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Zwei einsame Menschen. Ein neuer Anfang. Und die leise Hoffnung, dass es nie zu spät ist.
Elsa hat alles verloren, was ihr Leben ausgemacht hat: ihren Mann, ihre Heimat und das Vertrauen, dass vor ihr noch etwas liegen könnte. Widerwillig zieht sie in ein neues Pflegeheim, weit weg von allem, was vertraut war. Die Einsamkeit wiegt schwer – bis sie eines Morgens im Regen beinahe mit einem Fremden zusammenstößt.
Auch Hannes kennt das Alleinsein nur zu gut. Seit dem Tod seiner Frau fühlt sich jeder Tag leer und grau an. Seine Töchter leben ihr eigenes Leben, und nur Pfleger Sascha bringt ab und zu ein wenig Licht in seine Welt. Doch dann begegnet er Elsa, und in ihren Augen liegt etwas, das sein Herz nach langer Zeit wieder spüren lässt, dass es noch schlägt.
Als sich ihre Wege erneut kreuzen, beginnt eine leise Veränderung. Ganz langsam, ganz still. Doch können zwei verletzte Seelen wirklich noch einmal lieben?
Ein bewegender Roman über Erinnerungen, die bleiben – und das Glück, das manchmal ganz leise beginnt.
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Seitenzahl: 307
Veröffentlichungsjahr: 2025
Zwei einsame Menschen. Ein neuer Anfang. Und die leise Hoffnung, dass es nie zu spät ist.Elsa hat alles verloren, was ihr Leben ausgemacht hat: ihren Mann, ihre Heimat und das Vertrauen, dass vor ihr noch etwas liegen könnte. Widerwillig zieht sie in ein neues Pflegeheim, weit weg von allem, was vertraut war. Die Einsamkeit wiegt schwer – bis sie eines Morgens im Regen beinahe mit einem Fremden zusammenstößt.Auch Hannes kennt das Alleinsein nur zu gut. Seit dem Tod seiner Frau fühlt sich jeder Tag leer und grau an. Seine Töchter leben ihr eigenes Leben, und nur Pfleger Sascha bringt ab und zu ein wenig Licht in seine Welt. Doch dann begegnet er Elsa, und in ihren Augen liegt etwas, das sein Herz nach langer Zeit wieder spüren lässt, dass es noch schlägt.Als sich ihre Wege erneut kreuzen, beginnt eine leise Veränderung. Ganz langsam, ganz still. Doch können zwei verletzte Seelen wirklich noch einmal lieben?Ein bewegender Roman über Erinnerungen, die bleiben – und das Glück, das manchmal ganz leise beginnt.
Insa Ritterhoff, geboren 1968 in Hannover, lebt in der Nähe der Ostsee. Das erste „Buch“ schrieb sie mit acht Jahren, kam jedoch erst jetzt auf die Idee, Geschriebenes auch zu veröffentlichen. Beruflich in der Eventbranche tätig, ist ihr Interessenspektrum so vielseitig wie ihre Erzählungen. “Das vergessene Glück“ ist ihr Debutroman und in ihrer Schreibtischschublade warten noch viele weitere Romanideen, denn es gibt nichts Schöneres für sie, als sich von einer gut erzählten Geschichte in den Bann ziehen zu lassen.
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Impressum
Wenn es stimmt, dass man so alt ist, wie man sich fühlt, dann bin ich sehr alt. Die Knochen tun mir weh, und meine Augen sind manchmal so trüb, dass ich die Zeitung kaum entziffern kann. Manchmal überlege ich, sie abzubestellen.
Die Nacht besteht aus unendlichen, zähen Stunden, und ich schaue den Gedanken dabei zu, wie sie durch meinem Kopf schwirren. Manche von ihnen machen mich traurig, manche unruhig, die meisten aber langweilen mich. Gegen Morgen schlafe ich dann ein, und der Wecker holt mich den weiten Weg aus seltsamen Träumen. Meist bin ich froh, dass das Klingeln die Realität zu mir zurückbringt.
Die Träume in der Morgendämmerung beeinflussen meinen ganzen Tag. Selten kann ich mich an Details erinnern, aber Traurigkeit und Schwermut hängen an mir wie ein schwerer nasser Umhang. Fröhlich machen mich die Träume selten.
Niemals stehe ich vor dem zweiten Klingeln des Weckers auf. Ein Frühaufsteher war ich nie, diese zehn Minuten zwischen dem ersten und dem zweiten Klingeln erschienen mir daher schon früher oft kostbar. Auch jetzt lockt mich selten etwas, den Tag zu beginnen, und dann stelle ich mir vor, wie es wäre, einfach liegen zu bleiben. Einfach aufhören zu atmen. Einfach zu sterben.
Wenn noch kein Licht den Weg durch meine Gardinen geschafft hat, alles noch nebelgrau und trist ist, fühlt sich die andere Hälfte meines Bettes besonders leer an. Dann fehlen die vertrauten Geräusche von Inges schlafendem Körper, das Bewegen der Matratze unter ihrem Gewicht. Alles ist still, die Einsamkeit schmerzt, und der Gedanke, diesen Tag wieder allein meistern zu müssen, ist in den frühen Morgenstunden am unerträglichsten.
Inge ist nun schon so lange tot, dass ich mir nicht mehr sicher bin, was genau es ist, das mir fehlt, aber ich glaube, es ist sie. Überall stehen Bilder von ihr, dafür hat unsere älteste Tochter gesorgt. Als habe sie Angst, ich könnte ihre Mutter vergessen. Oder als würde ich mich weniger allein fühlen zwischen den ganzen Fotos. Dabei nehme ich die Bilder gar nicht mehr wahr. Wenn eines verschwände, ich würde es nicht bemerken. Das Geschirr im Schrank oder die Gardine im Wohnzimmer schaue ich mir ja auch nie genauer an. Sie sind eben da, genauso wie die vielen Fotos. Vielleicht sollte ich sie forträumen, aber die Diskussion, die Kerstin anzetteln würde, ist mir zu anstrengend. Am Ende würde ich verlieren. Gegen sie verliert jeder. Ich lasse die Bilder stehen.
Wenn Kerstin da ist, nimmt sie immer mal wieder ein Foto in die Hand und fragt, wann und wo es aufgenommen wurde. Schnappschüsse aus dem Urlaub, Gruppenbilder vom Fotografen. Oft brauche ich dann ein wenig Zeit, mich zu besinnen. Es ist, als würde ich mich an einen Film erinnern wollen, den ich mal gesehen habe. Einzelne Szenen sind sofort präsent, aber ich bringe sie nicht gleich in einen Zusammenhang. Es macht mir ein schlechtes Gewissen, die Erinnerungen nicht so schnell parat zu haben, wie Kerstin sie abfragt. Sie steht da, eine Augenbraue missbilligend hochgezogen und mit ungeduldigem Blick, und ich komme mir vor wie ein Schüler, der seine Lektion nicht gelernt hat. Wie jemand, der die einfachsten Dinge nicht mehr auf die Reihe bekommt. Oder wie ein Mann, der seine Frau vergisst.
Dabei vergesse ich Inge nicht. Auch wenn ich gemeinsame Geburtstagsfeiern oder Familienausflüge nicht mehr abrufen kann, erinnere ich mich doch immer an meine Frau. An ihre Augen, denen ich ansehen konnte, wie es ihr ging. Mit denen sie nichts vor mir verbergen konnte. Die aufblitzten, wenn sie gute Laune hatte, die dunkel wurden, wenn sie sich auf etwas konzentrierte. Oder die in den letzten Wochen immer wieder bedrohlich flackerten, wenn die Schmerzen besonders schlimm waren. Als drohe die Flamme in ihnen jeden Moment auszugehen.
Ich weiß noch genau, wie es sich anfühlte, sie in den Arm zu nehmen, wie es war, wenn sie ihren Kopf an meine Schulter legte, und wie ihr Haar duftete. Ich erinnere mich an die langen Gespräche über all die vielen Dinge, die sie interessierten und beschäftigten. Inge dachte über alles nach, das ganz große Weltgeschehen oder das traurige Schicksal von nebenan.
Heute wäre Inges Geburtstag gewesen. Seit sechs Jahren begehen wir diesen Tag mehr oder weniger gleich. Ich schlafe schlecht, im Laufe des Tages kommen die Mädchen und wir essen Mittag oder Abend zusammen oder trinken Kaffee. Je nachdem, wie sie es zeitlich einrichten können. Meine Töchter sind sehr beschäftigt.
Solange sie bei mir sind, reiße ich mich zusammen. Wenn sie wieder gehen, stehe ich oft am Fenster und schaue ihnen nach, auch wenn die Rücklichter ihrer Autos längst nicht mehr zu sehen sind. Wenn ich dann die Tränen nicht mehr zurückhalten kann, sieht es wenigstens niemand. Dann bin ich dankbar, allein zu sein.
Simone, unsere Jüngste, meldet sich manchmal an und dann vergisst sie zu mir fahren, weil ihr etwas anderes, Wichtigeres, dazwischengekommen ist. Was genau das ist, sagt sie mir nicht. Sie hält mich für zu alt, um zu verstehen, was junge Leute heute so machen.
Die Welt habe sich verändert, seit Inge gestorben ist. Vieles, was da draußen passiert, bekäme ich in meiner kleinen Wohnung nicht mit. Zumindest sagt das Kerstin, die viel arbeitet, viel Geld verdient und wenig Zeit hat, aber jeden Sonntag bei mir anruft. Manchmal hat sie mir nicht viel zu erzählen und ich erlebe ja auch kaum noch etwas, dann sind die Gespräche kurz. Manchmal ist sie aber auch in Plauderlaune und dann erzählt sie mir von Birthe, die mit ihrem Mann nach Frankreich ausgewandert ist und die ich seit über zwei Jahren nicht gesehen habe. Oder sie spricht von ihrer eigenen Tochter Sophia, die auf ein Internat geht, weil das besser für sie ist.
Früher hat Sophia gern auf meinem Schoß gesessen, dann habe ich ihr etwas vorgesungen oder Geschichten erzählt. Später hat sie oft und gern an unserem Küchentisch mit Inges vielen Stiften und Farben gemalt. Sie hat das kreative Talent ihrer Oma geerbt. Sie haben Spaziergänge gemacht, und Inge hat ihr alles erzählt, was sie über die Vögel und die Pflanzen wusste. Als Inge starb, brachte Kerstin ihre Tochter nicht mehr vorbei, weil ihre Konzentration in der Schule darunter leiden würde. Ich habe nicht verstanden, was sie mit ›darunter‹ gemeint hat.
Heute ist Sophia längst ein Teenager mit langen blonden Haaren, geschminkten Augen und kurzen Röcken – zumindest auf den wenigen Fotos, die Kerstin mir ab und zu zeigt. Sie wirkt zu erwachsen für ihre sechzehn Jahre, finde ich. Sophia sieht genauso aus wie die jungen Mädchen, die sich im Sommer vor dem Supermarkt bei der Eisdiele treffen und kichernd die Köpfe zusammenstecken. Wäre sie eine von ihnen, würde ich sie nicht erkennen.
Als ich Inge kennenlernte, war sie auch sechzehn. Ihr Gesicht war natürlich und ihre blauen Augen blitzten so hell und klar, dass jede Schminke nur gestört hätte. Zwei Jahre wohnten wir in derselben Straße, dann wurden wir endlich ein Paar. Ich hatte nie ein anderes Mädchen haben wollen, aber sie zierte sich so lange, dass ich meinen Traum, sie einmal küssen zu dürfen, schon fast aufgegeben hatte. Später hatte sie mir erzählt, dass ihr Vater gedroht hatte, sie windelweich zu prügeln, wenn er sie mit einem Jungen erwischen würde. Es war auch ihr Vater gewesen, der beschlossen hatte, dass Inge die Schule nur so lange besuchen durfte, wie es vorgeschrieben war. Dann musste sie der Mutter im Haushalt zur Hand gehen, bis sich ein geeigneter Mann zum Heiraten gefunden hatte. Aus heutiger Sicht kommt mir dieses Verhalten so seltsam vor. Man stelle sich nur mal vor, ich wäre einem unserer Mädchen so gekommen. Ausgelacht hätten sie mich. Aber es waren andere Zeiten damals.
Heute werden also nur Kerstin und Simone kommen, denn für Birthe ist der Weg aus Frankreich zu weit. Ich hatte bei der netten Bäckersfrau Kuchen bestellen wollen, aber Sascha hat dazu nur gelacht und gesagt: »Hannes, den können wir doch selber machen, oder?«
Kochen kann ich, aber Kuchen backen? Das hat Inge immer gemacht und es schmeckt sowieso kein Kuchen so gut wie ihrer. Aber ich will Sascha nicht enttäuschen. Kuchen zu backen gehört sicherlich nicht zu seinen Aufgaben, und wenn er es trotzdem macht, tut er es freiwillig, und das ist sehr nett von ihm. Vielleicht können wir dann die angefangene Partie Schach weiterspielen, während der Kuchen im Ofen ist. Ich habe zwar kaum Aussicht zu gewinnen, aber das macht nichts. Manchmal gewinnt Sascha und manchmal gewinne ich, so ist das.
Hier riecht es komisch. Nach Desinfektionsmittel, Rosen und Klo-Stein. Ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen, denn alles um mich herum ist so schrecklich und so schrecklich neu, dass ich kein Auge zutun konnte. Dabei war ich so müde, als Lars mich gestern hierhergebracht hat. Die lange Fahrt, die vielen Tränen, die ich runterschlucken musste, die krampfhaften Gespräche, um die Lars sich bemüht hat und auf die ich mich nicht einlassen konnte. Es hat mich auch so schon alle Kraft gekostet, ihn mein stummes Weinen nicht merken zu lassen. Das Ausräumen des Autos, bei dem ich nicht helfen konnte, nur nutzlos danebenstand und meine Handtasche festhielt, wie ein kleines Kind, das im Kaufhaus verloren gegangen ist. Diese vielen neuen Gesichter und Namen.
Ich weiß, dass Lars es gut gemeint hat mit der Idee, in seine Nähe zu ziehen. In seiner Vorstellung ist es wohl egal, in welchem Altenheim man lebt. Ich weiß auch, dass er recht hat, wenn er mir sagt, ich wäre so kontaktfreudig, dass ich sicher ganz schnell neue Menschen kennenlernen könne. Aber einen alten Baum verpflanzt man nicht so einfach, die Wurzeln sind zu tief und gehen kaputt dabei. Lange habe ich mich gegen die Umzugspläne gewehrt, habe beteuert, dass es mir gut ginge und ich auf keinen Fall aus meiner Heimat fortwolle. Doch jedes Mal, wenn Lars den weiten Weg zu mir gemacht hat, hatte ich Gewissensbisse. Der Junge arbeitet sowieso schon so viel und dann sitzt er auch noch meinetwegen stundenlang im Auto.
Dort, wo ich bis gestern leben durfte, kenne ich alles. Die Straßen, die bei uns Gruben heißen, die Läden in den Kaufmannshäusern, die alten Bewohner der Ganghäuser und die neu Hinzugezogenen. Wie Lars spöttisch zu sagen pflegt: Ich kenne jeden Stein. Die letzten fünfzig Jahre meines Lebens habe ich in Lübeck gelebt, die meisten davon mit Georg, meinem Mann. Dort haben wir Lars bekommen, ihn durch Kindheit und Jugend begleitet, er wurde groß und selbstständig, hat sein Abitur gemacht. Dann wollte er fort zum Studium und ist nie wiedergekommen, außer natürlich zu Besuch. Georg und mir war dieser Ort, in den wir als frisch verheiratetes Paar gezogen waren, damit er eine gut gehende Praxis übernehmen konnte, längst zur Heimat geworden. Viele wunderschöne Jahre haben wir hier zu zweit gelebt. Mit unseren Freunden und Nachbarn, mit meiner Schwester, die, nachdem ihr Mann sie für eine Jüngere verlassen hatte, ebenfalls nach Lübeck gezogen war.
Doch nun sind alle fort, und ich hatte einfach keine Kraft mehr, gegen Lars Argumente anzugehen.
Inzwischen weiß ich, dass mein Sohn sich irrt. Und ich habe mich auch geirrt, denn es gibt so viele Dinge, die mich in meiner Heimat gehalten hätten. Erinnerungen! Erinnerungen an den kleinen blonden Jungen, der auf der Mauer vor unserem Haus balanciert ist, erst an meiner oder Georgs Hand, dann allein. Der Strand, an den wir so viele Familienausflüge gemacht haben. Erinnerungen an das Haus, jetzt ein Drogeriemarkt, das früher ein kleines Kino war. Erinnerungen an das Café, in dem ich mich gern mit meiner Schwester getroffen habe, weil sie die Gemeinsamkeit unserer Familie nicht immer ertragen konnte. Die Umgebung hat sich verändert, ist größer geworden. Wo früher eine Wiese war, stehen schon lange Häuser, die ruhige Straße, in der Lars erst das Dreirad-, dann das Fahrradfahren gelernt hat, ist inzwischen viel zu belebt für spielende Kinder. Ladenlokale in der Innenstadt stehen leer, auch wenn immer größer werdende Touristenströme über die Stadt herfallen, und vor der Ortsgrenze wurden zwei Einkaufszentren gebaut. Wenig ist noch übrig von der Beschaulichkeit, die Georg und ich so genossen haben, doch der historische Reiz ist geblieben. Und es ist immer noch meine Heimat.
Hier riecht es komisch und die Leute reden sogar ein wenig anders als zu Hause. Georg hätte gesagt, es ist die Farbe ihrer Aussprache, die sich von unserer unterscheidet. Das wären seine Worte gewesen. Früher, bevor ihn sein Geist verließ. Mir scheint, dass Menschen im Alter oft als Erstes das verlieren, was sie ausgemacht hat. Den Sänger die Stimme, den Chirurg die Feinmotorik, den Denker sein Intellekt. Als ob das Älterwerden nicht sowieso schon schmerzhaft genug sei, begleitet von Krankheit und Gebrechlichkeit. Aber vielleicht ist es auch einfach so, dass diese Dinge, die einen da verlassen, die Stimme, die Beweglichkeit der Finger, das Gehirn, im Leben schon so viel Arbeit geleistet haben, dass sie es nicht schaffen, so lange durchzuhalten wie der Rest des Körpers. Georg verließ der Geist und es war unerträglich, mitansehen zu müssen, wie sich dieser intelligente, vielseitige und interessierte Mann in ein kleines Kind zurückverwandelte.
Was werde ich als Erstes verlieren? Wenn ich noch älter bin als jetzt? Ich war fast fünfzehn Jahre jünger als Georg, also bleibt mir vielleicht ein bisschen Zeit. Für meine dreiundsiebzig Jahre ist meine Gesundheit zufriedenstellend. Ich könnte wunderbar allein zurechtkommen. Ja, Georg ohne Hilfe zu versorgen, das war auf die Dauer unmöglich geworden. Niemals hätte ich ihn in ein Heim gegeben und wäre nicht mitgegangen. In guten wie in schlechten Zeiten, so hatten wir es uns versprochen. Und wir hatten viele gute Zeiten!
Er starb, kurz nachdem meine Schwester mich verlassen hatte, und es war schwer, ohne die beiden den Mut zum Weiterleben zu finden. Sicher hat Lars mich deshalb so leicht überreden können, herzuziehen. Meine Enkelkinder häufiger zu sehen, ist ein verlockender Gedanke, aber Sonja ist eine seltsame Person, mit der ich nicht warmwerde, und sicherlich nicht die Frau, die ich meinem Sohn gewünscht hätte. Sie arbeitet zu viel und kümmert sich zu wenig um die Kinder, die den ganzen Tag von fremden Menschen betreut werden und erst abends nach Hause dürfen, wenn ihre Eltern müde und abgespannt von der Arbeit kommen. Kinder gehören zu ihrer Mutter und eine Mutter gehört zu ihren Kindern. Selbstverständlich habe ich damals meinen Beruf aufgegeben, als Lars unterwegs war, und erst wieder angefangen zu arbeiten, als er auf das Gymnasium kam. Nie war er mittags eher zu Hause als ich, nie musste er fremden Menschen erzählen, was er erlebt hat, oder das Essen fremder Küchen essen. Ich habe mehrfach versucht, Sonja meine Meinung dazu darzulegen, aber sie hat mir gar nicht zugehört und nur gesagt, dass es den Kindern an nichts fehle. Und dass Frauen heutzutage ihre Karriere nicht mehr der Familie opfern müssten. Ihr Ton sagte außerdem Misch dich nicht ein!, auch wenn sie diese Worte natürlich nicht aussprach.
Was soll ich hier, zwischen fremden Menschen und komischen Gerüchen? In der Nähe einer Familie, die zwar die meines Sohnes, aber im Grunde gar keine richtige Familie ist?
Als Sascha die Tür aufschließt, bin ich im Bad noch nicht ganz fertig. Am Anfang fand ich es befremdlich, dass jemand außer mir und meinen Töchtern einen Schlüssel zu der Wohnung hat, aber Kerstin hat mir erklärt, es könne ja immer mal sein, dass ich irgendwo hilflos rumliegen würde, und ohne Schlüssel könne mir dann keiner helfen. Ich kann mich nicht erinnern, jemals irgendwo hilflos rumgelegen zu haben.
Sascha klingelt, bevor er selbst aufschließt. Das haben wir vereinbart. Ich könnte ja auch gerade mal nackt im Wohnzimmer stehen, und das wäre weder für ihn noch für mich eine sehr angenehme Situation. Nicht, dass ich in der Regel nackt durch meine Wohnung gehe, aber man weiß ja nie.
Sascha versucht, mich mit ein paar Neckereien aufzumuntern, aber meine Stimmung ist und bleibt bedrückt an diesem Tag. Trotzdem bin ich froh, dass er da ist. Sascha ist ein netter Junge und bringt ein wenig Leben in meine Einsamkeit. Am Anfang habe ich versucht, mich gegen Fremde, die in meine Wohnung kommen und mich kontrollieren, zu wehren. Es haben ja sicherlich auch schon andere Menschen ein paar Male vergessen, ihre Medikamente zu nehmen, ohne dass man sie gleich überwachen ließ wie einen Straftäter. Doch Kerstin hat erklärt, sie habe keine Zeit, sich so um mich zu kümmern, wie es offenbar erforderlich sei, und gegen ihre Argumente komme ich nur selten an. Sie ist eben die Anwältin und ich bin ein alter Mann, der nicht mehr sehr gut zu Fuß ist und sich mit so manchen Dingen auskennt, aber nicht mit dem Reden. Aber mit dem Denken klappt es noch sehr gut und mir ist schon klar, dass meine Töchter einfach keine Lust haben, regelmäßig nach mir zu schauen. Sie versuchen, ihr schlechtes Gewissen damit zu beruhigen, dass sie einen ›guten‹ Pflegeservice engagiert haben, für den sie teuer bezahlen. Mich erinnert diese Ausdrucksweise an meine Mutter, die nach dem Krieg froh war, mit der ›guten‹ Butter backen zu können, als ob es auch eine ›schlechte‹ gegeben hätte. Genauso redet Kerstin: der gute Pflegedienst für ihren Vater, der schlechte bleibt für andere übrig.
Sascha hat es mir leicht gemacht, mich an ihn zu gewöhnen. Man merkt ihm an, dass er Spaß daran hat, sich um andere Menschen zu kümmern. Kerstin hätte es gern, wenn er nicht nur auf die Einnahme der Tabletten, sondern auch auf meine Körperhygiene schauen würde. Aber ich kann mich noch sehr gut waschen und rasieren, da wüsste ich nicht, warum mich jemand Fremdes anfassen sollte. Das Duschen in der Badewanne fällt mir schwer, weil der Rand zum Drüberklettern für meine schwierige Seite zu hoch ist, aber Sascha hat mir Wandgriffe angebracht, an denen ich mich gut festhalten kann.
Mit Max könnte ich über das Altwerden sprechen. Er ist mein bester und eigentlich auch mein einziger Freund. Meine Töchter verstehen mich genauso wenig wie ich sie, und Sascha ist noch so jung. Wie soll er nachvollziehen können, was ich mit ›vergessen‹ und ›lange her‹ meine? Max hingegen ist genauso alt wie ich. Aber wir reden nicht viel.
Sascha stupst mich an und lacht. »Hey, Hannes, wo bist du mit deinen Gedanken? Wenn du noch lange brauchst, den Teig zu rühren, wird der Kuchen nie fertig!«
Nie würde er sagen: Beeil dich, ich muss weiter, habe keine Zeit, hier rumzutrödeln. Das mag ich an ihm.
Nach meinem Mittagsschlaf decke ich den Tisch mit Inges Lieblingskaffeegeschirr, dem mit den kleinen Streublümchen. Kerstin wird sagen, dass es sehr unpraktisch ist, dieses Geschirr zu nehmen, weil man es nicht in die Geschirrspülmaschine tun kann, aber das macht nichts. Inge hätte es auch gedeckt und Simone wird sich ebenso sehr darüber freuen, wie Inge es getan hätte. Es ist nicht einfach, es beiden Mädchen recht zu machen.
Um sechzehn Uhr wollen sie hier sein. Mir ist das eigentlich zu spät zum Kaffeetrinken, aber früher kann Kerstin es nicht einrichten. Sie wird Simone mitbringen, die gerade kein eigenes Auto hat. Also sitze ich bis dahin am Tisch und vertreibe mir die Zeit mit Kreuzworträtseln. Ich habe ein Gedeck zur Seite geschoben und die Ecke des Tischtuchs hochgeschlagen, damit mein Kugelschreiber keine Flecken macht.
Um halb vier habe ich den Kaffee fertig, um halb fünf ruft Kerstin an, ihr sei ein wichtiger Termin dazwischengekommen, Simone sei ja sicherlich schon da und wir sollten nicht länger auf sie warten. Ich überlege kurz, sie daran zu erinnern, dass ihre Schwester ohne ihre Hilfe nicht herkommen kann, aber da hat sie auch schon wieder aufgelegt.
Simone ruft nicht an und natürlich kommt sie auch nicht. Um achtzehn Uhr räume ich das Blümchengeschirr wieder in den Schrank. Zumindest muss es jetzt nicht abgewaschen werden.
Statt Abendbrot schneide ich mir eine Scheibe des Kuchens ab. Er schmeckt wirklich gut, auch wenn Inge ihn vermutlich anders gemacht hätte. Mit echten Eiern und echter Butter. Sascha kennt keine Rezepte von früher, für ihn muss alles vegan sein, und er hat mir versprochen, dass man den Unterschied nicht schmeckt. Es stimmt, ich schmecke ihn fast gar nicht. Den Rest kann er morgen mitnehmen, dann freuen sich die Leute, mit denen er zusammenwohnt.
Eine Weile bleibe ich am Fenster stehen und schaue in die Dämmerung, einfach nur so. Denn dass die Mädchen nicht mehr kommen werden, ist klar.
Was für ein Tag! Als er bei seiner ersten Oldie des Tages angekommen war, lag sie noch im Bett. Mal wieder hat Sascha kaum etwas mit ihr machen können, denn ohne Gebiss und im Nachthemd würde sich Frau Herbst ihrem Pfleger nie zeigen. So zog sich die alte Dame nur die Bettdecke über den eingefallenen Mund und jammerte, er solle nicht immer so früh kommen. Sascha hat wenigstens die Küche aufgeräumt, das Wohnzimmer gelüftet und die Tabletten sortiert. Neulich hatte er extra einen anderen Oldie gegen Frau Herbst getauscht, gefolgt von einer Beschwerde der Tochter, sie bezahle für Pünktlichkeit und einen verlässlichen Tagesablauf, der für ihre Mutter unerlässlich sei. Sascha hätte gern erwidert, sie solle sich mal Gedanken darüber machen, was für ihre Mutter wirklich unerlässlich ist, eine morgendliche Privatsphäre zum Beispiel. Aber Saschas Chef ist kein Freund von Diskussionen mit Kundschaft. Die zahlt schließlich – und das nicht zu knapp – dafür, dass Sascha und seine Kolleginnen und Kollegen den Oldies die Zeit vertreiben oder auf sie aufpassen. Sie sind wie Babysitter, nur für alte Menschen. Sind die Leute artig? Nehmen sie ihre Medikamente? Essen sie? Trinken sie genug? Leben sie ihr Leben so, wie ihre gestressten und überarbeiteten Kinder sich das vorstellen, ruhig und ohne die Nachkommen über Gebühr zu belasten?
Nach Frau Herbst hat er mit Hannes Kuchen gebacken. Hannes ist echt cool. Wenn Sascha noch einen Opa hätte, müsste er so sein wie Hannes. Wenn es irgendwie geht, versucht er immer, seine Pausen so zu legen, dass er sie bei ihm verbringen kann. Er mag den einsamen Mann. Viele der alten Herrschaften, die er besucht, sind einsam, aber mit Hannes Zeit zu verbringen, ist für ihn mehr als Job. Er mag die Gedanken, die Hannes sich über alles macht, und wie schnell Sascha ihn mit einem Spruch zum Lächeln bringen kann.
Er liebt seine Arbeit, sie ist für ihn mehr als nur eine einträgliche Geldquelle. Mit ihr finanziert sich Sascha einen geräumigen WG-Anteil in der Südstadt, ein selbst gebautes Rennrad, auf das er sehr stolz ist, und ein Studium, dem er mit weniger Engagement folgt als den Bedürfnissen seiner Oldies. Er ist gern mit ihnen zusammen, hört sich ihre Geschichten und Erinnerungen an, ihre Sorgen und Nöte. Er spielt mit ihnen Schach und Halma, geht in kleinen, langsamen Schritten neben Rollatoren spazieren, streichelt den Hund, bringt die Katze zum Tierarzt oder backt Kuchen. Es ist so traurig, mitanzusehen, dass seine Oldies ihn häufiger und regelmäßiger sehen als ihre eigenen Kinder. Und es tut ihm weh zu sehen, wie das erwartungsfrohe Lächeln in ihren Gesichtern verschwindet, weil wieder nur er es ist, der sich da mit seinem Schlüssel an der Wohnungstür zu schaffen gemacht hat. Er verachtet diese Menschen, die sich von der familiären Verpflichtung freikaufen, sich um ihre Eltern und Großeltern zu kümmern, aber er weiß auch, dass es gerade diese Oberflächlichkeit ist, die ihm seinen Job finanziert.
Auf Hannes Gesicht ist nie eine Spur von Enttäuschung, wenn Sascha kommt. So sehr sich der alte Herr vorher gegen den Pflegedienst gewehrt hat, so sehr freut er sich inzwischen, Sascha zu sehen. Sie reden über das, was in der Welt geschieht, über Hannes Gedanken oder was Sascha gerade erlebt hat. Bei Hannes ist Sascha nicht nur die helfende Hand, die fürs Dasein bezahlt wird, sondern auch jemand, für den Hannes sich als Mensch interessiert. Er ist für ihn so etwas wie ein Enkel, den er nicht hat, so wie Hannes für Sascha der Opa ist, den er nie kennengelernt hat.
Zwei weitere Oldies hat Sascha noch zwischen den Vorlesungen besucht und er ist völlig erledigt, als er seine Wohnungstür aufschließt. Jetzt will er nur noch seine Couch, seinen dicken schwarzen Kater und irgendeine coole Musik auf seinen Kopfhörern. Sonst gar nichts.
Doch das Schicksal hat heute offenbar anderes mit ihm vor. Oder vielmehr sein Mitbewohner Viktor. Genervt verdreht Sascha schon die Augen, noch bevor er die Tür ins Schloss fallen lässt, denn die Geräusche aus der Küche sprechen Bände. Viktor ist ein toller Kumpel, aber wenn er verliebt ist, ist er nicht zu gebrauchen. Das Mädchen, mit dem er da kichert und lacht, ist doch noch nicht mal volljährig … Wo hat er die denn schon wieder her? Sascha versucht, sich lautlos in sein Zimmer zu verziehen, doch das Mädchen hat ihn gesehen und tänzelt barfuß und nur leicht bekleidet auf ihn zu. »Du musst Sascha sein. Viktor hat mir schon ganz viel von dir erzählt!«
»Zieh dir erst mal was an, du holst dir ja den Tod«, erwidert Sascha genervt.
»Oh, dein Sascha hat aber keine gute Laune«, schmollt das blonde Kind und eilt zurück in die Arme von Viktor, der ihm einen bösen Blick zuwirft.
Egal. Zumindest die Idee mit dem kalten Bier ist nicht verkehrt. Kaum öffnet Sascha den Kühlschrank, ist die Kleine schon wieder neben ihm. Wie einer von diesen verspielten Welpen, die es einfach nicht lassen können, die Großen zu ärgern. Mit ihren künstlichen Wimpern klappert sie ihn an, als hätte sie was im Auge, beugt sich wie zufällig weit nach vorn, um ihm freien Einblick in ihr Hemd zu gewähren, und lächelt. »Vielleicht findest du ja etwas Leckeres im Fridge, ich habe bisher nur so uncooles Tofuzeug entdeckt. Und man sagt doch: Liebe macht hungrig, oder?« Kichernd dreht sie sich zu Viktor um, der sie verzückt anschmachtet.
»Bestell dir ’ne Pizza!« Er schnappt sich das letzte Bier und lässt sie stehen.
Beleidigt kriecht sie Viktor wieder auf den Schoß. »Ist der immer so?«, hört er noch ihre empörte Stimme, die schlagartig in ein spitzes Kreischen übergeht, als Viktor offenbar eine reizbare Stelle ihrer Haut berührt.
Endlich kann Sascha die Tür seines Zimmers hinter sich zuziehen. Wie er solche Situationen hasst! Und so kleine und naive Mädchen!
Plötzlich muss er wieder an die Party denken, auf der er vor ein paar Wochen war, und an die Frau, die er dort kennengelernt hatte. Intelligent, schlagfertig und sich ihrer Ausstrahlung um einiges weniger bewusst als die Kleine, die er noch immer aus der Küche kreischen und kichern hört. Er möchte lieber nicht wissen, was die beiden da machen! Nein, die Frau von der Party hatte Klasse, und Sascha fragt sich nicht zum ersten Mal, warum aus dieser Begegnung nicht mehr geworden ist als ein Flirt, eine recht harmlose Nacht auf ihrem Teppich, nach der ihm die Knochen schlimmer wehtaten als Hannes, und ein verlegenes »Tschüss, ich rufe dich an«. Was weder sie noch er getan haben. Irgendwie passte es nie richtig und irgendwann war es dann eben einfach zu spät.
Ist es das wirklich? Das Handy liegt neben Sascha auf der Couch und scheint ihn erwartungsvoll anzublinken. Er könnte ihr ja mal eine Nachricht schicken, einfach so. Unverbindlich. Mal schauen, ob sie reagiert.
Mit einem lauten Seufzer lässt er sich auf die Ledersitze seines Kombis fallen und schließt für einen Moment die Augen. Er ist heilfroh, diesen Tag hinter sich zu haben, er hatte ihm bevorgestanden wie nichts Vergleichbares. Auch wenn sie es nicht glaubt, so weiß Lars, dass seine Mutter den Umzug nie wirklich gewollt hat. Aber Sonja meint auch, dass sich Elisabeth ein bisschen sehr anstellt. Schließlich kennt sie Hannover von ihren vielen Besuchen bei Lars und seiner Familie! Wie oft ist er mit ihr in die Stadt gefahren, haben sie gemeinsam mit den Kindern den Zoo besucht oder sind in der Eilenriede spazieren gegangen. Zu behaupten, sie sei hier fremd, ist wirklich übertrieben. Das findet Sonja auch.
Lars kennt seine Mutter; sie ist zäh, sie wird das schon packen. Und außerdem kann sie auch mal ein bisschen an ihren Sohn denken.
Es war Sonjas Idee, seine Mutter hierher umzusiedeln. Ihr gefiel es nicht, dass er endlose Stunden damit verbracht hatte, Elisabeth zu besuchen, nachzusehen, wie es ihr ging.
»Wenn deine Mutter hier wohnen würde, könntest du öfter nach ihr schauen und müsstest nicht immer so weit fahren«, sagte Sonja dann, und Lars wusste genau, dass Sonja dachte: Dann wärest du nicht ein ganzes Wochenende fort und Elisabeth müsste bei einem Besuch nicht so lange das Gästezimmer belagern. Und er fand die Argumentation einleuchtend und ging davon aus, dass auch seine Mutter sie schnell verstehen würde.
Doch stattdessen hat Elisabeth von Erinnerungen gesprochen, die sie nicht zurücklassen will, von Freunden, die sie nie mehr wiedersehen wird.
»Welche Freunde?«, hat Lars sie gefragt. »Die sind doch alle schon tot oder kommen selbst kaum noch vor die Tür.« Und, dass man Erinnerungen in seinem Herzen trägt und sie überall mit hinnehmen kann. Seine Mutter hat darauf nichts erwidert. Na ja, über kurz oder lang wird sie einsehen, dass sie recht haben, Sonja und er.
Dass Sonja seine Mutter nicht sonderlich mag, kann er verstehen. Mit ihren Ansichten über Frauen und deren Rolle in einer Familie ist sie so altmodisch. Die Zeiten der treusorgenden Hausfrau und Mutter sind vorbei. Welche Frau möchte heute noch so leben, wie seine Mutter es getan hat? Putzen, kochen, Kinder hüten, das kann doch nicht alles sein!
Lars hat überlegt, dass seine Mutter sie ja auch bei der Kinderbetreuung unterstützen könnte, wenn sie erst mal bei ihnen wohnte. Zum Beispiel, wenn eines der beiden krank würde und nicht in den Hort oder die Schule könne.
Aber Sonja fand die Idee nicht so gut. »Ich möchte nicht, dass sie den Kindern ihre verqueren Lebensmodelle vorlebt. Sie denkt und handelt wie jemand aus dem letzten Jahrhundert! Außerdem ist deine Mutter alt, wir sollten sie mit dieser Verantwortung nicht überfordern. In einem Pflegeheim ist Elisabeth am besten aufgehoben. Es kann ihr nichts passieren, es ist immer jemand da, der sich um sie kümmert, und ab und zu fährst du ja auch bei ihr vorbei. Besser kann sie es doch nicht haben, oder?«
Mit dem Umzug ist nun das Schlimmste geschafft. Die nächsten Tage werden sicherlich noch anstrengend, und Lars weiß jetzt schon, was seine Mutter sagen und wie viel sie weinen wird, wenn er hinfährt. Sonja hat das auch schon gesagt: »Mach dich auf etwas gefasst, Lars. Einfach wird das nicht für sie. Am besten denkst du dir ein paar Dienstreisen aus, damit sie nicht erwartet, dass du jeden Tag bei ihr aufkreuzt.«
Und dann hatte Sonja noch die gute Idee, seine Mutter einfach schon mal bei einigen der Freizeitaktivitäten anzumelden, die man in dem Heim so machen kann. Basteln und Backen, Dinge, mit denen sie sich früher auch beschäftigt hat. Dann fühlt sie sich bestimmt bald wie zu Hause und lernt andere ältere Damen kennen, mit denen sie sich anfreunden kann. Er wird sich bei Gelegenheit da mal drum kümmern.
Endlich ist die Nacht zu Ende. Die Geräusche, die von draußen in mein Zimmer dringen, werden lauter. Die Uhr zeigt nicht einmal sechs und die Dunkelheit liegt noch wie eine dicke Decke auf den Fenstern. Aber wenn draußen auf den Fluren bereits Menschen unterwegs sind, gibt es keinen Grund, mich länger in diesem fremden Bett von rechts nach links zu wälzen.
In meiner Pantryküche mache ich mir heißes Wasser für einen Tee. Der Kühlschrank ist noch recht leer, aber ich habe mir Brot und Käse von zu Hause mitgebracht. Zu Hause – gute zwei Stunden Autofahrt von hier entfernt, doch für mich fühlt es sich an, als läge es auf einem anderen Planeten.
Mit dem Handrücken wische ich ungeduldig die Tränen fort. Ich will nicht weinen. Nachdem ich den letzten Tag weinend beendet habe, will ich den neuen Tag nicht gleich wieder damit beginnen. Doch wie ich so dastehe, dem Wasserkocher zuhöre, fühle ich mich so einsam, dass es nicht anders geht. Und wenn schon, es sieht ja sowieso keiner. Bis Lars nach seiner Arbeit kommt, sind es noch zwölf Stunden. Zwölf Stunden, um meine Fassung wiederzugewinnen und zu wahren. Zwölf Stunden, um ein wenig Farbe auf meine Wangen und ein Lächeln auf meine Lippen zu bringen. Zwölf Stunden, um mir zurechtzulegen, was ich ihm sagen werde. Ich muss es ihm erklären, ohne dass er böse mit mir wird und ungeduldig. Manchmal kann ich seine nur mühsam unterdrückte Ungeduld spüren. Wenn ich seinen Gedanken nicht schnell folgen kann, weil sie oftmals so anders sind. Oder wenn ich nicht so reagiere, wie er es erwartet. Jetzt erwartet er von mir, dass ich mich zusammenreiße und in dieses Haus mit den seltsamen Gerüchen einfüge. Aber das schaffe ich nicht, da bin ich mir sicher. Zwölf Stunden, um die richtigen Worte zu finden.
Endlich kocht das Wasser, und ich kann den Tee aufgießen. Mit einer Scheibe Käsebrot und dem heißen Becher setze ich mich an den kleinen Tisch, der mir zum Essen und Schreiben dienen soll. Die Möbel in diesem Zimmer sind geschmackvoll, man sieht ihnen erst auf den zweiten Blick an, dass sie vor allem funktionell sind. Zwei Stühle an dem Tisch, ein Zweisitzer und ein Sessel in der einen, Bett und Schrank hinter einem Paravent in der anderen Ecke des großen Raumes. Ein kleiner Balkon, auf den der leise Regen fällt und wo im Sommer angeblich die Morgensonne scheint. Dezente, aber warme Farben, hübsche Aquarelle an den Wänden.
