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So war das alles nicht geplant! Plötzlich 30, plötzlich Single und plötzlich überfordert mit der Gesamtsituation. Von heute auf morgen ist alles anders und die ehrgeizige Ärztin Adrienne muss ihre Pläne neu überdenken: Kann man als Single überhaupt glücklich sein? Auf der Suche nach der Antwort auf diese Frage lernt Adrienne eine ganze Menge über sich selbst: Was sie will, was sie nicht will und wer sie überhaupt ohne einen Mann an ihrer Seite ist. Und dass erst im "Hier und Jetzt" angekommen, das Schicksal zum Greifen nah ist.
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Seitenzahl: 337
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Was immer du willst ist der Debüt-Roman von Valentina Foster.
Selbstbewusst, sexy und stark – das war einmal. Die erfolgreiche Ärztin Adrienne Laurent ist mit ihrem Leben und ihrem Hang zum Perfektionismus überaus zufrieden bis sie ausgerechnet an ihrem Geburtstag von ihrem Langzeitfreund verlassen wird.
Plötzlich fühlt sie sich allein, zurückgewiesen und wie ein Loser. Denn mit dreißig scheint nicht mehr bloß zu zählen, ob du es karrieretechnisch weit gebracht hast. Nein: Alle deine Freunde führen Bilderbuchbeziehungen, deine jüngere Schwester heiratet und du bist… Was eigentlich? Single.
Adrienne beschließt, sich und ihr perfekt durchgeplantes Leben neu zu sortieren und einen Neuanfang zu wagen.
Zwischen Reisen zu ihrer herzlich-chaotischen Familie an die Côte d’Azur und den alltäglich großen und kleinen Katastrophen zu Hause findet Adrienne zu sich selbst zurück und ganz nebenbei scheint auch noch das Schicksal an ihre Tür zu klopfen. Oder wie nennt man das als vernunftgeleiteter Mensch, wenn jemand einen Ballon findet, auf dem dein größter Wunsch und deine Handynummer steht?
Und auch der gut aussehende Kollege, dem der Ruf als Playboy vorauseilt, macht Adrienne ein Angebot, das sie eigentlich nicht ausschlagen kann.
Für all die gebrochenen Herzen da draußen:
Was immer du willst
„Ich hatte Staub auf meiner Seele,
meine Augen waren taub […]
Was immer du willst,
was immer du fühlst,
was immer es ist,
ich bin bei dir.
Was immer du brauchst,
was immer dir fehlt,
sei sicher, du findest es in mir…“
- Marlon
…du findest es in dir!
Du musst erst dich selbst glücklich machen, bevor du es von jemand anderem verlangen kannst.
Kapitel 1: Rolling in the deep
Kapitel 2: Stop and stare
Kapitel 3: Release me
Kapitel 4: Love hurts
Kapitel 5: Es tut wieder weh
Kapitel 6: Nothing compares to you
Kapitel 7: Truly, madly, deeply
Kapitel 8: Ist da jemand
Kapitel 9: Use somebody
Kapitel 10: Coming home
Kapitel 11: I don't want to be
Kapitel 12: Firework
Kapitel 13: (What is) Love
Kapitel 14: Sweat
Kapitel 15: All die Jahre
Kapitel 16: Jar of hearts
Kapitel 17: Aurelie
Kapitel 18: This ain't a love song
Kapitel 19: Bittersweet Symphony
Kapitel 20: I feel it coming
Kapitel 21: Honey Honey
Kapitel 22: Starving
Kapitel 23: Love story
Kapitel 24: Stay
Kapitel 25: Realize
Kapitel 26: Don't talk about this love
Kapitel 27: Paperweight
Kapitel 28: I won't let you go
Kapitel 29: Just say yes
„...the scars of your love remind me of us they keep me thinking that we almost had it all...“- Adele
„Sei mir nicht böse.“ Viktor nahm die cremefarbene Serviette von seinem Schoß und legte sie achtlos neben dem Teller ab, der bis auf ein Salatblatt und eine Zitronenscheibe geleert war, erhob sich von seinem Stuhl und verließ schnellen Schrittes das Restaurant ohne sich dabei noch einmal umzusehen.
Mein Gesicht war tränennass. Das konnte er nicht machen. Das konnte er mir nicht antun! Wie herzlos konnte ein Mensch sein?! Ich ballte die Hände zu Fäusten. Das Rotweinglas, das ich immer noch mit der rechten Hand umfasst hielt, um mich an irgendetwas festzuhalten, zersprang. Ich verlor den Halt. Wein verteilte sich über dem weißen Tischtuch und keine Sekunde später gesellte sich ein dunkelroter Tropfen dazu. Meine Handinnenfläche brannte wie Feuer. Die Glassplitter hatten mich geschnitten. „Mist! Verfluchte Scheiße!“, murmelte ich durch die zusammengebissenen Zähne und nahm meine unbenutzte Serviette, um sie auf die schmerzende Wunde zu drücken. Die Wunde in meiner Hand konnte ich damit stillen. Das Loch in meiner Brust schien sich mit jeder Minute, die ich länger allein an diesem Tisch im Kerzenschein des Restaurants verbrachte, weiter auszubreiten. Wie in Trance starrte ich auf die rote Rose in der geschwungenen Vase, daneben zwei cremefarbene Kerzen in goldenen Kerzenhaltern. Ich vernahm lachende Menschen um mich herum, klapperndes Porzellan, klirrendes Besteck. Eilig wischte ich meine Wangen mit den Fingerspitzen trocken.
So hatte ich das alles nicht geplant. Der Abend sollte ganz anders laufen! Das konnte nicht passieren! Das konnte heute nicht passieren! Nicht heute! Überhaupt nicht... Ich war alleine. Verlassen.
„Madame, alles in Ordnung? Kann ich Ihnen 'elfen?“ Der Kellner mit dem vertrauten, französischen Akzent sah mit weit aufgerissenen Augen, die Stirn in Falten, auf mich hinab.
Ich brauchte kein Mitleid. „Non, merci! Tout est … merde!“ Das letzte Wort war nur noch ein leises Flüstern, doch der Kellner schien es verstanden zu haben. Er verschwand. Mit der linken Hand wischte ich eine letzte Träne von meiner Wange. Ich schluckte schwer und blickte hinab auf die schmerzende Hand in meinem Schoß, die die Serviette rot tränkte. Mit geschlossenen Augen sog ich Luft ein. Atmete ein und wieder aus. Ich wollte nicht in aller Öffentlichkeit weinen. Abermals schluckte ich die Tränen herunter. Nach all den Jahren war ich allein.
Keine zwei Minuten später beglich ich die Rechnung, verließ das Restaurant und lief mit schwimmenden Augen zu meinem roten Audi. Ich knallte die Autotür hinter mir zu und fuhr mit quietschenden Reifen vom Parkplatz.
Zu Hause schmiss ich den Mantel achtlos neben die Garderobe, die Schlüssel in die dafür vorgesehene Schale neben der weißen Orchidee auf der Kommode, dass es nur so klirrte, und stürmte ins Bad. Es war ein drei Zentimeter langer Schnitt, nicht tief, aber sehr schmerzhaft. Nachdem ich die Wunde verbunden hatte, ging ich in die Küche. Ich öffnete die chromfarbene Tür des Kühlschranks und griff nach einem Flaschenhals. Zur Feier des Tages hatte ich Champagner kalt gelegt. Zwei Gläser warteten auf dem Couchtisch auf mich. Die höllisch hohen, schwarzen Lack-Peep-Toes kickte ich von den Füßen, während ich den Korken knallen ließ. Ich schaltete den CD-Player ein, drehte den Lautstärke-Regler etwas höher und setzte die Flasche an den Hals. Bon anniversaire!
***
Am nächsten Morgen wachte ich vor der Leder-Couch auf. Scheinbar war ich in der Nacht hinunter gerutscht. Wenigstens war ich auf dem hellen Flokati weich gelandet. Mein Schädel hämmerte, die rechte Hand zwickte und als ich die Augen aufschlug, sah ich erst einmal nur schwarz bis ich mir die Haare aus dem Gesicht geschoben hatte. „Was für ein Albtraum!“ Mit der linken Hand stützte ich mich ab, um mich aufzurappeln. Alles drehte sich. Das war eindeutig zu viel für meinen Kreislauf! Langsam sank ich auf die Couch und hielt mir stöhnend die Stirn. Nachdem die Karussellfahrt ein wenig nachgelassen hatte, betrachtete ich das Chaos um mich herum. Auf dem Tisch ein Durcheinander aus diversen Schokoladen-Verpackungen und Goldpapieren, eine leere Flasche Champagner, zwei nicht angerührte Gläser und auf der Couch eine leere Schachtel Pralinen. Die plötzliche Übelkeit musste von einer Überdosis Schokolade kommen.
Langsam torkelte ich ins Bad. Ein Blick in den Spiegel verriet mir, dass ich nicht ganz so schlimm aussah, wie ich mich fühlte. Die Wimperntusche hatte sich in schwarzen Sprenkeln über meine Wangen verteilt, der rote Lippenstift klebte am Kinn und meine Haare waren der reinste Urwald. „Schon mal Amy Winehouse im Spiegel gesehen?“ Mein Gegenüber verdrehte die Augen und hielt sich stützend am Waschbeckenrand fest. Schwerfällig und stöhnend schälte ich mich aus dem kleinen Schwarzen, der Nylonstrumpfhose, die nach dieser Nacht einige Laufmaschen aufwies und den Weg direkt in den Müll fand, schlüpfte aus den schwarzen Spitzen-Dessous und flüchtete unter die Dusche.
Eine halbe Stunde später sah mein Spiegelbild wieder aus wie ich. Jedenfalls annähernd. Traurige, braune Augen starrten mich aus einem müden Gesicht an, das von gewellten schwarzen Haaren umrahmt wurde.
Ich verband meine Hand erneut, zog den Bademantel über und ging in die Küche. Was ich dringend brauchte waren eine Kopfschmerztablette und eine Tasse heißen Tee. Ob ich wohl noch etwas von dem Beruhigungs-Tee hatte, den ich meinen Patientinnen gelegentlich empfahl?
Nachdem ich unter kratzendem Geräusch eine Scheibe Toast mit Marmelade bestrichen hatte, hatte ich keinen Hunger mehr. Die Unordnung im Wohnzimmer schrie danach, beseitigt zu werden. Ich nahm die CD aus dem Spieler und legte das Best-of von Snow Patrol ein, das ich mir zusammen mit einem neuen Handy zum Geburtstag geschenkt hatte. Nun war ich auch eine der Verrückten, die mehr als ein Handy besaßen, allerdings aus rein praktischen Gründen, versteht sich. In meinem Beruf war es durchaus von Vorteil Privates und Berufliches voneinander zu trennen.
Trotz Fußbodenheizung fand ich es kalt, aber ich hatte keine Lust, mir etwas überzuziehen. Unterwäsche und Bademantel sollten reichen. Heute durfte ich einmal gemütlich durch meine eigenen vier Wände schleichen. Wann hatte ich mir das zum letzten Mal gegönnt? Ich stapelte Holz im offenen Kamin und zündete ein Feuer an. Während es brannte und ich mich aufrichtete, fiel mein Blick auf das Foto in dem weißen Porzellan-Rahmen, der auf dem Kaminsims stand. Es zeigte Viktor und mich in eng umschlungener Pose. Eine Weile starrte ich das Pärchen an, das keines mehr war, bis ich das Bild in die Hände nahm und mich damit auf dem Sofa niederließ. „Oh, Vick, warum nur?“
Nach der Spätschicht vorgestern Abend hatte ich noch gemeinsam mit meinen Freundinnen ein Gläschen in einer Bar getrunken, um in meinen Geburtstag hinein zu feiern und darüber gegrübelt, was Viktor mir schenken würde. Vor einigen Monaten hatten wir noch über Pläne gesprochen zusammenzuziehen.
Seit diesem Sommer war allerdings einiges zwischen uns anders gelaufen. Irgendwie hatten wir uns voneinander entfernt. Zwei Magnete, die Tag für Tag aufeinander zu gesteuert waren, bis sie plötzlich immer mehr Widerstände erschüttert hatten und schließlich mit den falschen Polen voneinander abgestoßen wurden. Wie hatten wir es nur so weit kommen lassen können? Wir hatten eine kurze Pause eingelegt. Eine Beziehung braucht keine „Pausen“, es sei denn, sie ist zum Scheitern verurteilt und das schien hier definitiv der Fall zu sein! Er liebte mich nicht mehr. Er liebte mich nicht … mehr. Hemmungslos brach ich in Tränen aus. Ich solle ihm nicht böse sein?! Vom lauten Schluchzen geschüttelt ließ ich das Bild zu Boden fallen. Es gab nicht einmal ein Geräusch von sich. Fröhlich grinste es mich im Vordergrund des Flokatis an. Ich hob den Kopf. Mein Blick fiel auf eine Reihe weiterer Fotos, die an den cremefarbenen Wänden hingen. Ohne lange zu überlegen, nahm ich sie ab, löste die Fotos heraus und hängte die leeren Rahmen zurück an die Wand. Verliebte Fotos von der Côte d'Azur landeten auf Küssen vor dem Eiffelturm. Allmählich bildete sich ein kleiner Stapel Erinnerungen neben einem Berg benutzter Taschentücher zu meinen Füßen. Die Stapel schienen in einem proportionalen Verhältnis anzuwachsen. Ein kleines herzförmiges Kissen von der Kirmes, Postkarten sowie Musical- und Konzert-Tickets gesellten sich dazu. Ich lief durch die Wohnung und suchte alle Ecken nach Dingen ab, die Viktor mir einst geschenkt hatte. Den Kram musste ich mir aus den Augen schaffen! Aus den Augen, aus dem Sinn. Ob das wirklich so einfach werden würde? Mir schnürte sich die Brust zu. Ich schluchzte verzweifelt auf und wischte mir die Tränen von den Wangen, um mich zusammen zu reißen. „Okay, wohin damit?“ Ich ging ins Schlafzimmer und öffnete den Schuhschrank. Einen der vielen Schuhkartons würde ich entbehren müssen. Schnell hatte ich einen gefunden, die zugehörigen Pumps stellte ich fein säuberlich in eines der überfüllten Fächer.
Zurück im Wohnzimmer fiel mein Blick auf die riesige Palme, die Viktor mir vor zwei Jahren zu meinem Einzug in diese Wohnung geschenkt hatte. Von ihr konnte ich mich nicht trennen. Dieses Lebewesen war nicht schuld daran, dass diesem Idioten nichts Besseres eingefallen war, als mich einfach sitzen zu lassen. Im wahrsten Sinne des Wortes!
Erinnerungsstücke landeten in dem schimmernden blaugrauen Schuhkarton. Es passte alles hinein. Wenn ich darüber nachdachte, hatte ich viel mehr in unsere Beziehung investiert als er. Er hatte mich nur selten überrascht. Einmal im Jahr bekam ich eine Rose geschenkt. Damit hatte er seinen Aufmerksamkeitsanteil erfüllt. Abgesehen von den Geburtstagen – den Diesjährigen nicht eingerechnet. Ich ließ den Kopf in die Hände sinken. Meine Schultern zuckten unter meinen stummen Tränen wie Espenlaub.
Das Herz-Kissen musste sein Leben lassen. Es passte nicht in den Karton. Pink war außerdem nie meine Farbe gewesen und zu allem Überfluss auch noch dieser hässliche, kitschige Samt! Mit einer Schere schnitt ich es in tausend Teile. Ich fühlte nichts dabei. Sobald überall pinkfarbene und weiße Flusen um mich verstreut lagen, brach ich jedoch erneut in Tränen aus. Damals waren wir glücklich gewesen. Damals auf der Kirmes hatte er mich geliebt. Erinnerungen an eine romantische Fahrt im Riesenrad, Feuerwerk und gebrannte Mandeln wurden wieder wach. Es kam mir vor, als ob es ewig lange her gewesen wäre. Der Viktor in meinen Erinnerungen war ein anderer Mensch gewesen, als der Mensch, der an meinem Geburtstag mit mir Schluss gemacht hatte. An meinem dreißigsten Geburtstag... „Verdammter Scheißkerl!“ Ich verbrannte die Überreste des Kissens im Kamin.
Vier wunderbare Jahre meines Lebens hatte ich mit ihm vergeudet! Ich hatte mich fast völlig für ihn aufgegeben, meine Termine immer versucht mit seinen in Einklang zu bringen. „Wenn ich doch die Zeit zurück drehen könnte!“ Doch wo hätte ich sie gestoppt? Wo hätte ich neu angesetzt? Ich starrte in die Flammen und ließ unsere Beziehung Revue passieren.
Während meines Studiums hatte ich in einer WG gelebt. Meine Mitbewohnerin Katharina war ziemlich beliebt gewesen. Sie hatte eine Clique und einen festen Freund gehabt. Eines Morgens war ich aus meinem Zimmer gekommen und in der Küche auf ein Til-Schweiger-Double in Boxershorts und weißem T-Shirt getroffen. Zuerst hatte ich gedacht zu träumen. Im zweiten Moment war ich enttäuscht gewesen, weil ich vermutet hatte, Katharina hätte ihrem Freund nun den Laufpass gegeben und sich diesen Schönling angelacht. Die Sache hatte sich allerdings schnell aufgeklärt. Der Til-Schweiger-Verschnitt war ein Freund von Katharinas besseren Hälfte und hatte auf unserer Couch übernachtet. Til hieß in Wirklichkeit Viktor und war nicht in der Film-, sondern IT-Branche tätig. Hin und wieder hatte Katharina mich auf eine Party ihrer Freunde mitgenommen und so waren Viktor und ich mit der Zeit gute Freunde geworden. Wir hatten uns ungefähr ein Jahr gekannt, bis wir ein Paar geworden waren. Irgendwann hatte es zwischen uns gefunkt. Katharina und ihr mittlerweile Ehemann hatten vor ein paar Jahren Good-old-Germany verlassen, um die Welt zu verbessern. Scheinbar hatte sie mich unter Bestrahlung der afrikanischen Sonne völlig vergessen. Damals dachte ich, es sei nicht so schlimm – zwar schade, aber nicht schlimm. Schließlich hatte ich ja Viktor, mit dem ich über alles reden konnte. Wer brauchte da schon eine beste Freundin? Schuhe kaufen konnte ich auch alleine.
Alleine. Nun war ich alleine. Ich fühlte mich wie der einzige Mensch auf der Erde. Ohne Freund. Freund. Ich hatte Vick heiraten wollen! Wie oft hatten wir über eine gemeinsame Zukunft gesprochen? Das sollte nun alles vorbei sein? Keine Hochzeit, keine Flitterwochen im Indischen Ozean, keine Kinder? Keine Zukunft. Wir hatten keine gemeinsame Zukunft.
Meine Freundinnen hatten mich so oft wegen Vick beneidet. Jennifer hatte einmal gesagt: „Ihr seid wie ein zweiteiliges Puzzle. Ihr passt perfekt zusammen.“ Jenny würde aus allen Wolken fallen, wenn ich ihr von diesem Desaster erzählte.
Meine Mutter hatte immer gesagt, unsere Kinder würden die besten Erbanlagen erhalten, und meine Schwestern hatten sich bloß darum gestritten, welche Farbe die Brautjungfernkleider bekommen sollten. Darüber brauchten sie sich nun keine Gedanken mehr zu machen. Es gab keinen Viktor, also gab es auch keine Hochzeit. Er liebte mich nicht mehr. Ich musste schlucken. „Ach, Vick!“ Ich warf einen übrig gebliebenen Fusel ins Feuer. Es zischte. Eine Träne rollte über meine Wange.
Plötzlich klingelte das Telefon. Ich schreckte hoch. Wer konnte das sein? Falls Viktors Nummer auf dem Display stünde, schwor ich mir, nicht zu Hause zu sein. Vielleicht war es das Krankenhaus? Ich hatte mir zwei freie Tage nach meinem Geburtstag gegönnt, weil ich an Heiligabend und dem ersten Weihnachtstag arbeiten sollte. Ich wollte ein verlängertes Wochenende mit meinem... mit Viktor verbracht haben. Spontan wegfahren...
„Laurent?“, meldete ich mich und fand, dass meine Stimme ziemlich weinerlich klang. Ich griff nach der Fernbedienung und schaltete die Musik leise.
„Adrienne! Mon dieu! Du 'örst disch ja gar nischt gut an. Bist du krank? Ist alles in Ordnung?“ Meine Mutter hatte es nie geschafft, ihren Akzent abzulegen. „Wir wollten disch gestern Abend noch anrufen, aber du warst nicht zu 'ause.“
„Nach der Arbeit wollten … wir essen gehen.“ Ich räusperte mich. Das „wir“ zu benutzen klang plötzlich fremd.
„Was ist los?“ Mama klang besorgt. Der mütterliche Instinkt schien bis über die Landesgrenzen hinweg zu wirken.
Ich hockte mich auf den Rand der Couch, richtete den Oberkörper auf, um tief Luft zu holen und sagte: „Maman, Viktor wird Weihnachten nicht mit nach Frankreich kommen. Gestern Abend hat er sich von mir getrennt.“
Es herrschte Stille am anderen Ende der Leitung. Als ich dachte, sie hätte eventuell einen Herzinfarkt bekommen, meldete sie sich wieder: „Was 'at er?“
„Er sagt, er liebt mich nicht mehr.“ Meine Haltung sackte in sich zusammen. Ich schluckte die aufkommenden Tränen hinunter.
Erneutes Schweigen. „Adrienne, isch weiß ja, dass ihr seit einiger Zeit eine kleine Krise 'abt, aber das überrascht mich doch sehr.“
„Ist was passiert?“, hörte ich meinen Vater im Hintergrund.
„Viktor 'at Adrienne verlassen. Er sagt, er liebt sie nischt mehr. An ihrem Geburtstag! Kannst du dir etwas Schlimmeres vorstellen, Arnold?“
Ich konnte mir das sehr gut vorstellen. Seit einigen Wochen hatte es mir schon vor dem vierten Dezember gegraut. Mit dem Gedanken, dreißig zu werden, konnte ich mich nicht gut anfreunden. Dreißig Jahre hörten sich alt an. In den Zehnern geht man zur Schule, ist völlig mit der Pubertät beschäftigt und lebt seinen Teenager-Alltag. Die Zwanziger verbringt man mit Studieren, Berufseinstieg und dem plötzlichen Erwachsensein, der Freiheit. Die Dreißiger machten mir Angst, weil ich nicht wusste, was kommen würde. Ich schwebte irgendwo zwischen der Realität als „fester Freundin“ und dem hin und wieder auftretenden Wunsch nach Status „Ehefrau und Mutter“. Gestern war es schließlich so weit gewesen. Die Dreißig war ein schlechtes Omen.
Mein Vater tobte im Hintergrund. „Der Junge soll mir noch einmal vor die Augen treten! Wenn ich nicht so viele Kilometer entfernt wäre, würde er sich wünschen nie geboren zu sein!“
„Hat Papa seine Tabletten genommen?“, erkundigte ich mich. Wegen so etwas sollte er nicht noch höheren Blutdruck bekommen.
„Arnold, nimm deine Pillen“, sagte meine Mutter und wandte sich wieder mir zu. „Wie gerne würde isch jetzt für disch da sein.“
„Ich schaffe das schon, Maman.“ Irgendwann würde ich darüber hinweg sein. Irgendwann.
„Lass den Kopf nischt 'ängen. Du findest sischer bald jemanden, der disch ebenso liebt, wie du ihn liebst. Du bist eine starke, unab'ängige, intelligente und erfolgreische Frau. In unserer Nachbarschaft wohnt ein netter Mann, isch glaube, er 'at weder Frau noch Freundin. Jedenfalls 'abe isch ihn noch nie mit einer Frau gese'en. 'ab ich Rescht, Arnold?“
„Danke, Mama, aber eine Fernbeziehung halte ich auch nicht für besonders günstig.“ Ich schüttelte den Kopf. Eigentlich wollte ich momentan nur eins: Mich damit abfinden, allein zu sein.
„Aber du kommst bald 'er und vielleischt lernt ihr eusch kennen? Du könntest nach Frankreich zie'en? Ihr würdet 'übsche Kinder 'aben...“
„Maman!“, unterbrach ich sie. Gerade erzählte ich ihr, dass Viktor Schluss gemacht hatte und sie hatte nichts Besseres zu tun, als gleich den nächsten Mann für mich auszusuchen und sich Gedanken über die zukünftigen Gesichter in den Bilderrahmen auf dem Kaminsims zu machen! „Wir sehen uns am zweiten Weihnachtstag, aber versprich mir, du lässt den Nachbarn in Frieden!“
„D'accord. Na, gut.“
„Danke, Maman.“
„Mit dreißisch 'atte isch bereits drei kleine Kinder und das Vierte im Bauch.“
Ja, da hatte meine Mutter allerdings Recht. Ich konnte weder mit einem Baby im Bauch noch mit dem Vorhandensein eines Mannes trumpfen. Woran das wohl lag? Ich hatte vier Jahre mit Viktor verschwendet! Er war nicht der lang ersehnte Richtige gewesen! Vier Jahre! Vorher hatte ich bereits einen Freund gehabt. Nach seinem Abitur hatte er in Berlin ein Studium begonnen und der Kontakt war abgebrochen. Yanik war in der Schule der einzige Junge gewesen, der keine Angst vor mir gehabt hatte. Die meisten waren damals von der „Kleinen“ eingeschüchtert gewesen, weil ich mein Abitur bereits mit siebzehn gemacht hatte. Ich war früher eingeschult worden und hatte zudem eine Klasse übersprungen. Die Lehrer konnte ich mit meinem flüssigen Französisch beeindrucken, bei den Mitschülern machte mich das allerdings nicht besonders beliebt.
Meine Geschwister und ich sind deutsch-französisch aufgewachsen. Maman ist Französin, Papa ist Deutscher. Gerade musste ich mir zum hundertsten Mal von meiner Mutter anhören, dass mein Vater anno-pief beruflich nach Frankreich gekommen war und sie und er sich auf unglaublich romantische Art und Weise – im Supermarkt - kennen gelernt, sich Hals über Kopf in einander verliebt und einige Monate später geheiratet hatten. Es folgten vier Kinder: Gérard – mein älterer Bruder –, Adrienne – moi –, und meine jüngeren Schwestern Michèle und Aurelie.
Nach meinem Abitur begann ich mein Medizinstudium in Köln. Gérard studierte bereits seit zwei Jahren in Marseille Jura. Meine Eltern und jüngeren Schwestern verschlug es kurze Zeit später zurück an die Côte d'Azur. „Irgendwann wirst du auch so etwas erleben“, beendete meine Mutter ihren Monolog. Vielleicht. Hoffentlich. Bald. „Auf jeden Fall bin isch froh, wenn alle wieder unter einem Dach sind. Weihnachten wird so schön!“, schwärmte meine Mutter. „Du 'ast doch schon den Flug gebucht?“
„Ähm, ja.“ Hatte ich glücklicherweise noch nicht, denn ansonsten hätte ich nun mit zwei Tickets dagestanden. Es war geplant gewesen, dass Viktor mitkommen sollte. Somit hätte ich gestern nicht nur mein Geburtstagsessen, zu dem er mich einladen wollte, selbst bezahlt, sondern auch noch einen Flug, den er nicht angetreten wäre. „Natürlich“, log ich und nahm mir vor, gleich nach Beendigung des Telefonats den Computer anzuschalten.
„Gut, Adrienne. Wir schmücken jetzt mal den Baum.“
„Macht das.“ Mich wunderte es nicht, dass meine Mutter Wochen im Voraus mit der Dekoration begann. Das war bei ihr Tradition.
Nachdem ich meiner Mutter noch einmal ans Herz gelegt hatte, den netten Nachbarn wirklich nicht einzuladen, legten wir auf. So ganz traute ich der Sache trotzdem noch nicht.
Ich buchte einen Flug für den frühen Morgen des zweiten Weihnachtstages. Im Flugzeug würde ich hoffentlich ein wenig schlafen können.
In meinem Mailaccount war eine E-Mail aus dem Krankenhaus. Der vorläufige Dienstplan. Keine Nachricht von Viktor, auch nicht auf meinem Handy. Ich hatte die Sim-Card ausgetauscht, sodass er mich auf meinem privaten Handy hätte erreichen können, wann immer er gewollt hätte. Mein neuer Speicher war noch leer. Keine einzige Kurznachricht von ihm. Wahrscheinlich war es besser so.
Der Mauszeiger wanderte zu dem Daten-Ordner mit den Fotos. Ich schaute alle Urlaubsfotos durch, doch ich löschte nichts. Nur, wenn ich es unbedingt wollte, würde ich auf sie stoßen. Ich fuhr den Laptop herunter und drehte mich auf dem Schreibtischstuhl um die eigene Achse. Warum hatte ich mir für heute frei genommen? Irgendwas musste ich tun. Um ins Fitnessstudio zu fahren und mich abzustrampeln hatte ich weder die Kraft, noch wollte ich in meiner emotionalen Verfassung unter Leute kommen.
Ich entschied aufzuräumen. Zuerst schnappte ich mir den Staubwedel, woraufhin ich noch einige Sachen von Viktor fand, die ich übersehen hatte, wie beispielsweise ein Parfüm, das er mir letztes Jahr geschenkt hatte. Das würde ich ebenso wenig wie die Palme ausrangieren. Ich liebte den Duft von Eternity. Unsere Liebe hatte nicht ewig gehalten, die Liebe zu diesem Parfüm würde es. Auch von dem silbernen Ring an meinem Mittelfinger wollte ich mich nicht trennen. Noch nicht. Den hatte er mir zu unserem ersten Jahrestag geschenkt. Ich würde ihn bald ablegen, aber noch war es dafür zu früh. Momentan hing ich noch zu sehr daran, so sehr, dass ich ihn fast nicht bemerkt hatte.
Nachdem alles abgewedelt war, holte ich den Staubsauger und wischte anschließend den dunklen Parkettboden. Ich zog die Bettwäsche ab. Die Bettwäsche, in der wir uns einige Tage zuvor noch heiß und innig „geliebt“ hatten. Ich fand eine seiner teuren Boxershorts unter dem Bett und warf sie im Anflug einer aufkommenden Wutwelle ins Feuer. Bis jetzt hatte er sie nicht vermisst, was sollte er sie denn plötzlich vermissen? Und falls ihm der Verlust auffallen sollte, konnte er eben lange suchen! „Dieser Mistkerl!“ Vier Jahre warf man nicht einfach weg! Ganz im Gegensatz zu seiner Zahnbürste, die noch neben meiner in einem Becher im Badezimmer gestanden hatte. Ohne jedes Zögern landete sie im Mülleimer. Als ich das Bad geschrubbt hatte, fiel mir auf, dass ich mich ab heute nie wieder über Zahnpastaspritzer auf dem Spiegel, Rasierreste im Waschbecken und das Nichtvorhandensein voller Toilettenpapierrollen ärgern musste.
Viktor meldete sich nicht. Das Telefon blieb stumm. Um ehrlich zu sein, war ich darüber sogar erleichtert. Ich hätte nicht gewusst, wie ich darauf hätte reagieren sollen. Klar war: Ich liebte ihn immer noch. Klar war auch: Er hatte mich verlassen. Und: Es gab keinen Weg zurück.
„...this town is colder now, I think it's sick of us...“- OneRepublic
Als ich am nächsten Morgen Brötchen holen wollte, stolperte ich über einen Karton vor meiner Wohnungstür. Mir lächelte unter anderem ein Foto von mir selbst entgegen. „Dieser feige kleine...“, fluchte ich und stieß den Karton mit den Füßen in die Wohnung, fuhr wütend zum Bäcker und kochte mir anschließend erst einmal eine Tasse Tee. Der Geschmack von Zimt und Melisse zügelte meine Wut ein wenig.
Man konnte doch wirklich nur Mitleid mit diesem feigen, kleinen Würstchen haben! Scheinbar hatte er nicht einmal den Mumm gehabt, zu klingeln und mir die Sachen persönlich zurück zu geben. Nein, stattdessen durften meine Nachbarn gerne sehen, dass mich eine mittelgroße Krise überrollt hatte. Den ganzen Abend war ich zu Hause gewesen, hatte weder Musik gehört noch Fernsehen geguckt, denn davon wurde ich zu sentimental. Dass ich die Klingel nicht gehört hatte, war demnach auszuschließen. Dieses Weichei hatte es nicht fertig gebracht, mir persönlich gegenüber zu treten! Er hätte nicht einmal klingeln müssen, er hatte ja einen Schlüssel.
Eigentlich war es besser so. Ich wollte ihn nicht sehen. Wenn jemand geklingelt hätte, hätte ich wahrscheinlich eh so getan, als sei ich tot.
Diese Nacht hatte Viktor durch meine Träume gespukt. Im Traum hatte er mit mir Schluss gemacht. Es hatte sich schrecklich angefühlt. Im Traum hatte ich plötzlich zu mir gesagt: „Adrienne, der Traum ist Realität“. Zitternd war ich aufgewacht, um festzustellen, dass der Traum tatsächlich die grauenhafte Wirklichkeit war.
Viktors Schlüssel legte ich in die Schale auf die Kommode in der Diele, den Bilderrahmen verstaute ich in einer Schublade, mein Porträt verbrannte ich zusammen mit Liebesbriefen – ja, sogar die gab er mir zurück! - in kleinen Schnipseln. Warum hatte er mir nicht das Foto zurückgegeben, das ich auf eine Leinwand hatte drucken lassen? Aus diesem Kerl sollte mal jemand schlau werden! In Gedanken versunken fingerte ich an dem silbernen Ring, den ich noch nicht ablegen wollte. Von mir würde Viktor jedenfalls nichts zurückbekommen! So kleinkariert wie er war ich nicht!
Ich holte meine Yoga-Matte hervor, schaltete den DVD-Player ein und versuchte, meine innere Mitte zu finden. „Jeder Tag ist ein guter Tag!“, atmete ich.
Meine Mutter rief zweimal an. Das erste Mal erkundigte sie sich nach meinem Gefühlszustand. Das zweite Mal wollte sie wissen, ob die Buchung des Fluges auch wirklich von statten gegangen war.
Gérard fragte ebenfalls etwas später, ob alles mit meinen Flügen geklappt hatte und bot mir an, mich vom Flughafen abzuholen. Das Angebot lehnte ich ab, denn mit Kind und Kegel hatte er weitaus genügend Stress, um zu unseren Eltern zu fahren.
Michèle rief an, um mir einen schönen Nikolaus-Tag zu wünschen, sich zu informieren, ob die Geburtstagskarte angekommen war und um mich ein wenig zu trösten. Wie lieb von ihr. Nicht nur, dass ihre Karte mit dem Motiv eines Schmetterlings neben der einer weißen Comic-Karte, die Aurelie geschickt hatte, in der Küche an der Magnet-Wand hing, sondern auch, dass sie sich scheinbar um mich sorgte. Zwar sprach sie in keiner Silbe von Viktor, doch ich wusste, dass sie anrief, um mir zu zeigen, dass sie für mich da war. Sie würde mich an Gérards Stelle am Flughafen in Empfang nehmen.
Aurelie reagierte vollkommen anders. Sie schrieb mir eine Nachricht, dass ich nicht traurig sein sollte, sie würde so viele „heiße Kerle“ kennen und wenn ich wollte, würde sie etwas für mich arrangieren.
Kopfschüttelnd griff ich in die Schale auf der Kommode. Diese Familie war verrückt!
Ich entschied, shoppen zu fahren. Für Weihnachten brauchte ich etwas Neues zum Anziehen. An dem Bestand meines Kleiderschranks hatte ich mich satt gesehen. Außerdem fehlten auf meiner Weihnachtsliste noch ein paar Geschenke. Dummerweise hatte ich für Viktor bereits eine Geldbörse aus sehr teurem Leder gekauft. Da ich aber noch kein Geschenk für meinen Bruder besorgt hatte, entschied ich, das Portemonnaie einfach wieder aus dem roten Papier mit der Aufschrift Ich liebe dich auszuwickeln. Gérard war also abgehakt. Für seinen dreijährigen Sohn Etienne hatte ich vor einigen Wochen ein Feuerwehrauto mit lärmendem Blaulicht besorgt. Für meine Schwägerin hatte ich einen Schal erstanden. Mein Vater bekäme eine gute, alte Flasche Rotwein. Das edle Fotoalbum für Aurelie hatte ich bereits verpackt. Meine Schwester hatte hohe Ansprüche, was Fotoalben anging. Also hatte ich sie gefragt, was ihren Vorstellungen entspräche und schon Wochen im Voraus nach einem mit festen schwarzen Seiten gesucht. Aurelie hatte ihr eigenes Fotostudio und man konnte sie nur schwer von einem Paparazzi unterscheiden, wenn sie mit diesem überdimensionalen Gerät durch die Gegend lief.
Auf meiner Liste fehlten noch Maman und Michèle.
Ich mied alle Weihnachtsmärkte – jedenfalls so gut es ging. Wenn ich daran dachte, dass Viktor und ich letztes Jahr an meinem Geburtstag romantisch über den Weihnachtsmarkt auf dem Rudolfplatz flaniert waren, bekam ich Magenschmerzen.
Meine Lieblings-Boutiquen hatten sogar einige Teile reduziert, sodass ich einen weiteren Grund darin sah, ein ausgefallenes schwarzes Strickkleid, einen türkisfarbenen Rolli, eine glänzende Seidenbluse und diverse Kleinigkeiten zu kaufen.
Ich machte ein riesiges Schnäppchen beim Kauf einer Ledertasche, die fast fünfundsiebzig Prozent reduziert und damit so gut wie geschenkt war. Da meine Mutter schon länger von der Suche nach solch einem Modell gesprochen hatte, ging ich davon aus, dass diese ihr gefallen würde.
In einem Schmuck-Geschäft fand ich ein paar hübsche Ohrringe, die ich zu meinem neuen Kleid tragen wollte. Während ich bezahlte, lachte mich ein Armband mit einem Schmetterlings-Anhänger vom Verkaufstresen an, das wie gemacht war für Michèle.
Letztendlich kaufte ich noch ein Paar schwarze Stiefel, passend zum neuen Kleid.
Lediglich um mein liebstes Dessous-Geschäft machte ich einen weiten Bogen. Erstens: Meine Unterwäsche-Kommode quoll fast über. Zweitens: Ich war nun Single. War das ein Grund? Na, eigentlich nicht, aber irgendwie musste ich mir ja eine Ausrede zurecht legen, diesen Laden heute nicht zu betreten.
Die Einkaufstüten um mich herum verteilt, gönnte ich mir in einem gemütlichen Café einen fruchtigen Tee und blätterte in der neuen Cosmopolitan.
„Adrienne?“ Jemand machte neben meinem Tisch halt.
Als ich aufblickte, sah ich in Nikolais lächelndes Gesicht. „Oh! Hi!“, sagte ich, erhob mich von meinem Stuhl und umarmte ihn.
„Herzlichen Glückwunsch nachträglich.“ Er strich mir über den Rücken. „Louisa hat erzählt, ihr habt ein bisschen gefeiert.“
Ich versuchte es mit einem Lächeln, als ich nickend zustimmte. „Und, was machst du hier?“
In seinen Augenwinkeln bildeten sich kleine Fältchen, als er lächelte und auf die Einkaufstüte in seiner linken Hand deutete: „Weihnachtseinkäufe. Aber verrate mich nicht.“ Er zwinkerte mir zu.
„Ich kann schweigen wie ein Grab“, scherzte ich.
„Da bin ich erleichtert. So, ich muss jetzt weiter.“ Er legte mir eine Hand auf den Oberarm und verabschiedete sich. „Lexies Babysitterin hat heute nur kurz Zeit.“
Gab es solche perfekten Ehemänner und Väter wie Nikolai sonst noch irgendwo da draußen?
Bevor ich nach Hause fuhr, machte ich noch einen Zwischenstopp beim Friseur. Ich wollte mir etwas Gutes tun. Keinesfalls ein neuer Haarschnitt. Nein, ich beschloss, meine Haare richtig lang wachsen zu lassen! Ich hatte oft mit dem Gedanken gespielt, sie mir bis zum mittleren Rücken wachsen zu lassen, doch jedes Mal, wenn sie kurz unterhalb der Schulterblätter geendet waren, hatte ich sie schneiden lassen. Viktor fand sie dann immer „überlang“. Damit meiner künftigen Haarpracht nichts im Wege stünde, ließ ich mir eine Haarkur verpassen, entspannte bei einer Kopfmassage und ließ minimal die Spitzen kürzen.
„...I'm better off without you...“- Agnes
Zuhause hängte ich mir den Cosmopolitan-Männer-Kalender an den Kühlschrank. Bei dem Anblick dieser Männer-Körper musste ich ein wenig lächeln.
Ich schlüpfte in meine kuscheligen Wollsocken und den hellgrünen Nicki-Jogging-Anzug mit Kapuze und lackierte mir anschließend die Fingernägel. Mit einer riesigen Rolle Geschenkpapier bewaffnet – silber, ohne Herzchen! - machte ich mich ans Verpacken der Weihnachtsgeschenke.
Abends, mit einer Tasse Tee und einer Schale rohen Karotten, Gurken und Paprika auf einem bunten Sofakissen vor dem Kamin sitzend und in die Flammen starrend, dachte ich über Vicks und meine Beziehung nach. Richtig glücklich waren wir lange nicht mehr gewesen. Irgendwo hatten wir uns verloren. Es spielte keine Rolle, wann wir uns verloren hatten. Daran gab es nichts mehr zu ändern. Wahrscheinlich hatten wir nie wirklich zusammen gepasst. Ich las Liebesromane, er las Computer-Magazine. Ich machte mindestens dreimal die Woche Yoga oder Spinning, er ging hin und wieder abends joggen – wenn er Lust hatte und das Wetter gerade mit seiner Laune mithalten konnte. Ich hasste Unordnung, er kam nicht nur mit Chaos klar, sondern war auch meist dafür verantwortlich, dass welches entstand.
Entschlossen stand ich auf, lief zum Schreibtisch neben dem Fenster und suchte einen Block und einen Kulli heraus. Ich wollte alle Eigenschaften festhalten, die mir klar machen sollten, dass Vick nicht der Richtige für mich war. Nach Belieben würde ich sie erweitern können oder durchlesen, falls er wieder zu mir zurückkommen wollte. Davon ging ich allerdings weniger aus.
Also schrieb ich:
Warum Viktor der Falsche ist/war:
er hasste den Valentinstag („kommerzieller Feiertag“)
er war geizig (Benzinverbrauch, Eintrittspreise, Trinkgeld!)
er überraschte mich selten
er machte mir keine Komplimente
er war kein bisschen romantisch
er ging selten auf Dinge ein, die ich ihm erzählte
wenn wir neue Leute trafen, stellte er mich nicht als seine Freundin vor, sondern sagte einfach „das ist Adrienne“
er war eine Couch-Potato und wollte nie ausgehen
er war ein Mutter-Söhnchen
Zum Glück würde ich seiner Mutter nie wieder gegenüber treten müssen. Ein Übel weniger. Ich hatte sie nicht sonderlich gemocht, was vor allem auch daran lag, dass sie mich gefragt hatte, ob ich lesbisch sei, sobald Viktor ihr erzählt hatte, was ich beruflich mache. Zudem mochte ich es nicht, dass sie sich in seiner Gegenwart mir gegenüber schrecklich nett verhielt, mich eng in ihre Arme schloss und in den Momenten, wo er gerade nicht ganz Ohr war, Unverschämtheiten von sich gab. Angefangen bei meinen Schuhen, die sie mit dem Rotlicht-Milieu in Verbindung gebracht hatte, bis hin zu meinem Essen, das sie dafür verantwortlich machte, dass ihr „Junge“ schlecht aussah.
Ich steckte die Liste zu den anderen Dingen in die Kiste, die ich auf meinem Kleiderschrank verstaut hatte.
Auf einer Möhre kauend hockte ich mich vor das Feuer. Viktor war einfach nicht der Richtige gewesen. Aber irgendwo da draußen war er, der Richtige. Gerade jetzt war er irgendwo da draußen. Momentan kannten wir uns vielleicht noch nicht, doch irgendwann würden wir uns begegnen und für immer zusammen bleiben... Ich seufzte und starrte in die lodernden Flammen. Vielleicht war ich einfach zu unrealistisch, hoffnungslos romantisch...
Musik konnte ich immer noch nicht hören. Der Versuch im Auto war kläglich gescheitert. Alles erinnerte mich an Viktor.
Ich dachte an „Rhein in Flammen“, an das spektakuläre Feuerwerk. Es hatte geregnet, wir waren nass bis auf die Haut, aber das war egal gewesen. Wir waren zusammen gewesen. Hand in Hand waren wir über die Deutzer-Brücke spaziert, hatten uns die zahlreichen Schlösser an den Gittern angesehen, die verliebte Paare dort befestigt hatten. Ich hatte mir gewünscht, wir hätten es auch getan. Zwar hatte ich nie etwas gesagt, denn ich hatte Angst gehabt, er würde es als „Kitsch“ abstempeln, aber es wäre so schön symbolisch gewesen.
Der Mediapark hatte mich an unseren letzten Kino-Besuch erinnert. Allein der Anblick eines Saturn-Plakates hatte während meiner Shoppingtour feuchte Augen verursacht. Viktor hatte diesen Laden geliebt.
Ich entfernte das Pflaster von meiner rechten Handinnenfläche. Es hatte nicht mehr geblutet und schien gut zu verheilen.
Verliebte Paare auf dem Weg ins Kino zu sehen, war unerträglich gewesen. Das würde morgen sicherlich ein wunderschöner Arbeitstag werden – wo ich doch so selten mit Paaren zu tun hatte...
„... but sometimes it's a good hurt and it feels like I'm alive...“- Incubus
Tatsächlich fing der Tag nicht besonders gut an. Nicht nur, dass ich schon wieder von Viktor geträumt hatte… Nein! Über Nacht hatte es fünfzehn Zentimeter geschneit. Das Chaos nahm ich allerdings erst wahr, als ich das Haus verließ und feststellen musste, dass ich die falschen Schuhe trug. Um noch einmal andere anzuziehen, fehlte mir die Zeit, weil das einen kompletten Outfit-Wechsel mit sich gezogen hätte. Ich brauchte eine halbe Ewigkeit, bis ich den Audi im morgendlichen Straßenlaternenlicht enteist hatte und dem Wetter entsprechend länger, um zum Krankenhaus durchzukommen. Auf den Straßen herrschte Chaos. Wie kommt es eigentlich, dass die Leute bei Schnee von einer Sekunde auf die andere das Fahren verlernen?
In der Eingangshalle wäre ich beinahe ausgerutscht, denn ich suchte in meiner Handtasche nach meinem Terminplaner und meine Stiefel waren erstens voll Schnee, zweitens ohne Profil und fanden drittens kaum Halt auf dem gefliesten Boden des Foyers. Mein Herz setzte eine Sekunde aus, als ich den Boden unter den Füßen verlor und mich gedanklich schon auf allen Vieren liegen sah. In letzter Minute fing mich jemand auf, drückte mich fest an sich und brachte mich zurück in die Vertikale.
Graue Augen musterten mich, als ich mit pochendem Herzen aufblickte. Sie gehörten zu Tom, einem Kollegen aus der Kardiologie. Er stand unmittelbar vor mir. „Oh“, seufzte ich. „Nichts passiert.“ Schnell entfernte ich meine Hände von seiner harten Brust, die unter einer braunen Jacke steckte, und wich einige Zentimeter zurück. Ich blickte in sein Gesicht, während ich meinen Mantel glatt strich. Er sah wie immer perfekt aus mit seinem Dreitage-Bart und dem schelmischen Lächeln auf den Lippen. Der Kerl war einfach verblüffend und obendrein eine wandelnde Testosteron-Bombe. Er musste nur mit dem Finger schnipsen und hatte fünf Frauen an einer Hand. – So jedenfalls die Gerüchteküche.
„Da war ich wohl zur richtigen Zeit am richtigen Ort.“ Tom zwinkerte mir zu. „Man nennt mich auch `den weißen Engel´.“
Wenn der wüsste! Insgeheim nannten ihn alle „Dr. Knackarsch“. Jedenfalls hatte sich das Pseudonym bei Jennifer und mir eingeschlichen. In meinen ersten Wochen am Krankenhaus hatte ich bereits festgestellt, dass er eine Fan-Gemeinde besaß. Seine Wirkung auf Frauen war enorm. Ich fragte mich, ob ein Kardiologe überhaupt dermaßen gut aussehen durfte, dass man als Patientin Gefahr lief, einen Herzinfarkt zu bekommen, wenn er einen dazu aufforderte, sich bitte frei zu machen. Wahrscheinlich. Im Notfall könnte er ja eine Herz-Rhythmus-Massage einleiten... „Ein wahrer Lebensretter“, lächelte ich, streifte meine schwarzen Lederhandschuhe ab und schüttelte mich leicht, um den letzten Gedanken abzuschütteln. Contenance!
„Was hältst du von einem Kaffee?“
Die Handschuhe verstaute ich eilig in meiner Tasche. „Tut mir Leid, aber gerade ist es ganz schlecht. Ich bin viel zu spät dran.“ Ich blickte auf meine Armbanduhr und drückte mehrfach den Knopf des Aufzugs.
„Du vertröstest mich immer.“ Er sah mich geradewegs an, während er sich mit einer Schulter gegen die Wand sinken ließ und ein Bein anwinkelte.
Tatsächlich? Ich überlegte. Ja, er hatte mich schon einmal gefragt. Als ich die Stelle im Krankenhaus bekommen hatte, hatte er mich gleich in der ersten Woche auf einen Kaffee einladen wollen. Mir war direkt klar gewesen, dass er nicht die Sorte Mann war, die etwas anbrennen ließ. Welche Sorte man lehnte sich schon so gegen eine Wand und blickte einer Frau geradewegs in die Augen ohne dabei eine Miene zu verziehen? Er wusste genau, wie er auf Frauen wirkte. Und das konnte ich so gar nicht gebrauchen! Ich hatte schließlich Viktor!
„Irgendwann im Laufe der Woche mal?“ Er legte die Stirn in Falten und sah mich mit einem Hundeblick an. Na ja, wohl eher der Blick eines Welpen.
Oh ja, ich HATTE Viktor. „Aber ich trinke nur Tee“, entgegnete ich und ging rücklings auf den Fahrstuhl zu, dessen Türen sich soeben geöffnet hatten.
„Tee ist auch gut.“ Er hob lächelnd eine Hand. Schon schlossen sich die Türen.
„Oh Gott!“ Meine Hände schnellten an meine Wangen und ich schüttelte den Kopf. „Was habe ich getan?“
„Ein sehr attraktiver Mann, der Herr Doktor“, sagte plötzlich eine ältere Dame mit leicht bläulich schimmerndem Haar neben mir. Ich hatte sie überhaupt nicht bemerkt.
