Was knistert da? - Anna Heinichen - E-Book

Was knistert da? E-Book

Anna Heinichen

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Beschreibung

"Was knistert da? Eine Frau packt aus." ist eine Sammlung von Kurzgeschichten, deren Hauptcharaktere sich zum Teil auf dem gleichnamigen Blog von Anna Heinichen finden lassen und im Buch noch bisher unbekannte Wege gehen. Die Autorin möchte so eine Brücke zwischen dem schnelllebigen Bloggen und dem ausgedehnten Vergnügen des Bücherlesens schlagen und die Vorteile von Blog und Buch vereinen.

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Seitenzahl: 68

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Anna Heinichen (geb. Tietze) wurde am 8. Juli 1982 in Wernigerode/Harz in der ehemaligen DDR geboren. Sie studierte Diplompädagogik in Regensburg und Würzburg und machte anschließend eine Ausbildung zur Redakteurin bei der Goslarschen Zeitung. Heute arbeitet die zweifache Mutter als Pressereferentin und freie Journalistin in Goslar/Harz. Im April 2020 ging sie mit ihrem Blog „Was knistert da? Eine Frau packt aus.“ online. Neben Kurzgeschichten veröffentlicht sie auch alltägliche Beiträge aus dem Leben einer berufstätigen Frau und Mutter.

Lass dich nicht durch Dinge, die du nicht tun kannst, von dem abhalten, was du tun kannst.

Inhalt

Heimatliebe

Der Lieblingsduft

Fernweh

Endlich frei

Auf dem Weg

Geheimnisse des Winters

Bilderverzeichnis

Seite → Teufelsmauer Thale

Seite → Abzucht/Goslar

Seite → Pullman City Harz

Seiten →, →, →, → Märchenpark Salzwedel

Seite → Bad Ischl/Österreich

Seite → Kräuterpark/Altenau

Seite → Kaiserturm/Wernigerode

© photos by Anna Heinichen

Heimatliebe

Kaum ein Tag verging, an dem Larissa nicht darüber nachdachte, ob es ein Fehler wäre. Vielleicht sogar einer ihrer größten. Sie wollte gehen und würde all jene zurücklassen, die sie über so viele Jahre hinweg begleitet und unterstützt hatten. So vielen Menschen musste sie dankbar sein und das war sie auch. Aber nun war es an der Zeit zurückzukehren. Zurück in die so verhasste Heimat, die sie dennoch nie vergessen konnte.

Und Marcel? Er konnte nicht mit. Er sollte nicht mit. Er gehörte nicht zu ihrer Heimat und ihrem früheren Leben. Er war der erste Mensch, den sie bei ihrer Ankunft in Paris kennengelernt hatte. Bei ihm war sie gestrandet. Er hatte sie aufgenommen, als sie ohne Bleibe war. Als sie nur Treibholz war. Dies hatte ihn für einige Jahre zu ihrem sicheren Hafen gemacht. Er unterstützte sie beim Aufbau ihres eigenen Ladens. Liebte sie täglich bedingungslos. Aber ein Heimatgefühl kam nie auf. Etwas fehlte. Oder jemand?

„Ich weiß einfach nicht, wohin mit mir. Ich spüre mich nicht. Es ist fast so, als hätte ich die Verbindung zu mir selbst verloren. Es klingt so absurd, aber ich glaube fast vergessen zu haben, wer ich eigentlich bin“, vertraute sie sich ihrer Freundin Adeline an.

Adeline war gerade 40 geworden und hatte sich von ihrem Freund getrennt. Was allerdings nichts bedeuten musste, da sich Adeline und Marco ständig trennten. Sie verließ ihn. Er verließ sie. Sie kam zurück. Er kam zurück. Die beiden kamen trotz aller Schwierigkeiten nicht voneinander los.

Rückblick

Adeline und Larissa hatten sich vor Jahren in genau solch einer Trennungszeit in einem Pariser Café kennengelernt. Larissa blätterte gelangweilt in einer Modezeitschrift, um sich die Zeit zu vertreiben, bis Marcel mit der Arbeit fertig war, als eine junge Frau am Nebentisch mit dem Messer immer wieder auf ein Croissant einstach. Während sie dies tat, murmelte sie unverständlich vor sich hin. Doch der Ton ihrer Stimme ließ Larissa ahnen, dass es keine netten Worte waren.

Eine ganze Weile versuchte Larissa, das Treiben am Nebentisch zu ignorieren, doch schließlich hielt sie es nicht mehr aus und drehte sich um.

„Ich denke, das Croissant hat jetzt genug. Es zuckt ja schon nicht mehr“, scherzte Larissa und lächelte.

Verdutzt blickte Adeline auf und die beiden Frauen sahen sich still an. Es war ein zauberhafter Moment, in dem das Universum wohl zwei Seelen vereinte, die einander helfen und ergänzen sollten. Zumindest kam es einem so vor.

Von diesem Moment an gab es kein Geheimnis, kein Erlebnis und keinen Traum, den sich die beiden Frauen nicht anvertrauten. Jeder noch so schmutzige Gedanke wurde geteilt. Jedes noch so verrückte Vorhaben gemeinsam geplant.

Aus Larissa und Marcel wurden Larissa, Adeline, Marco und Marcel. Die Vier taten sich gut. Die Häufigkeit der Auszeiten von Adeline und Marco nahm deutlich ab. Die Wirkung der Viererkonstellation auf die Beziehung von Larissa und Marcel war dagegen weniger offensichtlich. Adeline wurde im Laufe der Jahre zu einer wirklich wichtigen Vertrauten für Larissa. Endlich konnte Larissa auch über Dinge sprechen, die nichts für Marcel waren. Geheime Wünsche und Sehnsüchte. Adeline hörte zu und verstand.

Doch dauerhaft half das bloße Reden über unerfüllte Wünsche und verborgene Sehnsüchte auch nicht.

Zurück in der Gegenwart

„Adeline, bitte hilf mir. Sag doch was“, bettelte Larissa.

„Ich kann dich gut verstehen“, antwortete Adeline.

„Aber?“, fragte Larissa und fühlte, wie sich ihr der Hals zuschnürte. Sie ahnte, was Adeline nun sagen würde.

„Helfen kann ich dir nicht, Süße. Das kannst du nur selbst. Ich fürchte, wir sind an eine Grenze gestoßen, an der wir uns nicht noch mehr zu geben haben.“

„Adeline, was sagst du denn da? Das hört sich an, als würdest du mit mir Schluss machen wollen.“

Adeline musste lachen.

„Ach Süße, das würde ich niemals. Du bist auf ewig mein Lieblingsmensch. Aber sieh mal“, Adeline griff nach Larissas Hand und umschloss sie mit beiden Händen „ich fühle mich doch ganz ähnlich. Schon immer eigentlich. Aber ich bin schwach.“

„Auf keinen Fall bist du das. Ich kenne keine stärkere Frau als dich“, fiel Larissa ihr ins Wort.

„Süße, ich schon. Aber lass mich ausreden, bitte“, lächelte Adeline. Larissa nickte und biss sich vor Spannung auf die Lippen.

„Seit Jahren will ich von Marco weg, weil es in mir brodelt. Mein Verlangen nach mehr ist groß, aber die Angst vor Veränderung ist größer. Ich schaffe es nie, alles hinter mir zu lassen. Jedes Mal lässt mich der Mut im Stich. Aber du, du kannst es schaffen. Du bist voller Energie, hast solch eine Stärke in dir. Folge deiner Sehnsucht und lass zurück, was dich aufhält.“

Larissa sah ihre Freundin an und musste lächeln, obwohl sie unendlich traurig war.

„Du bist phänomenal, Adeline.“

„Das gefällt mir“, antwortete Adeline „und wenn du dich wieder ganz gefunden hast, dann kommst du mich holen und hilfst mir. Einverstanden?“

„Einverstanden.“

Larissa tat, was Adeline ihr geraten hatte. Sie ließ liegen, was sie aufhielt. Sie packte ihre Koffer. Alles Flehen und Betteln von Marcel nützte nichts. Larissa wollte und musste gehen.

„Marcel, bitte. Ich kann nicht anders. Ich gehöre hier nicht mehr her“, sagte sie.

„Nach Paris oder zu mir?“, fragte Marcel. Seine Augen sprühten vor Wut. Der Ärger über Larissas Entscheidung überdeckte die tiefe Trauer, die er empfand.

Immer wieder hatte er sich bemüht, Larissa alles recht zu machen. Sich bemüht, ihr jeden Wunsch zu erfüllen und sich jede Kritik zu Herzen genommen. Wie oft hatte er versucht, sein Verhalten zu ändern, an dem sich Larissa immer wieder gestört hatte. Seine schlechten Angewohnheiten, wie sie es nannte, abzulegen.

So hatte er aufgegeben, Zigaretten zu Rauchen. Für sie. Hatte aufgegeben, Bier zu trinken, stattdessen nur noch Wein. Für sie. Weil sie den Geruch von Bier nicht ertrug. Sogar von seinem geliebten Vollbart hatte er sich getrennt. Für sie, weil er ihr so kratzte. Und nun ließ sie ihn im Stich. Nach all den Jahren.

„Nach Paris und zu dir. Es tut mir leid, wenn es dich verletzt.“

„Wenn?“

„Dass es dich verletzt. Ich kann einfach nicht anders. So, wie es jetzt in mir aussieht und wie ich mich fühle, werde ich nie die Frau für dich sein, die du brauchst.“

Marcel sah Larissa schweigend an und steckte die Hände in die Hosentaschen. Auch eine dieser Angewohnheiten, die sie so abstoßend fand.

„Und wenn du mal ganz ehrlich bist, dann weißt du das auch.“

Langsam ging Marcel auf Larissa zu, nahm sie in die Arme und gab ihr einen Kuss auf die Stirn. Er war traurig, so unendlich traurig, dass er nicht mehr wütend sein konnte. Obgleich er tatsächlich wusste, dass sie recht hatte, behielt er die Hoffnung auf ein Wiedersehen.

„Dann geh und finde dich. Vielleicht finden wir uns dann auch wieder“, sagte er und ließ sie gehen.

In Deutschland

Viel Zeit war vergangen, als sie sich das letzte Mal gesehen hatten. Sich den letzten Kuss gegeben hatten, um einander nicht allzu schnell zu vergessen.

Larissa wurde heiß und kalt als sie an Marcel dachte. „Was er wohl gerade machte?“