Was noch kommt - Gábor Fónyad - E-Book

Was noch kommt E-Book

Gàbor Fònyad

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Beschreibung

Gábor Fónyad hat nach seinem letzten Roman "Als Jesus in die Puszta kam" mit seinem satirischen Blick auf Machtmissbrauch und Verschwörungsglaube nun ein ganz anderes Thema aufgegriffen, das jedoch nicht weniger Relevanz und Gesprächswert hat: In seinem neuen Buch "Was noch kommt" liefert er uns einen humorvollen Blick auf die Zeit der Midlife-Crisis und beschreibt gleichzeitig die verzweifelte Suche nach Identität eines modernen Mannes, der aus alten Rollenklischees ausbrechen will. Fónyad schafft es, aus der Sicht eines Mannes, ohne in den üblichen Jargon der Geschlechterkampfparolen einzusteigen, die Rollenverteilung in heterosexuellen Beziehungen zu hinterfragen, ohne Patentrezepte und lauwarme Antworten zu liefern.

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Seitenzahl: 225

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Elster & Salis WIEN

Gábor Fónyad

WAS NOCH KOMMT

ROMAN

Gábor Fónyad

WAS NOCH KOMMT

VERLAG

Elster & Salis GmbH, Wien

[email protected]

www.elstersaliswien.com

LEKTORAT

Anja Linhart

SCHLUSSREDAKTION

Senta Wagner

GESTALTUNG

Michael Balgavy, DWTC

SATZ

Birgit Seese, vierpunkt

1. Auflage 2024

© 2024, Elster & Salis Verlag GmbH, Wien

Alle Rechte vorbehalten

ISBN 978-3-9505435-68

Für Elisabeth, Caroline und Gabriel

INHALT

TEIL EINS

NOCH 12 TAGE

NOCH 11 TAGE

NOCH 10 TAGE

NOCH 9 TAGE

NOCH 8 TAGE

NOCH 7 TAGE

NOCH 6 TAGE

NOCH 4 TAGE

NOCH 3 TAGE

NOCH 2 TAGE

LETZTER TAG

TEIL ZWEI

DANK AN

ZUM AUTOR

TEIL EINS

NOCH 12 TAGE

„Immer du mit deinem England, das haben wir jetzt davon“, fuhr mich Sarah an, während wir versuchten, so schnell wie möglich zusammenzupacken und die Flucht Richtung Parkplatz zu ergreifen. „Wegen dir sind jetzt alle klatschnass. Schau dir nur die Kinder an! Das ist also deine Vorstellung von einem Familienurlaub am Strand?“ Mona und Stefan sagten nichts, sondern stopften die Handtücher, Kleidungsstücke und das Spielzeug wahllos in die Taschen, ohne darauf zu achten, was wem gehörte, aber ihr Schweigen ließ wenig Zweifel daran, dass sie auf Sarahs Seite standen. Der dreijährige Sohn der beiden hielt sich an Monas Strandrock fest und suchte Schutz zwischen ihren Beinen, wodurch er sie immer wieder zum Straucheln brachte.

„Außer dir wollte niemand herkommen“, setzte Sarah fort.

„Also den Kindern hat es doch ganz gut gefallen“, wandte ich ein.

„Wieso weint dann Jakob so kläglich?“

„Wenn wir jetzt in Jesolo bei vierzig Grad im Schatten wären, würde er auch weinen. Er hasst Hitze. Außerdem weint er, weil er noch bleiben will und weil er es nicht mag, wenn wir uns streiten. Er ist eben sensibel.“

„Hast du ihn gewickelt?“, fragte Sarah, immer noch angriffslustig.

„Wann denn? Jetzt ist es auch schon egal. Wir ziehen ihn im Auto um.“

Jakob saß in einer Pfütze, die sich innerhalb kürzester Zeit in einer Mulde im Sand gebildet hatte, und klammerte sich an seine Schaufel. Seine Windel sog sich immer mehr mit Wasser voll. Die Schwimmwindeln waren uns ausgegangen und wir hatten vergessen, neue zu kaufen. Jakob war gerade einmal zwei Jahre alt.

„Aber ich will noch ein Eis, ich will noch ein Eis! Du hast versprochen, dass ich noch ein Eis bekomme!“, mischte sich Emma, unsere fünfjährige Tochter, ein.

„Siehst du hier irgendwo ein Eisgeschäft?“, entgegnete Sarah. „Frag Papa, ob es in England überhaupt Eis gibt.“

„Jetzt fahr die Kleine doch nicht so an …“

Das war einmal zu oft „Eis“ gesagt. Theo, Monas und Stefans Sohn, erkannte das Stichwort für seinen Einsatz und stimmte in Emmas Parole ein. „Ich will ein Eis! Aber jetzt sofort und gleich!“ Das konnte er mit seinen drei Jahren bereits einwandfrei sagen.

„Theo, das geht jetzt nicht“, sagte Mona und nahm ihn an der Hand.

Stefan hängte sich so viele Taschen um, wie ihm nur möglich war, und stapfte los in Richtung Auto. Ich hätte mich gerne ebenfalls aus der Verantwortung gezogen, aber Sarah überreichte mir Jakob, auf dem überall Sand klebte und der nun losschrie, weil er unbedingt zu seiner Mama wollte, der kleine Verräter. Als ich ihn fester an mich drückte und ihm gut zuredete, presste ich das Wasser – ich redete mir ein, dass es nur Wasser war – aus seiner Windel auf mein neues Sex-Pistols-Shirt, das ich noch gestern in London gekauft hatte und von dem Sarah meinte, dass ich zu alt dafür sei. Die Windel war viel zu locker zugemacht. Sarah hatte ihn als Letzte gewickelt, sie machte das immer so.

Als wir wenig später zurück in unserem Ferienhaus in Amberley waren, westlich von Brighton, und alle wieder trockene Kleidung anhatten, war der Zwischenfall am Strand, der zum abrupten Abbruch unseres Tagesausflugs geführt hatte, vergessen. Nur Emma und Theo starteten noch einige Versuche und forderten ihr Eis ein, aber nachdem Sarah ihnen eine Packung Schokoladenkekse überlassen hatte, waren sie damit fürs Erste zufriedengestellt. Ich war zwar grundsätzlich dagegen, Kinder mit Süßigkeiten zu bestechen, aber in diesem Augenblick war ich froh über den wiederhergestellten Frieden. Sarah war auch wieder versöhnt, sie mochte das Ferienhaus, das immerhin ich ausgesucht und gebucht hatte, der Stil und die Einrichtung entsprachen genau ihrem Geschmack, und jetzt machte sie es sich mit einer Decke und einem Bildband über Gartengestaltung auf der Couch im Wohnbereich bequem. Außerdem waren es Bio-Dinkel-Kekse, sagte ich mir. Mir war es wichtig, dass Emma und Jakob nicht zu viel naschten, was Sarah für pedantisch und verkrampft hielt, sie war der Ansicht, es führe in der Pubertät erst recht zu einer Fresssucht, wenn es jetzt so tabuisiert werde. Insgeheim ahnte ich, dass sie Recht hatte, denn während ich meine Kinder mit allen Mitteln daran zu hindern trachtete, dass sie Süßigkeiten zu sich nahmen, stahl ich selbst heimlich Schokolade aus dem Vorrat, den Sarah, gegen meinen Willen, bei uns zu Hause in dem Fach oberhalb des Kühlschranks angelegt hatte. Zu Weihnachten aß ich mitunter schon vor der Bescherung die Schokoschirmchen vom Baum. Wenn Sarah mich dabei erwischte, erklärte ich, das gehöre eben zu den wenigen Vorteilen des Erwachsenenlebens, das schließlich nicht nur aus Schlafmangel, Geldverdienen und Wäscheaufhängen bestehen könne.

„Meinetwegen. Dann sollen sie eben vor dem Abendessen naschen“, gab ich nachträglich meine Zustimmung, als die Kekspackung bereits bis auf einige Brösel geleert war. Das war mir immer noch lieber, als sie am Tablet Videos schauen zu lassen, wie es Stefan vorgeschlagen hatte.

Aber kannten wir wirklich kein anderes Erziehungsmittel, als sie mit Belohnungen so zu manipulieren, dass sie sich unserem Wunsch entsprechend verhielten? Mit befreundeten Eltern erörterten wir immer wieder die Frage, ob es denn vertretbar sei, Kinder zu bestechen oder ihnen zu drohen, zum Beispiel damit, dass das Christkind keine Geschenke bringen oder dass man das neue Fahrrad weiterschenken würde, wenn sie sich nicht benahmen. Dabei war ich ja keineswegs unschuldig, denn auch ich erkaufte mir regelmäßig eine halbe Stunde Zeit, die ich, wenn auch mit einem schlechten Gewissen, zum Kaffeetrinken oder Lesen nutzte, allerdings hatte ich eine andere Währung: Die Kinder durften in der Zwischenzeit das Wohnzimmer auf den Kopf stellen, die Couch als Trampolin nutzen, das Papier aus dem Drucker zum Malen verwenden und die schönen Porzellantassen von Sarahs Oma als Puppengeschirr verwenden, unter der einen Bedingung, dass sie nicht zu laut schrien und Meinungsverschiedenheiten unter sich lösten, möglichst ohne körperliche Gewalt anzuwenden. Einmal ließ ich sogar Jakob, der damals vielleicht zehn Monate alt war, mein Puzzle zerstören, an dem ich die letzten acht Wochen gearbeitet hatte und das ich am Abend zuvor in Sicherheit zu bringen vergessen hatte. Erst als er ein Puzzlestück in seinem Mund zu einer breiigen Substanz aufgeweicht hatte, die er nun hinunterzuschlingen sich anschickte, griff ich ein und ihm in den Rachen, woraufhin er erst recht zu würgen und zu krächzen begann, um schließlich, als ich das Puzzlestück, oder was davon übrig war, in der Hand hielt, loszubrüllen, sodass Sarah hereingestürmt kam, mir Jakob entriss und mich anfuhr, ob das meine Art sei, auf unsere Kinder aufzupassen. Emma wollte auch mitreden und umtanzte uns johlend: „Du bist schuld! Du bist schuld!“

Um uns Diskussionen zu ersparen, die zu nichts führten, beschlossen wir kurzerhand, Spaghetti zu Abend zu essen. Einmal Spaghetti mit Tomatensauce für Emma und Jakob und einmal Spaghetti ohne Tomatensauce für Theo, der, sobald das Wort „Abendessen“ gefallen war, skandierte: „Enghetti ohne mit Rot! Enghetti ohne mit Rot!“. Die Pommes Frites ließen wir diesmal aus und hofften, dass uns Emma daraus nicht einen Strick drehen würde, indem sie ihrerseits ihr Recht einforderte: „Ich will Spaghetti mit Pommes! Ich will Spaghetti mit Pommes! Ihr seid so, so, so gemeine Eltern!“ Doch so weit kam es Gott sei Dank nicht. Außerdem würden wir Pommes Frites in den nächsten zwei Wochen ohnehin noch oft genug essen, wir waren schließlich in England, das nicht nur die Heimat der Sex Pistols war, sondern auch die von Fish and Chips, was man leicht in Chips ohne Fisch umwandeln konnte.

Während Sarah die Tomatensauce zubereitete, deckten Mona und ich den Tisch. Stefan saß auf der Couch und gab vor, auf die Kinder aufzupassen, was jedoch überflüssig war, da sie sich gerade selbst beschäftigten, indem sie Bildbände aus den unteren Regalen der Reihe nach herauszogen und durchblätterten. Wir wollten vor dem Schlafengehen jede Art von Eskalation vermeiden, auch wenn das hieß, dass wir gewisse Kompromisse eingehen mussten, wie etwa jenen rund um die Spaghetti.

Am Tag zuvor nämlich hatten wir, während eines ersten Rundgangs durch das beschauliche Amberley, nicht nur einen kleinen Spielplatz entdeckt, sondern auch ein Pub. Durch dessen Anblick inspiriert, fassten wir einen Entschluss: Abends würden zwei von uns Erwachsenen miteinander ausgehen, während die anderen beiden im Haus blieben und die hoffentlich schlafenden Kinder bewachten. Den Anfang sollten Sarah und Mona machen, und zwar gleich heute. Diesen Heimaturlaub von der Front der Elternschaft wollten wir, sofern der Pilotversuch glückte, die folgenden Abende wiederholen, in jeweils anderer Besetzung.

Es war unsere erste Flugreise als Familie. Bis jetzt hatten Sarah und ich uns mit den Kindern über österreichische Seen und einen Kurzurlaub in Kroatien nicht hinausgewagt. England war dann tatsächlich meine Idee gewesen. Als Student hatte ich ein Jahr der Freiheit in Brighton verbracht, das erfüllt war von Leben, Lesen und nicht zuletzt Lieben, und seitdem hegte ich den Wunsch, eines Tages an diesen Ort zurückzukehren. Dass ich in meiner nunmehrigen Rolle als bald vierzigjähriger Vater von zwei kleinen Kindern hier nicht das finden würde, was mich als Zweiundzwanzigjährigen berauscht und beflügelt hatte, war mir durchaus bewusst. Aber dennoch hoffte ich, zumindest ein bisschen etwas von dem damaligen Lebensgefühl tanken zu können – von dem Selbstverständnis, dass man noch alle Wege einschlagen konnte, nach denen es einen gelüstete, und diese ohne Konsequenzen auch wieder verlassen durfte, dass keine Entscheidung, die man traf, wirklich verbindlich war, und dass das meiste noch vor einem lag.

Als ich Mona in einem unserer Chats von unseren Urlaubsplänen erzählte und ihr von Südengland vorschwärmte, äußerte sie sofort den Wunsch, sich uns mit ihrer Familie anzuschließen. Das werde doch sicher lustig, wenn wir alle gemeinsam Urlaub machten, die Kinder könnten miteinander spielen und wir Eltern hätten andere Erwachsene außer der eigenen Frau und dem eigenen Mann als Gesprächspartner. Stefan stimmte Mona sofort zu. Und schließlich schaffte ich es nach einigen Versuchen, auch Sarah zu überzeugen.

Allein, Erwachsenengespräche kamen kaum zustande. Wir hatten nicht bedacht, dass drei Kinder rhetorisch vier Erwachsenen überlegen waren, nicht nur, was die Lautstärke betraf, sondern noch viel mehr die Quantität der aneinandergereihten Wörter und Sätze. Das Tischgespräch beim Abendessen drehte sich ausschließlich um die Frage, ob in der Tomatensauce Gemüse versteckt sei oder nicht. Nein, die Sauce sei ja eindeutig rot, da gebe es keinen einzigen grünen Anteil, beteuerte ich, Emma stocherte allerdings skeptisch zwischen den Nudeln herum, entdeckte eine einsame Oregano-Flocke und stellte Sarah zur Rede, die mit einer schnellen Bewegung ihrer Gabel den Fremdkörper entfernte und dann nachfragte, wo denn das Grüne sei, sie sehe nichts, doch, da sei gerade etwas gewesen, meinte Emma, nun schon etwas verunsichert, ganz sicher … na gut, dann esse sie eben die Spaghetti, wir seien total gemeine Eltern. „Ja! So mein! So mein!“, jubelte Jakob zustimmend.

Während des Abräumens hätten wir uns gegenüber den Kindern, vor denen wir unsere Abmachung geheim halten wollten, fast verraten, als Stefan Mona und Sarah fragte: „Nehmt ihr einen Schlüssel mit?“

„Wieso nehmt ihr einen Schlüssel mit?“, fragte Emma sofort. „Wofür braucht ihr einen Schlüssel?“

„Ich muss noch etwas aus dem Auto holen“, entgegnete Sarah souverän, ohne eine Sekunde zu zögern, „ich nehme den Schlüssel mit, damit ich nicht läuten muss, wenn ich wieder ins Haus komme.“

„Ach so.“

„Sonst müsste ich ja läuten.“

„Stimmt.“

Später am Abend, während Sarah noch damit beschäftigt war, Emma niederzulegen, die immer länger brauchte als Jakob, für den ich zuständig war und der sich mit der immergleichen Geschichte und dem immergleichen Schlaflied zufriedengab, ging ich am Badezimmer vorbei. Die Tür war einen Spalt offen, jemand duschte. Ich blieb stehen, vor der Treppe, die ins Erdgeschoß führte, sodass ich von unten nicht gesehen werden konnte. Ich hörte, wie das Wasser an einem Körper hinablief und von dort mit einem klopfenden Geräusch auf den Wannenboden fiel. Das Wasser wurde abgedreht und dann wieder angestellt. Der Körper war wohl gerade eingeseift worden. Vorsichtig spähte ich durch den Spalt hindurch, aber es war nichts zu erkennen, die Dusche befand sich außerhalb meines Sichtfeldes. Es musste Mona sein. Theo schlief bereits und ich nahm an, dass sie sich vor dem Ausgehen frisch machte. Dass die Badezimmertür nicht abgesperrt war, verwunderte mich nicht, da die Kinder ein- und ausgingen, während die Eltern im Bad waren. Gut, die Tür hätte Mona immerhin zumachen können. – War Stefan bei ihr? Nein, es stand eindeutig nur eine Person unter der Dusche. Das Wasser wurde abgedreht, die Duschtür geöffnet. Jetzt waren so gut wie keine Geräusche zu hören. Was, wenn ich einfach hineingehen würde, den Ahnungslosen spielend? Immerhin, die Tür war offen, es war kein Wasser zu hören, es bestand also durchaus die Berechtigung zur Annahme, dass das Badezimmer frei war. Aber ich wusste nicht, wie ich reagieren sollte, wenn ich dann Mona gegenüberstand. Wahrscheinlich würde ich viel mehr in Verlegenheit sein als sie, sie würde vielleicht grüßen, als sei nichts gewesen, und nach einem Handtuch greifen. Jetzt trocknete sie sich gerade ab. Ich stellte mir vor, dass sie sich nun anzog. Wenn ich jetzt eintrat, wäre es nur halb so peinlich. Wenn sie zumindest bereits Unterwäsche anhätte, könnte ich auch einfach Hände waschen oder eine andere Alibitätigkeit ausführen. Am Strand am Vormittag war es ja nichts anderes gewesen, da hatten wir im Grunde auch nur Unterwäsche an. Wir waren schließlich erwachsen und keine pubertierenden Teenager.

„Du kannst hineingehen, das stört ihn sicher nicht“, hörte ich auf einmal hinter mir. „Er macht sich hübsch für den Abend mit dir.“ Mona zwinkerte mir im Vorbeigehen zu und stieg leise die Treppe hinunter. In dem Moment fiel mein Blick auf Stefans frisch geduschte Pobacken, zwischen denen Haare wuchsen, und auf seinen ebenfalls behaarten Rücken.

Es war kurz vor neun, als endlich auch Emma schlief und Sarah und Mona das Haus verließen. Stefan hatte das Babyphon auf der Küchenablage installiert, in Sicht- und Hörweite von der Sitzgruppe, die um den Kamin angeordnet war. Sarah und ich verwendeten schon lange kein Babyphon mehr, in Jakobs erstem Lebensjahr starteten wir zwar aus einer Art schlechtem Gewissen heraus einige Male den Versuch, eine Verbindung zwischen Gitterbett und Küche herzustellen, ließen es dann aber bald sein. Wenn meine Kinder wach wurden, hörte ich das auch so. Stefan nestelte immer wieder an seinem Gerät herum und versicherte sich, dass diese Silhouette auf dem Bildschirm wirklich sein Sohn war und nicht die gerollte Bettdecke.

Obwohl das Pub nicht weit war, nahmen Sarah und Mona das Auto, und zwar weniger aus Angst vor unliebsamen nächtlichen Begegnungen – wir befanden uns immerhin in einem friedlichen Städtchen in Südengland, das eher als Kulisse für einen Rosamunde-Pilcher-Film als für einen Thriller gedient hätte und dessen Bevölkerung sich vornehmlich aus pensionierten Städtern zusammensetzte –, sondern weil es keine Gehsteige gab und die Kurven aufgrund der hohen Steinmauern und der weit auf die Straße hineinragenden Erker kaum einzusehen waren. Denkbar war aber auch, dass Mona im Notfall schnell wieder zurück sein wollte. Für Sarah schloss ich diese Möglichkeit aus. Sie war froh, uns für ein paar Stunden vom Hals zu haben. Und dass der Abend in einer Alkoholorgie ausarten würde, war auch nicht anzunehmen, diese Zeiten waren vorbei, weshalb nichts dagegensprach, für die wenigen Meter das Auto zu nehmen, Umwelt hin oder her, außerdem kannte uns hier niemand. Dafür hatten wir für die Spaghetti-Sauce Bio-Tomaten aus der Konserve verwendet und fuhren zu Hause, wann immer es möglich war, mit dem Fahrrad.

Stefan und ich nahmen einander gegenüber Platz. Mir fiel auf, dass ich mich noch nie mit ihm allein unterhalten hatte, bis jetzt war immer zumindest Mona anwesend gewesen. Solche Gespräche unter vier Augen, die ausschließlich aufgrund äußerer Faktoren zustande kamen, fürchtete ich. Niemals hätten Stefan und ich uns in Wien auf ein Bier getroffen. Zuwider waren mir seit meiner Jugend ganz grundsätzlich sogenannte Männergespräche. Witze in der Umkleidekabine nach dem Fußball waren mir unangenehm – und zwar nicht aus einem der Prüderie geschuldeten Schamgefühl heraus, sondern weil ich mich in solchen Situationen für die Niveaulosigkeit des männlich-männlichen Humors zutiefst schämte und einige der Vorurteile, die Frauen gegenüber Männern hatten, bestätigt sah. („Für euch sind Frauen ja nur Sex-Objekte.“ „Ihr denkt immer nur an das eine.“ „Ihr könnt nicht von einem Bananensplit mit Schlagobers reden, ohne an etwas Unanständiges zu denken.“) Jetzt, als mir Stefan gegenübersaß, befürchtete ich, dass entweder gar kein Gespräch zustande kommen würde oder, schlimmer noch, ein Umkleidekabinengespräch. Dass wir keine Zuhörer hatten, denen wir eine Unterhaltung vorgaukeln mussten, machte die Situation nicht besser. Sollten wir etwa über Fußball reden? Das war am Ende der größte gemeinsame Nenner. Musik schied aus, ich hatte einmal mitbekommen, dass er CDs von Modern Talking besaß und auf einem Konzert von Helene Fischer gewesen war. Wie konnte Mona mit so jemandem zusammen sein? Auf einmal fragte ich mich, wann sie wohl das letzte Mal Sex gehabt hatten. Dass das während dieses Urlaubs war, schloss ich aus. Sie teilten sich ja ein Zimmer zu dritt, im Gegensatz zu uns, die ein eigenes Kinderzimmer und ein Elternzimmer hatten. Was wir uns aber bis jetzt, wenig überraschend, auch nicht zunutze gemacht hatten. Auf der anderen Seite gab es ja auch noch den Wohnbereich, wo Stefan und ich gerade saßen, die Sitzgruppe, den flauschigen Teppichboden vor dem Kamin – nein, das wäre zu riskant, beruhigte ich mich schnell, das würde sich niemand trauen bei einem anderen Paar und gleich drei Kindern im Haus. Außerdem war Stefan sicherlich nicht der Typ für so etwas.

Stefan war erst später dazugekommen. Mona und ich hatten eine Zeitlang einen gemeinsamen Freundeskreis, in jenem Abschnitt im Leben irgendwann zwischen Studienbeginn und der zweiten Hälfte der Zwanziger, der den Übergang vom Studentenleben ins Erwachsenen- und Erwerbsleben darstellt, in die Bürgerlichkeit – ein Übergang, der naturgemäß fließend ist, ohne erkennbare Zäsur, und der den Betroffenen gewöhnlich erst im Nachhinein bewusst wird. Spätestens mit Heiraten und Kinderbekommen ist dieser Abschnitt auch formal abgeschlossen. Mona und ich hatten uns immer gut verstanden, aber es lief nie mehr zwischen uns, auch nicht in der Zeit, bevor ich Sarah kennengelernt hatte. Attraktiv fand ich sie zwar durchaus, jedoch nur so, wie ich eine schöne und intelligente Frau auf einer objektiven Ebene nun einmal wahrnahm. Einmal sagte ich zu ihr, im Lärm einer Disco, als wir schon beide betrunken waren: „Mona, unter Freunden: Du hast einen schönen Busen.“ Aber das war nicht anders gemeint, als wenn ich zu einem männlichen Freund gesagt hätte: „Du hast einen durchtrainierten Oberkörper.“ Mona verstand das auch genau so und entgegnete: „Oh danke, das ist aber nett von dir.“ Außerdem erprobte ich diesen Satz auch an anderen Freundinnen, die ähnlich gelassen reagierten. Doch schon bald verloren Mona und ich einander aus den Augen und hatten erst Ende zwanzig wieder Kontakt – damals war ich schon mit Sarah zusammen.

Zum ersten Mal begegneten wir Stefan ungefähr drei Jahre später. Sarah und ich trafen uns in unregelmäßigen Abständen mit Mona, teilweise waren noch ein paar gemeinsame Bekannte aus der Studienzeit dabei, aber immer öfter waren wir nur mehr zu dritt. Die meisten aus diesem losen Freundeskreis steckten bereits tief im Arbeitsleben und hatten einen festen Partner. Sarah unterrichtete an einem Gymnasium Deutsch und Geschichte und war Feuer und Flamme für ihren Beruf, den sie nach wie vor ausübte, während ich mich um regelmäßige Aufträge als Übersetzer und Korrektor bemühte und halbherzig Deutschkurse in einer Sprachschule hielt. Die Abende, die zuvor noch Nächte gewesen waren bis zur ersten U-Bahn, beschränkten sich auf wenige Stunden bis spätestens zur letzten U-Bahn und ereigneten sich entweder am Freitag oder am Samstag, aber nicht mehr, wie früher, an beiden Tagen, und immer mehr von uns fühlten sich erschöpft von der Arbeitswoche, ausgelaugt, und zogen es vor, in der Behaglichkeit des eigenen Wohnzimmers einen Film zu schauen.

Das war aber auch die Zeit, in der Sarah und ich uns so nahe waren wie weder davor noch danach. Der Rausch der ersten Verliebtheit war verflogen, wir hatten nicht mehr den Druck, bei jeder Gelegenheit unsere Zuneigung unter Beweis stellen zu müssen und uns in Liebesbekundungen zu übertreffen. Wir saßen oft ganze Nachmittage im Kaffeehaus und lasen Zeitung oder arbeiteten, hielten, wenn es sich ergab, ungezwungen Händchen, manchmal streichelte ich über Sarahs Rücken und spielte kurz mit ihrem BH-Verschluss, den ich unter ihrem Oberteil ertastete. Abends schauten wir Serien, für die wir uns beide begeisterten und über die wir uns unterhielten, zuweilen waren wir auch unterschiedlicher Meinung, was aber erst recht für Gesprächsstoff sorgte. Kinder und Familienplanung lagen für uns damals noch in ferner Zukunft, aber wir zweifelten nie daran, dass wir das schaffen würden, wenn es mal so weit wäre, oder dass sich dadurch an unserem Verhältnis etwas ändern würde.

Stefans erster Auftritt fand im Anschluss an ein Geschäftsessen seiner Firma statt. Sarah und ich saßen mit Mona in einer Cocktailbar und wollten eigentlich schon nach Hause gehen, wir waren beide müde, aber auch neugierig auf Monas neuen Freund. Außerdem fühlten wir uns geschmeichelt, dass es ihr ein Anliegen war, ihn uns vorzustellen. Stefan erschien im dunkelgrauen Anzug, mit Krawatte, lackierten Schuhen und einer schwarzen Aktentasche. Als er sich auf den Barhocker setzte, rutschte der Hosensaum hoch und ließ die Beinhaare über den schwarzen Socken zum Vorschein kommen. Er fasste Mona auf den Oberschenkel, küsste sie auf den Mund und lockerte seine Krawatte. In dem Moment war ich mir nicht sicher, ob er overdressed war oder nicht doch wir underdressed. Wir waren Anfang dreißig und keine Studenten mehr, wir gingen nicht mehr in verrauchte Clubs mit wummernden Bässen und ohne Speisekarte, sondern in Lokale mit gedimmtem Licht und Hintergrundmusik, wo wir uns unterhalten und auch eine Kleinigkeit essen konnten. Gleichzeitig aber waren wir noch nicht ganz in der Welt der Erwachsenen angekommen, wenn wir wollten, würden wir wieder bis zur ersten U-Bahn durchfeiern, wenn wir wollten, könnten wir uns nach einem neuen Job umsehen oder ins Ausland ziehen, es war noch alles möglich, da waren wir uns sicher.

Stefan stieß also am Ende dieser Phase dazu, als nur mehr die letzten Nachbeben von ihr zu spüren waren, wie ein Gast, der um fünf Uhr früh auf einer Party aufkreuzt, viel zu spät, um noch Spaß zu haben, den Höhepunkt hat er längst verpasst, und der den anbrechenden nächsten Tag ankündigt. Stefan war für Mona der Mann, mit dem sie eine Eigentumswohnung oder sogar ein Haus kaufen und der der Vater ihrer Kinder werden würde. Er holte sie von der Party ab, auf der ohnehin schon alle wieder ausgenüchtert waren und nur mehr ein Typ einsam mit einer Weinflasche im Wohnzimmer tanzte, half ihr in die Jacke und brachte sie mit dem Auto sicher nach Hause.

Aber was gefiel Mona an Stefan? Rückblickend betrachtet war mir das ein Rätsel. Damals, sozusagen mit dem Kater am Morgen danach, war ich weniger verblüfft, ich erklärte es mir damit, dass nicht nur Stefans Altersvorsprung, sondern auch die Tatsache, dass er in der Berufswelt sichtlich Fuß gefasst hatte, eine gewisse Anziehungskraft auf Mona ausübte. Allerdings beschäftigte mich das zu dem Zeitpunkt kaum, meine ganze Aufmerksamkeit für das andere Geschlecht galt damals noch Sarah.

Jetzt saß ich Stefan in unserem Ferienhaus in Amberley gegenüber. Wie verschieden er und Mona waren, wurde mir jetzt, da ich beide seit einigen Tagen als Paar beobachten konnte, so richtig bewusst.

Er trug eine dunkelblaue Freizeithose und ein rosa Poloshirt, unter dem sich sein Bauch wölbte. Ich fragte mich, ob man meinen Bauch auch schon so stark sah. Über seinen Schläfen wich sein Haaransatz zurück, schwarze und graue Haare hielten sich die Waage. Was das betraf, war er mir verfallstechnisch überlegen. Sein Altersvorsprung hatte sich zumindest diesbezüglich in einen kleinen Vorteil für mich verwandelt. Er musste Mitte vierzig sein. Die Haare, die ihm auf dem Kopf fehlten, kompensierte er durch einen dichten Haarwuchs auf seinem Rücken und auch auf seinem Hintern, wie ich seit heute Abend wusste.

Stefan stand auf, ging vor dem Kamin in die Hocke und schien etwas, das ich nicht sah, zu untersuchen. „An der Hinterseite des Hauses ist Brennholz gestapelt“, meinte er.

Das war mir nicht aufgefallen. „Zum Glück ist Sommer, und so kalt wird es nicht einmal in England, dass wir heizen müssten“, sagte ich.

„So ein offener Kamin wird bei uns gar nicht so ohne Weiteres genehmigt“, sinnierte er, ohne auf meinen Einwand einzugehen. Er begann nun darüber zu rätseln, wie der Kamin funktionierte, und erläuterte technische Details, die mich nicht interessierten.

Wir brauchten kein Feuer. Bevor ich mich mit der Funktionsweise eines Kamins beschäftigt hätte, hätte ich mir einen warmen Pullover angezogen. Für mich bestand Heizen darin, den Heizkörper im Wohnzimmer aufzudrehen.

„Willst du jetzt wirklich Feuer machen?“, fragte ich. Wir waren immerhin keine Höhlenmenschen.

Stefan war mittlerweile auf dem weichen Teppich auf die Knie gegangen, steckte seinen Kopf in den Kamin und schaute sich dort um, wie andere Menschen im Kühlschrank nach der Butter suchten.

„Wir sind ja nicht schwul …“, bemerkte er. Ich nahm an, dass er sich im Scherzen versuchte, und wurde bestätigt, als er in den Kamin hineinkicherte. Wahrscheinlich ließ er Theo auch nicht mit Puppen spielen, aus Angst, er könnte homosexuell werden.

„Mein Vater hat mir das Haus meiner Großeltern überschrieben“, sagte er nun, „das werden wir demnächst renovieren.“

„Das wusste ich gar nicht.“

„Ja. Jetzt, wo ich eine Familie gründe und bevor das zweite Kind kommt, ist es an der Zeit, uns nach etwas Größerem umzusehen.“

„Mona ist schwanger?“ Das interessierte mich mehr als das Haus.

„Nein, nein. Noch nicht. Da werden wir bald eine richtige Baustelle haben.“

„Du meinst jetzt das Haus deiner Großeltern?“

„Genau.“ Er strahlte, als er davon sprach. „Und da kommt ein Kamin hinein. Ein Haus ohne Kamin, das geht einfach nicht.“

Er erklärte mir, wie er seinen Kamin – er sagte: „seinen“, obwohl er genauso Mona gehören würde – eigenhändig aufstellen und anschließen würde, denn dafür brauche er keinen Fachmann, überhaupt wolle er bei den Renovierungsarbeiten so viel wie möglich selbst machen, er sei ja schließlich der Bauherr. Dann erläuterte er mir im Detail, was man bei der Anschaffung beachten müsse und inwiefern sich dieser offene Kamin hier, vor dem er immer noch andächtig kniete, von „seinem“ unterschied. Ich hätte Lust gehabt, ihm im Detail zu erläutern, wie ich in unserer Mietwohnung zum Heizkörper ging, zu meinem, mich zum Drehknopf bückte und ihn in die eine oder in die andere Richtung drehte, je nachdem, ob mir zu warm oder zu kalt war. Doch Stefan merkte nicht, dass ich nicht das geringste Interesse für die unterschiedlichen Ofenarten, die es derzeit auf dem Markt gab, hatte, er redete einfach immer weiter. Ich kam mir vor wie ein Vegetarier beim Fleischhauer.