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Land der dunklen Wälder und kristallnen Seen über weite Felder leichte Wunder gehn (Aus dem Ostpreußenlied) Im Winter 1944/45 flohen große Teile der ostpreußischen Bevölkerung aus dem Ermland / dem Samland und um die Stadt Königsberg über das zugefrorene Frische Haff in Richtung Danzig vor den herannahenden Truppen der Roten Armee.
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Seitenzahl: 85
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Auf den Spuren der Flüchtlinge Dülmen im April 2021
Für meine noch lebenden Kinder: Beatrix,
Stephan und Edmund
Für meine Enkelkinder: Kai, Robin, Lena,
Chantal, Mina, Felix und Maja
Für deren Nachkommen
Für alle Flüchtlinge
Für alle, die ihre Heimat verloren haben
Für deren Kriegsenkel und Kriegsurenkel…
Meine Großeltern, Veronika & Johann Zimmermann und ihre 10 Kinder ca. 1927
Oben links meine Mutter Klara, darunter ihre Schwester Anna, die das Flucht-Tagebuch führte …
Zwei Schwestern meiner Mutter waren
nicht oder nur kurz mit uns auf der Flucht:
Veronika (Nona) und ihre Kinder Heinz & Ursula
Martha (unverheiratet, kinderlos)
Vorwort
Kapitel 1 – Über mich
Kapitel 2 - Damals und heute
Kapitel 3 – Mein Vater
Kapitel 4 – Meine Mutter
Kapitel 5 – Psychologisches
Kapitel 6 – Menschliches
Kapitel 7 – Das Tagebuch von Tante Anna
Kapitel 8 – Burscheid
Kapitel 9 – Familie
Kapitel 10 – Schritt für Schritt
Kapitel 11 – Historisches
Kapitel 12 – Heimat
Kapitel 13 – Wurzeln
Kapitel 14 – Was die Zukunft bringt
Kapitel 15 – Nachwort
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Unsere Tante, Anna Weide (hält mich auf dem Arm), und mein Bruder Antonius in unserem
Geburtsort Kl. Körpen
Foto: Monika Ruhe
Regional > Historisches Territorium > Deutsches Reich > Ostpreußen > Regierungsbezirk Königsberg > Landkreis Braunsberg > Gedauten > Klein Körpen
(Quelle: Wikipedia)
Land der dunklen Wälder
und kristallnen Seen
über weite Felder
leichte Wunder gehn
(Aus dem Ostpreußenlied)
Im Winter 1944/45 flohen große Teile der ostpreußischen Bevölkerung aus dem Ermland/dem Samland und um die Stadt Königsberg über das zugefrorene Frische Haff in Richtung Danzig vor den herannahenden Truppen der Roten Armee.
Jahrzehntelang war ihre Flucht aus Ostpreußen für die heute 82-jährige Autorin kein Thema. Erst als 2015/16 die vielen Flüchtlinge nach Deutschland kamen, wurde die Erinnerung wieder wach und einiges kam erneut hoch. Sie fragte in der Familie bei noch lebenden Zeitzeugen nach, suchte ihre eigenen Unterlagen zusammen und überlegte, wie sie das alles für die Nachkommen vorbereiten und festhalten könnte.
2021 war es so weit. Nachdem ihr Bruder Antonius am 19. Januar 2021 an Corona verstarb, war das wieder ein tiefer Einschnitt für sie.
April 2021 - Ein Eigenheim mit Garten in Hausdülmen, NRW. Die 82-jährige Monika Ruhe sitzt an ihrem Lieblingsplatz und schaut sich die alten Fotos und Zeitungsartikel an. Das alles ruhte bislang in einer Schublade. Doch sie möchte, dass ihre Enkel und Urenkel, sowie deren Nachkommen irgendwann nachlesen können, wie das damals war, als die Familie aus der geliebten, teuren Heimat in Ostpreußen flüchten musste.
Monika Ruhe, geboren 1939 in Kl. Körpen (Langwalde, Landkreis Braunsberg) Ostpreußen. Als kleines Kind musste sie mit der ganzen Familie die Heimat verlassen. Fast zwei Jahre befanden sie sich auf der Flucht, um dann Jahre später in NRW neue Wurzeln zu finden.
Mit meinen Anfangserinnerungen kann ich erst so mit 5 Jahren beginnen. Da fing der Krieg an und das Leid. Was wir alles erleiden und durchleben mussten hat meine Tante Anna in Tagebuchform aufgeschrieben. Man kann es fast nicht glauben, aber es ist alles wahr.
Tag hat angefangen
über Haff und Moor
Licht ist aufgegangen
steigt im Ost empor
(aus dem Ostpreußenlied)
Meine Familie stammt aus Ostpreußen und mein älterer Bruder Antonius und ich wurden ebenfalls dort geboren. Allerdings haben wir die Heimat als Kinder durch die Flucht in den Westen verlassen müssen und haben hier neue Wurzeln gefunden.
Wir Kinder waren noch recht klein, als es damals auf die Flucht ging. Wir waren über zwei Jahre unterwegs und mussten immer wieder packen und weiterziehen, wenn wir gerade mal wieder ein Dach über dem Kopf hatten.
Eigentlich wollten wir wieder zurück in unser Heimatdorf, doch das war nicht möglich. Dort hatten sich längst Russen und Polen breitgemacht, oder angesiedelt. Wir zogen von Ort zu Ort, manchmal blieben wir eine Zeitlang bei Verwandten im Umkreis, oder Bekannte zeigten uns eine Möglichkeit, vorübergehend unterzukommen. Doch auch die mussten flüchten … irgendwann.
Ich kann mich nicht erinnern, dass wir je Hunger gelitten haben, denn die Tanten und meine Mutter kochten weitestgehend selbst für die Familie, so wie wir Kinder das auch gewohnt waren.
Doch wie das alles zusammenhing und welche schwierigen Zeiten uns damals beschieden waren, konnte ich in dem Flucht-Tagebuch meiner Tante Anna nachlesen. Und dabei kamen mir wirklich die Tränen … und ganz viele Erinnerungen nach so langer Zeit.
So etwas darf nicht vergessen werden!
Monikas Schulklasse in Buckow - ca. 1947
Wie ich schon schrieb, waren wir ca. zwei Jahre als Flüchtlinge unterwegs und landeten dann direkt vom Lager aus für einige Zeit in Buckow in der Märkischen Schweiz.
Dort lebte bereits unsere Tante Mita (Maria), eine Schwester von meiner Mutter, mit ihrer Familie und wir fanden hier ebenfalls etwas neue Heimat. Ich war von 1947 bis 1957 in Buckow.
Als wir 1947 in Buckow ankamen wurde ich dann sogleich eingeschult. Wir waren vier Klassen in einer Schule mit einer Lehrerin. Als ich in die fünfte Klasse kam, habe ich die 6. Klasse übersprungen. Zusammen mit noch zwei Schülerinnen. Wir haben morgens immer eine halbe Stunde Mathe geübt. Haben die 6. Klasse alle drei bestanden, sodass wir alle am Ende aus der 8. Klasse entlassen wurden. Wir haben uns sehr gefreut.
Mein Abschlusszeugnis vom 3. Juli 1954 nach der 8. Klasse:
Unsere Flucht endete in Buckow. Von da aus bin ich 1957 nach Neubeckum zu meiner Tante Nona (Veronika) gereist. Die ließ mich nicht wieder zurückfahren zu meiner Mutter nach Buckow.
So blieb ich hier, ich war erst 17 und habe gleich eine Arbeit aufgenommen. Die DDR hat mir die Rechte aberkannt und so durfte ich bleiben. Sonst hätte meine Mutter mich holen müssen, weil ich ja noch minderjährig war.
Kurze Zeit später verschlug es meinen Bruder Antonius von Buckow nach Halle/Saale, dort konnte er eine Lehre machen. Da wohnte die Schwester von unserem Vater Bruno – Anna Weide. Mein Bruder Anton konnte dort bei ihr in der Gärtnerei wohnen und arbeiten.
In Halle lernte er später seine Frau Hannelore kennen und heiratete sie. An der Hochzeit meines Bruders konnte ich leider nicht teilnehmen, denn ich war zu diesem Zeitpunkt bereits in Neubeckum bei Tante Nona, die mich gar nicht mehr weglassen wollte, denn möglicherweise hätte man mich in der DDR nicht mehr ausreisen lassen.
Das Brautpaar Hannelore & Anton
Hannelore und Anton bekamen zwei Kinder: Ines & Michael.
Ihre Enkelin Klara, die Tochter von Sohn Michael, hat damals in der Schule einen Aufsatz über die Flucht schreiben müssen. Alle regten sich darüber auf, denn was sollte die Enkelin schon dazu schreiben?
Klara nahm sich das Tagebuch von Tante Anna zur Hand und schrieb drauflos. Sie bekam eine Eins für ihren Aufsatz, obschon sie die Flucht gar nicht miterlebt hat.
Einige meiner Tanten wohnten in Burscheid, meine Cousine Mia auch. Sie hat geheiratet und ihre Chefin, Frau Becker, wollte mich unbedingt dort haben. Sie hatte eine Metzgerei und ich machte ihr den Haushalt, weil sie mir das gleiche gute Geld bot, wie ich in Neubeckum bereits verdiente. Also kündigte ich und landete nun auch in Burscheid.
Dort bei Frau Becker bewohnten zwei Mädels in meinem Alter die Kellerwohnung und die beiden nahmen mich öfter mit, wenn sie ausgingen.
Da lernte ich dann meinen künftigen Mann Edmund kennen. Er war Metzger, durfte aber wegen der Schuppenflechte seinen Beruf nicht mehr ausüben. Das passte ihm überhaupt nicht. Ich redete mit ihm und sagte, dass er sich besser damit abfinden sollte.
So sattelte er dann um zum Kraftfahrer und wir verzogen nach Herten-Disteln. Später nach Recklinghausen, wo wir 1963 geheiratet haben. Zuletzt wohnten wir in Hochlar.
Wir bekamen fünf Kinder: Andreas, Renate, Beatrix, Stephan und Edmund.
Meine Mutter siedelte erst mit 60 Jahren über nach Herten, da war ich schon verheiratet. Das war 1972, da kam sie zu uns, weil es hier auch mehr Rente gab, als in der DDR. Das war aber nicht der ausschlaggebende Grund, eine Familie gehört zusammen!
Unsere Mutter las eines Tages in der Kirchenzeitung, dass in Dülmen ein großes Haus für eine kinderreiche Familie zu vermieten war. Das war in Weddern und wir konnten das Haus mieten, wollten eigentlich 10 Jahre dort wohnen. Doch mein Mann hatte bereits ein Grundstück in Velen und wollte dort für uns bauen.
Ich wollte aber lieber in Dülmen bleiben und als dann die Grundstücke in Hausdülmen angeboten wurden, verkaufte mein Mann das Grundstück in Velen und wir konnten Ende 1979 mit dem Bau in Hausdülmen beginnen. Da es schneite, verschob sich alles ins Jahr 1980. Wir bauten das Haus für unsere große Familie, in dem ich heute noch wohne.
Mein Mann ist leider 2004 verstorben. Es war kurz nach seinem 70 Geburtstag, den er noch zu erleben hoffte. Es klappte und es gab sogar noch eine kleine Feier mit den Nachbarn. Mein Mann war schwerkrank, er hatte Krebs und sollte noch in die Klinik nach Wanne-Eickel. Doch am 20. Juni abends fiel er mir in die Arme und ich musste den Notarzt kommen lassen. Der sagte mir dann, ich solle meinen Mann nicht mehr in die Klinik nach Wanne-Eickel schicken, sondern ihn in Ruhe zu Hause sterben lassen. So geschah es dann auch. Ich wurde Witwe und es war ein tiefer Einschnitt in meinem Leben.
2010 verstarb meine Tochter Renate mit 44 Jahren. Sie litt an ALS: eine chronisch-degenerative Erkrankung des zentralen Nervensystems.
2017 musste ich Abschied von meinem ältesten Sohn nehmen, der an Lungenkrebs verstarb.
2021 verlor ich meinen einzigen Bruder, der von Corona dahingerafft wurde.
Der Tod gehört zum Leben und aus dem Grund war es mir sehr wichtig, dieses Buch baldmöglichst fertigzustellen.
Es bleibt der Familie und den späteren Nachkommen, wenn auch meine Zeit gekommen sein wird.
