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Violas Erfolg im Beruf fühlt sich an wie eine kugelsichere Weste. In ihrem gläsernen Büro entwickelt sie Marketingstrategien für Stofftiere und sieht ihrem Assistenten dabei zu, wie er für sie das Telefon abnimmt. Die Feierabende bieten ein anderes Bild. Da steht Viola am Fenster ihrer Loft-Wohnung und bügelt sich ins gedankliche Nichts. Weg von den Jahren zuhause. Weg von der Zeit mit Yannick, den sie geliebt hat, so mutig sie konnte. Als ihre Mutter erkrankt und ins Koma fällt, verliert Viola die Waffe, die sie geschützt hat: Kontrolle. Die Zugreisen zwischen Elternhaus und Wohnort, zwischen damals und heute, führen sie an unerwartete Orte. Zurück in ein Leben, mit dem sie nicht mehr gerechnet hat. "Was es ist" erzählt von der Zeit einer inneren Wende – in kraftvollen Bildern und einer Sprache, die kein Wort zu viel sagt.
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Seitenzahl: 182
Veröffentlichungsjahr: 2017
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julia willmann
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.dnb.de abrufbar.
© 2017 by Fontis – Brunnen Basel
Umschlag: Simon Römer Foto Umschlag: Arnaud Gerber E-Book-Vorstufe: InnoSet AG, Justin Messmer, Basel E-Book-Herstellung: Textwerkstatt Jäger, Marburg
ISBN (EPUB) 978-3-03848-456-1 ISBN (MOBI) 978-3-03848-457-8
Die Arbeit an diesem Roman wurde mit einem Stipendium von der
Mehr als alles hüte dein Herz; denn von ihm geht das Leben aus.
Für H. G.
Die Erde unter dem Gras ist hart und trocken. Weiter unten, am Ende der Wiese, stehen drei dicke Frauen unter den Duschen. Ich kann sie lachen hören. Jedes Mal, wenn eine von ihnen den Duschknopf drückt und das Wasser losrauscht, entsteht ein kleiner Regenbogen. Dahinter führen Stufen aus Stein zum Schwimmbecken hinunter. Auf dem Wasser tanzt das Licht. Mir fallen die Augen zu.
Hufgetrappel schreckt mich auf.
Ein Widder hechtet über den Drahtzaun, der den Wald vom Freibad trennt. Er galoppiert den Abhang herab, direkt auf mich zu. Ich schaue ihm entgegen. Vergesse zu atmen. Am Rand meines Handtuchs macht er Halt. Erde spritzt unter seinen Hufen hoch. Er beugt den Kopf zu mir herunter. Grinst vergnügt. Wie eine Figur aus Margaretes altem Kartenspiel.
«Was?», frage ich.
«Die Kiste in der Bettschublade. Dein Vater schläft jetzt dort. Sie ist voller Staub.»
«Woher weißt du das?» Eine heftige Freude fährt durch meinen Körper.
«Ich weiß alles», sagt der Widder.
Ich rolle auf die Seite, ein Stück Handtuch wird frei. Der Widder knickt die Beine ein und streckt sich neben mir aus. Der Geruch seines Fells schlägt mir in die Nase. Im Einklang mit seinem Atem hebt und senkt sich mein Arm auf seinem warmen Körper.
Es klingelte schon eine Weile. Das Rauschen des Zuges kam zurück, die Wärme der Wintersonne, die durch die Fenster auf ihre Beine fiel. Zeitungsseiten knisterten. Vereinzelt murmelten Stimmen.
Viola fand ihr Telefon, kurz bevor sich die Mailbox einschaltete. Sie zwang sich, wach zu klingen.
«Schelling?»
Am Ende der Leitung blieb es einen Augenblick still. Dann rief er in den Hörer, als erkunde er einen lichtlosen Keller.
«Hallooo?»
«Ja.» Sie räusperte sich. «Hallo Papa.»
Ihr Sitznachbar hob den Kopf. Als er ihren Blick sah, beugte er sich wieder über seine Papiere. Viola schirmte das Telefon mit der Hand ab.
«Lala, bist du das?»
Sie spürte, wie die Ungeduld in ihr hochkroch.
«Natürlich bin ich das. Du hast mich ja angerufen.»
Ein Knautschen am Ende der Leitung.
Sie sah, dass das Akku-Warnlicht ihres Laptops blinkte.
«Dachte, es ist jemand aus dem Büro.» Sie gähnte.
«Wie bitte?»
«Ich bin im Zug. Wollen wir später sprechen?»
Plastik scheuerte auf Plastik.
«Papa? Hast du die neuen Hörgeräte gekriegt?»
«Ähm. Hallo?»
«Ja!»
«Ah. Hm. Wie geht's?»
Sie schloss die Augen. «Ganz gut. Danke.»
Ihr Sitznachbar schlug eine Tageszeitung auf.
«Viola?»
«Ja, Papa.»
«Ich hab Blumen gekauft.»
«Gott sei Dank.»
«Wie bitte?»
«Gut! Ich habe auch was für sie.»
Die Verkäuferin hatte den Füller in ein Kästchen gelegt, das mit Samt ausgeschlagen war, und in Seidenpapier verpackt. Er war nicht billig gewesen. Ruf mich schnell an!, hatte auf der Postkarte gestanden, die vor einigen Wochen in Violas Briefkasten lag. Ich weiß endlich, was du mir zum Geburtstag schenken kannst.
«Hallo? Papa?»
Sie hörte den Zug über die Gleise rattern und das Klicken einer Computertastatur in ihrer Nähe.
«Ich versteh dich nicht», sagte er niedergeschlagen.
«Jetzt gerade habe ich auch gar nichts gesagt.»
«Was?»
«Papa …» Sie drehte sich zum Fenster. Ihr Wintermantel hing neben dem Sitz am Haken. Mit dem Telefon am Ohr verbarg sie ihr Gesicht in dem schweren Stoff. «Was gibt's denn?!», rief sie.
«Was soll ich ihr sagen, wann du kommst?»
«Ach so.» Viola biss die Zähne zusammen. «Verstehe.» Sie sah auf ihre Armbanduhr. «Morgen gegen Mittag.» Ihre Lippen schliffen am Metall des Telefons. «Heute habe ich noch zu tun.»
Draußen zogen Felder vorbei. Die Sonne verschwand hinter einer Wolkenbank. Mit einem Mal sah die Landschaft aus, als würde sie frieren.
«Papa?»
«Ja», knurrte er.
«Ich leg dann mal auf.»
«Was?»
«Ich. Lege. Auf!»
«Du kommst rauf?» Er klang erleichtert.
«Genau», rief sie hastig. «Genau, Papa, ich komme rauf. Morgen, morgen komm ich rauf, Papa, bis dann, Papa, bis bald, bis morgen!»
Viola legte auf, in eines seiner «Ahas» hinein, und schaltete das Telefon aus. Sie sank in den Sitz. Vor ihren Augen flimmerte der Bildschirm des Laptops. Eine filigrane Tabelle. Zahlen, klein wie Fliegendreck.
Ihr Sitznachbar hüstelte in seine Zeitung. Sie spürte die Stille des Zugabteils, die über ihr hing. Ihr Mund war trocken. Der Rollkragenpullover klebte am Rücken.
—
Sie drückte den Klingelknopf und hörte das Läuten im Innern des Hauses.
Im Flur ging das Licht an. Hinter der verglasten Haustür näherte sich ein Schatten. Margaretes Statur, schmal, hochgewachsen. Eine Gerade, dachte Viola, an der man sich aufrichten kann.
Die Tür öffnete sich. «Große Frau Anzug.» Margaretes Augen lächelten. Falten durchzogen ihr Gesicht.
Sie platzierte Violas Rollkoffer auf dem Treppenabsatz. «Wissen deine Eltern, dass du hier bist?»
«Sie hat erst morgen Geburtstag.»
«Weiß ich doch, Schatz.» Sie nahm Violas Mantel entgegen. «Nimm dir Hausschuhe, hier ist es zugig. Hast du Hunger? Siehst so aus.»
Auf dem Fensterbrett in der Küche trockneten Kräuter. Die Heizung gluckerte. Unter dem Esstisch sammelte sich Wärme.
«Hier war es so kalt, dass ich dachte, mir erfriert der Feigenbaum.»
Margarete saß neben den geschlossenen Vorhängen, ein Schälmesser in der Hand. Vor ihr stand eine Schüssel mit Äpfeln. Sie griff nach dem obersten.
«Wie geht es dir?» Die Schale des Apfels fiel auf den Küchentisch.
«Gut. Macht Spaß. Ich muss nicht mehr fliegen. Jetzt fahre ich Zug.»
Margarete nahm einen weiteren Apfel und betrachtete die schrumpelige Haut. «Und deine Wohnung?»
«Auch gut. Auch anders.» Viola merkte, dass ihr Lachen bemüht klang.
Ihre Tante hob den Kopf.
«Doch», sagte sie schnell. «Ich hatte nur noch nicht viel davon. Glücklicherweise habe ich einen Assistenten. Zwar nicht meine erste Wahl …»
Viola sah Max unter dem Licht seiner Schreibtischlampe sitzen. Vielleicht ist er fertig mit der Bilanz. Dann hat der «Schwarze Anzug» sie am Montag auf dem Tisch.
Sie dachte an die Art und Weise, wie ihr Chef hervorragend sagte, wenn sie ihm Ergebnisse präsentierte. Hervorragend war ein Lieblingswort des Schwarzen Anzugs. Bevor er es aussprach, machte er eine Gedankenpause. Jedes Mal, wenn sie das Wort von ihm hörte, erlebte sie einen Moment der Erleichterung. Eine Art Glück. Der Druck ließ für einige Stunden nach, manchmal für Tage. Bis die nächste Herausforderung kam. Und mit ihr die Angst, dass ein weiteres Hervorragend ausbleiben könnte.
«Hast du wieder Internet?»
«Ich habe den ganzen Abend vor der Kiste gesessen. Furchtbar.»
«Ach komm.» Viola blies in ihre Teetasse. «Du hast ganz andere Versuchungen gemeistert.»
Ihre Tante sah von den Äpfeln auf. Sie hob eine Augenbraue.
Viola musste lachen.
Aus ihrer Kindheit erinnerte sie sich an Margarete als eine Frau mit einem weichen Rücken und geflochtenem Zopf. Eine Lieblingstante, die sich nicht wehrte, wenn man ihr ein Salatsieb über den Kopf stülpte und unter der Kaffeetafel die Schuhe auszog.
Als Viola acht Jahre alt war, hatte Margarete mit dem Rauchen aufgehört und sich von ihrem Verlobten getrennt. Sie begann, sich um kranke Menschen zu kümmern und allein in den Bergen wandern zu gehen. Sie schnitt ihr Haar kurz. In den Jahren, die folgten, wurde es weiß. Ihr Blick veränderte sich. Ihre feine Gestalt wurde noch feiner, es sah aus, als würde sie wachsen. Zu Violas Erstaunen schien ihre Tante mit den Jahren jünger zu werden.
Sie trennte ihre Finger voneinander, die begonnen hatten, an der Haut rund um die Nägel zu reißen.
«Und du?»
«Danke», sagte Margarete. «Heute war ich bei Hilde Roth. Wir sind bis zum Ende des Gartens gelaufen und wieder zurück.»
«Diese Frau, die immer im Bett lag?»
Ihre Tante nickte. «Es geht ihr besser.» Sie fing an, die Äpfel zu vierteln.
Viola versuchte, ihren Blick einzufangen. «Was hast du gemacht?»
«Nichts Besonderes.» Sie hob die Schultern. «Eigentlich das Gleiche wie immer.» Margarete zückte den Zeigefinger. «Guck mal. Ist das nicht eine schöne Farbe?» Sie beugte sich über die Apfelschalen.
Viola sah den Bilderrahmen, der über Margaretes Kopf an der Wand hing. Ihr Großvater, schwarzweiß, Schnäuzer und Brille. Ringsum Aufnahmen von Margaretes Neffen, Nichten, Patenkindern. Violas Großmutter, die in Sonntagskostüm und Kopftuch vor einem VW-Käfer stand. Daneben ein Bild ihrer Mutter. Sie trug Regenkleidung, saß in einem Ruderboot und strahlte. Nasse Locken hingen ihr in die Stirn. Viola beugte sich vor.
«Ist mir noch nie aufgefallen, das da.»
Ihre Tante sah auf.
«Das auf dem See.» Viola hob die Hand. «Wie jung sie da ist.» Und wie schön, dachte sie.
«Möchtest du Honig?», fragte Margarete.
Sie griff hinter sich. Neben dem Honigtopf reihten sich Fläschchen und Gläser im Regal. Auf den Deckeln klebten Etiketten. Gemahlene Kräuter zeichneten sich hinter Braunglas ab. Der Anblick tat Viola gut. Ihre Tante kannte sich aus. Sie wusste, welche Pflanze die Durchblutung fördert und welche den Schlaf. Wie man sich Bauchschmerzen, Schnupfen und Kopfweh einfängt und wie man all das wieder loswird. Sie weiß alles, dachte Viola. Fast.
Wenn sie als Kind mit dem Fahrrad bei ihr angekommen war, durchgeschwitzt, und vor lauter Schluchzen kein Wort herausbekam, hatte Margarete sich auf die Lippen gebissen und Viola an sich gezogen. Sie hatte ihr die tränenverklebten Haare aus dem Gesicht gestrichen, und ihre Hände hatten dabei gezittert.
In späteren Jahren stand Viola schweigend vor dem Haus, ihre Tasche mit Schulsachen und einer Zahnbürste an sich gedrückt. Dann sah ihre Tante sie an, nickte und zog die Haustür weit auf.
‹Nimm eine Dusche›, sagte sie als Erstes. ‹Das neutralisiert.›
Margarete stand auf. Sie stellte die Schüssel mit den Apfelschnitzen in den Kühlschrank. «Aus denen wird morgen Kompott.»
Viola gähnte.
«Gehen wir schlafen», sagte Margarete. «Ich muss morgen früh los.»
Ihre Handtasche stand im Hausflur auf dem Boden. Das Leder fühlte sich kalt an. Viola schaltete das Telefon ein.
«Ach, guck.» Margarete beugte sich in einen Winkel des Flurs. Mit den Fingern berührte sie eine Blüte, die von einem Kaktus herabhing. «Der alte Kerl blüht wieder.»
Das Display leuchtete auf. Eine Nachricht auf der Mailbox, Viola wählte.
«Hallooo?» Seine Stimme klang wacklig. «Hier Schelling!»
Sie seufzte.
«Deine Mutter ist vorhin mit dem Notarzt ins Krankenhaus gekommen. Sie hatte ein Schlägle. Bitte um Rückruf.» Es klickte.
Ein Schlägle. Extralangsam hatte er es ausgesprochen. Das perfekte Wort, um ein Unglück handlich zu machen. Viola starrte ihre Tante an. Sie spürte den Luftzug, der über den Flurboden kroch.
«Was ist?» Margaretes Kopf zitterte.
«Mama ist im Krankenhaus.» Die Worte klebten ihr wie Pappe im Mund. «Sie hatte einen Schlaganfall.»
Sie sah auf ihr Handy. Es war spät, der Anruf war Stunden her. Sie drückte auf Grün. Die eingegangene Rufnummer baute sich auf. Viola hörte das Freizeichen. Sie sah Margaretes Hände, ineinander verknotet, und spürte, wie es von innen gegen ihren Brustkorb hämmerte.
Der Anrufbeantworter sprang an. Sie legte auf, wählte erneut. Der Anrufbeantworter meldete sich. Ihr Vater schlief. Eingerollt auf der Seite, die Decke bis zu den Ohren gezogen.
Sie kannte das Bild.
Nachts fuhr sie aus dem Schlaf hoch. Sie horchte in die Schwärze des Zimmers. Ihr Gesicht war nass. Die Haare klebten im Nacken.
Am Morgen herrschte Ruhe im Haus. Viola schlich die Treppe hinunter. An einer Tür im ersten Stock hing eine Zeichnung. Ein Gesicht, wachsame Augen, der Mund mit einem Finger bedeckt. Sie öffnete die Tür und trat ein.
Bücherwände, Pflanzen. Draußen, am Ende des Gartens, wiegten sich Pappeln im Wind. Der Himmel war grau.
Heute wird meine Mutter neunundsechzig Jahre alt. Und noch nie hat an ihrem Geburtstag die Sonne geschienen.
Das milchige Februarlicht fiel ihr ein, in dem sie mit den Nachbarskindern vor dem Haus gespielt hatte. Cowboys, Feen, Hexen, Gespenster. Viola trug eine Daunenjacke über dem Clownsanzug und hatte Angst um ihre Schminke, die der Nieselregen verwischte. Wieder und wieder wanderte ihr Blick hinauf zu den Fenstern. Die Vorhänge waren zugezogen. Dahinter lag ihre Mutter im Bett. Sie hatte beim Frühstück angefangen zu weinen, als sie das Stiefmütterchen sah, das Violas Vater von der Kommode auf den Esstisch gestellt hatte.
Auf dem Regal in Violas Kinderzimmer stand ein Plastikvogel mit einem Frack aus Filz, weißem Kunsthaar und einem Schlitz im Rücken. Sie schlug ihn mit einem Stein aus dem Garten auf und zählte sieben Mark in Fünf- und Zehnpfennigstücken. Beim Floristen im Dorf bekam sie dafür drei rote Rosen mit Schaumgras. Die Verkäuferin stand im Halblicht zwischen Blumenkübeln und zählte ärgerlich das Kleingeld aus Violas Plastiktüte.
Das Gesicht ihrer Mutter war vom Weinen verquollen, als Viola in das Schlafzimmer trat. Mit dem Rosenstrauß in der Hand setzte sie sich an den Bettrand. Draußen drückte der Nebel das Johlen der Kinder gegen die Fensterscheiben. Die Cowboys feuerten Platzpatronen aus ihren Plastikpistolen, und die Feen, Gespenster und Hexen rannten kreischend davon.
Ihre Mutter richtete sich auf. Sie sah die Blumen an. ‹Oh.› Sie zog die Nase hoch. ‹Sind die für mich?›
Viola nickte.
‹Das ist lieb.› Ihre Mutter schluchzte. ‹Aber jetzt ist es zu spät.›
Ihren Vater fand sie ein Stockwerk höher, die Tür seines Büros stand einen Spalt offen. Auf seinem Kniestuhl sitzend, die Ellbogen auf die Tischplatte gestützt, starrte er durch das Fenster auf den angrenzenden Friedhof. In der rechten Hand hielt er sein Diktiergerät. Die Schreibtischlampe brannte. Ein Lichtkreis fiel auf den Arbeitstisch.
Als sie hinter ihn trat und ihm eine Hand auf die Schulter legte, zuckte er zusammen. ‹Ach, du bist das.›
Mit dem Daumen drückte er den Schalter des Diktiergeräts herunter, eine Stimme sirrte im Rückwärtsgang. Er drückte den Schalter hoch. Viola hörte blechern ihre Mutter auf Band. Sie schrie, heulte auf. Eine Tür schlug zu und wurde wieder aufgerissen. Ihre Stimme überschlug sich.
Violas Vater hob den Kopf. Sein Gesicht war von Ratlosigkeit verzerrt. ‹Verstehst du das? Wegen eines Blumentopfs?›
Ihre Füße wurden kalt. Viola stellte sich auf das Schaffell, das vor Margaretes Couch den Boden bedeckte. Daneben hatte ihre Tante ein Holztischchen platziert. Eine Kerze, in einem Postkartenständer ein Jesusbild. Es zeigte ein durchlittenes Gesicht.
Viola drehte sich um. Was jetzt kommt, darf nicht nur wehtun. Sie ging zurück in den Flur, zog die Zimmertür hinter sich zu.
Irgendetwas muss passieren. Etwas Gutes. Bitte.
Auf dem Küchentisch lag ein Zettel, Margaretes eilige Blockbuchstaben. MELDE MICH, SOBALD ZURÜCK. NIMM DIR WAS ZU ESSEN. Eine Thermoskanne stand auf dem Tisch. Zwischen den Beinen eines Stuhls lagen zwei ineinander verknäulte Strümpfe.
Die Rollen ihres Koffers brummten auf dem Asphalt. Viola geriet außer Atem, drosselte den Schritt. Am liebsten wäre sie gerannt.
Zwanzig Minuten aus dem Vorort bis ins Dorf. Zu Fuß, durch die Wohngebiete und über die Feldwege, ging es schneller als mit dem Taxi. Sie überquerte die Autobahnbrücke. Sie lief am Sportplatz vorbei, an der zeitgenössischen Kirche, die sie immer an einen Bunker erinnert hatte. Am Bach gab es eine Baustelle, sie wechselte die Seite und nahm den Trampelpfad, der an den Pferdekoppeln entlangführte. Wenn sie den Blick von ihren Stiefeln hob, sah sie Vertrautes. Im Fußgängertunnel unter dem Bahndamm knirschte Rollsplitt unter den Sohlen. Der Parkplatz vor ihrer ehemaligen Schule war verlassen. Die Jalousien in den Physikräumen waren heruntergelassen. Das Biotop war zugewachsen. Als Viola hier Abitur gemacht hatte, galt das Gebäude als modern. Inzwischen war der Beton vom Regen ausgewaschen und mit Graffiti übersät. Hinter dem Supermarkt Reihenhäuschen. Es gab sie erst seit einigen Jahren. Viola sah Vogelhäuschen und Schaukeln in den Vorgärten.
‹Den Menschen hier unten geht's noch gut›, sagte ihr Vater regelmäßig.
‹Soll ich jetzt dankbar sein, dass du mich hierher verschleppt hast, zu diesem Bauernvolk?›, war die Standardreplik ihrer Mutter.
Die Apfelbäume, die früher das Altersheim umgeben hatten, waren verschwunden. Auf den Wiesen, die den monströsen rosafarbenen Bau umgaben, war sie als Kind Schlitten gefahren. Tausend Mal dieser Weg. Hin und her, jeden Morgen zur Schule und mittags zurück. Auf einem kleinen Peugeot-Fahrrad, später auf einem klapprigen schwarzen. Mit einem Kinderschulranzen, einem bemalten Rucksack, einer Ledertasche, die ihr Vater ihr zum siebzehnten Geburtstag geschenkt hatte. Mal allein, oft zu mehreren. Barfuß, in Shorts, mit Winterschal und Mütze. Mit Haarschnitten in allen Farben. Aber nie mit diesen erwachsenen Stiefeln. Und nie mit einem solchen Druck auf der Brust.
Unter der Haustür roch es nach Kohl. Auf der Treppe roch es nach Kohl. Im Flur roch es nach Kohl. Ebenso in der Küche. Dort stand er und hörte nicht, wie sie die Wohnungstür hinter sich schloss und ihren Koffer abstellte. Er stand über einem dampfenden Topf und rührte.
«Hallo Papa.»
Sein Rücken sah schmal aus. Das weiße Haar stand von seinem Hinterkopf ab.
«Papa!»
Er drehte sich um. Eine Schürze kam vor seinem Bauch zum Vorschein, darauf das Motiv einer Cowboyweste. Rechts und links, auf Höhe der Hosentaschen, war je ein Revolver abgedruckt. Er hielt einen Kochlöffel in der Hand und guckte erstaunt.
«Grüß Gott.» Mit dem Handrücken schob er seine Brille hoch.
Viola spürte ein unsichtbares Gewicht, das auf ihre Kehle drückte. Unter dem Schulterklopfen ihres Vaters zog das Gefühl sich zurück.
«Ja … Jaja.» Er schob sie von sich.
Mit Bewegungen des Kochlöffels unterstrich er seinen Bericht.
Beim Essenkochen am Vorabend war sie umgekippt und auf Violas Vater gefallen. Der hatte versucht, sie zu halten, und war unter ihrem Gewicht zu Boden gegangen. Er lag auf den Fliesen des Küchenbodens, und Violas Mutter lag regungslos auf ihm.
«Schwer wie ein Wal. Ja, da schaust du jetzt. So war's! Nach ein paar Minuten war der Notarzt schon da. Derweil hab ich sie ins Wohnzimmer auf den Teppich geschleift. ‹Heben Sie den linken Arm›, hat er gesagt. Da war sie schon wieder wach und hat den rechten Arm hochgehoben. ‹Nein, den linken›, hat er gesagt, immer wieder, ‹den linken, den linken›, und sie hat jedes Mal den rechten Arm hochgehalten.»
Im Topf, der auf dem Herd stand, wälzte sich Luft durch das Gekochte und warf Blasen.
«Wir müssen ihr Sachen ins Krankenhaus bringen. Schlafanzug und so was. Sie kommt raus aus der Intensivstation, in ein normales Zimmer. Es geht ihr den Umständen entsprechend gut. Sagen die Ärzte.»
«Und wie geht es dir?», fragte sie.
«Tja.» Er zuckte mit den Schultern. «Tja jetzt.»
Mit dem Holzlöffel deutete er auf den dampfenden Topf.
«Deine Mutter hat einen hervorragenden Wirsingeintopf gekocht. Ich hab gestern Nacht davon gegessen, als ich aus der Klinik kam. Ist noch was übrig. Magst du?»
Sie stand mit dem Rücken zur Schrankwand. Im Halbdunkel roch es nach Haarspray und nach gelüfteten Kissen.
Das «Ewige Schlafzimmer». Viola stellte die leere Reisetasche ab und ging um das Bett herum. Sie zog die Vorhänge auf. Licht stellte den Raum bloß.
Eine Kleiderstange war unter dem Gewicht eng gereihter Jacketts und Blusen eingeknickt. Auf dem Frisiertisch zwischen Fenster und Schrankwand lagen Frischhaltebeutel mit Lakritzmäusen. Daneben stapelten sich Schüsseln und Schälchen. Lippenstifte, Tuben, Pinsel, kleine Flaschen. An den Arm eines Kosmetikspiegels hatte ihre Mutter Ketten gehängt. Perlen und glitzernde Anhänger hatten sich ineinander verknotet. Violas Blick fiel auf den Nachttisch. Zwischen Bücherstapeln und Papiertaschentüchern lag eine Möhre. Daneben stand eine Reihe Sprudelflaschen. Bei manchen fehlte der Deckel. An den Öffnungen klebte Lippenstift.
Wenn sie als Kind nicht schlafen konnte und sich hierhergeschlichen hatte, war ihre Mutter hochgefahren und hatte Violas Namen in die Dunkelheit gerufen. Dann tastete sie nach einer Wasserflasche und trank in großen Zügen. Viola erinnerte sich an das Geräusch ihrer Schlucke, die im Dunkeln unnatürlich laut geklungen hatten.
Einmal wach, schlief ihre Mutter lang nicht wieder ein und drehte sich hin und her. Die Kunst bestand darin, sie nicht aufzuwecken. Viola schlich auf Zehenspitzen, mit angehaltenem Atem in den schwarzen Raum. Nach jedem Schritt machte sie Halt und horchte. Behutsam setzte sie sich, ihre Decke im Arm, auf die Matratze. Eine Hand zuerst, dann die andere, ein Bein, das andere, damit der Lattenrost nicht quietschte. Bis sie dem Körper ihrer Mutter nah war. In der Wärme, die von ihm ausging, wurden Violas Gedanken träge und verschwanden.
Das breite Bett war ihre Insel, ihr Versteck. Hier war sie geborgen, selbst wenn ihre Mutter nicht da war. In die Decke vergraben schaute sie durch die Dunkelheit des Zimmers auf die Umrisse der Kleider ihrer Mutter, die dem Bett gegenüber an der Schrankwand hingen. Bis sie einschlief, hielt sie sich mit ihrem Blick an den Blusen und Röcken fest. An dem himmelblauen Morgenmantel mit den eckigen Knöpfen.
Viola befühlte den brüchigen Stoff. In diesem Morgenmantel hatte sie ihre Mutter kein einziges Mal gesehen. Immerzu hatte er an der Schrankwand gehangen und nach und nach seine Beweiskraft verloren.
Sie wischte Staub vom Leder der Reisetasche. Sie öffnete die Türen der Schränke, zog Schubladen auf. Unterhosen, Hemdchen, Strümpfe, ein Nachthemd, eine Haushose, zwei identische T-Shirts, einen BH mit großen Körbchen und Rüschenträgern, den schlichtesten, den sie fand, legte sie in die Tasche. Zwei Hausschuhe, ein linker, ein rechter, standen unter dem Bett. Sie ähnelten einander. Viola drückte die Sohlen aufeinander und schob die Schuhe in das Außenfach der Tasche. Dann nahm sie den Morgenmantel vom Haken. Der Stoff krachte leise, als sie ihn faltete. Das weiche blaue Paket fand gerade noch Platz. Sie zog den Reißverschluss zu.
Das ist alles, dachte sie, um sich festzuhalten.
—
Das Krankenhaus war ein Bau aus den 1980er Jahren. Viola erkannte ihn wieder, als sie parkten. Ihr Sportclub war ganz in der Nähe gewesen. Als Jugendliche war sie oft mit dem Fahrrad hier vorbeigefahren, ohne das Gebäude, das hinter Büschen lag, zu beachten. Aber das geht jetzt nicht mehr. Ihr Blick wanderte die Betonfassade hinauf. Jetzt gibt es eine Verbindung. Ab sofort haben wir zu tun mit diesem Klotz, müssen hineingehen und nach jemandem suchen, der zu uns gehört.
