Was soll das sein? - Kurt Fallnbügl - E-Book

Was soll das sein? E-Book

Kurt Fallnbügl

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Beschreibung

Eine Reise auf eine kleine aber feine Azoreninsel steht im Vordergrund aber nicht im Mittelpunkt dieses Essays. Da ergeben sich Begegnungen und Betrachtungen und tiefschürfende Erörterungen. Und keine Berührungsängste mit heißen Eisen, welche Dichter und Denker gern rechts liegen lassen oder nur mit Glacéhandschuhen anfassen das heißt Respekt und Toleranz und Poesie selbstverständlich.

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Seitenzahl: 85

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Zugegeben, ich bin nicht armutsgefährdet sondern wirklich arm, zumindest nach der Definition von Gutmenschen und Armutsexperten, dafür kann ich Montag bis Freitag machen was ich will (es darf halt nicht viel kosten!) und die Wintermonate November, Dezember, Jänner fast jedes Jahr in Übersee verbringen.

Dort darf es halt auch nicht viel kosten aber gut und günstig über die Runden zu kommen bzw. das beste vom billigsten zu suchen und finden schafft schon mal Einsicht in Land und Leute (und sich selbst!).

Ich habe ein billiges Zimmer-Kuchel-Kabinett mit indischem Klo (jenseits des Ganges!), kein Auto und vor allem keine Familie am Hals.

Und einen sicheren Arbeitsplatz als Jäger und Sammler am Wochenende wenn freie Bahn ist und fettere Beute als unter der Woche im Stau.

Sogar über den Sinn des Lebens kann ich mir Gedanken machen, meines wohlgemerkt.

Und dass das Leben keinen Sinn hat (außer sich sinnlos zu vermehren!) ist Voraussetzung, dass man ihm einen geben kann.

Lebensqualität hängt also nicht von Wohlstand ab oder gar Reichtum (obwohl ganz arm wär blöd!) nur pumperlgesund sollte man sein.

Und allzeit bereit sich Übersicht zu verschaffen und Fertigkeiten, um die Welt begreifen und ihr einen Haxen ausreißen zu können.

Das nennt sich Bildung und ist in Europa zumindest weitgehend gratis aber nicht umsonst.

Weitgehend umsonst (für den Cursus Honorum) aber nicht gratis ist was sich da Reisen nennt.

Da darf man wohl erwarten gute Laune und Unterhaltung und bezaubernde Begegnungen und keine Scherereien mit der Wirklichkeit oder dass einem gar fad wird.

So kostet eine zweiwöchige Studienreise etwa nach Brasilien soviel wie ich dort in drei Monaten nicht ausgebe.

Inklusive Besuch in einer fröhlichen Favela (auf eigene Faust und ohne ausdrückliche Bewilligung des Drogenbarons nicht zu empfehlen!) wo man armen Negerkindern ökologisch nachhaltige Filzstifte überreichen und die Befriedigung mit nach Hause nehmen kann, das Land nicht nur wunderbar kennengelernt sondern nebenbei etwas Gutes getan und auch noch Spaß gehabt zu haben.

Das alles läßt sich cool von der Couch aus dem Hochglanzkatalog buchen.

Ohne Beherrschung der Landessprache und eine solide Verweildauer bleibt man an der netten aber nebbichen Oberfläche, das lohnt den Aufwand nicht.

Es brauchen ja nicht gleich 20 Jahre sein wie bei Demokrit (6. Jahrhundert vor) oder Marco Polo (13. nach Christus).

Und es gibt Reiseschecks bzw. Bankomatkarte und Kranken- und Unfallversicherung der Ärzteflugambulanz.

Da tun es auch drei Monate, wenn man sich nicht zu viel vornimmt.

Zuerst einmal muß man wissen, wohin.

Und noch wichtiger:

Warum?

Was für fabelhafte Bilder tun sich da auf?

Das setzt voraus, daß man sich kennt und das wieder eine gewisse Unerschrockenheit.

Am liebsten treibe ich mich in Südamerika herum, mit meinem polternden Spanisch halten sie mich aber nur in Chile für einen Inländer.

Flott und flaumig rutscht dafür ein gewienertes Portugiesisch von der Zunge da könnte ich mich in Brasilien frei bewegen, vorausgesetzt man könnte sich in Brasilien frei bewegen.

Auch das lusophone Afrika ist heißes Pflaster (und fast noch ein Lichtblick in diesem Herz der Finsternis!).

Kap Verde speziell Mindelo auf São Vicente war schon mal Thema („Wo Gott wohnt“, 2007), was einen weiteren Besuch nicht ausschließen würde, wären nicht die so gut wie denkmalgeschützten Kaffeehäuser dort für Bars und Boutiquen und Bio-Frisiersalons hingeopfert worden.

Da bieten sich die Azoren an, lockt das gemäßigte Klima, denn tropische Hitze tagein nachtaus kann einem schon zermürben.

Die Temperaturen dort gehen selbst im Winter nicht unter zehn Grad plus (dann allerdings auch selten darüber!), was mit dem kalten Wind den Aktionsradius auch nicht gerade erweitert.

Also will ich diesmal nicht während der klassischen Wintermonate sondern von April bis Juli verreisen. Fragt sich nur, welche von den neun Inseln es denn sein soll.

Die größte und dem Kontinent am nächsten liegende Insel São Miguel lebt vom Fremdenverkehr, das soll kein Vorwurf sein, das kommt in den besten Gegenden vor. Der Tourist hat sein gutes Recht auf faszinierende Kulissen, dafür sich ja den Arsch aufgerissen das ganze Jahr.

Auf den kleinen Eilanden am westlichen Rand der Inselgruppe wohnen nur paar hundert Leute, da kann die Zeit schon sauer werden oder auch nicht wahrscheinlich aber schon.

Faial ist mit 13.000 Einwohnern nicht groß und nicht klein und nicht weit von der Insel Pico mit dem gleichnamigen Berg und höchsten von Portugal (2.351 Meter) und seit dem 15. Jahrhundert durchgehend besiedelt.

Im 18. Jahrhundert kamen die Handelsschiffe und Walfänger aus aller Herren Seeländer und im 19. Jahrhundert die ersten unterseeischen Überseekabel und Anfang des 20. Jahrhunderts die ersten transatlantischen Wasserflugzeuge der PanAm und wo sie gelandet und gestartet sind, breitet sich heute die viertgrößte Yacht-Marina der Welt weit hinaus in die Bucht.

Es ist nämlich Brauch auf der Nordatlantikroute zwischen Europa und der Karibik auf dieser Insel Station zu machen, um sich am Kai mit einer originellen Inschrift zu verewigen und im Café Sport einen Gin zu genehmigen oder mit Superbock volllaufen zu lassen.

(Mindelo auf den Kapverden war auch einmal Knotenpunkt für Transatlantikkabel und den Schiffsverkehr nur halt den Südatlantik.

Dort treffen sich die Weltumsegler in der Bar des Hotels Porto Grande am Ende der gleichnamigen Bucht, die offiziell und unbestritten zu den schönsten Buchten dieser Welt gehört.)

So eine Insel im Atlantik noch dazu in der Eurozone ist nicht gerade ein Schnäppchenparadies, das heißt ein privates Quartier muß her.

Mit dem Internet ist das kein Problem heutzutage und prompt wird mir und günstig auch noch ein entzückendes Häuschen angeboten.

Normal ist das nicht, dass man so schnell Erfolg hat, es ist sogar die Ausnahme, eben großes Glück aber soll man es deswegen durch die Lappen gehen lassen?

Der Flug kostet halb so viel wie nach Brasilien und dauert halb so lang und man landet auch nicht im Inferno, sondern auf einer schmalen Piste in grüner Flur neben dem Meer und spaziert wie in alten Zeiten vom Flugzeug in die Halle, wo schon Matilde wartet, die Vermieterin.

Und was sie mir da nicht ohne Stolz übergibt ist kein Schloß aber ein Schlössel allemal, ein Chalet über der Stadt dezent im Schilf am Rand einer immergrünen Wiese genau wie auf dem Foto, nur noch schnuckeliger.

Eine große Terrasse und die gläserne Hauswand garantieren den geraden und immerwährenden Blick auf den Pico.

Sogar auf dem Klo steht einem dieser ehrenwerte Ex-Vulkan immer vor Augen, sofern ihn nicht Wolken verhangen.

Gleich unter der immergrünen Wiese beginnt das Stadtgebiet und paar Minuten weiter steht das erste Kaffeehaus.

Und bald das nächste und das nächste und der kleine Schwarze kostet grundsätzlich 65 Cent.

Außer im Café Marina paar Schritte weiter, die verlangen glatt 70 Cent.

Allerdings ist der Schanigarten ein geräumiges Argument.

Im Café Internacional paar Schritte weiter an der Praça do Infante kostet er gar 80 Cent. Aber wenn man den Schanigarten sieht, lenkt man ein.

Gleich daneben das Café Volga hat eine bewegte Geschichte aber keinen Schanigarten.

Der erste Eindruck ist:

Zu schön, um wahr zu sein.

Also kann es nur mehr bergab gehen.

(Sonst schnappt man ja über!)

Aber eines steht fest:

Hier wohnen keine armen Leute.

Kein Haus ist unverputzt oder vernachlässigt. Und die paar mehrstöckigen Klötze könnten auch in Wien stehen, sogar in ausgesprochenen Nobelhieben.

Amtsgebäude und Kirchen schauen aus wie in Brasilien nur sind die Häuser dort permanent im Rohbau und Mistkübel ein Exotikum.

Und hier wird man auch nicht auf Schritt und Tritt von Klangwolken geschluckt und zerschmettert.

Seit der „Nelkenrevolution“ 1974 bilden die Inseln eine autonome Region und amtiert die Regierung der Azoren in Ponta Delgada auf São Miguel (154 Seemeilen à 1.852 Meter entfernt), während das Parlament der Azoren hier in Horta tagt, der Hauptstadt von Faial, was wieder die Reisewirtschaft befruchtet.

Auf den zweiten Blick fallen die Vermächtnisse der Dabneys aus dem Renaissance-Rahmen (nicht aus dem Stadtbild!), einer US-amerikanischen Konsuls- und Kaufmannsdynastie, die Horta während des ganzen 19. Jahrhunderts einen wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwung bescherte (ohne selbstverständlich dabei ihre kulturimperialistische Agenda zu vernachlässigen!).

Dann gibt es eine Universität mit dem Institut für Ozeanographie, eine moderne Stadtbibliothek und ein Musikkonservatorium, dessen Absolvent(inn!)en im Auditorium der Bibliothek oder im ausverkauften Teatro Faialense aufspielen (Schubert, Beethoven!).

Hinter der Marina liegen Fischerkähne verstreut im ruhigen klaren Wasser und in der anderen Hälfte der Bucht ankern die Fähren zu den Nachbarinseln und manchmal eine Fregatte der portugiesischen Marine und sogar ein Kreuzfahrtschiff mit fast 3.000 Menschen an Bord.

Bis diese schwimmende Ferienfabrik schnaufend und hustend eingeparkt hat, vergeht fast eine Stunde und mit dem Einsatz der Sirenen wird auch nicht gekleckert.

Wer aber die High Society erwartet oder wenigstens obere Mittelschicht, die hier von Bord stakst, wird sich wundern.

Am meisten wundere ich mich wieder einmal über mich selbst.

Sitze da auf einem Bankerl an der Uferpromenade, wo die Kreuzfahrer paarweise antreten zu ihren organisierten Ausflugstouren, also dem Café Sport und zurück und fällt mir gar nicht ein, dass da ein kleiner aber feiner Fotoapparat mit vollem Akku und Platz für 70.000 Bilder in meiner Brusttasche steckt, den ich ungeniert, da alle Passanten ständig drauflosknipsen, hätte befummeln können und die Bilder in eine Galerie hängen (und meinen Taxler-Boulette an den Nagel!?).

Schon ihre Kleidung zeigt das ganze Elend und dabei versuchen sie krampfhaft unbeschwert und durchaus erfolglos die Klischees auszufüllen, die sie sich da angetan haben.

Und so luftig können sie auf den Bermudas an Land gehen mit ewig frischem Sonnenbrand, aber hier hat es gerade 15 Grad und der Wind zieht die „sensação termica“ weiter hinunter.

Gerade die faulen bzw. an prominenten Stellen überhaupt luckerten Zähne so mancher Hochseefrischler offenbaren es, wie Bedürfnisse ja Notwendigkeiten zurückgestellt werden, um sich einmal diesen unwiderstehlichen Traum zu verwirklichen, als menschliche Sardine geschlichtet herumgegondelt animiert zu werden rund um die Uhr, verwöhnt und abgelenkt. Von was denn?

Der Aussicht auf ein Bankerl, das sie bald reißen werden!

Und frage nicht, wie es da zugeht an Bord, wo auf paar Kubikmeter die halbe Bevölkerung von Horta zusammengepampft ist!

Habe ich schon erwähnt, daß hier in Horta (im Sommer!) nicht einmal 7.000 Menschen leben?

Dabei war das noch der weniger fußmarode Teil der Kreuzfahrer.

Der pflegmatische Rest mit niedrigem Blutdruck und fadem Aug genießt eine traumhafte Inselrundfahrt in bummvollen Bussen und braucht nur seine Full-Videokameras gegen die Scheiben zu pressen.

Die Azoren sind nicht gerade berühmt für traumhafte Strände und das ist auch ihr Glück.