Was kümmert mich Marie? - Anna Terris - E-Book

Was kümmert mich Marie? E-Book

Anna Terris

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Beschreibung

Das Geheimnis eines Tagebuchs. Irma verfügt eigentlich nicht über besondere telepathische oder übersinnliche Fähigkeiten. Doch neuerdings hat sie seltsame Träume, die alle mit dem Leben einer im Koma liegenden Frau zusammenhängen: Marie. Deren Tagebuch verübt eine derart starke Anziehung auf sie, dass sie es unbedingt in ihren Besitz bringen muss. Dabei lernt sie zufällig auch Pierre kennen, den charismatischen Freund der Patientin, der sie bittet, ihm bei einem fragwürdigen Vorhaben zu helfen: Er will versuchen, Maries Seele dazu zu überreden, wieder in ihren Körper zurückzukehren. Nur dumm, dass Irma sich dabei in Pierre verliebt! Es geht um die Liebe, es geht um den Tod, aber vor allem geht es um das Leben! "Eine ungewöhnliche Liebesgeschichte zwischen den Welten. Spannend, witzig, tiefgründig."

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 110

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Anna Terris

Was kümmert mich Marie?

Kurzroman

© 2021 Anna Terris

Verlag und Druck:

tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN

 

Paperback:

978-3-347-33813-5

Hardcover:

978-3-347-33814-2

e-Book:

978-3-347-33815-9

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Für Claudi

Ich will barfuß über Blumenwiesen gehen. Ich will dich, den Sinn des Lebens und mich selbst besser verstehen.

Und vor allem will ich leben, und zwar nicht gestern oder eben, sondern jetzt!

1

Irma erwachte aus ihrem Traum. Sie brauchte einen kurzen Moment, um sich zu orientieren, dann fing ihr Magen an sich zu verkrampfen und die Wut stieg langsam vom Bauch an aufwärts. Immer höher und höher, bis in ihren Kopf, wo sie zu explodieren drohte. Mit geballten Fäusten setzte sie sich auf und unterdrückte mit Mühe einen lauten Frustschrei. Die Wände waren hier sehr hellhörig…

Immer langsam mit den jungen Pferden!, meldete sich ihr Unterbewusstsein. Es war doch nur ein Traum!

»Na und?« Hier in ihren eigenen vier Wänden hatte sie überhaupt kein Problem damit, mit sich selbst zu reden. »Es war ja nicht der Erste dieser Art. Jede Nacht der gleiche Scheiß! Langsam reicht es mir! Wer ist denn nun diese seltsame Frau, die dort im Koma liegt? Ich kann ja nie erkennen, wie sie aussieht, mit dem blöden Verband um den Kopf. Was hat sie denn mit mir zu tun? Heute habe ich sogar die Zimmernummer an der Tür gesehen. Ich weiß genau, in welchem Krankenhaus das ist. Direkt hier um die Ecke.« Mit dem Zeigefinger deutete sie aufgeregt in die Richtung, in der das Krankenhaus lag.

Na dann geh doch hin und frag nach ihr, wenn du dich traust! Ihr Unterbewusstsein grinste hämisch. Vielleicht findest du ja dort auch das geheimnisvolle Tagebuch, das dich im Traum immer so magisch anzieht. Du wirst dich so was von blamieren!

Dieses dämliche Unterbewusstsein. Traf immer genau ihren wunden Punkt. Sie hatte eine Heidenangst davor, in peinliche Situationen zu geraten oder bloßgestellt zu werden, besonders weil sie sich sowieso nie wirklich irgendwo zugehörig fühlte. Vielleicht war sie ja ein wenig seltsam, eine Außenseiterin in einer Gesellschaft von konformistischen Egoisten, die ihr, ehrlich gesagt, bis auf einige wenige Ausnahmen, sämtlich am Arsch vorbei gingen. Aber diese unverschämte Stimme ihres Unterbewusstseins war die einzige, bei der sie sich mal traute, Kontra zu geben. Ansonsten achtete sie immer peinlich darauf, nicht aus der Reihe zu fallen.

Sie schloss die Augen und begann ungewollt, sich die Situation auszumalen: Die Empfangsdame, die ihr mitteilte, sie könne ihr leider keine Informationen über die Patientin in Zimmer 11 der Intensivstation geben, wenn sie keine Angehörige sei. Der Arzt, der sie bei der Beschreibung der Frau irritiert anschaute, als wolle er sie fragen, ob sie noch alle Tassen im Schrank habe. Die Schwester, die sie entnervt abwies, weil sie wichtigeres zu tun hatte, als nach einem Tagebuch zu suchen.

Schließlich seufzte sie und fasste einen Entschluss.

»Und wenn schon«, murmelte sie. »Sollen sie doch alle einmal herzlich über mich lachen. Vielleicht finde ich ja wenigstens heraus, ob es eine solche Patientin überhaupt gibt.«

Entschlossen stand sie auf und zog sich an. Unangenehme Dinge sollte man nie vor sich herschieben.

Im Krankenhaus ging sie, einer spontanen Eingebung folgend, zielstrebig am Empfangsbereich vorbei. Den Teil der Blamage konnte sie sich zumindest ersparen.

Wo ungefähr die Intensivstation lag, wusste sie zum Glück. Ein großer Plan an der Wand im Foyer bestätigte ihre Vermutung. In Gedanken versunken legte sie den Weg durch die Flure zurück. Plötzlich stand sie vor einer verschlossenen Tür mit der Aufschrift:

›Intensivmedizin. Bitte klingeln

Wie sollte sie jetzt weiter vorgehen? Dafür hatte sie sich keinen Plan gemacht.

Einen automatischen Türöffner gab es nur von innen. Eine Weile stand sie unschlüssig vor der Tür, dann hörte sie Geräusche aus dem Flur hinter sich. Sie wurden lauter und ein Krankenbett bog in ihre Richtung in den Gang ein. Das Bett war umrahmt von einem halben Dutzend in Weiß und Grün gekleideter Personen, die in schnellem Wechsel Fachbegriffe austauschten und sich abwechselnd über den Patienten beugten, um irgendetwas zu kontrollieren. Einer von ihnen hatte augenscheinlich einen Türöffner bei sich, denn die breite automatische Tür öffnete sich genau im richtigen Moment, sodass die Truppe ohne Verzögerung passieren konnte. Irma hatten sie im Eifer des Gefechts überhaupt nicht beachtet.

Noch bevor ihr wirklich klar wurde, was sie gerade tat, huschte sie aus einem Impuls heraus schnell mit durch die Tür und drückte sich in der nächsten Ecke an die Wand. Adrenalin schoss durch ihre Blutbahn. Dieses Gefühl hatte sie nicht mehr gehabt, seit sie als Jugendliche mit einer Freundin in einem fremden Garten Kirschen geklaut hatte.

Darüber müsste man einen Film drehen! Ihr Unterbewusstsein fühlte sich prächtig unterhalten.

Geistig verwirrte Mittdreißigerin schleicht sich auf die Intensivstation, um an ein imaginäres Tagebuch einer nicht existierenden Patientin zu kommen!

»Sehr witzig! Hilf mir lieber, statt mich zu verunsichern!«, zischte Irma zwischen den Zähnen.

Okay, dann solltest du dir vielleicht jetzt ein Versteck suchen, wenn du nicht sofort wieder rausgeschmissen werden willst.

Im gleichen Moment ging ein paar Meter vor ihr eine Tür auf. Irma schaute sich um und scannte ihre Umgebung. Sie befand sich wohl in einer Art Schleuse zwischen Normal- und Intensivstation. Blitzschnell verkroch sie sich zwischen ein paar Mänteln, die an einer Kleiderstange hingen, wo die Besucher sie gegen keimfreie Kittel tauschen konnten.

Aus dem Zimmer vor ihr kam ein junger Mann in gebeugter Körperhaltung herausgeschlichen. Seine schulterlangen braunen Haare waren im Nacken zu einem Zopf gebunden. Für einen kurzen Moment konnte sie sein Gesicht erkennen. Er hatte Tränen in den Augen. Seine großen, dunklen Pupillen glänzten und spiegelten das kalte Neonlicht des Krankenhausflurs wider. Es lag so unglaublich viel Liebe und Wärme darin, dass ihr ein wohliger Schauer über den Rücken lief. Ein kalter Luftzug holte sie aus ihren Gedanken zurück und ließ sie frösteln.

Seltsamerweise trug er weder Kittel noch Mundschutz, was ihr jetzt sehr zu Gute kam, sonst hätte er sie beim Umziehen mit Sicherheit entdeckt. So lief er einfach weiter, betätigte den Schalter und verschwand durch die sich automatisch öffnende Tür.

Irma hatte die Luft angehalten, nun ließ sie sie geräuschvoll entweichen. Das war knapp. Was jetzt?

Leise kroch sie wieder zwischen den Mänteln hervor und schaute sich um. Am unauffälligsten wäre mit Sicherheit, sich als Arzt oder als Besucher auszugeben. Kurzentschlossen nahm sie sich einen von den frisch gewaschenen Kitteln von der Wand und einen Mundschutz aus dem Regal, zog beides hastig über und lief den Gang hinunter, auf die Tür zu, aus welcher der junge Mann gerade herausgekommen war. Nummer 11. Bingo! Leise öffnete sie die Tür und trat ein. Drinnen pumpte ein Beatmungsapparat immer im selben Rhythmus. Ein fast beruhigendes Geräusch. Eilig desinfizierte sie sich an dem an der Wand aufgehängten Spender die Hände.

Fasziniert näherte sie sich langsam dem Krankenbett, bis sie ganz dicht danebenstand. Die Patientin sah genau so aus, wie die aus ihrem Traum. Das Gesicht konnte man aufgrund des großzügigen Verbandes nicht erkennen, aber sie war sich hundertprozentig sicher. Das war dieselbe Frau. Sie faszinierte sie auf seltsame Art und Weise. Von ihr ging eine ganz eigentümliche Ausstrahlung aus, fast ein Sog, der sie anzuziehen schien. Genau wie in ihrem Traum! Nachdem sie eine ganze Weile verblüfft neben dem Bett gestanden und die komatöse Frau angestarrt hatte, holte ein Geräusch sie aus ihrer Versenkung. Draußen auf dem Flur unterhielten sich Leute. Doch sie gingen vorbei. Irma ließ den Blick durch das Zimmer wandern. Auf dem Nachttisch, der etwas abseits vom Bett stand, lag neben einer Handtasche auch ein aufgeschlagenes Buch. Das Tagebuch! Sie schien tatsächlich so etwas wie eine Vision gehabt zu haben. Ungläubig und fast ehrfürchtig nahm sie das kleine Büchlein in die Hand. Es war handgeschrieben, wie das aus ihren Träumen. Sie musste es unbedingt mitnehmen, so viel stand für sie fest. Komme, was wolle.

Kurzerhand steckte sie es in die Handtasche, die sie sich mit einer schwungvollen Bewegung über die Schulter hängte, machte auf dem Absatz kehrt und verließ fast fluchtartig das Zimmer.

Bist du von allen guten Geistern verlassen? Das ist Diebstahl!

Als ihr bewusst wurde, was sie getan hatte, befand sie sich schon wieder auf der Straße vor dem Krankenhaus. Ihr Unterbewusstsein hatte Recht. Was hatte sie sich bloß dabei gedacht? Es war fast wie ein Reflex gewesen, gegen den sie nichts tun konnte. Panikartig versuchte sie nachzudenken: Sie machte sich strafbar, hatte die Sachen gestohlen. Vielleicht könnte sie ja jetzt noch zurückgehen, die Handtasche samt Buch zurückbringen und den Sachverhalt aufklären.

Was gibt es denn da aufzuklären? Am besten erzählst du ihnen noch die Geschichte von deinen mysteriösen Träumen. Dann weisen sie dich sicherlich direkt ein!

Nein, dann doch lieber unbemerkt zurücklegen und abhauen. Und wenn sie erwischt würde? Wenn der gutaussehende Mann zurückkäme und sie dabei überraschte?

Tausend Gedanken flogen ihr gleichzeitig durch den Kopf. Vielleicht befand sich in der Tasche ja ein Hinweis auf die Identität der Kranken. Damit könnte sie den Angehörigen die Sachen zukommen lassen. Anonym.

Unterdessen hatten sie ihre Beine immer weiterlaufen lassen, und während sie noch hin und her überlegte, war sie unbemerkt zu Hause angekommen, steckte wie automatisiert den Schlüssel ins Schloss und öffnete ihre Wohnungstür. Das alte Ding schleifte so laut über den Dielenboden, dass es das ganze Viertel hören musste! Morgen ruf ich den Hausmeister an, dachte sie und ließ sich auf ihr Sofa fallen.

Ein Blick in die Tasche konnte auf keinen Fall schaden. Jetzt, da sie sie schon mit nach Hause genommen hatte… Es war eine große Umhängetasche aus militärgrünem, grobem Leinenstoff. Sorgfältig räumte sie alles aus und legte jeden Gegenstand einzeln neben sich auf das Sofa. Es war nichts auffälliges dabei. Im Gegenteil, der Inhalt reduzierte sich auf genau die Sachen, die sie auch selbst in ihrer Handtasche hatte, wenn sie denn überhaupt eine bei sich trug. Eigentlich mochte sie Handtaschen nicht, fand sie furchtbar lästig und außerdem meist hässlich. In der Regel steckte sie sich einfach ein wenig loses Geld in die Hosentasche, ihr Handy in die andere und im Winter zusätzlich ein paar Taschentücher in die Jackentasche, fertig. Man war beweglicher, hatte beide Hände frei und kam sich nicht vor wie eins von diesen Mode-Püppchen, die die Designer-Beutelchen zu Hause sammelten und am besten noch nach Farben sortierten. Wozu in aller Welt brauchte man mehr als eine Handtasche? Manchmal kam sie sich vor wie ein Mann im falschen Körper - als hätte die Natur bei ihr ein paar Gene vertauscht. Schon als Kind war sie leidenschaftlich gern auf Bäume geklettert, hatte sich mit den Jungs gerauft und war nicht selten mit aufgeschürften Knien nach Hause gekommen. Sie interessierte sich für Autos und Motorräder, hatte keine Probleme damit, einen Reifen zu wechseln oder einen Lichtschalter anzubringen und konnte einigermaßen zügig rückwärts einparken.

Kein Portemonnaie. Kein Personalausweis. Kein Führerschein. Mist.

Ein bisschen loses Geld in der Innentasche, das war´s. Irmas Blick fiel auf das Buch, das sie sorgfältig auf das Sofa gelegt hatte. Es war wohl wirklich ein Tagebuch. Der Einband war aus dunkelblauem Leinen, doch es wies keine Gebrauchsspuren auf, wie einige der alten gebundenen Klassiker-Exemplare, die ihr Bücherregal zierten. Sie drehte das Buch und betrachtete es von allen Seiten. Einen Titel gab es auch nicht. Neugierig schlug sie es auf und blätterte durch die handbeschriebenen Seiten. Die Schrift war ausgefallen, weder groß noch klein. Sie hatte einen schönen Schwung, der relativ gerade war und die Buchstaben waren nicht zur Seite geneigt. Sie ähnelte ihrer eigenen.

Samstag. Ich bin verrückt. Ich rede mit mir selbst, führe ausgefeilte Monologe, erkläre fiktiven Zuhörern meine Einstellung zu diesem und jenem, stelle mir vor, wie sie mich bewundernd anschauen ob meiner Eloquenz… Nur Verrückte reden mit sich selbst! Manchmal werde ich von jemandem erwischt und tue schnell so, als würde ich telefonieren…

Auch dieses Tagebuchführen ist nicht normal. Normale Menschen teilen ihre Gedanken anderen mit. Wenn es zu persönlich wird oder Probleme gibt, dann dem Psychologen. Aber doch bitte nicht dem Tagebuch! In Tagebücher schreiben philosophisch veranlagte Menschen, die durch höhere geistige Sphären wandeln und ihre wertvollen Erkenntnisse für die Nachwelt festhalten wollen. Nicht auszudenken, wenn meine Hinterbliebenen nach meinem Ableben diese Zeilen läsen. Mein Image wäre für immer ruiniert! Sie würden sich schämen, mich gekannt zu haben. Ich werde einen Vermerk auf den Umschlag machen: Bitte nach meinem Tod ungeöffnet verbrennen. Andererseits: Was juckt es mich, wenn irgendjemand nach meinem Tod schlecht von mir denkt oder Witze über mich macht? Sollen sie ruhig auf meine Kosten ihren Spaß haben. Dann hätte mein Leben wenigstens einem Zweck gedient: Andere zu belustigen.

Im Grunde bewundere ich das Selbstbewusstsein Anderer. Denen ist es egal, was andere über sie denken. Was stört es den Baum, wenn ein Schwein sich an ihm scheuert? Ich versuche mir einzureden, ich sei auch `aus diesem Holz gemacht´, stelle mich nach außen so dar, aber in der Realität sieht es ganz anders aus. Ich bemühe mich, es den Menschen recht zu machen, mich anzupassen. Ändere