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Noah muss 2020 ungewollt viele Wochen im Corona-Lockdown in Spanien ausharren. Während dieser Zeit beschäftigt ihn zunehmend die Frage, ob seine Intelligenz ausreicht. Nach längeren Zögern und Austausch mit anderen Familienmitgliedern entschließt er sich sein Studienfach zu wechseln und beginnt Informatik zu studieren. Bald merkt er aber, dass auch die Möglichkeiten, die die künstliche Intelligenz (KI) bietet, nicht ausreichen, die vielen Fragen, die sich ihm aufdrängen, zufriedenstellend zu beantworten. Denn KI kennt keine Gefühle. Aber gerade hier hätte er HIlfestellung gebraucht, denn in seinem Gefühlsleben herrscht Chaos. Auch sieht er sich mit einer in kurzer Folge auftretenden globalen Krisen konfrontiert...
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Seitenzahl: 534
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Die in diesem Buch dargestellte Handlung und die handelnden Personen sind frei erfunden. Allerdings ist die Handlung stark vom Zeitgeschehen der Jahre 2020 bis 2022 beeinflusst. Einige Formulierungen oder Thesen mögen für manche Leser:in provokant erscheinen. Sie sollten dann Anlass sein zum eignen Nachdenken. Zur Unterstützung eigener Überlegungen wurden eine Reihe von Literaturhinweisen angegeben. Für die Inhalte der Webseiten Dritter auf den im Literaturverzeichnis angegebenen Links wird keine Haftung übernommen, da der Autor sich diese nicht zu eigen macht.
Für die aus diesem Buch gezogenen Schlüsse sind also allein Sie, lieber Leser, verantwortlich. Denn alles ist relativ. D.h. Es ist abhängig von dem jeweiligen Betrachter und dessen Betrachtungsweise.
„Wenige sind imstande, von den Vorurteilen der Umgebung abweichende Meinungen gelassen auszusprechen; die Meisten sind sogar unfähig, überhaupt zu solchen Meinungen zu gelangen.“ — Albert Einstein Quelle: https://beruhmte-zitate.de/autoren/albert-einstein/
Das Buchcover wurde mit Hilfe von DALL-E 2 AI erstellt.
Durchgefallen, nicht geschafft! Äußerst ärgerlich! Ich bin wütend! Worauf nur? Auf mich selbst! Meine Oberstufenlehrer hatten alle gesagt, dass ich ein brillanter Analytiker sei. Ich erkenne sehr schnell das Wesentliche und auch komplexe Zusammenhänge. Und jetzt das! Die hohen Anforderungen des Numerus clausus für das Medizin-Studium hatte ich spielend bewältigt. Hatte ein glänzendes Abitur hingelegt.
Ja, und jetzt das! In dem ersten Abschnitt der ärztlichen Prüfung habe ich versagt. Gescheitert an den 320 schriftlichen Multiple Choice Fragen des Instituts für medizinische und pharmazeutische Prüfungsfragen IMPP. Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich war in keiner Weise auf ein Scheitern vorbereitet. Ich weiß überhaupt nicht, wie es jetzt weitergehen kann. Mir fehlt ein Plan B!
Dabei mussten laut Prüfungsanweisung nur aus fünf vorgegebenen Antwortoptionen jeweils die „Bestantwort“ angekreuzt werden. Eigentlich eine simple Aufgabe. Hier ging es nur um Wissen. Die Schwierigkeit lag in der Vielfalt der geprüften Gebiete: Am 1. Tag Physik und Physiologie, Chemie, Biochemie und Molekularbiologie. Und am 2.Tag: Biologie, Anatomie, medizinische Psychologie und Soziologie. Da gab es nichts zu analysieren. Zusammenhänge zwischen Prüfungsfächer existierten auch kaum.
Es ging also nur um Fakten bzw. Wissen. Das musste man sich anlesen. Dies ist nicht meine Stärke. Aber ich hatte wochenlang gebüffelt. Habe ich nicht rechtzeitig angefangen zu lernen? Der Beziehungs- bzw. Trennungsstress mit Kim waren doch Silvester eigentlich schon vorbei. Hm, aber gedanklich hat mich die Trennung noch länger beschäftigt. Zu lange?
Mein Zorn auf das IMPP ließ etwas nach, nachdem ich eine Erklärung gefunden zu haben glaubte: Ich bin doch kein Computer, auf dessen Festplatte das Wissen gespeichert ist. Aus dem Internet konnte ich jederzeit die nötigen Informationen abrufen. Dazu musste man nur wissen, wie dies geht. „Dr. Google“1. Im Internet kannte ich mich gut aus, auch mit der medizinischen Datenbank medline pubmed®2. Aber dort gab es kaum Einträge für Chemie, Biochemie und Molekularbiologie und nur wenige für Psychologie und Soziologie. Auch für diese gab es einige Datenbanken3, die oft aber nicht frei zugänglich sind.
Viele, die mich kennen, auch die meisten meiner Verwandten und Lehrer haben mich als sehr intelligent bezeichnet. Das hatte mir zugegebenermaßen enorm geschmeichelt. Aber ich hatte es auch selbst geglaubt. Jetzt, nachdem ich durch den ersten Abschnitt der ärztlichen Prüfung gefallen war, leide ich unter zunehmenden Selbstzweifeln. Habe ich mich überschätzt? Was macht Intelligenz eigentlich aus? Im Rahmen der Prüfungsvorbereitungen habe ich festgestellt, dass es hierfür keine allgemein anerkannte Definition gab. Schon öfter hatte ich gehört, dass es eine emotionale oder soziale Intelligenz gibt4. Andere sprachen von mathematischer Intelligenz. Also, wie viele Intelligenzen gibt es?
Als ich bei Wikipedia® nachschaue, stelle ich fest, dass es dort umfangreiche Einträge nicht nur zu dem Begriff Intelligenz, sondern auch für Intelligenztheorie gab. Also war Intelligenz nur eine Theorie?! Auch davon gab es mindestens fünf verschiedene, die basierend auf unterschiedlichen Faktoren versuchten zu erklären, was Intelligenz ist5. Nach längerem Grübeln komme ich zu dem Schluss, dass wenn ich wirklich einigermaßen intelligent bin, dann müsste ich doch in der Lage sein, die zumindest für mich wesentlichen Merkmale der Intelligenz anzugeben. In der Schule hatte ich gelernt, dass eine Definition erst dann sinnvoll ist, wenn man alle wichtigen Aspekte bzw. Komponenten zusammengetragen hatte.
Vordringlicher erscheint mir aber aktuell die Frage: Ist für das Bestehen einer Prüfung mit multiple Choice-Fragen Intelligenz notwendig? Und wenn ja, welche Intelligenz? Meine Gedanken beginnen zu kreisen und sich letztendlich zu verheddern. Ich beschließe, mir erst einmal einen Nespresso® Intenso zu machen.
Auch nach dem Genuss des starken Kaffees drehen sich meine Gedanken weiter um den Begriff Intelligenz. Ich versuche, ihn zu verstehen. Soviel ich weiß, war der Begriff wie so viele aus dem Lateinischen abgeleitet. Mein Großvater Phil hatte wahrscheinlich deswegen immer behauptet, dass es wichtig sei, Latein zu lernen. Das galt heute als nicht mehr zeitgemäß. Ich hatte kein Latein in der Schule gelernt. Also schaute ich nach: Interlegere bedeutete „wählen zwischen“. Hm, dann testen multiple choice Fragen doch die Intelligenz! Wenn dies stimmte, ist es mit meiner Intelligenz nicht so weit her.
Spontan fallen mir einige Begriffe ein, die etwas mit Intelligenz zu tun hatten wie Verstand, Klugheit, Schlauheit, Weisheit, geistige Fähigkeiten und Genie. Bezeichneten sie alle dasselbe oder worin bestehen die Unterschiede? Irgendwie merke ich, dass ich in meinen Überlegungen nicht vorankomme. Wieso? Reicht es, um intelligent zu sein, dass man, wie immer wieder behauptet wurde, die richtigen Fragen stellt?
Um Fragen stellen ging es aber bei der Prüfung überhaupt nicht, sondern ich sollte antworten auf Fragen, die sich das IMPP ausgedacht hatte. Wer ist eigentlich das IMPP? Im Internet steht: eine rechtsfähige Anstalt des öffentlichen Rechts6. Diese Angabe kann, wenn überhaupt, nur ein Jurist verstehen. Wer formulierte denn dort die naturwissenschaftlichen und medizinischen Fachfragen?
Irgendwelche Experten oder etwa ein Computer? Die Fragen sollten bis Prüfungstermin geheim bleiben. Dafür wäre doch ein Computer gut geeignet. Der würde nichts ausplaudern. Der Begriff leitet sich doch vom Lateinischen „computare“ ab, was so viel bedeutet wie zusammenpacken. Vielleicht stellte der Computer die Fragen nach dem Zufallsprinzip aus einer Cloud zusammen, in der die Prüfungsfragen gespeichert waren. Diese hatten Fachexperten formuliert. Ein Teil war auch schon öffentlich bekannt. Wie auch immer, eins wird mir schlagartig klar: es gibt noch eine weitere Intelligenz: künstliche! Früher hatte ich gern Science-Fiction Filme gesehen. Da spielten Roboter mit einer den Menschen überlegenden oder zumindest ebenbürtigen Intelligenz oft eine wichtige Rolle. Aber meist handelte es bei Robotern um Außerirdische.
Vielleicht ist einfach meine Fragestellung falsch. So schnell lasse ich mich nicht entmutigen. Also versuche ich es noch einmal: Wozu benötigt man Intelligenz? Um die richtige Entscheidung zu treffen, z.B. bei mehreren Antwortmöglichkeiten zu einer Frage aus dem medizinischen Bereich? Sofort fällt mir der Informatik-Leistungskurs in der Schule ein. Das „Entscheidungsproblem“ hatte schon ein berühmter Mathematiker namens David Hilbert schon vor über 100 Jahren erkannt7. Aber hierbei handelte es sich, wenn ich es richtig behalten habe, um Fragen, bei denen nur die Antworten „richtig“, bzw. 1 und „falsch“ bzw. 0 möglich sind. Mit Hilfe einer von ihm entwickelten abstrakten Maschine hatte der geniale Mathematiker Alan Turing bewiesen, dass es keine Lösung für dieses einfach erscheinende „Entscheidungsproblem“ gibt8.
Glückerweise ist mir dies wieder eingefallen. Es erklärte, wieso in dem IMPP-Fragenheft unter Anleitung stand: Bestantworten! Der Logiker Kurt Gödel hatte mit seinen „Unvollständigkeitssätzen“ gezeigt, dass es Fälle gibt, die sich weder beweisen noch widerlegen lassen9. Hatte ich nicht bestanden, weil ich zu oft die zweitbeste Antwort angekreuzt hatte? Überhaupt, sind die abstrakten mathematischen Überlegungen auf mein Problem abwendbar? Wenn ja, dann bedeutete dies, dass bei einer multiple choice Frage mit fünf Antwortmöglichkeiten genau genommen fünfmal ein nicht lösbares Entscheidungsproblem besteht!
Meine Gedanken beginnen schon wieder sich zu verheddern. Da fällt mir noch ein, dass Alan Turing auch eine Orakel-Maschine entwickelt hatte, bei der ein Orakel dazu verwendet wird, um Nichtdeterminismus deterministisch zu modellieren10. Es ist zum Verzweifeln! Ich verstehe das ALLES nicht!
Klar, dabei handelt sich um eine philosophische Frage oder ein Problem in der Logik. Für mich ist es aber auch ein Problem der Sprache. Was bedeuten diese Begriffe genau? So viel habe ich noch aus dem Kurs in der Schule behalten: Philosophie und Logik sind eng verknüpft. Die entsprechenden Abhandlungen sind sprachlich oft sehr abstrakt. Sie sind für sehr viele Menschen wie auch mich unverständlich. Ist das nur eine Frage der Sprache oder auch der Intelligenz? Gibt es eine sprachliche Intelligenz?5
Schon wieder die Frage nach der Definition der Intelligenz. Und überhaupt, was hat Philosophie und Logik mit dem Medizinstudium zu tun? Mediziner beschäftigen sich mit Krankheiten. Ist krank werden logisch? Eine logische Folge des Lebens? Eigentlich nicht logisch, nur sehr wahrscheinlich! Determiniert ist nur das Ende: der Tod.
Genetisch determinierte Krankheiten gibt es. So viel hatte ich schon gelernt. Aber jemand mit einer dieser Krankheiten kann auch an einem Herzinfarkt versterben. Ist das logisch? War die Todesursache nicht determiniert?
Fragen über Fragen. Alles nur eine Frage der Begrifflichkeiten? Was bedeutet eigentlich krank sein? Also, für diese für einen Medizinstudenten elementare Frage muss ich unbedingt eine Antwort finden. Bald merke ich, dass dies alles andere als einfach war. Es gibt mehrere Betrachtungsweisen, die der betroffenen Person, des Arztes, der Krankenkasse und der Gesellschaft bzw. Politik11. Also wieder multiple choice!
Siedend heiß fällt mir plötzlich ein, dass ich, weil ich nur noch für die Prüfung gebüffelt hatte, nicht mehr in den Medien verfolgt hatte, wie es mit dem Corona-Virus weitergegangen war. Ich hatte den beruhigenden Aussagen von dem Bundesgesundheitsminister vertraut12. Ich hatte mich auf das „Wesentliche“ konzentriert.
Also gleich im Internet nachkucken, wie es mit Corona weiter gegangen ist. Aber wie so oft, habe ich irgendeinen der Links auf der Website angeklickt und bin dann zur nächsten „verlinkt“ wurden. Möglicherweise bin ich durch die Verlinkung nicht dazu gekommen, das Wesentliche für mein Examen zu lernen. Jetzt will ich erst einmal die elementare Frage lösen, was krank sein bedeutet. Schließlich wird mein ganzes Leben davon abhängen. Jetzt hilft nur noch: Nachsehen bei Google®. Ernüchtert stelle ich fest: Nicht einmal die Weltgesundheits-Organisation WHO hatte es geschafft, eine Definition für Krankheit zu finden13.
Langsam bekomme ich Kopfschmerzen! Sind Schmerzen schon eine Krankheit? Grübel, grübel!
Verflixt! Ich verrenne mich in langen Gedankenketten und komme zu keinem vernünftigen Ergebnis. Frustriert setze ich mich vor meine Nespresso®-Maschine und drücke auf Start. Den eigentlichen Zubereitungsvorgang, der nach einem festen Algorithmus erfolgt, kann ich nicht sehen, nur hören. Aber der Kaffee schmeckt köstlich.
Mit dem Geschmack ist das so eine Sache…In der Physiologie werden fünf Geschmacksqualitäten unterschieden: süß, sauer, salzig, bitter und umami. Die Letztere vorwiegend in Ostasien?! Wie auch immer, wieder multiple choice! Hm, Weinliebhaber wie mein Stiefvater Gene kennen noch mehr Geschmacksvarianten: trocken, habtrocken, fruchtig, aromatisch, erfrischend, süffig, edelsüß, würzig, erdig… Eins habe ich von Gene gelernt: man sollte den Wein auch nach seinem „Abgang“ beschreiben…
Aber was ist dann köstlich? Damit wird ein Wohlgefühl gemeint: ein Genuss. Genuss hat glücklicherweise nichts mit Intelligenz zu tun. Wie ich aus der Physiologie weiß, handelt es sich dabei ein Konglomerat von Reizen, die im Gehirn verarbeitet werden: um Reize, die von speziellen Geschmacksrezeptoren auf der Zunge und Geruchsrezeptoren in der Nase. Diese Reize werden über Hirnnerven an das Gehirn gesendet. So weit so gut, das ist Lernwissen. Aber wie entsteht aus kleinen elektrischen Reizen an den Nervenenden ein Genussgefühl? Und wieso schmeckt der Kaffee aus einer maschinell hergestellten Nespresso®-Kapsel nicht immer gleich? Wieso führt er nicht immer zu dem gleichen Genussgefühl? Wovon ist dies abhängig? Wie kann man überhaupt Genuss definieren?
Fragen über Fragen! Auch außerhalb des Problems Intelligenz! Hm, kann man sich ein Genussgefühl überhaupt sicher merken? Wahrscheinlich nicht, denn es kommt durch das Zusammenspiel verschiedener Reize zustande. Vielleicht auch von der Umgebung? Ein Kaffee in einem italienischen Café und einem charmanten vis-à-vis schmeckt sicherlich anders als der eben in einer depressiven Stimmungslage allein verköstigte. So viel hatte ich bei den Prüfungsvorbereitungen gelernt: eine multifaktorielle Ursache ist in der Medizin eher die Regel als die Ausnahme. D.h. man muss alle „Umstände“, genannt Variablen berücksichtigen.
Nicht nur für Lernzwecke wurde z.B. durch das Konstanthalten möglicher Variablen versucht, die Zahl der Einflussgrößen bei der Untersuchung von bestimmten Vorgängen möglichst zu reduzieren14. Aha, daher „Bestantworten!“ Dies ging in dem Physiologie-Praktikum nur unter experimentellen Bedingungen, die vom Versuchsleiter vorgegeben worden waren. Aber so einfach ist das reale Leben nicht! Es ist viel komplexer.
Aber vielleicht hilft dieser reduktionistische Ansatz beim Lernen und Verstehen komplexer Vorgänge14. Jetzt habe ich es endlich: Intelligenz zeigt sich vor allem dadurch, komplizierte Abläufe in eine einfache Form zu bringen, am besten eine Regel oder Modell zu bringen! Viele Nobel-Preisträger hatten eine Formel oder Regel für Vorgänge in der Medizin oder Natur gefunden. Aber in der Medizin gibt es nur wenige Kausalzusammenhänge, die sich in Formeln ausdrücken lassen. Viel häufiger bestehen Korrelationen zwischen verschiedenen Messgrößen. Für viele Erkrankungen gibt es nur Risikofaktoren15.
Und bevor die Abfolge eines biologischen Prozesses in eine Formel gebracht werden kann, mussten die Einflussgrößen erfasst werden. Dazu hat der Mensch Sinnesorgane. Die gerade erkannte variable Wahrnehmung des Kaffeegenusses führt zu der Frage, welche Reize können in der realen Welt überhaupt wiederholt konstant, d.h. zuverlässig wahrgenommen werden? Ohne zuverlässig bestimmbare Parameter lassen sich keine Zusammenhänge klären.
Hm, wie werden biologische Prozesse dokumentiert? Als Formel oder Graphiken, auf Fotos, Videos? Dazu ist aber fast immer zum Verständnis ein erläuternder Text notwendig. Meist sind sehr viel mehr Text erforderlich, weil die Prozesse nicht selbsterklärend sind. Also geschriebene Sprache.
Aber auch geschriebene Sprache wird von Menschen nicht zuverlässig wahrgenommen. Wie einige Philosophen z.B. Ludwig Wittgenstein16 festgestellt hatten, werden viele Probleme durch sprachliche Ungenauigkeiten hervorgerufen. Diese führen zu Missverständnissen. Ich würde noch weiter gehen, „Fachsprachen“ wie die in der Medizin, Jura etc. führen auch oft zu Unverständnis. Um Fachsprachen verstehen zu können, musste man Experte auf dem jeweiligen Gebiet sein. Oder reicht auch eine „normale“ Intelligenz??
In Biochemie habe ich gelernt, dass die Natur ihr „Wissen“ in einer einfachen Form speichert: den Desoxyribonukleinsäure-(DNA)-Molekülen der Gene: Die DNA besteht aus einer Aneinanderreihung von nur vier verschiedenen Nukleinbasen (Adenin, Thymin, Guanin und Cytosin). Alles Leben basiert auf einem sehr einfachen Code: der Abfolge von jeweils drei dieser Basen (Codon). Dadurch entstehen 64 Kombinationsmöglichkeiten, aber die Natur hat die „Bedeutung“ auf 25 beschränkt. Die Zuordnung in Form der „abgelesenen“ Ribonukleinsäuren (RNA) ist eindeutig und enthält keine Überlappungen. Es gibt also keine „sprachlichen“ Ungenauigkeiten im Code der Natur.
Das Alphabet der Natur hat also ähnlich viele „Buchstaben“ wie die Alphabete vieler menschlicher Sprachen. Aber keine Wörter, keine Grammatik! Hat diese Redundanz auf das Wesentliche dazu geführt, dass die biologische Evolution so erfolgreich war? Soweit wir wissen, gibt es nur auf der Erde Leben. Aber trotz der Redundanz in einer enormen Vielfalt! Ist also Redundanz Voraussetzung für einen Erfolg? Oder ist die Eindeutigkeit entscheidend? Oder ist es die Kombination von beiden? Gibt es überhaupt eine evolutionäre Intelligenz? Braucht nicht jedes Lebewesen seine eigene? Sind Viren und Bakterien intelligent?
Wenn Intelligenz als die Fähigkeit betrachtet wird, sich den Umweltbedingungen möglichst optimal anzupassen, um zu „überleben“: Ja! Dies haben Viren und Bakterien in den letzten drei Milliarden Jahren bewiesen! Hat der Mensch auch eine naturalistische Intelligenz17, die ihn befähigt, sich ändernden Umweltbedingungen adäquat anzupassen? Der Blick aus dem Fenster auf die zahlreichen Hochhäuser in Frankfurt lässt mich stark zweifeln. Eher versucht die Menschheit doch, die Umwelt an ihre Wünsche anzupassen! Ob sich dadurch langfristig die Überlebenschance der Menschheit verbessert, ist äußerst fraglich.
Hm, aber was kommt danach? Insekten? Ratten? Cyborgs? Roboter?? Viele Menschen hoffen, dass durch die Weiterentwicklung der künstlichen Intelligenz die wesentlichen Probleme, die sich nicht mit menschlicher Intelligenz klären lassen, gelöst werden können. Im Augenblick ist dies wohl nur eine vage Hoffnung!
Computer benutzen eine noch einfachere binäre „Sprache“: 1 (Strom) und 0 (kein Strom). Trotzdem war es mithilfe der auf diesem einfachen Code basierenden künstlichen Intelligenz gelungen, menschliche Sprache für Computer verständlich zu machen. Ist es also möglich, das Unschärfeproblem der meisten menschlichen Sprachen zu lösen? Sind Computer schon jetzt intelligenter als die Menschen?
Siri® auf meinem iphone®, dass täglich benutze, hat mich manchmal besser verstanden als Kim, meine Ex-Freundin. Aber dies ist auf bestimmte „Befehle“ begrenzt. Diese Programme greifen auf gespeicherte Informationen zurück, die vorher irgendjemand eingegeben hat.
Die von Philosophen beklagte Unschärfe der Sprache hat auch eine positive Seite. Denn die meisten Witze beruhen auf der Vieldeutigkeit von Begriffen. Erst wenn jemand die Witze in einer Fremdsprache versteht, beherrscht er sie gut. Und Siri®, Cortana® bzw. Alexa®? Können sie Witze verstehen?
Nein! Also, eine richtige künstliche Intelligenz (KI) liegt erst dann vor, wenn sie Witze versteht. Hm, dann sie müsste auch multiple choice-Aufgaben lösen können und aus den mehreren Bedeutungen eines Wortes die richtig witzige finden!
Witze verstehen- War dies ein Zeichen von Intelligenz? Hatte ich endlich eine zufriedenstellende Definition gefunden? Nein, allenfalls eine für eine künstliche Intelligenz. Außerdem hatte Sigmund Freud den Witz als eine Funktion des Unbewussten entlarvt18. Unbewusstes gibt es bei KI nicht! Alles, was sie berechnet, ist rational. Vielleicht reicht manchmal einfach nur die menschliche Intelligenz nicht aus, um die Ergebnisse zu verstehen. Oder gibt es bei der KI doch unbewusste Funktionen? KI ist eigentlich nichts Anderes als ein komplexes Programm bestehend aus sehr vielen Algorithmen, d.h. logischen Operationen. Diese wurden von Software-Ingenieuren entwickelt. Sie basierten also auf bewussten Überlegungen von klugen Köpfen. Trotzdem gibt es in vielen Programmen Anknüpfungspunkte für Computerviren, warum nicht auch in KI? Aber strenggenommen sind sich dessen nur die Programmierer nicht bewusst. Kann man daher schon von unbewussten KI-Funktionen sprechen?
Ich erinnere mich noch genau an das laute Stöhnen meiner Mitschüler, als der Lehrer gleich zu Beginn des Informatikkurs sagte, es gäbe mehrere Formen der KI! Sozusagen verschiedene Levels19. Klang einleuchtend, das kannten wir von Computerspielen.
Aber KI hatte schon den Level erreicht, der für viele Menschen nicht mehr verstehbar war. Sie wurde bewusst so programmiert, dass sie fähig ist, selbstständig zu lernen. Wer kontrolliert, was sie lernt und wie und wo sie die Ergebnisse speichert20? Wenn dies kein Mensch mehr weiß bzw. überprüfen kann, ist dies nicht auch eine Form des Unbewussten? Wie auch immer, diese Fähigkeiten der KI verursachen unheimliche Angst.
Bei Menschen! Aber der Mensch und der Computer sind zwei grundverschiedene Spezies. Daher ergibt sich wie auch zum Beispiel bei Tieren die Frage, ob KI ein Bewusstsein hat. Was ist überhaupt Bewusstsein? Darüber haben schon viele Philosophen und Hirnforscher Kluges geschrieben21. Aber dies ist meist kompliziert formuliert. Mir schwirrt langsam der Kopf. Eins weiß ich genau: Nachdem ich durch das Examen gefallen bin, ist mein Selbstbewusstsein auf Null gesunken. Ist Selbstbewusstsein gleichbedeutend mit Bewusstsein oder ist es nur ein Teil davon? Schon wieder so eine Gedankenspirale! Stop jetzt! Ich versuche erst einmal die diffizile Frage zu verdrängen, was Bewusstsein ist.
Bleibt diese Frage mir trotzdem im Bewusstsein?
Unbewusst wahrscheinlich schon!
Abschalten! Ich gehe erst einmal zur Toilette, obwohl ich kaum Harndrang verspüre. Nur heftiges Gedankendrängen. Aber ich muss mich irgendwie „erleichtern“.
Mein Informatiklehrer sprach immer nur von KI. Das habe ich irgendwie verinnerlicht. Jetzt benutze ich nur noch das Kürzel wie so viele andere auch. Aber Kürzel sind auch nicht eindeutig: in Schweden wird KI als Abkürzung für Karolinska Institutet, eine berühmte medizinische Universität, benutzt.
Eigentlich geht es mir nur um menschliche Intelligenz, genauer um meine eigene. Also versuche ich es noch einmal: gute Fragen stellen gehört sicherlich zu den für eine Intelligenz wichtigen Eigenschaften. Und die Antworten musste man abspeichern, um sie zur gegebenen Zeit parat zu haben. Also ist auch das „Wissen“ wichtig. Dieses kann man durch Lernen erwerben. Da stimmt etwas nicht. Ich habe noch nie so viel gelernt, wie vor diesem Examen! Hatte ich etwa die falschen Bücher zum Lernen ausgewählt? Könnte sein, denn Intelligenz hatte etwas mit auswählen zu tun. Oder war meine Speicherkapazität zu gering?
Hm, aber gespeichert werden im Gedächtnis neben Erlernten auch Erfahrungen. Als junger Mensch kann ich gar nicht so viel Erfahrungen auf den Gebieten der Medizin haben wie ein Professor. Wahrscheinlich haben sich irgendwelche Professoren, jeweils Experten auf ihrem Spezialgebiet, die IMPP-Fragen ausgedacht. Aber in der Praxis, z.B. bei einem Notfall ist doch eine schnelle Anwendung des Wissens und gegebenenfalls Improvisieren erforderlich. Dazu brauchte man mehr als nur Wissen! Irgendwo hatte ich mal gelesen, dass das erlernte Wissen auch als kristalline Intelligenz bezeichnet wird und dass es noch eine fluide Intelligenz22 gibt…
Wie auch immer, wahrscheinlich hatte sich in meinem Gehirn noch nicht genügend medizinische Intelligenz-Kristalle gebildet?!
Überhaupt, wenn Wissen Macht ist23, denn müsste Wikipedia® die mächtigste Institution auf der Welt sein. Vielleicht war es auch so, aber nur eine heimliche Macht. Denn viele schauten kurz dort nach, behaupteten aber, dass sie „Es“ wussten. Häufig war „Es“ nur flüchtig angelesen und nicht richtig im Gedächtnis abgespeichert, also nicht bewusstes Wissen, dass jederzeit abgerufen werden konnte. Hatte Sigmund Freud „Es“ nicht im Unbewussten24 verortet?
Ärgerlich, schon wieder so eine unsinnige Assoziationskette. So komme ich nicht weiter. Wichtig sind doch ganz andere Dinge. Wie entsteht Macht? Wie konnten Wikipedia®, Google® und YouTube® so mächtig werden? Steckte KI dahinter, die still und heimlich dafür sorgte, dass die Menschen „abhängig“ wurden von den Informationen aus dem Internet? Wieso nahm fast keiner dran Anstoß? Wenn Wissen Macht war, dann lag die wahre Macht im Internet, über das z.B. mithilfe eines Smartphones fast überall auf der Erde „Wissen“ abrufbar war.
Ein Zeichen dafür ist, dass sehr viele Menschen auf der Straße hinter ihrem Smartphone in ihrer Hand hinterher zu laufen scheinen. Dabei achten sie mehr auf das Display als auf Hindernisse auf ihrem Weg. Neulich stand in den CampuzNewz, dass auf dem Platz vor der Zentralmensa zwei Studenten, die ihrem Smartphone gefolgt waren, zusammengestoßen waren. Und zwar so heftig, dass sie beide bewusstlos geworden waren. Ein Notarzt musste kommen. Dieser hat sie dann mit dem Verdacht auf eine Gehirnerschütterung in die Klinik eingewiesen.
Dabei konnte man ein Smartphone als Navi benutzen. Auch ich mache dies regelmäßig. Mein Informatik-Kursleiter hatte behauptet, dass in einem Smartphone viel KI stecke, z.B. den schnellsten Weg zwischen zwei Orten auszurechnen und dabei Staumeldungen zu berücksichtigen. Sind also smarte Geräte intelligent?
Alles Mögliche wurde heutzutage als smart bezeichnet. Neulich wurde in der kostenlosen Wochenzeitung, die immer ungefragt in meinem Briefkasten landet, ein smarter Kühlschrank mit intelligenter Technik angepriesen. Dieser könne vom Smartphone aus per Sprachbefehlen gesteuert werden. Man könne z.B. einen Blick in den Kühlschrank abrufen. Dieser analysiere regelmäßig den Inhalt und sende automatisch eine Nachricht, wenn etwas nachgekauft werden müsse. Ist der Kühlschrank deshalb schon intelligent?
Gleich die nächste Frage: Wie kann man Intelligenz messen? Na, klar mit einem IQ-Test! Aber auch intelligente Maschinen? Nur Fragezeichen! Ich komme einfach zu keinem Ergebnis! Jetzt muss ich den Gedankenstrom abbrechen! Ist diese Erkenntnis schon ein Zeichen von Intelligenz?
Also richtig intelligent ist man nur, wenn man KI versteht. Hm, das geht aber nur, wenn die künstliche Intelligenz nicht größer ist als die von Menschen!
Immer noch keine zufriedenstellende Definition von Intelligenz, insbesondere menschlicher. Noch ein Versuch! Das Grübeln hat erst angefangen, nachdem ich durch das Examen gefallen bin. Also da noch einmal ansetzen: Einige Fragen in der 1. Ärztlichen Prüfung waren keine reinen Auswahlfragen, bei denen die Bestantwort angegeben werden musste. Sondern sie bestanden aus zwei Aussagen, bei den geprüft werden sollte, ob die beiden Aussagen und die Verknüpfung richtig oder falsch waren. Auch da gab es multiple Antwortmöglichkeiten, z.B. Aussage 1, 2 und die Verknüpfung sind richtig; Aussage 1 und 2 sind richtig, die Verknüpfung ist falsch, usw. Während der Prüfung bin ich nach einigem Nachdenken zu der Überzeugung gekommen, dass diese sich Fragen nicht einfach mit den Boole’schen logischen Operationen UND, ODER sowie NICHT beschreiben lassen25, d.h. es keine einfache Lösung gab. Aber was im wahren Leben ist schon logisch? Waren die Prüfungsfragen logisch? Nein, sondern multiple choice! Und es gibt jede Menge Probleme im Leben.
Schluss jetzt, ich werde den Koffer für meinen Flug nach Spanien packen. Kofferpacken- braucht man etwa auch dafür Intelligenz? In dem begrenzten Volumen möglichst alles für einen längeren Aufenthalt einzupacken, erforderte doch einige Überlegungen! Hm, noch eine Art von Intelligenz? Praktische Intelligenz?
Irgendwie dämmert es mir, dass ich das Problem Intelligenz noch nicht abgeschlossen habe.
Bevor ich mit der S-Bahn zum Flughafen fahre, kucke ich schnell ins Internet, um mich über den aktuellen Stand zur Corona-Epidemie zu informieren. Am 23.1.2020 hatte der Gesundheitsminister Spahn in den Tagesthemen betont, anders als bei der großen SARS-1-Epidemie in Asien 2003 funktioniere der Austausch der internationalen Gemeinschaft. Und auch China gehe transparenter mit der Lage um als vor einigen Jahren. Daher könne man sich besser vorbereiten. Es sei wichtig, die Krankheit einzuordnen. Spahn verwies in diesem Zusammenhang auf die Grippe, an der in Deutschland jedes Jahr bis zu 20.000 Menschen sterben. "Auch das ist eben ein Risiko, das wir jeden Tag haben." Bei der neuen Lungenkrankheit sei das Infektionsgeschehen im Vergleich dazu milder. Und am 24.2.2020 hatte der Gesundheitsminister gesagt, dass Deutschland bestmöglich vorbereitet ist1.
Und am 6.3.2020 hatte es in ganz Europa nur 4200 Corona-Infizierte gegeben. Trotzdem gab es eine Konferenz der Gesundheitsminister der EU. Aber der Virologe Prof. Drosten von der Charité hatte gewarnt, dass sich wahrscheinlich 70% der Bevölkerung mit Corona infizieren würden2. Der Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hatte am 9.3.2020 alle Bürger dazu aufgefordert: „Alles genauso machen, als würde man sich im Alltag vor Erkältung oder Grippe schützen wollen3.“ In der Vergangenheit habe ich bei „Grippewellen“ nichts gemacht. Warum auch? So werde ich es auch diesmal machen!
Glückerweise habe ich beim schnellen Durchsehen des heutigen Berichts des Robert-Koch-Instituts (RKI)4 nichts über eine Corona-Epidemie in Spanien gefunden. Da hat es noch vor kurzem Fußballspiele und andere Massenveranstaltungen gegeben.
Die S-Bahn zum Flughafen ist wie fast immer überfüllt. Als jemand hustet, drehen sich alle unwillkürlich nach ihm um. Aber keiner sagt etwas. Auch nicht, als er noch zweimal kräftig hustet. Nur angstvolle Blicke. Einige versuchen in dem Gedränge mehr Abstand zu dem Hustenden zu bekommen. Dadurch kommt es zu vielen ungewollten Kontakten zwischen den Fahrgästen.
In der riesigem Terminal A des Flughafens Frankfurt ist eine gewisse Unruhe zu spüren. Ich kann nicht genau sagen, warum auch ich mich davon angesteckt fühle. Es liegt etwas Unheimliches und Bedrohliches in Luft. Wahrscheinlich haben viele in der Abflughalle Angst, sie könnten sich mit dem neuen Coronavirus infizieren. Vielleicht hatte die Bundesregierung viele verunsichert, als sie am 8.3.2020 die Absage von Veranstaltungen mit mehr als 1000 Teilnehmern empfohlen hatte5. In der Halle sind geschätzt bestimmt mehr als 2000 Personen.
Aber wie hatte Bundesgesundheitsminister Spahn noch am 4.3.2020 im Bundestag gesagt: "Die Folgen von Angst können weit größer sein als die durch das Virus selbst1."
Irgendein Auslöser für die Unruhe ist nicht zu erkennen. Auf den großen Bildschirmen laufen stoisch unten Schriftbänder durch, die Börsenkurse in Rot und mit einem Minus versehen zeigen. Ein Börsenexperte rät, Pharma-Aktien zu kaufen. Ich habe keine Aktien, also völlig ohne Belang für mich. Prüfend sehe ich mich weiter um: nur einige Asiatinnen mit Mundschutz. Das hatte ich aber schon öfter auf Flughäfen gesehen. Mein Unbehagen flaut langsam ab.
Da fällt mir ein, dass erst vor vier Tagen mein Onkel Max in einer WhatsApp®-Nachricht das Foto einer alten Bescheinigung aus Myanmar von 2003 herumgeschickt hatte, dass er „SARS-free“ sei. Versehen mit einem . Irgendjemand aus der Familie hatte noch gefragt, wie dies denn festgestellt worden sei. Myanmar sei doch ein sehr armes Entwicklungsland ohne medizinische Infrastruktur. „Durch Fiebermessen mit einem Batteriemessgerät bei der Grenzkontrolle!“ hatte Max geschrieben.
Plötzlich bemerke ich, dass ich kleine Schweißperlen auf der Stirn und feuchte Hände habe. Ich sehe niemand mit einem Fiebermessgerät in der Halle.
Als ich durch die Sicherheitskontrolle gehe, stelle ich fest: Keiner vom Sicherheitspersonal trägt einen Mundschutz, nur Handschuhe. Dies hatten sie aber immer an, wenn sie das Handgepäck durchwühlten. Fieber wird auch nicht gemessen. Also offiziell noch keine große Gefährdung durch das Virus! Dann kann ich ja getrost nach Malaga fliegen. Ich hatte auch noch nicht gehört, dass irgendjemand aus meiner reisefreudigen Familie daran dachte, seine diesbezüglichen Pläne zu ändern. Aber die Sicherheitskontrolle ist wie gewohnt nur schleppend. Die Warteschlange kommt nur langsam voran.
Jetzt kommt noch der Body scan. Als ich in die Kabine eintrete, höre ich hinter mir noch, wie jemand auf Spanisch lachend so etwas sagt wie: „puedes usarlo para medir la longitud de tu pene!“ Ich werde angefordert, mich genau auf den Markierungen breitbeinig in die Mitte zu stellen und die Arme anzuwinkeln. Der Scanner fährt mit einem leisen Surren herum. Es klickt und die Tür öffnet sich automatisch. Das ist angewandte KI! Wahrscheinlich auch alles virenfrei. Aber nur wenn die Scanner-Kabine einen Abzug hat. Sonst könnten sich dort Viren vielleicht sogar anreichern, da die Türen jeweils nur kurz geöffnet sind. Bei genauer Betrachtung ist keine Abzugsvorrichtung zu erkennen. Das könnte eine schnelle virale weltweite Verbreitung verursachen. Darüber scheint sich hier keiner Gedanken zu machen.
Auch nicht darüber, ob, wie der Spanier hinter mir mutmaßte, der Scanner intime Körperregionen „vermessen“ kann. Als ich mein Smartphone und die anderen Sachen wieder in meinen Rucksack einpacken will, höre ich wie die zwei Männer sich weiter lachend auf Spanisch unterhalten. Für sie scheinen die vermuteten Fähigkeiten des Scanners keine gravierende Bedeutung zu haben, sondern sie reichten nur für einen zotigen Scherz. Ob sie genauso gelassen geblieben wären, wenn sie wie ich in der Zeitung gelesen hätten, dass die Body scans gespeichert werden?
In diesem Moment schrillt eine Sirene. Am Body Scanner leuchtet über der Tür ein Display grellrot auf: „Danger“. In der Kabine steht wild gestikulierend eine ältere Frau. Ihre Schreie sind nicht zuhören. Also ist der Scanner hermetisch dicht. Das Sicherheitspersonal ruft: „Alle stehen bleiben! Don’t move! Keep calm!“ Zwei Bundespolizisten mit gezogener Pistole bahnen sich rabiat einen Weg durch die Warteschlange. Einige werfen sich vor Schreck auf den Boden. Andere straucheln. Liegen kreuz und quer durch- und übereinander. Manche haben sich verletzt und stöhnen. Einer schreit auch ganz laut vor Schmerzen.
Innerhalb von wenigen Sekunden stehen acht Bundespolizisten um die Scanner-Kabine herum. Die alte Frau ist nicht mehr zu sehen. Die Beamten diskutieren laut mit dem Sicherheitspersonal. Alle sind hochgradig erregt, gestikulieren wild, wirken aber völlig ratlos. Verzweifelt versuchen sie die Türen zu öffnen. Einer ruft: „Die stirbt da drin!“ Das Stöhnen und die Schmerzensschreie der Gestürzten verunsichern sie ganz offensichtlich, denn sie schauen hilflos herum. „Ist hier ein Arzt? Ist hier ein Arzt?“ ruft der eine Polizist verzweifelt. Einige der anderen beginnen den Gestrauchelten beim Aufstehen zu helfen.
„Die stirbt darin!“ gellt es wieder durch die Halle. Einer der noch am Boden Liegenden faucht ganz laut: „Wer von ihnen ist den entscheidungsbefugt? Hier ist eine sofortige Entscheidung gefordert!“ „Lebensrettend!“ ergänzt er noch. Der Polizist mit den meisten Sternen auf der Schulter sagt nur deutlich vernehmbar: „Panzerglas! Die Kabine ist aus Panzerglas! Für den Fall, dass der Scan darin einen Terroristen mit Sprengstoff-Gürtel erkennt. Panzerglas zur Sicherheit für die Umstehenden! Panzerglas, da kann man nichts machen. Das ist schussfest. Da gibt es nichts zu entscheiden! “
„Das ist doch unglaublich, sie müssen etwas unternehmen, sonst stirbt die alte Dame da drin! Sie ist kollabiert. Entscheiden sie sich endlich!“
Die dramatische Szene erinnert mich fatal an den KI-Krimi „Game over“ von Philipp Kerr6. In diesem Buch hatte er beschrieben, wie ein KI gesteuertes Hochhaus-Management zu immer neuen „automatischen“ Tötungen führte und die Bewohner terrorisierte. Dies ist der Liebling- Krimi meines Vaters, weil sich das Chaos in dem Hochhaus so „logisch“ entwickelt.
Endlich hat einer die erlösende Idee: „Strom abschalten“. Nach ein paar Sekunden ist es in diesem Teil der Halle dunkel. Die Scanner-Türen springen automatisch auf. Aha, eine automatische Notöffnung bei Stromausfall! Also, im Notfall Strom ausschalten! Das habe ich schon in Physik und auch im Erste Hilfe-Kurs gelernt. Diese Grundregel gilt offensichtlich auch bei KI-induzierten Notfällen! Was ist aber, wenn der Steuerungscomputer weiter automatisch mit Notstrom über eine andere Leitung versorgt wird? Wer weiß dann, wo der Schalter zum Abstellen ist? Und was ist, wenn die KI an eine unterbrechungsfreie Akku-Notstromversorgung angeschlossen ist? Dies dürfte Standard für hochwertige Computersysteme sein!
Zwei Polizistinnen versuchen, der alten Frau beim Aufrichten zu helfen. Gestützt auf die jungen Polizistinnen torkelte die alte Frau zu einer Sitzgelegenheit. Sie wurde sofort von Sicherheitspersonal umringt. Ich kann eine Frage aufschnappen: „Was für ein Gerät haben sie da am Rücken? Das hat den Alarm ausgelöst!“ Die alte Frau kuckt etwas verwirrt umher, bevor sie mit brüchiger, unsicherer Stimme leise antwortet: „Ach das! Das ist eine Schmerzmittel-Pumpe. Die habe ich wegen chronischer, stärkster Schmerzen bei Osteoporose bekommen!“
Auf dem Weg zu dem Flugsteig überlege ich noch immer, wie die Scanner-Kabinentüren durch Stromabschalten geöffnet werden konnten. Wahrscheinlich schlicht und einfach, weil die Mechanik, also die Elektromotoren, die die Türen schlossen, zu dem Stromkreis gehörten, der abgeschaltet wurde. Hm, vielleicht hatte ich doch etwas in Physik gelernt. Aber es hat nicht für die 1. Ärztliche Prüfung gereicht! Was wäre, wenn die Steuerung durch KI dank Notstrom wie in dem Krimi „Game over“6 immer weiterläuft?
Nachdenklich bleibe ich vor einem Zeitungsstand stehen und lese das Großgedruckte: im Tagesspiegel® vom 11.3.2020: Coronavirus in Europa. Letalität in Deutschland 30-mal niedriger als in Italien – wie ist das möglich7? In einer anderen Zeitung: Skisaison in Ischgl vorzeitig beendet. Der Landrat von Tirol hatte gestern die Après-Ski-Lokale im Tourismusdorf schließen lassen. Das RKI hat Ischgl zu einem von weltweit 10 Risikogebieten erklärt.
Spanien gehört nicht dazu!
Virologie gehörte noch nicht zu meinen Prüfungsfächern, daher habe ich während des Lernens eher beiläufig die Nachrichten hierzu verfolgt. Am 24.1.2020 in China Städte wurden abgeriegelt und unter Quarantäne gestellt8. Aber trotzdem hatte die Weltgesundheits-Organisation WHO noch keine internationale Bedrohung wie bei SARS-1 im Jahr 2003 gesehen9. Damals konnte die chinesische Regierung die Krankheitsfälle durch strenge Hygiene- und Quarantänemaßnahmen weitgehend lokal begrenzen.
Zwar warnten einige Experten schon, dass sich eine weltweite Epidemie entwickeln könnte. Aber ich sah keine Gefahr für Deutschland. Zu oft war in den letzten Jahren eine gefährliche Epidemie prognostiziert worden: 2006 hatte die WHO vor der Vogelgrippe und 2009 vor der Schweinegrippe gewarnt: Gestorben war damals in Deutschland kaum jemand daran. Soweit ich wusste, starben jeden Winter viel mehr Menschen an einer „normalen“ Grippe10. Davor warnte keiner. Nur für Ältere wurde eine Grippe-Impfung empfohlen.
2006 und 2009 haben einige Pharmahersteller einen Riesenprofit gemacht, denn verängstigte Menschen in Europa und auch die Bundesregierung haben in großen Mengen für viel Geld das Anti-Grippemittel Tamiflu® gekauft11. Wegen des fehlenden Wirksamkeitsnachweises gab es damals viel Kritik. Wie auch immer, trotz vieler Warnungen war eine Epidemie ausgeblieben. Die kenne ich nur aus der Geschichte: Pest und Cholera.
Ich habe keine Angst, mich mit Corona zu infizieren. Die hygienischen Zustände sind jetzt, zumindest in Europa, deutlich besser als bei der letzten Cholera-Epidemie in Hamburg Ende des 19. Jahrhunderts12. Auch hatten der RKI-Chef Wieler und der Bundesgesundheitsminister Spahn gesagt, dass Deutschland gegebenenfalls gut vorbereitet sei. Wir hätten gut ausgestattete Kliniken mit vielen Intensivbetten und das Virus sei schon identifiziert und seine Struktur aufgeklärt13. Zudem steht schon ein zuverlässiger PCR-Test zum Virus-Nachweis zur Verfügung14. Als zukünftiger Mediziner darf ich keine Angst haben, mich irgendwo anzustecken.
Aber will ich, nachdem ich schon in dem 1. Medizin-Examen durchgefallen bin, überhaupt noch Arzt werden? Mit dem Medizinstudium hatte ich auf Empfehlung meiner Eltern begonnen. Sozusagen etwas fremdbestimmt, denn ich hatte mich nicht für ein Studienfach entscheiden können. Ich habe immer geschwankt, ob ich nicht statt Medizin Informatik studieren sollte. Das war/ist mein Plan B. Daher interessiert mich die automatische Passkontrolle. Wieder angewandte KI! Nach dem Zwischenfall mit der alten Dame in dem Body Scanner betrachte dieses Gerät genauer. Man musste seinen Ausweis in einen Schlitz, der mit einer grün blinkenden Leuchtleiste versehen ist, schieben. Er wird dann gescannt und die Pforten zu einer kleinen Kabine öffnen sich. Eine Kamera über der Ausgangstür scannt mein Gesicht und nach 5 Sekunden öffnet sich automatisch die Tür. Die Rahmen blinkten einladend grün.
KI spart Zollbeamte, die anderswo sinnvoller eingesetzt werden können. Die Software ist zur Gesichtserkennung entwickelt worden. An einer solchen Software hatten sicherlich viele Regierungen ein Interesse gehabt und haben daher massiv die Entwicklung gefördert. Gesichtserkennung dient auch zur Überwachung. Das war eine der negativen Seiten der KI. Sie konnte missbraucht werden. Aber das kann fast jede Technik!
In der Sitzgruppe vor dem Abflug-Terminal meines Fluges nach Malaga warte ich auf das Boarding. Da sehe ich, wie die alte Dame aus dem Scanner langsam mit einem Rollator auf die Sitzgruppe zusteuert. Damit sie nicht so weit laufen muss, rücke ich etwas auf. Geräuschvoll lässt sich die alte Frau auf den ersten Sitz plumpsen. Sofort fängt sie an, laut vor sich hinzureden. „So etwas ist mir noch nie passiert! Die sperren einen einfach in einer engen Kabine ein! Und behaupten auch noch, es wäre zu meiner Sicherheit! Eine Frechheit! Ich werde bald 85 Jahre alt. Ich bin doch keine Terroristin! Ich will nicht wieder eingesperrt werden wie in der DDR, als ich 1981 einen Ausreiseantrag gestellt habe. Das war eine klare Entscheidung! Gegen den Staat! Die Konsequenzen: Versetzung an eine unattraktive Stelle! Das habe ich in Kauf genommen. Ich hatte mich entschieden: ich wollte weg!“
„Als ich gehört habe, dass auch in Deutschland Städte wegen Corona abgeriegelt werden können15, habe ich meine Freundin gefragt, ob ich bis zu den Osterferien in ihre leerstehende Ferienwohnung in Marbella ziehen kann. In Spanien gibt es bestimmt keine so strengen Regeln. Ich habe keine Angst vor dem Corona-Virus. Ich habe auch keine Angst vor dem Tod. Ich kann mich sowieso nur noch mit starken Opiaten einigermaßen schmerzfrei bewegen. Haha, ich bin auf dem besten Weg, opiat-abhängig zu werden. Ich brauche immer mehr! Das alles will ich gar nicht mehr erleben. Dann lieber sterben. Von mir aus auch an dem neuen Virus! Aber ich will in Freiheit sterben! Ich habe in der DDR gelebt und 1989 an den ersten Montagsdemonstrationen in Leipzig teilgenommen. Da haben wir unser Leben für die Freiheit riskiert! Und noch eins, junger Mann, auch wenn die meisten es nicht wahrhaben wollen: Vor dem Tod kann man sich nicht schützen!“
Der Zwischenfall mit der alten Dame, die dabei kollabiert war und die Erkenntnis, dass Gesichtserkennung-Software wahrscheinlich vornehmlich zur Personen-Überwachung entwickelt wurde, trüben meine Begeisterung für KI deutlich. Aber in vielen Bereichen des Flughafens steckte KI: in der Steuerung der Gepäckförderbänder, Flugsicherung und natürlich in den Flugzeugen KI. KI ist praktische Intelligenz!
Aber irgendwie ist mir mulmig bei dem Gedanken, dass irgendwann ein Flugzeug nur noch von KI gesteuert wird. In den letzten Jahren waren zwei nagelneue Boeing®737 max wegen Softwarefehler abgestürzt16. Die Besatzung konnte nicht eingreifen… Plötzlich wird mein Abflugterminal geändert. Hat sich die KI des Fluggast-Steuerungssystems geirrt und korrigiert jetzt den Fehler? Oder ist dort Corona-Fall festgestellt worden?
Auf dem Flug überlege ich, ob vielleicht jemand, der Corona-infiziert ist, mit in dem Flugzeug sitzt. Wann ja, hat er dann bis Malaga alle angesteckt? Hinter mir hustet einer wiederholt kräftig und lange. „Keine Bange, ich habe mich nur an meiner eigenen Spucke verschluckt!“ sagt er zur Entschuldigung. Klingt nicht überzeugend. Was weiß man denn schon über mögliche Infektionswege? Wenn der Corona-Virus wieder wie bei SARS-1 im Jahre 2003 die oberen Atemwege betrifft, dann verbreitet sich der Virus durch Husten etc.. Viral! Also in alle Richtungen! Daher auch die Empfehlung Abstand zu halten. Lächerlich, dieser Rat lässt sich bei engen Sitzreihenabstand in Flugzeugen nicht umsetzen. Da ist man unweigerlich in einer Art Opferrolle.
Neuerdings sprach man diesbezüglich von Aerosolen. Diese breiten sich ähnlich wie Zigarettenrauch schnell in einem Raum aus. Dazu fällt mir ein heftiger Streit mit Kim ein. Ich hatte mit einem Kumpel in meiner Studentenbude einen Joint geraucht. Noch zwei Tage später hatte Kim, als sie mich besuchte, den charakteristischen süßlichen Geruch wahrgenommen. Wohlwissend, dass Kim wegen der leidvollen Erfahrungen mit ihrem alkoholkranken Vater jede Form einer Sucht kategorisch ablehnte, habe ich Cannabis-Konsum erst einmal geleugnet. Da riss Kim wütend eine Gardine herunter und hielt sie mir unter die Nase. „Wenn du diesen widerlichen-süßlichen Geruch andauernd hier in deinem Zimmer hast, dann kannst du ihn auch nicht mehr wahrnehmen. Die Riechnerven adaptieren sich! Das haben wir doch in Physiologie gelernt. Das muss du rauswaschen, sonst bleibt der Geruch da drinhängen!“
Hm, im Gegensatz zu Zigarettenrauch konnten man Viren weder sehen noch riechen. Eine unsichtbare Gefahr! Und man konnte sie auch nicht „rauswaschen“.
Da ich am „Gang“ sitze und auf den kurzen Flügen keine Filme gezeigt werden und auch keine Snacks mehr serviert werden, kann ich mich nicht ablenken. Und schon wieder husten hinter mir zwei! Und zack, sofort bin ich wieder in dem „Nachdenken“-Modus:
Problem 1: Wer ist für die Virusverbreitung verantwortlich: die Regierung ODER/UND jeder einzelne? Warum NICHT die schon Erkrankten? Sie müssten, wenn sie krank sind, einfach nur zu Hause bleiben, um nicht weitere anzustecken!
Problem 2: Wer ist für die Schutzmaßnahmen verantwortlich? Wieder dieselben möglichen Antworten: die Regierung ODER/UND jeder einzelne? Warum NICHT die schon Erkrankten, z.B. durch Tragen einer OP-Schutzmaske?
Im Examen kämen jetzt die Verknüpfungsfragen zwischen 1 und 2. Die konnte ich schon heute Morgen nicht vernünftig lösen, jedenfalls nicht mit den logischen Operatoren!? Außerdem gibt dann noch das Problem 3: Wer ist dafür verantwortlich, dass ausreichend Schutzmaterial vorhanden ist?
Wenn dies wirklich so ist und nicht Denkfehler von mir sind, dann kann man keinen Plan oder Algorithmus für diese komplexe Situation entwickeln, um die anstehenden Probleme z.B. mit KI sicher zu lösen. Wie war das noch? Es gibt nur Näherungslösungen!
Jetzt glaube ich zu verstehen, warum Epidemiologie nur ganz kurz im Medizinstudium abgehandelt wird. Das Thema ist zu komplex. Wahrscheinlich hätten wir Studenten, zumindest die meisten von uns, es nicht richtig verstanden.
Und ist „verantwortlich sein“ gleichbedeutend mit „die notwendigen Entscheidungen treffen“? Sind dies dieselben Personen? Meine Gedanken verheddern sich schon wieder. Aber die intellektuellen Herausforderungen waren heute einfach zu viel! Immerhin bleibt wie immer die ganz einfache Lösung: Abwarten!
Hoffentlich sitzt in dem Flugzeug kein Superspreader! Der Flieger ist schon im Sinkflug…
Als ich im Flughafen Malaga in die Halle mit der Gepäckausgabe gehe, fällt mir auf, dass dort auf allen Bildschirmen ein dickes Band mit der Nachricht in verschiedenen Sprachen unten durchläuft: WHO erklärt COVID-19 zur Pandemie und warnt von einer weiteren weltweiten Ausbreitung17!
Mit einem Schlag fühle ich mich hundeelend. Mir brummt der Schädel, als ob mir jemand einen k.o.-Schlag versetzt hätte. Ein beklemmendes Gefühl bemächtigt sich meines Körpers. Warum hatte ich die Berichterstattung über Corona nicht richtig verfolgt? Die meisten Leute in der Halle starrten gebannt auf die Bildschirme. Eine blondierte Nachrichtensprecherin liest irgendeinen Text auf Spanisch vor, den ich nicht verstehe. Hinter ihr das WHO-Logo. Als ich genauer hinschaue, bemerke ich, dass diese Nachricht in einer Endlosschleife immer wiederholt wird. Wahrscheinlich geht diese Nachricht gerade viral um die ganze Welt.
Wie auch immer man Intelligenz definiert, intelligent war es nicht, nur für das Examen zu lernen und auf die Meldungen über den Corona-Virus nicht zu achten. Ich bin auch nur ein Teil der Umwelt. Daher haben Umweltveränderungen auch einen deutlichen Einfluss auf mich!
Aber hatte ich die Entscheidung, mich nur auf die Prüfung zu konzentrieren, eigentlich bewusst getroffen? Oder war es nur ein sogenannter Sachzwang? Damit argumentieren viele Politiker. Neuerdings heißt dies eher „alternativlos“. Bisher hatte ich darüber gar nicht nachgedacht. Hatte sich das nicht einfach so ergeben? Etwa, weil mein Wissen nach den vier Semestern Vorklinik noch nicht für die Prüfung ausreichte? Aber woher wusste ich dies, als ich angefangen habe zu lernen? Und trotz vielen Lernens hatte ich nicht das nötige „Prüfungswissen“!
Diese Überlegungen kommen aber zu spät! Rechtzeitig an Wichtiges denken, ist auch ein Zeichen von Intelligenz. Vorausschauendes Denken kann überlebenswichtig sein. Ich musste mir eingestehen, dass ich mir keine ernsthaft über eine Corona-Pandemie nachgedacht hatte. Daher trifft mich die WHO-Nachricht völlig unvorbereitet. Für diesen unwahrscheinlichen Fall hatte ich keinen Plan B.
Wie heißt es doch immer: man soll aus seinen Erfahrungen lernen. Aber ich hatte gar keine Erfahrungen, was Virologie angeht. Der entsprechende Kurs gehört zum klinischen Teil des Medizinstudiums. Viren, das war für mich ein Begriff, den ich nur für das Internet kannte. Da muss man aufpassen. Am besten man kauft sich einen Virus-Schutzprogramm. Das hatte ich längst gemacht. Aber vor einigen Monaten hatte ich im Internet einen Bericht darüber gefunden, dass die Viren-Schutzprogramme jede einzelne Datei auf meinen Laptop durchforsten und bei der ersten Anwendung mit einer „Signatur“ markieren. So können sie dann Veränderungen entdecken und beim Screenen auch neue Dateien erkennen. Also haben sie einen genauen Überblick über die von mir gespeicherten Daten, Fotos, Chat-Nachrichten, Bankverbindungen und die von mir benutzten Programme. Sie wissen alles über mich!
Auch hatte ich gelesen, dass eine Antiviren-Software über weitreichende Systemberechtigungen verfügt muss, um bei neu aufgetauchten Viren eine Aktualisierung vornehmen zu können. Dazu muss eine dauerhafte, verschlüsselte und nicht prüfbare Verbindung zu Servern des Software-Anbieters bestehen. Die entsprechende Berechtigung hatte ich beim Laden des Antiviren-Programms eingeräumt, weil es sonst nicht funktioniert. Und nicht weiter nachgedacht!
Obwohl als Warnhinweis in dem Artikel noch stand: Über Online-Updates könnte eine manipulierte Programmversion auf dem Laptop installiert werden, hatte ich keine Veranlassung gesehen, irgendwelche Änderungen vorzunehmen. Hatte mich also die Antiviren-Software überlistet? War so ein Programm KI18? Wenn ja, dann hatte mich KI schon „geschlagen“! Vor längerer Zeit hatte ich gelesen, dass KI den GO-Weltmeister geschlagen hatte18. Ich kenne das Spiel GO nicht. Also konnte ich nicht beurteilen, ob dies eine so überragende Leistung der KI war, wie die Presse behauptete.
Die Fähigkeit, etwas zu beurteilen, das ist doch auch ein Zeichen von Intelligenz! Zumindest eins kann ich beurteilen: GO ist nur ein Spiel, aber die KI ist schon lange kein Spiel mehr. Sie ist überall drin, wenn auch häufig versteckt. Wie jetzt auch der Corona-Virus?? Das kann ich nicht beurteilen. Auch so eine Frage der Begriffe: Was bedeutet eigentlich beurteilen? Wie macht man dies? Nach welchen Kriterien? Außerdem gibt so viele Vorurteile. Keiner ist wirklich frei davon!
Schon wieder so eine unlösbare Frage? Urteile zu fällen ist eigentlich eine Domäne für ein anderes Fachgebiet: Jura. Aber in juristischen Streitfällen müssen oft mehrere Gerichtsinstanzen durchlaufen werden. Das Urteil eines Bundesgerichts ist dann die „Bestantwort“. Aber warum mehrere Instanzen und damit viel Aufwand und Zeit, wenn es in Deutschland doch für fast alles Gesetze gibt? Wieder nur eine Frage der Formulierungen oder Begrifflichkeiten? Ich komme mit meiner Fragerei einfach nicht weiter!
Aha, das kann ich aber beurteilen: Das Gepäckförderband hat sich in Bewegung gesetzt. In Physiologie habe ich gelernt, dass das menschliche Auge Bewegungen gut wahrnehmen kann. Noch immer starre ich weiter gebannt auf den Bildschirm über dem Gepäckband mit der Nachricht von der WHO. So eine Art Selbsthypnose. Als könnte ich die Pandemie-Nachricht wegzaubern.
Wie war das noch? Vorausschauend denken! Cool bleiben! Was bedeutet die WHO-Klassifizierung Pandemie? Was hat sich dadurch geändert? Nichts! Doch, der Virus hat bzw. wird sich global ausbreiten! Das heißt: es gibt keinen sicheren Ort mehr auf der Welt! Auch nicht in Torremolinos! Viele wie auch der Historiker Yuhal Harari20 hatten eine Pandemie im 21. Jahrhundert für sehr unwahrscheinlich gehalten. Ich bis heute Abend ehrlich gesagt auch!
Jetzt ist sie aber da! Rechnet KI nicht auch nur mit Wahrscheinlichkeiten? Morgen werde ich meinen Stiefbruder Kai kontaktieren. Der kennt sich in KI aus. Und was bedeutet Pandemie konkret? Würden hier in Spanien wie China strenge Quarantäne-Maßnahmen verordnet? Kann ich mir in einem demokratischen Land nicht vorstellen. Eine sehr große Unsicherheit bemächtigt sich meiner. Ich transpiriere heftig.
Apropos berechnen. Bei Computerviren erfolgt die Verbreitung meist viral. Aus dem Informatikkurs wusste ich, viral bedeutete aber nichts Anderes als exponentiell21. Exponentialfunktionen sind Lehrstoff in der Schule: eine Verdopplung der Zahl der betroffenen Computer in kurzer Zeit und immer so weiter… Und weltweit! Bis ein Antiviren-Programm den Virus erkennt und eliminiert.
Wenn dies auch für den Corona-Virus zutrifft, dann sind wahrscheinlich wirklich bald 70% der Bevölkerung betroffen2! Wenn überhaupt ein Impfstoff gefunden werden kann. Für das HIV-Virus gibt es trotz jahrzehntelanger Forschung immer noch keinen 22. Aber immerhin gibt es Medikamente gegen AIDS. Aber die Entwicklung hatte Jahre gedauert. Bedrückende Aussichten.
Bei AIDS kann man vorbeugen, denn das HIV-Virus wird vor allem beim direkten sexuellen Kontakt übertragen. Der Weg der Ausbreitung ist bekannt. Lange hatte man auch geglaubt, einen sogenannten Patienten Zero, einen Steward bei der Air Canada gefunden zu haben. Der sollte für die Verbreitung des HIV-Virus in Nordamerika verantwortlich gewesen sein. Später hatte sich herausgestellt, dass das HIV-Virus in anderen Ländern schon viel früher nachweisbar war23.
Das neuartige Corona-Virus sollte sich nach allem, was ich gelesen hatte, wie eine Erkältung viral ausbreiten, also über einige Entfernung, z.B. in der S-Bahn oder im Flugzeug! Kann dann überhaupt jemand verantwortlich für die Verbreitung gemacht werden? Bei meiner kurzen Recherche vorhin hatte ich gelesen, dass man auch bei dem Corona-Virus nach einem Patienten Zero gesucht hat, den es bei einer viralen Ausbreitung eigentlich geben musste. Da zuerst in Wuhan COVID-19 Fälle aufgetreten waren24, war klar, dass er dort gesucht wurde. Unklar ist, ob wie der amerikanische Präsident Donald Trump behauptet, der von ihm als „China-Virus“ bezeichnete Erreger aus einem Labor stammt oder wie die chinesische Regierung angegeben hat, von einem Wildtiermarkt.
Wie auch immer, es stellt sich die Frage, ob es bei einer viralen Ausbreitung Verantwortliche geben kann. Bei einem Computer-Virus ist der Tatbestand eindeutig: derjenige, der den Virus programmiert und/oder ins Internet schickt, ist verantwortlich als „Täter“. Die Empfänger sind „Opfer“. Hm, aber was ist mit denen, die einfach nur eine email öffnen und dadurch unwissentlich den Virus weiter verbreiten? Sind Politiker, die keine Schutzmaßnahmen für die Bevölkerung ergreifen, für die weitere Ausbreitung der Epidemie verantwortlich? Dann müssten sie nach den Empfehlungen der WHO jetzt schnell Maßnahmen zur Eindämmung ergreifen. Aber welche erfolgversprechenden „Virus-Schutzprogramme“ gibt es bei einer Pandemie überhaupt? Anti-Virenprogramme wie gegen Computer-Viren, die den Virus isolieren und/oder eliminieren, dürften bei dem Corona-Virus unmöglich sein…
Und was ist mit den sogenannten Superspreadern, die z.B. in Ischgl eine Vielzahl von Anderen angesteckt haben sollen? Kann man sie als verantwortlich bezeichnen, auch wenn sie noch nichts von ihrer eigenen Infektion wussten? „Täter“ sind doch allenfalls die, obwohl sie wissen, dass sie sich angesteckt haben, entschieden haben, weiterhin engen Kontakt zu anderen zu haben…
Ist nicht jeder selbstverantwortlich? Zumindest für seinen eigenen Schutz? Wer aber weiß schon genau, wie der beste Schutz aussieht? Und sind die Schutzmaßnahmen praktikabel? Ich erinnere mich noch genau an eine routinemäßige „Dekontaminationsübung“, die zufälligerweise während meines Pflegepraktikums in dem Krankenhaus durchgeführt worden ist. Da musste ich, weil keiner vom Stammpflegepersonal Lust hatte, einen sehr schweren, weißen Ganzkörper-Schutzanzug mit nur einem kleinen Sichtfenster anziehen, in dem ich mich nur sehr schwerfällig bewegen konnte. Die Orientierung war durch den engen Sehschlitz deutlich beeinträchtigt. Wie sollte man da Gefahrensituationen rechtzeitig erkennen? In Fernsehberichten aus Wuhan trugen die Rettungskräfte ähnliche Schutzanzüge…
Damals gab es aber in dem ganzen Krankenhaus nur drei dieser Schutzanzüge… Neue und v.a. viel mehr ließen sich sicherlich nicht so schnell beschaffen. Ich wurde dann von oben bis unten mit einer Lösung abgesprüht, die giftige Substanz, die bei dem simulierten Chemieunfall ausgetreten war, „abwaschen“ sollte. Ob Absprühen bei dem Corona-Virus reicht?
Die Experten waren sich bisher nicht einig darüber, wie das Virus verbreitet wird. Diskutiert wurde auch, dass es sich lange auf Oberflächen hält…
Ist das alles kompliziert! Langsam fange ich an zu glauben, dass ein Virus sich schon in meinem neuronalen Netzwerk genannt Gehirn eingenistet hat und dort ständig Fragen induziert. Es sind auch deswegen so verzwickt, weil es wie so häufig, verschiedene Ebenen und Faktoren eng miteinander verwoben sind. Unser Informatiklehrer hatte eine solche Situation als komplexes System bezeichnet, für das es nur Näherungslösungen gibt! Also wieder mal nur Bestantworten!
Eins ist jedenfalls klar: Den 11.3.2020 würde ich nie vergessen: erst morgens durch die 1. Ärztliche Prüfung gefallen und dann abends auch noch eine Pandemie! So viel stand für mich jetzt schon fest, auch wenn alles andere unsicher ist: schon heute Mittag hatte ich mir vorgenommen, mein Gedächtnis zu trainieren. Jetzt weiß ich wie: Jeden Abend resümiere ich das Wichtigste vom Tage, in dem ich es in mein iphone® diktiere und speichere. KI macht es möglich. Aber mein Smartphone funktioniert auch nur mit Software!! Wer garantiert mir, dass es meine Gedanken nicht auch noch woanders gespeichert werden??
Weiter geht es schon wieder mit einer Art S-Bahn nach Torremolinos. Wieder voll. Wieder husten ab und zu Fahrgäste. Nach der WHO-Warnung ist mir mulmig. Aber bei kritischer Betrachtung muss ich mir eingestehen, dass ich mich entschieden habe, mit der S-Bahn zu fahren. Hm, ja, weil ein Taxi oder Uber zu teuer gewesen wäre.
Das Husten ist gefühlt deutlich häufiger als in der S-Bahn zum Frankfurter Flughafen. Claro, das Virus breitet sich vom Flughafen her viral aus…Man weiß nie, wo man sich infiziert. Hektisch fange ich zu überlegen. Wie kann ich meine Gefährdung hier in der S-Bahn abschätzen? Ich will bei meiner Tante Dora nicht mit dem Virus „ins Haus fallen“ und sie womöglich anstecken.
Also, wie war das noch? Unser Mathelehrer hatte immer etwas scherzhaft gemeint, dass viele Menschen nur linear denken können, z.B. Fortschritt nur in kleinen Steigerungen um Prozente. Wachstum in der Natur verlaufe aber anders, nämlich nach einer spezifischen mathematischen Funktion, einer Exponentialfunktion. Die natürliche Exponentialfunktion, auch e-Funktion genannt, zeige z.B. die rasante Vermehrung von Heuschrecken, die dann innerhalb kürzester Zeit als Plage in Ostafrika alles leerfressen…
Hm, Ostafrika ist weit weg! Mit dem Beispiel konnten wir nicht allzuviel anfangen. Vielleicht schon eher mit dem Begriff Plage. In den letzten heißen Sommern war an unserem kleinen Badesee zu beobachten, dass tagesüber kaum Mücken dort waren und es in den Abendstunden immer mehr wurden, sodass man dunkle Schwärme von „Millionen“ Mücken in der untergehenden Sonne sehen konnte. Die waren eine echte Plage. Um ihr zu entgehen, fuhren wir meist rechtzeitig mit dem Fahrrad in die Stadt zurück.
Wo die Unzahl von Mücken so schnell herkam, war uns nicht klar. Unser Mathelehrer meinte, dass die sich exponentiell vermehrt hätten. Dann versuchte er nochmals uns, das Wesentliche einer e-Funktion erklären. Also, wenn ich es richtig behalten habe, besteht der Unterschied zu einer Potenzfunktion, bei der die Variable, z.B. x in der Basis steht (z.B. x2), darin, dass bei einer Exponentialfunktion die Variable im Exponenten steht, also z.B. 2X. Unser Lehrer behauptete immer, dass viele Prozesse in der Natur, insbesondere auch in Medizin nur mit solchen Exponentialfunktionen berechnet werden könnten, z.B. die Zahl von Bakterien oder Viren bei einer Infektion1.
Wahrscheinlich wegen dieser Bemerkung habe ich versucht, mir zu merken, was unter einer e-Funktion zu verstehen ist. Ähnliche Bezeichnungen sind ja in letzter Zeit hip: e-mail, e-bike oder i-phone®. Dabei sollte e- wahrscheinlich heißen, dass es sich um ein elektrisch betriebenes Gerät handelt. i- sollte wohl intelligentes Gerät bedeuten, also eins, das KI enthält?!
Kann KI e-Funktionen berechnen oder nur lineare Gleichungen? Keine Ahnung, das muss ich einmal meinen Stiefbruder Kai fragen. In der augenblicklichen Situation ist es aber viel wichtiger, zu wissen, ob Politiker sich mit e-Funktionen auskennen. Ob sie die Zunahme der Zahl der Corona-Infizierten einigermaßen zuverlässig abschätzen können. Ich habe da so meine Zweifel.
Zu Exponentialfunktionen fällt mir die Reiskornlegende2 ein: Danach wurde Indien vor langer Zeit von einem tyrannischen König beherrscht. Um ihm seine Fehler zu zeigen, ohne ihn zu erzürnen, erfand Sissa ibn Dahir, das Spiel Tschaturanga, die indische Urform des Schachspiels, in dem der König als wichtigste Figur aber ohne Hilfe anderer Figuren und Bauern nichts ausrichten konnte. Der König schätzte das Spiel trotzdem. Um sich zu bedanken, gewährte er dem Erfinder einen Wunsch. Dieser wünschte sich Reiskörner: auf das erste Feld eines Schachbretts ein Korn, auf das zweite Feld das Doppelte, also zwei, auf das dritte wiederum die doppelte Menge, also vier, und so weiter. Der König lachte und war gleichzeitig über die vermeintliche Bescheidenheit erstaunt. Als sich der König einige Tage später erkundigte, ob Sissa seine Belohnung in Empfang genommen habe, musste er hören, dass die Rechenmeister die Menge der Reiskörner noch nicht hätten ausrechnen können. Der Vorsteher der Kornkammer meldete nach mehreren Tagen ununterbrochener Arbeit, dass er die Menge Reiskörner im ganzen Reich nicht aufbringen könne…
Politiker und Wirtschaftslenker denken doch vor allem in Prozenten: Prozent der Wählerstimmen, Steigerung des Bruttosozialprodukts im nächsten Jahr usw. Also ist ihr Denken linear. Jedoch nicht alles verläuft linear. Aber um nicht linear denken zu können, muss man wahrscheinlich so genial sein wie Norbert Wiener, der „Erfinder der Kybernetik“, dem Vorläufer der Informatik und von KI3.
Wie auch immer, ich versuche es einmal, auch wenn es mir nach so einem Tag schwerfällt, mit Kopfrechnen. Mit einer Überschlagsrechnung. Also, wenn es, wie ich heute Nachmittag recherchiert habe, am 6.3.2020 in ganz Europa erst 4200 Corona-Infizierte gegeben hatte, dann war die Gefahr einer Infektion doch gering! Mal kurz abschätzen, was viral wirklich bedeutet. Die Zahl der Betroffenen ist eine Exponentialfunktion. Hm, der in meinem iphone® integrierte „Taschenrechner“ kann nur die Grund-rechenarten. Für eine Näherungslösung einer e-Funktion reicht mein Schulwissen noch: 7.3.2020: 8400; 8.3.2020: 16800; 9.3.2020: 33600; 10.3.2020: 67200 und heute: 134400!
Oh-ha! So viel hätte ich nicht erwartet. Jetzt habe ich Vorstellung davon, was viral bedeutet: Innerhalb weniger als einer Woche eine 30-fache Vervielfachung. Und morgen eine 60-fache! Und nach Expertenmeinung wahrscheinlich bald 70% der Bevölkerung4! Ob real und linear denkende Politiker dies nachvollziehen können? Ich bin sehr skeptisch. Eine Hoffnung habe ich: Unsere Bundeskanzlerin ist Physikerin. Dann kennt sie e-Funktionen!
Noch einmal zurück! Ich wollte nur abschätzen, wie groß mein persönliches Infektionsrisiko hier in der S-Bahn bei den vielen Vor-sich-Hinhustenden ist. Mal kurz überschlagen! In Europa leben ungefähr 450 Millionen Menschen, d.h. die Wahrscheinlichkeit, einen Infizierten zu treffen, beträgt etwa 150.000 durch 450.000.000! Wenn ich mich jetzt nicht verrechnet habe, beträgt das Risiko nur 1 zu 3000. Da kann ich wieder mal kräftig durchatmen…
So viele Menschen sind bestimmt nicht in diesem S-Bahnwaggon! Aber an wie vielen hustenden und schniefenden Menschen bin ich heute vorbeigelaufen? Und besteht schon eine Ansteckungsgefahr, wenn der Infizierte noch keine Symptome zeigt? Soviel ich weiß, gibt es solche Erkrankungen! Und wahrscheinlich gehört die Corona-Infektion dazu!
Wie heißt doch der englische Spruch: only questions, no answers! ODER More questions than answers?
Die S-Bahn bremst mit einem Ruck. Endlich bin ich angekommen! Estacion de tren de Torremolinos.
In der Avenida Palma de Mallorca in Torremolinos sehe ich eine große, grell gelbe Corona-Bier Leuchtreklame. Mit gemischten Gefühlen denke ich daran, dass einige meiner Kommilitonen jetzt wahrscheinlich dabei sind, wie verabredet die bestandene Prüfung mit einer „Corona-Fete“ zu feiern. Sie hatten dafür drei Kästen Corona Extra® gekauft. Motto sollte sein: heute Abend extra ein Corona! Es sei besonders gehaltvoll, hatte ein Freund behauptet. In Corona Extra® sei mehr drin als in den üblichen deutschen Bieren: nämlich noch Mais, Reis, Papain und Ascorbinsäure.
Wie auch immer, bisher hatte ich nach dem „Genuss“ von Corona Bier immer Kopfschmerzen bekommen. Vielleicht lag es an den Extras. Egal, ich hatte sowieso keinen Grund zum Feiern. Wahrscheinlich hätte ich mich auf der Fete noch unwohler als jetzt hier gefühlt.
