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Vergeben. Annehmen. Loslassen. Fähigkeiten, die für ein gutes Leben essenziell sind, so hören wir von unterschiedlichen Seiten. Nichts weniger sei also zu tun, als seinen Feinden zu vergeben, bitteres Leid zu akzeptieren und manchmal sogar seine Liebsten loszulassen. Wie aber soll das gehen? Keiner kann zuverlässig Rat geben. Dies ist die Geschichte von drei Frauen, die versuchen, sich mit dem ertragenen und gesehenen Leid zu versöhnen. Und was ist der Lohn für diese Mühen? Er kommt später, ganz bestimmt.
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Seitenzahl: 150
Veröffentlichungsjahr: 2023
ERNA KÄPPELI
Was uns noch blieb
Roman
© 2023 Erna Käppeli
Umschlag, Illustration: Erna Käppeli
Lektorat, Korrektorat: Anne Paulsen
Druck und Distribution im Auftrag der Autorin: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Deutschland
Paperback ISBN
978-3-347-79399-6
Hardcover ISBN
978-3-347-79798-7
e-Book ISBN
978-3-347-79401-6
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist die Autorin verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne ihre Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag der Autorin, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung "Impressumservice", Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Deutschland.
Cover
Titelblatt
Urheberrechte
1 Jo
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1 Jo
Wenn ich von einem Auftrag zurückkomme, falle ich entweder halb tot ins Bett und bleibe dort für vierundzwanzig Stunden liegen oder ich fahre mit meinem Motorrad gegen die innere Unruhe an. Schlage ziellos eine Richtung ein und entscheide bei jeder Kreuzung, ob ich nach links oder rechts abbiege oder weiter geradeaus gehe.
Heute ist es die Unruhe. Die Enge des philippinischen Gefängnisses drückt noch immer meine Brust zusammen. Meine Gedankengänge sind wirr und ich spüre starkes Herzklopfen. Gehört zu meinem Job, denke ich. Aber das dort, das war eine Nummer zu viel, und ich weiß ganz genau, dass ich da nicht mehr so leicht herausfinde. Posttraumatisches Belastungssyndrom nennt man das, und ich denke an den Ratschlag, dass das Sofa eines Psychologen jetzt besser für mich wäre als der Sattel meines Motorrads.
Mein Auftrag war es, die Zustände in einem Gefängnis in Manila zu fotografieren. Eine Hilfsorganisation, die sich für die Freilassung von Minderjährigen einsetzt, hatte mich engagiert. Die halten da sogar Sechsjährige fest. Was bitte können Kinder schon gegen die Gesellschaft tun, dass man sie hinter Gitter bringen muss? In der Fotoagentur nennen sie mich den Schwarmgeist, was so viel bedeutet, dass sie meine Ideale überspannt finden, und mir damit unterstellen, ich vermöchte nicht zwischen Wunschtraum und Wirklichkeit zu unterscheiden. Ich nehme fast alles auf mich, um die bitteren Schicksale von Menschen zu dokumentieren, und ja, ich bin mit neunundzwanzig Jahren schon eine recht gute Fotografin.
Die Tränen rinnen mir über die Wangen und nässen das weiche Polster meines Helmes. Mein Blick verschwimmt. Halt an! Das ist gefährlich! Ich gebe dennoch Gas und folge weiter der Straße, die durch die sanften Hügel des Hinterlandes führt. In die Kurven lege ich mich gefährlich flach, aber es ist mir egal. Bilder, viele Bilder, kommen. Die überfüllten Zellen, wo die Menschen gerade genug Platz zum Sitzen haben, und nur wer Geld hat, kann sich eine der wenigen Pritschen an der Wand erkaufen und sich ausstrecken. Der Wärter, wie er den Schlüssel hinter uns dreht, die Insassen, die sich uns ohne Schutz nähern können. Der Wärter läuft davon. Gierige Augen. Die Sozialarbeiterin spricht ein paar Worte und sie bleiben vor uns stehen. Lasst mich raus! Der Wärter raucht vor dem Eingang des Gefängnisses eine Zigarette, unterhält sich lachend mit einem anderen Mann.
Ohne auf Gegenverkehr zu achten, überhole ich einen Traktor. Glück gehabt. Ich kenne diese Region nicht. Meistens fahre ich Richtung Norden, in Deutschland kann ich zügiger fahren. Was für eine liebliche Gegend hier. Auf den Hügeln steht eine Linde, die Hänge sind von Rindern und Kühen gepfadet. Die Sonne steht nun über dem Horizont und blendet mich. Ich sollte eine Pause machen. Vor mir führt eine schmale, gepflasterte Straße in den Wald. Ein kurzer Blick in den Rückspiegel und ich biege ab. Der Weg führt noch zwei Kilometer durch Wald und Wiesen und endet bei einem kleinen Hof. Das Haus und die angebaute Scheune sind baufällig. Es ist niemand hier und auch der Geruch nach Tieren fehlt. Ich steige vom Motorrad und wasche meine verweinten Augen am Brunnen, lasse immer wieder das Wasser über mein Gesicht laufen.
2 Belle
Die Metamorphose! Als Kind pflückten wir vorsichtig eine Raupe, sperrten sie mit Blättern in ein Glas und bohrten Löcher in den Deckel. Eines Morgens war sie verpuppt, und wir konnten das Wunder nicht fassen. Ein Zaubertrick? Meine Mutter schüttelte den Kopf. »Nein, meine Kleine, die Raupe hat das ganz allein geschafft. Mit Hilfe ihrer Vorstellungskraft. Komm, wir stellen uns vor, wir wären Raupen und könnten eines Tages fliegen.«
Wir setzten uns ins Gras. Sie hielt mich fest umschlungen, und wir schlossen die Augen. »Wir gehen jetzt ins Kino«, sagte sie und meinte damit eine Fantasiereise. Manchmal schlichen wir auf Zehenspitzen durch die kleinstämmigen Obstbäume in unserem Garten, die jetzt noch kaum Früchte trugen. Mutter hatte verboten, sie zu pflücken. Nur sie durfte das, was sie ohnehin selten tat. »Das Obst gehört den Schmetterlingen, die bald in den Süden fliegen«, verteidigte sie oft das Verbot. Wir hockten zwischen den Bäumen und schauten zu, wie die Falter den Saft aus dem Fallobst sogen. Manchmal saßen drei gleichzeitig auf einem Apfel oder einer Birne. Mutter hielt den Finger an ihre Lippen. »Psst, wir möchten sie doch nicht stören«, sagte sie, wenn ich mich bewegte, weil mein Bein eingeschlafen war oder es mich juckte. So hielten wir still und schauten einfach zu, bis ich keine Sekunde mehr hätte ruhig bleiben können. Gelegentlich erlaubte sie mir, die Falter zu berühren. Sie lehrte mich, dass man Schmetterlinge ruhig anfassen kann. Das können die Wenigsten glauben. Solange man aber den Körper nicht zu stark drückt oder die Flügel so sehr reibt, dass sie auseinanderbrechen, geschieht dem Tier nichts. Schmetterlinge sind robuster, als sie aussehen.
An diese Momente erinnere ich mich am stärksten. Noch heute wünsche ich mir, ich hätte mir noch mehr von ihr eingeprägt. Ich war erst sechs. Vielleicht hätte ich versucht, mir den Geruch ihres Haares, ihr Lachen oder den Klang ihrer Stimme zu merken.
Geblieben sind mir die Schmetterlinge. Ich weiß alles über sie. Manchmal stelle ich mir vor, wo wir als Menschen wohl steckengeblieben wären, wenn sich lange vor meiner Geburt niemand die Mühe gemacht hätte, die vernachlässigten Kreaturen in den Verpuppungsstadien zu zeichnen. Damals verstand man ja nicht, dass die grünen Würmer an den Blättern und die bunten fliegenden Blumen ein und dieselben Wesen sind. Lange blieben Insekten unwürdige Forschungsobjekte, die in einer Art Urzeugung aus faulendem Schlamm entstanden sein sollten. Schmetterlinge hingegen galten als die Seelen der Toten, und ihre Leichtigkeit und Unbeschwertheit beruhigte das todesängstliche Herz. Von den transformierenden Kräften gab es noch keinerlei Vorstellung. Dennoch will es mir nicht gelingen, meine verklebten Flügel zu trocknen und so leicht und frei zu sein wie ein Falter auf Futtersuche.
Motorenlärm reißt mich aus meinen Gedanken. Wer will da etwas von mir? Der Dachdecker, der schon längst das Hausdach reparieren sollte, kann das nicht sein, auch der Briefträger zu dieser Stunde nicht. Vorsichtig spähe ich durch die Blätter meines Lieblingsbaums. Er war der Einzige, der die erste Pflanzung überlebte. An lauen Abenden sitze ich neben ihm im Gras und lausche, was es eben zu lauschen gibt.
Auf dem Hofplatz steht ein Motorrad, aber sonst sehe ich niemanden. Ich müsste mein Versteck verlassen, um den Platz überblicken zu können. Besser nicht, vielleicht hat sich nur jemand verfahren und geht bald wieder.
3 Marguerite
In letzter Zeit fühlt es sich immer häufiger an, als hätten sich die Schleusen in meinem Kopf selbstständig gemacht. Sie öffnen und schließen sich ohne mein Zutun und sogar gegen meinen Willen – ein Gesprächsfetzen hier, ein Geruch oder ein Bild dort, und schon überfluten mich wirre Gedanken und heftige Gefühle. Ich schwitze und zittere am ganzen Körper, bringe Namen und Dinge durcheinander. Noch kommt es selten vor, aber ich muss auf der Hut sein, denn ich kann nie sagen, wann sich das Schleusentor öffnet oder schließt. Vielleicht, dachte ich, kann der Arzt die Mechanik reparieren.
»Frau Beer, das ist ganz normal in Ihrem Alter«, meinte er. »Die guten wie auch die schlechten Erinnerungen holen uns hin und wieder ein.« Er verschrieb Beruhigungspillen. Ich hatte ihm nicht gesagt, dass ich auch Namen vergaß und beim Ausräumen der Spülmaschine auch mal die Teller in den Kühlschrank legte.
Er hatte nichts begriffen, ich nahm die Pillen trotzdem. In der Psychologie nennt man das Triggern. Das habe ich in einer Zeitschrift beim Coiffeur gelesen. Gerüche, Dinge, Geräusche, sogar Farben können alte und vergessene Gefühle auslösen, die tief in uns vergraben sind. Sie bringen alles durcheinander. Der Artikel dieser Psychologin hat mich beunruhigt, obwohl meine Coiffeuse meinte, dass sie jeden Tag von irgendetwas getriggert werde. Das ist bei mir nicht so. Ich lebe ausgeglichen und ärgere mich nicht so schnell. Mein Leben ist abgesichert, ich bin wohlhabend und lebe auf unserem Familiensitz in der Stadt. Kein Grund zur Sorge. Aber auf gar keinen Fall darf mein Sohn etwas von meinen Unterbrechungen mitbekommen. Ich nenne sie so, das scheint mir netter als Aussetzer. Er würde zu viele Fragen stellen und sich an jenen Tag erinnern, als seine Tochter auf die Welt kam.
An dem Tag, als die Wehen bei meiner Schwiegertochter einsetzten, fuhr ich sie ins Krankenhaus und benachrichtigte meinen Sohn. In dem kleinen Park davor blühten die Magnolien. Dort saß ich auf einer Bank und wartete auf die Geburt. Fürchterlich, diese Warterei. Das Buch, das ich mitgebracht hatte, lag ungeöffnet neben mir. Stattdessen beobachtete ich die Besucher, die in der Klinik ein- und ausgingen. Aus ihren Gesichtern sprachen Freude und Leid, und ich betete: Gott, hilf uns, dass mein Sohn mit einem Strahlen aus dieser Tür kommt. Ein Mann schlich durch die Büsche und redete laut mit sich selbst. Ich gehe nie auf fremde Menschen zu, aber der störte mich so, dass ich aufstand und ihn ansprach.
»Entschuldigung, können Sie nicht anderswo so laut reden? Ich muss warten und mich konzentrieren.« Ich weiß, wie albern das klingt. Der Mann schaute mich nicht mal an. Also ging ich zurück zur Bank, öffnete das Buch, schloss es wieder, schaute auf die Uhr. Punkt drei Uhr kam mein Sohn, strahlte und umarmte mich, was er sonst vermied. »Du kannst sie jetzt sehen, sie heißt Johanna!«, jubelte er und zerrte mich in das Gebäude.
Die Fenster im Flur waren geöffnet, es wehte eine angenehme Brise. Als ich das Baby durch die Glaswand sah, schrie ich auf, begann zu zittern und zu schwitzen. Zwei Krankenpfleger eilten herbei, und ich rannte hinaus und stieß dabei mit dem Mann zusammen, den ich noch kurz zuvor angeschnauzt hatte. Mein Sohn nahm meine Hand und setzte mich wieder auf die Bank. Vor mir hatte sich ein dunkler Abgrund aufgetan.
»Mama, was ist denn los mit dir? Freust du dich denn nicht?« Er war außer sich. Seine Stimme hörte ich nur von fern. Es soll ewig gedauert haben, bis ich wieder zu mir kam. Zwei ausgedrückte Zigarettenstummel lagen vor ihm auf dem Boden. Endlich konnte ich die Worte sagen, auf die er ungeduldig gewartet hatte: »Ein Baby ist das größte Geschenk, das man sich wünschen kann.« Ich stand auf, strich mein Kostüm zurecht und ging zurück zur Kinderstation. Eine ganze Weile stand ich vor Johannas Bettchen. Ich schwor, nie mehr an die alte Geschichte zu denken und ganz für die Kleine da zu sein.
Unsere Jo – aus ihr ist eine Fotografin von Weltklasse geworden. Kurz vor meinem 75. Geburtstag, ist schon ein paar Wochen her, besuchte sie mich. Wie immer tranken wir Kaffee, und sie erzählte mir von ihrem bevorstehenden Abenteuer. Teepflückerinnen in Assam und Textilarbeiterinnen in Bangladesch wollte sie fotografieren. Die Welt soll wissen, wessen Blut an ihren Händen klebt, wenn sie Tee trinkt und billige Kleider trägt. Ruhelos ist Jo. Manchmal denke ich, sie möchte ihrem Vater beweisen, zu was sie fähig ist. Doch sie behauptet, es ginge ihr darum, die Welt aufzurütteln, und ich sehe so etwas wie Abscheu in ihrem Blick, zumindest Missbilligung gegenüber unserem wohlhabenden Lebensstil, den sie ja auch genossen hatte, bis sie in ihre Einzimmerwohnung in die Stadt zog.
Nachdem sie das Stück Kuchen aufgegessen hatte, schlich sie um mich herum und fotografierte mich von allen Seiten. Klick hier, Klick da, es war mir zuwider, dennoch ließ ich ihr die Freude. Sie lachte und sagte: »Großmama, du bist ganz schön fotogen.«
Klick. Klick. Und plötzlich hörte ich die Schreie der Schweine. Ein ganzer Saustall, der in meinem Kopf tobte.
»Lass das, Jo!« Ich riss ihr die Kamera aus der Hand. Sie starrte mich entsetzt an, ich vergrub meinen Kopf in den Händen.
»Entschuldige, ich wollte dich nicht verärgern.« Sie umarmte mich, fest und lange. Ich spürte ihr Zittern.
Manchmal gibt es Momente, da herrscht Totenstille in meinem Kopf. Die fürchte ich noch mehr. Denn dann ist das Schleusentor ganz zu und ich erinnere mich an nichts mehr und vergesse, was ich eigentlich tun wollte. Ich denke, Paula ahnt etwas. Gestern habe ich sie Susanne genannt. So hieß meine Schwiegertochter, die tödlich verunglückte. Paula tätschelte mir die Schulter. »Da hast du aber ein ganz schönes Durcheinander in deinem Kopf heute.« Wir lachten. Wenn ich nur jemandem erzählen könnte, wie groß dieses Chaos geworden ist.
Gelegentlich rieche ich sogar die dicke Luft des Saustalls, ich höre das Grunzen und Schmatzen. Jemand sollte den Kot in den Abflussgraben schaufeln. Die Schweine stoßen an den Holzverschlag. Vor uns dreht der Eber Runden in seinem engen Quartier. Balz ahmt das Grunzen nach. Seine Hand entgleitet mir. Plötzlich dieser Schrei, der nicht enden will. Ich halte mir die Ohren zu und schließe die Augen.
4 Jo
Vor uns ruckelt ein Motorradfahrer über die unebene Sandstraße. Hinter seinem Rücken türmt sich ein meterhoher Stapel an leeren Körben für die Pflückerinnen und versperrt uns die Sicht nach vorn. Unser Fahrer flucht und lässt den Motor immer wieder aufjaulen. Das kümmert den vor uns überhaupt nicht. An den Körben hängt ein Ghettoblaster, aus dem Bollywood-Soundtracks dröhnen.
Die Kamera liegt in meinem Schoß. Mein Blick wandert über die langen grünen Bahnen der Teesträucher, und wie der Sucher meiner Kamera rahmen sie die bunten Punkte mittendrin ein – Frauen in Saris, die mit ihren Händen die oberen Blätter abzupfen. Als Fotografin sieht man mit der Zeit alles nur noch als Bildausschnitt, ob mit oder ohne Kamera. Die Weite eines Waldes wird zu zwölf Bäumen mit einem Stein im Vordergrund. Ein Mensch wird zur Nahaufnahme seiner blutunterlaufenen Augen oder des gespitzten Mundes. Ein Elendsviertel wird ein Kind, das im Abfall stochert. Die unzähligen rechteckigen Erinnerungen an all die Orte, die ich bereits besuchte, sind irgendwo in meinem Gedächtnis abgelegt. Insgeheim hoffe ich, dass es dort ordentlicher ist als in meinem Leben. Es gäbe mir ein gutes Gefühl, sie so sorgfältig wie die Fotos auf meinem Computer archiviert zu wissen.
Aus irgendeinem Grund denke ich an die alte Frau vom Hof. Plötzlich stand sie hinter mir, als ich am Brunnen mein Gesicht wusch. Nicht ihr plötz-liches Auftauchen erschreckte mich, sondern vielmehr ihr Anblick. Sie trug Latzhosen und ein löchriges, purpurnes Sweatshirt. Ihre Gesichtshaut war mit unzähligen Äderchen durchzogen und die grauen Haare standen ihr wirr vom Kopf ab. Sie hielt einen Stecken in der Hand, als wollte sie mich verjagen. Ihre Augen, die Augen hätte ich gerne fotografiert, sie waren blutunterlaufen und zuckten nervös.
