühl, das die Integrität des Selbst behüten soll. Ein beschämtes Kind sucht sein Heil deshalb in der Distanz. Es entfremdet sich zunächst jenen, die es blossgestellt haben: den eigenen Bezugspersonen. Indem es sich aber gleichzeitig mit ihnen identifiziert, entfremdet es sich auch von sich selbst … Damit einher geht ein Gefühl der Leere, Entfremdung und Depersonalisation, die das ganze Leben sinnlos erscheinen lässt. (Titze 1995, S. 69 ff.)
Die nackte Wahrheit – sie fühlte sich nackt vor ihnen, den Jugendlichen. Es war, als wäre sie nackt als Lehrerin. Damals war sie vierundzwanzig Jahre alt. Die Klassen bestanden aus ausschliesslich sechzehnjährigen, zum Teil achtzehnjährigen männlichen Jugendlichen.
Joëlle wurde von der schmutzigen Fantasie ihres Vaters missbraucht, die er auf sie projizierte. Als Kind ekelte sich Joëlle vor Vaters Gute-Nacht-Küsschen. Sie verstand auch sein Verbot mit drohender Stimme in ihrer Kindheit nicht: «Du darfst dich nicht auf die Couch in der Stube legen, wir haben Knechte.»
Als Joëlle vierundzwanzig Jahre alt war, auf der Fahrt nach Zürich, wo sie eine Stelle als Lehrerin antreten wollte, sagte der Vater am Steuer: «Du gehst zu den Prostituierten!» Joëlle schämte sich an seiner Stelle, weil ihre Mutter im Auto dies anhören musste. Joëlle schwieg. Einen Zusammenhang zu Vaters Wünschen und Erfahrungen mit Prostituierten konnte sie damals nicht ahnen. Sie war vernichtet, da sie nie ein leichtes Mädchen gewesen war und zu jenem Zeitpunkt die Sexualität als Frau nur theoretisch aus Büchern kannte. In jener Nacht halfen ihr ein Dutzend Tabletten, Belladonna, in der Verzweiflung – der Magen spuckte sie wieder aus.
Das Schicksal von Mädchen mit Vätern, die an inzestuösem Vaterkomplex leiden, wird in Märchen erzählt. Eines von ihnen sei hier erwähnt: «Allerleirauh» der Brüder Grimm.
Nackt wollte er, der Exmann sie noch einmal sehen; für ihn ein Abschiedsritual, für sie die Hölle. Weinend zog sie sich aus, wie in Trance, für ihren ehemaligen Ehemann, bevor sie es überdenken konnte, einem Befehl gehorchend.
Nackt wurden die Kriegs-Häftlinge in den US-Gefängnissen, nicht nur in Guantanamo, gedemütigt. Mit Gewalt verbundene Nacktheit diente der Scham, der Entwürdigung, der menschlichen Erniedrigung, wie damals in den KZ des Dritten Reiches. In Gefängnissen auf der ganzen Welt ist sie eine Foltermethode.
Friedrich Nietzsche schrieb über Menschen, die bei andern Menschen Scham auslösen: «Wen nennst du schlecht? Den, der immer dich beschämen will.»
Nacktheit dient entgegengesetzten Zielen. Für die Werbung von Produkten; die nackte, farbige, liegende Frau auf dem Plakat ist ein begehrtes Produkt, dem der Werbetext die Bedeutung einflüstert: «Just feel wanted», «fühle dich begehrt». Sie ist ein Köder für männlichen Genuss.
Gewalt und Nacktheit wird im Sex-Business längst verbunden. Unfreiwillige, gefangene Prostituierte, müssen diese Erfahrung machen. Es ist der Frauenhandel, die Frauensklaverei im 21. Jahrhundert. Tausende von Frauen erleben sie allein in Deutschland. Sie werden in sogenannten Wellness Oasen gezwungen, nackt, ohne Kleider, ohne Dessous vor die Freier zu treten. Sie werden mit Kameras überwacht, damit sie allen Forderungen der bezahlenden Freier gehorchen.
Nackt kommen wir zur Welt, ausgeliefert jenem Menschen, der uns nackt gebar. Es gibt nackte Neugeborene, die nie bekleidet werden, sondern gleich in der Mülltonne auf dem Gehsteig landen, auf einer Hintertreppe, auf das Erbarmen eines andern Menschen angewiesen.
Ausgeliefert war Joëlle mit fünf Jahren jenem Menschen, der sie geboren hatte, der Mutter. Diese konnte ihr jenen Schutz der Kleider nach fünf Kinderjahren noch entreissen. Beschützte Kinderjahre waren es wohl kaum, sonst hätte der Kinderschänder nicht immer wieder Zugang zum Mädchen gefunden. Der Knecht wendete keine Gewalt an, sondern lockte das Kind berechnend mit Pseudo-Zärtlichkeit, drohte jedoch mit Sanktionen, damit das Mädchen keinem Menschen darüber etwas zu erzählen getraute. Dass die Mutter ihrer blinden Wut über den sexuellen Missbrauch an ihrem Töchterchen Ausdruck gab, indem sie das Opfer des Missbrauchs, ihr fünfjähriges Mädchen, statt den Täter schlug, ist kaum fassbar.
Jedes Mal, wenn Joëlle einem fünfjährigen Mädchen begegnete, das von ihrer Mutter liebevoll gestreichelt wurde, schaute sie wie gebannt hin, auf ein Wunder der Natur.
Wie konnte die Mutter als naturbedingte Beschützerin, ihrem Kind Gewalt antun, mit der Rechtfertigung, es zu bestrafen dafür, dass es die sexuelle Gewalt eines Mannes erduldet hatte? Das missbrauchte Kind wurde somit doppelt missbraucht.
«Du musstest ja den Knecht nicht gewähren lassen», war Mutters Vorwurf. Es fehlten nur noch die Worte jenes Richters, der sagte: «Du hast wohl die sexuelle Befriedigung auch genossen, was die Strafe des sexuellen Täters mildert.»
Auch der sexuelle Missbrauch ohne körperlichen Schmerz, jedoch mit Drohungen gepaart, ist Gewalt: «Wehe, wenn du es jemandem erzählst!», drohte der Knecht der fünfjährigen Joëlle.
Bäume waren Joëlles einzige vertraute Beschützer. Als Kind erzählte sie ihren tiefsten Kummer dem Nussbaum auf dem Hof, keiner Menschenseele vertraute sie sich an. Er breitete seine Äste schützend über sie aus. Die untergehende Sonne hinter den Baumblättern versprach jeden Abend: «Ich gehe nur kurz hinter den Horizont zu den Menschen auf der südlichen Halbkugel, ich komme wieder. Keine Bange.»
Viele Jahre später äusserte sich die Mutter: «Dann hat dieser arme Knecht namens X umsonst die Jahre im Gefängnis abgesessen, wenn du dich nicht mehr an seinen Namen erinnern kannst.» Diese Worte machten den Graben zwischen Joëlle und ihrer Mutter noch grösser.
Aus dem missbrauchten wurde ein verteufelter Mädchenkörper. Aus der Welt des Kindes wurde sie als fünfjähriges Kind jäh herausgerissen. Ihre Mutter hatte sie mit Sanktionen, schlimmer noch mit dauernder Beschämung bestraft. Joëlle verlor die Liebe ihrer Mutter für immer, weil sie Opfer eines Kinderschänders geworden war.
Die Schläge von der Mutter, als Strafe für den erlittenen sexuellen Missbrauch des fünfjährigen Töchterchens, haben eine Gemeinsamkeit mit dem «Ehrenmord» an muslimischen Frauen. Wenn diese, entgegen der Tradition, ihren sexuellen Partner selber wählen, ist den strafenden Eltern jedes Mittel recht, auch die Ermordung der eigenen Tochter, um die eigenen verletzten Gefühle wieder herzustellen.
Wenn alle schlafen, wenn niemand mehr in mein Leben eingreift, stehe ich nachts auf und befrage mich selbst über das kleine Mädchen, das ich einmal war und das so sehr jenen gleicht, von denen man mir auf der Couch erzählt. Worin gleichen sie sich? Im Schweigen: Sie und ich, wir haben das gleiche Schweigen erfahren, die Verschwörung des Schweigens um unser Geschlecht. (Olivier, S. 84)
Nach dem sexuellen Missbrauch untersuchte der Doktor die fünfjährige Joëlle im Genitalbereich. Er und die Mutter liessen Joëlle im Schweigen stehen − genauso wie der missbrauchende Knecht.
Wenn es mit den Frauen soweit gekommen ist und die Eifersucht die gleichgeschlechtliche Solidarität verdrängt hat, dann auf jeden Fall deshalb, weil es die Mutter als die Frau, die ihr zuerst begegnet, nicht gewagt hat, am Körper ihrer Tochter anzuerkennen oder zu benennen, was diese mit ihr gemeinsam hat. Hat sie sich geschämt? Hat sie Angst gehabt? Keine Frau spricht je von der Klitoris zu ihrem kleinen Mädchen… (Olivier 1991, S. 63)
Christiane Olivier schreibt dies als Psychotherapeutin im Jahr 1980!
Das fünfjährige Mädchen Joëlle wurde von der leiblichen Mutter mit dem Teppichklopfer auf den nackten Hintern geschlagen. «Zieh die Hose runter und leg dich auf diesen Eimerständer!», befahl sie dem ahnungslosen Kind in der kalten Waschküche. Der volle Wasserstrahl mitten in sein Gesicht sollte dem Mädchen das Vergehen bewusst machen.
Joëlles Freundin Catherine, auch vom gleichen Knecht missbraucht, hatte ein zusätzliches Unglück für Joëlle heraufbeschworen, ohne es zu ahnen. Die Freundin erzählte nämlich eines Tages Joëlles Mutter von ihrem Missbrauch. Damit diese alle Details erfuhr, lockte sie mit Schokolade das «Geständnis» von Catherine hervor.
Nach jener Stunde des Verhörs bekam Joëlle ihre beste Freundin nie mehr zu sehen. Catherine war von jenem Tag an wie vom Erdboden verschluckt. Jede Frage nach der Freundin erstickte in Mutters Drohung: «Wenn du noch einmal von Catherine redest, musst du auch verschwinden, wohin wirst du dann schon sehen.» Joëlle traf ihre Freundin Catherine, ein Adoptivkind in der Nachbarfamilie, erst wieder als volljährige Frau. Erstmals erfuhr sie vom Erziehungsheim, in dem Catherine ihre Jugend verbracht hatte.
Von jenem Tag an lehnte die Mutter den Kinderkörper von Joëlle systematisch ab. Die Mutter verteufelte ihn. Sie isolierte das Mädchen sozial und strafte es während der ganzen Kindheit mit Liebesentzug und Beschämung. Joëlle wurde im Kinderspiel isoliert von ihren Brüdern, für die sie angeblich eine Gefahr bedeutete. Sie verstiess Joëlle jedes Mal mit einem strafenden Blick auf ihren Körper, den die Mutter hasste. Joëlle lernte ihren eigenen Körper zu verleugnen, abzulehnen.
Nur einmal in der Kindheit erteilte die Mutter der achtjährigen Tochter mit: «Jetzt sind deine Seele und dein Körper wieder rein vor Gott.» Es war der Tag von Joëlles erster Kommunion in der katholischen Kirche. Das weisse Kleid, Symbol der seelischen Reinheit, musste mit Angstschweiss vor dem Beichtstuhl verdient werden. «Du musst alles beichten, was du mit dem Knecht angestellt hast!», war der bedrohliche Befehl der Mutter.
«Sechstes Gebot: Ich habe Unkeusches getan!», flüsterte die Achtjährige im dunkeln Beichtstuhl, hinter dessen Gitter ein unsichtbarer Beichtvater sass, zuhörte und fragte: «Mit wem?» Joëlle wusste vom Beichtunterricht und vor allem von der Mutter, dass das sechste Gebot Todsünden beinhaltete, die Verdammnis in der Hölle wäre die Bestrafung Gottes, würde sie diese Sünde nicht beichten.
«Te absolvo…», die letzten gemurmelten Worte des Pfarrers in lateinischer Sprache verstand das Mädchen nicht, aber deren Übersetzung kannte sie aus dem Beichtunterricht: «Deine Sünden sind dir vergeben, gehe hin in Frieden.»
Um die achtjährige Tochter Joëlle dazu anzuhalten, sich eher töten zu lassen, als sich wieder jemals einem Kinderschänder zu ergeben, las ihr die Mutter die Geschichte von Maria Goretti vor. Es war der Tatsachenbericht einer zwölfjährigen Märtyrerin, die von der Kirche heiliggesprochen wurde, weil sie sich gewehrt hatte, bei einer Vergewaltigung und vom Sexualtäter getötet wurde. Das war in Italien im Jahr 1890 gewesen…
Dass die Mutter mit dieser Heiligengeschichte ihr acht Jahre altes Töchterchen in zusätzliche Ängste versetzte, war ihr wohl nicht bewusst. Ausserdem weiss man aus der Kriminalistik, dass Sexualmörder das Opfer zuerst missbrauchen und dann töten.
Die Macht der eigenen Mutter über ihren Körper bekam Joëlle auch zu spüren, als die Mutter mit Verachtung und Missbilligung für ihre pubertierende Tochter den ersten Büstenhalter kaufen musste. In der Turnstunde kicherten die Klassenkameradinnen über ihre wackelnden jungen Brüste. Die beste Freundin beriet sie und empfahl ihr, die Mutter um einen Büstenhalter zu bitten. Es war ein Bittgesuch mit Schuldgefühlen.
Joëlle erlebte die Gefühle von Rapunzel, die von der Mutter im Turm eingesperrt wurde, und ihr Haar der Mutter statt dem Geliebten herunter lassen musste. Nur verstand Joëlle in ihrer Pubertät die Wut der Mutter auf ihren Körper nicht. Ihre beste Freundin Céline führte sie in die Geheimnisse des Frau-Werdens ein, mit der liebenswürdigen Art einer echten Freundin.
Ihre Mutter war für sie immer unerreichbar gewesen. Joëlle sang oft: «Sometimes I feel like a motherless child « – «Oft fühle ich mich wie ein mutterloses Kind.»
Iris, das hochbegabte Kind, kann von einer solchen Mutter, die sich selbst abhanden gekommen ist, gefühlsmässig nicht gespiegelt werden. Schlimmer noch. Zunächst erlebt sich ja das Kind als eins mit der Mutter, als etwas Zusammengehörendes. Das Kind verfügt über höchst sensible sensorische Antennen und nimmt die versteinerte Mutter als Teil seiner selbst auf. Und diese wird es nicht mehr loswerden. Somit ist auch für Iris der Weg zu ihrer Gefühlswelt weitgehend versperrt… Was macht nun ein begabtes, aufgewecktes Kind, dem die elementare Sicherheit im Gefühlsleben fehlt? Es kompensiert. Kein Kind kann es sich leisten, sich auf eine Welt einzulassen, die zu spüren sich kalt anfühlt, um daran zu verzweifeln. Für Kinder ist der Ausweg in den Verstand die einzige Überlebensstrategie (Onken 2006, S. 171).
In der Schule war Joëlle bei allen Lehrern beliebt. Die erste Lehrerin gab ihr viel Anerkennung für ihren Wissensdurst und ihren Fleiss in der Schulbank und damit eine Sicherheit, die sie zeitlebens überall da einsetzen konnte, wo es um geistige Bildung ging, um ihren Intellekt.
Das Verteufeln des weiblichen Körpers, wenn er nicht mehr jungfräulich ist, sondern missbraucht, vergewaltigt, vielleicht geliebt wurde – anders bewertet wird «legale» Genitalverstümmlung islamischer Mädchen im Kindesalter – hat Wurzeln sowohl in der katholischen Kirche wie in der islamischen Religion. Liegt diesem Phänomen ein männlicher Archetyp von Besitzdenken zugrunde, der weibliche Körper als Eigentum der Männer?
Die männliche Jagd auf jungfräuliche Hymen in islamischen Ländern heute, wie in christlichen Ländern früher, beweist dies. Dasselbe Besitzdenken liegt auch der Erklärung einer Universitären Biomedizinischen Ethik-Kommission in der Schweiz zugrunde. Die käufliche Hymen-Rekonstruktion sei eine unethische Handlung!
Wenn später eine traditionelle Hochzeit mit einem Partner islamischen Glaubens erfolgen soll, können die Frauen unter enormen emotionalen und gesellschaftlichen Druck geraten, da diese die Jungfräulichkeit nach wie vor strikte voraussetzt. Insgesamt sechzig Hymen-Rekonstruktionen werden in der Schweiz jährlich durchgeführt … Die freie Entscheidung für die Operation ist nicht gewährleistet … Der soziale Druck, jungfräulich in die Ehe zu gehen, kann ernste Folgen für die psychische Gesundheit der Betroffenen haben und so zu Depression, Einsamkeit und sogar zu Selbsttötung führen … die Schweizerische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe rät grundsätzlich ab von der Wiederherstellung der Jungfräulichkeit, der Hymen-Rekonstruktion … Da den Patientinnen im schlimmsten Fall gewalttätige Vergeltungsmassnahmen drohen, lässt die Gesellschaft es den Ärzten jedoch offen, den Eingriff in Notsituationen durchzuführen. (Krättli 2011)
Die Hymen-Rekonstruktion kann in der betroffenen Frau kein Glücksgefühl bewirken, sobald sie den von ihrem Mann und vom Vater geschaffenen Betrug durchschaut, nämlich, dass sie nicht um ihrer selbst willen geliebt wird, sondern lediglich deren Männlichkeit bestätigen sollte.
Im Emmental wurde einer jungen islamischen Frau aus der Türkei die Kehle von den eigenen Brüdern durchgeschnitten. An ihrem ebenfalls muslimischen Freund wurde auch diese Selbst-Justiz ausgeübt, weil er nicht zum Ehemann ausgewählt worden war vom Vater der jungen Türkin.
Solange die Frau eines Mannes ein Statussymbol ist, wird ihr der Geruch des Marktwertes anhaften. Für seinen Status als Ehemann beansprucht er ein funkelnagelneues Auto, genannt Frau. Aus diesem Grund können Mütter islamischer Herkunft zur Tochter sagen: «Du bist Dreck wert, wenn du mit einem Mann Sex gehabt hast vor der Ehe.»
Wer glaubt, der männliche Anspruch auf eine jungfräuliche Ehefrau, nachdem er paradoxerweise selber vorher Frauen entjungferte, sei dem christlichen Gauben immer fern gewesen, täuscht sich. Die Doppelmoral des Mannes, der nie unter Beweis stellen muss, dass er zum ersten Mal eine Frau penetriert, deckt sich mit seinem Besitzdenken der Frau gegenüber. Für seinen sexuellen Hunger ist jede Frau mit Vagina recht. Wer in der Geschichte des christlichen Abendlandes zurückblättert, erfährt, dass die Ächtung der schwangeren, unverheirateten Frau Jahrhunderte lang Geschichte schrieb.
Frau wird den Eindruck nicht los, dass es bei der Gesetzgebung für den Bereich Sexualität, Ehe, Kinder Zeugen, Gebären primär um männliche Macht geht. Diese wechselt die Farbe je nach Kultur und Zeit.
Die Genitalverstümmlung rechtfertigt die Mutter von Waris Dirie mit den Worten, die Tochter hätte nur dank diesem körperlichen Eingriff einen gesellschaftlichen Wert als Frau gehabt. Damit fühlt sich diese Mutter der afrikanischen Tradition verpflichtet, und stellt die gesellschaftliche Moral über die menschliche.
Erst 1998 wird in Deutschland ein Gesetz abgeschafft, das den Mann verpflichtete, seiner Verlobten ein Kranzgeld zu zahlen, falls er mit ihr geschlafen hatte und sie verliess – sozusagen als Entschädigung für ihren gesunkenen Marktwert. Die Sitzengelassene musste bei einer späteren Hochzeit mit einem Strohkranz vorliebnehmen, während jungfräuliche Bräute einen Myrtenkranz tragen durften. (Krättli 2011)
Madonna oder Hure war Jahrhunderte lang ein Doppel-Bild, das der Mann von der Frau in sich trug wie einen Archetyp. Vermutlich war dies der Grund, weshalb der Mann das Bordell erfand. Ein Markt entsteht nur dank Nachfrage. Wie sieht heute das Frauenbild westeuropäischer Männer aus? Längst hat der Mann Mühe, die Sexualität der Frau in das Menschsein zu integrieren; die Verbindung der Sexualität mit deren natürlichen Folgen des Nachwuchses schafft er nicht mehr, muss er auch nicht mehr schaffen. Die Hormon-Pille – die notabene Frau einnehmen muss – nimmt ihm jedes menschenwürdige Denken vor dem sexuellen Kontakt ab. Männliche Tiere müssen die Bereitschaft der weiblichen während der Brunst abwarten und vorerst die Rivalen bekämpfen, mit dem Risiko, kein Weibchen zu bekommen.
Solange der weibliche Körper degradiert wird auf einen rein materiellen Wert – deswegen auch als käuflich angesehen, ähnlich einem Gebrauchtwagen, wenngleich dieser höher eingeschätzt wird, ökonomisch betrachtet, als ein Frauenkörper – wird das alte Weiblichkeitsideal nicht verabschiedet trotz neuen Rollenmodellen der Frau.
Die Sexyness, sexuelle Attraktivität, vom moralischen Verhalten abgelöst, hilft der Frau nicht in der definitiven Partnerwahl für ihre Kinder. Laut Untersuchungen der Soziologin Eva Illouz, ist die Frau, die es «ernst meint», uninteressant für die Männer. Sie passt nicht zum Mann mit hedonistischer Bindungsangst.
Zur Tatsache, dass der Mann Macht ausübt über die Frau, gibt es hunderte von Büchern.
Zur Tragik jener Frauen, deren Körper von der eigenen Mutter abgelehnt oder gar getötet wird, gibt es vor allem Märchen und Volkslieder, beispielsweise aus dem Katalanischen Liedgut.
Zur heutigen Realität, im Jahre 2012, berichtet die Neue Zürich Zeitung am 15. April, von einer Pakistanin – eine der wenigen, die durch ihr Buch an die Öffentlichkeit gelangte – die auch von der leiblichen Mutter lebensbedrohlich verprügelt wurde, weil sie als Tochter die islamische Zwangsheirat verweigerte. Sabatina, die Betroffene, hat inzwischen in Deutschland eine Stiftung aufgebaut, die jungen Frauen hilft, die zwischen die Kulturen geraten sind.
Ein Chinese, der während der Kulturrevolution nach Deutschland geflohen war, kehrte nach China zurück, um sein Leben aufzuarbeiten. Er erzählte es in einer TV-Dokumentation. Seine heimatlose Existenz in der Einsamkeit berührte Joëlle. Ihr kamen die Tränen.
Die Mutter hatte Joëlle mundtot gemacht, totgeschwiegen, bis diese nichts mehr spürte und ihre eigenen Gedanken verschwanden wie Phantome. Dies war der Sinn ihres Albtraumes, in dem sie zuschaute, wie eine Mutter ihre eigene Tochter lebendigen Leibes begrub.
Als Joëlle die Mutter im Altersheim besuchte, dachte sie an den nächsten Tag, an dem sie die kranke Freundin besuchen würde. Plötzlich wurden diese Gedanken bedeutungslos und wurden fallen gelassen. Es war alles so unwichtig, was sie, Joëlle betraf, sobald die Mutter anwesend war.
Depersonalisation wäre die unweigerliche Folge gewesen, hätte Joëlle nicht einen inneren Mechanismus gehabt, um sich zu schützen gegen die Mutter: die Flucht in die innere Emigration. Sie zog sich zurück aus der menschlichen Gemeinschaft, nach aussen blieb sie ein funktionierender Mensch mit einer Maske.
In Vorlesungen für deutsche Literatur hörte sie erstmals von der inneren Emigration jener Autoren, die während des dritten Reiches in Deutschland blieben, trotz Regimefeindlichkeit. Damals, als Studentin im Alter von 22 Jahren, verstand sie die Bedeutung und Tragweite der Bezeichnung «Innere Emigration» nicht ganz, ahnte jedoch, worum es ging.
Schon als Kind hatte sie eine eigene Fantasie-Welt aufgebaut und wurde deshalb in der Familie als «Träumerin» beschimpft. Später rettete sie sich in die Welt des Intellekts und der Musik.
M. Titze schrieb, weshalb der soziale Rückzug erfolgt:
In der schambezogenen Depression kreisen die Gedanken jedoch ausschliesslich um Inhalte der eigenen Wertlosigkeit … sie reagieren mit grösster Betroffenheit auf jegliche Form der Zurückweisung. Sie sehnen sich einerseits nach liebevoller Anerkennung, während sie andererseits allen sozialen Kontakten ausweichen. (Titze 1995, S. 71)
Die menschliche Isolation in der Herkunftsfamilie erlebte Joëlle als muttergewollt, nicht gottgewollt. Ihre Mutter wollte, dass Joëlle ihre Freizeit ohne Freundin verbrachte, auch nicht in Gesellschaft ihrer Brüder oder gar deren Kameraden. Glücklicherweise gelang es der Mutter nicht, ihr die treue Freundin zu vertreiben. Die Mutter hatte ihren Grund, Joëlle mit dem bösen Blick zu bestrafen, wann immer Joëlle doch eine Freundin nach Hause brachte: Die erste fünfjährige Freundin wurde vom Knecht auch sexuell missbraucht – also waren die Spiele mit Freundinnen immer Doktorspiele oder ähnliches. Dies war das angedeutete Misstrauen ihrer Mutter. Dass sich Joëlle vor Scham hätte verkriechen wollen, kümmerte die Mutter nicht.
Der Psychologe Titze schrieb:
Das Auge zeigt nicht nur die emotionale Befindlichkeit eines Menschen an. Es ist auch ein Kontrollorgan, das Furcht einflössen kann … Damit ist die Befähigung des Auges verdeutlicht, aggressive Machtansprüche zu signalisieren. (Titze 1995, S. 73)
Der Volksmund sagt: «Wenn Blicke töten könnten!»
Den Höhepunkt der Beschämung erlebte Joëlle in der Pubertät. Sie musste ihre erste Menstruation, die von der Mutter mit wütendem Blick in der Unterwäsche begutachtet wurde, als erniedrigendes Geständnis ihres Frau-werdens mitteilen und um Hygiene-Binden bitten. Die Tochter musste die eigene Mutter um Erlaubnis bitten, Frau zu werden. Da Joëlles Mutter die naturgegebene körperliche Entwicklung der Tochter nicht unterbinden konnte, zerstörte sie die seelische Entwicklung zur Frau mit Beschämung und Erniedrigung.
«Du hast ja Haare an den Beinen wie dein Vater», sagte sie hämisch lachend.
Eine einfühlende Psychotherapeutin, Angélique, stoppte die selbstzerstörerischen Fantasien Joëlles mit einer Solidarität als Frau.
Weibliche Verbundenheitsgefühle bekam Joëlle von einigen Frauen, auch als Mädchen und Jugendliche. Sie bekam sie von zwei Grossmüttern, von einer liebenswürdigen Patin, von einer Musiklehrerin und von der ersten Lehrerin in der Schule. Diese Solidarität war wie ein Bollwerk gegen die zerstörerische, pathologische Beschämung durch die Mutter.
Nicht von einem Prinzen wurde Joëlle gerettet, wie Schneewittchen vor dem Tod durch den giftigen Apfel der Königin. Frauen retteten Joëlle durch ihre Wertschätzung, sowie einfühlende männliche Psychotherapeuten.
Die Stimme der Mutter war bei der Begrüssung am Telefon bis in ihr hohes Alter genau so bedrohlich wie ihr Blick in der Kindheit. «Schade, dass ich diesen Tonfall nicht zu Papier bringen kann», dachte Joëlle. «Ja, da ist die Mutter!» In vorwurfsvollem, autoritärem Tonfall meldete sie sich jedes Mal am Telefon; glücklicherweise selten genug, wenn Joëlle sie aus Pflichtgefühl angerufen hatte. Den Hass in Mutters Stimme hatte Joëlle längst als Schicksal hingenommen. Als Joëlle ihre Mutter im Altersheim besuchte, hätte sie irgendeiner anderen Frau begegnen können, das Gespräch wäre nicht anders gewesen; so als hätten sie keine gemeinsame Vergangenheit.
Wenn Joëlle ihrer Mutter verzeihen würde? Verzeihen konnte sie ihrer Mutter nicht. Doch nach deren Tod löschte sie den schwelenden Brand der aufkommenden Wut auf die Mutter jedes Mal mit den Worten: «Stopp Joëlle, Mutter ist tot. Sie war krank.»
Ce que l’homme ici-bas appelle le génie,
c’est le besoin d’aimer;
hors de là tout est vain.
Was der Mensch auf Erden Genie nennt,
ist das Bedürfnis zu lieben;
alles andere ist nichtig.
– Alfred de Musset
Nichts erschüttert die Seele so sehr wie die Liebe – ausser der Mord. Die Liebe schrieb Tausende Bücher.
Es begann mit einem Inserat in einer Zeitung. Joëlle hatte es aus einer ehrlichen Spontanität heraus geschrieben:
«Humorvolle, feinfühlige Frau, jung geblieben im Geist, in der Ausstrahlung, sucht dich naturliebenden, intellektuellen, ungebundenen Mann. Mit dir möchte ich die sinnlichen Freuden in unserem Herbst teilen: Trauben, Wein, Licht, Zärtlichkeit, den Dialog …»
Das Echo blieb nicht aus. Es holte Joëlle ein wie ihr eigener Schatten, den sie viele Jahre lang verleugnet hatte, zu ihrem eigenen Schaden. Dieser war so gross gewesen, dass sie einen Teil ihrer Existenz verleugnet hatte, ihre Körperlichkeit. Damit hatte sie sich von den Menschen getrennt gefühlt wie durch eine unsichtbare Wand. Sie hatte in Wahrheit ihre weibliche Identität verraten; sie bestand ja auch aus Fleisch und Blut.
Hätte Gott den menschlichen Körper für verwerflich gehalten, wie die katholische Kirche, wie ihre Eltern es taten, wäre es für den Schöpfer ein Leichtes gewesen, den Menschen nur aus Geist und Seele zu erschaffen.
Vor dreissig Jahren hatte sie beinahe an derselben Stelle gestanden, nur eine Rille tiefer in der Spirale des Lebens. Es war zu einer Zeit, bevor sie ihren Ehemann kennen gelernt hatte. In einer jahrelangen Psychotherapie konfrontierte sie sich damals mit schmerzlichen Erinnerungen aus der Kindheit. So gewann sie die innere Sicherheit, das Wagnis einer ehelichen Gemeinschaft einzugehen. Aus dieser Ehe bekam sie zwei Kinder, liebenswerte Buben, Olivier und Pascal.
Joëlles Weiblichkeit zerstörte ein bindungsunfähiger Ehemann, Marc, der ihre Gefühle mit Füssen getreten hatte, sie erniedrigt hatte mit seinen selbstverständlichen Fremdgängen in fremde Frauen-Betten. Er zerschmetterte ihr gutes Selbstwertgefühl als Frau mit den Worten eines Psycho-Terroristen: «Du bist doch psychisch krank, nicht ich.»
Damit beging er Verrat an ihrer Liebe, die sie immer für ihn empfand. Seine Beteuerungen, er wäre mit ihr sexuell zufrieden, waren kein Trost, sondern eine zusätzliche Irritation.
Dann wählte sie die Einsamkeit, nach der Scheidung. Sie fing beinahe bei Null an in ihrer Entwicklung als Frau. Mutter blieb sie als Alleinerziehende.
«Bern, Endstation, wir bitten alle Fahrgäste auszusteigen.» Dieser Bahnhof, in der malerischen Hauptstadt, kam ihr wie ein Bienenhaus vor; die Geräusche, die Stimmen ergaben in ihrer Mischung ein Summen.
«So viele Menschen bewegen sich in zwei entgegengesetzte Richtungen, ähnlich zwei Ameisenstrassen, und hier sollte ich André, einen Fremden finden?» Sie lachte ob ihrer unmöglichen Mission und beschloss, in einem nahe gelegenen Restaurant ihren Brieffreund und Interessenten auf das Kontaktinserat zu treffen. Das stilvolle Restaurant des Hotels Schweizerhof betrat sie zum ersten Mal und sie war stolz, einen ihrem Alter entsprechenden Ort für das erste Rendezvous ausgewählt zu haben.
André erschien, begrüsste Joëlle scheu wie ein Fremder und dennoch wie ein ihr Vertrauter. Sie verständigten sich so schnell wie bekannte Menschen, die sich viel Persönliches über Mails anvertraut hatten, vielleicht zu viel. Der Stadtplan, den Joëlle in Eile beim Verlassen des Bahnhofes im Tourist Office geholt hatte, half ihnen bei der ersten Besprechung. Sie suchten einen Spazierweg am Fluss.
Seine Erscheinung entsprach ihren Wünschen: unkonventionelle Kleidung und beschwingter Gang. Seine Ausstrahlung war ihr im ersten Augenblick sympathisch. Er hatte in den Briefen jeweils akribisch genau geschrieben, was er mitteilen wollte, er redete und bewegte sich hingegen grosszügig. Zuweilen erschrak sie darüber, wie er Strassen überquerte und damit gleich zwei Fahrbahnen blockierte. Nach dem langen Spaziergang an der Aare betraten sie ein Restaurant. Nur die Servierfrau, die während ihres vierstündigen Aufenthaltes immer wieder nach ihren gastronomischen Wünschen fragte, konnte Joëlle noch wahrnehmen, ausser André natürlich.
