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Das Erzähldebüt von Timo Kölling. "Dreißig": Johannes, der an seinem dreißigsten Geburtstag alleine sein möchte und einen Entschluss fasst. "Nullpunkt": Philipp, der seit drei Monaten kein Wort gesprochen hat und eines Morgens das Elternhaus verlässt, um in eine andere Stadt zu gehen. "Schwarzmetall": Arne, der in seiner Jugend Black Metal hörte und feststellen muss, dass er nur an der Oberfläche ein anderer Mensch geworden ist. "Das neue Leben": Konrad, der bald sterben wird und sich entschließt, in ein geheimnisvolles Lager zu gehen. Vier Geschichten, in denen Menschen an einer Schwelle des Lebens stehen, mit deren Überschreiten sich alles verwandeln wird.
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Seitenzahl: 107
Veröffentlichungsjahr: 2019
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DREISSIG
NULLPUNKT
SCHWARZMETALL
DAS NEUE LEBEN
»Ich möchte nicht, dass das so ist.«
Das Kind hatte sich von der Hand der Mutter gelöst, ohne sich direkt loszureißen, und war einige Meter vorausgelaufen. Dann sprach es seinen Satz. Es sprach ihn deutlich, laut, fest, ohne zu schreien. Es sprach ihn ohne einen Ton des Jammerns oder, wie es bei Johannes daheim immer geheißen hatte, des »Beleidigtseins«. Eine wie bereits bewältigte Trauer lag darin, die trotzdem dauern würde, lange, und sich nicht abfinden würde mit Erklärungen, geschweige denn Vertröstungen.
Es war die Trauer.
Was hieß aber, angesichts der Unversöhnlichkeit, um die es sich offenbar handelte, das Wort »bewältigt«? Johannes wunderte sich, dass es ihm im Zusammenhang mit dem Kind eingefallen war. Gewiss hatte er nicht nur Eigenes in seine Wahrnehmung hineingelegt (was aber egal gewesen wäre, da sich diese Dinge, das Eigene und das Wahre, ohnehin nicht voneinander unterscheiden ließen). Jetzt stand das Kind da und wandte sich um wie träumend, nachdem es für einige Augenblicke auf die zwischen zwei Häusern sich öffnende Fläche geblickt hatte. Unkraut wucherte dort, eingefasst von höherem Gestrüpp, hinter welchem der Wald anfing, unansehnliche Buchen mit hohen, kahlen Stämmen. Das Kind tat einen Schritt auf die Mutter zu, blieb wieder stehen. Nur an der langen, dunklen Haarsträhne, die unter der bunten Strickmütze hervorschaute und ins Gesicht fiel, war zu erkennen, dass es sich um ein Mädchen handelte; der rote Anorak, die blaue Hose, die braunen Winterschuhe hätten auch von einem Jungen getragen werden können.
Erst jetzt hatte Johannes, der zügig gegangen war, seinen Schritt aber verlangsamt hatte, als aus der Mütze vor ihm der Satz gekommen war, die Mutter eingeholt. Von der Seite sah er ihren finsteren, weder auf ihn, dessen Herankommen sie gehört haben musste, noch auf das Kind gerichteten Blick; er wusste gleich, dass es der Satz des Mädchens gewesen war, was das Gesicht der Mutter so finster gemacht hatte. Ihre Arme hingen so schlaff herab wie ihre Mundwinkel; kurz und hilflos zuckten die Schultern.
Johannes grüßte nicht, dabei grüßte er sonst immer.
Er hatte sich das Grüßen noch immer nicht abgewöhnt, obwohl es hier selten erwidert wurde. Wie oft hatte er sich schon mit Clara gestritten, wenn er sich wieder einmal über einen Grußlosen, Grußunwilligen, Grußunfähigen ärgerte. Denen schnitt er gerne Grimassen, oder er wiederholte sein »Guten Tag«, so dass es aggressiv klang, ein Vorwurf. Manchmal, wenn das Exemplar ihm besonders widerwärtig vorkam, rief er ihm ein Schimpfwort nach. Nun war er selbst solch ein Grußloser (die Frau grüßte freilich ebenfalls nicht) und beschleunigte seinen Schritt wieder, ohne herausgefunden zu haben, was für den Satz des Kindes der Anlass gewesen war. Er wollte nicht neugierig wirken und hatte schon etwas zu lange, etwas zu auffällig die Szene beobachtet.
Auch würde sich jetzt nichts mehr tun. Das Kind blieb für sich, die Mutter blieb für sich; undenkbar, dass zwischen ihnen jetzt eine tröstende Berührung stattfände oder auch nur ein weiteres Wort gewechselt würde. Die Straße machte eine Rechtskurve; bald fing, hinter einer alten, schäbigen Schranke aus Metall, der die Siedlung säumende Waldweg an.
Es war Mitte Januar. Noch immer hatte es keinen Schnee gegeben, auch wenn es jetzt kalt genug dafür war. Ja, heute roch es nach Schnee. Ein Mann kam aus dem Wald und verzog nur den Mund, als Johannes »Guten Tag« sagte.
»Maul auf, Arschloch!«
Mit Clara hätte es jetzt Streit gegeben, das war klar. »Lass die Leute in Ruhe!«, hätte sie in ihn angeschrien, und dann vielleicht belehrend hinzugefügt: »Jeder lebt heutzutage in seiner eigenen Welt, hat seine eigenen Probleme«.
Er zog eine Grimasse, die ihr galt, der klugen, emsigen Clara, die jünger war als er, aber ihr Studium bereits abgeschlossen hatte. Jetzt arbeitete sie für eine Zeitung und war stolz darauf, als wäre es etwas besonderes, blöde Artikel über lächerliche Theatervorstellungen, alberne Musikkonzerte und schlecht besuchte Lesungen von selbstverliebten Buchautoren zu verfassen. Es war die Hampelmannwelt, Clara fühlte sich darin wohl.
Blöde Clara, dachte er jetzt und kicherte. Lächerliche Clara. Wie albern du aussiehst, wenn du glaubst, dich schick gemacht zu haben mit deinem blöden blauen Jäckchen zum blauen Rock. Höhnisch wiederholte er in Gedanken das Wort »schick«.
Gewiss hatte sie bereits mehrfach versucht, ihn anzurufen. Heute, an seinem Geburtstag. Dreißig. Versucht, ihn anzurufen, obwohl er ihr deutlich gesagt hatte, dass er an diesem Tag allein sein und niemanden sprechen und auf keinen Fall angerufen werden wollte. Auch die anderen würden längst versucht haben, ihn anzurufen. Die Großmutter.
Warum hatte er das Handy nicht zuhause gelassen?
Es steckte, auf stumm geschaltet, in der Jackentasche. Johannes spürte einen leichten Würgereiz, der vielleicht nur eingebildet war, aber er wollte ihn sich einbilden. »Bald bist du dreißig und hast es zu nichts gebracht«, hatte die Großmutter einmal gesagt. Da war er erst siebenundzwanzig gewesen und hatte Clara noch nicht gekannt. Vielleicht ist er schwul, hatten damals alle gedacht, und als die Schwester (die es Johannes gleich weitererzählte) die Großmutter fragte, ob sie fände, das sei schlimm, hatte die alte Kuh bloß genickt und ein betroffenes Gesicht gemacht.
Es gab Tage, an denen fand er Clara abstoßend. Nie würde er mit ihr zusammenleben können. Er war froh, hier am äußersten Stadtrand in seiner schmutzigen, aber billigen Wohnung zu hausen, während Clara Wert darauf legte, ein kleineres, aber ordentliches (wie sie es nannte) Zimmer in der Altstadt zu haben. Sein nutzloses Philosophiestudium, das entschied Johannes jetzt, würde er abbrechen. War es eine Entscheidung? Nein, er wusste es einfach.
Es war höchste Zeit. Arbeiten gehen, etwas möglichst einfaches. Auf alle und alles scheißen.
Er nahm das Handy aus seiner Jacke. Siebzehn Anrufe in Abwesenheit, und eine SMS von Clara: »Nimm endlich ab, Blödmann!« Das Blut schoss Johannes in den Kopf. Er schaltete das Gerät aus und warf es in hohem Bogen in einen schlammigen und, wie er vermutete, recht tiefen Tümpel. Das Plumpsgeräusch hatte er sich lauter gewünscht, aber es befriedigte ihn auch so.
Ein Handy brauchte er jetzt nicht mehr; es war egal. Ein neues Leben hatte begonnen.
Niemandes Hampelmann mehr sein. Der Auszug aus der Hampelmannwelt. Johannes lachte.
Wie egal alles war. Gerade noch hatte er geglaubt, vor Zorn platzen, vor Ekel ersticken zu müssen, jetzt freute er sich, allein zu sein und nichts zu tun, als hier zu gehen (auf den Schnee zu, denn noch heute würde es schneien).
Er sah das Kind wieder vor sich, wie verloren es dagestanden war. Verloren? Ja, verloren und unheilbar einsam. Es war allein gewesen, vielleicht vom ersten Tag an. Es war aus dem Körper der Mutter gekommen und allein gewesen.
»Das neue Leben« …
Johannes lachte schrill auf.
»Ich möchte nicht, dass das so ist.«
Er sagte den Satz des Kindes vor sich hin und wunderte sich, wie genau er den Ton getroffen hatte. Dann fasste er einen anderen Plan, oder der Plan fasste sich selbst.
War es überhaupt ein Plan? Eine Gewissheit eher, oder einfach nur ein Bild, das sich gerade erst vor ihn geschoben hatte. Jetzt galt es bereits, dieses Bild, als hätte es schon immer gegolten.
Es war eine Tür, deren Schwelle er gleich betreten würde. Hinter der Tür lag eine Schneelandschaft. Hügel breiteten sich, so weit das Auge reichte, und leuchteten weiß im blauen Vorabend. Welle türmte sich auf Welle, immer gläserner. Diese Landschaft war ein unzerstörtes, unzerstörbares Sein, und er, namenlos, würde Teil davon werden, reines Element, für immer.
Schon stand er auf der Schwelle. Ein Schritt weiter, und die Tür würde verschwinden, nur noch das Bild wäre da, es gäbe keinen Weg zurück.
Tatsächlich hatte es aus schwarzen Wolken zu schneien angefangen, zunächst leicht, dann immer heftiger. Der Schnee blieb liegen, es dauerte nicht lange. Johannes spürte keine Kälte, setzte nicht einmal die Kapuze seiner Winterjacke auf, ihm war, als wärmten ihn die Flocken. Die Stadtrandsiedlung hatte er längst hinter sich gelassen, er trat jetzt auf der anderen Seite des Waldstücks auf einen freien Hügel, unter dem unsichtbar die in das dichte Schneegestöber gehüllte Ebene sich breitete.
Viele kleine Pfade führten hier in die an dem Hang gelegenen, kaum eingezäunten Gärten, in denen Wein angebaut wurde und Obstbäume standen. Eine Baracke aus Backstein war leer und eignete sich als Unterstand. Im Sommer wurden hier vielleicht Heu und Geräte aufbewahrt.
Der Schneefall war so stark geworden, dass es war, als wäre die Welt von einer weißen Wand verschluckt worden. Johannes hörte in der Nähe einen dumpfen Schlag, als wäre ein schwerer Gegenstand umgestürzt. Jetzt erst bemerkte er, dass die Wärme in seinem Gesicht nicht von den Schneeflocken kam, sondern von seinen Tränen.
Wie lange weinte er schon? Er wusste es nicht.
Die weiße Wand stürzte ein; er schrie; hier hörte es niemand. Er kauerte sich auf den Boden.
Befand er sich noch auf der Schwelle? Er wusste es nicht, begriff nichts, wehrte sich nicht. Die Kraft, die ihn anzog, stieß ihn zugleich zurück; ihm blieb nichts, als zu warten.
Abwarten. Das Weinen hörte nicht auf.
Es dauerte lange. Dann verließ Johannes die Baracke.
Er löste sich, ohne sich direkt loszureißen, wie von einer Hand. Es war bereits dunkel geworden; keine Wolke war mehr am Himmel; über ihm standen als neues Gesetz die Sterne. Als hätten sie bisher nicht gegolten, und vielleicht hatten sie es nicht.
Der Schnee lag hoch. In der Ferne leuchteten weiß die Hügel unter dem letzten roten Streif des Sonnenlichts. Noch fernere Höhen, Wellen wie aus Glas, wurden darin kenntlich. Es war ein Spiel.
Der Plan hatte sich wieder geändert, Johannes ließ es geschehen.
Der Weg in die Stadt war weit, es würde strengen Frost geben.
Als Clara, Stunden später, die Tür öffnete, bemerkte Johannes, wie schön sie war. In ihrem Blick lag kein Vorwurf, nicht einmal eine Frage.
»Wie gut, dass du mir heute nicht verloren gegangen bist«, sagte sie.
Das erste, was ihm begegnete, als er am frühen Morgen das Haus verließ, um in die andere Stadt zu gehen, für immer, war das Glück. Es begegnete ihm als ein Körper. Es war nicht der Körper einer Person, eines Tieres, eines Engels, nicht der Körper eines lebendigen, ob real existierenden oder nur eingebildeten Wesens. Es war der Körper eines Bildes, in das er einzutreten hatte, jetzt.
Der Eintritt in das Bild würde endgültig sein, unwiderruflich, wie auch der Gang in die andere Stadt ein endgültiger und unwiderruflicher sein würde, ohne die Möglichkeit einer Rückkehr.
Das Bild war keines, das eigens hatte zu erscheinen brauchen. Es schob sich nicht als ein Anderes vor die Dinge, und erst recht handelte es sich nicht um das, was die Leute eine Erscheinung nannten, etwa, wenn der Geist eines Verstorbenen sich ihnen offenbarte, oder wenn sie Zukünftiges zu sehen behaupteten wie manchmal verwirrte alte Frauen auf dem Land. An solche Erscheinungen glaubte Philipp nicht. Was ihm an diesem Märzmorgen begegnete, während seine Eltern und seine Schwester noch schliefen, ohne von seinem Weggang etwas zu wissen oder auch nur zu ahnen, unterschied sich in nichts von der Wirklichkeit, die das Haus schon immer umgeben hatte.
Der Morgen war klar, duftig und trocken; es würde ein milder Tag werden, vielleicht der bisher wärmste in diesem Jahr. Hohe Wolken bedeckten den Himmel. Die Nacht war nicht kalt gewesen; seit einer Woche schon hatte es keinen Frost mehr gegeben.
Philipp hatte bei weit geöffnetem Fenster gelegen. Geschlafen hatte er kaum, oder jedenfalls war er immer wieder aufgewacht; die hereinwehende Luft hatte nach Erde gerochen (»wie von fernher«). Aufgeregt war er nicht, der Entschluss stand ja fest. Er wusste, dass ihm nichts geschehen konnte; was sollte schlimmer sein als ein weiteres Jahr, ein weiterer Monat, auch nur ein weiterer Tag in diesem Haus?
Wenn er an diese Möglichkeit dachte (die aber keine Möglichkeit mehr war, ihm war, als läge bereits alles in der Vergangenheit, oder er wollte, dass es so sei), packte ihn ein Würgegefühl.
Das Anstimmen der Vögel, die zahlreich waren in den Gärten der Vorstadt, gab das Signal zum Aufbruch. Noch fehlten die Schwalben, erst recht die Mauersegler, die Spätankömmlinge waren.
Ob es in der anderen Stadt Mauersegler gab?
Im Mai fingen sie an, in lustigen Banden mit lautem Getöse um die Häuserecken zu schießen, und Philipp nannte sie seine Freunde. Bald kamen seine Freunde zurück, und er war nicht mehr da. Er lachte kurz auf bei dem Gedanken daran, dazubleiben nur der Mauersegler wegen.
Wieder das Würgegefühl.
Philipp war ruhig. Langsam sein, das hatte er sich vorgenommen, keinmal auf dem gesamten Fußweg, der ihm bevorstand, wollte er eilen, auch jetzt nicht, beim Verlassen des Hauses, beim Verlassen des Grundstücks.
Nicht beim Verlassen der Straße, des Viertels, der Stadt.
Er hatte alle Zeit der Welt; niemand erwartete ihn. Irgendwann würde er in der anderen Stadt sein, das war klar.
Außer dieser Klarheit gab es nichts.
Den Vorsatz, langsam zu sein, brauchte Philipp dann gar nicht eigens zu beherzigen. Das Bild hieß ihn, stehenzubleiben, noch bevor er auf die Straße getreten war.
Er verharrte auf der Schwelle des Grundstücks.
