Was nun Papa? - J Tilmes - E-Book

Was nun Papa? E-Book

J Tilmes

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Beschreibung

Schauplatz Düsseldorf 'Mitten ins Herz': Kai Klesper hätte mit seinen 25 Jahren eigentlich schon mehr auf die Beine stellen müssen, doch der Sohn eines Bauunternehmers und dessen Gattin ist eben viel lieber von Beruf Student, Frauenliebhaber, Sportwagenliebhaber, Spaßliebhaber .. nur mit dem Fleiß hat er es eben nicht so: Das Architekturstudium will einfach kein Ende nehmen. Der gutaussehende durchtrainierte Blonde nimmt die Uni als Nebensache; die Übernahme des väterlichen Unternehmens ist ihm sowieso sicher - glaubt er! Ebenso, wie Vater sonst alles regelt; bis hin zur Zahlung der Alimente an Mareike, denn Kai ist der Papa der sechsjährigen Marie. Aber mit dem unerwarteten Tod der Eltern und den sich daraus ergebenden Problemen ändert sich alles. Dass seine Ex-Freundin Mareike ihm zu alledem auch noch Marie aufs Auge drückt und sich Kai von jetzt auf gleich, ohne Geld, Sportwagen und vor allem ohne Dach über dem Kopf um seine Tochter kümmern muss, stellt ihn vor einen Berg schier unerfüllbarer Aufgaben. Zumal ihn seine besten Freunde und die Freundin im Stich lassen. Ganz im Gegenteil zu der alten Dame, die er im Altenheim betreut. Lisbeth Berger ist eine resolute Frau von 45 Jahren: Schlank, geschäftsmäßig schick frisiert, von einer Schönheit, die jede vordergründig-jugendliche Oberflächlichkeit längst abgelegt hat und die Frauen dieses Alters erst begehrenswert macht. Lisbeth ist Leiterin eines Einkaufszentrums: WNP-Kauf. Ein beruflich gerader Weg von der Basis bis an die Spitze, der allerdings von ein paar Fehltritten begleitet wurde, wie beispielsweise einer unrühmlichen Affäre mit einem der späteren Konzernlenker. Doch das ist längst Schnee von gestern. Zum Zeitpunkt des Einsetzens unserer Handlung ist sie fest mit dem Bankangestellten Eckart Bücken liiert und Mutter des gemeinsamen, gerade volljährig gewordenen Sohnes Max: Ein Leben auf dem Fundament namens Familie. Aber ihr Gesundheitszustand und die Intrigen ihres Stellvertreters machen Lisbeth zu schaffen. Ebenso wie die Skandale rund um eine Werbeagentur, die dem Ruf des Handelshauses schaden. Dass darüber hinaus noch Kai in ihr Leben tritt und damit auch die als gefestigt geglaubte Welt Lisbeths aus dem Tritt gerät, sorgt für manches Problem - beruflich wie privat. Lisbeths Beziehung zu Kai und Eckart sowie Kais Wandlung vom Sonnyboy zum verantwortungsbewussten Vater - das zu erzählen ist der Kern unserer Familiengeschichte.

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Seitenzahl: 315

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Für Birgit, Gordon, Kati, Noahbaby und natürlich Mama und Papa

Roman

Familiengeschichte nach dem gleichnamigen Konzept der Fernsehserie, an der viele verdienten, nur der Autor nicht

Inhaltsverzeichnis

Episode 1: Der kalte Hauch der Zukunftsangst

Episode 2: Szenenwechsel

Episode 1: Der kalte Hauch der Zukunftsangst

Kai biegt mit seinem Sportcabrio in einen Feldweg ab, gibt noch einmal Vollgas und erreicht dann den nur mit leichten Schranken gesicherten Bahnübergang. Er legt eine Vollbremsung hin und stoppt mitten auf den Schienen. Die Lokalbahn nähert sich unerbittlich. Die automatischen Schranken schalten sich ein; der Vorgang des Schließens beginnt.

„Grüßt Euch erst einmal! Willkommen in meinem Leben! Macht es Euch bequem und erfahrt mehr darüber; alles, was los war bei mir in den letzten Tagen! Kai Klesper ist mein Name! Mit meinen 25 Jahren bin schon das in dieser Geschichte, was man gemeinhin als den ‚Held‘ einer solchen bezeichnet. Aber ist es wirklich heldenhaft, mitten auf den Gleisen eines Bahnübergangs zu parken und einer auf mich zurasenden Lokomotive in die Augen zu sehen, an der ein ganzer Zug hängt? Auge um Auge, Zahn um Zahn? Ob so etwas gut ausgeht? Soll es das überhaupt? Fühlt Euch eingeladen, dies selbst zu entscheiden!“

Mailand?

Die kleinen Finger eines Mädchens falten liebevoll Bastelpapier und bringen es in eine Dreiecksform. Behutsam, viel mit Fingerspitzengefühl. Der Sechsjährigen ist die Arbeit offenbar wichtig; ihr Gesichtsausdruck vermittelt eine Professionalität, wie sie sonst beim Spiel von Kindern nicht festzustellen ist. Sie ist vollkommen bei der Sache, hochkonzentriert. Das Dach nimmt langsam Form an. Mit einem leichten Druck auf die Tube des Papierklebers bringt die Kleine ein wenig Klebemasse auf den Papierfalz auf. Mit großen, blauen Kulleraugen setzt die zierliche, fast zerbrechlich wirkende Nachwuchs-Architektin im Anschluss das gefaltete Papierdach auf ein Haus in einer kleinen bunten Papierstadt, die bereits vor ihr auf dem Tisch steht. Fertig! Zufrieden! Für ein paar Sekunden schaut sich das jetzt fröhlich lächelnde Kind mit dem gelockten, blonden Haar sein Werk an. Überglücklich stürmt Marie im Anschluss aus ihrem mit Bildern von Katzen, Hunden und Pferden verzierten Kinderzimmer in der ansonsten heruntergekommenen Wohnung einer Hochhaussiedlung am Rande der Stadt, um ihre Mama auf ihr Werk aufmerksam zu machen.

Doch als sie in dem langgezogenen Flur ein Streitgespräch hört, verlangsamt sie ihr Tempo schlagartig und tastet sich vorsichtig durch den Gang. Eben noch voller Stolz auf ihre Arbeit ist es nun die Angst, die in Marie die Oberhand gewinnt. Vor der Küchentür bleibt sie stehen, um die Diskussion zwischen ihrer Mutter Mareike und deren Freund Ludger zu verfolgen. Am Türpfosten lehnend; so, als wolle sie bei diesem Schutz suchen.

Marie hasst es, wenn ihre Mutter und Ludger streiten. Sie ist zu klein um ihre Abneigung gegen den stets mit Gel im Haar herumlaufenden, rundum schmierig wirkenden Typen überhaupt als solche begründen zu können. Aber sie registriert sehr wohl, dass er in den letzten Wochen und Monaten immer öfter laut wird und ihre Mutter anschließend in Tränen ausbricht. Ihre Mama weinen zu sehen – das wiederum löst Bauchschmerzen in ihr aus; nicht vor Hunger, sondern in der Panik begründet, die Marie in diesen Momenten ausfüllt. Wäre die Kleine erwachsen, dann wüsste sie, dass es sich um den 30-jährigen Ludger Beermann um einen echten Verlierertyp handelt, der vom großen Geschäft träumt, aber nicht im Ansatz das Wissen hat, wie man so etwas durchzieht. Mal sind es Ölgeschäfte, mal der Kunsthandel, ein anderes Mal der Verkauf von Verträgen im Mobilfunkgeschäft – aber nichts was bei ihm auf Dauer funktioniert. Ein Mann, der sich selbst einer unwiderstehlichen Anziehungskraft auf Frauen rühmt, ohne wirkliche Empathie für die Damenwelt und somit auch ohne Gespür dafür, wie sehr diese sich über den Stadt-bekannten Blender lustig macht. Ludger operiert im Auftreten wie auch auf dem Bankkonto an der Grenze zum Versager, ist ohne jedes Pflichtbewusstsein und hat nur den im Grunde unerreichbaren Profit sowie den Spaß des Augenblicks im Kopf. Er ist derjenige, der die sprichwörtliche Großmutter verkaufen würde, wenn er noch eine hätte. Denn Ludger hat keinerlei Familienanschluss mehr, raucht Kette und ist alles andere als kinderlieb. Dass er es dennoch im Haushalt von Mareike und Marie aushält, ist nur seiner ständigen Geldnot geschuldet. Im Grunde geht ihm seine Kleinfamilie auf die Nerven. Was er Marie vor allem dann spüren lässt, wenn deren Mutter Mareike nicht im Haus ist. Dass ihre Mama eigentlich einen besseren Papa für sie bekommen müsste, dessen ist sich Marie sich trotz ihres zarten Alters schon bewusst. Denn Mareike ist mit ihren 27 Jahren eine attraktive Frau; kein Model Typ zwar, aber dennoch durchaus von natürlicher Schönheit, die die Aufmerksamkeit der Männer auf sich zieht.

Eine junge Frau von heute mit Zielen, Wünschen und Träumen, die sie aber bisher nicht verwirklichen konnte, denn die frühe Mutterschaft kam unerwartet. Mareike hadert demnach oft mit ihrem Schicksal: Waise gewesen zu sein und nicht wirklich das Leben führen zu können das sie eigentlich will. Wobei: Konnte sie damals überhaupt wissen, was sie wollte? Früh auf sich selbst gestellt kämpfte sich das Findelkind aus den Mauern eines Klosters durch die Ausbildung hinein in ein normales Leben ohne eng gefasste Grenzen und Betschwestern. Doch heute kümmert sich Mareike um ihre Tochter so gut sie kann und gibt den Kampf um eine Zukunft, wie sie sie sich wünscht, nicht auf. Wozu die Sehnsucht danach gehört, die schlechte Vorstadtgegend zu verlassen, in der sie mit Marie und Ludger lebt.

Angewidert vom Ausblick auf die graue Fassade des gegenüberliegenden Wohnkomplexes schließt Mareike das Küchenfenster und widmet sich wieder dem Redefluss ihres Freundes. „Jetzt sei ehrlich! Willst Du in dem Dreck hier versauern? Das kann doch nicht Dein Ernst sein!“ Ludger reißt das Fenster auf und zeigt hinaus: „Da, schau selbst – Mief, Abgase, Dreck! Den ganzen lieben langen Tag lang! 24 Stunden, rund um die Uhr! Frei Haus! Ist es wirklich das, wovon Du träumst?“ Mareike spürt, dass in ihr eine unbezwingbare Wut aufkommt: Auf die Fassade gegenüber, ihr Leben, ihr Unvermögen, etwas daran zu ändern, auf Ludgers Gerede und auf sich selbst, weil sie nicht endlich einen Schlussstrich unter die Beziehung zu Ludger zieht. Verstärkt durch sein fehlendes Verständnis für ihre Situation als Mutter. „Was soll aus Marie werden? Ich habe eine Tochter, um die ich mich kümmern muss! Ich kann nicht einfach sang- und klanglos nach Mailand. Keine Ahnung, wieso Du das nicht begreifst!“, so die Alleinerziehende aufbrausend. Ludger zieht Mareike an sich: „Mailand ist die Chance unseres Lebens, Süße! ... Seit Jahren wünschen wir uns etwas Eigenes; eine Boutique, in der Du eigene Kreationen verkaufen kannst. Und wenn unsere Chance da ist, kneifst Du? Sorry, aber wenn Du dabei bleibst, geh ich allein!“

Allein, dieses Wort kennt Marie allerdings bereits in seiner ganzen Bedeutung. Zu oft ist Ludger unterwegs; zu oft weint sich ihre Mama dann die Augen aus im Glauben, dass ihre Tochter davon nichts bemerkt. Marie versteckt sich jetzt hinter einem Vorhang, der eine Abstellnische von der Diele trennt. Sie verfolgt den Streit der beiden Erwachsenen von dort aus weiter. Mareike appelliert eindringlich an das Verständnis des Freundes: „Von wegen kneifen! Ich habe ein Kind, für das ich sorgen muss, hörst Du? Eine Tochter! Die ein geregeltes Leben braucht! Ich kann nicht einfach kommen und gehen, wann ich will! So wie Du! Bloß auf ein Hirngespinst, eine Fata Morgana hin!“ – „Fata Morgana also? Na, krass, jetzt weiß ich wenigstens, wie Du zu meinen Ideen stehst! Und zu mir! Ganz große Klasse! … Wozu sonst bist Du Designerin geworden? Eine Boutique! In Mailand! Italien! Mit Partnern, die einflussreiche Kontakte haben! Ein Volltreffer! So eine Gelegenheit kriegen Du und ich nie wieder! Baby, mit Dir an meiner Seite schaffe ich es! Überleg‘ Dir das doch noch einmal ganz gründlich!“ – „Deine Sprüche kenne ich! Was sind das für Partner? Italien? Mafia? Erst ist alles Himmel hoch jauchzend und am Ende bleiben nur Schulden übrig! Du willst allein weg? Okay! Von mir aus! Hau‘ ab!“ Urplötzlich Schweigen. Stille!

Für einen kurzen Moment herrscht eine gespenstische Ruhe, die die Angst von Marie noch verstärkt. Ludger atmet tief durch: „Wie Du meinst! Allein! Okay! ... Der Erzeuger von Deiner Tochter zahlt schon seit Monaten nichts, Du hast keinen Job ... wie willst Du denn über die Runden kommen mit dem Kind am Bein? Auf den Strich gehen? Wie damals, als wir uns kennengelernt haben? Und abgesehen davon ... ohne mich kannst Du doch gar nicht sein, ich fehl‘ Dir doch schon, bevor ich das Haus verlassen habe!“ Ludger versucht Mareike urplötzlich und gegen ihren Willen zu umarmen und zu küssen.

Da dreht sich Marie in die Küche hinein. Sie hat Tränen in den Augen. Mareike schaut ihre Tochter wortlos an. Ludger spürt, dass seine Zukunft jetzt an einem Scheideweg steht und weiß, dass er einen Gang – besser zwei – hinunterschalten muss. Er nimmt die Hände seiner Freundin, spricht versöhnlicher: „Mareike ... ich will das doch auch für die Kleine! Wir holen sie nach, versprochen! Bei ihrem Vater ist sie für den Übergang gut aufgehoben! Zwei, drei, vier Wochen, länger nicht ... ich verspreche es Dir, ehrlich! Aber ich brauche Dich jetzt auch, wirklich, bitte!“ Mareike weiß nicht, was sie tun soll, zittert vor Nervosität und weicht den flehend-ängstlichen Blicken ihrer kleinen Tochter aus.

Im Einkaufszentrum: WNP-Kauf in Pempelfort

Auf dem Vorplatz des stark frequentierten Einkaufszentrums WNP-Kauf herrscht der alltägliche Wahnsinn. Unzählige Autos suchen Parkplätze; Kunden mit Tüten und Einkaufswagen wuseln zwischen den fahrenden oder abgestellten Fahrzeugen hin und her, dazwischen auf die Autos schimpfende und gleichzeitig Fußgänger gefährdende Fahrradfahrer, Hunde bellen andere Hunde an und an der Rampe für die Lieferanten stauen sich die Lastwagen der Handelskette im für die Marke typischen Gelbblau-rot. Der Supermarkt in der Stadtmitte von Düsseldorf – an der Grenze zum Stadtteil Pempelfort – erfreut sich wenigstens einer großzügigen Parkfläche und bietet seinen Kunden damit viel Freiraum für einen stressfreien Einkauf.

Dieser zentral gelegene Stadtteil mutet mit seiner Mischung aus Cafés und Buchläden, Fashion Stores und Agenturen an wie eine Kleinausgabe von Berlins Prenzlauer Berg. In den teils historischen wie neu gebauten Häusern mit ihren bunten bzw. reich verzierten Fassaden arbeiten zahlreiche Unternehmen der Kulturbranche und Kreativwirtschaft. Genau wie in der Hauptstadt steigen die Mieten in Pempelfort ebenso rasant, wie die Sportwagen auf den Straßen vor den vielen angesagten Restaurants des Bezirks zum Schaulaufen auffahren; hier nicht anders als auf der nur Minuten entfernten Königsallee auf der Suche nach einem Parkplatz zur Einnahme des Mittagessens. Alteingesessene Einwohner, Neuankömmlinge unterschiedlichster Herkunft, Studentinnen und Studenten, Schülerinnen und Schüler, Ärzte beiderlei Geschlechts mit ihren Kindern: im Bereich oberhalb der Nordstraße treffen sie zusammen. Die meisten Menschen in einem Look, der die Prospekte der Modewirtschaft bzw. den Look in der Kleidung der dort gezeigten Models nachzueifern versucht. Was aber nicht immer gelingt. Der Stadtführer ‚Die 99 besonderen Seiten der Stadt Düsseldorf‘ zitiert einen der beliebtesten Gastronomiebetriebe in Pempelfort, die Botschaft Mitte, wie folgt: „Shabby und chic. Ein bisschen wie bei Muttern, ein bisschen Szene, ein bisschen jenseits von Gut und Böse. Klingt komisch, hat aber Klasse!“ Zeilen des Lokals auf der Tußmannstraße, die aber auch den Spirit des Stadtteils trefflich beschreiben.

Das Gebäude von WNP-Kauf beherbergt einerseits den namensgebenden Supermarkt, mit einem breiten Warenangebot mittlerer und gehobener Preisklasse, sowie andererseits weitere verschiedene Läden zur Deckung des täglichen Bedarfs. Der modern gestylte Flachbau im Landhausstil mit Walmdach wirkt einladend, hell, freundlich und ist farbenfroh gestaltet. Ein Plakat in Übergröße wirbt für Nachhaltigkeit und dafür, sich neu in seine Kleidung zu verlieben, sie zu waschen, statt wegzuwerfen und sie zu verschwenden: „Eine Milliarde Kleidungsstücke in deutschen Schränken werden nie getragen!“ Große Glaswände mit Markisen lassen das Gebäude eher wie einen überdimensionalen Marktstand aussehen. In dem mit einem zusätzlichen, separaten Eingang versehenen Getränkeshop gibt es alles an Flüssignahrung was das Herz begehrt: Limonaden, alle möglichen Sorten Bier, neumodische Lifestyle-Drinks in Dosen und Spirituosen sowie Weine. Die stilvolle Weinstube ist jedoch nicht wie mancherorts üblich rustikal dekoriert, sondern viel moderner: Große Glasflächen in Kombination mit Sichtbeton; mit minimalistischer Einrichtung ausgestattet und viel Licht in den hochwertig möblierten Bereich lassend, in dem die Verkostung stattfindet. Inklusive einer kleinen Bar mit ein paar Hockern davor. Kunden gehen durch und schauen sich um. Hier wird deutlich: Die Liebe zum Produkt steht im Mittelpunkt. Und zwischen den Displays arbeiten Lisbeth und Narumi.

Lisbeth ist die Chefin vom Ganzen. Die langjährige Erfahrung im Einzelhandel hat sie nicht nur an die Spitze des mit 50 Leuten eher größeren Marktes gebracht, sondern auch gegen alle Widerwärtigkeiten dieser Branche abgehärtet. Die 45-Jährige wurde im Laufe ihres Berufslebens zu einer resoluten Geschäftsfrau; schlank, business-stylish schick frisiert und von einer gewissen Schönheit, die jede vordergründig-jugendliche Oberflächlichkeit längst abgelegt hat und die Frauen dieses Alters erst begehrenswert macht. Nicht wenige halten sie für die einen Tick ältere Schwester eines Models, das im Fernsehen Nachwuchs für den Laufsteg züchtet. Realschulabschluss, Lehre, Einzelhandelskauffrau von der Pike auf und heute Leiterin des bestlaufenden Einkaufszentrums der Landeshauptstadt von Nordrhein-Westfalen. Das Haus wurde erst kürzlich vom Onlinemagazin Stories Aktuell mit einem 1. Preis ausgezeichnet. Übrigens nicht nur wegen des blitzsauberen Erscheinungsbilds, sondern auch wegen des angenehmen Klimas innerhalb der Belegschaft. Soziale Kompetenz innerhalb des Teams – Lisbeths Lieblingsthema bei der Mitarbeiterführung und so erfolgreich umgesetzt, dass sich die gute Stimmung im Haus auf die Kunden überträgt und diese den Umfrageergebnissen gemäß gerne wiederkommen.

Doch der beruflich gerade Weg Lisbeths wurde von ein paar Fehltritten begleitet. So beispielsweise von dem der Affäre mit einem der Konzernlenker. Aber das ist längst vorbei! Jetzt ist Lisbeth fest mit dem Bankangestellten Eckart Bücken liiert und Mutter des gemeinsamen Sohnes Max. Nur ihr Gesundheitszustand und die Intrigen ihres Stellvertreters machen Lisbeth zu schaffen. Relativ gelassen begegnet sie bisher der Doppelbelastung, die sich aus dem Job wie aus dem Privatleben ergibt. Doch sie spürt, dass die Jahre des harten geschäftlichen Alltags nicht spurlos an ihr vorüber gehen. Glücklicherweise – so sagt Lisbeth sich jeden Morgen – ist Max jetzt wenigstens volljährig und damit aus dem vielzitierten Gröbsten raus. Was aber nichts daran ändern, dass Lisbeth sich heute unkonzentriert und müde fühlt.

Die Filialleiterin schaut dennoch gemeinsam mit einer jungen, motiviert wirkenden Mitarbeiterin japanischer Herkunft die Bestandslisten der Weinabteilung durch und kontrolliert die Zahlen: „Der Null-Vierer läuft überhaupt nicht! Die ganzen Handzettelaktionen, die Flyer und die Radiospots haben nichts gebracht! Das kann man vergessen! Düsseldorf ist voller guter Werbeagenturen; aber die Konzernleitung drückt uns diese Versager aus Bremen aufs Auge, die Marken gestalten wollen und letztlich nur für Schlagzeilen in der Presse gut sind, weil sie mit ihren nicht eingelösten Zahlungsverpflichtungserklärungen unangenehm auffallen!“

Narumi pflichtet ihrer Chefin bei: „Stimmt schon! Geld zusagen und das Versprechen dann nicht zu halten ist unterste Schublade. Einen armen Schriftsteller zu betrügen, dessen Drehbuch als von der Werbeagentur erfunden auszugeben und damit hinter dessen Rücken cash zu machen, sein Leben zu zerstören, das ist unfassbar! Ich kann nicht verstehen, wieso der Konzern an dieser Agentur festhält oder überhaupt noch jemand mit dieser Betrügerbande arbeitet!“ – „Ihre Einstellung gefällt mir! Haben Sie das Thema in den Medien verfolgt? Knapp eine halbe Million Euro haben die Bremer erbeutet!“ – „Ich achte sehr genau darauf, was um uns herum passiert! Das habe ich von meinem Vater gelernt. Smartphone sei Dank ja unterwegs jederzeit möglich! … Wollen Sie den Null-Vierer aus dem Programm nehmen?“, schaut sie Lisbeth über die Schulter. „Weiß nicht ... was würden Sie tun, Narumi?“

Narumi Ishiguro ist nicht nur als einzige Japanerin bei WNP-Kauf eine Ausnahmeerscheinung innerhalb der Belegschaft. Ihre langen, schwarzen Haare unterstreichen die weichen Gesichtszüge; ihre bestechend schönen, dunklen Augen versprechen etwas Mysteriöses, ein Geheimnis, doch selbst nach intensivem Blickkontakt nichts über dessen Inhalt verratend. Lisbeth weiß sehr genau, was sie an der warmherzigen Asiatin hat: Liebevoll, Boden-ständig, ein wenig verrückt auch und schlagfertig ist sie seit drei Jahren eine große Bereicherung für das Team von WNP-Kauf. Sie will stets hinter die Fassade schauen; mit oberflächlichen Erklärungen gibt sich Narumi niemals zufrieden; sie denkt oft in komplexen Zusammenhängen, hinterfragt alles und analysiert gerne Verhaltensmuster von anderen Personen. Dies sehr schnell und damit allerbestens im Kontakt zu Kunden; auf deren Wünsche gezielt eingehen könnend. Die Marktleiterin hat den Ehrgeiz der vollständig in Deutschland aufgewachsenen 26-Jährigen schon früh entdeckt und ihren Beschluss, die praktische Ausbildung Narumis nach deren Studium zu fördern und ihre Position im Markt zu stärken, bis heute nicht bereut.

Die zierliche junge Frau ist eine Harmonie-bedürftige, sehr schlaue Person mit hohen Ansprüchen an den Charakter anderer Menschen. Damit, dass sie rege Anteil am Schicksal ihrer Mitbürger nimmt, hat sie viele Freundschaften im Kundenkreis und bei den Kollegen schließen können. Narumi sehnt sich nach Liebe, hat jedoch gleichzeitig Angst, enttäuscht oder gar verletzt zu werden und verzichtet daher lieber auf eine schnelle erotische Begegnung. Treffen dieser Art könnte sie andauernd verabreden. In puncto Kleidung ist Narumi – von ihren Freunden kurz Nana genannt – eine typische Düsseldorferin: Breit gefächert und jedem Anlass gewachsen. Sie engagiert sich gegen Tierversuche und hat deswegen ständig Probleme mit ihrem Vater, dem Vorstandsvorsitzenden eines Pharmakonzerns. Seine Vorschläge, ihr Berufsleben betreffend, hat Narumi stets verworfen: Auf eigenen Beinen stehen wollen; darin unterscheidet sie sich nicht von vielen anderen Frauen ihrer Generation. Nach dem Studium nah ran an die Menschen, rein in die Praxis, das war ihr Plan, den sie umgesetzt hat. Sie verheimlicht ihr reiches Elternhaus jedoch ihren Mitmenschen gegenüber und fühlt sich unwohl mit der Vorstellung, eventuell so werden zu können wie die zahlreichen Schicki-Tussis von der Königsallee. Denn sie könnte den Flitzer aus ihrem Sparguthaben bar bezahlen, von dem die aufgedonnerten Möchtegernmodels der City nur träumen. Dennoch: In Bezug auf ihre Familie hält Narumi dicht.

Und überlegt sich die Antwort für ihre Chefin genau: „Ich würde das Zeug aus dem Sortiment streichen! Nicht weiter gutes Geld schlechtem hinterherwerfen und noch mehr Werbekostenzuschuss verbraten.“ Lisbeth freut sich über den Entschluss ihrer Mitarbeiterin: „Gute Entscheidung! Machen wir so!“ – „Danke Boss!“ Narumi strahlt zunächst übers ganze Gesicht, merkt dann aber, dass mit Lisbeth etwas nicht stimmt: „Alles klar mit Ihnen? Ist irgendwas?“ – „Geht schon. ... Danke!“ Doch der Kalte Schweiß auf Lisbeths Stirn spricht eine andere Sprache. Narumi bleibt skeptisch: „Kann ich etwas für Sie tun?“ – „Ja, machen Sie weiter wie bisher! Seit Sie und Ihre Freundin Vanessa die Getränkeabteilung leiten, haben sie 14 Prozent mehr Umsatz gefahren. Gefällt mir! ... Wo ist Vanessa eigentlich?“ – „Keine Ahnung! Sich bestimmt wieder frisch machen. Macht sie ja ständig! Aber sie gleicht das aus, in dem sie länger bleibt, da achte ich drauf!“ Lisbeth lächelt: „Jetzt brauchen wir nur noch einen Weinfachmann! Aber heutzutage einen Sommelier zu finden, der in einem Laden wie dem hier arbeiten will, ist ziemlich schwer.“

Narumi: „Was ich nicht verstehe! Gegenüber der Gastronomie gibt es geregelte Arbeitszeiten. Um 22:00 Uhr ist Schluss! Viel besser als um weit nach Mitternacht die Schnapsleichen aus den Restaurants und Bars zu kehren und dann auch noch für den nächsten Tag einzudecken!“ – „Vielleicht sollten wir selbst eine Anzeige aufgeben und das nicht den Deppen aus Bremen überlassen, deren Kreativität gerade eben für Handzettel reicht. Der Umsatz bleibt auf jeden Fall unterhalb unserer Möglichkeiten.“ Lisbeth erkennt an den Listen, dass es dringend nötig ist einen Fachmann für den Wein zu finden. Da taucht Andersen auf. Sofort verfinstert sich der Gesichtsausdruck von Lisbeth und Narumi.

Dietmar Andersen, ein sportlicher nordischer Typ. Sein Markenzeichen: Im Kittel stets mit verbissenem Gesichtsausdruck unterwegs zu sein, abweisend wirkend; er ist kein Mann, auf den man sich gerne einlässt. Nicht, weil er schlecht aussieht – ganz im Gegenteil – aber seine verschlossene Haltung gepaart mit einer Spur Arroganz führt zu einer ihn umgebenden eisigen Aura, die den durchtrainierten Mann alles andere als anziehend macht. Ganz gleich, ob privat oder geschäftlich. Andersen ist ein eiskalter Karrierist, der über Leichen geht, aber nach oben hin buckelt und schleimt und intrigiert, was das Zeug hält. Dass dies so ist, weil der stellvertretende Marktleiter keinen Anschluss findet und sich einsam fühlt, davon weiß bei WNP-Kauf niemand etwas. Vor allen Dingen deswegen, weil sich keiner wirklich für den 35-Jährigen interessiert; dafür was ihn bewegt ebenso wenig wie was er privat treibt oder welche Sorgen er hat. Und erst recht nicht dafür, welches dunkle Geheimnis er in sich trägt. Wirklich; nicht nur in den Augen wie bei Narumi.

Andersen hat offensichtlich den letzten Satz Lisbeths beim Reinkommen gehört: „Wenn ich den Laden führen würde, dann hätten wir längst jemanden gefunden!“ Lisbeth reagiert genervt: „Herr Andersen, ich weiß, dass Sie auf meinen Job scharf sind, das müssen Sie mir nicht bei jeder nur denkbaren Gelegenheit aufs Brot schmieren.“ Krusche ignoriert Lisbeths Bemerkung: „Soll ich beim Arbeitsamt anrufen?“ – „Um einen Job für Sie, für mich oder einen Weinfachmann zu finden?“, erwidert Lisbeth angriffslustig. „Bisschen runter mit den Nerven? Schlecht! Ganz schlecht fürs Geschäft! Aber das wissen Sie sicher selbst! Erfahren genug sind Sie ja!“, kontert der Stellvertreter. Narumi mischt sich ein: „Nicht aufregen, Chefin! So is'ser eben, Ihr Herr Kollege!“

Der nimmt daraufhin die Mitarbeiterin ins Visier: „Und Ihnen stopf' ich auch noch Ihr loses Mundwerk!“ Narumi lässt den Vorgesetzten einfach stehen. In Momenten wie diesen ist sie froh, durch ihr Geld und ihren Vater mehr als wirtschaftlich abgesichert zu sein, wenn sie ihren Job verlieren sollte; da verdrängt sie alles, was sie an der Pharmaindustrie auszusetzen hat. Aber nur für einen ganz, ganz, ganz kurzen Augenblick. Andersen versteht und geht: „Wir sehen uns!“ Lisbeth wendet sich wieder an Narumi: „Keine Sorge, den halt' ich schon auf Abstand. Ist ja kein schlechter Mann, nur menschlich irgendwie ... naja, ich sag besser nichts, gibt eh nur wieder Ärger. Nochmals aber an Sie: Gute Arbeit! Weiter so!“ Lisbeth reicht Narumi die Listen und greift nach ihrem Mobiltelefon. Sie bemüht sich um ein Lächeln, doch als sie sich von Narumi abwendet, um den Getränkeshop zu verlassen, wird Lisbeths Gesicht ernst und wirkt plötzlich wie um Jahre gealtert.

Kai, Jenny und die Königsallee

Die Königsallee ist der Mittelpunkt des Großstadtlebens von Düsseldorf; so, wie etwa der Kurfürstendamm für Berlin. Alles ist erhältlich: Aufmerksamkeit, Arroganz, Empathie wie Ablehnung, arm und reich. Juwelen, Stereoanlagen, Fernseher und Handies der Luxusklasse, Aktien, Schönheit per Fettabsaugung, Schmuck, neue Zähne, Schönheit durch Faltenglättung und Botox, neue Haare zum Ausgleich verlorener Haarpracht bei den Männern und hair extensions für die Frauen, Rasierer, Mode für Herren, Mode für die Damen und die Kids, noch mehr Mode bis zum Bersten der Kleiderschränke. Mode, Mode, Mode bzw. Fashion, Fashion, Fashion, das sind Düsseldorf und die Kö. Nicht nur in Form von Büchern, als eBook, als Paperback oder Hardcover bis hin zum Einband aus Leder zu haben sind Geschichten: Über Affären, Liebe und Hass, Intrigen und neueste Gerüchte, den warmen Abriss verschuldeter Modegeschäfte – wieder Mode; in Düsseldorf geht es nicht ohne – unterhalten sich die Damen beim Gassigehen mit ihren überall hinpinkelnden Edelkötern und die Herren in Konferenzzimmern oder Zimmern der Begegnung horizontaler Art. Bilanzen werden gestaltet; Geld verschoben, Business auf die Spitze getrieben. Bis zum Feierabend, zu dem meist ein leckeres Altbier beim ‚Uerige‘ in der benachbarten Altstadt getrunken wird. Immer mit dem Attribut „lecker“ versehen; als müssten sich die Düsseldorfer bei jedem Schluck ins Gedächtnis rufen, dass ihnen ihr dunkles, obergäriges Bier auch tatsächlich schmeckt.

Auf ihren 852 Metern Länge bietet die Pracht- und Einkaufsmeile mit ihrer Vielzahl an Niederlassungen international bekannter Modelabel ein echtes Gegenprogramm zum Einkaufszentrum WNP-Kauf. Die Glitzerwelt mit ihren Flagship-Stores auf der Ostseite und der Bank- und Büropaläste auf der Westseite unterscheidet sich gravierend von Lisbeths Reich. Die weltweit als Shoppingparadies bekannte Königsallee erhielt ihren Namen um 1854 als Wiedergutmachung für das Pferdeäpfel-Attentat auf den preußischen König Friedrich Wilhelm IV. Die Westseite hörte bis zum 14. Februar 1905 auf den Namen Canalstraße. Nach der Umbenennung siedelten sich dort neben den Banken das Görres-Gymnasium und das WZ-Center an. Von da an begann der Aufstieg der liebevoll Kö genannten Straße zum Luxus-Boulevard. Fast majestätisch anmutend erheben sich die Kastanienbäume rechts und links vom Kö-Graben, in dem die Düssel ihre Bahn zieht. Zumindest sieht es so aus. Gesäumt von jeweils zwei Flanierbürgersteigen pro Uferseite sind die beiden Fahrspuren angeordnet, auf denen vor allem am Wochenende ein Sehen- und Gesehenwerden der Sportwagen und Luxuslimousinen zelebriert wird, die sich um Parkplätze vor den Gastronomiebetrieben balgen.

Obwohl diese von der Bevölkerung nicht als Ersatz für die längst verblichenen, aber unvergessenen Lokale Benrather Hof, Café Eicken oder Café König gesehen werden sind sie doch voll besetzt; wenn auch überwiegend von Touristen und Messegästen der Landeshauptstadt. Sie alle erfreuen sich eines gehobenen Umfelds in Look and Feel sowie Fassaden aus z.B. Glas, Granit und goldfarbenem Edelmetall, hinter denen tatsächlich noch echte Familienunternehmen ihre Waren anbieten: Das Restaurant La Terrazza mit dem Blick über die Kastanienbäume hinweg zum Beispiel, die Stadtparfümerie Pieper, die Schmuckmanufaktur Jafarov oder das Lifestyle- und Living-Unternehmen Franzen sind vom Namen her Legenden.

Die Malls Kö-Galerie und Kö-Center sowie die Fünf-Sterne-Luxushotels Breidenbacher Hof, Steigenberger Parkhotel und InterContinental bringen nicht nur Glanz und Glamour, sondern dazu viele prominente Gäste, Fürsten und Scheichs, Asowie C-Promis an die Königsallee. Als Krone derselben gilt seit seiner Eröffnung im Jahr 2013 das vom New Yorker Architekten Daniel Libeskind entworfene, zweiteilige Gebäudeensemble Kö-Bogen. Mit diesen Häusern erhält das Nordende der berühmten Einkaufsstraße sein historisches Gesicht zurück: Der Landskrone genannte, von der Düssel gespeiste Weiher wurde nun wieder an die Königsallee angebunden; möglich geworden durch die Verlegung einer Querstraße unter die Erde. Dadurch konnte der südliche Ausläufer des Hofgarten-Parks bis an die Kö herangeführt und somit die Situation annährend wiederhergestellt werden, die der Gartenbaumeister und Stadtplaner Maximilian Friedrich Weyhe in den Jahren seines Lebens zwischen 1775 und 1846 geschaffen hatte. Der hätte sich bestimmt erfreut an der Neugestaltung des Kö-Bogens: Einerseits das Haus Königsallee mit Büros und Läden; andererseits das Haus Hofgarten mit der Düsseldorfer Niederlassung des Lifestyle- und Fashion-Kaufhauses Breuninger. Dessen Department Store wirkt als Publikumsmagnet und zieht die Leute nicht nur in Sachen Fashion an. Als Krönung der Erneuerung dieses Quartiers aus Sicht des Gartenbaumeisters dürfte dieser den im historischen Kontext überarbeiteten Corneliusplatz verstehen; dessen Mitte ergänzt um den Schalenbrunnen.

Die ‚Sansibar by Breuninger‘ im Kö-Bogen gilt dagegen als Ort der Glücksseligkeit für die Gourmets gleich des ganzen Rheinlandes. Steaks von Rindern aus dem Hochland von Argentinien, Weine und Drinks, die eigentlich für Normalbürger unbezahlbar, dafür aber gut sind sowie natürlich die berühmte Currywurst, die der aus Schwaben stammende Koch und Sansibar-Gründer Herbert Seckler mit einer markanten Sauce zu einem unverwechselbaren Genuss veredelt. Immer wieder sind im ersten Festland-Ableger der berühmten ‚Sansibar‘ auf Sylt aus dem Gemisch unterschiedlicher Sprachen der Gäste aller Nationen von Begeisterung geprägte Kommentare zu hören; nicht nur was Breuninger angeht, sondern auch in Bezug auf die Gestaltung der von begrünten Cuts unterbrochenen Fassadenverkleidungen des mehrfach preisgekrönten Gebäudes aus hellem Naturstein. Im Grundriss ein Bogen, im Aufriss auf- und absteigende Kurven. Der Kontrast von harten Wellen mit weichen, aus Sicht des weltbekannten Architekten fast wie Stoff anmutenden Formen, schafft die inhaltliche Verbindung zur Modestadt Düsseldorf.

In den Augen sachverständiger Zeitgenossen gilt das Kö-Bogen-Gebäudeensemble eben deswegen als die Krone der Königsallee. Aber es bietet zudem ganz pragmatisch rund 680 Meter Schaufensterfläche: Etwas, woran sich Jenny zum Leidwesen von Kai gar nicht satt sehen kann und immer noch daran klebt, während er längst einen Platz in der Trattoria Palio Poccino in Beschlag genommen hat. Die aus edlen Hölzern gezimmerte Außenmöblierung zeugt von Geschmack und Stilsicherheit der Innenarchitekten des italienisch-deutschen Geschäftsführergespanns, auf dessen jahrzehntelanger Zusammenarbeit in den benachbarten Schadowarkaden das Palio Poccino aufbaut. Über neueste Internetzugänge und dezente Flatscreens bleiben die Gäste mit den Ereignissen der Welt in Verbindung. Das über drei schmale Etagen angeordnete Restaurant bietet Raum für vertrauliche Business-Talks: Ob sie alle so sauberen Inhalts sind, wie das edle Mobiliar poliert? Diskretes Liebesgesäusel findet abends statt in der weltstädtisch-eleganten Cocktail-Bar. Das Palio Poccino innerhalb des Kö-Bogens wird als Hotspot der Metropole am Rhein zu jeder Tageszeit von vielen Fans besucht; auch der Düsseldorfer Kai Klesper liebt den Blick über die zum Hofgarten-Park angelegten Terrassen und das dazwischenliegende Teilstück der Düssel. Gerade jetzt, im Sonnenschein und zu den angenehmen Temperaturen eines Spätsommertages, kann er sich nicht satt sehen an den Menschen, ihren Auftritten und der Location. Er schmunzelt, als ihm dabei das Zitat des Kabarettisten und Düsseldorfer Urgesteins Manes Meckenstock in den Sinn kommt: „Wissen Sie, was der Lieblingssport der Düsseldorfer ist? Na, 400 Meter blöd gucken – auf der Kö!“

Volles Haar, ein kräftig durchtrainierter Körperbau von rund 1,83 Meter mit der breitschultrigen Statur eines Schwimmers, stahlblaue Augen in einem Gesicht mit jungenhafter Ausstrahlung samt Dreitagebart und in diesem verlockend-heißen Gesamtpaket gerade einmal 25 Jahre jung. Doch trotz der Schönheit des attraktiven Düsseldorfers hätte Jenny trotzdem nicht mehr als einen flüchtigen Blick für Kai übrig, wenn er nicht auch aus wohlhabendem Hause stammen würde, stets seine Kreditkarte mit sich führen würde und mit seinem zweisitzigen Cabriolet Stuttgarter Herkunft immer für einen entsprechend mondänen Auftritt gut wäre. Kai Klesper ist der einzige Sohn eines Bauunternehmers und dessen Gattin: Von Beruf Student, in erster Linie aber Sportwagenliebhaber, Frauenliebhaber, Spaßliebhaber – nur mit dem Arbeiten hat es der gutaussehende Blonde nicht so. Die Uni und das Architekturstudium sind Nebensache; die Übernahme des väterlichen Unternehmens sei ihm sowieso sicher, so Kai in seiner Überzeugung. Dass er hin und wieder mit seinem Vater wegen finanzieller Dinge aneinandergerät, daran hat Kai sich gewöhnt. Dass seine Mutter ihn immer wieder in Schutz nimmt und sein Konto füllt, hilft immens weiter. Aber Kai sammelt Pluspunkte im Altenheim, wo er – etwas verspätet, weil er zuvor immer versucht hat sich davor zu drücken – seinen Zivildienst leistet. Mit den alten Damen dort kommt er gut klar. Sie lieben den Sonnyboy und seine entspannt lockere Laune, die ihm scheinbar niemand verderben kann.

Aber diese scheint Kai ausgerechnet am Kö-Bogen dann gerade doch zu vergehen: Drei junge Männer – ganz offensichtlich männliche Models – nähern sich Jenny und baggern sie unverhohlen an. Obwohl Kai nicht mithören kann und mit welchen Sprüchen die Jungs bei seiner Freundin landen wollen, wird er sauer. Jenny entgeht das nicht; sie freut sich über seine unübersehbare Missbilligung, kommt dann aber auf ihn zu und setzt sich neben den Freund: „Eifersüchtig?“ – „Auf wen? Auf die Milchbubis da?“ Kai schüttelt lachend den Kopf. Jenny streicht sich ihre Haare aus dem Gesicht, beugt sich zu ihrem Freund und küsst ihn lange und intensiv vor dem Publikum der voll besetzten Terrasse. Kai genießt das Leben an der Seite seiner Freundin Jenny aus vollen Zügen.

Hat es damit zu tun, dass die 27-jährige modelhafte Schönheit aus einer alten Adelsfamilie stammt oder schlicht damit, dass sie zu den Aufsehen-erregendsten Frauen der Rheinmetropole gehört? Ein makelloses Gesicht, rotbraune Haare, die bis zum Ende ihres Rückens reichen, ellenlange Beine und einen Körper wie ihn der liebe Gott besser proportioniert nicht hinbekommen hätte können. Dazu passend eine Eleganz in der Bewegung, durch die allein sie wie ein Filmstar wirkt; ein gewisses Maß an Glamour auch dadurch ausstrahlend, in dem sie sich geschmackvoll und teuer kleidet. Die Auslagen im Schaufenster des Department Stores im Kö-Bogen jedenfalls üben einen magischen Reiz auf Jenny aus, den sie mit einem Glas aus der Champagnerbar vor dem Modehaus auszukosten versteht. Die Studentin der Betriebswirtschaft muss sich weder um Geld noch um ihre Zukunft sorgen, denn die Familie der jungen Adeligen aus der Düsseldorfer Hochfinanz gehört zu den reichsten Dynastien der Stadt. Was dazu führt, dass Jenny eher überlegt mit wem sie sich sehen lässt als was sie anzieht. Mit dem Glas Schampus in der Hand betrachtet sie die neuesten Kleider aus Paris; nicht ohne jedoch auch Kai Klesper im Auge zu behalten. Aus ihrer Sicht genau der richtige Begleiter derzeit. Exakt der richtige Moment, diesen Augenblick mit einem Paar-Selfie auf Instagram zu posten.

„Neue Treter brauch ich auch noch! 25.000 Paar Schuhe bei Breuninger wollen von mir entdeckt werden!“ – „Wenn es unbedingt sein muss! Aber erst noch einen Drink, okay?“ Jenny nickt und sortiert anschließend ihre bisher schon stattliche Beutesammlung, also die zahlreichen Einkaufstüten. Kai winkt den Kellner heran; die junge Frau dabei verliebt anhimmelnd und nicht aus den Augen lassend. Was sie erwidert. Es knistert spürbar. In diesem Moment achten weder Kai noch Jenny auf den kleinen Jungen, der am Nachbartisch mit einer Eiskugel kämpft. Die will offenbar nicht so wie er, und so landet die Kugel auf Kais Hosenbein.

Kai ist not amused: „Ey! Was soll das denn? Scheiße Mann, Kinder! Gehen ja gar nicht!“ Zunächst sieht es so aus, als wolle er dem kleinen Kerl eine scheuern, aber als Kai in die ängstlichen Augen des kleinen Jungen schaut, reißt er sich zusammen. Dessen Mutter will mit einer Serviette helfen. Kai jedoch wiegelt ab: „Macht doch nichts! Wozu gibts Reinigungen?“ Der Mutter aber ist die Lage unangenehm: „Tut mir leid! Soll ich Ihnen das Geld dafür geben?“ – „Nein, muss nicht! Lassen Sie's gut sein!“ Dann blickt er auf die Uhr, schreckt auf. Jenny: „Was ist?“ Kai bedauernd: „Shit, wir können doch nicht bleiben! Die Mädels warten!“ Jenny seufzend: „Die Mädels ... na klar, wer sonst?“ Auch wenn's ihr schwerfällt: Sie nimmt ihre Tüten, gibt Kai noch einen fetten Kuss und geht mit ihm zu seinem teuren Sportcabriolet, das in den Parkbuchten vor dem Steigenberger Parkhotel auf seinen Halter wartet; unmittelbar neben dem Kö-Bogen. Ein privilegierter Abstellplatz, wie ihn nur die Reichsten und Schönsten der Stadt in Anspruch nehmen dürfen. Wozu eben auch Kai gehört. Der Kö-Bogen, Düsseldorf und das Palio Poccino – das ist Kais Heimat; hier ist er zu Hause! Hier, mitten in der schönsten Stadt am Rhein, sind seine Wurzeln und nichts und niemand – so ist der gutaussehende Düsseldorfer felsenfest überzeugt – kann daran etwas ändern.

An dem Parkhotel mit der unvergleichlich exklusiven Anschrift Königsallee 1A, vor dessen Portal sein Sportcabrio parkt, klingelt Kais Smartphone neuester Prägung: „Hallo?“ Eine junge Frau ist am anderen Ende der Leitung: „Kai?“ – „Ja? Wer ist da?“ Er erkennt die Anruferin sehr wohl, will aber nicht wahrhaben, dass er sich in diesem Augenblick mit ihr auseinandersetzen soll. Mit der Funkfernbedienung öffnet Kai das Sportcabrio für Jenny, die bereits vom Doorman des 1902 fertiggestellten und mit seiner feudal gestalteten Prunkfassade beeindruckenden Grand Hotels erwartet wird. Sie reicht ihm die Einkaufstüten, die der Angestellte zuvorkommend im Kofferraum des Luxusautos mit Kais Initialen im Kennzeichen verstaut. Der führt indes sein Gespräch fort; sein Gesicht vermittelt Anspannung und Widerwillen: „Ja?“ – „Mareike hier!“ – „Mareike?!? Lange nichts von Dir gehört.“ Die kommt sofort zur Sache: „Kai, ich habe nicht viel Zeit, ich muss eine Zeitlang nach Italien!“ Der unterbricht; er hat absolut keine Lust, mit Mareike zu sprechen: „Glückwunsch! Ja, ehrlich, find' ich mega! Nur … was habe ich damit zu tun? Du rufst doch sonst nie an, um mir von Deinen Erfolgsgeschichten zu erzählen!“ Doch dann ergreift eine Vorahnung Besitz von dem jungen Düsseldorfer: „Moment, Du willst doch nicht jetzt irgendwie auf die Kleine hinaus?“ – „Ich werde Marie zu Dir bringen! Für ein paar Wochen! Du hast Dich sechs Jahre lang um die Verantwortung für Deine Tochter gedrückt! Jetzt bist Du an der Reihe, ganz einfach!“ – „Hat doch bisher auch ohne mich funktioniert!“

Kai bemerkt, dass Jenny langsam ungeduldig wird. Mareike wird aggressiv als sie realisiert, wie entspannt abweisend der Erzeuger ihrer Tochter ihrem Anruf begegnet: „Sicher! Aber vielleicht kannst selbst Du Dir vorstellen, dass auch ich mein Leben nach vorne bringen und mich weiterentwickeln möchte! Und abgesehen davon – Dein Vater zahlt auch nichts mehr! Seit drei Monaten ist das Geld für Marie ausgeblieben! Das geht so nicht weiter!“ Kai erkennt, dass es Mareike sehr ernst ist. In diesem Moment fährt ein italienischer Hochleistungssportwagen vor und lässt seine zwölf Zylinder dermaßen martialisch aufbrüllen, dass die Porzellantässchen der Gäste auf der Terrasse des Grand Hotels klirren und das Telefonieren unmöglich wird. Kai nutzt die Chance: „Mareike? Hörst du mich noch? Ich kann Dich nicht mehr verstehen! Ich melde mich später, okay?“ Kai beendet das Gespräch abrupt, schaltet sein Smartphone komplett aus und tritt mit einem ‚Gerade noch mal gut gegangen!‘-Gesichtsausdruck zu Jenny: „Sorry, die Mädels werden schon ungeduldig. Die Heimleiterin war dran!“

Abschied?

Das Altenheim hat seinen Sitz in einem ehemaligen Schloss unweit des wohl ältesten Stadtteils Düsseldorfs – Gerresheim. Kai fährt mit seinem Sportcabrio rasant durch die Allee zu dem alten dreigeschossigen Hauptgebäude, das im rückwärtigen Teil um moderne Anbauten ergänzt wurde, aber sein Altrosa auf der Fassade behalten durfte. Damit erinnert es an Schloss Benrath oder Schloss Jägerhof, die jeweils für sich als beliebte Sehenswürdigkeiten der Stadt gelten. Einige ältere Menschen sind im Park unterwegs; teils mit, teils ohne Begleitung. Kai bremst vor dem Haus ab, steigt aus dem Wagen und eilt ins Haus. Im Foyer wird der Sonnyboy bereits von Oberschwester Hannelore erwartet. Sie ist genauso ein Typ Pflegekraft, wie man ihn sich seit dem Debüt der Schauspielerin Eva-Maria Bauer in der Rolle der Oberschwester Hildegard aus der ‚Schwarzwaldklinik‘ vorstellt: Stabil gebaut, die Hände auf die Hüften gestützt und einen Gesichtsausdruck aufsetzend, der sie zum Schrecken jeder Geisterbahn qualifiziert. Entsprechend ruppig fällt die Begrüßung aus: „Wieso kann jemand, der so ein schnelles Auto fährt, nicht pünktlich zum Dienst erscheinen?“ – „Oberschwester, tut mir leid, dringende Verpflichtungen! Aber jetzt gilt: Nur der Zivildienst zählt!“ Mit einer entwaffnenden Freundlichkeit aufgetischte Worte, untermalt von einem unterwürfigen Augenaufschlag: „Können Sie diesem Jungen ernsthaft böse sein?“ – „Ich glaube Dir kein Wort! Nicht eine einzige Silbe davon!“ Doch ihrer Erwartung, dass Kai sich auf eine Diskussion mit ihr einlässt, entspricht der Spät-Zivi nicht; von einer auf die andere Sekunde ist Kai Klesper durch eine Tür verschwunden. Hannelore setzt ihren Weg kopfschüttelnd fort.