Was du nie siehst - Tibor Baumann - E-Book

Was du nie siehst E-Book

Tibor Baumann

0,0

Beschreibung

Will man ein ganzes Leben erzählen, findet es manchmal in einer Woche statt. Und am Ende der Woche wird Hansi den Mann kennenlernen, der ein Buch über ihn schreiben wird. Aber das weiß er noch nicht.

Johann »Hansi« Mühlbauer führt ein ereignisreiches Leben zwischen Rockband und Reisen, zwischen Surferfreiheit, Wildnispädagogik und seiner Arbeit als Physiotherapeut – und ist seit seinem zweiten Lebensjahr blind.

Die Woche beginnt für ihn mit einem herben Verlust. Nach einem durchzechten Wochenende auf dem von ihm veranstalteten Rock-Benefiz ist sein Handy verschwunden – mit der Nummer von Alexa. Auf der Suche nach dem Handy durchlebt Hansi seine Woche und wird mehr und mehr mit sich selbst und seinem bisherigen Leben konfrontiert. Wohin soll die Reise gehen? Und wer ist der seltsame Verfolger, der scheinbar etwas mit Hansis verschwundenem Handy zu tun hat? Irgendwo in diesem Strudel gilt es, etwas über sich herauszufinden, einen Platz für sich zu erobern. Und eine neue Perspektive zu erlangen.

Eine Woche, die sich trotzdem über Monate hinweg erstreckt – eine Liebesgeschichte ohne Kuss, eine Geschichte über ungewöhnliche Verluste, gewöhnliche Abenteuer und einen blinden Mann, der die Herausforderung seines Lebens annimmt.

Baumanns biografischer Roman folgt nicht den ausgetretenen Pfaden der Literatur über behinderte Menschen. Was du nie siehst erzählt von den Zusammenhängen, die zwischen Menschen entstehen – und dem Umgang der Einen mit den scheinbar Anderen. Mit seinem Roman sprengt Baumann gleichzeitig die Grenzen zwischen Fiktion und Biografie – und macht den Schreibprozess selbst zum Thema.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 481

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Struktur

Titelseite

Impressum

Inhaltsverzeichnis

Vorspann

Textanfang

Seitenzahlen im gedruckten Buch

Inhalt

Sonntag III

oder:

Ein Autor auf Rückreise

Sonntag I

oder:

Ein erstes Gespräch ist noch kein Anfang

Montag

oder:

Wer verliert, der sucht

Dienstag

oder:

Gut zu wissen

Mittwoch

oder:

Zettel und Umwege

Donnerstag

oder:

Digitale Wildnis

Freitag

oder:

Déjà-vu mit anderem Ergebnis

Samstag

oder:

Neue Reise, neuer Blick

Sonntag II

oder:

Abschied im Sand

Ein letzter Sonntag

oder:

Ein letztes Gespräch ist noch kein Ende

Über den Autor

Impressum

Jetzt kam auch der Herold und führte den lieblichen Sänger,

Diesen Vertrauten der Muse, dem Gutes und Böses verliehen ward;

Denn sie nahm ihm die Augen und gab ihm süße Gesänge.

Homer, Odyssee, 8. Gesang, 62–64

Pull my head back, pull my head back,

I’d better brace myself for what is to come.

Pull my head back, pull my head back,

Yeah, they always said I was a son of a gun.

John Coffey, Featherless Redhead

Das Folgende entspricht der Wahrheit

Sonntag IIIoder: Ein Autor auf Rückreise

»Neben mir in der billigen Maschine der noch billigeren Airline sitzt ein groß gewachsener Spanier, Mitte fünfzig, mit silbernen Fäden im schwarzen Haar. In Dauerschleife leiert über die Boxen über mir Velvet Underground seinen Sunday Morning.«

Ich lese den Satz noch einmal.

»Neben mir in der billigen Maschine der noch billigeren Airline …« – und breche ab.

Es ist so skurril, dass ich es jetzt nur deswegen glaube, weil ich es in mein Notizbuch hineingeschrieben und unterstrichen habe. Schwarze Tinte lügt nicht:

Im Flugzeug von Lissabon nach München über Barcelona wird Lou Reed als Beruhigungsmusik für ängstliche Flugteilnehmer gespielt. Unabgesprochen gemeinschaftlich lesen der Spanier im besten Anzug, den ich je gesehen habe, und ich in unseren Büchern. Simultanlesen für Nichtschwimmer und Unberuhigbare. Die Maschine ruckelt. Bis ich sie verlassen werde, unterdrückt diese seltsam gemeinschaftliche Handlung, an dessen Ende wir uns sogar mit einem Nicken voneinander verabschieden, ohne ein Wort gewechselt zu haben, das Gefühl der Überreizung. Dieses Gefühl, das sich nur durch die Rückkehr zu sich selbst bewältigen lässt.

Gut, dass ich während des Fluges zu trinken beginne.

Die Maschine rumpelt bei der Landung, es klingt nach billigem Plastik. Es ist gegen Mitternacht, mit surrendem Fahrgeräusch rollen wir auf die Haltezone zu. Ich bin mir nicht mehr sicher, ob ich die Worte schreiben werde oder geschrieben habe.

Wie in Trance entsteige ich dem Flieger, eine spontane Flucht vorbereitend.

Auch hier in Barcelona riecht das Rollfeld nach warmem Teer und Kerosin. Ein Typ kommt auf einem kleinen Gefährt einsam um die Ecke geflitzt, bunte Leuchtklamotten, einen seltsamen Helm auf, Zigarette im Mundwinkel, springt unter das Flugzeug und beginnt, einen riesenhaften Schlauch zu montieren. Sein Gesicht sieht aus wie ein abgetragener Lederschuh. Die Luft ist angenehm feucht. Ich atme tief ein. Nun muss ich sieben Stunden im Flughafen verbringen. Warten ist ein Konzept, das mir vollkommen idiotisch erscheint. Es bedeutet, dass die Zeit mit nichts gefüllt wird, nichts passieren darf, alle Handlungen nur Brücken sind, damit sich alles auf das kommende Ereignis, in diesem Falle den Anschlussflug nach München, ausrichtet. Nur in einer Zeit, in der Velvet Underground zur Fahrstuhlmusik wird, macht das Sinn. Im Bus, nach Flugzeug stinkend, zwischen den anderen, wie Kegel wackelnden Menschen, vom Rollfeld zum nächtlich gespenstischen Flughafenkorpus, beschließe ich, meinen Anschluss nach München zu verpassen.

Ich entsteige dem geisterhaft leeren und unpassend hellen Flughafen wie ein Ertrinkender. Die Flut an Eindrücken, die ich mit mir bringe, könnte vor meinen Augen die Stadt niederreißend schlucken.

Eine fremde Stadt ungeplant zu betreten, fern von daheim, mitten in der Nacht, übermüdet und überreizt, bietet eine kontrastierende Wirkung zum eigenen Selbst. Einen kurzen Moment bin ich versucht, wieder umzukehren. Es ist nicht leicht, sich selbst zu ertragen.

Kein Zurück mehr. Vor dem riesigen, menschenleeren Flughafen klettere ich in den Bus wie ein seltsames Tier. Der Duft der südländischen Frühlingsnacht vermengt sich mit dem Geruch der Großstadt, umso weiter der Bus in das dunkle Zentrum vordringt.

Der Bus hält auf der Plaça de Catalunya. Erhellt von gelben Straßenlaternen erstreckt sich der als Rondell angelegte Platz um die steinerne Fläche. Ich wende mich an den Busfahrer. Mehr mit Händen als mit Worten zeigt er mir eine Richtung, die er mir rät einzuschlagen, wo um drei Uhr noch ein Hotel zu finden sei. Zumindest nehme ich an, dass er meine Intention verstanden hat.

Morgen werden Stände die Rambla wie Treibgut füllen, flanierendes Treiben zwischen Cafés und kleinen Restaurants, unter dem freundlichen Lächeln der alten Fassaden, hinter denen die Häupter der Bäume in den Himmel emporragen. In der Mitte zwischen den Häuserzügen aus alten Gründerzeitbauten, die ihren Charme in der Nacht in historische Düsternis wandeln, ist eine Allee angelegt. Die beiden Fahrspuren sind nur jeweils ein Auto breit, links und rechts der Pappeln. Der Fußweg, breit genug für Marktstände oder Massenschlägereien, dominiert die berühmte Straße. Doch jetzt, in der Nacht, drücken sich fragwürdige Gestalten im Neonlicht durch die Seitengassen. Zwischen den Bäumen, die glatt spiegelnde Allee hinab, tummeln sich Nutten und Zuhälter, betrunkene Jugendliche, Partytouristen und die zwielichtigen Typen, die ihnen nuschelnd Bier, Koks und andere Unterhaltung verkaufen wollen.

Vor einer kleinen Bucht steht ein Taxi. Der Fahrer steht rauchend an die Tür gelehnt, streicht sich immer wieder die langen Haare nach hinten. Sein weißes T‑Shirt ist ein wenig zu kurz und spannt sich über den Bauch, der an seinem ansonsten schlanken Körper hängt. Als ich ihn nach einem Hotel frage, erklärt er mir einen Weg und fügt mit spanischem Akzent an: »If you don’t find the way, do not ask the black girls. I am not racist. But they are prostitutes. They steal your money.«

Danke für den Weg.

Die meisten Nutten sind dunkelhäutige Menschen, deren Spanisch verwaschen klingt. Die Kleidung ist kurz und billig. Sie kauen Kaugummi, als ob sie den Geschmack der vorherigen Kunden mit künstlicher Himbeere vertreiben könnten.

Aufblasen und ploppen lassen.

Ich versuche, meinem verwirrten Kopf die Wegbeschreibung abzuringen, und bewege mich die Straße hinunter, in eine dunkle Gasse hinein. An einer Ecke verhandeln zwei Touristen über käufliche Stellungen mit einer dürren Frau, bewegen sich schwankend nahe an sie heran, der eine betatscht sie und ignoriert den düster dreinsehenden Pimp im Hintergrund. Erst zahlen, dann tatschen, denke ich mir als Sprechblase über den Mann mit dem schlechten Jackett und den geölten Haaren.

Ich ignoriere meinerseits eine Frau, die »Ola Mister, Blow­job?« sagt – es könnte aber auch »Ola, Mr Blowjob« sein. Meine Ignoranz scheint sie aufzuregen, denn sie ruft mir noch mit einigen Metern Abstand Wörter hinterher, die sich vom Angebot, über die Nachfrage hin zu Schimpfwörtern wandeln. Das verstehe ich, auch ohne ein Wort ihrer Sprache zu beherrschen. Schräg gegenüber von mir amüsiert das vier Typen in Trainingsklamotten, einer von ihnen mit ausgebleichten, schlecht gestochenen Tattoos auf den dünnen, drahtigen Armen, den Händen, am Hals und an der linken Schädelseite. Sein Lachen zeigt rechts eine Reihe Goldzähne. Er scheint der Anführer zu sein. Sagt etwas auf Katalanisch zu mir. Geht einige Schritte in meine Richtung und hält mir einen rosafarbenen Ballon entgegen, prall gefüllt.

Einatmen und sich ploppen lassen.

Er grinst mich zwinkernd an. Es ist definitiv sein Teil der Allee. Wir verstehen uns mit einem Blick – ich kenne Typen wie ihn und er braucht Typen wie mich nicht. Er lacht zum Abschied.

Meine Füße tragen mich ziellos die Straße hinab. An einem Mann mit löchrigem Led-Zeppelin-Shirt bleibe ich hängen, kaufe ihm spanisches Bier aus mit Eis gefüllten Plastiktüten ab. Über seiner Schulter strahlt ein neonblaues Schild, das blinkend »Hostel–Hostel–Hostel« verspricht. Umrundend lasse ich den Kameraden der Rockgeschichte stehen, der mich längst vergessen hat und jetzt versucht, einer Gruppe betrunkener Dänen den Preis seiner Dosen zu erklären.

Hostel–Hostel–Hostel.

Danach leuchten in Rot zwei Sterne auf.

Mehr Sterne kann ich heute nicht mehr erwarten.

An der Rezeption sitzt ein alter Mann, argwöhnisch mustert er mich, brummt nur, schüttelt den Kopf auf meine Frage. Dann endlich steht er schnaufend auf, als wäre er von seinem eigenen, mitleidigen, guten Herz völlig entnervt. Woher der Sinneswandel kommt, weiß ich nicht. Brummelnd schlurft er hinter dem Tresen hervor und führt mich nach oben in einen schlecht beleuchteten Flur. Die Wände der Zimmer sind dünn, irgendwo Lachen, irgendwo Schnarchen. Am Ende des Flures hält er an.

Das Zimmer ist winzig, aber das Bad sauber und eines für mich alleine, ohne salzige Surfer, ohne den Mann, den zu kennen und zu verstehen in den letzten Monaten meine Aufgabe geworden ist.

Ein Mensch ist eine Figur, oder umgekehrt.

Der einzige Zugang nach außen, abgesehen von der windigen Eingangstür, ist eine mit knarzendem Plas­tik­rah­men auf einen kleinen Betonbalkon führende, blinde Glastür. Ich übersteige das Plastik und stehe auf nacktem Beton. Kein Tisch. Oder Stuhl. Über mir ragen die umliegenden Gebäude eng in den schwarzen Nachthimmel. Die Klimaanlagen, die dreckig und zerfallen in die Hinterhöfe der Häuser ragen, surren wie ein bedrohlich großer Insektenschwarm.

Ich brauche Schlaf, Ruhe, Abstand. Ein paar Stunden für mich. Und nur mit mir. Meine kleine Tasche mit dem Laptop und dem Notizbuch ist berstend voll mit den Informationen der letzten Monate, mit den Wellen, dem Sand, dem Blindenstock, gefüllt mit diesem Menschen, den ich in den letzten Tagen, Wochen und Monaten begleitet und eingesammelt habe. In Einzelteilen und Stücken liegt er in meiner Tasche verteilt. Dieser Mann, der mir vor einem Jahr noch ein Fremder war, den habe ich, ohne Grenze, schmerzhaft nah und schnell kennengelernt und in seine Bestandteile zerlegt. Um ihn wieder zusammensetzen zu können. All diese Puzzleteile passen an bestimmten Enden zusammen. Gehören zusammen. Schlimmer noch: Es ist meine Aufgabe, sie zusammenzusetzen.

Ich brauche Ruhe, dringend.

Der Alte brummt etwas, das meine Gedanken in Fasern zerfranst. Er riecht nach Zigarre, seine olivfarbene Haut lässt das Weiß des perfekt sitzenden Hemdkragens leuchten. Um seinen Hals liegt eine schwere Goldkette mit dem ebenfalls goldenen, gekreuzigten Nazarener daran.

Ich nicke ihm zu.

Er hält mir eine abgegriffene Kladde hin. Ich könnte auch weitersuchen. Etwas Herzerwärmendes finden. Ein kleines Hotel, das familiär wirkt, in dem ich sogar jetzt, um vier Uhr, herzlich von einer dicken Mama empfangen werde. Drauf geschissen. Ich zücke den Füller, mit dem meine Hand in den letzten Tagen zu verwachsen drohte, und schmiere meinen Namen auf die gestrichelte Linie unter einer von mir nicht lesbaren Vereinbarungen mit dem unverschämten Preis für dieses Drecksloch.

Damit gebe ich auf.

Ich brauche nur fünf Stunden, nur fünf Stunden komatösen Schlaf, um mein System zu entlasten, meine geistigen Filter aufzufrischen, um morgen an den Inhalt der Siebe zu kommen. Um die kleinen, leuchtenden Schätze vom Rest zu trennen, aus dem Strom aus Schlamm die kleinen Klumpen Gold herauswaschen. Und aus ihnen etwas Größeres zusammenzusetzen. Das verdammte Puzzle macht mir Angst.

Der Alte steht in der Tür und glotzt mich froschig an. Ich glaube, ihn grinsen gesehen zu haben. Eine Gesichtsregung, die er während der ganzen Zeit nicht hatte. Vielleicht halluziniere ich aber auch. Nachdrücklich lege ich ihm die Kladde an die Brust und schlage die Tür zu.

Das Zimmer ist ruhig, keine anderen Menschen, nur ich. Irgendwo in dem schmalen Trichter über mir, zwischen den Häusern, schreit eine Frau koital. Die Befürchtung, ich könnte nach vierundzwanzig Stunden auf den Beinen keinen Schlaf finden, überkommt mich. Das muss strategisch angegangen werden, einfach auf das viel zu weiche Bett legen, wird nicht funktionieren. Die Frau wird leiser und verstummt seufzend. Ich ziehe mich nackt aus und entledige mich damit des Flugzeuggeruchs. Aus meiner Tasche fische ich die zwei Büchsenbiere. Aus den Resten in dem kleinen Plastikbeutel zwirbele ich eine letzte Zigarette. Ich stelle mich nackt auf den Betonquader und rauche und stürze das Bier in langen Zügen, die meinen Hals zucken lassen, als wäre ich eine kontraktierende, schlingende Anakonda. Dazwischen Rauch, dann die zweite Dose. Betäubt schüttle ich die letzten Tropfen aus der Dose, die Zigarette bis zum eingedrehten Filter heruntergeraucht.

Das sollte helfen.

Taumelnd lege ich mich auf die Matratze und starre an die Decke, an der sich hypnotisch langsam ein silbern-kalter Lichtstreifen im Ventilator bricht.

Morgen werde ich durch Barcelona laufen. Mich treiben lassen. Ich bin ein Stadtkind und nehme Städte als Umgebung war, als Natur, als einen Puls, den ich fühlen kann, wenn ich bereit bin, mich hinzugeben. Der Puls wird mich nach Gótico führen. Durch schmale hohe Gassen, durch die kühlender Wind streicht. Schmaler Streifen azurblauen Himmels über mir, gedämpft durch die alten rot-steinernen Fassaden. Manchmal wird der Wind den Geruch frisch gewaschener Wäsche mit dem des Meeres vermischen. Ich werde ein Café finden, mich dort an einen kleinen, runden Tisch setzen. Vor mir, im Schatten der schmalen Gasse, zwischen Kaffee und Oliven und einem Glas staubig-trockenen Rotweins, meine Notizen ausbreiten. Die neue Stadt, die dadurch entstehende Ruhe, die Distanz zum Vertrauten und damit zu mir selbst, wird mich ermächtigen, der aufkommenden Flut Herr zu werden.

Das rhythmisch durch die sanften Rotoren gehackte Licht beginnt vor meinem Auge zu verblassen. Kurz bevor mich das gnädige Nichts erreicht, bevor das herbeigeführte Koma beginnt, flackert Widerstand auf. Die Neuronen feuern, die Frage, wo ich beginnen werde, wie es gilt anzufangen, schießt glühend durch meinen Kopf.

Das Bild vor meinen Augen verschwimmt weiter, in meinen Ohren rauschen die Wellen.

Das erste Teil findet seine Verknüpfung.

Es ist Sonntag. Am Anfang stand das Gespräch, an einem Sonntag, ein Einstieg, ein Anfang. Das aus einem winzigen Ereignis folgte, einem Händedruck; ein Ereignis, das aus einer schier unendlichen Verkettung von Momenten entstand.

Ein Leben zu erzählen ist unmöglich, es sind immer nur die kläglichen Versuche, dieser dreidimensionalen Spirale eine vereinfachte Form zu geben, die Zeit in dramaturgische Einheiten zu bringen.

Eine Spirale aus Zeit. Seiner Lebenszeit. Die ich mir durch seine Erzählungen über die letzten Monate aneignete.

Ich bin auch eine Spirale. Der Entschluss ist gefallen, morgen muss es beginnen. Ein Morgen; kurz weiß ich noch, dass auf Sonntag der Montag folgt.

Dann reißt es mich hinab und ich werde blind:

Sonntag Ioder: Ein erstes Gespräch ist noch kein Anfang

Die Gemütlichkeit der Küche dämpft angenehm die Arbeitsstimmung. Die Minuten zerfließen, ich höre hinter mir die Uhr deutlich ticken. Es ist die Stimmung, die kurz vor einem Absprung entsteht. Das will nicht so recht zu einem Sonntag passen. Damit schrumpft alles zu einem kleinen Kosmos zusammen, zu einem kleinen Raum, in dem, im Gegensatz zur übrigen Welt, etwas beginnt. Oder zumindest stattfindet.

Wir sitzen uns an dem großen Holztisch schräg gegenüber. Ich höre, wie er sich klappernd einrichtet, und warte. Durch das gekippte Fenster kann ich die Vögel hören und ihr aufgeregtes Hin und Her schraubt sich hinauf und hinab. Der abendliche Gesang, dessen Hall durch den Trichter des Hinterhofes verstärkt wird, und die kühle Frische versprechen den Frühling. Ich zünde mir eine Zigarette an und gebe der Situation dadurch eine zusätzliche Note. Erst einmal abwarten, wie er das Ganze nun angeht.

Mit energischem Griff zieht er die Bierflasche vom Tisch und öffnet sie mit zischendem Schmatzgeräusch. Die Vögel werden vom Glucksen seines tiefen Zuges unterbrochen. Ich ziehe mit, trinke erst einmal einen Schluck. Ein bisschen Mut. Unpassenderweise muss ich gerade jetzt daran denken, dass ich schon lange neue Stühle und eine Bank in der Küche haben will. Diese hier, auf denen wir nun sitzen, passen gar nicht zu mir. Es ist schwierig, auf ihnen entspannt und locker zu sein. Die Lehnen sind zu hoch. Das Polster so pseudosamtig.

Er setzt die Flasche schwer ab. Jemand, der es gewohnt ist, Raum einzunehmen. Und der jetzt da ist, um mir Raum zu geben.

Einen kurzen Moment habe ich noch einmal diesen Zweifel. Das ist der Moment, kurz bevor es endgültig zu spät ist zurückzurudern, auch wenn es jetzt schon echt peinlich wäre. Wir verstehen uns auf diese unbestimmte Art. Irgendwie gut. Aber dass wir uns kennen würden, das kann man nicht behaupten.

Aber das wird sich jetzt ändern. Ob wir wollen oder nicht: Gleich fangen wir an, uns kennenzulernen.

Das kann auch unangenehm sein.

»Ich schalte das Aufnahmegerät jetzt ein.« Seine Stimme verrät nicht, ob er gespannt ist, aufgeregt, neugierig. Oder sonst was.

»Okay«, kann ich nur sagen.

Mit diesem einen Wort schlucke ich meine Zweifel hinunter. Erstickungsgefahr nicht ausgeschlossen.

Aber das Risiko ist es wert. Um die nervige Stimme zum Schweigen zu bringen. Diese Stimme, die leise sagt, dass es ganz toll ist, was ich mir da wieder eingebrockt habe. Diese Stimme, die fragt, wie man nur auf diese bescheuerte Idee kommen kann, ein Buch schreiben zu wollen. Also, nicht ich selbst. Und eigentlich auch nicht mit mir. Und nicht einfach nur so über mich. Sondern irgendwie bin ich jetzt das Buch.

Die Stimme zeigt mir den Vogel.

Manchmal hat diese Stimme den Akzent meines Vaters und das Vibrato meiner Mutter. Voller Sorgenbass und liebevoller Höhen. Wird aber seltener in letzter Zeit.

»Wir haben heute den 3. März und unsere erste Sitzung.«

Er spricht etwas näher an mir, um dem Aufnahmegerät seine Stimme einzutrichtern. Er hat es gleich links neben den Aschenbecher vor mich gestellt. Also näher zu mir als zu ihm. Solche Sachen merke ich mir. Weil ich es muss. Normalerweise fällt mir das nicht so deutlich auf. Aber in diesem Moment, da macht es den Unterschied aus, um den es wohl auch gehen wird.

»Wir fangen einfach mal an«, fügt er hinzu.

Ich nicke in seine Richtung.

Da ist dieses Gefühl, das man kennt, wenn man Musik macht. Oder wegen anderem Zeug auf irgendwelchen Bühnen steht. Dieses Gefühl, dieses Angetörntsein davon, im Mittelpunkt zu stehen – während man sich gleichzeitig davor scheut. Einen kleinen Teil gibt es, der mich dann immer für die eigene Selbstverliebtheit ohrfeigt.

»Also, Hansi, erzähl mir doch zum Einstieg mal deine Woche.«

Damit fangen wir also an. Ich nehme an, es ist so gut wie jeder andere Anfangspunkt. Wenn man alles erzählen will, kann man von überall starten. Hat er mir erklärt. Das ist also der Anfang.

Nun muss ich. Den Zurückruder-Moment hab’ ich wohl verpasst.

Okay, here we go:

Eine Woche hat sieben Tage. Aber diese Woche hatte einen Einstieg, einen Auftakt. Wenn man einen Auftritt spielt, dann gehören einfach der Tag davor und der Tag danach dazu. Und die Woche, die nach diesem Wochenende folgte, war so unter der Kontrolle der Ereignisse, dass es der Start sein muss; das Wochenende, mit dem das alles losging, das zu einem Tag verschmilzt. Wie ein langer Ritt. Damit ging es los. Der Tag null, das ist der Freitag.

Also, ich fange mit dem Freitag, dem Einstieg in den Taumel an.

Es ist Freitag und ich sitze auf dem Polster des rollenden Bürostuhls in dem kleinen Radiostudio. Die Luft und der Schall sind etwas drückend, wie unter Watte. Ich nehme an, weil es sich gegen außen abschottet. Die Kopfhörer tun ihr Übriges. Über sie kann ich den Moderator hören, die Musik, die er einspielt. Und leider auch meine eigene Stimme. Wenn niemand etwas sagen und keine Musik gespielt werden würde, dann könnten diese Kopfhörer mich von der Außenwelt abschneiden. Aber diesen Gedanken habe ich nur kurz. Ich bin aufgeregt. Nicht wegen des Interviews. Während ich da sitze und über die Kopfhörer Dave Grohl den ersten Song seiner neuen Scheibe in mein Ohr zementiert, wird mir plötzlich klar, dass es jetzt losgeht. Deswegen bin ich aufgeregt. Mir wird klar, dass morgen alles klappen muss und dass ich auf der Bühne stehen werde. Das passt gut, denn Daves Song schraubt sich gerade in den Höhepunkt und lässt mich mitvibrieren.

Das Mikrofon vor mir hatte ich mir zuvor schon so hingedreht, dass ich die ganze Zeit im gleichen Abstand sitzen bleiben kann. Meine Hände liegen deshalb auf dem Tisch, aus dem das Mikro wie ein biegsamer Rüssel ragt, so dass ich den Abstand beibehalten kann, ohne dass ich drüber nachdenken muss. Das lässt mich etwas steif sitzen. Aber im Radio kann sowieso niemand etwas sehen. Mich auch nicht.

»… das war ein echtes Brett, liebe Rockfreunde. Und zu einem echten Brett kommen wir auch jetzt. Bei mir im Studio sitzt der Sänger von The Dehydrators und der Initiator der Benefizveranstaltungsreihe Rock the Kids, Johann Mühlbauer. Hansi, schön dass du da bist!«

»Hey, freut mich, hier zu sein!«

Benefizveranstaltungsreihe – das geht auch nur im Deutschen. Eigentlich fehlt in dem Wort noch Konzert und Abend.

»Wirklich toll, dass du Zeit finden konntest, momentan ist ja wirklich viel los bei dir, denn morgen ab zwanzig Uhr geht es ja mit Rock the Kids im K4 los.«

Dieses Dauerlächeln, das er in der Stimme hat, das ist das erste Anzeichen dafür, dass da noch was im Busch ist.

»Allerdings, wir sind ziemlich im Stress. Schließlich soll morgen alles klappen und da steckt eine Menge Vorbereitung drin. Proben, Organisation und so.«

Toll, noch mehr Aufregung. Egal, was noch im Busch ist, ich freue mich, dass unser Benefiz Runde um Runde so gut ankommt. Und dass ich meine Stimme on air dazu benutzen kann, Werbung zu machen.

»Hansi, die Dehydrators heizen dem Publikum ordentlich ein. Da erleben du und deine Bandkollegen bestimmt einiges als Aufstiegsregionalrockband. Was bedeutet es für dich, Musik zu machen?«

Aufstiegsregionalrockband? Ich glaube, jetzt habe ich so eine Ahnung, wo das hinführen könnte.

»Ja, wenn man in einer Indie-Rock-Band spielt, geht einiges.« Ich betone das Wort Indie. Sollte Chris das hören, dann beißt er gerade in die Tischkante. Unser Gitarrist hasst diese Bezeichnung. Ich beherrsche meinen inneren Lachkrampf und konzentriere mich. »Musik beeinflusst mich, ich höre viel und gerne Musik. Das ist über die Jahre für mich immer wichtiger geworden. Und auf der Bühne zu stehen und mit den Leuten gemeinsam abzugehen, zu spüren wie die Musik uns alle vorwärtsschiebt, ist einfach toll.«

»Das kann ich mir vorstellen. Und weil wir euch das nicht vorenthalten wollen, hört ihr nun The Dehydrators mit ihrem Song Paranoid.«

Die ersten Riffs des Songs überlagern den Schluss seiner Ansage. Aus Erfahrung weiß ich, dass man jetzt die Kopfhörer abnehmen darf. Aber ich nehme sie nicht ab. Nicht, dass es dann plötzlich weitergeht und ich dann suche und sie nicht finde. Also lass ich die Dinger auf. Gefangen zwischen den gepolsterten Bügeln kann ich unserem Song nicht ausweichen. Meine Ohren glühen schon richtig. Man sollte sich kurz vor einem Auftritt nicht die eigenen Songs anhören. Das macht einen wirklich doof im Kopf.

Einfach drauf einlassen.

Nicht verkrampfen.

Ich gebe mich ein bisschen hin.

Um dem inneren Mitsingen zu widerstehen, denke ich an die ersten Jamsessions im Proberaum. An das erste gemeinsame Bier. Daran, dass ich die Jungs kennenlernte, als sie einen Sänger suchten, und ich sagte: »Na, singen kann ich auch.« War nicht gelogen, aber auch nicht unübertrieben. Aber ich habe da diesen Drang, in die Dinge reinzuspringen, die mir Angst machen. Ich gehöre wahrscheinlich zu den Tausenden von Menschen, die sich beim Hören ihrer Lieblingsbands vorgestellt haben, auch auf der Bühne zu stehen. Ich erinnere mich daran, wie der Zug mich wieder fort von meinem Heimatdorf, zurück in die Stadt brachte, weg vom Land. Die schmierigen Kunstlederpolster, die Luft, die zwischen den Sitzen stand, irgendwo eine lachende Familie mit Kindern. Das Klacken der Sohlen des Schaffners. Das Zischen und Rumpeln der sich schließenden Türen. Die Sonne schien durch das Fenster des Zuges, ich fühlte, wie sie warm auf meinem Gesicht und meiner Hand lag, manchmal flirrend unterbrochen von irgendetwas, an dem er mich vorbeifuhr. Das gleichmäßige Rattern der Bahn drang durch die mit Schaumstoff überzogenen Kopfhörer. Aus ihnen sang scheppernd Greg Graffin, und ich klopfte zum amerikanischen Heiland den Takt auf meinen Knien. Damals dachte ich noch, wenn überhaupt, dann passe ich in den Hintergrund einer Band. Natürlich will jeder Sänger werden, aber wie ich mich auf einer Bühne bewegen sollte, das konnte ich mir damals einfach nicht mal im Ansatz vorstellen. Am Schlagzeug sitzend, da wäre ich kein Problem. Aber mit dem Singen-kann-ich-auch-Gerede hatte ich mich eben wie immer einfach reingeschmissen. Dann muss man eben auch und Punkt. Nur weil man mal mit siebzehn hinter seinen Kopfhörern von singenden Menschen im Stadion träumt, während man den Rhythmus drischt, heißt das nicht, dass man mit einunddreißig nicht Sänger in einer Rockband sein kann, die keine Stadien, aber punkige Kulturschuppen füllt. Manche Kopfhörer begleiten einen so lange, bis man richtig zuhört.

Jetzt höre ich durch die Kopfhörer, wie meine eigene Stimme zu den letzten Riffs unseres Songs klingt.

»Das waren The Dehydrators mit Paranoid, und gerade sitzt bei mir im Studio der Sänger der Band und Veranstalter der Benefizveranstaltungsreihe Rock the Kids: Hansi Mühlbauer.«

»Meine Bandkollegen nennen mich auch Johnny Nolook«, grinse ich.

Kurz bevor der Moderator lacht, entsteht diese kleine Pause.

»Hansi, du hast vorhin schon kurz erwähnt, dass ihr gerade alle Hände voll zu tun habt«, sagt er, seine Unsicherheit überspielend.

»Ja, richtig. Morgen Abend gehen wir mit Rock the Kids an den Start. Es kommt jedes Jahr besser an, und wir freuen uns auch auf die anderen Bands, die sich morgen mit uns die Bühne teilen werden.«

»Wie bist du auf die Idee für Rock the Kids gekommen?«

War ’ne Schnapsidee, wortwörtlich. Und das sich damals immer mehr in mir ausbreitende Gefühl, etwas zurückgeben zu wollen. Helfen zu wollen.

»Na ja, da gab es die Dehydrators noch nicht so lange. Wir waren auf einer Party und haben uns unterhalten und kamen irgendwie darauf, wie verdammt noch mal gut es uns eigentlich geht. Da war gerade diese Flutkatastrophe. Und während wir so quatschten, wurde klar: Wer was ändern will, muss seinen Arsch halt auch hochbekommen und nicht nur über andere reden. Von da an ging dann Rock the Kids los.«

»Das ist Sozialengagementrock, liebe Freunde!«, sagt er begeistert.

Mein Grinsen ist das einzige, was ich von meinem inneren Lachanfall zulasse. Was für ein Spaß. Ich könnte auch noch ein Wort erfinden.

»Mit Aufdiefresserock einfach auch mal helfen – das ist das Ziel!«, setze ich nach. Na ja, war nicht der große Treffer. Aber Chris weiß jetzt, dass ich nur Spaß mache, und kann die Tischkante wieder aus dem Mund nehmen. Mein Grinsen würde mich verraten. Sieht aber ja keiner. »Deswegen ist es auch super, dass ich hier in der Sendung sitzen darf. So kann ich noch viel mehr Leuten sagen: Kommt vorbei, es wird ein Spitzenabend! Dieses Jahr unterstützen wir das Kinder- und Jugendhaus Bienenstock.« Warum ich an dieser Stelle die Geste für Anführungszeichen mache, ist mir unklar. »Wir haben einige Sponsoren dabei, die uns jedes Jahr super unterstützen.«

»Da tut ihr und die anderen wirklich was Gutes! Wirklich toll!« Keine Frage. Aber eine Pause. »Ist das auch … also hängt das mit …« Seine Stimme bekommt plötzlich einen anderen Unterton.

Mir ist klar, was kommt, aber wirklich helfen will ich gerade irgendwie auch nicht.

Jetzt spielen wir erst mal Katze aus dem Sack.

»Also, du … bist ja blind.«

»Richtig!« Ich imitiere schon seine Sonnenscheinstimme. Klingt, als ob er gerade etwas gewonnen hätte.

»Hat das auch, also dass du blind bist, auch mit der Hilfe für die Kindertagesstätte zu tun?«

»Nein, im Bienenstock sind keine Blinden, würde sonst ja Blindenstock heißen …«, lache ich. Und er lacht mit, ehrlich. Sehr gut, Stimmung wieder gelöst. »Und es heißt ja auch nicht Rock the Blind«, lege ich nach.

Das war auch einen Lacher wert.

Es hilft dem Benefiz tatsächlich, dass ich blind bin. Ganz klar, wenn der Blinde anruft und sagt: »Hey, wir machen da eine sozial engagierte Party mit Konzerten, ich organisiere das, und wir wollen Sie dabeihaben«, dann ist die Sache geritzt. Ob das jetzt richtig ist, dass ich mit dem Zeug, was andere Menschen ja auch machen, automatisch mehr Eindruck schinde, darüber lässt sich streiten. Ich verzeichne das unter dem Ausspielen der Kartenhand, die man eben bekommen hat. Was sollte ich auch sonst machen – auf den Spaß beim Helfen, meine langen Haare und meinen tollen Musikgeschmack verweisen?

»Meine Band hat mir vor einigen Jahren mal ein T‑Shirt geschenkt«, erzähle ich ihm und dem Mikro, »mit einem Bild von mir darauf. In großer Verehrung von Mr Cash stand darüber: ›Listen to the man in blind‹. Das unkorrekte Englisch hat mir damit auch meinen immer wieder mal aufkommenden Spitznamen eingebracht: Mr Johnny Nolook.«

Der Moderator lacht wieder. Aber das wird nicht reichen, es geht schon noch ein bisschen um die Katze.

»Aber die anderen in der Band, die sind …?«

»Die sind normal. Also eigentlich sind sie das gar nicht. Aber sie können sehen, was sie so machen, wenn sie morgen Abend auf der Bühne stehen und die Show rocken.«

»Ihr habt es gehört, Freunde – kommt morgen Abend ins K4, ab zwanzig Uhr wird für die Kids und den Bienenstock gerockt – mit am Start sind noch weitere Bands, Party hinterher und das alles für nur 9 Euro Eintritt, was komplett den Kindern zugutekommt. Und jetzt hier noch einmal für euch die Dehydrators mit ’till hell breaks loose!«

Der Song setzt ein. Ich setze die Kopfhörer ab. Die Sendung ist vorbei.

»Hey, megagut – vielen Dank, dass du mich in die Sendung gebracht hast«, wende ich mich ihm zu und halte ihm die Hand entgegen.

»Is’ doch klar, Alter«, schlägt er ein.

Das ist die Startrampe. Jetzt kann es losgehen.

Anfahrt, Geschwindigkeit aufnehmen, Absprung und dann mit dem Kopf voraus hinein. Es ist ein Abtauchen, treibend darin untergehen. Atemlos und trunken jeden Moment gierig aufsaugen, als ob es der letzte sein könnte, der letzte verdammte Moment, der es wert wäre, dass danach die ganze Welt zum Teufel geht. Jaulende Riffs, mehr Drinks, ein Taumel und Zechen, ein Lachen und Drehen, es flirrt in der Blutbahn und Applaus klingt noch in den Ohren nach, den leisen, fiependen Ton, der sich als Beweis für die anderen Bands einnistet, übertrumpfend. Es ist nicht nur die Nacht selbst, nicht nur der Auftritt an sich.

Es sind die Tage davor.

Und der Tag danach.

Die Nächte dazwischen.

Es gehört alles zusammen, wie die einzelnen Mitglieder unserer Band, die Instrumente, die einzeln für sich genommen Macht und Kraft besitzen – aber erst gemeinsam bringen sie die erste Reihe zum Springen und Pogen.

Nichts ist vergleichbar. So wie alles das einmalig, geil, groß und wahnsinnig ist, einfach jeden Vergleich hinter sich lässt. Also, man steckt da drin, in diesen Tagen und Nächten, in diesem Auftritt. Im Rausch. Und der Sonntag ist dann nur eine sich anschließende, zähflüssige Masse. Die Jungs und ich bauen ab, trinken ein letztes Bier und ich falle irgendwann einfach um, glücklicherweise in mein Bett. Es stampft und rockt über mich hinweg, und wie immer kann ich erst danach sagen, dass es passiert ist. Am Montag, dem Tag, an dem diese Woche wirklich beginnt, folgt das Erwachen:

Ein wenig durchgekämpft und abgefuckt werde ich am Montagmorgen aufwachen und bemerken, dass ich es verdammt noch mal verloren habe.

Denn damit beginnt diese Woche – mit einem Verlust.

Montagoder: Wer verliert, der sucht

Ohne geträumt zu haben, mit dem Gefühl halbseiden gegart worden zu sein, wühle ich mich aus der Decke. Tastend suche ich auf dem Tischchen neben dem Bett, um zu erfahren, ob ich den Tag verschlafen habe. Und finde nichts. Der Wecker muss runtergefallen sein. Das lässt mich erst einmal in die Decke zurücksinken. An einem solchen Morgen wäre eine Motivation dringend nötig.

Ein »Fuck, es ist schon spät« hätte helfen können.

Ich genieße noch einmal kurz, aufgewacht zu sein, und die Ruhe in mir. Ohne Druck. Ohne Fuck.

Das Fiepen in den Ohren ist weg. Das Gefühl im Schädel, von einem Laster getroffen worden zu sein, ist zumindest fast verflogen. Dass ich wieder klar höre, ist verdammt gut. Sonst müsste ich jetzt zum Arzt rennen. Mit meinen Ohren bin ich manchmal ein bisschen vorsichtig. Aber irgendwie dann auch nur manchmal. Es ist ein etwas seltsames Verhältnis, könnte man sagen. Ich weiß, wenn meinen Ohren etwas passiert, dann bin ich sozusagen weg. Oder anders herum: Die Welt ist dann fast weg. Kurz vor dem Horizont. Trotzdem gibt es nichts Besseres, als sich vorne im Moshpit gut betrunken dem gut geführten Krach mit jeder Faser hinzugeben. Von Muskelstrang bis, ja, bis eben zum Trommelfell. Trotzdem, wenn etwas länger anhält, ein Fiepsen in den Ohren, ein Druck oder Drückchen, Schmerz oder Schmerzchen, dann sitzt der Herr Rocker extrem beunruhigt auf einem klebrigen Wartezimmerstuhl und wartet darauf, dass er seinen Namen hört. Und verflucht sich dafür, um sein Gehör gepokert zu haben.

Bevor ich da sitze, denke ich trotzdem nicht darüber nach, was passieren könnte. Die Freude über jeden Moment auf der Bühne ist einfach überwältigend.

Kurz bevor ich wieder einschlafe, bemerke ich, dass ich immer noch keine Ahnung habe, wie viel Uhr es ist. Stöhnend rolle ich mich auf die Seite und taste neben dem Nachttisch, auf dem Boden, neben meinem Bett. Ich greife irgendwas Sockiges. Kein Wecker. Ich muss das verdammte Ding wieder mal im Bad stehen gelassen haben. Wenn ich jetzt das Musikhören während des Duschens gegen die Uhrzeit eintauschen könnte, würde ich es tun. Es hilft alles nichts – ich stehe auf, tappe schlaftrunken und gähnend durch das Wohnzimmer und über den kurzen Flur ins Bad. Mit der rechten fahre ich über das kühle, angeraute Plastik der Waschmaschine gegenüber der Badewanne. Hab’ ihn. Mit dem Zeigefinger drücke ich auf die glatte Erhebung. Mechanisch klingend wie eine Robotervorstellung aus den Siebzigern sagt er die Zeit: neun Uhr zweiunddreißig. Und während ich mich freue, dass es noch nicht zu spät ist, ein bisschen was vom Tag zu haben, da habe ich es noch nicht richtig registriert. Oder wieder verdrängt. Vergessen.

Ich stelle den Wecker zurück und merke mir, wo ich ihn hingestellt habe: linke Kante, Waschmaschine.

Ich muss mir natürlich viele Dinge merken. Es würde sehr helfen, wenn ich für Dinge wie meine Hausschlüssel, meine Unterlagen, mein Taschenmesser oder eben meinen Radiowecker, einen wirklich festen Platz hätte. Oder für mein Handy. Es wäre praktisch, wenn ich schnell losmöchte oder mal meine Rechnungen sortieren muss. Und es wäre vielleicht sogar logisch, also angebracht – das denken zumindest die meisten. Es ist eines der Klischees, die ich leider einfach nicht erfülle. Es wäre manchmal ein praktisches Klischee. So wie jetzt. Dann würde mir jetzt auffallen, dass mein Handy nicht an seinem Platz liegt. Tut es aber nicht.

Das Einzige, was mir jetzt einfällt, ist erst einmal: Sport, Dusche, Frühstück und Kaffee.

Das Erste (Dusche) geht pfeifend und singend vonstatten. Das Zweite (Frühstück und Kaffee) mit Sonne auf dem Rücken. Das Dritte (Sport) verschiebe ich erst einmal auf später. Während ich das Müsli vor mich hinlöffle, denke ich daran, wohin ich sie einladen könnte.

Ob ich sie einladen sollte.

Statt dem Fiepen habe ich immer noch ihre Stimme im Ohr, ihr Lachen. Ich frage mich, was sie gerade macht, ob sie auch ausschlafen konnte. Ob sie gerne etwas von meinem Müsli abhaben wollen würde.

Was ich anziehen könnte. Wenn ich sie einladen würde.

Ob ich verliebt bin.

Ich beschließe, dass es eine gute Idee ist, sie zu fragen, ob sie mit mir essen gehen möchte. Nichts Schickes, eher in diesen kleinen Burgerladen. Burger sind irgendwie lässig, wenn auch ein bisschen arg Berlin zurzeit. Aber der Schuppen ist super, Rock ’n’ Roll und fränkischer Burger. Gegen den Burger sprechen die Soße und das komplizierte Essen. Ich grinse über kompliziertes Essen und löffle mein Müsli.

Es ist wirklich so, dass soßiges Essen für mich ein Kriterium ist, nicht in einen Laden mit jemanden zu gehen. Das gilt allerdings nur für Menschen, die ich noch nicht kenne. Bei Freunden wird mir das egal. Die Gefahr, sich bei soßigen Sachen vollzusauen, ist da. Nicht übermäßig groß. Aber da. Und jemand, der mich gerade kennenlernt, soll nach dem Abend nicht denken: Mann, der Idiot kann nicht mal essen. Deswegen sollte ich so einen Laden meiden.

Also, Soße fällt flach beim ersten Date. Oder Sachen, bei denen ich viel schneiden muss. Dann muss ich das Besteck so kurz am Stiel nehmen, dass meine Zeigefinger fühlen können, was ich schneide, wie viel ich abtrenne. Wenn das auch noch soßig ist, was da geschnitten wird, brauche ich hinterher einen Stapel Servietten. Oder die Toilette; also, genauer, das Waschbecken. Das kann sogar ich voneinander unterscheiden.

Noch so ein Kriterium: Ein Laden, den ich kenne. Es kommt einfach nicht gut, zwischen tollen Witzchen und intimer werdenden Fragen einzuschieben: »So, jetzt muss ich aber pinkeln. Zeigst du mir das Klo?«

Vielleicht sollte ich nicht nur ans Essen denken. Liegt wahrscheinlich am Müsli. Über einen Scheiß kann man nachdenken. Und immer wenn ich über diesen Scheiß nachdenke, fällt mir auf, dass es ein Gedankengang ist, der mir beigebracht wurde.

Es war ein scheißkalter Winter und das Klassenzimmer roch nach Heizungsluft. Mein Platz war in der hinteren Reihe rechts. Ich konnte durch die Fenster einen Vogel singen hören. Meine Deutschlehrerin war eine schon etwas ältere Dame. Ich kann ihre leicht raue Stimme noch hören, wenn ich über diese Dinge nachdenke.

Sie sagte: »Bedenkt immer: Wenn ihr euch beim Essen bekleckert, mit einem Fleck auf dem Pullover herumlauft und es nicht bemerkt, weil ihr es nicht sehen könnt, dann seid ihr nicht einfach ein Mensch mit einem Fleck auf dem Pullover. Ihr seid ein Blinder, ein behinderter Mensch, der nicht fähig ist, sich selbst sauber zu halten. Im besten Fall hilfsbedürftig. Bemitleidenswert im schlechtesten Fall.«

Es ist ein Unterschied, ob man Hilfe bei manchen Dingen braucht oder hilfsbedürftig ist. Das habe ich allerdings nicht nur in der Schule gelernt.

Essen gehen ist vielleicht auch einfach schon die zweite Stufe, ich sollte sie erst mal auf einen Kaffee treffen. Irgendwo schön draußen, Sonne auf meinem Rücken, leckerer Kaffee, tolles Gespräch, super Schattenplatz, wenn es zu heiß wird. Obwohl, so warm wird es noch nicht.

Ich kaue und esse. Die Sonne scheint mir durch mein Küchenfenster auf den Rücken. Ich frage mich, ob ich ihr Typ bin. Oder ob ich es nicht bin. Aber wenn nicht, tja, dann hätte sie mir nicht ihre Nummer gegeben. Ihre Nummer. Nulleinsirgendwas. Zahlen bekomme ich einfach nicht mehr in mein Hirn. Bevor ich Talks auf dem Handy hatte, konnte ich mir Telefonnummern problemlos merken. Ging nicht anders, aufschreiben nützt ja nichts. Ich habe mich lange gegen die Sprachsoftware gewehrt, alle um mich herum, also die Blinden, hatten sie schon. Nur ich nicht. Vielleicht wusste ich instinktiv, dass es mir zwar helfen, aber mein Telefonnummern-Gedächtnis verkommen lassen würde. Das blinde Orakel vom Lande.

In dem Moment schiebt sich eine Wolke oder irgendetwas Unheimlicheres vor die Sonne. Es wird plötzlich kühl. Ich kaue immer langsamer und mein Lächeln verschwindet, während es mir langsam dämmert. Ihre Nummer konnte ich mir nicht merken, also habe ich sie in mein Handy gespeichert. In mein Handy, das ich heute noch nicht in der Hand hatte. Wo es ja schon wegen des Namens hingehört. Das Scheißhandy, dieses nummernfressende Gerät, auf das ich jetzt schiebe, dass ich mir ihre Nummer nicht merken konnte. Und nirgendwo in meinen Hirnwindungen, weil die schon so aufgeweicht sind durch das ewige Zahlen-nicht-merken-Müssen, kann ich einen Hinweis darauf finden, wo das kleine Mistding ist. Oder weil ich einfach schlampig bin. Da ist es wieder, das nicht erfüllte Ordnungsklischee.

Ich lausche, aber bis auf das leise Brummen des Kühlschranks höre ich nichts. Hey, sag mal Piep.

Aber alles kein Problem, gibt für alles eine einfache Lösung. Ich schiebe die Schüssel von mir und gehe mit angehobenen Armen und einem kurzen Kontakt zum Türrahmen in den Flur, taste auf dem Schränkchen. Zumindest das Festnetztelefon ist an seinem Platz. Meine eigene Nummer wählend, mache ich mir Hoffnungen, dass es irgendwo, vielleicht dumpf aus einer Tasche heraus, klingeln wird. Wählen und hoffen. Toll, meine Nummer kann ich auswendig. Ein leises Knacken und kurze Stille im Hörer. Ich warte. Fehlanzeige. Die Mailbox geht ran. Das Scheißding ist aus.

Etwas zu heftig ramme ich das Telefon zurück in die Ladestation. Jetzt hilft nur suchen.

Zuerst suche ich noch ruhig und langsam. Ich bewege mich systematisch, ertaste den rauen Stoff der Jacke an der Garderobe im Flur; weiter zum stummen Diener im Schlafzimmer, über dem lasch die Hose hängt, Jeansstoff, die Tasche innen ist weich und leer; dann durchsuche ich die Tasche, die ich das Wochenende über dabei hatte, befühle die Innentaschen. Nichts. So viele Taschen. Überall Fehlanzeige.

Jetzt kann ich nur noch raten. Ich versuche, ruhig zu bleiben, zu atmen, nicht hektisch zu werden. Das ist so eine Sache, mit der Hektik, das kann blöd ausgehen. Dann schmeiße ich was um oder runter oder werfe alle Systematik über Bord und taste immer wieder da, wo ich schon war. Bringt nichts, sich aufzuregen. Ruhig bleiben. Tastend fahre ich über das Sideboard im Wohnzimmer, über die Furnierfläche des Wohnzimmertisches, taste mich über den Boden des Schlafzimmers auf allen Vieren, fühle mich vorwärts über die schmalen Linien zwischen den Holzdielen, die kühl sagen: Sorry, du Depp, kein Handy hier.

Als ich wieder im Wohnzimmer ankomme, gibt etwas in mir auf. Ich setze mich auf den weichen Teppich, meine Hände versinken ein ganz klein wenig darin.

Früher war ich jähzornig. Manchmal wiederhole ich das so oft, dass ich mir nicht sicher bin, ob ich nicht doch Lust habe, irgendwas auf den Tisch zu hauen und zu brüllen. So wie jetzt.

Das eine Mal, wenn ich jemandem so offen begegnen kann und sie mir ihre Nummer gibt, muss ich es verlieren. Ich brauche das Scheißhandy. Nachdenken, das hilft vielleicht mehr als Schreien. Also, am Samstag hatte ich das Handy noch, den kleinen, sprechenden Mistapparat.

Am Samstag fuhr ich mit dem Taxi vor dem K4 vor. Und das Taxi hatte ich bei mir um die Ecke aus der Stammkneipe mit dem Handy gerufen. Da hatte ich es noch.

Seit dem ersten Benefiz machten die Jungs und Mädels vom Engel das Catering für uns und die anderen Bands. Tina half mir, die Styroporkisten in den Kofferraum des Taxis zu hieven. Und dann ging es mit der Verpflegung quer durch die Stadt.

Zwei Techniker standen rauchend vor dem Eingang und begrüßten mich. Ein paar Kisten packten sie schon mal backstage. Die letzte balancierte ich auf einer Hand, während ich tastend das Geld für das Taxi zusammensuchte. Den Stock in der einen, die Kiste in der anderen, wandte ich mich Richtung Treppe. Der Druck wuchs in dem Moment, da ich die schwere Türe aufzog und mir durch den hallenden Vorraum die Stimme unseres Gitarristen entgegenrief.

»Mr Nolook, zu allem bereit?«

»Klar«, sagte ich, den Kopf in Chris’ Richtung wendend.

Umarmung, Schulterklopfen.

Darf ich vorstellen? This is the band:

Chris ist der Typ Surfer und Rampensau, wie er im Lexikon unter »Gitarrist« steht. Auch wenn wir uns mit unseren beiden Egos im Raum des Öfteren mal gegenseitig im Weg stehen, verbindet uns viel. Das Surfen, das andere Ende der Welt, Freundschaft. So Zeug eben.

Sein Gitarrenkollege Fabi ist ein Typ mit zwei Gesichtern. Auf der Bühne schaut er drein, als ob er jemanden fressen würde. Also, das höre ich zumindest immer. Ist er von der Bühne runter, ist er einer der wenigen Menschen, die ich kenne, die eigentlich immer fröhlich sind.

Oli, der Bassist, ist dieser große, etwas lethargische und gutmütige Typ, immer mit Mütze, als ob sie nicht zu trennen wären und er schon mit dem Ding auf die Welt gekommen wäre.

Flo schließlich ist unser Schlagzeuger. Flo und Fabi kannten sich schon von einem Hardcoreprojekt, und die Härte im Verbund mit der Präzision, mit der Flo die Drums bearbeitet, tut unserer schnellen Rock-Punk-Mischung gut. Wir raufen uns nun schon seit sechs Jahren zusammen und dehydrieren die Massen. Na ja, Massen; die Leute, die auf unsere Konzerte kommen.

Fabi und ich kennen uns schon ewig, achtzehn Jahre, um genau zu sein. Kein ganzes Leben mehr in meinem Alter, aber doch genug, um jemanden nicht mehr aus dem eigenen Leben wegdenken zu können. Er ist mit leichter Sehbehinderung geschlagen und kam nach Nürnberg, um so wie ich seine Ausbildung zu machen. Und am Anfang kamen wir uns eher in die Quere. Wir hatten unsere nicht vorhandenen oder eben schlechten Augen auf das gleiche Mädel geworfen, das sich zwar nicht die Bohne für uns interessierte, aber den Grund zum Kabbeln gab. Bis zu den Dehydrators hatten wir mal mehr mal weniger Kontakt, so ein bisschen Ebbe und Flut. Manchmal bringt einen erst der Sturm richtig zusammen: Als Fabi für drei bis vier Nächte ein Sofa brauchte, blieb er drei Monate bei mir. Eine tolle Zeit irgendwie. Und weil wir uns kannten, kam ich zu den Jungs in die Band. Immer diese Zusammenhangsketten.

Das Styropor mit unserem Essen quietschte in meinen Händen. Wir verstauten die Warmhaltebox unten im Keller im Backstagebereich und ich machte mich bei Fabi eingehakt auf den Weg zur Bühne.

Vom hallenden Vorraum aus betraten wir durch eine kleinere Türe den Saal, in dem das Benefizkonzert stattfinden sollte. Der Raum roch nach dem, was Wände und Boden seit den Fünfzigern aufgesaugt hatten, um es dampfend wieder abzugeben. Diese Mischung aus Schweiß, Alkohol, kaltem Zigarettenrauch vergangener Tage und der Aura von Bühnenelektronik, metallisch, an Ozon und E‑Gitarren-Gewitter erinnernd. Irgendwer kiffte links hinten im Eck. Ich hörte, wie um mich herum geschoben und aufgeklappt, getestet und eingesteckt wurde. Auf der Bühne ließ Flo, der Schlagzeuger, die Toms und das Becken im Wechsel scheppern – eins, zwei, drei, eins, eins, eins, zwei, drei. In die Geräuschkulisse hinein sagten immer wieder Leute Hallo und klopften mir auf die Schulter. Ich konnte sie nicht alle auseinanderhalten, ließ mir aber nichts anmerken.

Irgendwo hinter mir war der Mischer, der mit den Drums nun zufrieden war. »So, passt. Dann könnte man den Gesang machen.«

»Bringst du mich hoch?«, wandte ich mich an Chris.

Er nahm mich am Arm und führte mich auf die niedrige Bühne. Irgendwer hatte mir erzählt, dass am Sockel der Bühne Totenschädel aufgesprüht waren. Ich fühlte mich bis zu diesem Moment noch nicht so richtig rock, war noch halb im Taxi. Am Arm geführt, über die Totenschädel hinweg, stieg ich auf die Bühne und ertastete vor mir das kühle Mikro. Das kühle, etwas abweisende Metall, das Schaben meiner Schuhe auf der räudigen Bühne: Wie bei den ersten Klängen die Membran der Boxen vibriert, reagierte ich auf die Reize.

Von links von mir, dort wo am Ende des Raumes Sofas standen, hörte ich, wie Oli unter seiner Mütze hervor mit jemanden sprach.

»Das da? Das ist der Sänger.«

Ich sang ein paar Strophen an.

Eine genuschelte Frage.

»Ja, blind«, antwortete Oli laut.

»Ja, blind, stockfinster und so. Gell, Hansi?«, rief Chris hinterher.

»Stuck with the blind, not dark, just no sight«, schrie ich in das Mike und sprang am Ende juchzend hoch. Dann drehte ich den Mikroständer nach links unten und beugte mich darüber. Mein linkes Bein stieß an den Mikroständer und tockend schlug mein Handy durch die Hosentasche gegen das Metall. Grinsend kam ich wieder hoch, das Handy verschoben in meiner Hosentasche.

»Bringt dem Mann doch mal ein Bier!«, rief Flo lachend.

Die andere Band applaudierte.

Jetzt konnte es losgehen.

Da hatte ich mein Handy noch.

Ich überprüfe auf dem Teppich sitzend noch einmal den Erinnerungsfetzen und bin mir sicher: die Kollision mit dem Mikroständer, das Handy in der Hosentasche, durch den Jeansstoff verschoben.

Nach dem Soundcheck, dem Bier und einem tiefen Zug im Sofaeck machte ich den Fehler, den ich immer mache, bevor das alles losgeht: Ich stand am Einlass. Irgendwie gehört es dazu. So wie die Dankesrede, so wie die später fliegenden BHs; ich habe die Sache auf die Beine gestellt, die Hilfe von Freunden und Bekannten in Anspruch genommen, dann muss ich auch die Eier in der Hose haben, mal eine Zeit lang am Eingang zu stehen. So oder so ähnlich sieht die seltsame Argumentation dafür aus. Dagegen spricht, dass ich immer aufgeregter werde. Und dass ich gegen die Aufregung dann gerne noch ein Bierchen trinke, während immer mehr Menschen kommen, viele, die ich persönlich begrüße. Ich sage »Hallo« und »Wie geht’s?«, klopfe Schultern und scharre gleichzeitig hibbelig mit den Füßen: Es soll jetzt endlich losgehen! Ich glaube, Menschen die Mucke machen, sind im Grunde wie kleine Kinder. Trotz Rock-and-Roll-Gehabe versuche ich vor dem Auftritt immer nur zwei Bier zu trinken, sonst verschleimt meine Stimme so. Erst nach dem Auftritt geht’s dann so endgültig ab. Manchmal frage ich mich, ob Lemmy oder so auch auf seine Stimme geachtet hat.

»Hallo Hansi.« Ihre Stimme war toll.

»Hey Hanna!«, lächelte ich in ihre Richtung.

Das war der Punkt, an dem ich endgültig wusste, dass ich scheiße noch mal so richtig aufgeregt war. Wir umarmten uns zur Begrüßung; sie ist größer als ich, in der Länge und im Singen.

»Du hast ja gesagt, ich muss endlich mal kommen«, hörte ich sie lächeln.

»Ja, ja! Auf jeden Fall.«

Seit zwei Jahren gibt Hanna mir Gesangsunterricht. Ihre eigene Musik hat mit unserer nichts zu tun. Aber sie beherrscht ihre Stimme wie ein fein gestimmtes Instrument. Sie greift die Töne, surft auf ihnen und erschafft so leicht und trotzdem bestimmt Stimmungen und Gefühle, dass ich am Anfang dachte, es ist bei mir alles verloren. Und letztes Jahr hat sie tatsächlich Background Vocals für uns eingesungen. Stolz wie Oskar war ich, dass sie tatsächlich für einen Song, dessen Text ich geschrieben hatte, für einen Nachmittag ihre eigene Musik ruhen ließ und mit uns sang.

Und jetzt war sie hier. Ich hatte sofort das Gefühl, dass ich keinen Ton herausbekommen würde. Plötzlich hörte ich, wie laut es um mich herum war, wie viele Menschen da waren.

»Du darfst nicht zu hart zu mir sein.«

»Ach was, das wird schon. Das ist übrigens Alexa.«

»Hi Alexa.« Ich wandte mich in die Richtung, in der ich sie vermutete, und streckte meine Hand aus.

Eine kühle, kleine, aber kräftige Hand umschloss meine.

»Schön, dich kennenzulernen.« Ihre Stimme war schokoladig.

Ich vergrub meine Linke in der Tasche. Als ob sie mich sofort verlegen machen würde. Meine Hand stieß an das Handy.

»Du bist also der Benefizrocker?«

»Ja ich …« Jetzt musste mir was einfallen.

»Herr Flirtmeister, wir müssten mal backstage«, unterbrach Fabi meinen ungelenken Denkversuch. »Hallo Hanna«, legte er nach, ich hörte Stoffrascheln, Umarmung.

Er stand neben mir, lehnte sich auf das runde Bar-Tischchen, das sich leicht kippelnd bewegte, auf dem auch ich meinen Ellbogen hatte.

»Ja, ja, ich komme gleich.« Bitte sag nicht: »Das seh’ ich auch.«

»Das seh’ ich auch«, gluckste er.

Alexa lachte klar und sanft, weniger über das bescheuerte Wortspiel, als vielmehr darüber, dass ich immer noch ihre Hand in meiner hatte. Glaube ich. Sie roch ein wenig nach Rauch und frisch gewaschenen Haaren und einem Hauch von Meerluft. Manchmal habe ich das Gefühl, dass nur Weinkenner und Whiskyfreaks wissen, wie ich Menschen beschreibe.

»Es tut mir leid, das ist wirklich, ich weiß auch nicht …«, stammelte ich und zog meine Hand zurück, lächelte unbeholfen in ihre Richtung.

»Schon gut«, sagte sie freundlich.

»So, auf geht’s.« Fabi legte seine Hand auf meine Schulter.

Ich hakte mich ein und versuchte, dabei lässig auszusehen.

»Dann setzen wir das Gespräch nach dem Konzert fort, ich überlege mir bis dahin was Schlaues.« Wenigstens ein charmanter Satz.

»Alles klar.« Sie klang, als ob sie mir glauben würde.

»Erst mal wird Musikgeschichte geschrieben. Ich bring ihn dann frisch gefeudelt zurück.« Fabi drehte sich mit mir ein, nach links, in Richtung des Flures.

»Das will ich hoffen.« Auch das klang so echt, wie ich es mir nur wünschen konnte.

Ich rumpelte mit Fabi gegen den Tisch, mein Handy schlug hart dagegen.

»Mann, wer ist das denn?«, fragte Fabi, während wir uns durch die Leute zum Backstagebereich drängelten.

Ich zuckte mit den Schultern und versuchte, es ein bisschen abzutun. Fabi lachte nur. Hinter uns floss der Lärm in den Konzertsaal und wir verschwanden backstage.

Im verrauchten, niedrigen Raum, der, vollgestopft mit unserem Zeug, gerade noch Platz für uns, die Kiste Bier und das Sofa mit einem kleinen Tisch davor hatte, saßen wir mit den anderen Bands zusammen. Der Schlagzeuger der Headliner des Abends erzählte einen seltsamen Witz nach dem anderen.

»Was ist grün, und wenn es dich trifft, bist du tot?« Kunstpause. »Billardtisch!«

Wir lachten betrunken und verraucht, kickten uns gegenseitig in dem kleinen Raum weiter in Bühnenstimmung.

»Was ist weiß und stört beim Essen?« Kunstpause. »Lawine.«

Ich konnte richtig fühlen, wie sich über uns der Saal füllte, und ich dachte daran, dass sie auch da oben stand. Direkt über mir. Obwohl ich ja keine drei Sätze mit ihr gewechselt hatte. Ich zählte noch mal nach. Aber eigentlich waren meine Sätze ja sowieso nur halbe gewesen.

»Ein Blinder und ein Tauber machen zusammen Musik …«

Keine Kunstpause.

Plötzliche Stille im Raum. Er brach ab.

Ich ergänzte: »… sagt der Blinde: ›Tanzen sie schon?‹ Sagt der Taube: ›Wieso, spielen wir schon?‹«

Kenne ich von meinem Vater.

Alle lachten. Irgendwer klopfte mir auf die Schulter. Ich mag es, locker zu sein. Es ist, wie auf dem Surfbrett stehen und spüren: Wenn du locker bist, dann tragen dich die Wellen. Aber wenn du verkrampfst, fällst du ins orientierungsfreie Wasser. Also: locker bleiben, auf der Welle gleiten, mitziehen und sich dem Strom anpassen.

Wir machten uns bereit, auf der Welle zu reiten, ein paar von uns zogen sich um, ein Hütchen wurde ausgepackt und dem lachenden Sänger der anderen Band auf seinen Punkerkopf gebunden, ich schraubte meinen Mikrofonständer zusammen, den ich mit Fabi aus einem Blindenstock gebastelt hatte. Wir bildeten einen Kreis und stießen noch einmal an – es konnte losgehen.

Auf jeder Bühne habe ich einen Bereich, in dem ich mich bewegen kann. Links von mir stellt Chris die Begrenzung dar. Rechts von mir die Kante einer Box, genauso vor mir. Auf der Bühne brauche ich diese Eckpunkte. So kann ich mich bewegen, ohne Gefahr zu laufen, auf die Fresse zu fliegen oder aus Versehen jemanden zu treten, der es nicht verdient hätte.

Der Jubel, der uns entgegenschlug, brachte mich innerlich hüpfend auf meinen Platz.

»Hi Leute, schön, dass ihr alle da seid.« Grölen und Johlen als Antwort. »Wie jedes Jahr freuen wir uns auch dieses Jahr, euch ordentlich einzuheizen und mit eurem Geld was Gutes zu tun!«

Rechts hinter mir zählte das Klacken der Stöcke mit leisem »one, two, three, four« den Takt ein, und die ersten Riffs von Paranoid rollten von der Bühne hinab. Ich hob den Arm, stampfte im Takt, die andere Hand legte sich um das Mikro; mit Hüftschwung griff ich an und los ging’s.

Bevor ich als Sänger bei den Jungs landete, war ja immer die Frage, wie ich mich auf einer Bühne bewegen sollte. Als ich dann auf der Bühne gelandet war, ohne dauernd auf der Fresse zu landen, fragte irgendwer, ob die Gesten und Bewegungen antrainiert sind. Also, ob ich Bühnenmoves geübt hätte. Von Freunden weiß ich, dass die Aufgabe des Sängers nicht nur das Singen ist. Aber niemand übt das. Ich versuche mir das immer vorzustellen, wie man das macht. Vor dem Spiegel bringt es für mich nichts. Ich hätte einen Trainer gebraucht. Aber es ist sowieso nicht einstudiert. Das ist ein Gefühl, das eben so herauskommt. Es geht ums Rocken. Ums Bewegen. Darum, das Publikum mitzunehmen. Das muss ich eben auf engem Raum machen, damit das funktioniert. Aber es ist nicht einstudiert, antrainiert oder sonst was. Es sind die Mucke und der Spaß, die mich mitreißen. Kick nach vorne, Arm nach oben, bei »Fuck you« den richtigen Finger raus, den Kopf bangen, Gas geben. Bei den ruhigeren Songs schließe ich die Augen, lege den Kopf zurück; bei Paranoid spanne ich den Hals an, so dass die Sehnen hervortreten, und zeige Zähne. Das gehört dazu. Es gehört auch das Gesicht dazu; auch wenn ich blind bin, habe ich Mimik.

Es treiben mich der Song und das Gefühl, vor so vielen Menschen zu stehen, an. Und an diesem Abend die Vorstellung, dass sie da in der Menge stand, nein, am besten noch: tanzte.

Der dritte Song verklang und ich streckte den Arm ins Publikum – Hände berührten meinen Arm. Alle da, ein Riff jaulte auf, jemand sprang in die Menschen, die gerade meine Hand gepackt hatten. Ich richtete mich auf und zog das Shirt aus, drehte mich zurück und riss das Mikro an mich.

Das Ausziehen ist mittlerweile Programm; eine Marke. Das Bedürfnis ist komischerweise echt. Wenn ich mich wohlfühle auf der Bühne, kommen die Schuhe und das T‑Shirt weg. Barfuß, oben ohne. Ich habe da keine Scheu und irgendwie ist es einfach gut zu spüren, dass man das kann. Ein bisschen Sixpack zeigen, grinsend die Oberarme anspannen und den schweißglänzenden Körper in der von den Scheinwerfern erhitzten Luft drehen. Es ist eben ganz oder gar nicht, auf der Welle reiten, sich dem Gefühl hingeben, dass man gerade die Balance gefunden hat und weiß, dass die Welle einen so lange tragen wird, wie man sie respektiert und keine Angst hat. Und natürlich ist es ein bisschen eingebildet.

Irgendwann in er Mitte unseres Gigs flogen BHs und Höschen auf die Bühne. Ich wusste, dass Björn einigen Mädels die Dinger in die Hand gedrückt hatte, aber ich genoss die Show und wickelte einen BH um meinen Blindenstock und steckte mir einen anderen in die Hosentasche.

Pretend to; dann funktioniert’s auch.

Es war eines dieser befreienden Konzerte. Die Leute gingen mit, Applaus und Gejohle als Belohnung; dass einige manche Passagen schon mitgrölten, war ein besonderer Kick, und ich traute mich, ein paar Pogokicks schwingend, ein wenig aus meinem Radius hinaus.

Das Rocken, Australien, die langen Bar-Nächte, all das ist eine Wendung, die ich nicht vermutet hätte, nachdem meine Vorstellung von dem, wie das Leben abzulaufen hat, sich in Wohlgefallen aufgelöst hatte.

Bei der letzten Nummer gaben wir noch einmal alles. Wir erreichten die letzten Strophen und mir knickten die Knie ein. Ich rief schwer schreiend die letzten Zeilen in das Mikro und lehnte mich nach vorne auf die Box.

Das Handy drückte sich durch den Stoff der Hosentasche gegen mein Bein.

Da bin ich mir sicher.

Es bleibt unentscheidbar, ob ich es nun dort verloren habe oder nicht. Ihre Nummer hat sie mir dort gegeben und ich bin mir sicher, dass ich es da noch hatte. Logisch. Aber danach habe ich es nicht mehr benutzt.