Warum wir noch hier sind - Marlen Pelny - E-Book

Warum wir noch hier sind E-Book

Marlen Pelny

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Beschreibung

VON VERLUST UND DEN MENSCHEN, DIE ZURÜCKBLEIBEN: DIE GESCHICHTE VON EINEM DANACH TAUSEND WORTE FÜR LEERE Auf dem Tisch liegt ein Fotoalbum. Darin: Fotos von Etty als Baby. Etty mit vier Jahren im Schwimmbad. Etty mit Elf beim Mini-Golf. Etty mit vierzehn Jahren vor der Haustür, kurz vor ihrem gewaltsamen Tod. Die Gefahr, der Frauen und Mädchen in dieser Welt ausgesetzt sind, ist nun in die unmittelbare Nähe der Erzählerin gerückt. Denn Etty war die Tochter ihrer besten Freundin Heide. Von nun an unterliegt ihre Welt einer zweiten Zählzeit. Da, wo Ettys Leben endete, fängt für sie ein anderes Leben an. Was bleibt, sind diese Fotos, die Erinnerungen und so viele Fragen: Wie weiterleben? Wie jeden Tag aufstehen? Wie sich weiterhin in der Wohnung aufhalten, in der Etty zuhause war? Wie ihr Lachen, ihre frechen Antworten, ihre feinen Gesichtszüge erinnern, ohne zu zerbrechen? Der eigentlich unmögliche Versuch, das Geschehene zu verstehen, wird zum Versuch, zu funktionieren. IM SCHWEBEZUSTAND, AUFGELADEN MIT LIEBE, UNTERFÜTTERT MIT HILFLOSIGKEIT Mit beeindruckender Präzision beleuchtet Marlen Pelny die Geschichte eines Femizides aus der Perspektive der Hinterbliebenen und lässt uns dabei überwältigende Emotionen spüren. Sie zeigt, was es bedeutet, zurückzubleiben. Wenn einer Mutter zwei Tage Sonderurlaub zur Trauer zugestanden werden. Wenn Ordner voller Bürokratie abgearbeitet werden müssen – ganz oben auf Geburts- und Sterbeurkunde, mit denen sich nun Ettys ganzes Leben zusammenfassen lässt. Wenn sich die Trauer in pochende Kopfschmerzen verwandelt und man sich ein Leben ohne ihn nicht mehr vorstellen kann. Aber auch: Wie es sich anfühlt, wenn die eigene Stadt, Berlin, wo man sich nicht nur zuhause sondern auch frei gefühlt hat, plötzlich zur Gefahrenzone wird. "HIN UND WIEDER WERDEN WIR UNSERE KÖPFE AUF DIE WAAGE LEGEN UND SCHAUEN, OB SIE LEICHTER WERDEN, MIT DER ZEIT" Hier erzählt eine zarte und zugleich kraftvolle Erzählerin so nahbar, dass man sie auf keinen Fall alleine lassen möchte. Klar, aber nicht voyeuristisch, schonungslos, aber nicht brutal wird fein und dicht von Verlust und Trost, von Trauer und Liebe, von einem Danach erzählt. Dieser Roman ist eine sprachlich kraftvolle Auflehnung: gegen Ungerechtigkeit, die tötet. Gegen die Gewalt, der wir täglich begegnen und die wir zu überleben versuchen.

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Seitenzahl: 249

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Marlen Pelny

Warum wir noch hier sind

Roman

 

 

Wir sitzen auf der Bank. Es ist weit und breit die einzige, die im Schatten steht. Großmutter friert. Ich stecke sie zur Hälfte in meine Jacke hinein. Ich mache mir Sorgen um ihre Gesundheit, aber sie sagt, eine Stunde müsse man mindestens bleiben, wenn man es ernst meine mit dem Vermissen.

Sie hat den Wecker gestellt, der bereits seit einer Viertelstunde tickt, und packt die Sachen aus, die sie in der Tasche hat: eine Tüte Bonbons, eine Schachtel Zigaretten, eine Packung Taschentücher.

Ich nehme mir eins, hänge die Jacke über Großmutters Schultern, stehe auf und beginne Staub zu wischen, auf Großvaters Grabstein. Dabei fällt mir ein Aufkleber auf. Er gehört zu der Firma, die sich um Großvaters Blumen kümmert. Ich versuche ihn vom Stein abzukratzen, aber Großmutter verbietet es mir.

Großvater hat nicht einmal T-Shirts mit Aufschrift getragen und jetzt dieser Sticker auf seinem Grab! Aber Großmutter will nichts davon wissen.

Die Dinge sind, wie sie eben sind, sagt sie.

Wahrscheinlich kann sie nicht mehr richtig denken. Sie beginnt zu zittern und ihre Lippen bekommen einen Blaustich. Aber ich sage nichts. Ich bin ganz still. So wie Großvater hier. Vielleicht würde er etwas sagen, wenn ich nicht da wäre. Vielleicht würde Großmutter antworten. Vielleicht trauen sie sich nicht, miteinander zu reden in meiner Anwesenheit.

Ich probiere selbst, wie sich das Kommunizieren mit einem Toten anfühlt.

So, Opa, jetzt machen wir mal ein bisschen Ordnung in deinem Beet, sage ich, damit – ja, warum eigentlich? Du kannst es ja sowieso nicht sehen.

Zum Glück hat Großmutter nicht zugehört. Die Dinge sind, wie sie eben sind, sagt sie noch einmal und hat dabei wieder diesen Gesichtsausdruck. Ständig hat sie diesen Gesichtsausdruck! Ich frage mich, wann sie das letzte Mal gelacht hat. Es ist so lange her, dass ihr das noch nicht wehtat.

Wenn Großmutter Schmerzen hat, fällt es mir schwer, sie anzusehen. Ihr Gesicht verzieht sich dann zu einer hässlichen Fratze. Und wenn sie weint, passiert das auch. Sie weint bitterlich. Wie jeden Sonntag. Ihre blauen Lippen sind jetzt eine ganz gerade Linie. Ihre Falten bilden eine tiefe Furche zwischen den Augenbrauen und die Tränen rollen wie Regentropfen ihre Wangen hinab. Nie weiß ich, ob sie Schmerzen hat, weil sie weint, oder ob sie weint, weil sie Schmerzen hat. Ich gehe zu ihr und verstecke ihre Fratze in meinen Armen.

Sie riecht nach diesem merkwürdigen Parfum, das sie seit ein paar Wochen benutzt, genau genommen seit Großvater unter der Erde ist. Ihren Zuhausegeruch gibt es nicht mehr. Eigentlich war es mein Zuhausegeruch. Wenn sie mich gefragt hätte, hätte ich ihr verboten, ihn gegen den hier einzutauschen. Lange wusste ich nicht, dass auch der Zuhausegeruch ein Parfum gewesen ist. Ein Parfum, vermischt mit Großvaters Zigarettenqualm. Erst als sie es eingetauscht hat und ich aufpassen musste, dass sie dadurch niemand anderes für mich wurde, hab ich auf dem Brett vor ihrem Spiegel die kleinen Fläschchen aufgeschraubt, daran gerochen und eins und eins zusammengezählt. Jetzt riecht Großmutter streng und bitter, nach einem Duft, der versucht, ihr Alter zu übertünchen, und dabei ihre schrumpelige Haut noch schrumpeliger erscheinen lässt. Wenn sie nicht weinen würde, würde ich sie fragen, wer ihr diesen Gestank eigentlich empfohlen hat.

Ich bleibe neben ihr sitzen. Es ist ja eh Ordnung in Großvaters Beet. Wegen der Aufkleberfirma.

Soll ich ihm eine Zigarette hinlegen?, frage ich.

Nee, nee, sagt Großmutter, wenn das jemand sieht! Gib mir lieber mal Feuer! Wir rauchen für ihn, aber nicht mit ihm. Er hatte ja sowieso aufgehört. Wenn auch zu spät.

Der letzte Satz klingt bitter. Großmutter faltet ein Taschentuch auseinander und drückt es fest auf ihr Gesicht.

Dann putzt sie sich die Nase. Sie ist fertig mit Weinen.

Ich hole das Feuerzeug aus der Hosentasche.

Ist das deine erste Zigarette?, frage ich.

Na ja, antwortet Großmutter, die erste, die ich selber rauche.

Sie hält sie so, wie Großvater sie gehalten hat. Und sie pafft auch so, wie Großvater gepafft hat. Sie kann genauso wenig schön rauchen wie er, aber immerhin wird sie daran nicht mehr sterben.

Sie spitzt die Lippen, während sie den Rauch auspustet, als wäre er ihr eigentlich zuwider. Und sie zieht auch viel zu hastig. Sie hat sich alles bei Großvater abgeguckt. Am Ende zwirbelt sie das letzte Viertel Zigarette zwischen den Fingern, damit die Glut rausfällt. Ich trete darauf, nehme ihr die Kippe aus der Hand und schmeiße sie in den Eimer, in dem ansonsten nur zerknüllte Taschentücher liegen.

In dem Moment klingelt der Wecker. Die Stunde ist um. Jetzt können wir essen gehen.

Großmutter bestellt Salzkartoffeln, Spiegeleier, Spinat. Ich drücke ihr daraus einen Matsch auf dem Teller. Der neue Kellner gibt sich Mühe. Er bringt ein Getränk, das es sonst nur beim Chinesen gibt, und ist so nett, dass Großmutter auch nett ist. Er sagt: die Damen. Sie nennt ihn: Martin, mein Junge.

Ich muss unbedingt daran denken, vor meiner Heimreise noch ihre Zahnzwischenräume zu reinigen. Wenn ich schon dabei bin, kann ich ihr auch gleich die Nägel schneiden. Und die Haare. Sie wirkt so, als hätte man sie gegossen.

Martin, mein Junge fragt, ob wir einen Espresso wollen oder einen Eisbecher. Obwohl Großmutter gerade noch gefroren hat, entscheidet sie sich für den Eisbecher. Es ist ein Pinocchio-Eisbecher mit Smarties-Augen und einer langen Waffel-Nase. Sie schmatzt so lange auf der Waffel herum, bis das Eis geschmolzen ist.

Komischerweise fragt sie mich genau in diesem Moment, ob ich denn gar keine Kinder wolle. Ich habe mich schon oft darüber gewundert, dass die Menschen nie in der Einzahl fragen, ob man kein Kind möchte, als würde ein weiterer Mensch nicht ausreichen.

Wenn man sich schon dafür entscheidet, schwanger zu sein, jahrelang nicht schlafen zu können, seine Pläne über Bord zu werfen (falls man vor der Geburt welche hatte, die nichts mit einem Kind zu tun hatten), sich mit Freundinnen und Partnern plötzlich über die richtigen Windeln und die Autonomiephase zu unterhalten, dem Babykörper beim Wachsen und dem eigenen beim Altern zuzusehen, ununterbrochen auf Spielplätzen abzuhängen und auf dem Nachhauseweg einen Streit vor dem Eiscafé auszutragen, wenn man sich also schon dafür entscheidet, das unbedingt haben zu wollen, warum dann gleich mehrmals?

Immer, wenn ich das Wort Kind höre, muss ich zwangsläufig an Etty denken. Keine Ahnung, ob ich jetzt noch hier sitzen würde, wenn Etty mein Kind gewesen wäre.

Ich finde das irgendwie narzisstisch, die Sache mit den Kindern, sage ich.

Wie meinst du das – narzisstisch?, fragt Großmutter.

Na ja, man muss sich schon ziemlich toll finden, wenn man sich nochmal im Kleinformat erzeugt. Und dann muss man dieses Wesen auch noch rund um die Uhr in seiner Nähe ertragen. Ich weiß nicht, ob ich dafür geschaffen bin.

Ach, du und deine komischen Gedanken, sagt Großmutter.

Ich bestelle mir einen Grappa, trinke ihn auf ex und bringe Großmutter nach Hause, wie sie es nie nennt. Sie nennt es den Turm, seitdem ich ihr die Einrichtung verboten habe.

Mit dem Turm hat sie immerhin insofern recht, als dass das Haus, in dem sie wohnt, wirklich hoch ist. Es hat dreizehn Stockwerke und ist auch nicht besonders breit. Früher nannte man so etwas Punkthochhaus, zu der Zeit, in der Großmutter im Leben nicht in so etwas gezogen wäre, weil sie ja ein eigenes Haus hatte, mit einem Garten und einem Mann, der den Rasen mähte.

Seitdem Großmutter sich damit abgefunden hat, dass sie hier wohnen bleibt, schwingt sie ihren Stock, wenn sie sich der Haustür nähert. Es regt mich auf, aber ich sage nichts. Wenn sie einen Sturz provozieren will, bitte schön. Es ist nur so ärgerlich, weil sie mich nicht fragt, ob ich, wenn sie fallen würde, überhaupt Lust hätte, sie aufzuheben.

Der Fahrstuhl bringt uns in den siebten Stock. An Großmutters Wohnung ist ein Balkon, aber die Tür klemmt, sodass sie ihn nie benutzt. Ich glaube, auch aus dem Fenster sieht sie äußerst selten. Dabei war der Ausblick auf die Saale der Grund, dass wir uns für diese Wohnung entschieden haben.

So hässlich ist Halle gar nicht, stimmt’s?, hat Großmutter damals gesagt.

Und ich habe gefragt, ob sie etwa denke, dass ich Halle hässlich fände.

Na, warum sonst bist du denn hier weggegangen, war ihre Antwort. Ich wusste schon in dem Moment, in dem ich mir eine Erklärung abrang, dass sie sie niemals verstehen wird.

Ich ruckle so lange an der Tür herum, bis sie sich endlich löst und frische Luft ins Zimmer strömt.

Großmutter sagt wie immer: Uh, das ist aber kalt!

Wenigstens einmal in der Woche muss das aber sein, sage ich.

Sie antwortet nicht, sondern zieht sich die Jacke wieder an, während ich auf die Suche nach der Zahnseide gehe. Das dauert. Großmutter wusste gar nicht, dass sie Zahnseide hat. Kein Wunder, wenn sie sie ganz hinten im Schrank versteckt, hinter Putzstein und Chlorreiniger.

Die paar Zähne, die ich noch habe, gehen doch nicht durch ein paar Fetzen Spinat kaputt, sagt sie. Ich bleibe vor ihr stehen, als hätte ich nichts gehört, und spanne den Faden zwischen meinen Fingern. Also löst sie ihr Gebiss und legt es ins Glas. Sie setzt sich auf den Plüschhocker vor die Badewanne und putzt genüsslich die letzten ihr verbliebenen Zähne.

Einmal die Vollwäsche, lispelt sie, als sie fertig ist. Mit Glanzspülung.

Werfen Sie die Münze in den Schlitz, sage ich.

Klirr, sagt sie.

Vergewissern Sie sich, dass die Handbremse angezogen ist und die Seitenspiegel eingeklappt sind, und drücken Sie dann auf Start. Start, sagt sie.

Es ist schwierig, jemandem die Zahnzwischenräume zu reinigen. Erst beuge ich mich vor, dann gehe ich in die Hocke, dann versuche ich es von hinten.

Ach, das reicht doch jetzt, sagt Großmutter und streckt den Arm schon Richtung Handtuch aus. Aber so einfach gebe ich nicht auf. Man muss die Zahnseide immer in Bewegung halten, damit sie nicht stecken bleibt und sich verklemmt. Aber natürlich verklemmt sie sich, und weil Großmutter jetzt auch noch anfängt zu schimpfen, dauert die ganze Sache.

Wie immer, wenn Großmutter nackt auf dem Lift sitzt, der sie in die Wanne fährt, erzählt sie, wie schön sie früher war.

Ich finde dich jetzt aber auch nicht hässlich, sage ich.

Ja, ja, antwortet sie. Ja, ja.

Findest du dich hässlich?

Ach, Kind, sagt sie, schau doch nur mal meine Brüste an! Ein einziger Schrumpelhaufen ist das.

Also, ich mag deinen Schrumpelhaufen.

Ich streiche mit dem Lappen so zart, wie ich kann, über Großmutters Körper, in der Hoffnung, sie merkt, wie schön er ist. Leider fängt sie in diesem Moment schon wieder an zu weinen und zerstört ihre Schönheit durch ihre hässliche Kummerfratze.

Ach, Großmutter, ich liebe dich immer. Selbst wenn du gar keine Brüste mehr hättest, würde ich dich lieben. Oder wenn du nur noch ein Auge hättest oder ein Bein. Oder wenn du halb verbrannt wärst und übersät von großflächigen Narben. Sei nicht traurig, bitte.

Das Gute an Großmutter ist, dass sie meistens einsichtig ist. Die restlichen Tränen schluckt sie einfach hinunter. Sie schöpft mit den Händen Wasser und wirft es sich ins Gesicht.

Sie sieht super aus und riecht so gut, als sie endlich abgetrocknet und im Nachthemd in ihrem Sessel sitzt und ihr Abendbrot kaut.

Ich speichere dieses Bild und nehme es mit auf die Fahrt.

Viel zu spät mache ich mich auf den Heimweg.

Die vielen Menschen mit ihren selbst gemachten Kleinformaten verstopfen die Straßen. Keine Ahnung, ob gerade Ferien sind. Auf jeden Fall steh ich im Stau. In jedem Auto, in das ich schaue, sitzt ein Kind, das entweder popelt oder mir die Zunge rausstreckt.

Im Rückspiegel geht die Sonne unter. Es könnte auch die Welt sein. So genau lässt sich das von hier aus nicht sagen. Ich steige aus und hole mein Buch aus dem Kofferraum. Arbeit und Struktur von Wolfgang Herrndorf.

Ich habe das Gefühl, das richtige Buch zur falschen Zeit zu lesen, kann aber trotzdem nicht aufhören.

Der Tod ist so ein fieses Arschloch. Wir sterben ja alle jeden Tag. Aber wir merken es nicht. Mit solchen fiesen Krankheiten, die wie bissige Tiere sind, ist das scheinbar anders. Da stirbt man quasi mit offenen Augen, auch wenn eigentlich alles andere gut ist. Der Herrndorf hat während Arbeit und Struktur quasi nicht gelebt, sondern ist gestorben. Und vor allem gewartet hat er.

In Herrndorfs Freundeskreis erkenne ich Sophie und mich wieder. Aber würde es eine von uns hinkriegen, eine Knarre zu besorgen? Wir wohnen ja auch in Berlin. Wenn auch nicht in Wedding. Ich will gar nicht daran denken, dass Heide sich erschießen wollte.

Nach zwei Stunden löst sich der Stau auf. Noch fünfzehn ungelesene Seiten. Ich fahre auf einen Rastplatz und lege das Buch wieder auf meinen Schoß. Beim Umblättern streichle ich die Seiten.

Irgendwann gibt es keine Seite zum Umblättern mehr. Und der letzte Absatz dröhnt in meinem Kopf: (14) Erinnerung, etwa 4./5.3.2010, zwischen Diagnose und Einweisung, später, ungewöhnlich warmer Märzabend, ich hocke mit einer Tasse Tee vor dem Badfenster unter der prächtigen Nacht und sage zu mir selbst, ich weiß, was der Tod ist, und noch eine Weile weiß ich es, bis ich es wieder vergesse.

Ich lege meine Hand auf den Buchrücken wie auf ein Gesicht. Wenn der Text ein Mensch wäre – ich hätte ihm die Hand aufs Gesicht gelegt, ihm über die Wangen gestrichen.

Ich sitze da, mit meiner Hand auf diesem Gesicht, auf diesem toten Herrndorf-Gesicht, unter dem tausende Wörter vibrieren, und in meinem Kopf vibrieren sie auch. Sie haben sich in mich hineingraviert. Wenn man mich jetzt aufschneiden würde, wäre da kein Blut, sondern ganz viel Blei und Druckerschwärze.

Wie überlebt man solche Texte? Wie geht es jetzt weiter?

Ich sitze im Auto, mit meiner Hand auf einem fremden, toten Gesicht, und finde keinen Grund dafür, den Rastplatz zu verlassen, aber auch keinen, um hier stehen zu bleiben. Ich denke über mein Ziel nach, aber mir fällt keins ein. Obwohl ich allein bin und gar nicht rede, will ich noch mehr schweigen. Ganz doll schweigen. So sehr schweigen, dass die Lippen wehtun, vom Aufeinanderpressen, bis die Spucke im Mund zu einem festen Ball wird, der jeden Ausgang versperrt. Aber es gehen Dinge in mich hinein. Ich weiß nicht, wie ich das verhindern soll. Ich höre meinen Atem lauter als die Sirene des Krankenwagens, der an mir vorüberfährt.

Aber irgendwie fahre ich plötzlich auch. Schnell wie meine Gedanken. Ich fahre ihnen hinterher. Und wenn ich angekommen bin, sind sie schon da und öffnen mir die Tür.

Jedes Mal muss ich mich vergewissern, dass es auch wirklich das Haus ist, in dem ich lebe. Ich checke die Fassade, ich checke die Hausnummer, ich checke das Klingelschild.

Ich steige die Treppen hoch. Es sind viel zu viele. Großmutter wird mich hier nie besuchen können, selbst wenn sie es wollte. Das schafft sie nicht mehr.

Ich habe mir die Wohnung nicht ausgesucht. Ich kann also nichts dafür. Die Wohnung ist weder schön noch praktisch, es war nur die einzige, die zur Verfügung stand. Dafür kostet sie so viel wie drei Wohnungen zusammen.

Ich schließe die Tür auf und setze mich auf eine der Umzugskisten.

Während ich die Treppen hinaufgestiegen bin, muss der Abend hereingebrochen sein. Draußen ist es total dunkel. Im Altenpflegeheim gegenüber brennt wie immer Licht bei dem Mann, der sein Zimmer vor meiner Küche hat. Er schlägt gerade die Decke zurück und setzt sich im Bett auf. Dann schwingt er die Beine zur Seite, als ob er aufstehen wollte, aber kurz danach stellt er ein Bein nach dem anderen ins Bett zurück, zieht die Decke wieder hoch und legt sich hin. Kurz darauf schlägt er die Decke zurück, setzt sich auf und wiederholt die Prozedur.

Ich überlege, ob ich Großmutter anrufen soll, um ihr zu sagen, dass ich gut angekommen bin. Aber ich will sie nicht beunruhigen. Vielleicht erinnert sie sich nicht, dass ich vor ein paar Stunden noch bei ihr war.

Draußen schimmert der Abend so schön. Meine Tränen hängen an den Fensterscheiben. Ich sehe zu, wie sie hinunterrollen, so lange, bis sie verschwimmen. In Gedanken mache ich mir ein Brot und ziehe mich aus. Immerhin muss ich mir nicht vorstellen, mich hinzulegen. Mein Bett ist ein Magnet. Und ich bin sein Gegenpol.

 

 

Ich liege im Bett und warte. Ich bin noch da. Ich lebe noch. Dabei liegt der Tod wie eine Decke auf mir. Ich kann nicht sterben, darf nicht sterben. Zumindest nicht jetzt. Nicht jetzt auch noch. Aber ich fühl mich so tot. Wenn man eine leere Tüte trägt, ist sie leicht. Doch meine Leere wiegt über die Maßen viel. Es ist nicht vorstellbar, den schweren, leeren Körper aus dem Bett zu bewegen.

Die Tränen an der Scheibe sind getrocknet, aber sie haben deutliche Spuren hinterlassen. Jetzt, bei Tag, sehen sie aus wie platte, eingetrocknete Würmer. Jemand sollte sie wegwischen.

Ich liege und rufe Großmutter an. Leider versteht sie nicht, was ich da im Telefon mache. Ständig fragt sie, welchen Knopf sie drücken muss, damit unten die Tür aufgeht.

Vielleicht war es ein Fehler, sie diese Zigarette rauchen zu lassen.

Großmutter, ich bin zuhause!

Ach so, sagt sie. Und wann kommst du nach oben?

Ich muss erstmal arbeiten gehen, weißt du?

Ah ja, sagt sie, mach das, mein Kind, dann bis später! Sie legt einfach auf. Dieses fiese Tuten im Ohr.

Ich habe Großmutter nicht erzählt, dass ich gerade weniger arbeite. Ich habe ihr rein gar nichts erzählt über die derzeitige Situation. Was sollte das auch bringen. Sie hat genügend Sorgen, da braucht sie nicht noch mehr.

Ich werde nach draußen gehen und meinen Kaffee im Gehen trinken. Irgendwo auf der Skalitzer Straße oder weiter drinnen im Kiez, in so einem Barista-Stübchen. Heide werde ich diesen Kaffee mit Karamell bestellen. Sie hat gesagt, sie brauche Zucker.

Es ist komisch, dass sie es schafft zu lächeln, wenn sie mich sieht. Sie lächelt und legt die Arme über meine Schultern, um meinen Hals. Ganz kurz nur, dann dreht sie sich um.

Komm rein, sagt sie, und da erst merke ich, dass ich schon bei ihr bin. Ich kann mich gar nicht erinnern, die Zähne geputzt zu haben. Ich schaue an mir hinunter, ob ich angezogen bin. Das Letzte, woran ich mich erinnere, ist meine schmutzige Fensterscheibe. Wie ich sie angesehen habe, aus meinem Bett heraus, in dem ich eben noch lag.

Heide sieht so aus, als hätte sie die Nacht stehend hinter der Tür verbracht und darauf gewartet, dass ich ihr diesen Kaffee bringe. Ich sehe, wie ihre Gedanken zerbröseln und ziemlich weit nach unten rutschen. Sie landen als riesige Krümelmasse in ihrem Herz. Sie trinkt einen Schluck, dann sacken ihre Schultern nach unten. Sie schaut auf die Maserungen des Tisches und zerdrückt darauf ein imaginäres Insekt.

Wie geht es dir?, frage ich.

Heide nickt abwesend mit dem Kopf und schaut mir genauso abwesend in die Augen.

Ich weiß gar nicht, was ich jetzt machen muss, sagt sie.

Müssen musst du gar nichts, sage ich.

Schön wär’s, antwortet sie.

Sie hebt ein paar Zettel hoch und wedelt damit herum. Das muss ich alles abarbeiten.

Oh nein, sage ich, schon wieder so ein bürokratischer Irrsinn! Kann ich das nicht machen?

Ich fürchte, du verstehst das alles noch weniger als ich.

Hast du heute Nacht geschlafen?, frage ich.

Ach, sagt Heide, ich weiß es nicht.

Magst du dich ein bisschen hinlegen?

Ich weiß nicht, wohin.

Ich nehme sie an die Hand und führe sie zum Sofa. Sie legt den Kopf auf meinen Schoß. Ich lege die Decke auf ihren schmalen Körper und lasse meine Hand auf ihrer Schulter liegen.

Wann ist Sophie gegangen?, frage ich.

Vor zehn Minuten.

Heide kann also zehn Minuten alleine bleiben. Zehn Minuten, ohne dass sie aus dem Fenster springt, eine Rasierklinge sucht oder den Föhn.

Sie ist mehr als müde. Wahrscheinlich ist sie eingeschlafen, während sie mir geantwortet hat. Jetzt atmet sie gleichmäßig und schwer in meinen Schoß.

Auf dem Tisch liegt ein Fotoalbum. Ich ziehe es neben mich und schlage es auf.

Etty als Baby von vorn. Etty als Baby von hinten. Etty mit einem Jahr und einem Zähnchen. Etty mit zwei Jahren, mit ihrer Ente am Strick. Etty mit drei Jahren, mit einer Pappkrone auf dem Kopf und Schokolade im Gesicht. Etty mit vier Jahren im Schwimmbad. Etty auf Heides Schoß, beim Plätzchenausstechen. Etty mit fünf Jahren auf meinem Schoß. Etty mit sechs Jahren im Tierpark, stolz und tapfer vorm Tigerkäfig. Etty mit sieben Jahren beim Kerzenauspusten am Geburtstagstisch. Etty mit acht Jahren beim Tanzkurs. Etty mit neun Jahren auf einem Pferd. Etty mit zehn Jahren im Kinderzimmer. Etty mit elf Jahren beim Minigolf. Etty mit zwölf Jahren beim Zähneputzen. Etty mit dreizehn Jahren bei miesester Laune. Etty mit vierzehn Jahren an irgendeinem Buffet. Etty mit vierzehn Jahren beim Sprung in den See. Etty mit vierzehn Jahren beim Auftauchen aus dem See. Etty mit vierzehn Jahren beim Torte-Essen. Etty mit vierzehn Jahren am Strand von Fuerteventura. Etty mit vierzehn Jahren vor der Haustür. Etty mit vierzehn Jahren kurz vor ihrem Tod.

Wenn ich nicht ruckartig weine, kann Heide weiterschlafen. Es gibt kein Foto von Etty, während sie schläft. Ich schaue in ihre schönen Augen. Sie sind grün, ja, grün wie alles, was ich hab.

Es fällt schwer, nicht zu ruckeln. Ich muss an Großmutter denken, an ihren Gesichtsausdruck. Ich spüre, dass ich so hässlich werde wie sie, dass sich meine Lippen anspannen und der Schmerz nach oben in den Kopf krabbelt. Alles spannt sich an. Ich bin aus irgendeinem Metall. Aber der Ellbogen lässt sich noch knicken und die Hand lässt sich bewegen, hin zum Gesicht, das ich mit dem Ärmel abwische. Gleichmäßig atmen! Dann spürt man, wie das Metall schmilzt.

Heides Fenster sind total sauber. Der Rest der Wohnung eher nicht. Überhaupt sieht die Wohnung nicht so aus, als ob es Etty nicht mehr gäbe. Überall schwebt sie herum. Mindestens einhundert Haare würde man von ihr hier noch finden. Die Frage ist nur, wie lange noch.

Als es klingelt, schrecken wir beide hoch, Heide und ich. Vor der Identifizierung hatten wir immer die Hoffnung gehabt, dass es Etty sein könnte, die vor der Tür steht. Dass gar nicht sie, sondern ein anderes Mädchen ermordet worden ist. Aber obwohl wir sie nicht wiedererkannten, als sie steif und reglos auf dem Metalltisch lag, ist das seitdem anders. Das Bild von ihrem zerschundenen Körper sitzt in unseren Augen. Wenn wir sie falsch bewegen oder unbedacht zwinkern, blitzt es unangekündigt auf.

Wir wissen jetzt, dass sie tot ist. Wir erinnern uns an die Striemen an ihrem Hals. Wir wissen, dass es niemanden gibt, der Leichname herrichtet, bevor die Angehörigen kommen, um sie zu identifizieren.

Wir wissen, dass Etty in der Pathologie ist und jetzt nicht vor der Tür stehen kann.

Gehst du?, fragt Heide. Sie hebt ihren Kopf, damit ich aufstehen kann.

Jetzt spüre ich, dass meine Hose nass ist. Heides Tränen fließen durchgehend, egal ob sie schläft oder wach ist.

Vor der Tür steht die Kommissarin.

Ich bringe Ettys Sachen, sagt sie, und die Ergebnisse der Handyauswertung.

Heide richtet sich auf. Sie sieht immer noch aus, als hätte sie die Nacht hinter der Tür verbracht. Ihre Augen stecken in dunklen Höhlen.

Ich nehme der Kommissarin die Tasche ab. Die hatte sich Etty so sehr gewünscht. Goldfarben, mit Geheimfach für was auch immer. Hätte sie doch selbst dort hineingepasst!

Wir haben keine Spuren gefunden, keine Kommunikation mit einem Fremden.

Heide nickt in Richtung Boden. Es wäre schockierend gewesen, wenn Etty mit ihrem Mörder gechattet hätte. Aber welche Informationen gerade gut oder besser sind, weiß niemand eigentlich. Bislang sei nur klar, dass Ettys letzter Kontakt der mit Heide war. Mehr könne sie zu diesem Zeitpunkt leider nicht sagen. Die Kameraaufzeichnungen von den umliegenden U-Bahnhöfen würden noch ausgewertet. Das Handy müsse sie weiterhin behalten. Sie melde sich.

Sie will sich nicht setzen und auch keinen Kaffee. Das war es, was sie zu sagen hatte. Ich begleite sie nach draußen, habe immer noch Ettys goldene Tasche in der Hand, will sie ihr geben, zum Abschied, aber dann fällt mir ein, dass es darin ja nichts mehr zu finden gibt.

Heide und ich wiederholen die Worte der Kommissarin, damit wir sie nicht vergessen. Aber am Ende landen wir doch wieder bei der letzten Chatkonversation. Sie befindet sich spiegelverkehrt auf Heides Handy und jeden Tag liest sie etwas anderes in die Worte hinein. Mal findet sie, dass sie zu nett gewesen sei, dass sie darauf hätte bestehen sollen, dass Etty um zehn nach Hause kommt. Dann wieder, dass sie zu schroff gewesen sei, weil sie sie habe spüren lassen, dass sie Planänderungen nicht mag.

Wenn ich Ettys Worte lese, höre ich ihre Stimme dazu. Das leichte Kratzen, vor allem wenn sie lachte. Wenn sie einen Witz erzählte, wusste ich, dass gleich die Pointe kommt, weil sie durch das Kratzen angekündigt wurde.

Ich höre Etty und ich sehe sie. Ich weiß nicht, wie ich um sie trauern soll, wenn ich sie doch so deutlich spüre. Auf diesem Stuhl hab ich gesessen, mit ihren Füßen auf meinem Schoß. Nicht kitzeln, nur kneten, hat sie gesagt.

Auf diesem Stuhl hat sie gesessen und ihren ersten Schluck Kaffee probiert. Bäh, ist das widerlich! Und so was trinkt ihr freiwillig?, hat sie gesagt.

Auf diesem Stuhl hat sie gesessen und hörte einfach nicht auf zu wachsen. Sie war beinahe so groß wie Sophie und wollte sie unbedingt noch überragen. Überleg dir das gut, hat Sophie gemeint, dann musst du dich ständig klein machen, weil du dich den anderen anpassen willst.

Ich werd mich doch nicht anpassen, hat Etty geantwortet, wenn ich mich anpasse, werd ich ja nicht berühmt!

In diesem Raum hat sie gestanden und uns ihre neuesten Moves vorgetanzt. In diesem Raum hat sie, gebeugt über eine Schüssel, ihren Schnupfen auskuriert. Auf dem Herd stand eine Hühnersuppe, und wenn Etty sie aß, betonte sie, dass sie wieder vegan essen würde, sobald sie gesund wäre.

Sophie kommt später als geplant. Sie sagt, deine Mutter lässt dich lieb grüßen, sie ruft dich morgen wieder an.

Sophie sieht aus wie Etty in groß. Ich denke darüber nach, ob eine äußerliche Ähnlichkeit durch soziale Kontakte entstehen kann. Dass Sophie die eigentliche Mutter von Etty ist, ist ausgeschlossen. Ich war bei der Geburt dabei. Und Sophie war damals nicht schwanger. Sophie hat kein Kind. Dennoch: Sie hat die gleichen Haare wie Etty, eine ähnliche Mimik, den gleichen Gang. Aber auch, dass Sophie in Wirklichkeit Etty ist, ist ausgeschlossen. Es fühlt sich an wie immer wieder aufwachen, mir klar machen, dass niemand Etty ist, dass niemand Etty sein kann.

Ich denke an diesen bekloppten Ghost-Film mit Whoopi Goldberg und Patrick Swayze. Wie viele Leute wohl versucht haben, mit Verstorbenen Kontakt aufzunehmen, nachdem sie diesen Film gesehen haben?

Ich will gerade fragen, was wir essen wollen, wahrscheinlich zum zehnten Mal an diesem Tag, da sagt Sophie, draußen stünden schon wieder die Leute von RTL.

Vor der Wohnungstür oder vor der Haustür?, frage ich.

Wohnungstür, sagt Sophie. Am besten bleibst du heute Nacht hier.

Ich wollte eigentlich noch spazieren gehen, an die frische Luft, mich irgendwie bewegen. Aber ich hab keine Lust, dass RTL mir blöde Fragen stellt, vielleicht sogar vor laufender Kamera, was weiß denn ich. Nichts weiß ich!

Wie geht es der Mutter? Wo war sie zum Zeitpunkt der Tat? Wieso war das vierzehnjährige Mädchen so spät allein unterwegs?

Viel lieber würde ich diesen Käsesender etwas fragen: Haben Sie selbst ein Kind? Eins, das in der Pubertät ist? Eins, das in der Pubertät ist und in Berlin wohnt? Wenn ja, finden Sie es dann wirklich so unverständlich, dass das vierzehnjährige Kind erst um zweiundzwanzig Uhr dreißig nach Hause ging? Zumal es ein Samstag war, nach einer Party bei Freunden.

Ich würde gern fragen:

Würden Sie es besser finden, ein vierzehnjähriges Kind zuhause einzusperren, mit der Begründung, dass es Ihnen egal ist, dass all seine Freunde fröhlich beisammensitzen dürfen? Denken Sie, das Kind würde das verstehen? Wie stellen Sie sich die Atmosphäre zuhause vor, in der Ihr Kind am Wochenende einer Einladung von Freunden folgen will, aber Sie bieten ihm stattdessen an, mit ihm zu scrabbeln oder fernzusehen?

Ich würde gern fragen, ob es nicht an der Zeit wäre, sich mit der Frage zu befassen, wie wir die Welt sicherer machen können, anstatt dass wir uns den Gefahren, die sie birgt, widerstandslos hingeben.

Vor allem würde ich gern fragen:

Woher kennen Sie den Namen der Mutter und ihre Adresse? Haben Sie einen Polizisten bestochen, dafür, dass er Sie hierhergeführt hat?

Ach, fuck off! Dann bleib ich halt hier.

Also, was wollen wir essen?

Wir essen Nudeln mit Tomatensauce. Nudeln sind immer irgendwie tröstlich und außerdem Ettys Lieblingsessen. Wir essen, ohne etwas zu schmecken. Niemand sagt, dass es lecker ist. Es ist auch nicht lecker. Nudeln mit Tomatensauce ohne Etty schmecken eigentlich scheußlich.

Sophie erzählt von ihrem Arbeitstag. Zuerst irgendwie vorsichtig, weil sie nicht weiß, ob es uns interessiert. Aber es ist eine willkommene Ablenkung. Nach zehn Minuten ist sie voll im Geschehen und regt sich über eine Kollegin auf. Sie steigert sich hinein, wie ungerecht und scheiße die sei. Man hätte dies und das besprochen und dann halte sie sich nicht daran. Jetzt kippt es irgendwie doch in mir drin. Ich sehe zu Heide, aber die sitzt hinter einem Schleier. Ich weiß nie, ob es ihr zu viel wird und ob sie es genauso albern findet wie ich. Ich erinnere mich daran, dass Heide mir schon mal von einer ähnlichen Situation erzählt hat. Das war, als Sophie noch hinter dem Tresen der Morena-Bar gearbeitet hat. Heide sagte, Sophie sei immer lauter geworden und hätte selbst dann nicht aufgehört, sich über ihren Chef zu echauffieren, als ein Gast sie bat, die Musik lauter zu drehen.