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Durch Zufall lernt Annabelle Jack kennen. Sie verliebt sich sofort Hals über Kopf in den unbekannten, jungen Mann. Seit dem tragischen Verlust ihres Jugendfreundes verspürte sie nicht mehr so starke Gefühle, wie für ihn. Sie kann sich nicht entscheiden zwischen ihrem Mann und Jack und steckt daher in einem gewaltigen Gefühlschaos. Da sie sich auch noch um ihre schwer erkrankte Freundin kümmert, hat sie kaum Zeit, um Luft zu holen. Als Jack ihr auch noch die sexuelle Beziehung zu einer anderen Frau gesteht, wird ihre Liebe zu ihm auf eine harte Probe gestellt. Annabelle trifft eine Entscheidung. Als sie diese der betreffenden Person mitteilen möchte, wird sie daran gehindert und das Drama nimmt seinen Lauf……
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Veröffentlichungsjahr: 2022
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Epilog
Annabelle steht in ihrem Bad vor dem großen, in die Wand eingelassenen Spiegel und betrachtet kritisch ihr äußeres Erscheinungsbild.
Die großen, traurig dreinblickenden, hellgrünen Augen, umrandet von langen, dunklen Wimpern.
Die etwas schmal geratene Nase mit dem kleinen Muttermal neben dem rechten Nasenflügel. Durch die vielen vorwitzigen Sommersprossen fällt es allerdings nicht wirklich auf.
Ein Highlight ist ihr gerades Kinn, das sie just in diesem Moment etwas trotzig nach vorne reckt und dann ihren Blick weiter erst zu den hohen Wangenknochen und dann über die zu einem Pferdeschwanz gebundenen, braun-roten Haare gleiten lässt. Einige Strähnen haben sich gelöst und fallen ihr locker in leichten Wellen über Stirn und Gesicht. Tiefe, dunkle Augenringe stechen markant hervor.
Kleine, aber nicht zu übersehende Falten haben sich in der Haut, direkt neben den Mundwinkeln, ihren Weg gebahnt.
Was sie bei dieser genaueren Inspizierung deutlich erkennt, ist die auffällige Veränderung ihres Aussehens.
Sie wird sich bewusst, dass ihr Gegenüber nicht die Frau ist, die sie noch vor wenigen Monaten war.
Ihr Blick gleitet weiter nach unten.
Ihr mit kleinen, bunten Sternchen gemustertes Top, das sie seit einer weiteren fast schlaflosen Nacht noch immer trägt, kann ihre knochigen Schultern und das eingefallene Dekolleté nicht im mindesten verbergen. Sie zieht das Top leicht nach oben und betrachtet, fast erschrocken, Bauch und Hüften. Absolut kein Gramm Fett ist dort zu erkennen. Nichts ist mehr wohlgerundet, wie es einmal war.
Der Hintern ist flach wie ein Brett und die Pyjamahose rutscht fast über die Hüften, obwohl diese vor noch nicht allzu langer Zeit ein wenig spannte.
Wieder begegnen sich ihre Augen im Spiegelbild, während sie laut seufzend das Kleidungsstück abrupt in seine ursprüngliche Lage fallen lässt und ihre Hände an der Umrandung des modernen, großen Waschbeckens abstützt.
Sie kommt zu dem Entschluss, dass die allerschlimmste Veränderung letztendlich ihre Augen betrifft.
Der Verlust des fröhlichen, fast funkensprühenden Glitzerns ist einem stumpfen und traurigen Ausdruck gewichen und unverkennbar.
Wie konnte einer Frau wie ihr das nur passieren?
Sie schließt die Augen, legt den Kopf in den Nacken und eine Erinnerung blitzt auf.
(… Das habe ich in meinen achtundvierzig Jahren noch nie gehabt … Ist echt total krass, was das alles mit uns macht, oder?!)
Traurig öffnet sie ihre Augen wieder, wendet den Blick vom Spiegel ab und schaut sich um.
Durch die Jalousien fallen einzelne Sonnenstrahlen auf den Badteppich und zeichnen sich auf den cremefarbenen Fliesen der Wände ab. Verspielt bauscht sich der leichte, hellgraue Blümchenvorhang in einem sanften, warmen Lüftchen auf. Es sieht so aus, als gäbe es einen weiteren wunderschönen, klaren und hellen Sommertag.
Das Einzige, das Annabelle allerdings von ihrer direkten Umgebung wahrnimmt, ist die im Bad vorherrschende Unordnung, die sich im Laufe der letzten Zeit überall bemerkbar macht.
Leere Shampoo-Flaschen, achtlos verstreute Wäschestücke, Staub auf allen Ablageflächen und nicht zu übersehen: Die Ansammlung von Zahnpastaflecken, überall im und ums Waschbecken verteilt.
Das sonst so penibel und reinlich gehaltene Badezimmer hat sich in eine Stätte vorherrschenden Chaos verwandelt
– Nicht allein die Frau im Spiegel reflektiert mein derzeitiges Leben, nein, auch mein gesamtes Umfeld gibt preis, auf welchem Niveau sich mein Leben zurzeit befindet! – denkt Annabelle resigniert und beginnt lustlos, Ordnung in das von ihr verursachte Chaos zu bringen.
Ein~ Ping~, irgendwo in der Ferne, lässt sie in ihrer Bewegung kurz innehalten. Überstürzt verlässt sie dann ihr Bad. Sie rennt förmlich in Richtung Wohnzimmer. Im Schlafzimmer, das sie zuvor durchqueren muss, stolpert sie über einen achtlos mitten im Raum abgestellten Wäschekorb mit Bügelwäsche. Im letzten Moment kann sie einen Sturz vermeiden, indem sie sich am Bettrahmen abfängt. Allerdings kann sie nicht verhindern, dass sie sich ihr rechtes Knie hart an eben diesem anstößt. Den sofort auftretenden Schmerz, der auf einen späteren, äußerst schmerzhaften, blauen Fleck vermuten lässt, beachtet sie nicht weiter. Sie hetzt weiter ins Wohnzimmer.
Dort angekommen sucht sie mit fliegenden Augen die Umgebung ab, um ihr Handy zu finden.
– Wo habe ich es denn bloß abgelegt? – überlegt sie fieberhaft.
Ahh … es liegt auf der großen, weißen Holztruhe mit dem uralten Schloss, die sie vor langer Zeit auf einem Trödelmarkt erstanden hat.
Schnell nimmt sie es an sich, lehnt sich etwas außer Atem an den gemauerten Eingangsbogen zur Küche und während sie mit einer Hand den Code zum Entsperren des Handys eingibt, reibt sie nun doch unbewusst mit der linken Hand über die stark schmerzende und mittlerweile leicht angeschwollene Stelle des rechten Knies.
Es ist noch nicht einmal fünfzehn Minuten her, dass sie das Telefon hier abgelegt hat.
Innerhalb eines Wimpernschlages erkennt sie niedergeschlagen, dass es sich um eine unwichtige E-Mail handelt.
Sie legt das Handy langsam an den vorherigen Platz zurück, ohne ihren Blick davon abzuwenden. Langsam lässt sie sich dann auf die Lehne eines wunderschönen, weiß gebeizten, mit grobem, grauem Stoff bezogenen Sessels sinken und fixiert das Mobilgerät mit zunehmender Frustration.
– Wie konnte es nur so weit kommen? –
Wie schon so oft zuvor, überdenkt sie die Möglichkeiten, ihrem Dilemma zu entkommen, in das sie sich selbst ohne Absicht hineinmanövriert hat.
Vor ungefähr elf Monaten hatte diese ganze Misere begonnen, wird ihr einmal mehr bewusst. Traurig schüttelt sie den Kopf und ihre ganze Körperhaltung strahlt die Resignation aus, die sich in ihr ausbreitet.
– Ich bin eine bodenständige Frau. Durch mein Einkommen trage ich einen Teil zu den fortlaufenden Kosten unseres Haushalts bei. Unsere Kinder sind aus dem Gröbsten raus. Gesund und munter gehen sie selbstständig ihre eigenen Wege. Lilly mit ihren dreiundzwanzig Jahren ist quasi schon erwachsen und Nils mit seinen zwanzig Jahren, mitten im Studium, ist auch nicht mehr weit vom Erwachsensein entfernt. – So grübelt sie vor sich hin und ihre Gedanken wandern weiter.
Sie sieht ein Bild ihres Mannes im Geiste vor ihrem inneren Auge.
Sie weiß, dieser Mensch liebt sie über alles und erfüllt ihr, soweit es in seiner Macht steht, jeden Wunsch, ist er auch noch so kostspielig.
Alles, ja, in der Tat alles macht er für sie, um sie in ihrem Alltag zu entlasten und um ihr Leben so angenehm wie möglich zu gestalten. Auch der Sex mit ihm ist nach all den vielen gemeinsamen Ehejahren nie langweilig geworden, da sie viele Dinge ausprobiert haben und jeder vom anderen genau weiß, was dieser mag, bevorzugt oder ablehnt.
Niemals käme Paul auf die Idee, hinter ihrem Rücken mit anderen Frauen zu flirten, geschweige denn eine heimliche Liebe mit einem riesigen Aufwand auszuleben und zu vertuschen.
Lebensfroh, begeisterungsfähig und mit einem hohen Maß an Optimismus ausgestattet, geht er durchs Leben. Er interessiert sich für alles, was um ihn herum geschieht und lässt Annabelle durch äußerst geistreiche Gespräche an seinem Leben, Tun und seiner Arbeit teilhaben.
Wie gemein und perfide ist es dann, dass sie seit ungefähr elf Monaten schon fast ignorant ihren gemeinsamen Gesprächen nur halbherzig Interesse zollt und unterdessen gedanklich meist an einem anderen Ort ein phantasievolles Miteinander mit einem anderen Mann teilt.
Immer wieder muss sie sich eingestehen, dass wenn SIE den Part ihres Mannes innehätte, sie an seiner Stelle schier verzweifeln würde, wüsste sie von Aktivitäten, wie sie derzeit von ihr betrieben wurden.
(… Du, mir ist schon selbst aufgefallen, dass ich zu oft nicht bei der Sache bin, wenn ich mit jemandem rede oder etwas mache … gestern an der Theke im Pub zum Beispiel … Ich wollte Getränke für meine Kumpels und mich bestellen und denke nur an dich … puhhhh … an die Küsse … deine weichen Lippen … deine wunderschönen Augen … Die Bedienung fragte mich zweimal, was ich denn bestellen wolle …)
Durch ein erneutes ~Ping~ wird sie aus ihren Gedanken gerissen.
Sie springt abrupt von der Lehne. Ein kleiner Schmerzensschrei kommt über ihre Lippen, als sie den rechten Fuß, ungeachtet des eben noch gestoßenen Knies, zu schnell und unüberlegt auf dem Boden aufstellt.
Sie greift nach dem Handy auf der Truhe. Gerade als sie es mit dem nötigen Code entsperren will, bemerkt sie durch ein leises Geräusch im Hausflur, dass ein Schlüssel in der Haustür zum Öffnen gedreht wird.
Panisch wirft sie das Telefon in ihre Handtasche. Sie durchquert das Wohnzimmer bis hin zum anderen Ende des Raumes, wo sich der Wohnzimmerschrank befindet. Umständlich und nicht zu überhören, öffnet sie eine der Glastüren und ergreift ein großes bauchiges Rotweinglas, das noch aus dem Erbe ihrer Oma stammt.
»Ich bin heute etwas früher zuhause, mein Schatz!«, ertönt die fröhliche und gut gelaunte Stimme ihres Mannes aus dem Flur.
»Hier ist keiner!«, erwidert sie mit gespielter Fröhlichkeit und in Anlehnung an ein schon jahrelanges Ritual.
Ihr geht durch den Kopf, dass sie die Ehrlichkeit, die sie mit ihrem Ehemann immer innehatte, sehr vermisst.
Mit dem Rotweinglas in ihrer Hand geht sie ihrem Mann Paul zögerlich ein Stück in Richtung Flur entgegen.
Dieser hat seine alte verschlissene Aktentasche schon abgestellt und zieht sich gerade die Schuhe aus. Sobald er diese ordentlich im Schuhschrank verstaut hat, stellt er auch noch zwei weitere paar Schuhe, die sie irgendwann achtlos ausgezogen und in den Flur gestippt hat, ohne einen Kommentar in den dafür vorgesehenen Schrank. Nachdem er dies alles erledigt hat, kommt er ihr freudestrahlend entgegen.
Wie so oft, wenn sie ihn sieht, denkt sie, dass sie eigentlich ein wahnsinniges Glück hat, diesen Mann für sich erobert zu haben.
Mit einer Größe von einssiebenundachzig und seinen breiten Schultern wirkt sie mit ihrer Größe von einem Meter und dreiundsechzig wie ein Zwerg, wenn sie neben ihm steht. Er hat ein schier umwerfendes Lächeln und die kleinen Grübchen in seinen Wangen, die bei jedem Lächeln sofort sichtbar werden, haben schon bei so mancher Frau dafür gesorgt, sich spontan in ihn zu verlieben.
Allerdings hat er sich für sie entschieden und seine gesamte Aufmerksamkeit gilt einzig ihr, egal was so manche Frau sich einfallen lässt, ihn auf sich aufmerksam zu machen.
Er ist aber auch, vor allem in der jetzigen Jahreszeit, ganz besonders sexy anzuschauen. Eine gesunde, sommerliche Bräune überzieht fast seinen kompletten Körper. Seine muskulösen Arme, die aus dem weißen, kurzärmligen Hemd herausragen, laden dazu ein, sich von ihnen umarmen zu lassen.
Die großen, kräftigen Hände zeugen von handwerklichem Geschick. Hinzu kommt noch das im Moment nur zu erahnende Sixpack und die in einer enganliegenden Jeans verborgenen, äußerst sportlichen Beine.
Alles in allem ist Paul einer der attraktivsten Männer, die Annabelle kennt.
Paul beugt sich leicht zu ihr hinunter.
Kurz schaut er mit seinen strahlend blauen Augen in die ihren und umarmt sie dann liebevoll. Dabei verursachen sein weicher Drei-TageBart und das ebenso weiche, braune Haar in ihrem Gesicht und Nacken ein leicht unangenehmes Kitzeln.
Er hält sie anschließend etwas von sich weg und küsst sie dann zärtlich auf den Mund.
»Ich liebe dich und bin froh, dich zu sehen!«
Es ist keine ungewöhnliche oder seltene Art der Begrüßung.
Vor noch nicht allzu langer Zeit schmiegte sich Annabelle dann immer an ihn und auch sie beteuerte ihm gegenüber ihre Liebe.
In der letzten Zeit unterlässt sie dies allerdings und nimmt seine Liebesgeständnisse einfach hin.
Nachdem sie versucht, sich etwas zu abrupt aus seiner Umarmung zu lösen, nimmt er mit einem nicht zu deutenden Blick das Rotweinglas in ihrer Hand kurz in Augenschein.
»Ich habe heute früher Schluss machen können. Steht irgendetwas Besonderes an? Kommt jemand auf einen Kaffee vorbei oder hast du noch einen Termin?«, fragt er sie auf die Art, die sie erkennen lässt, dass er gerne möchte, dass sie sich ab jetzt für ihn fertig macht und ihre freie Zeit gemeinsam mit ihm verbringt.
Mit der letzten Frage entlässt er sie dann auch aus der für sie erdrückenden, von ihm liebevoll gemeinten, körperlichen Nähe.
Sie hält das Glas in die Höhe und mit einem leichten Achselzucken versucht sie sich in der Erklärung, dass sie vorhatte, endlich mal den Wohnzimmerschrank komplett samt Inventar zu säubern.
»Ich hatte mich schon gewundert, dass du noch immer in deinem Nacht- Outfit herumhüpfst«, erklärt er ihr jetzt mit seinem wunderschönen Lächeln, irgendwie beruhigter.
Dann betrachtet er sie etwas genauer.
»Schatz, du bist so dürr geworden. Meinst du nicht, du hättest jetzt lange genug nichts mehr gegessen? Du weißt, mir gefällst du immer, ob mit vielen oder wenigen Kilos, aber gesund ist das, was du machst, gewiss nicht!«, sagt’s und lässt sie im Flur stehen, nachdem er ihr noch einmal mit beiden Händen zärtlich über den kaum noch vorhandenen Hintern gefahren ist.
Schuldbewusst trottet sie ihm wie ein geschlagener Hund in die große, geräumige und modern eingerichtete Küche hinterher. Rasch gibt sie ihm zu verstehen, dass sie ihre Säuberungsaktion jetzt beenden wird, um ein Mittagessen für sie zuzubereiten. Was sie heute kochen wird, darüber hat sie sich bisher noch keine Gedanken gemacht.
(… Deine Küsse brennen noch auf meinen Lippen und ich habe noch den wunderbaren Duft deines Parfüms in der Nase …)
Er beginnt, ihr von der Arbeit zu berichten, und fragt immer wieder nach, was sie von manchen Dingen hält, die so im Laufe des Tages passiert sind, um sie voll und ganz in das Gespräch zu integrieren. In Gedanken schleudert sie ihm ins Gesicht:
– Ich werde dich verlassen, ich halte das hier alles nicht mehr aus! –
Stattdessen räumt sie Töpfe auf die Anrichte und sucht stumm nach geeigneten Lebensmitteln für ein halbwegs angemessenes Mittagsmahl. Wie so oft sind es Nudeln, die sie zubereitet, mit einer fertigen Soße und einem italienischen Salat, da sie für ein aufwendigeres Essen keine Lust hat und auch für etwas anderes ganz gewiss irgendwelche Zutaten fehlen würden.
Unmotiviert und in ihrer eigenen Gedankenwelt versunken bemerkt sie nicht, wie sich ihr Mann von hinten nähert. Er umfasst stürmisch ihren Unterkörper und sie erschrickt so sehr, dass ihr die Nudeln aus der Hand rutschen.
Rasch dreht sie sich um und schaut in sein Gesicht, in dem sie Verlangen und Vorfreude erkennen kann. Sie wehrt seine Avancen ab, indem sie ihn von sich wegschiebt und etwas von Kindern murmelt, die ja unvermutet auftauchen könnten. Dann sammelt sie gemeinsam mit Paul die auf dem Boden verstreuten Nudeln auf. Im Anschluss wendet sie sich wieder der begonnenen Küchenarbeit zu.
Sie kann es zwar nicht sehen, spürt aber seine Enttäuschung, während er sich abwendet und sich wieder ins Wohnzimmer begibt, wo er umständlich und laut seinen Laptop auf dem kleinen Sekretär platziert und einschaltet. Ohne einen weiteren Kommentar vertieft er sich in diverse Arbeiten am Computer.
Annabelle steigen brennende Tränen in die Augen. Sie darf jetzt nicht zusammenbrechen.
Schnell denkt sie an das, was sie immer wieder etwas runterkommen lässt, ihre beiden Kids.
– Ich bin noch immer für ihr Leben verantwortlich und möchte, dass sie mich nicht hassen. Reiß dich zusammen, Annabelle, du schaffst das! Noch hast du keine Entscheidung getroffen und es wird auch heute noch nicht passieren! Bleib stark und heul jetzt nicht rum! –
Genau in diesem Moment ertönt wieder ein lautes ~Ping~, kurz darauf ein zweites und drittes. Innerlich erstarrt sie, die Tränen sind versiegt und ihre Kehle schnürt sich von der aufkeimenden Panik fast zu. Möglichst unbefangen dreht sie sich um und will gerade fröhlich etwas Unverfängliches zu dieser Ping-Attacke sagen, da sieht sie, dass ihr Mann sich gar nicht mehr vor dem Computer befindet, sondern den Raum unbemerkt verlassen hat.
Sie hastet zur Handtasche, schaut suchend ihr Umfeld ab und nachdem sie festgestellt hat, dass sie allein ist, stürmt sie schon in Richtung Bad. Das Handy nimmt sie natürlich mit.
Rasch schließt sie die Tür hinter sich, dreht den Schlüssel um, macht das Radio an und entsperrt währenddessen das Telefon. Sie weiß, dass ihr nur wenige Minuten bleiben, bis die Nudeln fertig gekocht haben.
(… Stehe hinter dir … nehme deine Haare zur Seite umarme dich von hinten und küsse dir sanft auf den Hals … ich bekomme es nicht aus dem Kopf …) (… wow … Küsschen) (… miss you …)
Nachdem sie die drei Nachrichten mit einem Lächeln auf den Lippen und Kribbeln im Magen überflogen hat, löscht sie diese umgehend. Sie schaltet auch noch schnell den Ton für Benachrichtigungen aus, betätigt die Toilettenspülung, wäscht sich noch die Hände und verlässt ihr Bad, ohne das Handy mitzunehmen.
In der Küche angekommen, nimmt sie ihre Küchenarbeit wieder auf und bereitet mechanisch das Essen weiter zu. Nachdem sie fertig ist, ruft sie Paul durch die Balkontür zum Essen. Paul betritt nach kurzer Zeit die Küche, füllt seinen Teller, gibt ihr einen Kuss auf die Nasenspitze und setzt sich an den Wohnzimmertisch. Im Esszimmer essen sie selten, da sich dort ihre Katze Milli oft die Zeit damit vertreibt, am Tisch sitzend aus dem Fenster die Vögel im Garten zu beobachten.
Annabelle füllt nun ihrerseits auch einen weiteren Teller für sich und gesellt sich zu ihrem Mann ins Wohnzimmer. Sie wünscht ihm einen Guten Appetit, was er mit einem nicht zu deutenden Blick auf ihren spärlich gefüllten Teller erwidert, und gemeinsam beginnen sie zu essen.
Das Essen verläuft weitestgehend schweigend. Annabelle verschluckt sich fast an ihrer Mahlzeit. Da es ihr vorkommt, als würde sie auf Pappe kauen, bekommt sie die wenigen Bissen nur mit großer Mühe hinunter.
Nachdem sie beide fertig sind, steht Paul auf und räumt die Teller in die Spülmaschine. Er fragt sie, ob er ihr einen Kaffee zubereiten soll, aber sie hat schon andere Pläne. Sie erklärt ihm, dass sie sich jetzt mal fertig machen und das schöne Wetter nutzen wird, um die freie Zeit an der frischen Luft zu verbringen, anstatt trister Hausarbeit nachzugehen. Paul merkt an, dass sie damit vollkommen Recht hat.
Es dient ihr schon seit längerem zeitweise auch als Vorwand, um ihrem Zuhause zu entfliehen, wenn sie ihm mitteilt, sie müsse mal an die frische Luft, zu ihrem Pferd.
Sei es, um zu misten, ihm den täglichen Besuch zu erstatten, Leckerchen zu verteilen oder um sich einen klaren Kopf durch einen entspannten Ausritt zu verschaffen.
Außerdem hofft sie jedes Mal darauf, IHN zu treffen.
Es hat für sie nicht im mindesten etwas mit gewolltem Nervenkitzel zu tun, eventuell bei ihrem geheimen Tun erwischt zu werden. Das Einzige, was sie will, ist IHN nicht nur auf einem WhatsApp-Bild betrachten zu müssen, sondern ihn in der Realität zu treffen, mit ihm zu reden, ab und an einen verstohlenen Kuss zu erhalten, seine Hand in ihrer zu halten, für eine Weile in seinen starken Armen zu liegen, ihn tatsächlich zu spüren und diese seltenen und kostbaren Momente mit ihm einfach zu genießen.
Es ist für sie dann so, als würde für kurze Zeit die Welt stillstehen und alles wäre genau so, wie es sich anfühlen sollte, und sie vergisst dann in seiner Gegenwart alles, was sie zu erdrücken droht.
Sie verbringt seit einer geraumen Weile sogar viel lieber ihre Zeit auf der Arbeit.
Dort ist sie durch die meist vorherrschende Hektik abgelenkt und kann durch den Stress, der sie fortwährend in Bewegung hält, manchmal sogar ihre Probleme komplett ausblenden … oder in ruhigen Diensten ihr Handy bedienen.
Bewusst langsam verlässt sie das Wohnzimmer und begibt sich in ihr Badezimmer. Der Melder für Nachrichten an ihrem Handy blinkt blau in zeitversetzten Abständen. Sie verschließt die Tür, das Radio ist noch eingeschaltet und spielt gerade den Song von Fury in the Slaughterhouse:
›Won’t forget these days … ‹
(Jemanden zu lieben, kann niemals ein Fehler sein, weder einer von dir, noch einer von mir – … aber eins hast du ganz treffend geschrieben: Es ist halt mehr als schade, uns nicht näher zu kommen … )
Sie starrt auf das Telefon, will aber noch nicht wissen, was sie erwartet.
In letzter Zeit kommt es häufiger vor, dass sie sich nicht gleich darauf stürzt, um ihre neuen Nachrichten auf einen ganz bestimmten Chat zu prüfen. Es ist für sie immer sehr enttäuschend, wenn in diesem keine neuen Benachrichtigungen von ihm eingegangen sind, sondern lediglich Familie, Freunde oder Bekannte ihr etwas, oftmals Unwichtiges, mitzuteilen haben.
Wenn nämlich nicht eine einzige Nachricht von ihm dabei ist, verschlechtert sich ihre Laune schlagartig. Für ihre übellaunigen Seitenhiebe, die sich gegen alle in ihrer Nähe befindlichen Menschen richten, fühlt sie sich natürlich verantwortlich. Dies zieht ihre Stimmung dann noch weiter nach unten.
Sie blickt aus dem Fenster und bemerkt erst jetzt so richtig, dass die Sonne heute, wie auch in den letzten Tagen, die Oberhand gewonnen hat. Sie geht noch einmal ins Schlafzimmer und macht sich daran, Anziehsachen im großen Schlafzimmerschrank zusammenzusuchen.
Wieder einmal fällt ihr auf, dass es wirklich langsam an der Zeit ist, endlich mal auszumisten und Sachen, die sie nicht mehr trägt, auszusortieren und in den Altkleidersack zu stopfen. Natürlich wird sie das nicht gerade heute erledigen, sie verschiebt solche Angelegenheiten zurzeit gerne auf einen nicht terminierten anderen Zeitpunkt.
Nach langem Stöbern hat sie endlich eine schicke Garderobe zusammengesucht. Sie legt sich alles schon ins Bad, damit sie nach einer erfrischenden Dusche und ihrem neuerlich länger andauernden, täglichen Styling sofort das Haus verlassen kann.
Sie schaltet ihr Handy komplett lautlos und das Radio lauter. Dann legt sie ihre Kleidung ab, begibt sich unter die Dusche und stellt das Wasser auf heiß.
(… 3 … 2 … 1 und nur!!! du und ich …), schießt es ihr durch den Kopf, während die ersten Schauer auf sie herabprasseln.
Tränen beginnen ihr über die Wangen zu laufen und vermischen sich mit dem heißen Wasser der voll aufgedrehten Dusche. Sie weiß, dass es jetzt doch etwas mehr Zeit in Anspruch nehmen wird, sich fertig zu machen.
Wenn die Schleusen erst einmal geöffnet sind, kann sie die Tränen meist für längere Zeit nicht stoppen. Also ergibt sie sich der Tränenflut und lässt sie geräuschlos strömen, legt den Kopf mit geschlossenen Augen in den Nacken und versucht, das heiße Wasser zu genießen. Es vergeht über eine viertel Stunde, bis sie die Dusche endlich wieder verlässt.
Sie wirft einen schnellen Blick auf ihr Spiegelbild, und obwohl es nur für einen kurzen Augenblick ist, kann sie deutlich erkennen, dass das Tränenvergießen nicht spurlos an ihr vorübergegangen ist. Kleine rote Äderchen ziehen sich über die normalerweise weißen Augäpfel. Auch sind die Augen leicht verquollen.
(… Weine nicht, my Darling, zusammen bekommen wir das schon hin …)
Sie seufzt. Es ist schon so lange her, dass ihr alles so leicht von der Hand ging. Die tägliche Routine der Hausarbeit, die sie immer gerne erledigte. Ihr Dienst im Krankenhaus als OP-Schwester, wo sie von den Chefs stets gelobt wurde für ihre außerordentlich gute Zusammenarbeit mit ihnen und allen weiteren Kolleginnen und Kollegen.
Mit einem erneuten Seufzer wird ihr bewusst, dass dies alles schon länger in der Vergangenheit liegt, und zwar seit es seinen Anfang nahm.
Vor besagter Zeit war es ihr nie schwergefallen, länger zu arbeiten, wenn es nötig war. Tatsächlich war sie diejenige, die ihre Kollegen dann durch ihr charmantes und gut gelauntes Auftreten bei Laune hielt. Ja, selbst dieses kollegiale Miteinander ist nicht mehr wirklich vorhanden, ganz im Gegenteil. Häufig, wenn es nicht ganz so stressig zugeht, ist sie nicht ganz bei der Sache und in ihren Gedanken nicht bei der Arbeit und den Patienten, sondern überlegt, ob sich nicht eine neue Nachricht durch ein bläuliches Blinken auf ihrem Handy bemerkbar macht und ob er ihr eine Nachricht geschickt hat. Selbstverständlich denkt sie dabei auch darüber nach, was er geschrieben haben könnte.
– So kann und darf es einfach nicht weitergehen! – überlegt sie gerade, trocknet sich ab und cremt ihren Körper mit einer teuren, wohlriechenden Lotion ein.
Nachdem sie ihre Haare geföhnt, die wilde Lockenmähne mit einem Haargummi gezähmt und sie in einen festen Knoten verwandelt hat, kleidet sie sich an. Sie schminkt sich noch schnell, damit die sichtbaren Veränderungen in ihrem Gesicht nicht so deutlich hervortreten.
Nun ist sie bereit. Sie schnappt sich ihr Handy und überfliegt die eingegangene Nachricht ihrer besten Freundin Sarah. Diese hatte sich vor einiger Zeit einer Chemotherapie unterzogen.
(Kannst du vorbeikommen? Mir geht’s gerade nicht so besonders gut. Ich brauche einfach mal jemanden …)
Annabelle weiß ganz genau, wenn Sarah so etwas schreibt, muss es ihr schon ganz schön dreckig gehen.
Für einen kurzen Moment ist sie hin und her gerissen.
Einerseits möchte sie gerne zum Stall, andererseits ist es für sie unumgänglich, gerade jetzt ihrer Freundin den benötigten Beistand zu leisten. Sie schämt sich dafür, überhaupt in Erwägung gezogen zu haben, etwas anderes zu tun, anstatt sich postwendend zu Sarah zu begeben.
Natürlich wird sie jetzt erst einmal bei Sarah nach dem Rechten sehen!
Gerade will Annabelle zu einem anderen Chat umswitchen, als eine weitere neue Nachricht am Display aufploppt.
Ihr Herz schlägt einen freudigen Purzelbaum und sofort klickt sie auf den Chatpartner, dem sie sowieso gerade eine Nachricht schicken wollte. Rasch überfliegt sie die neue Nachricht.
(… Könnte mich auf der Arbeit loseisen und wäre in einer guten Stunde beim Stall, miss you …)
(… . miss you, too … kann aber erst etwas später, muss noch bei meiner Freundin vorbeischauen … Würde mich soooo sehr über ein Wiedersehen freuen, vermisse deine bunten Augen und deine zärtlichen Berührungen …) ist ihre Antwort.
Sie wartet fünf endlose Minuten auf eine erneute Nachricht, aber als sich bis dahin nichts getan hat, steckt sie das Handy in die Gesäßtasche ihrer Jeans und verlässt das Bad. Sie schnappt sich im Wohnzimmer ihre Handtasche. Dann gibt sie Paul, der vor einer Unmenge von Papieren am Schreibtisch hockt, einen flüchtigen Kuss auf die Wange und teilt ihm mit, dass sie nun erst einmal zu Sarah fährt und im Anschluss noch zum Stall.
Verständnisvoll nickt Paul leicht mit dem Kopf, gibt Annabelle noch einen lieben Gruß an Sarah mit auf den Weg und wendet sich wieder seiner Arbeit zu.
Annabelle verlässt die Wohnung, setzt sich in ihren SUV und fliegt förmlich den gesamten Weg bis zum Haus ihrer Freundin.
Wie jedes Mal, wenn sie bei dem alten Haus von Sarah ankommt, schaut sie bewundernd über die unübersichtlich angelegten Blumenrabatte vor dem Eingangsbereich, die vielen Topfpflanzen in großen, getöpferten Gefäßen und auch das alte Fachwerkhaus selbst ist eine einzige Augenweide. Es hat schon so einige Generationen in seinen Mauern, die aus Stroh, Lehm, Holz und anderen Utensilien bestehen, beherbergt.
Annabelle liebt dieses Haus, genau wie seine Bewohner.
Sie steigt die breite Steintreppe aus alten, gehauenen Basaltsteinen hinauf.
Klingeln braucht sie nicht, da sie schon seit Beginn von Sarahs Krankheit einen eigenen Schlüssel der Eingangstür besitzt. Sarah hatte sie gebeten, sich während der Krankenhausaufenthalte um das Wohlergehen der Pflanzen und auch der beiden Katzen zu kümmern.
Annabelle schließt die Tür auf und mit einem gespielt fröhlichen:
»Da bin ich schon, die gute, alte Belle ist mal wieder vor Ort und für alle Schandtaten bereit!«, betritt sie die Wohnung.
Wie bei jedem ihrer Besuche in letzter Zeit setzt sie ein »Gute-Laune-Gesicht« auf, da sie Sarah stets aufzuheitern versucht.
Sie durchquert den kühlen Flur mit den uralten, schon an vielen Stellen gesprungenen Marmorfliesen und den von Sarah selbst auf Leinwand verewigten Katzenbildern an den weiß geputzten Wänden. Annabelle bewundert Sarahs künstlerisches Können sehr. Heute allerdings geht sie achtlos an den Bildern vorbei.
Als sie das Wohnzimmer erreicht, sieht sie Sarah auf der Couch liegend die hölzerne Decke über sich anstarren. Eine dicke Wolldecke bedeckt fast ihren kompletten Körper, trotz der wirklich angenehmen Temperatur, die in diesem Zimmer herrscht.
Sarah dreht Annabelle das von der Krankheit stark gezeichnete Gesicht entgegen. Es erscheint ein flüchtiges Lächeln, allerdings nur für einen kurzen Moment.
Sie sieht seit einiger Zeit wirklich fürchterlich krank aus.
Die tiefliegenden Augen schauen oft trostlos, die blonde Haarpracht, früher ähnlich der von Meg Ryan, hat schon einiges an Volumen und Glanz verloren. Auch der Verlust von sehr vielen Haaren an manchen Stellen lässt erkennen, dass die Chemo ihre Wirkung zeigt.
Annabelle hat Mühe, ihr Lächeln beizubehalten und es so geschickt als möglich nicht wie eine starre Grimasse wirken zu lassen.
Noch vor nicht allzu langer Zeit, beim Blick in den Spiegel, hat sie ja festgestellt, dass auch bei ihr eine sichtbare Veränderung eingetreten ist. Auch sie ist nicht mehr die hübsche und attraktive Frau, die sie mal war. Aber bei genauerer Betrachtung der von Krankheit gezeichneten Freundin schämt sie sich, dass sie überhaupt so wahnsinnig oft über ihr ach so furchtbar schlimmes Leben grübelt. Vor ihr liegt eine Frau, die früher immer mit einem leicht schiefen und schelmischen Lächeln die Menschen um sich herum für sich gewinnen konnte. Annabelle kennt tatsächlich niemanden, der Sarah nicht nach dem ersten Kennenlernen vergöttert hätte.
Vorsichtig setzt sie sich auf die Kante des Sofas. Sie nimmt Sarahs rechte Hand, die matt, kalt und vollkommen kraftlos auf der Decke liegt, in beide Hände und beginnt, sie warm zu reiben.
»Wie geht es dir heute, meine Liebe? Du machst auf mich keinen besonders fröhlichen Eindruck!«, fragt sie Sarah nach einer kurzen Schweigeminute ernst.
Sarah dreht ihr Gesicht zur Seite und starrt nun auf die Blümchentapete, als gäbe es nichts Interessanteres, als die Blumen darauf genauer zu inspizieren. Annabelle bemerkt die jetzt fließenden Tränen auf Sarahs Wangen sofort. Es ist mittlerweile ein so normales Bild, dass sie sich, ihre Freundin und auch andere Menschen aus Sarahs Umfeld weinen sieht, und doch berühren Sarahs Tränen sie jedes Mal zutiefst und sie fühlt sich ihr gegenüber immer hilflos in Anbetracht der Umstände. Es kommt nur sehr selten vor, dass Sarah so offen zeigt, dass es ihr schlecht geht. Sarah seelisch und körperlich leiden zu sehen, ist für Annabelle auch absolut nicht leicht.
Noch während Annabelle sich darüber Gedanken macht, ob es die Schmerzen sind, die Sarah gerade so sehr zusetzen, oder ob es an der psychischen Verfassung liegt, beginnt Sarah ein Gespräch.
»Du, Belle, ich habe da so eine Vermutung, die ich jetzt noch nicht mit jemandem teilen möchte! Es ist etwas vorgefallen, was mir langsam aber sicher die Luft zum Atmen nimmt und mich in ein tiefes seelisches Loch fallen lässt.
Sei mir bitte nicht böse, dass ich auch dich in diese Sache noch nicht einweihen kann, aber derzeit muss ich erst einmal meine eigenen Gedanken wieder in ein halbwegs geordnetes Raster fügen, damit ich wieder klarer denken kann.
Ich brauche im Moment einfach mal jemanden, der mir Gesellschaft leistet und keine großartigen Gesprächseinlagen von mir erwartet. Auch gute Laune kann ich heute absolut nicht mimen. Du bist die einzige Person, die nicht erwartet, dass ich mit all diesen Dingen aufwarte.«
Das Lächeln, das Annabelle nach ihrer Frage wieder aufgesetzt hat, gefriert ihr quasi im Gesicht. Was ist bloß geschehen, was macht Sarah das Leben im Moment noch schwerer, als es ohnehin schon für sie ist? Was vermutet sie, von dem sie noch niemandem etwas sagen will, noch nicht einmal ihr, der sie fast immer alles Vertrauliche mitteilt?
Das schlechte Gewissen beginnt sofort so schwer an Annabelle zu nagen, dass sie glaubt, sie müsse sich der Gegenwart von Sarah entziehen und so schnell wie möglich das Haus verlassen, um draußen wieder atmen zu können.
Natürlich siegt ihre Vernunft und sie hält weiter die Hand der Freundin fest in den ihren, obwohl diese jetzt schwer wie Blei wiegt.
– Bitte, bitte nicht! Nein, das darf es nicht sein, auf gar keinen Fall! Es muss sich einfach um etwas ganz anderes handeln! Das darf Sarah jetzt nicht auch noch belasten! – denkt Annabelle erschrocken und bemerkt, wie auch ihre Augen zu brennen beginnen.
Sie kann es nicht aufhalten, auch sie beginnt nun zum zweiten Mal für heute zu weinen.
»Pi, du weißt, du kannst mit mir über alles reden, ich bin immer für dich da, aber wenn es dir schwerfällt, mich in dein Geheimnis einzuweihen, kann ich auch das verstehen! Ich werde dir halt einfach Gesellschaft leisten.«
Sie muss schwer schlucken, nachdem sie Sarah diese wenigen Worte mitgeteilt hat, und verschluckt sich prompt. Sie hustet einige Male, um ihre Atemwege wieder frei zu bekommen.
(… irgendwann, irgendwo und irgendwie … nur wir zwei … gegen den Rest der Welt … egal was kommt, vielleicht haben wir irgendwann mal eine … Chance … Mensch, Belle, du bist die wunderbarste und schönste Frau für mich und wirst es bleiben … egal wie es auch kommt … Ich bin so wahnsinnig froh, dich zu kennen … Ich vermisse dich …)
Warum gerade jetzt und hier? Konnten diese Erinnerungen an seine Nachrichten sie nicht wenigstens in einem solch traurigen Moment verschonen?
Sie lässt ihre Gedanken schweifen, während sie eine Zeit lang stumm auf der Sofakante hockt, weiterhin die Hand ihrer Freundin fest gedrückt hält und gemeinsam mit ihr den Tränen freien Lauf gewährt. Es vergehen einige wenige Minuten, die Annabelle vorkommen wie Stunden.
Dann nimmt sie ihre Handtasche vom Boden auf und kramt darin nach Taschentüchern.
Ein kurzer Blick gilt ihrem Handy – kein Blinken! Sie zieht ein frisches Tuch aus der Plastikhülle und wischt erst die Tränen von Sarahs Wangen, bevor sie auch die eigenen Tränen mit dem gleichen Tuch entfernt.
»So, genug geweint, jetzt werden wir uns mal wieder einkriegen und uns darüber unterhalten, was wir zwei Weltenbummler in unserem gemeinsamen Urlaub in zwei Monaten alles so anstellen werden!«, sagt sie mit aufmunternder Stimme in Richtung der immer noch an die Wand starrenden Freundin.
Sarah entschlüpft ein kleiner, leiser Seufzer. Erst nach einigen weiteren Minuten, in denen Annabelle ruhig neben ihr abwartet, dreht sie langsam ihr verweintes Gesicht der Freundin zu.
»Meinst du, wir sollten es wirklich angehen? Du weißt ja, es geht mir zurzeit nicht so besonders gut. Ich weiß wirklich nicht, ob es sinnvoll wäre, wenn ich mit dir diese anstrengende Reise nach Norwegen antreten würde. Wir wären vollkommen auf uns gestellt. Was, wenn es mir zwischenzeitlich mehr als nur beschissen ginge? Du müsstest dann irgendwie alleine mit dem ganzen Drumherum klarkommen! Und entschuldige, nicht, dass ich dir das nicht zutrauen würde, aber da könnte ganz gewaltig was auf dich zukommen! Außerdem wäre ich die meiste Zeit nicht wirklich eine akzeptable und koordinierte Weggefährtin wie sonst, die mit dir einen spektakulären und wunderbaren Urlaub genießen kann.
Ich bin der Meinung, wir sollten dieses Vorhaben gar nicht erst weiter in Betracht ziehen, sondern alle Buchungen schon einmal zeitnah stornieren. Wir haben ja zum Glück mit Reiserücktrittsversicherung gebucht. Und bitte komm mir jetzt nicht mit Floskeln wie: ›Is ja noch bissl bis dahin und gemeinsam schaffen wir das schon …!‹ Darauf kann ich gerade gut verzichten!«
Annabelle schluckt schwer nach dieser direkten Ansage von Sarah.
Sie haben diesen gemeinsamen Urlaub seit über einem Jahr gebucht und schon wahnsinnig viel Zeit mit dem Planen der Unternehmungen verbracht, wobei sie immer viel Spaß hatten. Es gibt so viele Sehenswürdigkeiten, die sie erkunden, und Exkursionen, die sie machen wollen. Alles ist aufgelistet und in eine zeitliche und örtliche Reihenfolge gelegt, damit die Reisezeit nicht zu gefüllt und dennoch respektabel bestückt ist.
Andererseits kommt es ihr gerade recht, diese Reise nicht antreten zu müssen. Sie würde den dadurch gewonnenen Zeitraum auch überaus gerne des Öfteren mit einer anderen ganz bestimmten Person in Zweisamkeit verbringen.
Wieder einmal schämt sie sich ihrer Gedankengänge in Gegenwart ihrer Freundin.
Es entsteht eine kurze Pause. Annabelle überlegt sich eine Antwort auf Sarahs Anliegen. Sie möchte Sarah keinesfalls verletzen, indem sie ihr viel zu schnell zustimmt, deshalb antwortet sie zögernd:
»Wir warten erst mal noch eine Weile ab, stornieren können wir später immer noch! Und auch wenn dir bestimmte Phrasen meinerseits nicht gefallen, so möchte ich doch anmerken, dass es immer Hoffnung gibt! Und ich klammere mich daran, dass du bis dahin schon wieder so fit bist, dass du es dann vor lauter Vorfreude gar nicht mehr abwarten kannst, endlich durchzustarten, um dich mit mir zusammen in dieses Abenteuer zu stürzen! Wir werden außerdem ein wundervolles Land kennenlernen und in diesem eine absolut wunderschöne Zeit verbringen! Bitte, think positive, meine liebe Pi! Das pflegst normalerweise du zu mir zu sagen, weil du der Optimist in unserem Duo bist! Also, Kopf hoch, du kannst sonst die Sterne nicht sehen, wenn du jetzt anfängst, deinen hübschen und gescheiten Kopf in den Sand zu stecken!«
Es sollte locker rüberkommen, allerdings hörte sich ihre Antwort stattdessen doch eher nach einer lauwarmen Phrase an, die sie sich hätte sparen können.
Sarah erwidert darauf nichts, sondern schaut Annabelle nur aus gequälten und traurigen Augen an. In ihren Wimpern hängt noch ein feuchtes Überbleibsel der vorhin vergossenen Tränen. Sarah schaut Annabelle an, als hätte sie ihr noch etwas ganz Wichtiges mitzuteilen, aber erst nach einer längeren Pause sagt sie:
»Sag mal, Belle, ich denke ja, dass aus unserem schon geplanten Urlaub nichts werden wird, allerdings hätte ich da einen anderen Vorschlag …«
»Dann schieß mal los … Ich bin für alles offen!«, antwortet Annabelle und wartet auf Sarahs weitere Ausführungen.
»Weißt du, wir wollten ja alle Länder rings um Deutschland einmal bereisen. Einige haben wir ja auch schon durch. Kannst du dich noch an unseren Frankreichurlaub erinnern?«
Ein leichtes Lächeln umspielt Sarahs Mundwinkel und auch Annabelle muss bei dem Gedanken daran grinsen.
»Ich denke, dass dies einer der besten Urlaube war … Fahrräder, Regen, so weit man schauen konnte. Überfüllte Campingplätze, randvolle Toiletten, der Gasgrill, der uns stets ohne Mühe kalte Ravioli bescherte, weil er nie funktionierte, schlecht gelaunte Menschen und mittendrin wir zwei beiden.
Fünf Mal plattgefahrene Reifen. Zum Schluss mussten wir noch einen neuen Reifen für dein Rad kaufen, weil uns das Flickzeug ausgegangen war. Im Geschäft mussten wir feststellen, dass unsere Geldbörsen geklaut wurden!
Mein Paps, der uns total sauer in Domme abholen musste! Kannst du dich auch noch daran erinnern? Er kam mit einem geliehenen Sprinter, bei dem die Tür hinten nicht richtig zu verschließen ging, weil das Schloss kaputt war. Eine von uns musste abwechselnd hinten mitfahren, um zu beobachten, dass die Tür mit dem provisorischen Zugband auch tatsächlich zu blieb.Und auf der Autobahn sind wir zum guten Schluss noch über dieses Schrottteil gefahren, hatten den vorderen Reifen platt und kein Ersatzrad für den Sprinter und das Teil musste vom ADAC abgeschleppt werden! Deine Oma hat uns drei in der Nähe von Frankfurt abgeholt. Das war echt ein Hammerurlaub, stimmt’s?«
Annabelle nickt mit einem Lächeln. Sie hat die Szenen gerade deutlich vor Augen gehabt während Sarahs Aufzählungen dieses misslungenen Urlaubs.
»Heute würde ich einem solchen Urlaub allerdings einem mit dem Auto und nicht mit dem Rad vorziehen. Mit einem gemütlichen Ferienhaus, anstatt einem modrigen und feuchten Zelt.
Ich dachte dabei an eine Reise in die Schweiz. Es ist das einzige Fleckchen in der Umgebung, das wir noch nicht bereist haben, obwohl es ja nicht weit entfernt ist! Ich würde auch alles regeln! Wie sieht es aus? Bevor ich irgendetwas beginne, was ganz schön in die Hose gehen könnte, wäre es ein Wunsch von mir, dort mit dir hinzufahren!«
Aus irgendeinem unerfindlichen Grund will Annabelle Sarah diesen Wunsch verweigern. Es ist etwas so seltsam endgültiges in Sarahs Worten. Annabelle weiß im Moment nicht genau warum, aber irgendetwas sträubt sich mit aller Macht dagegen, dieser Reise zuzustimmen.
Trotz allem nimmt sie Sarah in die Arme und gibt ihr eine Zusage für die von ihr gewünschte Reise.
Um die seltsame Gefühlsaufwallung zu verscheuchen, versucht sie, das Thema zu wechseln.
»Meine liebe Pi, nichtsdestotrotz kümmere ich mich jetzt erst einmal um ein gutes Essen für dich und mich! Und außerdem dürfen Denise und Kobold natürlich auch nicht vernachlässigt werden! Wo stecken die kleinen Racker überhaupt? Ich werde jetzt mal nachschauen, was euer Kühlschrank so alles hergibt. Ich will doch hoffen, dass Charly wie immer für ausreichend Vorrat gesorgt hat!«, erklärt sie dann bestimmt und sucht mit Blicken die nähere Umgebung nach den eben angesprochenen Katzen ab.
Bei der Erwähnung des Namens von Sarahs Ehemann zuckt Sarah leicht zusammen. Annabelle bemerkt dies auch. Sie geht aber nicht näher darauf ein, da ihr selbst bei der Nennung seines Namens ein leicht unangenehmer Schauer über den Rücken läuft.
Wieder schaltet sich das schlechte Gewissen ihrer Freundin gegenüber ein. Es fällt ihr unglaublich schwer, das geheime Wissen über die Aktivitäten von Charly nicht an Sarah weitergeben zu können. Sie möchte Sarah nicht noch mehr psychischem Leid aussetzen. Sie ist sich ganz sicher, dass in der momentanen Verfassung, in der sich Sarah befindet, Stillschweigen angebracht ist. Hier heiligt der Zweck die Mittel.
Sie drückt ihre Freundin nochmals ganz fest und verlässt ihren Platz auf der Sofakante, um sich zur Küche zu begeben.
Mühsam setzt sich nun auch Sarah unter ersichtlichen Schmerzen auf und rückt sich ein flauschiges, mit Blumen verziertes Kissen im Rücken zurecht, um es etwas bequemer zu haben.
»Ich habe eigentlich gar keinen Hunger, aber meine kleinen Schlingel könnten etwas Thunfisch schon gut vertragen. Sie haben sich übrigens beide ins Schlafzimmer verkrochen, nachdem ich sie vorhin etwas lauter zurechtgewiesen habe, als sie es gewohnt sind. Ich musste nämlich feststellen, dass eins der beiden Kerlchen mir einen Blumentopf von der Fensterbank gestoßen hat, während sie alleine zu Hause waren.
Es wäre auch superlieb von dir, wenn du noch die Katzentoilette leeren und frisch auffüllen könntest. Ich habe es heute einfach nicht geschafft.«, sagt Sarah schuldbewusst mit gesenktem Blick, einem flüchtigen Lächeln und einem kaum erkennbaren Schulterzucken.
»Mein liebes Fräulein Pi, du musst schon hin und wieder etwas Essbares in dich hineinstopfen, auch wenn du es als total überbewertet ansiehst! Ich möchte nämlich nicht, dass du mir demnächst durch den Abfluss der Badewanne abtauchst! Außerdem ist es auch von Nöten, dass du wieder genügend Kräfte ansammelst, damit du dich schon bald wieder selbst um die anstehenden Tätigkeiten, wie zum Beispiel das Katzenklo säubern, kümmern kannst. Ich werde es nicht für immer unterstützen, dass du deprimiert auf der Couch hockst und immer weniger wirst. Ich denke, du weißt, wie ich das meine! Ich unterstütze dich jederzeit und gerne, aber du darfst dich trotz deiner Krankheit nicht hängen lassen! Das ist nicht dein Stil und kommt zum Glück selten vor.«, antwortet Annabelle bestimmt, mit einem tadelnden Blick in Sarahs Richtung.
Sie stemmt dabei ihre Arme in die Seiten. Tatsächlich fängt Sarah bei diesem Tadel an zu lachen. Es ist nur der kurze Anflug eines Lachens und geht schnell in ein leichtes und schiefes Lächeln über, aber es gibt für Annabelle in diesem Moment nichts Schöneres, als ihrer Freundin seit langem mal wieder eine solche Emotion zu entlocken.
»Das sagt gerade die Richtige! Bist doch selbst nur noch Haut und Knochen! Es ist wie bei vielen Ärzten, die mit Übergewicht hinter ihrem Schreibtisch hocken und ihrem Patienten raten, weniger zu essen und das Rauchen endlich aufzugeben. Wenn sie dann Arbeitsschluss haben, holen sie sich eine große Portion Pommes mit Currywurst und ziehen sich gierig eine Zigarette rein.
Aber du hast ja recht, wir müssen beide zusehen, dass unser Leben wieder in geordneten Bahnen verläuft!«, antwortet Sarah und mustert Annabelle mit kritischem Blick.
Annabelle verlässt die Küche, um zuerst für das Wohl der Katzen zu sorgen. Sie verkündet nach Beendigung dieser Arbeit, dass sie eine Suppe für sie beide kochen wird, womit sie auch sofort beginnt.
Wie immer bewundert sie auch heute das charakteristisch vollkommene Durcheinander der Küche. Schon immer ist sie das Herzstück des Hauses und strahlt eine urige Gemütlichkeit aus. Unter anderem mitverantwortlich dafür sind die farblich unterschiedlichen, überall abgestellten Blumentöpfe, in verschiedenen Größen und Formen. Sie sind teilweise bepflanzt, leer und ineinander gestapelt und erscheinen dem Betrachter wie ein Stillleben.
Gehäkelte Deckchen aus Großmutters Zeiten dienen als Untersetzer. Efeuranken winden sich aus Hängetöpfen bis auf die Arbeitsfläche.
Sie besteht aus einer alten, abgenutzten Holzplatte. Diese war in früheren Zeiten einmal mit cremeweißer Farbe verziert. An manchen Stellen ist sie auch noch vorhanden, was dem ganzen einen Hauch von Retro verleiht. Selbst die Küchenschränke stammen noch von Sarahs Oma und haben gewiss schon über siebzig Jahre auf dem Buckel. Sie wurden schon oft mit unterschiedlichen Farbnuancen gestrichen. An so manch abgewetzter Stelle kann man die verschiedenen Farben gut erkennen. Es reicht von blau, orange über rot und grün bis zum derzeitigen hellgrauen Farbton.
Diese Farbe mag Annabelle am liebsten, da sie diese gemeinsam mit Sarah vor nicht ganz drei Jahren aufgetragen hat. Sie kann sich noch gut an den letzten Abend ihrer malerischen Meisterarbeit erinnern.
Sie standen beide, nach Vollendung ihrer künstlerischen und mühseligen Pinselarbeit, mit dem zweiten Glas Rotwein in der Hand vor dem vollbrachten Werk und betrachteten es stolz. Ihre T-Shirts und kurzen Hosen waren überall mit Farbspritzern verziert und Sarah sagte:
»Belle, du bist eine Farbkleckskünstlerin und ich bin froh darüber, einen solchen Schatz wie dich zu haben! Darauf möchte ich mit dir anstoßen …!«
Während sie sich dann mit Schwung zu Annabelle umdrehte, vergaß sie vollkommen, dass noch der Eimer mit Farbe neben ihrem Fuß am Boden stand. Es kam, wie es kommen musste. Der Eimer kippte um und die restliche Farbe verteilte sich auf dem hellen, alten und vor allem frisch geschliffenen, noch nicht versiegelten Holzboden.
Beide Frauen schauten ungläubig mit den schon zum Toast erhobenen Gläsern erst auf die Misere, dann blickten sie sich gegenseitig an. Sarah brach in schallendes Gelächter aus. Dann stieß sie mit Annabelle an und auch Annabelle wurde durch Sarahs ungekünsteltes Lachen angesteckt. Es dauerte eine ganze Weile, bis sie sich wieder im Griff hatten und das Gelächter langsam in gut gelauntes Schmunzeln überging.
Sie leerten erst genüsslich ihre Gläser, bevor sie sich daran machten, die Farbe, so gut es eben ging, zu entfernen. Der graue Fleck auf dem hellen Holz, mittlerweile schon stark abgenutzt, aber auch heute noch gut sichtbar, hat die Form eines Elefanten, der einen Stern verdeckt. In diesem Punkt stimmten sie beide damals überein.
Welch wunderbare Zeiten hatten sie beide nun schon in all den Jahren miteinander geteilt.
Es waren auch einige sehr gravierende Schicksalsschläge darunter.
Sie waren immer füreinander da gewesen und gegenseitig war eine für die andere eingestanden.
Ein schlimmes und Narben hinterlassenes Ereignis war ein Sturz von Sarah von einem Baumhaus. Dieses hatte ihr Opa für sie beide gezimmert. Sarah war gerade mal fünfzehn Jahre alt. Sie rutschte am Morgen eines wunderschönen Frühlingstages beim Besteigen der noch klammen Holzleiter auf einer der obersten Stufen ab und schlug nach dem Fall aus gut zwei Metern Höhe so unglücklich auf dem Boden auf, dass mittels einer Notoperation ihre gebrochene rechte Hüfte wieder zusammengeflickt werden musste. Annabelle durfte Sarah damals im Krankenwagen begleiten.
Während des stundenlangen Wartens im Krankenhaus fasste sie dann den festen Entschluss, nicht ihrem Traumberuf als Stewardess nachzugehen, sondern Krankenschwester zu werden.
Dies hat sie auch umgesetzt und bisher nie bereut. Es ist zwar oft schwer für sie mitanzusehen, wenn Kinder mit schwersten Verletzungen auf dem Operationstisch liegen, aber es überwiegt die Freude darüber, ihnen helfen zu können. Und jedes Mal ist es ein Highlight für sie, wenn im Schwesternzimmer neue, selbst gemalte Bilder der kleinen Racker hängen.
Auch Sarah hat Annabelle schon oft die Hand gehalten. Ganz besonders schlimm traf es Annabelle, als sie im zarten Alter von sechzehn Jahren ihre erste große Liebe verlor.
Sie begegnete Matze zum ersten Mal auf einer Party.
Sarah und sie hatten schon einige Biere getrunken und die meiste Zeit des Abends auf der Tanzfläche verbracht, mit den gemeinsamen Bekannten gefeiert und viel Spaß gehabt.
Annabelle hatte zu dieser Zeit bereits einige kurze Beziehungen hinter sich, aber für eine feste Bindung hatte es bisher nie gereicht. Als sie zu einem späteren Zeitpunkt an diesem Abend an der Theke zwei Getränke für sich und Sarah erstanden hatte, stieß sie beim Abwenden von der Theke unsanft mit einem jungen Mann zusammen, der erst kurz zuvor eingetroffen sein musste. Er wäre ihr sonst schon früher aufgefallen.
Sie schauten sich in die Augen und trotz der ruppigen ersten Berührung lächelte der junge Mann sie mit einem umwerfenden Lächeln an. Für beide war es Liebe auf den ersten Blick.
Seine Augen hielten sie so in ihrem Bann gefangen, dass sie ganz vergaß, sich dafür zu entschuldigen, ihm ihren Ellenbogen in die Seite gerammt zu haben. Der Junge sagte bloß zwei Worte:
»Na du …«, und schaute ihr weiter lächelnd in die Augen.
Sie konnte die Farbe seiner Iris in dem flirrenden Licht der Partybeleuchtung nicht genau erkennen, aber irgendwie fand sie, dass sie bunt waren. Nicht im Sinne von bunten Farben, sondern sie machten die Welt für Annabelle in diesem Moment quasi bunter.
Genau so beschrieb sie Sarah später immer wieder ihren ersten Eindruck von Matzes Augen.
Nachdem sie beide einige Zeit darin verharrten, sich in die Augen zu schauen, wobei sie das laute und rege Treiben um sich herum vollkommen ausblendeten, stellte Annabelle die Gläser zurück auf die Theke, wendete sich wieder dem Unbekannten zu, nahm seine Hand in ihre und sagte:
»Hey du, ich bin Belle! Deine Augen sind einfach faszinierend! Es wäre toll, wenn ich sie auch mal bei hellem Tageslicht betrachten könnte!« Schüchtern war sie noch nie gewesen.
»Mein Name ist Matze und ich würde mich außerordentlich freuen, dürfte ich dich zu einem Treffen einladen, bei dem nur du und ich anwesend sind! Dann kannst du dir meine Augen in aller Ruhe anschauen, während ich das Gleiche mit deinen machen werde!«, antwortete er ihr mit einem umwerfenden Lächeln, nahm sie in seine Arme und sie spürte den Hauch eines Kusses auf ihrer Wange.
Sie klebten für den Rest des Abends aneinander und waren ab da für ein knappes Jahr unzertrennlich. Es war für Annabelle undenkbar, sich jemals wieder von Matze zu trennen. Er war genau der Mann, den sie sich für ihr Leben immer erträumt hatte.
Auch Matze liebte Annabelle abgöttisch und malte sich ein gemeinsames Leben mit ihr aus.
Das jähe Ende dieser Beziehung wurde durch einen schrecklichen Unfall herbeigeführt.
Es war an einem kalten Novemberabend. Matze war mit dem Motorrad auf dem Weg zu ihr gewesen. Durch ununterbrochenen Regen und Bodenfrost hatte sich auf den Straßen eine leichte Eisschicht gebildet. Kurz vor seinem Ziel war Matze auf der glatten Fahrbahn ins Rutschen gekommen und verlor die Kontrolle über sein Fahrzeug. Er rutschte seitlich unter einen heranfahrenden LKW und wurde von dessen Rädern überrollt und lebensgefährlich verletzt.
Da sich der Unfall in einer Kurve vor Annabelles Elternhaus ereignete, wurde sie durch die Signalhörner der eintreffenden Rettungswagen alarmiert.
Sie hatte sein Lieblingsgericht gekocht und wartete schon unruhig auf sein Eintreffen. Panisch stürzte sie aus dem Haus zur Unfallstelle und das Bild, das sich ihr bot, grub sich tief in ihr Bewusstsein ein. Sie ging neben Matze in die Hocke und hielt den Kopf des sterbenden, geliebten Mannes gebettet auf ihrem Schoß, während die Sanitäter ihr Möglichstes versuchten, den jungen Mann in einem aussichtslosen Kampf zu retten.
Noch im Schockzustand war sie nachts aus dem Haus ihrer Eltern zu Sarah geflüchtet. Sie hatte an deren Zimmerfenster gehämmert, und nachdem Sarah sie durch ihr Fenster hereingelassen hatte, verbrachte sie weinend die restliche Nacht bei Sarah, die sie einfach in ihren Armen hielt und versuchte, Trost zu spenden.
Es folgten noch unglaublich viele dieser Nächte in den nächsten Jahren, weil Annabelle wiederholt von Albträumen heimgesucht wurde.
Sarah war für sie die Person, von der sie wusste, dass sie verstand, wie sie fühlte.
Bis zum heutigen Tag hat sie das Trauma dieser Szene nie ganz überwunden.
Den ersten neuen Freund fand sie erst wieder in Paul, den sie im Alter von zwanzig Jahren kennen und lieben lernte.
Noch heute wird sie in so manch einer Nacht in ihren Träumen von den Bildern des Unfalls heimgesucht und erlebt immer wieder die Unfallszene. Allerdings muss sie nun nicht mehr zu Sarah flüchten, denn Paul nimmt sie jetzt jedesmal, wenn sie schreiend aufwacht, in seine starken Arme und spendet ihr den Trost, den sie braucht. Und dies ist nur einer der vielen Gründe, warum sie Paul liebt.
Es ist für sie nicht die Liebe, die sie mit Matze verbunden hat.
Mit Paul und ihr verhält es sich anders. Die Liebe zu ihm ist im Laufe der Jahre immer weiter gewachsen. Matze ist weder für sie noch für ihn jemals ein Problem gewesen.
Paul weiß um Matzes Stellenwert in ihrem Herzen, nimmt dies aber anstandslos hin.
Niemals hat sie Eifersucht bei Paul erkennen können, wenn sie um die eine Person trauerte, von der Paul genau weiß, dass sie immer ihre Nummer Eins bleiben würde.
Paul ist eben nicht Matze und kann ihn auch nicht ersetzen, aber sie liebt Paul, nur auf eine andere Weise.
Und nun ist es ihr tatsächlich noch einmal passiert. Sie hat ihn während eines Ausritts kennengelernt.
Ihr Pferd hatte vor einigen frei laufenden Hunden gescheut und er war gerade in der Nähe mit seinem Rad unterwegs und bemerkte, dass Annabelle sich in einer gefährlichen Situation befand. Sofort eilte er ihr zur Hilfe, indem er sich zwischen ihr Pferd und die Hunde stellte und diese vertrieb. Als auch die Besitzer der Tiere am Ort des Geschehens anlangten, stauchte er sie vehement zusammen und forderte sie ungehalten auf, ihre Vierbeiner an die Leine zu nehmen und besser auf sie zu achten.
Nachdem diese sich zerknirscht mitsamt ihren Tieren getrollt hatten, stellte er sein Rad an der Seite des Weges ab und kam auf sie zu.
Annabelle war zwischenzeitlich aus dem Sattel gesprungen und beruhigte ihr Pferd.
Er stellte sich direkt vor sie, schaute ihr für einen langen Moment einfach nur in die Augen und das Erste, was er zu ihr sagte, war: »Na du …!«
Es war für sie, als wäre sie zurückversetzt worden, an einen alten bekannten Ort. Und genau wie damals, nahm sie seine Hand in ihre und erwiderte:
»Hey, ich bin Belle und ich finde, du hast wunderschöne Augen! Außerdem möchte ich mich für die Erste Hilfe bedanken, mein edler Ritter auf dem Eisenross.«
So standen sie sich dann noch eine ganze Weile gegenüber und der Fremde hielt ihre Hand ganz fest in seiner.
Annabelle erkannte beim Blick in seine Augen, dass sie von diesen genauso angezogen wurde wie von Matzes. Sein äußeres Erscheinungsbild dagegen war ein ganz anderes. Er hatte nicht im geringsten Ähnlichkeit mit ihrem verstorbenen Freund. Aber das Gefühl, das sie sofort für ihn empfand, glich dem von damals.
Es war Liebe auf den ersten Blick. Niemals hätte sie gedacht, dass ihr so etwas noch einmal passieren könnte.
Nachdem sich der erste Zauber der gegenseitigen Betrachtung etwas gelegt hatte, unterhielten sie sich noch eine ganze Weile über Belanglosigkeiten. Als Annabelle dann anmerkte, dass sie sich nun langsam auf den Heimweg machen müsse, gab er ihr noch seine Handynummer. Mit einem Augenzwinkern bemerkte er hoffnungsvoll, dass er darauf warten würde, irgendwann einmal etwas von ihr zu lesen.
Sie hatte bemerkt, dass er zwar kurzzeitig auf ihren Ehering geschaut hatte, aber er ließ dieses markante Detail unkommentiert.
Dies alles geht Annabelle durch den Kopf, während sie in geschäftigem Treiben Schubladen und Schränke auf der Suche nach einem geeigneten Topf und Zutaten für eine rasche Gemüsesuppe durchforstet. Das Angebot der verschiedensten Lebensmittel im Kühlschrank und im Abstellkämmerchen ist wie immer außerordentlich reichhaltig. Sarah ist eine großartige Hobbyköchin, genau wie Paul. Mit großer Leidenschaft zaubert sie aus den einfachsten Zutaten zusammen mit den Kräutern, die bei ihr nicht nur im Garten fröhlich vor sich hin sprießen, sondern auch in den Tontöpfen auf der Küchenfensterbank prächtig gedeihen, wahrliche Gaumenfreuden. Charly, ihr Mann, trägt seit Sarahs Krankheit die Verantwortung der Einkäufe für eine ausgewogene und gesunde Ernährung. Er meistert diese Aufgabe in der Tat sehr vorbildlich, bemerkt Annabelle mal wieder, nachdem sie alles, was sie für die Suppe benötigt, vor sich auf der Arbeitsplatte aufgereiht hat.
– Nur in einigen anderen Angelegenheiten benimmst du dich wie ein echter Arsch, mein lieber Charles! – denkt Annabelle und macht sich an die Arbeit.
Nach kurzer Zeit sind die Zutaten für die Zwei-Personen-Suppe fertig geschält, geschnippelt und köcheln binnen kurzer Zeit im Topf vor sich hin. Für ihre Freundin etwas zu kochen, macht Annabelle absolut gerne, obwohl Kochen an sich für sie etwas von Zeitverschwendung hat. Für sie ist es ok, tagelang ohne ein warmes Essen auszukommen, ein belegtes Brot, ein Salat und Obst zwischendurch reichen ihr vollkommen aus. Zurzeit empfindet sie selbst dies als unnötig und da sie bei fast jedem Gericht das Gefühl hat, sie würde auf Pappe herumkauen, ekelt sie sich teilweise sogar richtig beim Essen.
Um eine etwas tröstliche Stimmung aufkommen zu lassen, schaltet sie das uralte Küchenradio ein. Sie geht zurück ins Wohnzimmer, entledigt sich ihrer Sandaletten, nimmt auf einem der behaglichen Sessel Sarah gegenüber Platz und macht es sich mit untergeschlagenen Beinen gemütlich.
»So, meine liebe Pi«, beginnt sie ein Gespräch,
»wie sieht der weitere Verlauf des Tages aus? Sollen wir mal eine kleine Verdauungsrunde nach dem Essen drehen oder ein Brettspiel in Angriff nehmen? Oder hattest du heute mal wieder vor, deine künstlerische Ader auszuleben und etwas zu töpfern? Natürlich leiste ich dir, egal bei was auch immer, gerne Gesellschaft!«
Es dauert lange, bis Sarah ihren Blick vom Fenster abwendet und Annabelle den Ausdruck schrecklicher Angst in ihren azurblauen Augen erkennen kann. Sie wird diesen Blick niemals mehr vergessen, dass spürt sie. In all den Jahren, die sie Sarah nun schon kennt, hat sie ihre Freundin noch nie so ängstlich und verletzlich gesehen.
Angespannt und reglos wartet sie auf das, was jetzt kommt. Sie hat eine vage Ahnung, um was es sich in dieser Angelegenheit handeln könnte. Das hier kann nichts mit Charly zu tun haben, es muss etwas unausgesprochen Schreckliches sein, was Sarah belastet. Eigentlich will sie gar nicht hören, was ihre Freundin ihr jetzt ganz gewiss erzählen will, sie hat ein furchtbares Gefühl in der Magengegend und würde am liebsten davonrennen. Sarah sieht sie lange mit diesem bestimmten Blick an. Annabelle ist kurz davor ihr zu sagen, sie solle ihr nichts von dem erzählen, was sie gerade belastet, da manche Dinge, die man nicht ausspricht, auch niemals wahr werden.
Auch sie wird von einer Angst gepackt, dass Sarahs Enthüllung ihr den Boden unter den Füßen wegzerren könnte. Ihre Kehle ist wie zugeschnürt, ihr Mund ausgetrocknet und die ihrerseits nun angstvoll geweiteten Augen starren Sarah hilflos in den nächsten nicht enden wollenden Sekunden entgegen.
(… Wir haben ein inniges Band geknüpft, das durch nichts und niemand zerstört werden kann … miss you …)
Tränen schiessen in Annabelles Augen. Niemals hätte sie gedacht, dass in einem solchen Moment SEINE Worte auftauchen könnten und auf makabre Weise ein ›Nichts‹ in ein so reelles ›Etwas‹ umgewandelt werden kann.
Sie weiß es in dem Moment, als Sarah sie anschaut, dass das Band, das sie und ihre Freundin schon all die vielen Jahre verbindet, nur ein reißender Seidenfaden ist, der droht, sich zu entzweien. Und dann geschieht das Unvermeidliche. Sarah öffnet ihren Mund und die Worte, die sie mit Bedacht und sehr leise ausspricht, lassen die vagen Vermutungen von Annabelle wahr werden.
»Der Arzt gibt mir noch vier bis acht Monate. Ich könnte noch eine Chemo machen, aber der Krebs hat so stark gestreut, dass die Chancen zehn zu neunzig stehen. Es ist, wie es ist, und ich werde es nicht noch einmal über mich ergehen lassen. Ich schaffe es einfach nicht, diese Tortur auf mich zu nehmen. Die Schmerzen sind mittlerweile manchmal so heftig, dass es mir jetzt schon schwerfällt, sie zu ertragen. Wenn dann noch mal eine solche Behandlung auf mich zukommt, weiß ich nicht mehr, wie ich es aushalten soll. Meine Entscheidung, keine Chemo mehr zu machen, steht also fest. Es ist dann wohl bald soweit.
Auch du wirst mich nicht überreden können, diesen Weg erneut einzuschlagen. Belle, es tut mir von ganzem Herzen leid!«
Stille, nichts als alles beherrschende Stille. Es dringt kein fröhliches Vogelgezwitscher von der geöffneten Terrassentür in den Raum, selbst das Radio nimmt Annabelle nicht mehr wahr. Nur ihr Blut rauscht laut und pulsiert durch ihren Körper. Es kommt Annabelle vor, als würde selbst das Zimmer dunkler werden, obwohl draußen kein Wölkchen am Himmel zu sehen ist. Sie ist von diesen wenigen Worten überwältigt worden. Es scheint, als hätte ihr jemand eine Faust mit voller Wucht in den Magen gerammt. Sie beginnt zu würgen. Das wenige Mittagessen steigt ihr mitsamt Galle in die Speiseröhre. Sie springt auf, läuft ins Bad und erbricht sich. Nachdem sie sich den Mund ausgespült, Gesicht und Hände gewaschen hat, verharrt sie einige Minuten im Bad.
