Was immer bleibt ... - Christian Zöllner - E-Book

Was immer bleibt ... E-Book

Christian Zöllner

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Beschreibung

Nachdem der Autor über das abenteuerliche Leben auf der Missionsstation Maxabaneng im Sekukuniland Mitte des letzten Jahrhunderts in seinem Buch "... und Trommeln überm Land", ISBN 978-3-529-04529-5 berichtet hat, ist diese Publikation eine Fortsetzung. Sie führt die Geschichte fort mit dem Umzug der Missionarsfamilie aus dem südafrikanischen Busch in die Landeshauptstadt Bloemfontein im Oranje-Freistaat. Zahlreiche Episoden aus dem Alltagsleben im damaligen Südafrika und vielfältige Begegnungen werden in der Erinnerung wieder lebendig. Dabei sind die Geschicke der Familie eng verwoben mit den Ereignissen im Lande aus einer Umbruchzeit.

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Seitenzahl: 383

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Eigentlich klang alles gut: Nach etwa drei Jahren, die wir auf der Missionsstation im Sekukuniland in Nordtransvaal verbracht hatten, sollten wir aus dem afrikanischen Busch nach Bloemfontein, die Landeshauptstadt des Oranje-Freistaat ziehen. Wir, das waren die Eltern und damals noch sieben Geschwister - sechs Jungen und ein Mädchen. Dem Alter nach waren das Christian, Martin, Brigitte, Hans-Joachim, gerufen Achim, Friedrich-Wilhelm, gerufen Fritz, Michael, später gelegentlich Mike, Klaus-Dieter, später mal Klaus. In Bloemfontein lag das Missionshaus, in das wir einziehen würden, in der Goddardstraat. Unsere Eltern hätten zwar schon deutlich früher umziehen wollen, aber der Vorgänger, Amtsbruder Müller, Onkel Müller, wie wir Kinder ihn nannten, zögerte seinen Auszug auch nach seiner Pensionierung noch hinaus. Dieses hatten unsere Eltern wiederum als nicht gerade sehr entgegenkommend empfunden.

Endlich war es so weit und alle waren sehr froh - bis unsere Eltern das Haus sahen und vor allem das Innenleben des Hauses.

"Es war, kurz gesagt, eine Bruchbude...oder jedenfalls fast," sagte unsere Mutter im Rückblick, und fügte hinzu:

"Nie habe ich mich in einem Haus so unwohl gefühlt...Es war eine wirkliche Zumutung für uns alle...eigentlich ein Alptraum."

Mit Wohnungen kannte sie sich aus, denn sie hatte mit ihrer Mutter bis zu ihrer Hochzeit in Potsdam in einer Mietwohnung gelebt. Und danach in einem großen Pfarrhaus in Pritzerbe. Und danach im großen Missionshaus in Ost-Berlin.

Daß es tatsächlich eine "Bruchbude" war, wurde meinen Eltern bescheinigt, nachdem ein Mitglied der Missionsleitung in Berlin auf einer Rundreise das Haus persönlich in Augenschein genommen hatte. Das aber war zwei Jahre später.

Es war ein heruntergekommenes Gebäude und wenig gepflegt. Die Räume waren düster. An den Wänden gab es keine Tapeten, weil diese nicht hielten, sondern sich von alleine ablösten. Die Dielen knarrten. Ursprünglich als Missionshaus am Rande der Stadt gebaut, war es den damaligen Verhältnissen entsprechend ausgelegt und eingerichtet worden. Da es sich im Laufe der Zeit jedoch als zu klein erwies, hatten die Vor-Benutzer das Haus dadurch erweitert, daß sie einfach neue Räume anbauten. Die sanitären Einrichtungen stammten noch aus "Vorzeiten".

Das Klo - von einer Toilette mit Wasserspülung weit entfernt - lag außerhalb in einem Nebengebäude und war nur über den Hof zu erreichen. Für uns Kinder hatte das Haus mit dem großen Grundstück eher den Charakter eines Abenteuer-Spielplatzes.

Nach vorn zur Straße hin hatte das Haus eine kleine überdachte Veranda; einige Stufen führten von ihr in den schmalen Vorgarten. Sie wurde als solche eigentlich nie benutzt, da sie im Schatten lag und dazu noch dicke Pfeiler hatte. Die größere Veranda lag an der linken Seite des Hauses, neben der Auffahrt zum früheren Kirchengebäude. Von dieser mit Steinplatten ausgelegten Veranda führte eine große Tür direkt in das Wohnzimmer. Auf der einen Seite der Veranda lag ein Außenzimmer, das auch nur über eine Außentür betreten werden konnte.

Die Küche des Hauses lag nach hinten oberhalb des Innenhofes. Sie war sehr klein und äußerst sparsam eingerichtet, hatte aber fließend Wasser. Warmes Wasser gab es allerdings nur dann, wenn vorher der Warmwasserspeicher, der "Boiler", erhitzt wurde. Dafür mußte unter dem "Boiler" Feuer angemacht werden.

Gegenüber der Küche lag das sehr kleine Badezimmer; auch hier gab es Warmwasser nur, wenn der "Boiler" dieses lieferte.

Neben dem Wohnzimmer lagen im Hausinneren die Schlafzimmer unserer Eltern und der jüngeren Brüder.

Der Putz an den Wänden im Haus wurde lediglich durch die in den Jahren aufgetragenen Farbschichten vor dem Abbröckeln bewahrt. Beim Bettenabziehen an einem Vormittag traute unsere Mutter ihren Augen jedoch nicht. Michael hatte in Höhe des Kopfkissens eine ganze Reihe von Löchern fein säuberlich in regelmäßigem Abstand in die Wand gebohrt.

"Ich wollte doch nur mal sehen, wie fest die Wand ist," war seine ihm damals einleuchtende Erklärung.

Die Löcher wurden daraufhin mit Gips zugeschmiert und es herrschte von da an absolutes Löcherbohr-Verbot.

Martin teilte zunächst mit Brigitte das Außenzimmer neben der Veranda. Später bemerkten unsere Eltern, daß Brigitte unter erheblichen Schlafstörungen litt. Sie konnten dies lange nicht begreifen, bis sie durch Zufall mit einem Amtsbruder, dem von uns verehrten Onkel Jäckel, dem Verfasser mehrerer Bücher über Südafrika, darüber redeten.

Dieser sagte dann: "Habt Ihr schon mal daran gedacht, daß es eine Wasserader sein könnte, die unter ihrem Bett verläuft und die dafür sorgt, daß Eure Tochter nicht schlafen kann?"

Nein, das hatten sie nicht. Beim nächsten Besuch brachte Onkel Jäckel, ein groß gewachsener Mann mit einer schon weißen Haarmähne, seine Wünschelrute mit. Er ging in das Zimmer mit der Wünschelrute vor sich und dort, wo Brigittes Bett stand, bogen sich die beiden Enden deutlich nach unten. Dort verlief also eine Wasserader, die Brigitte um den Schlaf brachte. Die Betten wurden umgestellt und von da an schlief sie eindeutig besser.

Da Michael und Klaus sich ein Zimmer teilten, konnte Michael seine bereits in Nord-Transvaal entwickelte besondere Schwäche für die Milchflasche seines um ein Jahr jüngeren Bruders weiter pflegen und zwar vor allem dann, wenn diese noch ziemlich voll und lauwarm war. Klaus-Dieter konnte damals noch nicht energisch protestieren und hatte sich zudem bereits daran gewöhnt, beziehungsweise gewöhnen müssen. Außerdem sagte Michael vorher immer ganz liebevoll, wenn auch bestimmend "Meine!".

Für Michael war das zugleich ein Vorgriff auf seine spätere Turnlehrerkarriere, denn er übte so ziemlich früh schon den Auf- und Abstieg von seinem Bettchen auf den Boden, dann zum Ställchen, dann mit der Flasche von Klaus-Dieter wieder zurück ins Bettchen und das Ganze dann noch einmal von vorn mit der nunmehr fast leeren Flasche. Darüberhinaus entstand zwischen den beiden allerdings so ein Art brüderlicher Symbiose.

Die Betten in den Zimmern der jüngeren Brüder dienten mehreren Zwecken, unter anderem auch dem Trampolinspringen. Dafür kletterten sie auf den Kleiderschrank und sprangen dann aufs Bett herunter. Dabei erwies sich das Draht- und Federngeflecht, auf dem die Matratzen lagen, als sehr elastisch und federte etwas nach.

Einmal jedoch war der Sprung wohl etwas zu heftig oder das Gestell schon zu arg strapaziert worden, jedenfalls endete der Schranksprung damit, daß das Bettgestell einstürzte. Der Springende landete etwas unsanfter als sonst auf der Matratze, aber es war ihm nichts zugestoßen. Das Drahtgeflecht jedoch war gerissen und nun lag eine Menge einzelner Kettenglieder verstreut auf dem Fußboden. Wie so oft in solchen Fällen wurde der praktisch veranlagte Martin zu Hilfe gerufen, noch ehe die Eltern etwas bemerkten. Er hatte alle Hände voll zu tun, um Kettenglied für Kettenglied wieder zusammenzustecken und mit Draht jene zusammenzubinden, die beim Sprung demoliert waren. Da er sich andere Tätigkeiten als sinnvoller vorstellen konnte, trat er lebhaft dafür ein, diese Art von Springübungen künftig zu unterlassen.

Im Haus gab es elektrisches Licht - für eine Stadt wie Bloemfontein eigentlich selbstverständlich. Für uns, die aus der Zeit auf der Missionsstation in Nord-Transvaal vor allem Paraffin-Leuchten und Kerzen kannten, war dies eine zivilisatorische Errungenschaft. Die Stromkabel im Haus liefen auf Putz zwischen Schaltern, Steckdosen und Deckenlampen und hatten mit der Zeit eine dicke Schicht Farbe bekommen.

In allen Zimmern stand eine Kerze, weniger, um Stimmung zu verbreiten, als vielmehr aus praktischen Gründen, denn es passierte regelmäßig, daß der Strom ausfiel. Das lag vor allem an den Leitungen im Haus. Regelmäßig brannte eine Sicherung durch, allein schon, wenn mehr als ein elektrisches Gerät angeschlossen war. Für diesen Not-Fall war die Kerze gedacht. Da neben der Kerze auf dem Kerzenhalter auch Streichhölzer lagen, trat ein "Not-Fall" bei den jüngeren Brüdern recht häufig ein, selbst tagsüber. Sie zündeten die Kerze an und kokelten mit Begeisterung und zwar so lange, bis unsere Mutter erschien, die den Rauch unbeschadet der verschlossenen Tür gerochen hatte. Dennoch blieb die Versuchung, trotz Ermahnung und trotz "großem Indianer-Ehrenwort" die nun einmal für den Not-Fall bestimmte Kerze immer wieder auch ohne Not anzuzünden.

Im Wohnzimmer stand eine Stehlampe mit einem sehr ausladenden Schirm. Sehr aufmerksam beobachtete der dreijährige Michael, welche Mühe aufzuwenden war, um sie zum Leuchten zu bringen. Dafür wurde ein großes weißes Ding mit drei Stiften genommen, in die Wand in ein weiteres Dings mit drei Löchern gesteckt und schon erstrahlte das Licht der Stehlampe in hellem Glanz. Dieses, so dachte Michael, wolle er mal selber ausprobieren. Er suchte einen Stift, fand aber keinen und nahm dafür einen Nagel, der immerhin eine Spitze hatte. Dann fand er auch noch ein Loch in der Wand. Warum er anschließend auch noch sein Hemd auszog, wird wohl ein Geheimnis bleiben; er selbst hat sich auch später nie dazu geäußert. Nun steckte er den Nagel mit seinen kleinen Fingern in das Loch. Ein Funke sprühte, Michael durchzuckte es, er wurde aschfahl und im gesamten Haus fiel der Strom aus. So hatte er sich dies nicht vorgestellt.

Martin ging da effektiver vor. Erstens war er deutlich älter als Michael und zweitens verband es seine Vorgehensweise mit einem doch zielgerichteten, ihn schon von klein an auszeichnenden Forschungs- und Technikdrang. Er stellte zunächst fest, daß es sehr einfach ist, abgebrannte Streichhölzer statt eines drei-poligen Steckers in die Öffnungen der Steckdose zu stecken, ohne daß dies irgendwelche Folgen hat. Sehr viel anspruchsvoller war es schon, elektrische Verbindungen herzustellen. Er hatte bemerkt, daß es möglich ist, mit Hilfe des Lichtschalters dafür zu sorgen, daß eine Steckdose keinen Strom führt. Steckte er dann zwei Drähte in die Steckdosenlöcher, passierte gar nichts. Verband er die Drähte jedoch mit dem eisernen Bettgestell in seinem Zimmer und bekam die Steckdose wieder Strom - das gehörte mit zum Experiment - passierten mehrere Dinge gleichzeitig: Es gab es einen Knall, es entwickelte sich Schwarzrauch im Zimmer und es gab schwarzen Flecken an der Wand. Das fanden die jüngeren Brüder, die er zur Besichtigung seines Experiments geladen hatte, sehr eindrucksvoll.

Der Knall und der Brandgeruch, der sich entwickelte, veranlaßten jedoch auch unsere Mutter dazu, aus dem Haupthaus zu Martins Zimmer zu eilen. Ihre Absicht, das Zimmer zu betreten, wurde dadurch vereitelt, daß die Brüder in weiser Voraussicht den Kleiderschrank vor die Zimmertür geschoben hatten. Damit war weiteren Augenzeugen die Teilnahme an nachfolgenden Ereignissen verwehrt. Um seinen Ruf als elektrischer Wunderbruder endgültig zu festigen und um den drängenden Wunsch seiner Brüder nach Wiederholung seiner Vorführung zu erfüllen, setzte Martin dazu an, sein Experiment ein zweites Mal durchzuführen. Die Vorgänge wurden also wiederholt, nur daß es beim zweiten Mal einen noch größeren Knall und einen knisternden elektrischen Schlag gab.

„Habe ich doch gleich gesagt,“ war daraufhin mein eher nüchtern situationsbezogener denn anteilnehmender Kommentar.„Jetzt sind alle Sicherungen im Haus komplett durchgebrannt.“

So war es denn auch. Von Sekunde an gab es auf dem gesamten Gelände keinen Strom mehr, weil auch die Hauptsicherung durchgebrannt war. Damals gab es noch die alten mit Keramik ummantelten dicken Sicherungen zum herein- und herausschrauben mit einem kleinen Blättchen an der Vorderseite. Martin konnte zwar unserer Mutter überzeugend darlegen, daß alle Sicherungen, bei denen das Blättchen nicht mehr intakt war, ausgewechselt werden mußten. So viele Ersatzsicherungen lagen aber nicht bereit, folglich mußten umgehend neue gekauft werden.

Von dem Brand und dem Schock und den Rauchspuren an der Wand einmal abgesehen, gehörte diese Episode zu jenen, die unserem Vater als wenig erfreuliche Verhaltensweisen seiner Söhne zum Zeitpunkt seiner Abwesenheit von zuhause mitgeteilt und von ihm noch nachträglich geahndet wurden. Zudem wurde jegliche Wiederholung oder auch nur ansatzweise Nachahmung des Experiments von Martin ebenso wie die tastenden Versuche von Michael bei Strafandrohung untersagt!

Der Innenhof war nicht gepflastert, hatte sandigen Boden und in der Mitte einen Baum. Zwei Stufen führten vom Hof hinauf in die Küche und in das grau-verputzte Missionshaus mit seinem schon stark angerosteten Wellblechdach. An der einen Querseite des Hofes stand der Anbau mit dem Einzelzimmer, das mir als dem Ältesten zugewiesen wurde. Da es getrennt vom übrigen Haus lag, hatte ich nichts dagegen einzuwenden.

Auf der anderen Querseite stand, als wir ankamen, eine Reihe Hühnerställe. Es waren Maschendrahtverhaue mit Holzleisten, zum Hof hin offen und unappetitlich dreckig. Sie wurden nur wenige Monate nach unserer Ankunft und nachdem alle Hühner tot waren, vollständig abgerissen.

Das Nachbarhaus grenzte rechts unmittelbar an unser Grundstück. Ein schmaler Weg lag zwischen der Hauswand und den Sträuchern im Vorgarten. Diesen nutzten Michael und Klaus-Dieter an einem Nachmittag als Ausgangspunkt für eine Art von Verteidigungsaktion. Sie hatten sich alte Maismehlsäcke geholt, diese mit etwas Erde gefüllt und schlugen damit begeistert und anhaltend gegen die Wand des Nachbarhauses. Dabei sangen sie "Alle Vögel sind schon da", und zwar eine Strophe nach der anderen. Später, als die Aktion beendet war, nach der Sinnhaftigkeit ihres Tuns befragt, erklärte Michael dazu:

"Uns haben von drüben Vögel, Spinnen und Eidechsen angegriffen. Die mußten wir doch zurückjagen."

Diese Argumentation muß auch Fritz überzeugt haben, denn gleich nach dem Geschirrabtrocknen in der Küche, für das er an diesem Tag eingeteilt war, lief er hinaus zu den anderen. Nun schlugen sie mit vereinten Kräften auf den vermeintlichen Feind ein. Da dieser sich jedoch - vermutlich aus taktischen Gründen - auch in Fensternähe des Nachbarhauses aufhielt und nicht alle Hiebe bei der schon hektisch zu bezeichnenden Gefahrenabwehr gezielt platziert werden konnten, waren Nebeneffekte nicht zu vermeiden. Dabei ging die Glasscheibe des Fensters zum Nachbarn zu Bruch. Unserer Mutter wurde zwar verdeutlicht, daß es sich dabei um nichts anderes als ein kleines Versehen gehandelt hatte, was ja auch durch den Gesang unterstrichen wurde - die Nachbarsfrau und ebenfalls unsere Mutter sahen dies allerdings völlig anders.

Etwas nach hinten versetzt, standen weitere Anbauten quer auf dem Grundstück. Gleich vornan waren nur noch die halb-hohen Grundmauern eines Raumes stehen geblieben, der schon vor längerem abgerissen worden war. Der Anbau daneben war das Zimmer, in dem eine ziemlich lange Zeit der Sohn von Amtsbruder Reckling wohnte. Er führte in Bloemfontein seine berufliche Ausbildung zu Ende und da war es sehr praktisch, daß er bei uns unterkommen konnte. Er war erheblich älter als wir und insofern als Spielkamerad weniger geeignet. Da er auch beruflich ziemlich stark eingespannt war, konnten wir ihn nicht einmal für Hilfe bei den Hausaufgaben gewinnen. An den Mahlzeiten nahm er nur teil, wenn er nicht schon ganz früh mit dem Rad losfahren mußte, dann hatte er immer eine alte braune Aktentasche dabei; an den Wochenenden fuhr er meist nach Hause auf die nahe gelegene Missionsstation zu seinen Eltern.

Rechts vom Eingang vorn war der Keller. Ein Keller war selten bei südafrikanischen Häusern; hier gab es einen und zwar einen Kriechkeller mit nur einem einzigen Raum. Die Tür dazu war so niedrig, daß ein Erwachsener nur mit großer Mühe hineinkommen konnte. Hatte er es geschafft, konnte er nicht aufrecht stehen. Er konnte eigentlich überhaupt nicht stehen, denn der Keller war vollgestopft mit allerhand Gerümpel, mit alten hölzernen Bettgestell-Brettern, abgebrochenen Stuhlsitzen, Tapetenresten, Waschbrettern, Flaschen aller Art, kaputten Gartengeräten, kurzum mit Gegenständen, die über die Jahre hinweg aussortiert, aber nicht weggeworfen worden waren. Es war die Hinterlassenschaft von mehreren Generationen von Vor-Benutzern des Hauses.

Der Keller war für uns zugleich eine Fundgrube. Dort stapelten sich teils in Kisten, teils in einem alten Regal alte Bücher, alte Zeitungen, Schachteln voller alter Quittungen und Briefumschlägen, ganze Schuhkartons voller alter Postkarten. Diese systematisch zu untersuchen, hatte ich mir vorgenommen.

Zunächst mußte ich jene Keller-Mitbewohner los werden, die sich über die Jahre dort eingerichtet hatten: Spinnen unterschiedlichster Größe, Eidechsen, Frösche, buchstäblich tausende von Kellerasseln, Hundert- und Tausendfüßer, verschiedenartige Würmer und ebenfalls Bücher-Skorpione. Hatte ich mich soweit durchgearbeitet und mit dem Husten in der stickigen Luft aufgehört, entdeckte ich meiner Meinung nach wahre Schätze. Auf den Quittungen und alten Briefumschlägen klebten nämlich noch alte gestempelte Briefmarken. Vornehmlich gab es die 1-Penny-Briefmarke mit einem Segelschiff. Sie war eigentlich karmesinrot. Hier aber waren fast alle Schattierungen von hell-rosa bis dunkelrot vorhanden und auch das mittige Markenschild variierte von grau bis schwarz. Schon war der Grundstock einer ungemein abwechslungsreichen 1-Penny-Briefmarkensammlung gelegt.

Neben seinem Charakter als Fundgrube und Gefilde für Entdeckerreisen einmaliger Art, diente der Keller den jüngeren Brüdern als Notunterkunft, wenn die Situation im "Oberhaus" mal brenzlig wurde. Dann wurde der Keller eine abgetrennte Grotte. Teils diente der Keller auch als Refugium, um sich einer, nach Auffassung unserer Eltern berechtigten Strafaktion zumindest temporär entziehen zu können.

Ein abgeschiedener Unterschlupf war die Grotte für Vorhaben, die nicht für "die Öffentlichkeit" bestimmt waren. So hatte Achim beobachtet, wie so mancher schwarze1 Mann sich aus Zeitungspapier und Kuhmist eine Zigarre gedreht und diese dann genüsslich geraucht hatte. Da er als Fünfjähriger den Drang zum Rauchen spürte und "großer Mann“ sein wollte, beschloß er, diesen Vorbildern zu folgen. Er überredete seinen dreijährigen Bruder Michael dazu, gemeinsam mit ihm zu diesem "neuen Ufer" aufzubrechen. Sie besorgten sich Zeitungspapier, hatten aber keinen Kuhmist und nahmen dafür trockene Blätter vom Pfefferbaum hinten vom Hof. Dann verschwanden sie in der "Grotte", drehten „fachgerecht“ Zigarren, zündeten diese an und inhalierten kräftig. Michael, mit seinen kleineren Lungen als die von Achim, bekam nach dem zweiten Zug eine etwas andere Gesichtsfarbe, mußte sich übergeben und schrie wie am Spieß. Dieses wiederum brachte unsere Mutter auf den Plan, die sowohl Michael rettete als auch Achim zur Aufgabe seiner ersten Schritte zum Raucherdasein veranlaßte.

Bei einer sehr viel späteren Gelegenheit, als wir bereits in der Morganstraat wohnten, wollten Martin und ich unbedingt "auf den Geschmack" eines zu inhalierenden Zigarillos kommen und nutzten dafür den Zeitpunkt, als unsere Eltern an einem Nachmittag nicht zu Hause waren. Wir begaben uns in das Arbeitszimmer unseres Vaters, holten die Kiste mit den Zigarillos aus einer Schublade in dem Bücherschrank, setzten uns in die dort stehenden Armlehnstühle und kamen uns sehr "erwachsen" vor. Dann schlugen wir die Beine übereinander, zündeten die Zigarillos an, inhalierten und versuchten den Rauch, so wie wir es gesehen hatten, durch die Nase wieder auszuatmen. Nahezu umgehend hatten wir beide eine Hustenanfall, der uns aber nicht davon abhielt, das Ganze einige Male zu wiederholen. Erst bekamen wir ein komisches warmes Gefühl beim Einatmen, dann hielten wir die Luft mit dem Qualm an und husteten ihn wieder heraus. Danach wurde uns etwas eigenartig.

Wir beendeten die Raucherei, ehe uns ganz schlecht wurde, standen etwas wackelig aus den Stühlen auf und lüfteten das Zimmer. Danach legten wir uns für einen Augenblick hin und überlegten dabei, worin der wirkliche Reiz des Zigarillorauchens bestehen könnte. Von allem anderen einmal abgesehen, fanden wir den Geschmack im Mund, den wir danach hatten, auch nicht gerade angenehm. So ganz auf das Rauchen haben wir danach nicht aber verzichtet, allerdings eher aus pragmatischen Gründen. Als wir bei späteren Gelegenheiten, und nachdem wir schon konfirmiert waren, Ausflüge vor allem mit dem Jugendbund machten und abends in großer Runde im Freien am Lagerfeuer saßen, erwies sich Rauchen als sehr zweckmäßig, um Mücken abzuwehren. Diese hatten die Angewohnheit, aus dem Nichts anzuschwirren und sich "blutgierig" auf uns niederzulassen. Dagegen half Rauch, weniger Zigarettenrauch als vielmehr Zigarillo-, Zigarren- oder Pfeifenrauch. Da es überdies Spaß machte, eine Pfeife zu stopfen und mit einem glühenden Stück Holz anzuzünden, pafften wir sehr nachdenklich und zugleich mückenabwehrend vor uns hin.

Das Grundstück in der Goddardstraat hatte zur Straße hin einen halb-hohen Maschendrahtzaun mit einem Gartentor am Weg, der zum Hauseingang führte und links vom Haus ein breites Drahtgestell-Tor vor der Grundstückseinfahrt. Dieses mußten wir beim Ein- und Ausfahren mit dem Auto stets öffnen und schließen.

Im Transvaal hatten wir noch einen alten Chev, der war jedoch so reparaturanfällig geworden, daß unser Vater sich ein anderes Auto kaufen mußte. Das war der Beginn einer Serie von fünf verschiedenen Autos, die unsere Familie in Südafrika begleiteten und die alle auf Raten angeschafft wurden.

Der erste Wagen in Bloemfontein war ein gebrauchter dunkelblauer Ford V 8 mit einem runden Heck.

Dann folgte der Mercury, ein Mittelklassewagen, mit vier Türen. Es war ein Modell aus den endvierziger Jahren, natürlich auch gebraucht, blau-grün. Wir mußten ihn regelmäßig putzen und das zwar auch deswegen, weil unser Vater gelegentlich an Sonntagen auf die Missions-Außenstationen fahren mußte, zu denen in der Regel keine Asphaltstraßen führten. Dann kam der Wagen stets ziemlich dreckig zurück. Er kochte zwar deutlich seltener als unser alter Chev und auch als der Ford, dennoch mußte stets Wasser nachgefüllt werden. Waren Reparaturen fällig, sank die Stimmung zuhause dramatisch, denn das Geld war sehr knapp.

Einmal, als unser Vater von einem Gemeindemitglied abgeholt worden war, entwickelte sich der Mercury zu einem geradezu idealen Spiel-Vehikel. Wir beschlossen, "Urlaubsreise" zu spielen und somit unsere Mutter zugleich von ihren Aufsichtspflichten zu entlasten.

"Alle einsteigen! Wir fahren los!"

Alle hatten vorn und hinten Platz genommen. Nun fehlte nur noch das echte Fahrgefühl. Da es bei diesem Automodell möglich war, den Startkopf zu betätigen, ohne daß der Wagen ansprang, betätigten wir ihn pausenlos, um so das erwünschte Gefühl des Fahrens zu bekommen. Bei jedem Drücken stellte sich ein für unsere Ohren herrliches Geräusch ein, ein "Tschoi..., tschoi..., tschoi..." und zwar so lange, bis es irgendwann immer schwächer wurde und dann ganz aufhörte. Damit hatte die Fahrt für uns Urlauber ein Ende genommen.

Das eigentliche Ende der Fahrt kam jedoch dann, als unser Vater nach seiner Heimkehr das Auto tatsächlich starten und losfahren wollte. Der Motor gab nicht den geringsten Laut von sich. Die Batterie war völlig leer, sie wurde ausgebaut und zur nächsten Autowerkstatt, die fünf Querstraßen weiter unten lag, zum Aufladen gebracht. Es kam dem häuslichen Frieden sehr zugute, daß die nachfolgenden Automodelle nur dann starteten, wenn vorher der Wagenschlüssel umgedreht wurde.

Unser vierter Wagen war später, als wir erneut umgezogen waren, ein gebrauchter Borgward. Der hatte unserem Vater so gut gefallen, dass er sich danach und zum ersten Mal in seinem Leben einen Neuwagen anschaffte, und zwar eine Borgward Isabella. Diese helle Limousine fanden wir von allen unseren bisherigen Autos natürlich am schicksten.

Die Isabella nahmen unsere Eltern auch mit nach Südwestafrika, als sie von Bloemfontein Anfang der 60er Jahre dorthin umzogen. Dort hatten wir mit diesem Auto ein fast schicksalhaftes Erlebnis.

Unsere Familie lebte damals in Swakopmund im Pfarrhaus, gleich neben der neo-gotischen Kirche und gegenüber der mit neo-barocken Wandelementen versehenen Höheren Schule. Unser Vater bekam nach fünf Jahren zum ersten Mal sogenannten "Heimaturlaub" und nutzte diesen für einen Europabesuch mit unserer Mutter und den beiden Jüngsten.

Da ich zu der Zeit anstelle eines Lehrers, der ein Jahr Bildungsurlaub ebenfalls in Deutschland verbrachte, aushilfsweise an der Schule unterrichtete und mit im Haus wohnte, war für das Vierteljahr, in dem unsere Eltern in Europa bleiben würden, bestens vorgesorgt. Außerdem wohnte der als Arzt in Swakopmund praktizierende Bruder unseres Vaters, Onkel Werner, auf der anderen Straßenseite schräg gegenüber dem Pfarrhaus und der Kirche. Er war somit für den Notfall schnell zu erreichen. In dieser Zeit nutzte ich den Borgward, der für uns sonst nicht verfügbar war, überaus intensiv.

Es war ein langes Wochenende, verbunden mit einem Feiertag, als wir auf die Farm von Bekannten unserer Eltern ins Inland von Südwest eingeladen wurden. Der Farmbesitzer und seine Frau lebten bereits in der dritten Generation im Lande und waren beide in der Kirchensynode sehr aktiv. Die Einladung nahmen wir ausgesprochen gern an, zumal wir mit den Kindern der Familie, die auch mit den jüngeren Brüdern auf die gleiche Schule gingen, eng befreundet waren. Da war es nur selbstverständlich, daß wir mit dem Borgward auf die Farm fahren würden, die gute sechs Stunden Autofahrt von Swakopmund entfernt lag.

"Nein," sagte ich auf Nachfrage des Farmers, "Ihr braucht uns nicht abzuholen, wir kommen selbst mit dem Auto."

Vorher ließ ich den Wagen vorsichtshalber bei der Werkstatt noch einmal überprüfen. "Alles in Ordnung. Gute Pad," sagte der Werkstattbesitzer, ein in Deutschland ausgebildeter Kfz-Mechaniker, als ich den Wagen nach einem Tag wieder abholte.

Die "Pad" war ab Walfish Bay eine Schotterstraße, die durch den parallel zur Küste führenden Wüstenstreifen der Namib führte.

Wir saßen zu siebt im Borgward mit den beiden Farmerkinder. Etwa nach einem Drittel der Strecke führte die Straße sehr kurvenreich durch den Kuiseb-Canyon nach unten durch die Schlucht und dann ebenso kurvenreich wieder nach oben auf die Fläche. Mich verwunderte nur, daß die Fahrer in den beiden uns noch auf der Schotterstraße vor dem Canyon entgegenkommenden Autos irgendwie gestikulierten.

Es war kurz vor der Canyon-Abfahrt, als wir in eine ziemlich scharfe Linkskurve fuhren. Jedoch anstatt die gewünschte, mit dem Steuer nach links eingeschlagene Richtung zu nehmen, fuhr die Isabella einfach geradeaus weiter, überquerte mit lautem Kratzen und gewaltigem Gepolter den kleinen Schotterwall an der rechten Straßenseite und blieb einige Meter von der Straße entfernt auf dem sandigen Geröllboden stehen.

Wir waren in eine dichte braune Staubwolke eingehüllt, die sich noch nicht ganz gelegt hatte, als alle in bemerkenswert schnellem Tempo und hustend den Wagen bereits verlassen hatten.

Da standen wir nun am frühen Nachmittag. Wir waren überaus erleichtert, daß wir heil aus dem Auto heraus gekommen waren und daß der Unfall einigermaßen glimpflich verlaufen war. Dann stellten wir beim Rundgang um das Auto fest, daß das rechte Rad quer zur Fahrtrichtung stand. Wir hatten also unheimliches Glück gehabt: Der Canyon war keine fünf Autominuten entfernt und es war nicht auszudenken, was hätte geschehen können, wenn uns ein solches Mißgeschick bei der kurvigen Strecke im Canyon selbst passiert wäre. Ich begriff nun auch, warum die entgegenkommenden Fahrer gewunken hatten. Offensichtlich hatte das Rad bereits angefangen, zu schlenkern. Ich hatte es aber nicht bemerkt, da das Fahren auf der Schotterstraße mit Wellblechrillen sowieso ein Hin und Her war. An ein Weiterfahren war natürlich nicht zu denken und an eine Fahrt auf die Farm schon gar nicht. Ob, wie und wann wir überhaupt weiterkommen würden, war auch fraglich, denn es war weit und breit kein Auto oder sonst wer in Sicht, der uns hätte helfen können.

Da endlich sahen wir eine Staubwolke aus Richtung Canyon auf uns zukommen. Der Autofahrer, ein mit-fünfziger "Südwester", hielt mit seinem Halbtonner neben uns an. Das war angesichts der Weite des Landes selbstverständlich:

"Is' was passiert?" fragte er.

"Und wie. Der Wagen ist von der Straße abgekommen. Das Rad ist hinüber. Wir können nicht mehr weiter. Könntest Du bitte welche von uns mitnehmen?"

"Wohin wollt Ihr denn? Ich fahre nur bis Walfish Bay."

Das reichte uns vollkommen. Von Walfish Bay würden wir in Swakopmund anrufen und jemanden bitten, uns von dort abzuholen, dann einen Abschleppwagen bestellen und auf der Farm Bescheid geben, daß wir leider nicht kommen können. Einer würde beim Wagen bleiben und warten, bis dieser abgeschleppt wird.

So geschah es. Die Brüder und Farmerkinder setzen sich hinten auf die Ladefläche des Halbtonner und fuhren mit dem, was sie mitgenommen hatte, davon. Es war schon nachts, als auch ich dann endlich mit dem Abschleppwagen in Swakopmund ankam. Der Borgward wurde gleich zur Werkstatt gebracht.

Dann hatten wir zum zweiten Mal Glück, denn der Farmer fuhr noch in der gleichen Nacht los, um uns und seine Kinder abzuholen. Kurz vor Sonnenaufgang des nächsten Tages war er in Swakopmund und noch am späten Vormittag kamen wir auf der Farm an, um das allerdings etwas kürzer geratene lange Wochenende dort zu verbringen.

Das Auto wurde zu Beginn der darauffolgenden Woche repariert. Als ich es abholte, wurde ich darüber informiert, daß der Schenkelbolzen an der Aufhängung des rechten Rades sich gelöst hatte und herausgefallen war und daß zudem die Bremsanlage verzogen war. Da ich das Auto jedoch unmittelbar vor der Fahrt zur Inspektion gebracht hatte, mußte die Werkstatt für die Reparatur aufkommen.

Nun hatte der Wagen im Laufe der acht Wochen Sondernutzung einige Lackschäden abbekommen. Diese mußten natürlich vor Rückkehr unserer Eltern beseitigt werden. Da es aber so schien, als ob wir unendlich viel Zeit dafür hätten, wurde die Ausbesserung des Lacks auf den vorletzten Tag vor der erwarteten Ankunft der Eltern verschoben.

Am späten Nachmittag an diesem Tag ging Achim fröhlich ans läutende Telefon:

"Hallo, hier ist Deine Mutter."

"Oh...Hallo Mutti....schön, daß Du anrufst...wo seid Ihr denn?"

"Wir sind gerade in Windhoek angekommen, denn der Flieger ging einen Tag früher. Wir werden noch heute den Nachtzug nehmen und sind dann morgen früh in Swakopmund."

Ob Achim dann so etwas gesagt hat, wie "Ach, da freuen wir uns!" ist unklar, jedenfalls brach danach eine geradezu alttestamentarische Hektik im Pfarrhaus aus:

"Alle mal herkommen. Morgen früh kommen Vati und Mutti mit dem Zug!...Ja...morgen früh, nicht übermorgen, und zwar kurz nach sechs. Wir müssen jetzt 'ran."

Das taten wir. Fritz lief zur Karosseriewerkstatt, wo der Borgward noch mit feuchtem Lack stand, ließ ihn bringen und verschwand danach in der Garage, um die Sitze wieder einzubauen und den Wagen zu säubern. Achim besorgte sich feines Sandpapier und machte sich daran, den Eßzimmertisch an der Stelle abzuschleifen, wo bei einer zu spät gelöschten Kerze ein brauner Brandfleck entstanden war; später strich er dann mit Klarlack über die ausgebesserte Stelle. Michael und Klaus-Dieter wurden beauftragt, ihre Zimmer schnell und gründlich aufzuräumen; bei den anderen mußte das noch später folgen. Ich ging erst zum Bäcker und bestellte für den nächsten frühen Morgen kleines Gebäck, um eine möglicherweise bedrohliche Stimmung aufzuheitern und fing dann an, in der Küche Ordnung zu schaffen und das noch herumstehende Geschirr abzuwaschen. Dann wurden Michael und Klaus-Dieter angehalten, im Wohn- und Eßzimmer und im Flur Staub zu saugen.

Es war ziemlich spät, als wir endlich mit dem auf fünf Uhr morgens gestellten Wecker ins Bett gehen konnten.

Fast pünktlich waren wir am nächsten Morgen auf und wach; ich lief zum Bäcker, holte Gebäck und Brötchen, Achim setzte Kaffee auf, Fritz fegte noch schnell vor der Garage. Mitten in unseren Aktivitäten hörten wir das Signal des Zuges, das dieser immer ertönen ließ, sobald er sich dem Swakopmunder Bahnhof näherte - der Zug war diesmal zu früh gekommen. Ich sprang ins Auto und fuhr mit Tempo zum Bahnhof. Dort waren unsere Eltern bereits im Begriff, mit ihren Koffern in das Auto einer Bekannten einzusteigen, die ebenfalls Verwandte abholte. Die Wiedersehensfreude blieb somit etwas gedämpft und wurde sogar noch gedämpfter, als unser Vater feststellte:

"Wo ist denn das Nummernschild? Das fehlt doch!"

Es fehlte hinten tatsächlich - Fritz hatte dies wohl in aller Eile übersehen. Unsere Mutter verzog leicht die Nase, denn beim Einsteigen hatte sie den frischen Lack wohl gerochen, sagte aber nichts. Erst viel später erzählte sie, daß unser Vater eigentlich vor hatte, uns zu überraschen, sie aber meinte, uns doch vorwarnen zu müssen.

Zuhause erwarteten uns die Brüder gewaschen und angezogen vor dem Frühstückstisch, den Achim und Fritz in aller Eile gedeckt hatten. Zwar wurde der Brandfleck unter der Tischdecke später noch entdeckt, aber an diesem Morgen ging unsere Rechnung mit stimmungshebenden Willkommensgesten tatsächlich auf, wenigstens ein bisschen.

Mit dem Canyon hatte ich in diesem Jahr noch ein besonderes Erlebnis, allerdings war es nicht der Kuiseb-Canyon, sondern der Fischfluß-Canyon und es hatte auch nichts mit dem Borgward und auch sonst mit keinem Auto zu tun, war jedoch ebenfalls sehr aufregend.

Lange Wochenenden - und davon gab es einige im Laufe eines Schuljahres - wurden gern für Ausflüge ins Landesinnere genutzt. So auch von dem der deutschen Kirchengemeinde angeschlossenen Jugendbund. In dem einen Jahr, als dort aktiv war, wurde vorgeschlagen, daß wir zum Fischfluß-Canyon mit einem Lastwagen des sehr entgegenkommenden örtlichen Transportunternehmers fahren, am Randes des Canyons übernachten, an einem ganzen Tag in den Canyon zum Fluß hinab- und wieder hinaufsteigen, noch eine Nacht dort verbringen und am nächsten Tag wieder zurückfahren würden.

Dieser Plan gefiel allen und so wurden die Vorbereitungen für die Fahrt getroffen, die am Sonnabendmorgen des langen Wochenendes beginnen und am Montagabend enden sollte. Neben dem Inhaber des Transportunternehmens, der gern solche Fahrten als Fahrer mitmachte, seiner Frau und zwei Kolleginnen würde ich als „Aufsichtsperson“ mitfahren. Die Gruppe setzte sich aus allen Altersstufen von der Grundschule bis zur Abschlußklasse an der Höheren Schule zusammen; alle meine Brüder, bis auf Reinhard, waren mit dabei.

Wir saßen auf der Ladefläche des großen Lasters zwischen Schlafsäcken, zwei Kühltruhen, Feuerholz für das Lagerfeuer und zum Kochen, Eßvorräten, einem kleinen Zeltsack und klapperndem Blechgeschirr. Die beiden Lehrerinnen und die Frau unseres Fahrer-Begleiters saßen vorn in der Fahrerkabine.

Die Fahrt durch die Namib war staubig, unterbrochen von einer längeren Pause an einer Wasserstelle mit zwei ausladenden Kameldornbäumen. Am späten Nachmittag erreichten wir den Canyon. Wir mußten uns mit dem Abladen und Herrichten der Lagerstelle beeilen, da es zwar noch vor Sonnenuntergang war, aber sehr schnell dunkel werden würde.

Es wurde erneut einer jener unvergeßlichen Abende unter dem sternenübersäten Himmel in der Namib, den Nachtvögeln, welche die Stille noch stiller machten, dem Knistern des Lagerfeuers, dessen Funken immer wieder aufglühten, der Ahnung von Weite um uns herum. Wir schliefen in unseren Schlafsäcken in einem großen Kreis um die Feuerstelle herum; der nächste Tag sollte ganz dem Canyon gewidmet sein.

Nach dem Frühstück - mit heißem Kaffee aus Blechbechern und zuckerbestreutem Maismehlbrei auf Blechtellern - bereiteten wir uns auf den Abstieg vor. Vier Gruppen, eingeteilt nach dem Alter sollten gemeinsam herabsteigen, begleitet von je einem der Erwachsenen. Ich würde die erste Gruppe übernehmen und den Weg vorangehen, unser Fahrer würde mit der letzten Gruppe kommen, seine Frau oben mit zwei Mädchen, die keine Lust hatten mitzugehen, beim Lager bleiben und dort auf unsere Sachen aufpassen.

„Alle mal herhören,“ sagte ich vor der versammelten Mannschaft. „Drei Dinge sind besonders wichtig. Erstens muß jede Gruppe zusammenbleiben. Unten machen wir dann die Zeit aus, an der die erste Gruppe wieder nach oben geht. Zweitens muß jede Gruppe mindestens vier Wasserflaschen für unterwegs dabei haben; unten können wir sie wieder auffüllen. Und drittens darf niemand ohne Schuhe 'runter gehen, denn der Weg ist sehr steinig und die Steine werden durch die Sonne ganz schön heiß.“ Diese Vorgabe war nur vor dem Hintergrund zu verstehen, daß es für viele „Südwester“ eigentlich selbstverständlich war, bei jeder nur irgend möglichen Gelegenheit barfuß zu gehen.

„Habt Ihr verstanden!?“ fügte ich hinzu und bekam ein einvernehmliches Nicken.

Mit der Gruppe der Jüngsten startete ich den Abstieg - vorsichtig den schmalen Pfad hinab, der sich erst durch die Felsen an der Canyon-Kante hindurchzwängte und dann recht steil abfiel. Die Sonne brannte schon, aber es war anfangs im Schatten der Felsen noch angenehm und es wurde erst richtig warm, als wir die Hälfte des Pfades zurückgelegt hatten. Wiederholt kreuzten Eidechsen unseren Weg und verschwanden blitzschnell hinter den Steinen. Unten angekommen, setzten wir uns unter die dort stehenden Akazien an den Rand des Fischflusses, der träge dahin floß, hielten unsere Füße in das angenehm kühlende Wasser, füllten unsere Wasserflaschen und warteten auf die nächste Gruppe. Auch diese und dann die nächste erreichte ohne Zwischenfälle den Canyon-Grund. Alle waren entspannt. Die ausladenden Wände des Canyons ragten respektheischend nach oben zu den Kliffs, am Himmel kreisten einige Geier, ein fast unmerklich leichter Wind wehte über dem glitzernden Flußbett.

Dann aber nahm der Tag eine schon schicksalhaft zu nennende Wendung. Statt der vollständigen vierten Gruppe kamen Fritz und ein anderer der mit-gewanderten Jungen polternd auf uns zugelaufen:

„Da sind Mädchen, die können nicht mehr!“ riefen sie uns zu.

„Was heißt, die können nicht mehr?“, fragte ich zurück.

„Die sitzen da weiter oben und können nicht weiterlaufen,“ war die nicht sehr befriedigende Antwort.

„Und warum nicht?“ wollte ich wissen.

„Weil ihre Fußsohlen ihnen so weh tun!“ wurde ich informiert.

„Und warum tun ihnen ihre Fußsohlen so weh?“ fragte ich nach.

„Weil sie barfuß gegangen sind und sich ihre Sohlen an den heißen Steinen verbrannt haben,“ war die ebenso einleuchtende wie entmutigende Antwort.

„Verdammt!!“ sagte ich. „Ich habe doch ausdrücklich gesagt…“

„Ja, ja,“ sagte Fritz,"...aber jetzt sitzen sie da und können nicht weiter.“

Ich unterhielt mich kurz mit den beiden Lehrerinnen. Wir würden sofort alle aufbrechen und bis zu der Stelle gehen, wo die Mädchen sitzen. Dort würden wir alles Weitere entscheiden. Wir gingen in einer langen Reihe wieder nach oben, sagten kein Wort; ich dachte nur: „Hoffentlich schaffen wir es, daß alle wieder heil aus dem Canyon herauskommen.“

Die Mitglieder der vierten Gruppe saßen mit hängenden Köpfen am Rand des Pfades in der Sonne; Schatten gab es hier nicht. Unser Fahrer kam auf mich zu.

„Sorry Mann,“ sagte er. „Ich habe versucht, sie zu überreden, aber sie sagten, sie würden das leicht auch ohne Schuhe schaffen und außerdem seien sie ja alt genug, um zu wissen, was sie tun.“

Es war die Gruppe mit den ältesten Mädchen und Jungen und der Fahrer hatte ihnen gegenüber keinen Hauch von Autorität. Das war mir zwar danach klar geworden, aber nicht, als die Gruppen eingeteilt wurden.

Es half nicht, daß ich mich ärgerte, auch nicht über die Mädchen, die mit schmerzenden Fußsohlen und fast weinend da saßen. Es mußte etwas geschehen. Also teilte ich die Gruppen und ihre erwachsenen Begleiter erneut auf; ich würde die letzte Gruppe mit vier leidenden Mädchen und zwei Jungen übernehmen. Die drei anderen Gruppen gingen den steilen Pfad nach oben; wir blieben noch zurück. Ich wollte warten, bis die Steine nicht mehr so heiß waren und die Fußsohlen nicht mehr ganz so weh taten. Erst dann brachen auch wir auf; allerdings kamen wir nur ganz langsam voran, da die Mädchen humpelten und wir immer wieder anhalten und die Fußsohlen mit Wasser kühlen mußten.

Inzwischen aber war es spät geworden. Schon wurden die Schatten unterhalb der Felskanten länger und fielen über die Canyon-Abhänge bis nach unten. Mir wurde allmählich klar, daß wir es mit dem langsamen Tempo niemals vor Einbruch der Dunkelheit auf dem sich serpentinenartig nach oben windenden Pfad schaffen würden. Im Dunklen aber im Canyon festzusitzen - hier sollte es Paviane, wenn nicht sogar Leoparden geben - schien keine Alternative.

Also beschloß ich, den vorgegebenen Pfad zu verlassen und eine direkte Route nach oben zu nehmen. So hoffte ich, vor Dunkelheit den Rand des Canyons zu erreichen. Dort würde uns, so meinte ich, eher geholfen werden können, als weiter unten am Hang. Der Gedanke mag an sich gut gewesen sein, wir kamen mit den vier schmerzgeplagten Mädchen zwar einigermaßen voran - mit den Jungen sowieso - und konnten auch noch den Hang empor steigen, doch dann endete unser Aufstieg unterhalb der vorspringenden Felskante am Rande des Canyons. Nur eine ganze schmale, kaminartige Rinne führte von einem ebenfalls sehr schmalen Felsenvorsprung nach oben - für die angeschlagenen Mädchen wohl kaum zu bewältigen.

Ich war voraus geklettert, stand auf dem Felsenvorsprung, reichte dem mir unmittelbar nachkletternden Jungen die Hand, zog ihn zu mir auf die kleine Felsleiste und schob ihn dann von unten in die schmale Rinne. Er kletterte diese nach oben. Dann aber trat er auf einen losen Stein, dieser löste sich, sauste die Rinne herunter an mir vorbei nach unten und fiel dem zweiten Jungen voll auf den Kopf. Der schrie auf, war etwas benommen und dann sehr still.

Somit ergab sich folgende Situation: Der eine Junge aus unserer Gruppe hatte auf dem Plateau vor dem Canyon die anderen Gruppen erreicht; ich stand zwischen Abbruchkante und Abhang und konnte im Dunkeln weder vor noch zurück; nicht weit unter mir, jedoch gerade nicht erreichbar, befanden sich vier Mädchen mit schmerzenden Fußsohlen, die nicht hochklettern konnten und ein Junge mit mindestens einer großen Beule am Kopf. Und es war inzwischen stockdunkel geworden. Der Versuch ein Tau zu uns herabzulassen, mußte scheitern, zum einen, weil das Tau an den scharfen Steinkanten zerreißen würde und zum anderen, weil die Mädchen aus der Gruppe gar nicht in der Lage waren, sich daran nach oben zu hangeln.

Ein Zufall wollte es, daß genau an diesem Tag in der Nähe eine Abteilung der im damaligen Südwestafrika stationierten südafrikanischen Wehrmacht eine Nachtübung durchführte. Die Motorengeräusche ihrer Fahrzeuge waren deutlich zu hören.

"Fahrt zu denen hin," rief ich unseren Leuten zu, die oben standen "und bittet sie um Hilfe!"

„Natürlich. Wir kommen sofort mit einem Team. Zeig‘ uns nur die Stelle, wo Deine Leute festsitzen!“ sagte der kommandierende Offizier zu unserem Fahrer, nachdem er von dem Mißgeschick erfahren hatte.

Wieder zurück an der Stelle am Canyon-Rand, wo wir saßen, informierte mich unser Fahrer über die zu erwartende Unterstützung. Er brauchte dabei nicht einmal laut zu rufen. Und da der Rest der Gruppe wiederum nur etwa drei Meter unter mir am Hang kauerte, konnte ich mich ohne weiteres mit ihnen verständigen.

Unsere Lage war eher noch etwas angespannter als vorher: Die Mädchen hatten nach wie vor Schmerzen und fühlten sich in der Dunkelheit, die von allen Seiten an sie heran gekrochen war, überhaupt nicht wohl. Der Junge hatte mitten auf dem Kopf eine größere Platzwunde und stöhnte ab und zu, wenn auch leise, vor sich hin.

Mit einem Abschleppwagen mit Ausleger kam der Wehrmachtstrupp bis an den Rand des Canyons und der Offizier informierte mich über das weitere geplante Vorgehen:

„Wir werden den Ausleger jetzt so weit ausfahren, daß er über der Felskante hängt. Den Wagen haben wir festgestellt. Dann werden wir an einem Drahtseil einen Sitz mit einem Gurt bis auf die Höhe Deiner Leute herunterlassen. Sag‘ ihnen, sie sollen sich einzeln hineinsetzen, anschnallen, dann gibst Du uns Bescheid und wir ziehen einen nach dem anderen nach oben.“

„Super Idee,“ sagte ich von der Stelle aus, wo ich saß. „Toll, daß Ihr da seid. Bitte packt doch ein paar Helme in den Sitz, damit wir diese aufsetzen können, denn der eine Junge hat schon einen Stein auf den Kopf bekommen. Und den müßt Ihr als erstes nach oben ziehen.“

„Verstanden,“ sagte der Offizier, „hier kommen wir!“

So wurde erst der eine Junge, dann ein Mädchen nach dem anderen und zum Schluß auch ich nach oben gehievt und dort von den Soldaten in Empfang genommen. Sie brachten uns ins Lager, wo die anderen noch auf uns warteten. Unser Fahrer war inzwischen mit dem Jungen in die nächste Klinik gefahren. Der Wehrmachtstrupp setzte sich noch kurz zu uns ans Lagerfeuer mit einem Becher Kaffee. Dann fuhren sie wieder zurück in ihr Camp, nachdem wir uns vielmals bedankt hatten.

"Was hättet Ihr eigentlich ohne die gemacht?“, fragte mich Fritz.

„Wir hätten da, wo wir gerade saßen, die Nacht über bleiben müssen, hoffen, daß nichts weiter passiert, warten, bis es hell wird, dann zurückgehen und den richtigen Weg nach oben nehmen.“

So aber konnten wir, da der Junge nur eine größere Platzwunde hatte, die ambulant versorgt werden konnte und nachdem Salbe auf die Fußsohlen der Mädchen aufgetragen worden war, am nächsten Tag vollzählig wieder nach Swakopmund zurückfahren.

Im Auto mit unserem Vater zu fahren, war nur bedingt vergnüglich. Nicht, daß er nicht Autofahren konnte, das war nicht das Problem. Das Problem bestand eher darin, daß seine Auslegung der Verkehrsregeln nicht immer mit jener der anderen Verkehrsteilnehmer übereinstimmte. Da konnte es schon mal zu Situationen kommen, die in der Regel zwar harmlos ausgingen, den Mitfahrenden jedoch zumindest in Erstaunen versetzten. Unangenehm konnte es werden, wenn der andere Verkehrsteilnehmer eine Verkehrsvorschrift in den Augen unseres Vaters offensichtlich mißachtete und ihn in seiner Fahrweise dadurch behinderte. Dann war nicht auszuschließen, daß unser Vater das Fenster an seiner Seite herunterkurbelte und dem anderen - meist waren es Fahrradfahrer, sehr häufig waren es Schwarze - unmißverständlich zu verstehen gab, daß dieser erstens wohl von allen (Fahr)Geistern verlassen sei, zweitens sich absolut regelwidrig verhalte, drittens doch lieber von einer weiteren Teilnahme am Straßenverkehr Abstand nehmen solle und zwar am besten sofort und viertens bei weiterem ähnlichen Fehlverhalten riskiere, daß die Verkehrspolizei sich seiner annimmt. In diesen Situationen wollte der Beifahrer sich am liebsten in Luft auflösen.

An einem Wochentagnachmittag fuhren unser Vater und ich im alten Borgward eine Querstraße entlang, die in die Kerkstraat ziemlich weit am oberen Ende dort einmündete, wo die Kerkstraat über eine Anhöhe aus der Stadt hinausführte. Wir hielten vorschriftsmäßig an der Haltelinie an der Straßenkreuzung und unser Vater fragte mich, der neben ihm auf dem Beifahrersitz saß:

"Kommt das was von rechts?"

"Nein," sagte ich, denn es kam nichts.

Dann fuhr unser Vater an und wollte die Straße überqueren. In dem Augenblick aber kam - wie ich später meinte - mit "Affentempo" ein Motorrad die Straße hinunter gesaust, schaffte es nicht mehr zu bremsen, konnte auch nicht an uns vorbeifahren, erwischte unser Auto an der rechten hinteren Seite, überschlug sich und blieb mit dem Motorradfahrer, einem weißen jungen Mann, mitten auf der Straße mit noch kreisendem Hinterrad liegen.

"Verdammt," sagte unser Vater oder so etwas Ähnliches.

Ich weiß nicht mehr, was er genau sagte, denn ich hatte mich umgedreht, schaute auf den Motorradfahrer, sah, wie er unter der Maschine hervorkroch und versuchte, aufzustehen, dies aber nicht schaffte und sich mitten auf der Straße hinsetzen mußte. Wie wir später erfuhren, hatte er sich bei dem Sturz das rechte Bein gebrochen. Unser Vater hielt an der anderen Straßenseite, stieg aus und ging zurück zum Motorradfahrer. Der hielt sich das Bein und schrie ihn wütend an:

"Kannst Du verdammt nochmal nicht gucken, ehe Du los fährst!"

Inzwischen hielten auch andere Autofahrer an. Dann wurde ein Krankenwagen gerufen, die Polizei kam, das Motorrad wurde weggeräumt, ein Polizist regelte den Verkehr um die Unfallstelle herum, ein anderer Polizist notierte sich Namen und Anschriften und machte erste Notizen, der junge Mann wurde auf einer Liege in den Krankenwagen gehoben und abtransportiert. Es dauerte jedenfalls eine ganze Weile, bis wir weiterfahren konnten. Die rechte hintere Seite unseres Autos war zwar eingedrückt, aber das Rad lief noch frei. Noch am gleichen Nachmittag erschienen zwei weitere Polizisten bei uns zuhause und wollten von meinem Vater wissen, wie der Vorgang sich abgespielt hatte.

Drei Wochen später erhielt unser Vater eine Vorladung vom Amtsgericht in Bloemfontein. Die Staatsanwaltschaft hatte Anklage wegen Körperverletzung aufgrund fahrlässigen Verhaltens im Straßenverkehr erhoben. Vorgegeben wurde der Termin einer mündlichen Verhandlung.

"Damit," stellte unser Vater fest, "ist nicht zu spaßen!"

Nun hatten wir in unserer Bekanntschaft einen Rechtsanwalt. Das war der Sohn von Dr. Lichtenberg, des Universitätsdozenten also, der später unseren Vater bei seinen post-graduellen germanistischen Studien betreute. Der Anwalt war ein noch junger, dynamisch wirkender und eloquenter Jurist. Er erklärte sich auf Bitten unseres Vater bereit, den Fall zu übernehmen und unseren Vater vor Gericht zu verteidigen und zwar unentgeltlich, denn wir hätten uns sonst keinen Rechtsbeistand leisten können. So schrieb er an das Gericht, daß unser Vater mit ihm als Verteidiger erscheinen und als Zeugen seinen Sohn mitbringen würde, der als Beifahrer im Auto den Unfall mit verfolgt hatte. Daraufhin wurde ich ebenfalls als Zeuge vom Gericht geladen. Mit dieser Vorladung ging ich zum Direktor meiner Schule und bat darum, mir an diesem Tag für die Dauer der Gerichtsverhandlung vom Unterricht frei zu geben. Der Schuldirektor war etwas erstaunt, denn ich war erst 15 Jahre alt, hatte jedoch nichts dagegen einzuwenden.

In der Woche vor dem Gerichtstermin trafen wir uns zu dritt im Büro des Rechtsanwalts und erörtern minutiös den gesamten Vorgang vom Anhalten an der Kreuzung bis zum Unfall und dem Halten danach.

"Und wenn der Richter Dich fragt, ob Du und Dein Vater vor der Verhandlung über den Fall gesprochen habt, dann sagst Du, natürlich habt Ihr das. Er würde Dir das sonst nicht glauben," sagte der Rechtsanwalt.

"Du mußt ihn auch richtig anreden."

"Und wie muß ich ihn anreden?" fragte ich.

"Euer Ehren," sagte der Rechtsanwalt.