Was für Typen! - Johannes Mittermeier - E-Book

Was für Typen! E-Book

Johannes Mittermeier

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Beschreibung

Was nicht nochmals geschildert werden muss - der Sekundentod, dieser gute Tag, um Geschichte zu schreiben, ein sogenanntes Drama dahoam -, wird nicht nochmals geschildert. Und noch ferner liegen Erfolgslobhudeleien durch schlaftrunkenen Statistikschwall. Versprochen. Einer Erzählung wert aber scheinen der Kult und die Nostalgie des FC Bayern, allein: Wir verklären keine Holzhütten in den 60ern, nicht Franzls 70er oder Breitnigges 80er. Es sind die 90er und 00er Jahre, deren Charme uns eng umschlungen hält. Bis heute. Zicklers Treffer gegen Schalke 1999 etwa, der nur aus einer Hintertorperspektive zu betrachten ist, egal, welche VHS-Kassette vor- und zurückgespult wird. Details, Abseitiges, Verblüffendes, Nebensächliches und Liebliches, Saison für Saison niedergeschrieben. Alte und neue Granden werden lebendig vorgestellt, auch durch eigene Empfindungen: Ein Tor in München (aber nicht für München), oder einer der wichtigsten Elfmeter der jüngeren Vereinsgeschichte. Nein, kein Drama dahoam, siehe oben. Profi & Profil, Geschichte & Geschichten. Der Reiz einer Gewinnmaschine, die keinen Reiz hätte, wenn sie eine Maschine wäre.

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Seitenzahl: 313

Veröffentlichungsjahr: 2015

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INHALT

Prolog

Völkner & Haak

Als die Einblendemaschine streikte

Das Kind im Manne

…oder: Mein Müngersdorf

Drei Trainer, zwei Probleme

Der Größte

Profi & Profil

Bildungsauftrag im Fußgelenk

Freunde der Wonne…

Im Auge des Orkans

Begegnung der nullvierten Art

Meine Glatze, mein Tor, mein Ring

Rosarote Zukunft

Eigentor

Januar 2005

„Ich brauch meine Hose!“

Letzte Spätschicht für den Zentralfriedhof

Tretmühle, Schwungrad, Tretmühle

„Der taugt amoi goar nix!“

Burg & Wächter

Die Rente ist (nicht) sicher

Willyyyyyyyyyy

Konzentration auf den Punkt

Büchlein deck dich

Der Auf-die-Füße-Treter

Der Schlawiner

Patient glücklich

Das Rüstzeug zur Legendenbildung

Bastian.Schweinsteiger.

Geschichte & Geschichten

1998/1999

1999/2000

2000/2001

2001/2002

2002/2003

2003/2004

2004/2005

2005/2006

2006/2007

2007/2008

2008/2009

2009/2010

2010/2011

2011/2012

2012/2013

2013/2014

Epilog

Ästhetische Torfolgen

Die Autoren

Danke!

PROLOG

Kaum hatte Deutschland zum dritten Male den Thron bestiegen, Rom, Brehme, Beckenbauer, wurde ich in die Welt geworfen. Sommer 1990. Im Nachhinein bin ich sehr dankbar, in den 90er Jahren aufgewachsen zu sein und nicht heute. Das mag ein Stück weit verblendet klingen, kleinkariert oder ewiggestrig. Aber ich bin kein Freund unserer Zeit, in der Hektik immer extensiver, Ströme immer digitaler und Kommunikation immer unpersönlicher wird.

In einer idealen Welt assoziiert jeder nur Positives mit seinen jungen Jahren; gleichbedeutend, respektive wechselwirkend, mit dem sorgenfreien Alter: Der Kindheit. Das lässt ein Jahrzehnt zum Lebensgefühl stimulieren, aber das ist ja das Schöne am seichten Blick zurück. Alles erscheint rosarot und irgendwie leicht.

Offen gestanden, waren die 90er nicht rosarot und leicht. Sondern bunt und bauchfrei. Mode, deine Sünden. Sweatshirts in Übergrößen, Violett-Türkis-Muster auf schlabbrigen Trainingsjacken, Käppis, ausgestülpt und in formvollendet.

Klobig, herrlich klobig.

Mädchen trugen Leggins, Jungs hautenge Radlerhosen. Fußballprof Hasan Salihamidzic, von 1998 bis 2007 beim FC Bayern München, entlarvte im offziellen Jahrbuch dereinst ein weiteres Scheusal der Laufstege. Auf seine „Out“-Liste verbannte er neben Militär-Klamotten, Laktat-Tests und Mehmet Scholls Frisur auch die geschneiderte Verschrobenheit der „Dreiviertelhosen“.

Damals waren alle Mädchen in David Hasselhoff verliebt, diesen braungebrannten Amerikaner, dessen Namensnennung die Damen heute peinlich berühren würde. In besonderem Maße waren die 90er jene Dekade, die Boygroups von den Hinterhöfen auf die Mattscheibe trieb. Auch diesen Zusammenschlüssen frühreifer Knaben, meist mit Ohrschmuck dekoriert, lagen Mädchen zu Füßen. Wenn die Wundersänger mit blondgesträhntem Mittelscheitel, jedes Haar am rechten Fleck, von Autogrammkarten lächelten, schmolzen Teenie-Herzen und verzweifelten Teenie-Mütter.

Dann Guns N'Roses, Nirvana und der Techno-Dance-Krempel. Die Spice Girls rockten die Bühne, ein Spice Boy Manchester United. Baywatch und Beverly Hills, Titanic und Forrest Gump, und am Ende des Jahrzehnts glotzte man, wenn linkische Asiaten bei Takeshi‘s Castle von einem Schlamassel in den nächsten stürzten. Schadenfreude war schon immer eine unserer liebsten Merkmalsausprägungen.

Als sich das Millenium näherte, erfreuten sich Schulkinder an Diddl-Maus und Tigerente, Menschen an Mitmenschen, die private Probleme in Trash Talk stopften, und der Rest am Fortschritt der Technik. Der Walkman hatte ausgedient, weil - Innovation! - der Discman cooler wurde. VHS-Kassetten, deren knatterndes Geräusch beim Spulen unnachahmlich bleiben wird, türmten sich in Regalen, um DVDs den Kampf anzusagen. Computer, diese revolutionäre Erfndung der Erdbewohner, akzeptierten die CD als Speichermedium, während der Siegeszug des Internets wie ein gedoptes Rennpferd durch das World Wide Web galoppierte.

Dieses Einwählen in die Telefonleitung, das familieninterne Zerwürfnisse geradezu provozierte! Legendär.

Der gemeine Drittklässler nutzte keine Tastaturen, er hantierte mit Füller und, ganz entscheidend, Tintenkiller. Wäre er mit einem sogenannten „Blog“ konfrontiert worden, hätte er damit das „g“ entfernt und durch ein „ck“ ersetzt. Dann wäre er stolz gewesen, zum Lehrer gerannt und hätte sich ein Lob abgeholt. Jaja.

Juvenile Zeitgenossen konversierten nicht via WhatsApp, sie schrieben einander in Poesiealben. Sie schrieben krakelig und fehlerhaft, sie schrieben wirres Zeug, absurde Berufswünsche und heimliche Liebesbriefe. Aber sie schrieben. Nachrichten auf Zetteln statt ungebremstem Mitteilungsbedürfnis auf Twitter, wohingegen Durchschnittsbürger hinreichend mit den Tücken elektronischer Post gefordert waren.

Meistens überfordert.

Und dann diese Mobiltelefone, Handys genannt, die man Mitte der 90er haben musste, um „up to date“ zu sein. Inzwischen staunt man ja, dass die multilateralen Features nach wie vor ein Telefonat ermöglichen, aber gut, damals war ich fünf und brauchte mich nicht um gesellschaftlichen Status scheren.

Dafür um Sport. In der Formel 1 brach der Schumi-Boom über jeden herein, der entweder Auto, Fernseher oder ein Faible für Zigarettenmarken hatte. Im Tennis mühte sich Boris Becker, die Ausläufer eines Hypes zu konservieren. Franzi war der Goldfsch und Deutschland 1996 die beste Mannschaft des Kontinents.

Nach meinem subjektiven Eindruck hatte der Fußball ein anderes, „ehrlicheres“ Gesicht, was natürlich Quatsch ist, wenn man allein Bosman und seine Folgen heranzieht. Meine Sicht dürfte auf der infantilen Naivität basieren, oder auf Details, die das Business griffger machten. Etwa Werbebanden aus Pappe, nicht aus LED, Trainerbänke mit Plexiglas-Überdachung, besonders aber die Sportstätten an sich.

Was wiederum paradox ist, denn ich feiere die Architektur der zeitgemäßen Schauplätze, ihre zierliche Wucht und Monumentalität. Obwohl sich die Arenen, die früher Stadien hießen und anstelle von Geldinstituten nach Flüssen benannt waren, in ihrem Erscheinungsbild anglichen, erzeugen sie doch Ehrfurcht. Zumal es halbwegs kompliziert sein soll, beim Neubau den „Charakter“ einer Bruchbude zu retten und parallel Leitlinien zu modellieren.

Bevor Deutschland den Zuschlag zur WM 2006 erhielt, verwässerte die hiesige Stadionlandschaft auf dem Stand von 1974, maximal 1988, als mit der Europameisterschaft das letzte Großturnier stattgefunden hatte. Die Wettkampfstätten waren rustikal und obsolet, sie beschnitten die Vereine in Einnahmequellen, und irgendwann kosteten sie den Anschluss an die Konkurrenz.

Als ich anfng, mich für Fußball zu interessieren, bestand die Stadionkultur aus Riesenschüsseln mit Tartanbahnen und zugigen Konstruktionen, die Fans, Regenschirm-bewaffnet, mit den Launen der Natur raufen ließ - und, quasi als Dank, vom Geschehen abschnitt. Manche Stadien hatten eine jämmerliche Akustik, nichts außer Lehm, Matsch und Beton, und sie wirkten wie ein Atombunker im Stadtpark.

Trotzdem weine ich ein bisschen.

Weil diese Baracken zwar unbestritten hässlich waren, aber eine gewisse Identität besaßen, die heute mitunter fehlt. Früher: Moder. Heute: Modern. Ein Buchstabe als Trennungsgrund, so ist das im Leben.

Der Fußball hat sich zum Hochglanzprodukt entwickelt, mit Protagonisten, die parieren und parlieren müssen. Vor 20 Jahren waren sie (Achtung: Das Kind fennt) primär Sportler und keine Testimonials mit gläserner Fassade. Sie konnten, wenn ihnen danach war, nicht-isotonische Getränke in den Rachen kippen, ohne ihre Grimassen sogleich in den Untiefen des Netzes begaffen zu müssen. Sie verpfichteten sich nicht qua Exklusivertrag zum Ausführen der aktuellsten Modetreter, sondern liefen in schwarzen Schuhen auf. Geschlossen. Nur Giovane Elber, der Brasilianer, beanspruchte ein weißes Paar. Recht so.

Am Spielfeldrand warteten die Leute vom Fernsehen mit ihrem Equipment und den Mikrofonen, die an lianenähnlichen Kabelsträngen hingen. Vertreter dieser Zunft, die noch immer auf Kommentatorenplätzen streunen, haben es in die Gattung der „Urgesteine“ geschafft. Fritz von Thurn und Taxis beispielsweise, dieser wunderbare Souffeur, oder Werner Hansch, der Poet aus dem Pott, der zwar nicht mehr reportiert, sich aber hier und da präsentiert. Seine sonore Stimme war eigen, und sein Sprachduktus war es auch. Als ein Schuss von Bayerns Alexander Zickler gegen Freiburg das Tornetz strapazierte, rief der TV-Althauer mit schwingenden Bändern: „Und dann macht es patsch!“

Hansch zählte zu einer Riege, die 1992 ein Projekt in Angriff nahm, das alle Klischees bediente. Es war größer als zuvor, bunter, mutiger, kommerzieller und voyeuristischer. Kurz: Es war eine Umsturz der Fernsehberichterstattung, als die stocksteife wie traditionstriefende Sportschau dem bewusst preziösen Format ran weichen musste. Reinhold Beckmann, der Unternehmung als Sat.1.-Sportchef vorstehend, blies nassforsch den Takt: „Die Bundesliga hat von uns einen Kredit bekommen. Sie muss ihn durch gute Leistungen tilgen.“

Beckmann und seine Moderationskollegen passten nicht nur den Rahmen an; die Ausschmückung unterlag ebenfalls dem Zeitgeist jener Jahre. So wurde der Trailer mit fetziger Rockmusik unterlegt, so wurde die rote Jeansjacke geweiht und geheiligt, so schreckte Beckmann weder vor schrillen Fliegerbrillen noch vor Sakkos zurück, die an optische Schwerverbrechen grenzten. 90er halt, ran halt.

Wichtig war noch immer auf‘m Platz, aber eben nicht ausschließlich. Wichtig war jetzt auch neben dem Platz, mit Vorliebe in VIP-Etagen und Fankurven, bei Blusen- und Kuttenträgern. Hauptsache schräg. Während des Spiels wurden Kameras auf Gattinnen, Hochadel und Bierkehlen gerichtet, und wenn sich zeigenswerte Regungen darboten, schlachtete man sie aus. Als sich das auf erzkonservative ARD-Spielberichte versteifte Fuß(ball)-Volk an die gelb-rot-grelle Hülle gewöhnt hatte, ließ die Windstärke des Aufschreis nach. Ein Teilerfolg.

Die Nacherzählung der 90 Minuten wurde mehrdimensionaler und dynamischer: Spielzüge in Superzeitlupe, Kameras in verwinkelten Ecken, Schienenkameras, die den Stürmer beim Konter begleiteten, dazu ein Allerlei an Grafken, Statistiken und sonstigem Firlefanz - das war die schöne neue Fernsehwelt. Als Knirps mochte ich die Leuchtgemälde.

Die Bundesligasendung hatte Studiopublikum, und weil der Privatkanal Sat.1 horrende Summen für die Übertragungsrechte löhnen musste, wurde die Gewinnspielfrage zu Instanz und Immunität erhoben. Damit war ran auch interaktiver als die Sportschau, wenngleich natürlich auf höchstnervigem Weg. Es wäre wiewohl alles zu verzeihen, vieles zu goutieren und manches zu beklatschen gewesen, wären die Sendungsplaner nicht der Devise gefolgt, die Werbung für eingeschobene Fußballszenen zu unterbrechen. Wer einmal Formel 1 auf RTL verfolgt hat, weiß, was ich meine.

Die Blöcke mit den freundlichen Verbraucherhinweisen übertünchten die Freude am 6:1 der Bayern gegen Freiburg, bei dem es nach Zicklers Schuss „patsch“ gemacht hatte, doch erheblich. Es war dies, im November 1999, eines der letzten Fußballspiele im alten Jahrtausend, das eine Dekade im Gedächtnis begrub.

Alle Spiele live? Wie amüsant. Es war viel besser. Dieses Kribbeln, wenn die Ergebnisse im Teletext lila waren, was bedeutete, dass das Spiel noch lief. Ohne App im Simultanmodus, dafür mit einem Spannungsbogen, der heute im Transparenzuniversum erlischt.

Wenn Bayern gegen Freiburg spielt, denke ich noch manchmal dran.

An einem Samstagnachmittag im Oktober 1992

ALS DIE EINBLENDEMASCHINE STREIKTE

Patrick Völkner

Die Faszination des Fußballs in Worte zu fassen, ist schwer bis unmöglich. Und doch versuchen wir immer, das, was wir an diesem Sport so lieben, in sprachlicher Knappheit begreifbar zu machen. Letztlich ist Fußball aber wohl doch vor allem eines: Warten auf ein Tor - und das kann mitunter bittersüße Züge tragen.

Wenn man uns Bayern-Anhänger nach der dunkelsten Stunde unseres Fan-Seins fragt, pfegen wir gemeinhin Barcelona 1999 anzuführen. Die Wunde der „Mutter aller Niederlagen“ sitzt eben nach wie vor tief im kollektiven Bewusstsein. Trotz der Wiedergutmachung durch den CL-Sieg 2001. Auch ich hatte lange an dem Last-Minute-Tod von Barcelona zu knabbern. Brauchte mehrere Tage, um das Unfassbare zu verstehen und fühle noch heute die Leere nach der wohl größten Enttäuschung, die man als Bayern-Fan in den letzten 20 Jahren erleben musste.

Doch nicht immer sind es die großen Endspielniederlagen, die verpassten Triumphe, die mich hadern lassen. Auch ein verspielter Sieg in einem vermeintlich so unwichtigen Bundesligaspiel kann mich noch Jahre später zum Verzweifeln bringen. So wie der vom 3. Oktobers 1992.

An jenem Samstag stand der 9. Spieltag der Saison 1992/93 an. Für den FC Bayern ging es gegen den einstigen Erzrivalen aus Mönchengladbach. Eine vermeintliche lockere Angelegenheit, hatten die Borussen in den ersten acht Spielen doch lediglich einen Sieg einfahren können, der nur zu einem enttäuschenden 17. Platz (umrahmt vom HSV und dem 1. FC Köln) reichte. Unsere Bayern dagegen hatten ein Saisonauftakt nach Maß hingelegt. Sechs Siege und zwei Remis bedeuteten für die Ribbeck-Elf die Tabellenführung.

Der 3. Oktober 1992 war nicht nur der Tag der Deutschen Einheit, sondern bedeutete für mich vor allen Dingen einen jener bittersüßen Einblendesamstage.

Einblendesamstage, so nannte ich die Sonnabende, an denen ich das Spiel meiner Bayern nicht live auf Premiere schauen konnte, sondern mich über die Einblendungen am unteren Bildrand auf dem Laufenden hielt. Diese aus heutiger Sicht nostalgisch wirkende Form der Informationskultur hatte dabei einen ganz besonderen Charme, der mich über die Enttäuschung, das Bayern-Match nicht live sehen zu können, hinweg zu trösten vermochte. Denn die ausgefeilte Choreografe der Einblendungen war mitunter aufregender als es die dramatischste Live-Übertragung sein konnte.

So verstand es die Premiere-Redaktion die Zuschauer mit geradezu betulicher Vorsicht auf die bevorstehende Meldung des jüngsten Torereignisses vorzubereiten, indem sie zunächst das gelb-rot leuchtende Banner „PREMIERE BUNDESLIGA“ im unteren Bilddrittel einblendete. Ein untrügliches Zeichen, das die Herzen von Millionen (wahrscheinlich eher tausenden) Fußball-Fans höher schlagen ließ. Für einen kurzen Augenblick des Hoffens und Bangens gab es nur noch eine Frage von Belang: Ist in dem Spiel meines Vereins ein Tor gefallen? Und wenn ja: Auf der richtigen Seite? Gefühlte Minuten später (tatsächlich waren es wohl nur drei Sekunden) folgte dann die erlösende oder eben ernüchternde Gewissheit: Wie von Geisterhand schob sich von der rechten Seite die Tormeldung in die Bildschirmmitte und von dort in das angespannte Großhirn des Zuschauers. Die Frage nach Freud oder Leid war dabei rasch beantwortet, pfegte Premiere doch seinerzeit die Buchstaben der erfolgreichen Mannschaft gelb einzufärben. Ob sich der Pulsanstieg, den die Einblendung des torverheißenden Banners ausgelöst hatte, gelohnt hatte, war damit schnell erklärt. Was blieb, war die gleichfalls spannende, aber eben nicht so nervenaufreibende Frage nach dem Torschützen.

Am 9. Spieltag der Saison 1992/93 nun durfte ich diesen Nervenkitzel wieder einmal auskosten. Premiere übertrug Dynamo Dresden gegen Werder Bremen als Topspiel (eine durchaus fragwürdige Entscheidung) und informierte mittels der unwiderstehlichen Einblendungen über den Spielstand in München. Nachdem ich eine halbe Stunde lang erwartungsvoll auf den unteren Bildschirmrand gestiert hatte (und dabei das Spiel in Dresden fast ignoriert hatte), erschien um Punkt 16 Uhr endlich das begehrte Banner und wenig später die ernüchternde Gewissheit. „MÜ…“ in Weiß… Ich wusste, was das hieß: Gegentor. Führung Gladbach. Die gelbe „BORUSSIA“ gab mir die endgültige Sicherheit. 0:1. Torschütze: Criens. Auch egal!

Nun begann sie, die schier unendliche Zeit des Wartens auf die nächste Bayern-Einblendung mit der erlösenden Nachricht des Ausgleichs. Doch es passierte - nichts. Keine Meldungen von irgendwo. Schlussfolgerung: Die Einblendemaschine (so nannte ich den Vorgang in Ermangelung technischer Kenntnisse) musste kaputt sein. Und in der Tat schien irgendetwas nicht zu stimmen. Denn die erlösende Mitteilung vom Ausgleichstreffer erreichte mich und die Premiere-Zuschauer auffällig spät. Doch ich war nicht nachtragend. Hauptsache Tor. Die Nachricht von Olaf Thons Elfmetertreffer sorgte für Erleichterung und nährte die Hoffnung, dass die Bayern das Spiel noch würden drehen können.

Doch wieder einmal tat sich lange nichts. Fast nichts, um genau zu sein. Die Mitteilung von Treffern in Wattenscheid und Köln zeigten mir, dass die Einblendemaschine funktionieren würde. Es musste also an meinen Bayern gelegen haben, die sich als unfähig erwiesen, der Borussia ein zweites Gegentor einzuschenken. Und so wartete ich und wartete - bis gegen Viertel nach fünf. Das Spiel in Dresden stand unmittelbar vor dem Abpfff, da wischte das gelb-rote Banner und nachfolgend das gelbe „München“ alle Zweifel hinweg: „MÜNCHEN“ in Gelb! 2:1 Helmer, 88.! Jaaaa! Hatte doch noch geklappt. Das Spiel in Dresden wurde wenige Sekunden später abgepfffen, Einblendungen würde es danach nicht geben, selbst wenn noch das eine oder andere Tor gefallen wäre. Hieß im Umkehrschluss, dass ich mich bis zur Ergebnisübersicht gedulden musste, um endgültige Gewissheit über den Spielausgang zu erlangen.

Ich weiß nicht, ob es die seltsamen Umstände der streikenden Einblendemaschine waren, die mir das Gefühl gaben, dem Braten nicht trauen zu können. Eine ungute Eingebung sagte mir aber, dass die Bayern wohl noch einen kassiert hatten. An diesem Samstag war alles möglich. Wenig später erlebte ich dann, wie fes und hinterhältig so eine selbsterfüllende Prophezeiung sein kann: „Bayern - Gladbach 2:2“. Ich war frustriert. Wütend. Desillusioniert. Und wusste dabei nicht einmal, auf welche haarsträubend dämliche Weise der Ausgleich gefallen war: Martin Max nach Vorlage des vorgerückten Torhüters Dirk Heyne. Lächerlich.

Noch heute könnte ich diesen Einblendesamstag verfuchen. Noch heute tut mir das Unentschieden weh. Vielleicht, weil ich glaube, dass wir bei einem Sieg am Ende auch den Meistertitel geholt hätten. Vielleicht weil ich Last-Minute-Ausgleichtstreffer einfach hasse. Wahrscheinlich aber, weil ich schon glaubte, den Kampf gegen die streikende Einblendemaschine gewonnen zu haben und dann auf so feige Weise hintergangen wurde. Denn den Ausgleichstreffer anzuzeigen, hätte sich die Einblendemaschine an diesem Samstag sicher nicht getraut…

Sammy Kuffour

DAS KIND IM MANNE

Patrick Völkner

„Wir wolle rot-weiße Trikot. Rot-Weiße Trikot.“ Die flehentliche Bitte in Form eines kruden Gesangs auf dem Münchener Rathausbalkon dürfte den meisten Bayern-Fans noch immer im Ohr sein. Sie stammt von Sammy Kuffour, einer der wohl schillerndsten und beliebtesten Spielerpersönlichkeiten der Bayern aus den vergangenen 20 Jahren. Ein echter Typ, der in seinen zehn Jahren beim deutschen Rekordmeister alle Höhen und Tiefen des Fußballs wie des Lebens mitgemacht hat.

Kuffours Prof-Karriere begann früh. Bereits mit 15 Jahren verließ der Ghanaer seine afrikanische Heimat in Richtung Italien. Dort kickte er zwei Jahre lang für die Jugendmannschaft von Torino Calcio und wechselte schließlich im zarten Alter von 17 Jahren an die Isar. Unter Hermann Gerland absolvierte Kuffour seine ersten Spiele für die Amateurmannschaft des FC Bayern, um sich so für das Profteam der Münchener anbieten zu können. Am 29. Oktober 1994 bestritt Kuffour schließlich sein erstes Bundesligaspiel (2:2 gegen den VfB Stuttgart), dem in den nächsten Jahren 174 weitere Einsätze folgen sollten.

Schon Mitte der 90er bestand ein reger Personalaustausch zwischen den FC Bayern und dem Club aus Nürnberg. So wurde auch Kuffour für ein Jahr nach Nürnberg ausgeliehen, um dort vermehrt Spielpraxis sammeln zu können. Verletzungsbedingt reichte es jedoch lediglich zu zwölf Zweiligaeinsätzen, nach denen er wieder an die Isar zurückkehrte. Waren es zunächst die schwankenden Leistungen Kuffours, die regelmäßigen Einsätzen im Wege standen, so wurde dem Ghanaer später vor allem seine hohe Verletzungsanfälligkeit zum Verhängnis.

Gleichwohl sollte Kuffour zu keiner Zeit den Makel fehlender Konstanz wirklich abschütteln können. Seine Leistungen schwankten regelmäßig zwischen Weltklasse und Kreisliganiveau. Blitzsaubere Defensivdarbietungen wechselten sich mit haarsträubenden Leichtsinnsfehlern ab und brachten dem jungen Ghanaer den Ruf des schlampigen Genies ein. Doch anders als im Falle von Martin Demichelis, der mit einem ähnlichen Stigma zu kämpfen hatte, genoss Kuffour bei den Bayern-Fans dauerhaft hohe Sympathie.

Kuffours Beliebtheit unter den eigenen Anhängern erklärt sich dabei weniger aus seiner Spielweise denn aus dem Typus Mensch, den er auf und neben dem Spielfeld verkörperte. Samuel Osei Kuffour, den alle nur „Sammy" nannten, war als Fußballer so etwas wie der tragische Held. Stets aufrichtig bemüht, mit großen Einsatzwillen und Herzblut ausgestattet, aber doch oftmals am infantilen Gemüt scheiternd - so kannte und mochte man den Spieler Kuffour. Allzu häufg schlugen beim jungen Sammy Motivation und Hingabe um in Übereifer und Unbesonnenheit - zwei Attitüden, die sich mit dem Anforderungsprofl eines Innenverteidigers gemeinhin nicht vertragen.

Die Unbeherrschtheit des Sammy Kuffour lässt sich auch statistisch belegen: In seinen 175 Erstliga-Einsätzen wurde der Verteidiger insgesamt sechs Mal vom Platz gestellt. Zum Vergleich: Für Stefan Effenberg, dem Rekordhalter in dieser Kategorie, steht gerade mal ein Platzverweis mehr zu Buche - bei exakt doppelt so vielen Bundesligaspielen. Die höchste Quote an Hinausstellungen pro Spiel darf somit Kuffour für sich in Anspruch nehmen, eine Auszeichnung, auf die er und sein Verein sicher gerne verzichten würden.

Es ist jedoch weniger die Zahl der Platzverweise als vielmehr ihr Zustandekommen, welches Aufschluss gibt über die Eigenart Kuffours. Beispielhaft sei hier nur auf die gelb-rote Karte aus dem November 1994 hingewiesen: Zu Behandlungszwecken hinter die Seitenlinie verwiesen, kehrte der ungeduldige Kuffour ins Spiel zurück, ohne das Okay des Schiedsrichters abzuwarten. Die fällige Verwarnung mit dem daraus resultierendem Platzverweis beantwortete der damals 18-Jährige mit einer beleidigten Schimpftirade, wie man sie sonst nur von uneinsichtigen Kindergartensprösslingen kennt. Kuffour galt fortan als unreifer Naivling, dem man seine Fehler ob seiner kindlichen Seele nicht so recht übelnehmen wollte. Ein Ruf, den Kuffour - wie Thomas Helmer einst anmerkte - für seine Zwecke zu nutzen wusste. Kuffour gefel sich in der Rolle des unschuldigen Underdogs und wollte dieses Vorurteil für sich fruchtbar machen. Seine Rechnung, den Schiedsrichter zu Gnade und Nachsicht zu bewegen, sollte allerdings nur selten aufgehen.

Auch wenn es anders scheinen mag: Kuffour war für den FC Bayern mehr als nur ein skurriler Sympathikus. Sportlich hat er den Münchnern oftmals entscheidend weitergeholfen. Sein Tor zum 1:0 war es, das die Bayern im Dezember 2001 zum Weltpokalsieger machte. Vor allem aber hatte Kuffour mit zuweilen herausragenden Abwehrleistungen großen Anteil an den Triumphen der Bayern - auch und gerade auf internationaler Ebene. Mit umsichtigem Stellungsspiel und entschiedenem Zweikampfverhalten hat der Ghanaer stets Akzente setzen können. Das Spiel der Bayern in den späten 90er Jahren und im beginnenden Jahrtausend hat er so entscheidend mitgeprägt. Und als er München im Jahre 2005 in Richtung Rom verließ, konnte Kuffour auf eine durchaus beeindruckende Titelsammlung zurückschauen: Sechs Meisterschaften, vier Pokalsiege und je einmal Champions League und Weltpokal.

Nach seinem Rückzug aus der Bundesliga wurde es stiller um Kuffour. Stationen in Rom und Livorno folgte ein kurzes Engagement bei Ajax Amsterdam, wo er seine Europa-Karriere schließlich beendete.

So sehr Kuffour in seiner Proflaufbahn zwischen den Extremen pendelte, so sehr kennt er auch die Abgründe des Lebens. Im Januar 2003 fel seine damals 15 Monate alte Tochter Godiva in den hauseigenen Swimmingpool und ertrank. Kuffour erfuhr in München von dem tragischen Ereignis und fog umgehend in seine ghanaische Heimat zurück. Beim ersten Rückrundenspiel, drei Wochen später, saß er jedoch wieder auf der Bank und wurde von Trainer Hitzfeld eingewechselt. Den Schmerz des Todes der eigenen Tochter wollte er mit der Rückkehr zur Normalität bekämpfen. Am 3. Mai desselben Jahres erzielte Kuffour sein sechstes und letztes Bundesligator. Im Interview nach dem Spiel wirkte er befreit und blickte zurück: „Es war eine schwere Zeit. Aber es geht mir besser.“

Sammy Kuffour, im Fußball wie im Leben, ein tragischer Held, dem die Sympathien der Menschen stets sicher waren, gehört zweifelsohne zu den Kultkickern des FC Bayern, obwohl - oder besser: weil bei ihm nicht alles so lief, wie er es sich vorgenommen hatte. Aber gerade das macht die wahren Typen eben doch auch aus.

Thomas Strunz

…ODER: MEIN MÜNGERSDORF

Patrick Völkner

Was erlaube Struuuunz? Na, was denn eigentlich? Zum Beispiel, das eigene Trikot zweckentfremdend einem Fan zu überlassen, der kühl-kalkulierend auf den Mitleidseffekt setzt. Im heiligen Oval von Köln.

Wirklich schön war es sicher nicht. Ich mochte es dennoch, hatte ich hier doch mein erstes Mal erlebt, im Mai '88 beim Spiel zwischen dem 1. FC Köln und Werder Bremen. Zum ersten Mal in meinem Leben besuchte ich ein großes Fußballstadion und atmete die herbe Luft der großen weiten Fußballwelt.

Die unüberschaubaren Menschenmassen, das irritierende Duftgemisch aus Reibekuchen, Gras und Schweiß, die unwirkliche Nähe zu den Littbarskis und Riedles - meine kindliche Seele kapitulierte vor der Unmenge der auf sie einströmenden Eindrücke. Ich wusste nicht, wie mir geschah, und doch war mir eines sehr schnell klar: Hier gefel es mir. Hier wollte ich öfter sein. Hier war meine Welt.

Doch so schön die Euphorie des Augenblicks auch war, so schnell wich sie der Ernüchterung. Ich befand mich in einem kaum lösbaren Gewissenskonfikt, hatte sich mein Fußballherz doch längst dafür entschieden, für den FC Bayern zu schlagen. Dabei sollte es auch bleiben. Aber ein kleiner Platz war doch noch frei für dieses gemütliche Fußballstadion mit dem morbiden Charme der 70er Jahre, dessen makelloses Oval mir so vollkommen erschien. So verliebte ich mich ein wenig in das Müngersdorfer Stadion von Köln und bewahrte mir fortan diese Zuneigung, wenngleich ich lernen musste, dass es noch viele andere sehenswerte und womöglich noch beeindruckende Arenen auf dieser Welt gab. Aber das war mir egal. Müngersdorf war mir - als Bayern-Fan - heilig.

Im September 1997 sollten sich dann meine große Leidenschaft (für die Bayern) und meine kleine (für Müngersdorf) auf geradezu magische Weise verbinden. Denn so archaisch das Kölner Stadion auch war, so bot es mir als Rollstuhlfahrer doch einen beträchtlichen Luxus. Ich durfte die Spiele von der unbedachten Tartanbahn aus verfolgen, was bei Regenwetter den zugegebenermaßen wenig luxuriösen Nachteil mit sich brachte, die Folgewoche mit einer ekligen Erkältung verbringen zu dürfen. Von der Laufbahn aus war jedoch der Weg zu den Protagonisten nicht weit. Das Spiel trug sich nur wenige Meter vor meinen Augen entfernt zu und vermittelte selbst mir als passioniertem Gehlegastheniker den untrüglichen Eindruck, mitten im Geschehen zu sein. Was für einen Menschen, dessen Oberschenkelmuskulatur in ihrer Konsistenz an geronnenen Grießbrei erinnert, bei all den durchtrainierten Vollprofs durchaus erhebend sein kann.

Vor allem aber betrat und verließ man das Stadion als Rollstuhlfahrer durch den gleichen Ein-/Ausgang wie die prominenten Akteure, mit der zwangsläufgen Folge, die kleinen oder großen Stars aus nächster Nähe beobachten zu können. So weiß ich nun zumindest, dass Reporter Tom Bayer ein hoffnungsloser Kettenraucher ist - und Uli Hoeneß ein durchaus höficher Zeitgenosse.

Am 20. September 1997 nun waren meine Bayern in Köln zu Gast und ich verfolgte den schmeichelhaften 3:1-Sieg meines Leib-und Magen-Teams aus unsicherer Tartanbahn-Entfernung. Unmittelbar nach Abpfff machte ich mich in Richtung Marathontor auf, also just an die Stelle, wo ich auf einen Kahn oder Scholl würde treffen sollen. Denn an diesem 20. September hatte ich mir eines vorgenommen: Ich wollte etwas mitnehmen. Torwarthandschuhe, ein Trikot oder notfalls eben nur die schwärmerische Erinnerung an einen feuchten Händedruck. Diesmal würde ich alle Register ziehen und sogar auf den von mir so verhassten Mitleidseffekt setzen.

Ein Fußballprof würde einem treudoof grinsenden Fußballfan im Rollstuhl doch nichts abschlagen können, zumal, wenn er für den FC Bayern spielt, wo man es mit der sozialen Verantwortung bekanntlich sehr genau nimmt. Die soziale Verantwortung war diesmal ich. Diesmal wollte ich eiskalt Proft schlagen aus dem allgegenwärtigen Mitleidseffekt, der mir sonst doch wie jedem körperlich Minderbemittelten so abgrundtief zuwider war. Mitleid ist der Nährborden für einen gepfegten Minderwertigkeitskomplex, Mitleid verführt zu Überheblichkeit, Mitleid ist zum Kotzen, aber Mitleid kann eben auch manchmal sehr nützlich sein - jedenfalls wenn man es gewinnbringend einzusetzen vermag.

Und das wusste ich an jenem 20. September 1997. Mein Opfer hieß Thomas Strunz und war zu diesem Zeitpunkt ein angesehener Bundesligaprof mit vorzeigbarer Nationalmannschaftskarriere, der aber nur selten im Mittelpunkt des allgemeinen Interesses stand. Zu unspektakulär waren seine Auftritte als Mittelfeldspieler.

Ein knappes halbes Jahr später sollte sich dies grundlegend geändert haben. Giovanni Trapattonis legendäre Brandrede macht aus dem unscheinbaren Musterprof Thomas Strunz einen unbequemen Revoluzzer mit Kultstatus. Wenngleich es wohl weniger die Schimpftirade des Bayern-Trainers war, als vielmehr die nachfolgende kabarettistische Aufbereitung durch Harald Schmidt, die dem Bayern-Spieler in den Mittelpunkt des Boulevard rückte. „Was erlaube Struuuuunz?“ wurde zum gefügelten Wort und Strunz selbst zum neuen Popstar der Bundesliga, der in sämtlichen Arenen der Republik mit einem seltsam ironischbittersüßen „Struuuuuunz“ begrüßt wurde.

Ein einziger Satz hatte aus dem unscheinbaren Thomas Strunz eine Ikone gemacht. Die Karriere an sich hätte dazu wohl kaum Anlass gegeben. In seinen gerade einmal 235 Bundesliga-Spielen (für den FC Bayern und den VfB Stuttgart) schoss Strunz 32 Tore und holte dabei fünf Meistertitel. Hinzu kommen zwei Pokalsiege sowie der Gewinn des UEFA-Pokals und der Champions League - Letzteres erlebte Strunz allerdings nur von der Tribüne aus. Mit der Nationalmannschaft, für die er insgesamt 41 Einsätze absolvierte, errang er 1996 den Europameistertitel.

Doch trotz all dieser Erfolge hätte Thomas Strunz ohne die legendäre rhetorische Frage seines damaligen Trainers niemals den Bekanntheitsgrad erlangt, der ihm bis heute innewohnt. Selbst der spätere „Spielerwechsel“ seiner Frau Claudia mit den anschließenden Anschuldigungen über die Presse erzeugten kein vergleichbares Medienecho. Strunz schwieg und beugte so einer langwierigen öffentlichen Schlammschlacht vor.

Bei Thomas Strunz denkt man also unwillkürlich an Giovanni Trapattoni. Ich hingegen denke an den 20. September 1997, den Tag, an dem mir Strunz am Marathontor des Müngersdorfer Stadions begegnete und Opfer meiner perfden Mitleidsmasche wurde. Meine knapp formulierte, aber doch so eindeutige Bitte „Thomas… Trikot?!“ konnte auch er nicht missverstehen. Kurz entschlossen streifte er sein Dress ab, legte es mir auf den Schoss und gab mir einen Klaps - Mission Mitleid hatte funktioniert.

Noch heute hängt das Trikot in meinem Kleiderschrank - inzwischen sogar gewaschen. Sein Wert dürfte zwischenzeitlich um einiges gestiegen sein. Aber das interessiert mich nicht. Es ist mein persönliches Andenken an einen Kultkicker des FC Bayern.

Heilsbringerhype: Mister, König, Pep

DREI TRAINER, ZWEI PROBLEME

Anno Haak

Der Hype um Josep „Pep“ Guardiola nach dessen feststehender Verpflichtung im Januar 2013 war gar nicht so ungewöhnlich, wie man meinen könnte. Dank der modernen (sozialen) Medienlandschaft war die Aufregung potenziert. Aber das Narrativ von der sportlichen Weltherrschaft, die mit ein paar Unterschriften auf einem Cheftrainervertrag zu erlangen ist, ist nicht neu. Das Problem mit hochhängenden Erwartungen ist das von Limbo unter einer Stange auf Höhe einer Fußballtorlatte. Es ist leicht, darunter her zu spazieren. Quod erat demonstrandum. Ein Rückblick auf zwei Trainer, die als Heilsbringer kamen und als Problembären gingen.

Last exit Calgliari

Der Katalane mit dem Weltmanncharme ist so etwas wie der uneheliche Sohn des „Mister“. Giovanni Trapattoni war 1994 einer der besten Trainer der Welt. Der damals 55-jährige war der Inbegriff des Erfolgscoaches. In zwanzig Trainerjahren hatte er ebenso viele große Titel geholt. Zudem verkörperte der überzeugte Anzugträger die Grandezza, die ihn zu jenem würdigen Repräsentanten des FC Bayern machen würde, den man für den Posten an der Seitenlinie suchte und erst später in Ottmar Hitzfeld fnden sollte.

Harry Koch war ein 24-jähriger Halbprof bei einem weit über die eigenen Verhältnisse spielenden Dorfklub, der überzeugter Träger eines Miniplihaarschnitts mit Pony war und in dessen vom Kampfgeist minderbegabter Kicker geprägten Gesicht ein haariger Unternasenbalken an kalten Regionalligaspieltagen verhinderte, dass für Taschentücher bestimmte Körperfüssigkeit in seinen Mund laufen konnte. Ein einziges Spiel machte ihn zum Bundesligaspieler. Er sollte Meister und Pokalsieger werden und über 200 Erst- und Zweitligaspiele machen. Doch im Sommer 1994 lag der Grad von Wahrscheinlichkeit, dass sich die Wege von Harry Koch und Giovanni Trapattoni einmal schicksalhaft kreuzen würden, zwischen dem eines Engagements von Jose Mourinho beim FC Augsburg und dem des Überlebens eines Schneeballs im Juli in Mailand. Und doch passierte es an jenem 14.8.1994.

Goliaths Bezwinger David war ein Sitzriese gegen den später mit der ruhmreichen Spielvereinigung Fürth fusionierten Verein mit dem schier unaussprechlichen Namen Spielvereinigung Vestenbergsgreuth, für den Harry Koch die selbstgekauften Schuhe schnürte, und mit dem er in der ersten Pokalrunde auf den Rekordmeister FC Bayern München traf. Der von jenem Mister trainiert wurde, der mit allen Trophäen des Weltfußballs per Du war. Es ging nicht um die Höhe des Sieges. Es ging um die Vermeidung der Zweistelligkeit. Auch wenn der Status der Bayern nicht mit dem der Gegenwart vergleichbar ist, waren die Roten in ihren hässlichen, nur von Copacabanaverächtern „brasilianisch“ genannten dottergelben Auswärtsleibchen scheinbar das deutsche Starensemble. Stars wie Matthäus, Papin, Helmer oder Scholl garantierten für das größte Publikum in der Vereinsgeschichte der Greuther, aber auch für chancenloses Ausscheiden in Runde eins. Es kam anders.

Als Harry Koch in der dritten Minute der Nachspielzeit einen von Vorstopperkollege Bernd Lunz an den Pfosten geklärten Papinheber von der Linie drosch und Dr. Merk abpfff, waren Wettanbieter um tausende DM ärmer und die bayerische Pokalgeschichte um eine Blamage reicher. Das 1:0 der „dilettanti“ von Vestenbergsgreuth schaffte es auf die rosafarbene Titelseite von Italiens größter Sportzeitschrift, und der erfolgreichste Übungsleiter aus dem Land der Taktikgenies war angezählt, bevor er richtig in Deutschland angekommen war.

Aus der Hochzeit im Himmel zwischen Italiens bestem Trainer und Deutschlands ruhmreichstem Verein wurde schnell eine Krisenbeziehung. Das peinliche Ausscheiden im Pokal war der Auftakt. Die eher semiattraktive Spielweise, die der vorsichtige Ex-Abwehrspieler vorgab, die Sprachbarriere und die überhöhte Erwartungshaltung an eine mit nur vermeintlichen Supertalenten wie Frey, Hamann, Nerlinger oder Sternkopf gespickte, im Umbruch befndliche Mannschaft führten zum inakzeptablen sechsten Platz. Was Trapattoni vor der frühzeitigen Entlassung bewahrte, war neben akutem Mangel an Alternativen nur das überraschend gute Abschneiden in der noch in den Kinderschuhen steckenden Champions League. Das erschütternd chancenlose 2:5 im Halbfnale gegen Ajax Amsterdam war aber auch der letzte Sargnagel. Dass gegen das Jahrhundertensemble von van Gaal wohl auch jeder andere Trainer gescheitert wäre… geschenkt. Wenige Wochen später verabschiedete sich Trapattoni nach Sardinien. Letzter Ausgang Cagliari.

König für nicht mal ein Jahr

Noch während „Trap“ seinen verdutzten Eleven in Deutschland unbekannte Trainingsübungen in italogermanischem Kauderwelsch näherzubringen suchte, hatte der FC Bayern den Trainertransfer des Jahrzehnts eingefädelt. Otto! Rehhagel! Nach! München! Die mediale Schnappatmung kannte kaum Grenzen. Ausgerechnet der Han Solo aus dem beschaulichen Bremen, der den Todesstern vom Alpenrand seit über einem Jahrzehnt piesackte, sollte die bajuwarische Hegemonie an der Spitze der Bundesliga wiederherzustellen helfen. Anders als Trapattoni bekam Rehhagel einen geradezu erlesenen Kader zur Verfügung gestellt. Strunz, Herzog, Sforza und Klinsmann kamen. Bundesligatrüffel kaufte Hoeneß dem Ex-Erzfeind zusammen. Das Beste war gerade gut genug.

Die Marketingabteilung arbeitete zwar nach dem Motto „gut geklaut ist besser als schlecht erfunden“. Mit Olympia in Barcelona im Kurzzeitgedächtnis schwadronierte man vom Dreamteam und verteilte gratis ulkige Versandhauswerbekappen. Nebenkriegsschauplätze aus der Steinzeit der Bundesligavermarktung.

Doch aller Vorschusslorbeer im Sommer 1995 konnte nicht verdecken, dass auch Rehhagel in seine erste (und letzte) Saison mit einer schier unbezahlbaren Hypothek ging. Sein Vorgänger, der auch sein Nachfolger werden sollte, trug sie höchstselbst ins Grundbuch des ottonischen Bayern-Reiches ein. In seinem letzten Spiel nach 14 Werder-Jahren am 17.6.1995 verbaselte Rehhagel mit Bremen den möglichen dritten Meistertitel. In München. Statt als Triumphator an die neue Wirkungsstätte zu kommen, revitalisierte der Rekordmeister das längst abgelegte Image vom ewigen Vize Otto. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt, dass Rehhagel ausgerechnet mit dem dreifachen Vorbereiter von jenem letzten Spieltag 1994/95, Mehmet Scholl, nie zurechtkommen sollte.

Jene Männerfeindschaft überschattete selbst die erfolgreiche Anfangsphase der Dreiviertelsaison unter Rehhagel. Der Trainer setzte auf den Bremer Weggefährten Herzog als Ein-Mann-Kreativzentrale, dem an der Säbener mit wesentlich größerer Lobby ausgestatteten Scholl blieb meist nur die Ersatzbank. Im Prä-Rotationszeitalter ein Sakrileg. Während schrittweise die einzige Majestät im Bayernkosmos über dem König den Teenie-Liebling als seinen Lieblingsspieler zu erkennen gab und später in die Mannschaft sang, geriet Herzog als Trainerliebling in die Isolation des Klassenstrebers. Über die Dissonanzen trösteten noch der Startrekord mit sieben Siegen und Fußballfeste wie in Karlsruhe hinweg. Als sich neben dem Erlebnis auch die Ergebnisse verabsentierten, wurde Rehhagel zum König ohne Reich und Deutschlands anspruchvollster Klub zum Komödienstadl.

Das Image vom „FC Hollywood“, das noch in jüngerer Zeit bei Strategiegesprächen von Philipp Lahm mit der Süddeutschen Zeitung oder der Ausmusterung von CL-Final-Torschützen auf Pressekonferenzen schemenhaft erscheint, wurde in jener Saison begründet. Nie war der FC Bayern so peinlich wie unter Rehhagel. Die Bild las von Scholls Lippen das W-Wort Richtung Trainer. Zum Dank beschied Rehhagel auf den vom ihm verhassten täglichen Pressekonferenzen Fragen nach dem abwesenden „Scholli“ mit der Antwort, diesem werde bei den Amateuren in Hinterzuffenhausen Spielpraxis gegeben, als wäre Deutschlands kreativster Spieler ein talentbefreiter B-Jugendlicher.

Wenn Matthäus seinen begrenzten Kosmos nicht gerade in „Dageebuchforrrm“ veröffentlichte, wettete er mit Manager Hoeneß auf die Torquote von Mannschaftsfeind Klinsmann. Sat.1 schnitt Delphinserienjingles unter Videos mit meterweit vom Fuß des späteren Sommermärchenarchitekten springenden Bällen. Matthäus hatte wegen der vielen Stockfehler des Stürmers teamintern den auf Spielautomaten gemünzten Spitznamen „Flipper“ für Klinsmann etabliert. Zum Dank für die Demütigungen im Klub putschten Klinsmann und der ebenfalls in München spielende Thomas Helmer Matthäus übergangsweise aus der Nationalmannschaft, was dem Binnenklima im Verein naturgemäß wenig zuträglich war. Zwischen den (zu) vielen Alphatieren wuselten Ich-AGs wie Ziege, Sforza, Strunz oder Papin, während Rehhagel durch ignorante und selbstherrliche Pressearbeit das Münchener Journalisten-Bonmot bestätigen zu wollen schien, nach dem der Unterschied zwischen Gott und Otto sei, dass Gott wisse, dass er nicht Otto ist.

Das Ende vom Lied sang ein Rostocker namens Jonathan Akpoborie, der für Hansa gegen vogelwild anrennende Münchener im April 1996 das güldene Tor zum 1:0-Auswärtserfolg in München erkonterte. Wenige Stunden später war das größte Missverständnis der jüngeren Bayern-Geschichte beendet. Rehhagel rettete auch nicht, dass er wenige Tage zuvor ins UEFA-Cup-Finale eingezogen war. König für nicht mal ein Jahr. Den allfälligen Titel sammelte statt seiner Franz Beckenbauer ein. Nachfolger von Rehhagel wurde… Giovanni Trapattoni. Keine Pointe.

Pep knows best

Wenn sich also jemand über die misslungene Triple-Verteidigung 2014, die angebliche Hispanisierung Bayerns oder das blamable Aus gegen Real erregt, sei ihm der Rückblick auf Heilsbringer aus dem Stiefelland, Revolutionäre aus dem Land der begrenzten Unmöglichkeiten oder den Möchtegern-König aus dem Stadtstaat empfohlen. Verglichen mit solchen Missverständnissen übererfüllt Guardiola die nicht geringen Erwartungen um ein Vielfaches. Nicht jeder kann Pep sein, die Rückblende verdeutlicht aber auch, dass die 90er Jahre manche Zuschreibung verdienen, aber das Früher-war-alles-besser-Label ein grandioser Etikettenschwindel wäre.

Hommage – ein Trainer und ein Gentleman

DER GRÖßTE

Anno Haak

Ottmar Hitzfeld bei Bayern München.

Juli 1998. Osama Bin Ladin ist nur ein spinnerter Exilant in Khartoum. Die Regierung Kohl steht wenige Wochen vor der Abwahl. Der Bundestag sitzt in Bonn. Kenneth Starr untersucht Spermafecken auf Kleidern von Praktikantinnen. Michael Jordan beendet seine Karriere mit dem sechsten NBA-Titel. Kaiserslautern ist der Nabel der deutschen Fußballwelt. Der FC Bayern wechselt den Trainer. Wieder einmal. Es ist die achte Rochade auf dem Stuhl des sportlichen Übungsleiters in weniger als sieben Jahren. Der neue Mann kommt aus Dortmund. Er wird Geschichte schreiben wie niemand vor ihm. Sein Name ist Ottmar Hitzfeld.

Mai 2008. Eine Dekade später. Hitzfeld weint. Der Mann, der das Wort „Haltung“ neu defnierte, verliert die Fassung. Stephan Lehmann spricht wohl im Namen von damals gut 150.000 Mitgliedern. Von 69.000 Zuschauern vor Ort in der Allianz Arena. Von Uli Hoeneß. Und ja, auch von Karl-Heinz Rummenigge. Als er seine kurze Vorstellung des scheidenden Trainers mit den Worten abschließt: „Wir sagen ‚Danke für alles, Ottmar Hitzfeld.‘“ Des Coaches Unterlippe bebt schon, bevor Lehmann geendet hat. Ein paar Tränen hatte er da schon aus dem Knopfoch gefscht. Bevor er den kurzen Weg auf den Rasen antritt. Als sich 138.000 Hände zum stehenden Applaus regen, brechen die Dämme. Den obligatorischen Abschieds-Blumenstrauß hält er vor das Gesicht. Es nutzt nichts. Alles muss raus. Hitzfeld weint. Hoeneß schluchzt. In Köln, sagen manche, kämen die Fans vor allem wegen der halben Stunde vor dem Spiel. Nie traf das mehr zu als an jenem Tag. Aber in München.