Was vom Schnee bleibt - Marie Molsberg - E-Book

Was vom Schnee bleibt E-Book

Marie Molsberg

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Beschreibung

Vertrauen oder Kontrolle? Diese Frage hat Helen für sich schon lange entschieden. Perfekt organisiert verläuft ihr Alltag in vorhersehbaren, erfolgreichen Bahnen, bis sie Einar, ihre Liebe aus Studientagen, wiedertrifft. Er ist interessiert, sie sehr beunruhigt, Einar lädt sie ein, Helen zögert lange. Ihre Begegnungen in der Weite der norwegischen Winterlandschaft wecken in Helen tief verborgene Gefühle und stören ihr geordnetes Leben. Kann sie es wagen, sich auf so viel Nähe einzulassen? Alles spricht dagegen, besonders Einars dunkles Geheimnis, dass er erst offenbart, als ihm keine andere Wahl bleibt.

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Seitenzahl: 351

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Marie Molsberg, aufgewachsen im Westerwald, lebt und schreibt in Berlin.

Wichtige Worte in ihrem Leben sind:

lesen, schreiben, lachen,

Berge, Blumen, Radtouren,

neugierig, frech, ungeduldig,

sowohl als auch, hier und jetzt, ja.

„Was vom Schnee bleibt“ ist ihr erster Roman.

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Ulm, Montag, 25. November 2013

Berlin, Freitag, 29. November 2013

Berlin, Samstag, 30. November 2013

Berlin, Sonntag, 1. Dezember 2013

Ulm, Montag, 2. Dezember 2013

Ulm, Freitag, 6. Dezember 2013

Bad Ems, Samstag, 7. Dezember 2013

Bad Ems, Sonntag, 8. Dezember 2013

Ulm, Montag, 16. Dezember 2013

Grand Cayman Island, Sonntag, 12. Januar 2014

Grand Cayman Island, Mittwoch, 15. Dezember 2014

Ulm, Donnerstag, 16. Januar 2014

Oslo, Samstag, 25. Januar 2014

Oslo, Sonntag, 26. Januar 2014

Nesbyen, Montag, 27. Januar 2014

Nesbyen, Dienstag, 28. Januar 2014

Ulm, Donnerstag, 30. Januar 2014

Berlin, Donnerstag, 30. Januar 2014

Berlin, Freitag, 31. Januar 2014

Ulm, Samstag, 8. Februar 2014

Ulm, Sonntag, 9. Februar 2014

Memmingen, Mittwoch, 12. Februar 2014

Ulm, Donnerstag, 13. Februar 2014

Bad Ems, Samstag, 15. Februar 2014

Ulm, Rosenmontag, 21. Februar 2014

Nesbyen, Freitag, 28. Februar 2014

Ulm, Samstag, 1. März 2014

Ulm, Sonntag, 2. März 2014

Oslo, Montag, 3. März 2014

Oslo, Freitag, 7. März 2014

Nesbyen, Samstag, 8. März 2014

Nesbyen, Sonntag, 9. März 2014

Ulm, Sonntag, 30. März 2014

Ulm, Montag, 31. März 2014

Ulm, Sonntag, 6. April 2014

Ulm, Montag, 14. April 2014

Prolog

Diese kleinen Wesen berührten sie zutiefst. Die Kleinsten kaum größer als ihr Daumennagel, die Größten etwa wie ihre Handfläche. Hunderte von ihnen waren in den flachen Wasserbecken der Lagune umher geschwommen. Jede einzelne unverkennbar, der Panzer individuell geformt und gefärbt, wie ein Fingerabdruck. Diese wild rudernden Beinchen auf ihrer Hand spüren, dieses instinktive, archaische Wissen, ins Wasser zu gehören und nur dorthin und auf dem Trockenen völlig falsch zu sein – was für eine Sicherheit diese winzigen Kreaturen hatten und mit welcher Kraft sie ihrem Wissen folgten …

Wann wissen wir etwas mit absoluter Sicherheit? Wenn alle bisherigen Erfahrungen dafür und keine dagegen sprechen? Ist das ausreichend? Helen fand das mehr als ausreichend.

Ulm, Montag, 25. November 2013

Hier ist alles in bester Ordnung – wenn der Raum eine Botschaft hatte, dann diese. Helen sah sich zufrieden um. Zwei breite Treppenstufen trennten den oberen Teil des Wohnzimmers mit den deckenhohen Kirschholzregalen voller Bücher und CDs von der hellen Leder-Sitzgruppe und dem Natursteinkamin unten im Wintergarten. Mattweiße Kalkfarbe an den Wänden und dunkel gebeizte Holzbalken an der Decke bildeten einen lebendigen Kontrast dazu.

Vor sieben Jahren war sie mit ihrem Sohn Jan in das Fachwerkhaus gezogen, und noch heute freute sie sich jeden Tag darüber, dass sie damals – allen wohlmeinenden Warnungen der Freundinnen zum Trotz – die Energie aufgebracht und diesen lichten Glas-Anbau mit Rundumblick in den winzigen Garten angefügt hatte.

Das Feuer im Kamin brannte, Frodo döste daneben auf seiner Decke vor sich hin. Jan hatte ihr den grau-weißen Husky-Mischling aus dem Tierheim geschenkt, als er vor drei Jahren zum Studium nach Berlin gezogen war. ‚Damit du was zum Schmusen hast, Mam.‘

Sie hatte das überhaupt nicht witzig gefunden. Was sollte sie mit einem Hund? Frodo hatte sie eines Besseren belehrt, ausdauernd, verspielt und eigenwillig wie er war – und inzwischen nicht mehr wegzudenken aus ihrem Leben.

Den niedrigen, hellgrauen Couchtisch hatte sie mit schwarzen Filzuntersetzern gedeckt, darauf je vier Sekt- und Wassergläser, daneben große und kleine weiße Teller. Die grau-weißen Servietten abgestimmt zur Farbe des Tisches und des wollweißen Teppichbodens. Soweit alles fertig, jetzt konnten sie kommen. Elke würde wahrscheinlich die Erste sein oder Anja, wenn sie direkt aus der Klinik kam, Claudia war meistens zu spät.

Helen setzte sich auf das linke der beiden Sofas und schaute ins Feuer. Die Abende mit den Freundinnen waren wie ein Teller voll nahrhafter Pasta, cremig-gehaltvoll, wohlschmeckend, nur sehr selten unbekömmlich, etwa durch eine Überdosis guter Ratschläge in Sachen Entspannung oder Partnerwahl. Für heute hatte sie ein italienisches Menü vorbereitet, Bruschetta zum Einstieg, dann eine Lasagne und als Nachtisch Pannacotta mit heißen Himbeeren.

Noch mal tief Luft holen, bevor es los ging. Und noch eine Hintergrundmusik auflegen, mit Jan Lundgren und seinem filigranen Tastenzauber in einem klaren skandinavischen See baden …

Am liebsten sollte Anja neben ihr auf dem Sofa sitzen, Elke gegenüber und Claudia gemütlich auf dem Sessel vor dem Kamin.

Anjas gute Laune würde sie anstecken, sie würde sich leicht fühlen und mitlachen. Elke in ihrer strengen norddeutschen Art würde gelegentlich nüchterne Kommentare einwerfen oder Zahlen, Daten, Fakten einfordern, und Claudia hätte den neusten Ulmer Tratsch parat, direkt aus ihrer Apotheke frisch auf den Tisch, garniert mit kleinen, wohldosierten Boshaftigkeiten …

„Jetzt hör doch auf, und lass Helen endlich in Ruhe, Anja!“, sagte Elke ohne jede Spur von Heiterkeit, trotz einiger Gläser Prosecco. „Du kannst sie doch nicht im Ernst mit irgendeiner dieser Internet-Gestalten verkuppeln wollen.“

Anja hob erstaunt die Augenbrauen.

„Mögt ihr noch einen Schluck?“ Helen wartete keine Antwort ab, goss sorgfältig alle vier Gläser nach und putzte den Hals der Prosecco-Flasche mit einer vorbereiteten Serviette ab. Ihr Nacken verspannte sich. Der Abend war noch keine zwei Stunden alt.

Ja, seit Jans Geburt hatte sie keine Beziehung mehr gehabt und lebte alleine. Ja, ihr Sohn war schon über Zwanzig. Ja, und? Deshalb musste Anja doch nicht ausgerechnet heute mit Flirtline ankommen.

Claudia nippte an ihrem Glas und sagte: „Schön, deine Amaryllis, Helen, habe ich auch gerne im Advent.“

Anja setzte sich auf und nahm ihr Handy in die Hand. „Jetzt sei nicht so, Elke, und schau dir das wenigstens einmal an, du weißt doch gar nicht, wovon du sprichst.“

Elke trank ihr Glas in einem Zug aus. „Es tut mir leid, Mädels, aber das hier ist selbst mit ausreichend Alkohol für einen denkenden Menschen nicht zu ertragen.“

Helen nickte zustimmend.

„Jetzt übertreibst du aber, ist doch vielleicht ganz witzig“, sagte Claudia. „Entschuldigt mich, ich muss morgen früh raus. Deine Lasagne war übrigens ausgezeichnet, Helen, wie immer!“ Elke stand auf und griff nach ihrer Tasche, wieder ein Modell, das Helen noch nicht kannte. Elke war die Königin der Handtaschen, für jeden Anlass eine Neue.

„Macht’s gut, bis zum nächsten Mal und grüß’ mir Berlin am Wochenende, Helen!“ Elke ging die beiden Stufen hoch in Richtung Flur.

„Mach’s besser und bring mal dein Toleranzmodul zur Inspektion!“, rief Anja ihr hinterher und schaute wieder auf ihr Handy. Claudia deutete ein Winken an, machte es sich neben Anja auf dem Sofa bequem und sagte: „Lass mal sehen!“

Helen stand auf und brachte die Freundin zur Tür. „Verstehst du jetzt gar keinen Spaß mehr, du arbeitsames Nordlicht?“

Elke lachte. „Du kennst mich doch, ist morgen wieder vergessen. Aber jetzt so eine Reihe von Solarium-gebräunten, selbstverliebten Bodybuildern anschauen – da genieße ich lieber eine Runde Schönheitsschlaf. Manchmal kann Anja schon anstrengend sein.“

Helen nickte und umarmte Elke zum Abschied. Heute war leider definitiv so ein manchmal. Sie hatte alles so schön vorbereitet, die Getränke beim Italiener besorgt, die Lebensmittel frisch vom Markt geholt, die Gläser gekühlt, und jetzt das, sinnloses Reden über Männer und welcher am besten zu ihr passen würde. Es war zum Davonlaufen.

Im Vorbeigehen warf sie einen kurzen Blick in den Garderoben-Spiegel, sah ihre dunkelblonden Locken, wie immer ein wenig ungebändigt, zarte Lachfalten um die Augen, eine ebenmäßige Nase und schön geschwungene Lippen, eigentlich ganz ok so.

Leise seufzend ging Helen zurück ins Wohnzimmer. Was für ein Anblick: Anja und Claudia einträchtig wie in einem Gemälde von Renoir auf dem Sofa, vertieft in Männerbetrachtungen. Anja, groß und schlank in verwaschenen Jeans, daneben Claudia, fast einen Kopf kleiner und füllig. Der rote Schal, den sie zum grauen Strickkleid trug, hatte exakt die Farbe ihres Lippenstifts. Ein Bild des Friedens – wäre da nicht …

Das Feuer im Kamin flackerte unruhig, Helen legte noch ein paar Stücke Holz nach und drosselte den Luftzug ein wenig. Atmen. Locker bleiben.

„Na, das war ja mal wieder ein Abgang“, staunte Anja, „bin ich wirklich so schlimm? Ich meine es doch gut mit dir, Helen! Du musst dich mehr engagieren, du bist 43, von selbst passiert da nichts mehr.“

Anja wischte weiter über das Display: „Jetzt schau du wenigstens einmal her: Flirtline heißt die App.“

Helen stellte sich hinter das Sofa und schaute Anja und Claudia über die Schulter.

„Wie gefällt dir Eric? Der sieht doch echt gut aus, sportlich, blond, der wäre doch was für dich!“

Helen holte tief Luft und beugte sich weiter nach vorn. Der Mann auf dem Display hatte kurze Haare, strahlte wie aus einer Zahnpasta-Werbung und interessierte sie nicht im Geringsten. Sie verdrehte die Augen.

„Komm schon, Helen, schau nicht so kritisch, wir finden jetzt ein Date für nächstes Wochenende in Berlin! Was meinst du zu Stefan? Schau, der hat auch einen Hund!“

Helen spürte wie die senkrechte Falte zwischen ihren Augenbrauen tiefer wurde. „Lass mal, Anja, in Berlin habe ich keine Zeit für sowas, schließlich besuche ich Jan. Vielleicht mal im Frühjahr und lieber hier in der Gegend.“

Claudia kehrte auf ihren Platz zurück, spielte mit den Fransen ihres Schals und sagte: „Die Fotos sind ja ganz witzig, aber wenn du mich fragst, Helen, du solltest mal einen Club-Urlaub machen, anstatt immer auf eigene Faust zu verreisen. Eine Cousine von Christian hat da auch ihren späteren Mann kennen gelernt.“

Ich frage dich aber nicht. Wie satt sie diese permanenten Ratschläge hatte! Als ob ein Schild auf ihrer Stirn kleben würde: ‚Partner-Such-Hilfe erbeten, am besten ungefragt und ständig‘. Helen setzte sich wieder neben Anja auf das Sofa und wickelte sich fester in ihre weite Strickjacke ein. Von Claudia konnte sie diese Art von Lebensberatung am wenigsten ertragen, denn Claudia wusste, wovon sie sprach. Während Anja als ewige Single auf ewiger Suche lebte, war Claudia seit zwanzig Jahren mit Christian verheiratet, zog mit ihm drei Teenager groß und managte die eigene Apotheke. Das Ganze mit dauerguter Laune und einem Lachen, das Schnee zum Schmelzen brachte – Claudia war ein Phänomen.

„Mensch, Claudia, willkommen im Jahr 2013! Club-Urlaub macht heute keiner mehr“, sagte Anja. „Glaub mir, Online-Dating ist die Zukunft.“

Anja als Zukunftsexpertin, auch interessant! Seit zwanzig Jahren denselben Atomkraft-Nein-Danke-Aufkleber auf dem Rad und ewig Doc-Martens an den Füßen, aber Trendscout in Dating-Fragen.

„Lass mal gut sein“, sagte Claudia und wand sich in ihrem Sessel, Anjas Prosecco-selige Hartnäckigkeit schien auch ihr langsam unangenehm zu werden.

„Nein, ich lasse es nicht gut sein.“ Anja goss sich einen Prosecco nach. „Ich bin deine beste Freundin, Helen, und ich werde nicht tatenlos zusehen, wie du zwischen Arbeit, Hund und gelegentlichen Besuchen bei deinem Sohn versauerst. Prost!“

Helen schaute Claudia hilfesuchend an.

„Wisst ihr schon, dass Dr. Sauer das Schiefe Haus gekauft hat und ein Hotel daraus machen will?“, fragte Claudia.

Helen schenkte ihr ein dankbares Lächeln.

„Tut mir leid, Claudia, dein Ablenkungsmanöver in Ehren“, sagte Anja, „aber Helen war gerade dabei, sich für einen dieser jungen Männer am nächsten Wochenende zu entscheiden.“

Genau dabei war sie gerade nicht! „Ich brauche Bedenkzeit, warte einen Moment“, antwortete Helen. Sie musste Anja bremsen, und das ging zuverlässig nur mit einem Mittel, zumindest vorübergehend. Sie räumte die benutzten Teller zusammen, das Besteck dazu und ging in die Küche. Etwas zu essen würde helfen, da war sie sicher. Während sie die Himbeeren für das Dessert erwärmte, hörte Helen aus dem Wohnzimmer Anjas Stimme: „Wieso fällst du mir so in den Rücken? Ich hatte Helen fast soweit und dann kommst du mit Dr. Sauer. Wie oft soll ich denn noch von vorne anfangen?“

Claudias leise Antwort konnte sie nicht verstehen. Helen nahm die kleinen Schalen mit der Pannacotta aus dem Kühlschrank und stellte sie auf ein Tablett, die heißen Himbeeren goss sie in eine doppelwandige Glasschale und stellte sie dazu. Jetzt noch die Löffel und zurück ins Wohnzimmer. „Schaut, was ich hier für euch habe!“ Helen stellte das Tablett auf den Tisch, Anja und Claudia strahlten und nahmen sich jeweils eine Schale, eine entspannte Stille entstand.

„Hm, sehr lecker“, sagte Anja und nahm sich noch einen zweiten Löffel von der Himbeersauce, etwas zu schwungvoll für Helens Empfinden und prompt landete ein dicker Tropfen auf dem weißen Teppichboden. Anja bemerkte es nicht, Helen sehr wohl.

Und nun? Eigentlich müsste sie jetzt sofort ein feuchtes Tuch holen und versuchen, den Schaden zu begrenzen. Aber das würde Anja dankbar aufgreifen für einen Vortrag in Sachen Putzfimmel und Pedanterie, und diese Diskussion brauchte sie auch gerade nicht. Vielleicht würde sie es später noch mit ihrem Spezial-Fleckentferner …

„Fährst du dieses Jahr Weihnachten wieder in die Karibik, Helen?“, fragte Claudia.

Helen lehnte sich zurück und lächelte. „Ja, diesmal auf die CaymanInseln, ich freue mich echt darauf! Seit Anfang November operiere ich an zwei Tagen pro Woche in Neu-Ulm, ich bin sowas von urlaubsreif.“

Claudia aß genüsslich noch einen Löffel von der Pannacotta. „Sehr lecker, dein Nachtisch! Über die Feiertage so weit weg, das wäre nichts für mich, ich brauche Schnee und einen Adventskranz und die Weihnachts-Motetten im Münster.“

„Du und deine Alle-Jahre-wieder-Romantik“, sagte Anja, „lass Helen nur ihre Karibik, sonst kommt sie völlig aus der Übung, was die Jungs angeht! Hinterher sieht sie ja immer sehr entspannt und zufrieden aus.“ Anja lächelte wissend.

Ihre Freundinnen ahnten nicht im geringsten, wie sehr sie tatsächlich aus der Übung war. Der smarte Liam aus San Francisco, mit dem sie so tolle Segeltouren gemacht hatte, und Raoul, der Musiker aus Kingston mit dem unglaublichen Rhythmusgefühl, und Pierre, der französische Tauchlehrer mit den schlanken Händen, und all die anderen, von denen sie im Lauf der Jahre geschwärmt und ausführlich berichtet hatte – alle frei erfunden …

Und sie würde sich eher die Zunge abbeißen als den Mädels in diesem Punkt die Wahrheit zu sagen. Ihr jährlicher Karibikurlaub funktionierte perfekt als Notlügenkulisse für erotische Abenteuer mit gut aussehenden Männern, die sich dann hinterher natürlich nie mehr meldeten, weil anderer Kontinent und so. Von Januar bis März konnte sie ausführlich berichten, was sie sich in Cosmo, Vogue und Men’s Health so angelesen hatte, und so bescherte ihr das Frühjahr in den letzten Jahren immer wieder eine gewisse Schonzeit in Sachen Partnervermittlung.

In Wahrheit – in Wahrheit musste sie nur ihren Sohn Jan ansehen, um zu wissen, wie lange die erste und einzige sexuelle Begegnung ihres Lebens nun schon zurücklag. Jan war diesen Sommer 22 Jahre alt geworden.

Anja und Claudia unterhielten sich über den neuen Sportlehrer von Claudias Tochter, einen jungen Referendar. Anja hatte noch eine Runde Prosecco nachgeschenkt. Der Fleck, nur wenige Zentimeter von Anjas rechtem Fuß entfernt, tauchte immer wieder in Helens Blickfeld auf. Ihn tatenlos zu betrachten rief ein unangenehmes Kribbeln in ihrem Bauch hervor, vielleicht sollte sie jetzt doch ein Tuch holen …

„Wolltest du nicht noch ein paar Erdnüsse holen?“, fragte Anja.

„Stimmt, habe ich ganz vergessen, sorry.“ Helen stand auf, holte eine Schale mit Nüssen aus der Küche und setzte sich wieder neben Anja.

„Du scheinst wirklich urlaubsreif zu sein“, sagte Claudia, „sonst vergisst du doch nie etwas.“

„Das stimmt nicht. Jan erinnert mich immer wieder an das tiefe Atmen und die lockeren Schultern.“ Demonstrativ kreiste Helen einige Male mit den Armen und atmete tief ein und aus. „Und genauso oft vergesse ich mit der Stopp!!-Technik meine Grübelschleifen zu unterbrechen und die Dinge entspannt auf mich zukommen zu lassen.“

„Ein wenig Entspannung würde dir in der Tat gut tun“, sagte Anja, streckte ihren Arm aus und knetete Helen mit der rechten Hand kurz Nacken und Schultern.

Hmm, das könnte öfter jemand machen. Helen reckte sich Anjas Hand entgegen. Sie könnte mal wieder zur Massage gehen.

„Trinken wir auf unsere wunderbaren Kinder“, sagte Claudia „und auf die unbezahlbare Selbsterfahrung, die sie uns tagtäglich schenken.“

Das Feuer im Kamin war runtergebrannt.

Geschafft! Anja war als letzte gegangen, Helen hatte ihre Freundin zur Tür gebracht, herzlich umarmt und ihr noch nachgeschaut, wie sie ihr Fahrrad leicht schwankend um die Ecke schob. Wie ihr Leben wohl ohne Anja verlaufen wäre? Sie war nicht sicher, ob sie ohne Anja überhaupt noch leben würde.

Als sie sich im Studium näher kennenlernten, war Anjas Sohn Malte acht Monate alt und Helen hatte gerade festgestellt, dass ihre ausbleibende Monatsblutung nicht Folge des permanenten Prüfungsstresses, sondern offensichtlich Folge eines One-Night-Stands und der daraus resultierenden Schwangerschaft war. Anja hatte an diesem Tag neben ihr im Biochemie-Praktikum gesessen und nach ungefähr dreißig Sekunden gespürt, dass hier Tatkraft und Lösungsideen gefragt waren, zwei Eigenschaften, die sie im Übermaß besaß.

„Abtreibung?“, hatte Anja als erstes gefragt.

„Kommt nicht in Frage!“, hatte Helen erschrocken geantwortet. „Ist außerdem zu spät, bin schon im vierten Monat.“

„Dann lass uns das doch zusammen machen, meine Wohnung ist groß genug, wenn die Kinder sich ein Zimmer teilen. Wir können gegenseitig auf sie aufpassen, sie haben quasi ein Geschwisterkind und wir können zusammen lernen und sparen Geld bei der Miete. Und wenn es nicht funktioniert, dann können wir wieder jede für sich weiter machen. Was haben wir zu verlieren?“

Anja hatte das so entschlossen und so überzeugend gesagt, dass Helen jedes Wort geglaubt hatte. Es musste einfach wahr sein, weil es so wunderbar wäre nicht alleine zu sein mit all den Ängsten und Sorgen. Und ohne lange nachzudenken – was auch damals schon sehr ungewöhnlich für sie gewesen war – war sie einen Monat später mit in Anjas Wohnung gezogen.

Anja hatte die Gesprächsstrategie für Helens Mutter Elvira entwickelt, ebenso die für Thorsten, den Kindsvater, und für die Sachbearbeiterin des BAföG-Amts, die während der Mutterschutz-Wochen die Förderung einstellen wollte.

Anja hatte ihr eine Ausbildung zur Krankenschwester und einige Jahre Erfahrungen mit Jungs voraus, und da wo sie selbst zögerlich im Kreis herumdachte, da machte Anja einfach, und rückblickend war Helen sich sicher, dass sie damit ihr und Jan das Leben gerettet hatte.

Helen fröstelte, sie stand noch immer in der Haustüre. Langsam ging sie zurück ins Wohnzimmer, räumte den Tisch ab und trug das Geschirr in die Küche. Im Vorbeigehen begegnete sie ihren graugrünen Augen im Flurspiegel. Sie schenkte sich ein Lächeln, die Strenge verschwand. Ihr Äußeres war es nicht, das hatte vielen Männern gefallen. Vielleicht überforderte ihr Ordnungssinn einen Durchschnittsmann, vielleicht war es auch ihre Bindung zu Jan, die keinen Platz ließ für einen Anderen. Egal. Es war gut so, wie es war. Sie war nun mal nicht locker und spontan. Sie fühlte sich nicht frei und leicht unter fremden Menschen. Sie verstand nichts von Flirtline und Dating-Portalen. Na und? Es gab Schlimmeres. Und es gab eine Reihe von Dingen in ihrem Leben, auf die sie richtig stolz war: ihr Sohn Jan, ihre langjährigen Freundschaften, ihre Unabhängigkeit, ihre eigene Praxis, ihre sportliche Kondition und ein Händchen für Schönes hatte sie definitiv auch. Dieses Haus und wie sie es gestaltet hatte, wie sie Nischen und Räume geschaffen hatte, Orte zum Arbeiten und zum Wohlfühlen – da machte ihr so schnell keiner etwas vor.

Helen lächelte. Jetzt noch einen Moment der Ruhe genießen, im Wohnzimmer sitzen und den Plan für morgen machen … Der Fleck! Wie hatte sie den Fleck vergessen können?

Berlin, Freitag, 29. November 2013

„Magst du noch einen Kaffee, Mam?“, fragte Jan und hielt die Kanne schon in der Hand. „Ja, bitte, der macht mich hoffentlich wieder munter.“ Helen gähnte. Ein Bett wäre jetzt schön oder wenigsten eine Matte zum Ausstrecken. Sechs Stunden Zugfahrt, das war einfach zu lang für ihren Rücken.

Sie betrachtete ihren Sohn. „Du siehst völlig verändert aus mit deinen kurzen Haaren, da brauche ich noch eine Weile, um mich daran zu gewöhnen“, sagte sie. Um sich an das Durcheinander hier in seiner WG-Küche zu gewöhnen, würde eine Weile nicht ausreichen. Auf der Spüle stapelte sich das benutzte Geschirr der letzten Tage, im Regal neben dem kleinen Fenster stand ein wildes Sammelsurium offener Müsli-, Reis-, Nudel- und Kartoffelpüree-Packungen zwischen getrockneten Tomaten, Nüssen, Pudding- und Backpulver, diversen Kaffee- und Tee-Sorten und einem halb leeren Marmeladeglas. Auf der Fensterbank die kümmerlichen Reste einer vertrockneten Basilikumpflanze an der Seite eines angeschimmelten Avocado-Kerns, der in einem Wasserglas Wurzeln ziehen sollte. Weder Jan noch seinen Mitbewohner schien das zu stören. Immerhin, den kleinen Küchentisch hatte er abgewischt, bevor er ihre Kaffeetassen darauf gestellt hatte. Der Kaffee war viel zu stark, die Tasse nicht sauber gespült. Aufstehen, Ärmel hochkrempeln, anfangen. Ordnen, aussortieren, wegwerfen, spülen, putzen, das würde helfen. Nein, das würde sie jetzt nicht sagen, nicht knapp eine Stunde nach ihrer Ankunft schon den ersten Streit vom Zaun brechen.

Sie vermisste ihn so. Sein Gesicht war so schmal geworden, unter den Augen dunkle Ringe. Berlin und die Veränderung – nicht nur seines Äußeren – waren ihr nicht geheuer. Warum konnte er nicht in Stuttgart studieren oder in Würzburg? Ausgerechnet Berlin! Allein die Größe dieser Stadt und jetzt diese Frisur, seine schönen dunklen Locken. Einfach ab. Fast kahl rasiert bis zu den Schläfen, nur noch eine glatt-gegelte Tolle am Oberkopf, Undercut hatte er gesagt. Er sah so fremd aus. Er war so fremd.

Stopp!! Nicht in die Ich-will-meinen-kleinen-Jungen-wiederhaben-Denk-Schleife einsteigen, nicht jetzt! Das Zusammensein mit ihm genießen, sehen, wie es ihm geht – deswegen war sie hier. Ihn spielen hören morgen, dabei sein bei seinem ersten Berliner Auftritt.

„Was machen wir heute noch, wozu hast du Lust?“, fragte Jan.

„Ich weiß nicht, was schlägst du vor?“, antwortete Helen.

„Heute Abend könnten wir noch ins A-Trane gehen, da spielt eine Combo aus Paris mit Oboe und Sax als Solisten oder ins Schwarze Café, wenn du es ruhiger magst.“ Jan redete schnell, seine schlanken Hände waren dabei immer in Bewegung, so als dirigiere er seinen eigenen Sprachfluss. Er hatte den schlaksigen Körper seines Vaters und auch dessen geschmeidige Beweglichkeit. „Vorher kochen wir was, ich habe Champignons, Parmesan und Pesto eingekauft, und dann muss ich dir natürlich mein Stück für Samstag vorspielen, der Impro-Teil ist voll cool, du wirst es mögen.“

Helen schaute ihn an, seine dunklen Augen, sein glatt rasiertes Gesicht, seine sehnigen Unterarme, die in dem weiten, schwarzen Hoodie verschwanden. Wie sehr sie ihn liebte. Kein anderer Mensch auf der Welt kam auch nur in die Nähe dieses Gefühls …

„Hörst du mir überhaupt zu, Mam?“

„Entschuldige, Jan, ich war gerade ein wenig in Gedanken. Ich weiß nicht, ob ich heute Abend noch Ausgehlaune habe, die Zugfahrt war doch recht lang. Wie kommst du mit deinem Mitbewohner klar?“

„Ach, das passt schon, mach dir nicht so viele Gedanken! Er ist übrigens nicht da am Wochenende, du kannst in seinem Zimmer schlafen.“

„Dann sollte ich dort vielleicht noch ein wenig aufräumen?“

„Nein, das solltest du nicht! Hier gibt es nichts aufzuräumen!“

„Nun, wenn ich mich so umschaue, dann würde mir doch das eine oder andere auffallen. Ich kann ja mal abspülen und dann sehen wir weiter.“

Jan verdrehte die Augen und hob die Hände. „Ich glaube, du verstehst nicht, Mam. Ich will nicht, dass du hier irgendetwas aufräumst! Das kannst du gerne in deinem Ulmer Schöner-Wohnen-Tempel zelebrieren, aber nicht hier. Hier ist es gemütlich, hier leben Menschen.“

„Jan?“ Helen schluckte.

„Du bist noch keine Stunde hier und schon wieder beim Thema putzen. Du fragst nicht, wie es mir geht. Du sagst nicht, dass du meine Frisur Scheiße findest. Du hast keine Lust auszugehen oder Berlin irgendwie kennenzulernen, das nervt echt!“

Wie kam er zu solchen Vorwürfen? Helen holte tief Luft. „Ich glaube, wir beenden das jetzt besser, bevor wir noch Sachen sagen, die uns nachher leidtun.“

„Klar, nur kein Streit, da könnte man ja mal Farbe bekennen oder Haltung zeigen müssen.“ Jan schob seine Kaffeetasse von sich und sah aus dem Fenster, dann wandte er sich Helen wieder zu. „Weißt du, was mich schon seit Jahren ankotzt? Immer hast du mir gepredigt, wie wichtig gesellschaftliches und politisches Engagement ist. Dass ich lesen soll und mich informieren und diskutieren – und was machst du? Dich in deiner Praxis-Blase verschanzen und putzen.“ Jan stand auf und lief in der kleinen Küche auf und ab, seine Gesten waren jetzt ausladend und hektisch. „Diskutiere doch ein Mal ein relevantes Thema mit mir! Es gibt zahllose: wir können über den arabischen Frühling sprechen oder über Griechenland und die Euro-Krise und warum sie die reichen Länder noch reicher machen wird oder über …“

Was wurde das hier? Sie wollte nicht mit ihm streiten. Sie wollte ihm nahe sein … Helen fiel ihm ins Wort: „Jan, warum in diesem Ton? Und von wegen ich bin unpolitisch: im Juni waren wir zusammen am Brandenburger Tor und haben Barak Obama zugehört! Es gibt doch auch Hoffnung für die Welt, nicht nur Großkapital und Herrschaft des Bösen. Ich verstehe gar nicht, was dich so aufregt.“

Jan seufzte und setzte sich wieder zu ihr an den Tisch. „Das glaube ich sofort. Du verstehst nichts. Immer moderat, immer gemäßigt und in angemessenem Ton, genauso wie dieser weichgespülte Obama mit seiner best-friends-Rhetorik. Gibt es überhaupt irgendetwas, für das dein Herz brennt? Ein Thema, für das du demonstrieren oder streiten oder Nachteile in Kauf nehmen würdest? Irgendetwas, das dir wirklich etwas bedeutet?“

Natürlich! Für dich würde ich alles tun, für dich habe ich gestritten und viele Nachteile in Kauf genommen und ich würde es jederzeit wieder tun! „Ich weiß nicht, ob es ein Thema gibt, dem so viel Emotion gut tut“, antwortete Helen leise und trank noch einen Schluck Kaffee.

„Mam, es hat keinen Sinn, du verstehst es wirklich nicht. Es geht um unsere Zukunft, darum ob die Erde noch bewohnbar sein wird in dreißig oder vierzig Jahren.“ Er stand auf und ging zum Fenster. „Wir müssen handeln! Reden reicht schon lange nicht mehr!“ Jan schüttelte den Kopf. „Vergiss es!“ Er stand vor ihr in der kleinen Küche, und die Anspannung ließ die Adern an seinem Hals hervortreten. Sie schaute ihn an, suchte ihren Jungen, suchte ihr beider stilles Einvernehmen, das sie so stark gemacht hatte. Das alles schien für ihn nicht mehr zu zählen. Er war ausgezogen, nicht nur aus ihrem Haus … Helen wurde schlecht. Der Kaffee war zu stark gewesen, sie hätte ihn nicht trinken sollen.

Jan hatte aufgehört zu sprechen, und sie konnte und wollte ihm nicht antworten. Sie konnte ihm nicht sagen wie sehr sie die Veränderung, die sie an ihm wahrnahm, ängstigte. Und sie wollte ihm nicht sagen wie sehr er ihr fehlte. Wie sie abends im Bett lag und sich vorstellte, er würde die Haustüre aufschließen und wie das beruhigende Gefühl ‚Jan ist da‘ sie einschlafen ließ. Wie sie in ihrer Küche saß und beim Blick in den Garten sein Lachen beim Herumtollen mit Frodo hörte. Wie sie in seinem Zimmer stand, vor dem leeren Bett und dem leeren Schreibtisch und ihn zurückwünschte in dieses Haus und in ihren Alltag. Sie wollte keine Glucke sein, sie wollte ihn ziehen lassen …

Das einlaufende Spülwasser riss sie aus ihren Gedanken. Sie schaute auf und begegnete Jans Blick, ernst, entschlossen, erwachsen. Und auffordernd.

„Magst du schon mal die Pilze schneiden?“, fragte er.

Dankbar griff Helen zum Messer.

Beim Essen sprachen sie wenig. Ihre Übelkeit hatte nachgelassen, trotzdem fühlte Helen sich außer Stande, heute noch irgendwo hinzugehen und unter fremden Menschen zu sein. Viel lieber würde sie mit Jan an der Donau entlanglaufen, ihretwegen auch an der Spree, ihre alte Verbundenheit spüren, sein Vertrauen genießen. Sie wollte nicht, dass diese Zeit vorbei war, aber diese Zeit war vorbei. Gut, dass Jan das für sich so klar hatte. Er verabredete sich mit einem Freund und wünschte ihr eine gute Nacht.

Lange konnte Helen nicht einschlafen. Bevor sie sich hinlegte, bezog sie das Bett und wischte den Nachttisch mit einem feuchten Tuch ab. Das Zimmer lag zur Straße hin und hatte keine Rollläden. Durch die geschlossenen Vorhänge blinkte die Neonreklame eines Spätkaufs auf der gegenüberliegenden Straßenseite.

Sie freute sich auf das Vorspiel morgen, Jans Musik sagte so viel mehr über ihn als seine Worte. Schon als Kind hatte er sie verblüfft, wenn er stundenlang mit ihrem Bruder Thilo Jazz-CDs angehört und sich für Ornette Coleman und David Murray begeistert hatte. Von Anfang an war das Saxophon sein Instrument gewesen, und als er mit acht Jahren endlich anfangen durfte zu spielen, übte er jahrelang wie ein Besessener, um seinem Idol James Cater näher zu kommen. Diese unerschütterliche Entschlossenheit, die er von klein auf gezeigt hatte, beeindruckte Helen fast noch mehr als sein warmer Sound, der mit den Jahren immer unverkennbarer wurde.

Sie liebte Jan so sehr, auch wenn er kein ‚Kind der Liebe‘ war – was für ein bescheuerter Ausdruck. Seinen Vater Thorsten hatte sie vorher noch nie und danach nur selten gesehen. Da war diese Party im fünften Semester und er war ihr den ganzen Abend auf den Fersen und irgendwann war sie neugierig, betrunken und mutig genug, mit ihm nach Hause zu gehen. Sie wusste, dass er mit seiner Freundin zu dem Fest gekommen war, und das war ihr gerade recht. Sie musste sich auf ihr Medizin-Studium konzentrieren und nicht auf die Frage, ob irgendwer irgendwann anrufen würde oder wie lange sie darauf warten wollte. Thorsten sah gut aus und er roch gut, trocken und warm, nach Vanille und Holz, daran erinnerte sie sich noch genau, und sein weicher, schlaksiger Körper hatte ihr vom ersten Augenblick an gefallen.

Sie waren zärtlich miteinander, soweit das morgens um drei und nach den Alkoholmengen möglich war, ließen sich Zeit, und als Thorsten irgendwann eingeschlafen war, betrachtete sie ihn eine Weile, um sich seinen Anblick einzuprägen. Dann suchte sie leise im Dunkeln ihre Kleider zusammen, zog sich an, sorgsam darauf bedacht, ihn nicht aufzuwecken und ging auf Strümpfen lautlos zur Wohnungstür. ‚Das also war mein erster Mann‘, hatte sie gedacht, bevor sie leise die Tür hinter sich ins Schloss zog. Dass es auch ihr letzter gewesen sein könnte, lag damals außerhalb jeder Vorstellung, inzwischen nicht mehr.

Wie unsinnig das alles war. Da fuhr sie 600 km durch Deutschland, um mit ihrem Sohn zusammen zu sein, und jetzt wälzte sie sich hier alleine schlaflos herum, und er war mit einem Freund unterwegs.

So einfach wäre es gewesen zu sagen: ‚Ich möchte gerne den Abend mit dir verbringen, aber nicht in so einem lauten Club, lass uns doch hier bleiben oder einen Spaziergang machen’. Sie hatte es nicht fertig gebracht. Nicht noch mehr Auseinandersetzungen, nicht noch mehr von dem ratlosen Schweigen und diesem Gefühl, nicht zu wissen wohin mit ihrer Gluckenliebe. Und Jan hatte Recht, ihre Neugier auf Berlin hielt sich in sehr engen Grenzen. Zu groß, zu anders, zu fremd war ihr diese Stadt. Als sie so alt gewesen war wie er jetzt, war sie schon Mutter und hatte sich sehr erwachsen gefühlt. Immerhin sprach Jan noch mit ihr, sie hatte damals den Kontakt zu ihrer Mutter fast zwei Jahre lang abgebrochen. Die grelle Neonreklame blinkte weiter im Takt, Helen zählte Schafe …

Berlin, Samstag, 30. November 2013

Jan übte für sein Vorspiel am Nachmittag, Helen hörte ihm eine Weile zu, brach dann auf zu einem Spaziergang. Dreimal rechts abbiegen und zweimal links und sie landete auf einer Bank am Lietzensee. Straßenlärm von hinten, vor ihr das Wasser. Geschäftiges Treiben am Ufer, wo wollten die alle hin? Zwei graue Möpse kamen von links mit einem passenden Herrchen dazu, alle drei klein und rund. „Na, rennt doch mal ordentlich, ihr Beiden!“, rief er ihnen energisch zu, sein Animations-Versuch verhallte ergebnislos, die Hunde bewegten sich weiter gemächlich vorwärts.

Ein trüber, dunkelgrauer Himmel hing über der Stadt, der Nebel in Berlin war anders als in Ulm, höher, weniger greifbar. Die Trauerweide am gegenüberliegenden Ufer spielte mit der Wasseroberfläche. Für Ende November hingen noch erstaunlich viele Blätter an den Bäumen, gelb-braun, welk, absterbend. Der Januar war ihr liebster Monat. Wenn die Blätter alle gefallen waren, traten die Konturen der Bäume und der Landschaft so klar hervor, alles war eindeutig, keine Garnitur, kein Lametta.

Ein Jogger in grau-schwarz trabte durchs Bild. Ein Entenpaar auf dem See zog lange, keilförmige Bugwellen hinter sich her.

Im dem Haus hinter der Trauerweide brannte im ersten Stock ein Licht. Dort oben am Fenster sitzen und lesen, mit Blick auf den See, das wäre schön. Ein Mann kam von links, die nächste Joggerin in einem neongrünen Oberteil von rechts. Sie hätte doch die Laufschuhe mitnehmen sollen. Ob man um den See herumlaufen konnte? In den dunkelgrauen Wolken bildete sich eine kleine, hellgraue Lichtung, die sich im Wasser spiegelte.

Der Mann von links war nähergekommen. Er war ihr vorhin schon aufgefallen. Seine blonden, kurzen Haare, sein gleichmäßiger Gang, seine aufrechte Haltung. An der Trauerweide war er stehengeblieben und hatte über das Wasser geschaut, fast meinte sie, zu ihr hergeschaut. Schön, wie er seine Hände aus den Manteltaschen nahm und einen Stein über das Wasser springen ließ, dreimal hüpfte der auf der Oberfläche, bevor er versank.

Ihr wurde kalt, sie hätte eine Decke mitnehmen sollen. Ein warmer Tee wäre jetzt fein. Die laute Sirene eines Krankenwagens auf der Straße hinter ihr riss sie aus ihren Gedanken. Wie gut, dass sie keinen Dienst hatte, wie gut, dass die Klinikzeiten vorbei waren. Die Möpse und ihr Herrchen kamen zurück. Offensichtlich konnte man nicht um den See herumlaufen. Helen blickte nach links, hielt nach dem Mann Ausschau, wartete darauf, dass er näher kam. Er hatte seinen Schritt verlangsamt und schaute in ihre Richtung. Sein fragender Blick – fast wie ein Anklopfen. Oder ein Wiedererkennen? Sie kannte niemanden in Berlin. Niemanden, der so gut aussah.

Eine grauhaarige, alte Frau mit all ihren Habseligkeiten in zwei großen, abgeschabten Plastiktüten setzte sich auf die benachbarte Bank, so nah, dass Helen von ihren gemurmelten Selbstgesprächen fast jedes Wort verstand: „Dann kommt doch, wenn ihr mich holen wollt, mit euch werde ich fertig, ich habe es ja schon immer gesagt …, ich habe keine Angst …“ Instinktiv rückte Helen ein wenig zur anderen Seite. Nach links.

Da stand er jetzt, nur noch wenige Meter entfernt und schaute sie an. Helen senkte den Blick und er ging weiter, langsam an ihr vorbei, sehr langsam. Die helle Lichtspiegelung im Wasser war größer geworden. Sie sah ihm nach. Auch von hinten gefiel er ihr. Seine langen, schlanken Beine, der kurze dunkle Mantel, darunter eine schmal geschnittene Jeans.

Die Frau nebenan stand umständlich wieder auf, kramte ihre Tüten zusammen und schlurfte weiter. Die nächste Joggerin rannte vorbei, völlig außer Atem, und auch die Enten waren wieder da, diesmal zu dritt und viel unruhiger, ein ständiges hin und her. Der Mann war stehen geblieben und drehte sich jetzt zu ihr um. Stand einfach da, mitten auf dem Weg und schaute sie an. Und er lächelte. Und er kam zurück. Und dann stand er wenige Meter vor ihr und lachte. Ein ansteckendes Lachen, das kleine, freundliche Falten in sein Gesicht zauberte und seine blauen Augen leuchten ließ. Diese Augen, woher kannte sie diese Augen?

„Helen?“

Er kannte ihren Namen. „Helen? Du bist das, oder?“

Der weiche, fast gesungene Akzent, mit dem er sprach, ging tief unter ihre Haut. Und ließ sie augenblicklich wieder einundzwanzig sein und in der Chirurgie-Vorlesung sitzen. Er hatte sich neben sie gesetzt, und ihr Herz hatte bis zum Hals geklopft und sie war zum Platzen glücklich gewesen, weil er neben ihr gesessen und sie angelacht hatte. Und dann hatte er ihr mit diesem wunderbaren norwegischen Akzent von der Party bei Daniela am kommenden Samstag erzählt …

„Helen?“ Wie schön das klang, wenn er ihren Namen sagte. Sie brachte keinen Ton heraus. Ganz lässig ‚Hallo Einar’ sagen – es ging nicht.

„Ich dachte schon im Vorbeigehen, du könntest es sein. Und dann doch nicht, und jetzt bist du es wirklich. Wie schön dich zu sehen!“ Er strahlte sie an. Vor allem seine Augen strahlten. Er war zwei Jahre älter als sie, und die Linien auf seiner Stirn und um seine Mundwinkel unterstrichen sein Alter. Aber seine Augen waren fast so jung wie damals, und sie hatten noch immer dieses unwiderstehliche Sommerhimmel-Blau, das sie gepackt und lange nicht wieder losgelassen hatte. Eben noch waren die Enten von Bedeutung gewesen und die Jogger …, jetzt war eine andere Zeit. Einar setzte sich zu ihr auf die Bank. Auch damals im Hörsaal hatte er auf ihrer rechten Seite gesessen. Sie rückte ein Stück weg.

„Wie lange ist das her? Achtzehn Jahre? Zwanzig?“, fragte er und schaute sie lange an. „Du siehst gut aus! Wohnst du hier in Berlin?“

Noch immer konnte sie kaum antworten, ihr Herz schlug bis zum Hals. „Ich …, ich wohne immer noch in Ulm, ich … bin nie weggegangen, hat sich nicht ergeben.“

Was für ein Gestammel. Mit Mühe brachte sie noch heraus, dass sie hier ihren Sohn besuchte. Es war genau wie damals, sobald er sie mit diesen Augen ansah, setzte ihr Gehirn aus. Damals konnte sie oft gar nichts sagen, wenn er sie ansprach, inzwischen immerhin einen völlig verschwurbelten Satz – tolle Entwicklung. Sie musste hier weg. Eben noch hatte sie friedlich auf dieser Bank gesessen und den See betrachtet und jetzt saß Einar neben ihr, die Liebe ihres Lebens – wie abgedroschen, aber es passte, nie vorher hatte sie sich so verliebt und danach auch nicht mehr.

„Stimmt, du hattest ja einen Sohn. Und der studiert jetzt schon? Wahnsinn! Und was machst du? Bist du Internistin geworden, wie geplant?“

Helen konnte sich nicht erinnern, dass sie jemals geplant hatte Internistin zu werden, geschweige denn daran, Einar davon erzählt zu haben. „Internistin? Nein. Ich brauche was Handfestes, ich bin Orthopädin, habe lange an der Uni in Ulm gearbeitet und mich dann vor drei Jahren niedergelassen.“ Immerhin, drei flüssige Sätze. „Und was machst du hier in Berlin?“

„Arbeiten sozusagen – ich nehme an der DGPPN-Tagung teil …“

„DG-was-Tagung?“

„DGPPN – die ‚Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde’. Es gibt spannende Vorträge und Berlin ist natürlich auch immer toll.“

„Wie, du bist Psychiater geworden?“ Einar, ein Seelenklempner? Nicht zu fassen. Die alte Frau mit ihren Tüten kam zurück und murmelte leise vor sich hin, eine Wolke modrigen Geruchs begleitete sie.

Bitte nimm eine andere Bank!

„Ja.“ Einar malte mit seinen Händen eine Gesprächseinladung in die Luft. „Die Geschichten von Menschen haben mich schon immer interessiert. Ich habe eine Praxis in Oslo, das ist genau das Richtige für mich.“ Er neigte sich zu ihr und strahlte sie an. „Ich muss dich dauernd anschauen, Helen. Du siehst gut aus, so lebhaft und sportlich. Und die kurzen Haare stehen dir total gut. Ich freue mich wirklich dich zu sehen! Wie lange bleibst du in Berlin?“

Die alte Frau schlurfte langsam vorbei. Wie schön seine Hände waren. Und seine Augen. Helen sah auf die Uhr. Schon kurz nach drei, sie musste los. Wie gut! Wie schade! Sie wollte bleiben, hier, bei ihm … Stopp!! Sofort Stopp!! Keinen derartigen Unsinn zulassen, nicht einmal in Gedanken!

Bis Montag würde sie bleiben, sagte sie ihm, und dass sie jetzt losmüsse, um Jans Vorspiel nicht zu verpassen. Dann stand sie auf.

„Ich muss auch wieder zurück, aber wenn du bis Montag bleibst, können wir uns doch morgen Abend zum Essen sehen?“, fragte Einar und erhob sich ebenfalls.

„Das muss ich mit meinem Sohn besprechen.“ Bloß nicht wiedersehen, am Ende würde er nur wieder verschwinden und sie würde dasitzen und unglücklich sein, so wie vor zwanzig Jahren.

Einar schob die Unterlippe leicht vor und schaute sie fragend an. „Möchtest du nicht?“

Hinter ihm zogen die Enten vorbei, diesmal zu zweit. Wo war die dritte geblieben?

„Äh …, doch, also ich meine, ich kann ja mal sehen …“

Einar stand jetzt neben ihr und berührte wie versehentlich ihren Ellbogen. Helen spürte wie ihr Herz klopfte. Weg hier! Bloß weg hier! Sie atmete tief aus. In ihrem Leben war kein Platz für diese Art von Aufregung. Alarmierend. Unkontrollierbar.

Jetzt sagte er auch noch: „Bitte, gib mir deine Handynummer, damit ich dich morgen erreichen kann.“

Und nun? Ihm ihre Nummer geben und dann den ganzen Tag warten, ob er anrufen würde, im Viertelstundentakt auf das Display schauen …, so wie damals. Helen nannte ihm ihre Nummer.

Einar tippte die Ziffern in sein Handy und strahlte sie an. „Ok, hab ich. Ich freue mich auf morgen, Helen! Ha det bra!“

Es war höchste Zeit zu gehen. Ihre Beine wollten nicht. ‚Ha det bra‘ hatte er früher auch immer gesagt, mit dieser vollen, weichen Stimme. Nichts wie weg hier!

Sie gingen auseinander, am Ufer entlang in unterschiedliche Richtungen. Die beiden Enten schwammen ein Stück mit ihr. In sicherer Entfernung hielt sie an und drehte sich nach ihm um. Auch er war stehen geblieben und winkte ihr zu. Ihr Arm hob sich und winkte zurück, bevor sie es verhindern konnte.

„Haben die Herrschaften schon gewählt?“, fragte der Ober. „Ich kann heute die Entenbrust mit Rotkohl sehr empfehlen.“

Nach Jans Vorspiel saß Helen mit ihrem Sohn in der Nussbaumerin beim Abendessen, sie entschied sich für Kürbis-Ravioli, er für ein Pilz-Risotto.

Helen räusperte sich, setzte sich aufrecht hin und schaute Jan mit glänzenden Augen an. „Was ich dir noch sagen wollte, Jan, deine Improvisation fand ich im Mittelteil besonders schön, diese ganz einfache Melodie und ihre Variationen – das war so schlicht und so eindrücklich, das hat mich sehr berührt und …, ja, also …, ich bin ganz stolz auf dich, dass alles so gut geklappt hat!“

„Ist schon ok, Mam, ich hab gesehen, dass es dir gefallen hat. Du hast ja dauernd nach deinem Taschentuch gegriffen“, sagte Jan und schmunzelte.

Ihr Handy summte. Schon wieder. Eine Textnachricht. „Das ist schon das dritte Mal heute Abend, hast du etwa einen Freund?“, fragte Jan.

Ertappt! Ganz ruhig bleiben jetzt, keine verräterische Miene.„Willst du nicht nachschauen, Mam? Du liest doch sonst sofort jede Nachricht?“

Jan konnte sehr hartnäckig sein. Die Nachrichten konnten nur von Einar sein, und sie hatte weder eine Idee, was sie ihm antworten, noch was sie Jan zum Absender dieser Nachrichten sagen sollte. Helen versuchte ein paar Fragen nach diesem oder jenem Stück, das andere Studierende vorgetragen hatten.

„Ich glaube, du willst ablenken, Mam.“

Der Ober brachte ihre Speisen, Helen probierte die Ravioli und war sehr zufrieden mit ihrer Wahl. Jan schien gerade auch mit seinem Essen beschäftigt, eine gute Gelegenheit kurz nachzuschauen, was Einar geschrieben hatte. Sie nahm ihr Handy zur Hand und las:

Einar - 16.45 Uhr

War schön dich zu treffen, ich freue

mich schon auf morgen, LG Einar

Einar - 18.10 Uhr

Hast du schon mit Jan gesprochen? Ab

wann hast du morgen Zeit?

Einar - 19.25 Uhr

Unsere Begegnung heute am See geht