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Ein Roman über Liebe, Trauer, Schuld – und über Opferbereitschaft für einen eitlen Kater Nola Nimmerl hat die Tendenz zu verschwinden. Ihre Umrisse sind verschwommen, innen wie außen. Sie lebt ein Leben, das andere für sie erdacht haben, beschäftigt sich am liebsten mit den Problemen anderer, erfüllt alle an sie gerichteten Erwartungen – und ist Psychotherapeutin. Im Gespräch mit ihren Patient*innen ist oft nicht klar, wer hier eigentlich wen therapiert. Denn sobald Nolas Gefühle überhandnehmen, verliert sie die Kontrolle über ihr Bewusstsein und sieht sich als Phönix in die Lüfte steigen. Als ihre Schwester stirbt, nimmt die Unschärfe dramatisch zu und Nola steht vor der Wahl: ganz verschwinden oder sichtbar werden. Ein unkonventionelles Debüt, das mit sanftem Humor Einblick gibt in die Gedankenwelt einer Frau, die ständig übersehen wird. Vor allem von sich selbst.
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Seitenzahl: 244
Veröffentlichungsjahr: 2024
Ein Roman über Liebe, Trauer, Schuld – und über Opferbereitschaft für einen eitlen Kater
Nola Nimmerl hat die Tendenz zu verschwinden. Ihre Umrisse sind verschwommen, innen wie außen. Sie lebt ein Leben, das andere für sie erdacht haben, beschäftigt sich am liebsten mit den Problemen anderer, erfüllt alle an sie gerichteten Erwartungen – und ist Psychotherapeutin. Im Gespräch mit ihren Patient*innen ist oft nicht klar, wer hier eigentlich wen therapiert. Denn sobald Nolas Gefühle überhandnehmen, verliert sie die Kontrolle über ihr Bewusstsein und sieht sich als Phönix in die Lüfte steigen. Als ihre Schwester stirbt, nimmt die Unschärfe dramatisch zu und Nola steht vor der Wahl: ganz verschwinden oder sichtbar werden.
Ein unkonventionelles Debüt, das mit sanftem Humor Einblick gibt in die Gedankenwelt einer Frau, die ständig übersehen wird. Vor allem von sich selbst.
Caro Reichl, 1993 in Linz geboren, lebt in Wien, Stipendiatin des Klagenfurter Literaturkurses 2023, Absolventin der Literatur Akademie Leonding 2023, Werbetexterin. Mit ihren Texten gewann sie u. a. den Wiener Werkstattpreis und stand auf der Shortlist des Willemer Frauenliteraturpreises. »Was glanzt, verschwindet mit uns« ist ihr erster Roman.
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leykam:seit 1585
Caro Reichl
Roman
leykam:Belletristik
Für alle, die glänzen
1. Vierundzwanzig Stunden
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
2. Das Leben danach
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
3. Verschwinden
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Danke
Niemand sieht, wie ich mich unter meinen Schmerzen auflöse. Ich sehe es selbst nicht. Als ich die Augen öffne, bin ich eigentlich gar nicht mehr da. Mein neuer Körper ist leicht. Es glänzt und brennt um mich herum, nein, es glänzt und brennt aus mir heraus, aber ich spüre nichts. Ich breite mein prächtiges Feuerkleid aus und fliege über Orte, an denen ich noch nie war. Freiheit, denke ich.
Dann reißt es mich in die Tiefe.
Ich werde heute nach dir sehen. Dein Tag hat noch immer 24 Stunden wie meiner. 24 Stunden verbringst du in diesem kleinen Krankenhauszimmer, hauptsächlich allein und liegend. Die Zeit muss sich endlos für dich anfühlen, da sollte ich täglich bei dir sein, wenigstens für eine Stunde. Vor einem Jahr waren wir noch gemeinsam auf Reisen, jetzt schaffst du es nicht mehr aus dem Bett.
Ich kann mir nicht vorstellen, wie es ohne dich werden soll. Seit ich denken kann, bist du da. Du kannst dich an mich erinnern, als ich noch gar kein Erinnerungsvermögen habe. Wie ich dir als Kleinkind dein Spielzeug wegnehme, wie ich weine, weil du mich nicht mitspielen lässt, wie ich in die Windel mache oder daneben und wie unsere Mutter mich deswegen schimpft. Schon immer wollte ich zu allem deine Meinung hören, ich habe zu dir aufgeschaut, du zu Katrin, war ja auch sie die große Schwester, ich nur die kleine.
Darum hängen in meiner Praxis zwei abstrakte Acrylbilder. Du hast sie im Internet gekauft. Ich finde sie nicht sehr ansprechend, aber du hast gesagt, dem Raum würde Farbe guttun, meinen Klientinnen und Klienten ebenfalls. Wahrscheinlich hätte ich diese Bilder genauso gut hinbekommen, doch ich hätte mich nie getraut, sie aufzuhängen. Nie hätte ich jemand anderem außer dir zeigen wollen, was für Farben und Formen aus meinem Inneren kamen. Ich hätte mich entstellt gefühlt. Sogar bei dir war ich nervös. Dir meine Zeichnungen zu zeigen war, wie mein Herz auf einen Präsentierteller zu legen, die Befürchtung groß, der Teller könnte zu Boden fallen und zerspringen.
Du hast mir damals geholfen, meine Räumlichkeiten einzurichten, hast die gelb überzogene Couch ausgesucht und den kleinen Tisch aus Birkenholz, ich hätte vermutlich etwas genommen, was nicht zusammenpasst.
Zum dritten Mal innerhalb von fünfzehn Minuten muss ich aufs Klo, dass ich überhaupt noch pinkeln kann – aber ein paar Tropfen kommen immer. Ich zupfe meine Strickweste zurecht, damit man den Phönix auf meinem rechten Unterarm nicht sieht. Ich achte stets darauf, dass meine Tätowierung verborgen bleibt. Du wirst dich schon daran gewöhnen, hast du damals gesagt, doch auch Jahre später trage ich im Hochsommer langärmlige Oberteile.
Ich bin so nervös, dass ich trotz mehrmaligem Deo-Sprühen den Schweiß unter meinen Achseln riechen kann. Es war wohl nicht die beste Idee, Herrn Pechmann einen Therapieplatz anzubieten.
Erinnerst du dich denn noch an Michi, Michael Pechmann? Michi ging acht Jahre in meine Parallelklasse. In der Sechsten gab ich ihm für ein paar Stunden Nachhilfe in Latein. Bei der nächsten Schularbeit war er so gut, dass er meine Unterstützung nicht mehr benötigte. Er war lustig, aber kein Angeber. Jeder mochte ihn. Er lachte nie mit, wenn sich jemand einen Scherz über mich erlaubte. Es schien unmöglich zu sein, dass einer wie er jemals Interesse an mir haben könnte.
Was machst du da, lass den Scheiß, hast du gesagt, als du mich dabei ertappt hast, wie ich mit unserer Küchenschere die Buchstaben M, I, C, H, I in meinen Unterarm ritzte. Ich zog die Buchstaben so oft nach, bis ich blutete.
Das ist er doch nicht wert, hast du gesagt, aber du wusstest nicht, wie das war, sechzehn und noch nie mit jemandem zusammen gewesen zu sein. Ich bin Michi vor ein paar Tagen im Krankenhaus begegnet. Ich war gerade auf dem Weg zu dir, im Lift, als sich im zweiten Stock die Tür öffnete und er einstieg, trotz dunkler Augenringe, Bart und Arztkittel erkannte ich ihn sofort wieder.
„Hey, ewig nicht gesehen“, sagte ich und ließ mir nicht anmerken, wie schockiert ich über sein Äußeres war. Ungesund dünn sah er aus, seine Haut wirkte aufgedunsen, aber am meisten tat es mir leid um sein Haar. Sein armes Haar. Einmal gingen wir von der Schule aus gemeinsam ins Theater, ich saß direkt hinter ihm. Ich weiß noch, wie ich mir wünschte, dass die Vorstellung gar nicht anfangen sollte, damit das Licht anblieb. Ich hätte sein wuscheliges braunes Haar mit seinem Volumen und den gekräuselten Spitzen ewig bewundern können. Jetzt war es fettig und strähnig.
Im Lift sah er mich an und antwortete: „Ah, hallo.“
Ich freute mich, dass er sich an mich erinnern konnte. Meist falle ich nicht auf, aber Michi war eben schon immer sehr aufmerksam. Doch dann sah er mich genauer an und kniff die Augen zusammen.
„Kennen wir uns?“, fragte er.
Mir wurde heiß. Im Spiegel erkannte ich, dass sich auf meinem Hals rote Flecken gebildet hatten.
„Nola“, sagte ich mit leiser Stimme.
Er schüttelte verunsichert den Kopf. Am liebsten wäre ich in diesem Moment ausgestiegen, hätte die Hand gehoben, gewinkt und wäre gegangen, doch wir befanden uns erst im dritten Stock. Wie langsam konnte ein Lift bitte sein? Und dann auch noch im Krankenhaus, wie fahrlässig, dass sich darüber noch niemand beschwert hatte!
„Entschuldigen Sie, ich habe Sie wohl verwechselt“, sagte ich, damit die Situation nicht noch unangenehmer wurde. Ich schaute zu Boden. Ich sollte es gewohnt sein, dass die Leute nicht wussten, wer ich war, ich war nicht hässlich, aber unscheinbar, und manchmal wünschte ich mir tatsächlich, ich könnte mich in Luft auflösen.
Als der Lift aufging, stieg Michi aus, ohne sich nach mir umzudrehen.
Umso größer war meine Verwunderung, als er mir am selben Tag eine Mail schickte mit dem Betreff Terminanfrage. Ich habe seine Nachricht so oft gelesen, dass ich sie auswendig kenne. Er schrieb:
Sehr geehrte Frau Nimmerl,
auf der Suche nach einer Gesprächstherapeutin bin ich auf Ihre Website gestoßen. Ich benötige dringend einen Therapieplatz und habe bereits von drei Therapeutinnen die Auskunft erhalten, sie hätten erst in zwei bis drei Monaten Zeit. Sollten Sie früher einen Termin für mich zur Verfügung haben, melden Sie sich bitte. Vielen Dank!
Mit freundlichen Grüßen
Michael Pechmann
Michi wollte also einen Termin bei mir. Was für ein Zufall. Oder Schicksal? Aus therapeutischer Sicht sollte ich niemanden behandeln, zu dem ich einen persönlichen Bezug habe. Aber warum wollte er zu mir? Was bedrückte ihn? Was war so dringend, dass er es schnellstmöglich mit jemandem besprechen wollte? Eigentlich war auch mein Terminplan voll, doch schließlich überwog die Neugier und ich bot ihm ein Gespräch in einer Woche, also für heute an. Mir gefiel dieses „dringend“ in seiner Nachricht und mich beruhigte der Gedanke, dass es außer mir noch andere Menschen gab, die Sorgen hatten.
Ich wasche mir die Hände, das Wasser ist kalt, mein Spiegelbild versucht zu lächeln, ich komme mir albern vor. Ich trage ein weißes, eng anliegendes Kleid mit V-Ausschnitt – ist der zu tief? Ich habe mir die Augenbrauen gezupft, habe Wimperntusche und Kajal aufgetragen – zu viel, zu schwarz, schon verwischt? Ich habe mir vorgenommen: Michi ist für mich ab jetzt nur noch Herr Pechmann. Unser Verhältnis ist professionell. Sollte er mich fragen, ob wir uns kennen, egal ob aus dem Krankenhaus oder von früher, werde ich es abstreiten. Denn je mehr ich über unsere Schulzeit nachdenke, desto weniger will ich, dass er sich an mich erinnert. Ich hatte in der Schule nicht wirklich Freunde. Ich war die, neben der immer ein Platz frei war, die, die bei den Gruppenaufgaben übrig blieb, die, die beim Sport zuletzt gewählt wurde, die, die im Tanzkurs nie einen Partner fand, ich war ein Nichts, ein Niemand, wenn, dann kannte man mich als deine kleine Schwester oder als Nimmerl-Wimmerl.
„Brüste hat die ja, aber das Gesicht“, hörte ich die Jungs in der Schule über mich sagen. Weißt du eigentlich, wie sehr ich Katrin und dich um eure makellose Haut beneidete? Obwohl wir drei dieselben Gene hatten, war ich die Einzige, deren Hautbild einer Kraterlandschaft ähnelte, auch jetzt ist sie nicht ganz rein. Am heftigsten war es in der Pubertät, aus allen Poren quoll der Eiter, von der Stirn bis zum Kinn. Stundenlang stand ich vor dem Spiegel und drückte meine Pickel aus. Währenddessen wünschte ich mir, Katrin und du würdet auch irgendwann so einen Kraterpickel zwischen den Augenbrauen bekommen, aber vergeblich. Doch selbst wenn mit meiner Haut alles in Ordnung gewesen wäre, hätten die anderen in der Schule wenig Lust gehabt, mit mir befreundet zu sein. Denn wie keine andere Dreizehnjährige konnte ich mich für Latein begeistern. Es beeindruckte mich, wie lange eine tote Sprache überleben konnte. Ich war gut im Übersetzen, es fiel mir leicht, es machte mir Spaß, unsere Lateinprofessorin bestand sogar darauf, mich zu den LAThleten zu schicken, und dann gewann ich auch noch die österreichweite Lateinolympiade im Namen unserer Schule. Freak, Streber, Psycho und Schlimmeres sagten sie über mich, denn neben Latein hatte ich noch eine besonders seltsame Faszination für den Verfall von Dingen. Ich freute mich, wenn ich im Kühlschrank Lebensmittel fand, die schon abgelaufen waren. Was schlecht war, gab ich in einen Tupperware-Behälter und versteckte ihn in meinem Bankfach. Wenn ich nach Schulschluss die Letzte in der Klasse war, öffnete ich ihn und sah den Lebensmitteln beim Verderben zu. Ich ertrug den Gestank kaum, doch ich bewunderte, wie schnell sich der Schimmel ausbreitete und die eigentlichen Produkte so verfremdete, bis nichts mehr davon existierte. „Wie widerlich!“, schrie meine Sitznachbarin, als sie mich dabei ertappte. Und so wurde ich wochenlang zum Gespött der Schule. Man sagte mir nach, dass ich Schimmel fraß, dass ich nach Verdorbenem stank und dass man eine Lebensmittelvergiftung bekäme, würde man mich küssen. Nein, es wäre wirklich besser, Herr Pechmann erinnert sich nicht an mich.
Ich höre, wie jemand das Wartezimmer betritt. Ich schaue auf die Uhr. Es ist fünf Minuten vor. Ich richte mir mein Notizbuch zurecht. Ich öffne die Tür. Im Wartezimmer sitzt ein großer Mann mit Bart, sein T-Shirt ist zerknittert, auf seiner Hose eingetrocknete Speiseresteflecken. Er riecht nach schmutziger Wäsche, Rauch und Alkohol. Seine Haut wirkt noch geröteter und aufgedunsener als bei unserer Begegnung im Krankenhaus.
„Herr Pechmann?“
Er sieht mich an, die Augen halb offen und trotzdem skeptisch, die Schatten unter seinen Augen dunkel. Er nickt.
Ich bitte ihn herein. Wir nehmen Platz, er auf der Couch, ich auf meinem lederbezogenen Therapeutinnensessel gegenüber. Ich stottere, dass er sich etwas von dem Wasser einschenken kann, das auf dem Tisch steht, und auch ein Taschentuch könne er nehmen, falls er möchte, falls er irgendwann eines brauche, falls er überhaupt wiederkomme, schließlich diene der Ersttermin ja nur zum Kennenlernen, ob danach eine Therapie zustande komme, entscheide er.
„Also“, sage ich und dann warte ich darauf, dass der Satz weitergeht, aber meine Lippen bewegen sich nicht. Normalerweise habe ich eine klare Struktur, wie ich ein Erstgespräch führe. Ich klappere die wichtigsten Punkte ab, von sozialem Umfeld, Beruf, Wohnsituation über Glücksempfinden bis zur Familienkonstellation. Ich höre aufmerksam zu, ich stelle die Fragen kurz, präzise und im richtigen Moment. Doch Herrn Pechmann starre ich wortlos an. Ich weiß nicht, wie ich das Gespräch beginnen soll, es kommt mir plump vor zu fragen: Was ist denn Ihr Problem? Der Schweiß rinnt, der Blick verschwimmt. Alles dreht sich, mir ist so heiß, ich brauche Wasser. Dafür müsste ich mich nur nach vorne beugen und mein Wasserglas nehmen, ich beuge mich, ich greife, ich schütte, ich schlucke, ich stelle das Glas wieder ab, auf dem Tisch bleibt ein kleiner See zurück.
Schließlich sagt er: „Eigentlich wollte ich gar nicht kommen.“
Ich lächle, verberge meine Enttäuschung, räuspere mich und bemühe mich, möglichst freundlich zu klingen, als ich antworte: „Aber Sie haben mir doch eine Mail geschrieben.“
„Meine Freundin.“
„Ihre Freundin?“
Ich wusste gar nicht, dass er eine hat. In der Schule war er immer Single, aber warum sollte er auch keine haben, er ist charmant, er sieht gut aus und er ist Arzt.
„Dann wollten Sie einen Termin für Ihre Freundin?“
„Nein, meine Freundin wollte den Termin für mich.“
„Sie wollen gar nicht in Therapie?“
„Ja.“
„Also doch.“
„Nein, mit Ja meine ich Nein, ich will keine, wer will das schon?“
„Warum sind Sie dann hier?“
„Weil ich muss.“
„Sie müssen nicht. Niemand muss zu mir kommen. Wenn Sie nicht wollen, können Sie jederzeit gehen. Ich halte Sie nicht auf.“
„Nina sagt, ich muss.“
„Nina?“
„Meine Freundin.“
„Ihre Freundin, ah ja!“
„Eigentlich Ex-Freundin.“
Er greift ebenfalls nach dem Wasser. Die Haut um seine Fingernägel ist aufgekratzt.
„Wir haben uns vor ein paar Wochen getrennt. Also eher sie sich von mir. Sie sagt, ich ziehe sie runter. Wenn ich will, dass das wieder was mit uns wird, muss ich mir helfen lassen.“
„Wobei?“
„Sie meint, ich sei nicht mehr ich selbst, unter anderem, weil ich in letzter Zeit zu viel trinke.“
„Sehen Sie das auch so?“
„Ich habe kein Alkoholproblem, aber sie hat nicht unrecht, ich trinke zu viel.“
„Was denken Sie, gibt es einen Grund dafür?“
„Es hilft mir runterzukommen.“
„Wovon?“
„Ich kann seit Wochen nicht schlafen, in Gedanken bin ich immer bei der Arbeit.“
Schlafstörung, notiere ich, das ist mir angenehm, da haben wir schon etwas gemeinsam.
„Wie viel trinken Sie?“
„So viel, dass ich zumindest ein paar Stunden schlafen kann.“
„Täglich?“
„Ja. Anfangs haben Nina und ich zusammen eine Flasche Wein getrunken, dann noch eine und noch eine. Ich wollte immer mehr und das hat sie gestört. Ich hätte einen verantwortungsvollen Beruf, hat sie gesagt, da könne ich mich doch nicht jeden Tag so wegschießen – also muss ich einen Weg finden, um besser mit dem Stress zurechtzukommen.“
„Trinken Sie auch während der Arbeit?“
Er zögert.
„Manchmal.“
„Ich habe Sie noch gar nicht gefragt: Was machen Sie denn beruflich?“
„Ich bin Chirurg“, sagt er. Wie der Vater, notiere ich. „Ich mache gerade meinen Facharzt. Aber genau genommen bin ich seit Montag im Krankenstand. Ich habe während einer Operation das Bewusstsein verloren.“
„Sie haben das Bewusstsein verloren?“
„Ja.“
Er schaut zu Boden.
„Ist etwas bei der OP passiert?“
„Die Patientin ist gestorben. Sie war noch sehr jung, jünger als ich.“
„Und jetzt haben Sie das Gefühl, es ist Ihre Schuld?“
Er zuckt mit den Schultern.
„Bei dem Krankheitsverlauf der Patientin waren die Chancen zu überleben gering. Ich dachte die ganze Zeit daran, wie wir es ihrer Familie erklären würden, mir wurde schwindelig, dann wurde alles schwarz, und als ich wieder zu mir kam, lag ich im Aufwachraum.“
„Ist das schon mal vorgekommen?“
„Nicht im OP-Saal. Aber wenn bei einer Operation etwas schiefläuft, renne ich danach aufs Klo und sperre mich ein, damit niemand merkt, wenn ich umkippe.“
„Wie oft kommt das vor?“
„Einmal die Woche. Manchmal seltener, manchmal öfters.“
„Und seit wann?“
Er zögert.
„Im Grunde seitdem ich arbeite.“
„Ich kann gut nachvollziehen, wie belastend das für Sie sein muss, immer mit dem Tod konfrontiert zu sein“, sage ich und unterdrücke den Impuls, näher auszuführen, wie gut ich ihn verstehen kann. Er sieht mich ungläubig an.
„Können Sie das? Haben Sie schon jemanden sterben sehen?“
Ich versuche seinem Blick nicht auszuweichen, doch alles dreht sich. Ich halte mich mit der einen Hand an meinem Therapeutinnensessel fest, mit der anderen greife ich versehentlich nach seinem Wasserglas und trinke es in einem Zug aus.
„Hm?“
Es war Samstag, ich ein Jahr mit Friedrich zusammen, du warst bei unserer Mutter. Ich kam vorbei, mit einem Laib Brot vom Bäcker, mein erster Besuch in dieser Woche. Du hast die Tür geöffnet. Du warst blass. Unsere Mutter saß nicht im Wohnzimmer. Normalerweise war sie um diese Zeit längst aufgestanden. Du hast gezittert.
„Was ist?“, fragte ich.
Setz dich, hast du gesagt. Die Rettung ist unterwegs. Aber ich glaube, es ist zu spät.
„Was ist mit Mama?“
Ich wollte in ihr Schlafzimmer gehen, die Türklinke hielt ich schon in der Hand und du mich zurück.
Nicht. Nicht, dass du sie so in Erinnerung behältst.
„Wissen Sie, wie beschissen es ist, jedes Mal der Einzige zu sein, der zusammenbricht. Ich verstehe nicht, wie die anderen das aushalten. Sie sehen im OP dieselben Sachen wie ich. Wenn ein Patient oder eine Patientin stirbt, liegt es genauso in ihrer Verantwortung wie in meiner, aber trotzdem können sie sich irgendwie davon abgrenzen und weitermachen, ohne dass sie die Kontrolle über ihr Bewusstsein verlieren. Sie trinken danach eine Tasse Kaffee oder Tee und reden darüber, welche Filme sie gerade auf Netflix sehen. Ich würde das auch gern können, aber nein, ich kann es nicht, egal, wie sehr ich mich anstrenge, ich kann es einfach nicht.“
„Und woran, glauben Sie, liegt das?“
„Wenn ich das wüsste, wäre ich nicht hier.“
„Versuchen Sie, eine Antwort zu finden.“
Er schweigt. Ich frage mich, ob er nicht eigentlich viel zu sensibel für die Arbeit als Chirurg ist.
„Haben Sie schon mal überlegt, etwas anderes zu machen?“
Er schüttelt den Kopf.
„Ich wüsste nicht, was.“
„Warum nicht?“
„In meiner Familie sind alle Ärzte.“
Er erzählt, er sei Einzelkind und nach seinem Vater benannt worden, der wie dessen Vater und Großvater Chirurg gewesen sei und ebenfalls Michael heiße.
„Setzt Sie das unter Druck?“
Er schüttelt erneut den Kopf.
„Es wäre aber nachvollziehbar, wenn Sie seitens Ihrer Eltern eine gewisse Erwartungshaltung spüren, die Sie erfüllen wollen, vielleicht auch unbewusst.“
„Ich bin Chirurg geworden, weil ich Chirurg werden wollte.“
„Wünsche können sich verändern.“
„Ich bin hier, weil ich einen Weg suche, wie ich besser mit der Anspannung umgehen kann, nicht weil ich mich beruflich verändern will.“
„Aber wollen Sie in einem Beruf bleiben, der Sie so sehr belastet?“
„Da muss ich durch.“
„Wer sagt das?“
„Ich.“
„Sie sollten sich zu nichts zwingen. Glauben Sie, das macht Sie auf Dauer glücklich?“
Er schnauft laut.
„Ich habe mir diesen Beruf selbst ausgesucht.“
In seinem Blick erkenne ich Wut. Die Wut richtet sich gegen mich, bin ja auch ich diejenige, die ihm diese unangenehmen Fragen stellt.
„Etwas anderes zu machen, wäre wie zu versagen.“
Er steht auf.
„Bitte setzen Sie sich.“
Er geht zum Ausgang. Ich möchte ihm nach, ihn aufhalten, doch ich kann mich nicht bewegen. Der Körper sitzt da, der Körper reagiert nicht. Der Körper schaut Herrn Pechmann dabei zu, wie er zum Ausgang geht.
„Danke, dass Sie sich die Zeit genommen haben, aber für mich ist das hier nichts.“
„Sie können sich jederzeit melden, wenn Sie es sich anders überlegen“, sage ich und Herr Pechmann schmeißt die Tür zu.
Wärst du ein Spielzeug gewesen, ich hätte alles getan, damit du mir gehörst. Hätte dich mir jemand wegnehmen wollen, ich hätte um dich gekämpft, davon war ich immer überzeugt und trotzdem fahre ich jetzt von der Praxis heim anstatt zu dir. Nur kurz, sage ich mir.
Friedrichs Wohnung kommt mir leer vor. Steril und unpersönlich. Gestern habe ich die Regale geputzt und den Boden gewischt, vielleicht deswegen. Bevor Friedrich zurückkommt, sorge ich immer dafür, dass alles aufgeräumt ist. Ich überlege, ihm zu schreiben, lasse es aber, schließlich hat er sich auch nicht gemeldet. Er ist vermutlich noch an der Uni. Morgen wird er mir dann erzählen, wie es war. Was will er denn in Salzburg?, hast du gefragt und ich erklärte dir, dass er dort die Stelle als Universitätsprofessor bekommen hatte, die er immer wollte. Und für wie lange? Heißt das, du ziehst auch weg?Ich schüttelte den Kopf. „Ist nur vorübergehend“, sagte ich. Von Sonntagabend bis Freitagvormittag sei er dort. Anfangs war auch nur ein Semester geplant, mittlerweile sind daraus zwei Jahre geworden. Und diese Fernbeziehung stört dich nicht?, hast du oft gefragt, ich sagte, nein, seine Arbeit sei ihm wichtig, dafür hätte ich Verständnis. Worum es in seinen Vorlesungen genau geht, weiß ich allerdings nicht. Wenn ich Friedrich danach frage, antwortet er, das sei alles viel zu wissenschaftlich für mich, das sei nur was für richtige Ärzte, für Psychiater wie ihn, nicht für Psychotherapeutinnen wie mich – Psychotherapeut könne ja jeder werden, der genug Geld für die Ausbildung besitze, und dann fügt er hinzu, ich solle kein schlechtes Gewissen haben, weil er mich damals finanziell unterstützt habe, er habe das doch gern gemacht. Friedrich bildet sich einiges auf seinen Doktortitel ein. Wenn er über seine Arbeit spricht, drückt er sich oft so kompliziert aus, dass ihn keiner versteht, und wenn ich ihn darauf hinweise, sagt er, dass nur ich mich nicht auskenne, weil ich intellektuell beschränkt bin, und es ist ihm egal, ob er mich dabei vor seinen Freunden, seinen Kollegen oder vor wem auch immer bloßstellt.
Er ist sieben Jahre älter als ich, er muss immer recht haben, denn wenn ich etwas gegen ihn sage, wird er laut, und wenn ich weinend den Raum verlasse, geht er mir nicht hinterher. „Du musst dich zusammenreißen“, sagt er dann, es sei peinlich, wie schnell ich die Kontrolle verliere. Lass dir nicht immer alles gefallen, hast du gesagt, woraufhin ich entgegnete: „Er meint das nicht so.“
Mein Blick fällt auf meine kurzen, unlackierten Fingernägel. Ich schaue auf die Uhr, ich sollte los.
Miau!
Wie um mir den Weg abzuschneiden, bleibt Morli vor mir stehen und schaut mich an. Sein fetter Bauch streift beinahe am Boden. Als es darum ging, wer sich um Morli kümmert, war klar, dass ich das übernehmen würde. Katrin meinte, ihn nach München zu übersiedeln sei zu viel Stress, das arme Tier! Er solle lieber zu mir, ein bisschen Gesellschaft werde mir guttun, wenn Friedrich unterwegs sei, sagte sie.
Ich bin mir sicher, dass sie Morli auch nicht genommen hätte, wenn sie in Linz wohnen würde. Katrin kann mit Tieren noch weniger anfangen als ich und gegen Morli hat sie eine besondere Abneigung, weil Morli offiziell mit vollem Namen Moritz heißt wie ihr Sohn. „Kannst du dir für das Fellknäuel keinen anderen Namen überlegen? Das führt nur zu Verwechslungen“, sagte sie, aber Pech, du hast dich durchgesetzt, denn du hast schon lange vor ihr gesagt, dass du dir einen Sohn wünschst, der Moritz heißen soll. Und außerdem hast du ihn sowieso immer anders gerufen.
Morli.
Morli-Baby.
Morli-Schnorli.
Morli-Boy.
Miau!
Morli stellt sich neben seinen kleinen, silbernen Fressnapf. Er hat Hunger, klar, ich habe ihm heute noch gar nichts zu fressen gegeben.
Eine Dose kriegt er in der Früh, eine am Abend und Trockenfutter kannst du ihm immer hinstellen, hast du gesagt. Und wenn du ihn verwöhnen willst, gibst du ihm ein Raderl Schinken. Oder du machst ihm ein Spiegelei. Er liebt Spiegeleier!
Ob du das ernst meinst, fragte ich dich.
Aber ja, du musst nur aufpassen, dass sie nicht zu lange in der Pfanne brutzeln, damit der Dotter flüssig bleibt, so hat er es am liebsten, und sie dürfen nicht zu heiß sein, nicht dass er sich verbrennt!
Ich öffne den Kühlschrank, doch darin finde ich weder Schinken noch Eier. Es tut mir leid, dass ich nicht besser vorbereitet bin. Stattdessen öffne ich eine Dose Nassfutter. Ente-Huhn. Whiskas. Wie das stinkt.
„Dass du das fressen kannst“, sage ich und stelle Morli den Fressnapf hin. Er schleckt erst den flüssigen Teil weg, dann den Rest.
„War das gut? Ja, war das gut?“, sage ich mit lieblich hoher Stimme, die dem Klang deiner ähneln soll.
„Magst du noch was, hm? Ja, kriegst noch was!“
Er sieht mich mit seinen großen gelben Katzenaugen an. Ich richte ihm eine zweite Portion her. Wieder stürzt er sich darauf. Ich gehe in die Knie. Er sieht mich kurz an, dann frisst er weiter. Er dreht die Ohren zur Seite. Ich bin kein Tiermensch. Morli wittert das. Aber ich stelle mir vor, dass er so viel Liebe von dir aufgesogen hat, die jetzt noch immer an ihm klebt und nur darauf wartet, von mir empfangen zu werden. Nur wenige Zentimeter trennen mich von seinem getigerten Fell. Bei dir hätte er sich längst an dein Bein geschmiegt, immer wollte er, dass du ihn kraulst und streichelst und hältst.
Ich hebe meine Hand. Während er den Napf ausleckt, komme ich ihm näher. Ich bin kurz davor, ihn zu berühren. Mag er mich jetzt doch, hat er sich an mich gewöhnt? Da fährt er seine Krallen aus. Der Kratzer blutet, die Wunde brennt, ich schreie: „Scheißviech!“
Morli läuft aus der Küche. Ein langer Kratzer erstreckt sich über meinen Handrücken, wo er sich zu den anderen Kratzspuren reiht. Ich klebe kein Pflaster darauf. Den Schmerz muss ich aushalten.
Mit Locken und frisch lackierten Fingernägeln betrete ich das Krankenhaus. Ich gehe schnell, ich bin spät dran. Vor deinem Einzelzimmer bleibe ich stehen. Ich klopfe, du sagst nichts. Ich öffne die Tür. Da liegst du. Schmerzlindernde Medikamente tropfen in dich hinein. Ich begrüße dich. Du drehst den Kopf in meine Richtung. Du siehst an mir vorbei. Deine Pupillen drehen sich von links nach rechts, unfähig, sich auf mich zu fokussieren. Es fällt mir schwer, dir ins Gesicht zu schauen. Deine Augen wirken trüb. Deine Haut gräulich. Dabei war sie immer weiß wie die von Schneewittchen, deinem Lieblingsmärchen als Kind. Bei jeder Gelegenheit hast du dir von Katrin erzählen lassen, wie Schneewittchen vor der bösen Stiefmutter flieht und von den sieben Zwergen aufgenommen wird, wie sie in den vergifteten Apfel beißt, stirbt, aber nur fast. Immer wolltest du die Geschichte von Katrin hören, nie von mir. Wegen Schneewittchen hast du davon geträumt, irgendwann auch einen Prinzen zu finden. Je älter du wurdest, desto mehr hast du dich für deinen Wunsch geschämt, Happy Ends wurden dir peinlich. Ich finde offene Enden gut, hast du gesagt. Du lügst, dachte ich, niemand mag offene Enden, dann lieber ein schlechtes.
Ich gehe auf dein Bett zu. Ich trage die silbern schimmernden Sneaker, die du mir zu meinem letzten Geburtstag geschenkt hast. Das Silber hat bereits seinen Glanz verloren und beim linken Schuh löst sich die Sohle, doch ich kann mich nicht von ihnen trennen. Ich setze mich, rücke den Sessel näher zu dir, streife das knielange Kleid über die Oberschenkel und berühre deine knochige Hand.
„Hallo Ida, ich bin’s“, sage ich. Ich drücke kurz zu, deine Hand ist kalt. Ich bin erleichtert, als ich sie wieder loslasse.
Du drehst den Kopf und schaust zur Decke. Du antwortest nicht. Auch beim letzten Mal hast du kaum gesprochen, nur hin und wieder hast du einen Halbsatz hervorgebracht, aber richtig verstanden habe ich dich nicht. Das einzige Geräusch, das du jetzt noch von dir geben kannst, ist ein trockenes Röcheln.
Mein Magen knurrt. „Entschuldige“, murmle ich. Ich rutsche auf meinem Sessel herum, überschlage das rechte Bein über das linke, hoffe, dass ich eine Position finde, in der mein Magen sich ruhig verhält. Du wirst seit Tagen flüssig ernährt, ich komme mir blöd vor, dass ich hier neben dir sitzen und Hunger haben kann.
Auf deinem Nachtkästchen steht ein Becher mit Wasser und einem Schwamm, der dazu dient, deine ausgetrockneten Lippen zu benetzen. Ich nehme ihn. Ich schaue auf meine Fingernägel. Sunday Funday heißt der rosarote Farbton. Ich führe den Schwamm an deine Lippen, wie ein Schlecker klebt er auf einem Stiel, diese Lollys mit Cola-Geschmack mochtest du als Kind, weißt du noch? Der Schwamm berührt deine Lippen, du röchelst, mir ekelt, ich wiederhole den Vorgang. Eine Haarsträhne hängt mir ins Gesicht. Eine halbe Stunde habe ich vorhin Strähne für Strähne um deinen alten Lockenstab gewickelt, Zeit, die ich bei dir hätte sein sollen.
Mein Blick fällt auf deinen Unterarm, über den sich ebenfalls ein fliegender Phönix erstreckt. Die feuerroten Farbtöne auf deinem Körper kommen mir blasser vor als auf meinem.
„Bist du wahnsinnig?“, fragte unsere Mutter dich, als sie das erste Mal deine Tätowierung sah, und schrie dir ins Gesicht: „Verschandle deinen Körper doch nicht so, so findest du nie wen!“
Du hast mich damals gebeten, dir einen Phönix zu zeichnen. Immer hatte ich Stift und Papier dabei, zeichnen war für mich wie atmen. Ich freute mich, dass du dir etwas tätowieren lassen wolltest, was von mir war, fand das Motiv aber auch zu groß und zu bunt, dachte, so etwas bereue man irgendwann.
Blödsinn, hast du gesagt,
