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Ein Mädchen voller Mut und Hoffnung. Eine Frau, die den Zeiten trotzt.
Sizilien, 1960. Als Mädchen darf Oliva mit ihrer Steinschleuder auf Jungs zielen. Sie darf mit ihrem Bruder Cosimino über die Straße zum Dorf rennen und verschwitzt und mit dreckigen Knien nach Hause kommen. Doch je älter Oliva wird, desto mehr verändert sich ihre Welt. Aus dem Mädchen wird eine junge Frau, und Frauen sind wie eine Vase, behauptet ihre Mutter. Wer sie zerbricht, der nimmt sie. Was das bedeutet, muss Oliva schließlich am eigenen Leib erfahren. Als das stillschweigende System der Frauenunterdrückung, in dem sie lebt, sie dazu zwingt, den Mann zu heiraten, der sie missbraucht hat, muss sie sich entscheiden: Ist Oliva bereit, den Preis für ihre Rebellion zu zahlen?
Viola Ardone beschwört auf wunderbare Weise ein Land und seine Menschen, Bräuche und Leidenschaften herauf und haucht einem unvergesslichen Mädchen in all ihrer Intensität, Verzweiflung und Tapferkeit Leben ein. Ein Roman, der zwischen Unbeschwertheit und Tragik wechselt – kraftvoll, fesselnd und befreiend.
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Seitenzahl: 346
Veröffentlichungsjahr: 2024
Viola Ardone, 1974 in Neapel geboren, ist ausgebildete Bibliothekarin und studierte Italienische Literatur. Sie arbeitet als Journalistin (u. a. für La Repubblica und Corriere della Sera) und ist Lehrerin für Geschichte, Italienisch und Latein. Sie hat bereits mehrere Romane und Kurzgeschichten veröffentlicht. Ihr Roman Ein Zug voller Hoffnung brachte ihr den internationalen Durchbruch: Der Roman war in Italien ein preisgekrönter Bestseller und erscheint in 30 Ländern.
Begeisterte Stimmen über Ein Zug voller Hoffnung:
»Viola Ardone hat eine unvergessliche Figur geschaffen.«
Corriere della Sera
»Die Autorin Viola Ardone erzählt so warmherzig, dass man diesem Buch viele Leser wünscht.«
Magdeburger Volksstimme über Ein Zug voller Hoffnung
»Ein ganz bezaubernder Roman. (…) Viola Ardone erzählt in ihrem Roman viel mehr als nur eine vergessene Geschichte.«
Die Presse am Sonntag über Ein Zug voller Hoffnung
www.cbertelsmann.de
Viola Ardone
Was wissen sie vom Freisein
Roman
Aus dem Italienischen von Esther Hansen
Die Originalausgabe erschien 2021 unter dem Titel Oliva Denaro bei Giulio Einaudi Editore, Turin.
Die Übersetzung dieses Buches wurde durch eine Übersetzungsförderung des italienischen Ministeriums für auswärtige Angelegenheiten und internationale Kooperation unterstützt.
Questo libro è stato tradotto grazie ad un contributo alla traduzione assegnato dal Ministero degli Affari Esteri e della Cooperazione Internazionale italiano.
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Copyright © der Originalausgabe by Viola Ardone 2021
Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe by Penguin Verlag, Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München
Redaktion: Mirjam Bitter
Umschlaggestaltung: FAVORITBUERO, München
Umschlagmotiv: © Vincenzo Balocchi/Bridgeman Images
Satz und E-Book Produktion: Satzwerk Huber, Germering
ISBN 978-3-641-29546-2V001
www.cbertelsmann.de
Die Figuren dieses Romans sind frei erfunden. Alle Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen realen Personen sind rein zufällig und von der Autorin nicht beabsichtigt.
Für meine Eltern Carolina und Enzo
Erster Teil1960
1
Die Frau ist eine Vase: Wer sie bricht, der nimmt sie, sagt meine Mutter immer.
Ich wäre lieber ein Junge geworden wie Cosimino, aber als ich gemacht wurde, hat mich keiner danach gefragt. Zuerst waren wir zusammen im Bauch und genau gleich, aber dann wurden wir doch verschieden: Ich hatte einen rosa Strampelanzug an und er einen blauen, ich hielt eine Stoffpuppe im Arm und er ein Holzschwert, ich trug ein Blümchenkleid und er eine gestreifte Latzhose. Mit neun konnte er pfeifen, auf zwei Fingern und ohne, und ich hatte gelernt, mir Pferdeschwänze zu machen, hohe und tiefe. Jetzt sind wir schon fast fünfzehn, er ist zehn Zentimeter größer als ich und darf viel mehr: im Hellen und Dunkeln durchs Dorf laufen, kurze Hosen anziehen und an Feiertagen auch mal lange, mit Männern und Frauen reden, egal wie alt sie sind, sonntags ein Glas Wein mit Wasser verdünnt trinken, Schimpfwörter benutzen, ausspucken und im Sommer einfach so ans Meer laufen und schwimmen gehen. Schwimmengehen mag ich.
Meine Mutter hat Cosimino lieber als mich, weil er helle Haut hat und helle Haare wie mein Vater, und ich bin schwarz wie ein Rabe. Er ist keine Vase. Er bricht nicht. Und wenn doch, setzt er sich einfach wieder zusammen.
Ich war immer gut in der Schule, aber Cosimino interessierte sich nicht fürs Lernen. Meine Mutter kümmerte das nicht weiter, sie sagte, er solle die Ärmel hochkrempeln und sich eine anständige Arbeit suchen, um nicht wie mein Vater zu enden. Aber wenn ich meinen Vater so sah, wie er sich im Gemüsebeet über die Tomatenpflänzchen beugte, wirkte er gar nicht, als ob er irgendwo geendet wäre, ganz im Gegenteil, er fängt immer gerne etwas Neues an und ganz von vorn. Einmal, als es viel geregnet hatte und wir viele Schnecken auf dem Markt verkaufen konnten, hat er uns von dem Geld Hühner gekauft. Er sagte, ich solle den Tieren Namen geben, und weil ich Farben mag, heißen sie jetzt Rosina, Celestina, Verdina, Violetta und Nerina … Dann hat er ihnen aus alten Brettern einen Stall gezimmert und ich reichte ihm die Nägel an, dann wollte er noch eine Futterkrippe bauen und ich hielt die Säge für ihn. Als alles fertig war, fragte ich: »Pà, können wir ihn gelb anstreichen?«
Da mischte sich meine Mutter ein: »Was schert’s das Federvieh, ob schwarz oder gelb? Verlorene Liebesmüh.«
»Gelb macht aber glücklich«, wandte ich ein, »und wenn sie glücklich sind, legen sie mehr Eier.«
»Ach ja? Das haben sie dir wohl in deinen Träumen erzählt, was?«, fragte meine Mutter. Dann verschwand sie ins Haus und schimpfte wie immer in ihrer Muttersprache leise vor sich hin, Kalabresisch aus Cosenza, das ist anders als Sizilianisch. So redet sie, wenn wir ihr den letzten Nerv rauben und sie nicht verstehen sollen, weil sie dann immer jammert, in den Süden gekommen zu sein.
Mein Vater nahm einen Pinsel, tauchte ihn in den Eimer, und die gelbe Farbe tropfte wie frisch verschlagene Eier in den Farbtopf, so dass ich das Rührei fast schon riechen konnte. Rührei mag ich.
Zusammen malten wir den Stall gelb an und bei jedem Pinselstrich glänzte die Farbe in der Sonne. »Salvo Denaro, du bist ein echter Dickschädel. Und deine Tochter auch«, schimpfte meine Mutter, als sie wieder in den Hof kam. Wenn sie zornig war, sprach sie ihn immer mit vollem Namen an, als wären sie in der Schule und sie die Frau Lehrerin. »Nie willst du auf mich hören. Und was ist mit dir: Musst du ausgerechnet deinen besten Rock anziehen? Nicht dass er dreckig wird, da sei der Herrgott vor! Auf der Stelle gehst du dich umziehen, und pass in Zukunft besser auf«, zeterte sie und nahm mir den Pinsel aus der Hand. »Wofür habe ich dir denn einen Sohn geschenkt?«, fuhr sie wieder meinen Vater an und rief meinen Bruder. Cosimino trat auf den Hof und schwang eine Weile lustlos den Pinsel, bis er plötzlich ein Stechen in der Hand bekam und sich verdrückte. Ich hatte mir inzwischen einen Kittel übergezogen und arbeitete mit meinem Vater weiter, bis es Abend war und die Hühner glücklich in ihr gelbes Häuschen schlafen gingen.
Am Morgen lag eins von ihnen tot auf dem Boden: Celestina. Gestorben am Farbgestank, keifte meine Mutter auf Kalabresisch. Am Hühnerfieber, flüsterte mein Vater mir zu. Ich wusste nicht, wem ich glauben sollte: Sie redet immer wie ein Wasserfall und zählt mir pausenlos Regeln auf, da ist es leicht, nicht auf sie zu hören. Aber mein Vater hüllt sich oft in Schweigen, deshalb weiß ich nie so recht, was ich tun soll, um geliebt zu werden.
Wie auch immer, wir begruben das Huhn hinter dem Gemüsegarten und er zeichnete mit zwei Fingern ein Kreuz in die Luft und sagte: »Ruhe in Frieden.« Dann kehrten wir ins Haus zurück. Auch ein Tierleben ist beschwerlich, dachte ich.
2
Seitdem habe ich mit meinen Vater nichts mehr angestrichen. Meine Mutter sagt, mein Vater sei schuld, dass der rote Baron mich noch nicht besucht hat, weil er mich wie einen Jungen behandelt. Den roten Baron mag ich nicht, ich habe ihn erst einmal gesehen und fand ihn unheimlich. Einmal nach dem Frühstück bin ich ins Bad gegangen und da schwammen in einer Schüssel mit hellbrauner Brühe lauter rotverschmierte Lappen. Als ob ein Tier verendet wäre. Dann kam meine Mutter herein: »Was ist los?« Ohne zu antworten, trat ich einen Schritt zurück. »Das ist der rote Baron«, offenbarte sie mir, dann kippte sie das schmutzige Wasser weg und schrubbte die Tücher mit dem Seifenstück, bis sie wieder weiß waren. »Eines Tages besucht er auch dich«, sagte sie, und ich fing an zu beten, dass dieser Tag nie kommen möge.
Die Regeln des roten Barons gehen so: Schau nach unten, lauf geradewegs nach Hause und bleib dort. Solange er aber noch nicht da war, darf ich im Nutzgarten arbeiten, mit meinem Vater auf dem Markt Kräuter, Frösche und Schnecken verkaufen, mit der Steinschleuder auf Jungs zielen, wenn sie meinen Freund Saro wegen seines Hinkebeins ärgern, mit Cosimino über die Straße ins Dorf rennen und verschwitzt und mit dreckigen Knien nach Hause kommen. Bei meinen Freundinnen war der rote Baron schon. Von dem Moment an wurden ihre Röcke länger, sie haben jetzt Pickel im Gesicht und unter den Blusen ist ihnen ein Busen gewachsen. Crocefissa hat sogar einen kleinen Schnurrbart bekommen und die Jungs hänseln sie deshalb und nennen sie den »bösen Musolino«. Ihr ist das gleich, sie läuft mit Leichenbittermiene herum und presst sich die Hände auf den Leib, als wäre sie in anderen Umständen, und in der Schule sagt sie zu allen Mädchen: »Ich habe meine Blutung bekommen und du?«, als hätte sie das große Los gezogen.
Zu den Jungs kommt der rote Baron gar nicht. Jungs sind anders: Sie werden nach und nach erwachsen und nicht komplett auf einmal.
Meine Schulkameradinnen werden jetzt immer am Schultor von einem Verwandten abgeholt. Vorher durften sie alleine nach Hause gehen. Wenn ihnen unterwegs Männer begegnen, blicken sie zu Boden, obwohl sie wissen, dass die ihnen genau dahin gucken, wo der Stoff über der Brust spannt, deshalb blicken sie zwar zu Boden, drücken aber gleichzeitig schön den Rücken durch, dass vorne fast die Knöpfe abspringen. Sie sehen aus wie die Hühner meines Vaters. Aufgeplusterte Hennen.
Meine große Schwester ist vier Jahre älter als ich und hat sich auch immer so aufgeplustert, bis zur Hochzeit. Sie hat helle Haut und helle Haare wie mein Vater und auf der Straße haben die Männer ihr hinterhergestarrt: Und je mehr sie starrten, desto mehr plusterte sie sich auf, und je mehr sie sich aufplusterte, desto mehr starrten sie. Das weiß ich, weil ich auf sie aufpassen musste, wenn mein Bruder Cosimino sich sonstwo rumtrieb. Sie heißt Fortunata, das heißt »die vom Glück Begünstigte«, aber sie hat schon lange kein Glück mehr. Bei all dem Gestarre hat wohl einer zu doll gestarrt und zack, hatte sie ein Kind im Bauch. Es stellte sich heraus, dass Gerò Musciacco ihr das gemacht hat, der Neffe des Bürgermeisters. Ich weiß das, weil sie nach dem Abendessen in unserer Küche darüber geredet haben, sie, meine Mutter und mein Vater, leise wie die Mäuschen. Aber ein Geheimnis war das nicht, ganz Martorana wusste es.
Gerò Musciaccos Vater wollte nicht, dass die beiden heirateten, weil wir arm sind, meine Schwester Fortunata weinte, meine Mutter schlug mit den Fäusten auf den Tisch und fluchte auf Kalabresisch: »Da sei der Herrgott vor, dass du mir entehrt bleibst!« Mein Vater hüllte sich wie immer in Schweigen. Schweigen mag ich. »Die Lupara, häng dir die Lupara um, geh zu Musciacco und red mit ihm!«, drängte meine Mutter. Er schenkte sich ein Glas Wasser ein, trank es langsam aus, wischte den Mund mit der Serviette ab, stand auf, sagte bloß: »Lieber nicht«, und machte sich wieder im Gemüsegarten zu schaffen. Danach sprach einen Monat lang niemand mehr außer mein Bruder, der noch ein junger Spund war und sich über vieles keine Gedanken machte.
Ich dachte, es sei meine Schuld, weil ich einmal, statt auf Fortunata aufzupassen, mit zu Saro nach Hause gegangen war und dort Pasta mit Anchovis gegessen hatte, ein echter Leckerbissen, den seine Mutter Nardina eigens für mich kocht. Leckerbissen mag ich. Diese Gelegenheit muss der Bursche ergriffen haben, um ihr das Kind zu machen.
Eines Morgens verließ meine Mutter in ihren besten Kleidern das Haus und kam erst zurück, als es schon dunkel war. Am nächsten Tag stand Fortunata früh auf und fing an, zwei weiße Wollschühchen zu häkeln. Als mein Vater sie so sah, fragte er: »Bist du froh, diesen Herrn zu heiraten?« Sie senkte den Kopf und rollte Garn von der Spule. Zwei Monate später wurde die Hochzeit gefeiert und seitdem hatte ich das Zimmer für mich allein.
Die Regeln der Hochzeit gehen so: Zieh ein weißes Kleid an, lauf durch das Kirchenschiff bis vor zum Priester und sag Ja. Zum Bankett kam auch Signora Scibetta, sie wohnt in einem prächtigen Haus, wo meine Mutter und ich einmal im Jahr die Matratzen kämmen gehen und ein paar Sachen flicken. Sie erzählte allen, dass Gerò Musciaccos Vater am Ende hatte einwilligen müssen, weil seine Cousine, die Baronin Careri, ein gutes Wort für Fortunata bei ihm eingelegt hatte, auf Geheiß von Pfarrer Don Ignazio, den wiederum seine Haushälterin Nellina darum gebeten hatte, die ihrerseits Fortunatas Taufpatin war und von meiner Mutter an dem Tag überzeugt worden war, als sie morgens das Haus verlassen hatte.
Fortunata tat so, als höre sie das Gerede nicht, aber sie war verändert: Sie plusterte sich nicht mehr auf, und ihr Brautkleid schien nicht wegen des Busens jeden Moment zu platzen, sondern wegen der hübschen, reifen Melone unter dem weißen Kleid. Nach der Hochzeit zog sie zu Musciacco. Drei Monate lang sahen wir sie nicht, dann traf Nellina sie in der Sakristei, ohne Bauch und völlig aufgelöst. Das Kind war weg und sie hatte dunkle Flecken an den Armen und im Gesicht, sie sagte, sie sei die Treppe hinuntergefallen. Die Haushälterin informierte die Baronin, die sich bei ihrem Vetter beschwerte, der seinem Sohn auftrug, sich besser um seine Frau zu kümmern. Fortunata kehrte zu ihm zurück, zog das schwarze Kleid an und hat es seitdem nicht mehr abgelegt. Sie empfängt keine Besuche und geht auch nicht vor die Tür, wenigstens kann sie dann nicht mehr stürzen. Aber Gerò läuft den ganzen Tag draußen herum, mal allein, mal in Begleitung, als wäre er noch Junggeselle. Auf der Straße schaut er den jungen Frauen nach, als wollte er ihnen allen ein Kind machen.
3
Auf mich wartet vor der Schule niemand. Außer mir geht nur noch eine Schulkameradin allein nach Hause, aber Liliana ist anders, denn ihr Vater, Signor Calò, ist der Dorfkommunist. Seine Frau, Signora Fina, geht zur Arbeit wie ein Mann, und es kümmert ihn nicht, dass die Leute hinter seinem Rücken munkeln, er könne seine Familie nicht ernähren.
Calò hat einen Bart und eine Nickelbrille und tut immer ganz gelehrt, aber im Grunde ist er eine taube Nuss, sagt meine Mutter, am Ende hat er wahrscheinlich nur mit Müh und Not die Mittelschule geschafft. Er hat so einen Tick, dass er immer mit allen reden will, und jeden zweiten Donnerstag im Monat veranstaltet er in einem alten Netzschuppen am Meer im unteren Teil von Martorana eine Versammlung, um über die Probleme des Dorfes zu reden, als ob das was bringen würde. Die Welt ist, wie sie ist, sagt meine Mutter immer. Und von schönen Worten ist noch niemand satt geworden.
Liliana bringt ihr Kommunisten-Vater nur Vorteile: Sie darf ohne Aufpasser draußen herumlaufen, sie darf Hosen anziehen wie ein Junge, sie darf Fotoromane und Illustrierte mit Herzschmerzpost und Fotos der Filmgötter lesen. Ich durfte noch nie einen Film anschauen, weil meine Mutter sagt, davon bekomme man Flausen im Kopf, deshalb sehe ich mir einfach die Filmplakate in den Gassen an und male die Gesichter in mein Heft ab, aber nur heimlich. Liliana spricht auch einfach so mit Männern, und eigentlich darf ich nichts mit ihr zu tun haben, weil sie kein Umgang für mich ist, aber sie und ich haben als Einzige keine Aufpasser und außerdem ein Stück Schulweg gemeinsam. Zuerst habe ich kein Wort mit ihr geredet, aber dann hat sie mir einmal eine Illustrierte gezeigt mit dem Bild vom schönen Antonio, dem aus dem Film. Ich habe sie gefragt, ob ich es mal anschauen darf, denn immer, wenn ich den schönen Antonio sehe, kriege ich so ein Ziehen im Bauch, und das hat sie sich nicht zweimal sagen lassen und mir das Heft sogar geschenkt und gesagt: Schönes soll man teilen, sagt der Kommunismus. Seitdem mag ich den Kommunismus.
Ich habe mir die Illustrierte unter das T-Shirt geschoben und sie zu Hause hinter dem losen Brett von meinem Bett versteckt, wo ich eine kleine Kiste habe mit einem Lippenstiftstummel, den ich auf der Schultoilette gefunden habe, und dem Heft mit meinen Porträts der Filmgötter.
Früher in der Grundschule waren Liliana und ich die Lieblinge unserer Lehrerin Rosaria: Sie schlug mich im kleinen Einmaleins und ich sie in italienischer Grammatik. Unsere Lehrerin klebte den besten Schülerinnen kleine Sternchen auf die weißen Kittel. Die Sternchenregeln gingen so: Lies flüssig, schreib ohne Tintenkleckse und gebrauche beim Kopfrechnen nicht deine Finger. Liliana und ich waren gleich gut, nur dass sie immer mit so Wörtern aus der Politik großtat, die sie bei den Versammlungen ihres Vaters Calò gehört hatte. Also beschloss auch ich mich zu spezialisieren: Die Lehrerin hatte von zu Hause Bücher mitgebracht und sie auf ein Regalbrett hinten im Klassenraum gestellt, darin durften wir so viel lesen, wie wir wollten. Die Seiten waren strahlend weiß und glatt unter den Fingern, es gab bunte Bilder und Tiere, die sprechen konnten wie Menschen. Sprechende Tiere mag ich nicht, denn das Schöne an Tieren ist doch gerade, dass sie schweigen, wie mein Vater.
Am liebsten mochte ich das Wörterbuch: Da standen ganz viele unbekannte Ausdrücke drin, die dabei helfen, das zu sagen, was man im Kopf hat, aber schwer zu erklären ist. Eines Morgens hatte ich mein Rechenheft zu Hause vergessen und stand deshalb auf und sagte: »Frau Lehrerin, ich bitte um Entschuldigung ob meiner Vergesslichkeit«, um eine neue Wendung auszuprobieren. Und anstatt mich zu bestrafen, gab sie mir ein Extrasternchen. Sie sagte, nur die Kultur könne uns retten und voranbringen. Ich wollte gar nicht vorankommen, mir gefiel nur die Formulierung so gut.
Als unsere Lehrerin Rosaria uns nach der vierten Klasse verließ, wurden die Bücher mit den Bildern in Kisten gepackt und weggebracht, auch das Wörterbuch verschwand mit all seinen Wendungen. Zum Glück hatte ich schon viele in mein Heft geschrieben und konnte sie hervorholen, wann ich wollte. Die Leute sahen mich dann ehrfürchtig an, als wäre ich etwas Besseres. Bis auf mein Mutter: Als sie fragte, wie ich den neuen Lehrer fände, der für Rosaria gekommen war, erwiderte ich: »Ich finde ihn recht verdrießlich«, und fing mir sofort eine Backpfeife und die kalabresische Rüge: »Und das aus dem Munde eines jungen Mädchens, da sei der Herrgott vor!«
4
Der neue Lehrer war schon alt, als er bei uns anfing, er hieß Scialò und kam jeden Morgen mit dem Bus aus der Stadt. Ihm fehlte nicht viel bis zur Rente, deshalb war er nach Sizilien zurückgekehrt, nachdem er viele Jahre auf dem Festland in Rom unterrichtet hatte. Er erzählte, er habe mit niemand Geringerem als dem Bildungsminister diniert, und weil er das mindestens einmal am Tag wiederholte, hieß er bei uns irgendwann nur noch der »Herr Dinister«.
Der Herr Dinister hatte andere Lehrmethoden als unsere Lehrerin Rosaria. Am ersten Tag zog er ein kleines graues Büchlein aus seiner abgewetzten Ledertasche.
»Schreibt, Mädchen«, sagte er und diktierte uns ein Gedicht mit dem Titel »Abschiedslied des weißen Schulkittelchens«. Ein Freund hatte es verfasst, und es gefiel ihm so gut, dass wir es für die Abschlussprüfung auswendig lernen sollten.
Gar traurig ist der Tag, du Kleine,
da du mich nun verlässt!
Du magst nicht spüren, wie ich weine,
doch mein Herz
vergeht vor Schmerz.
Wir beugten uns über die Hefte und schrieben eifrig mit. Es sprach das weiße Schulkittelchen: Es bedauerte den Abschied von dem Mädchen, das auf die Mittelschule wechselte und von nun an einen schwarzen Kittel trug. Und gab ihm Ratschläge mit auf den Weg:
Mir graut, mein Kind, vor dem was kommt,
Gefahr dräut deinesgleichen!
Ratschläge mag ich nicht. Ich muss dann immer an die Fabeln mit den sprechenden Tieren denken. Nach einem Räuspern setzte der Herr Dinister das Diktat fort und sah dabei jede einzeln an, als müsse er uns ernstlich warnen:
Sei immer folgsam, tu was frommt,
dass sie nicht übel reden.
Bei deinem Umgang schaue hin
wer dir nur schaden will.
Vermeide üblen Einfluss, Kind,
und Groschenhefte bunt und schrill.
Denn, sag, was hilft dir alles Wissen,
lässt du die Unschuld doch vermissen?
»Herr Lehrer, Wissen mit zwei s?«, fragte Rosalina aus der hintersten Reihe. Liliana und ich sahen uns über den Klassenraum entsetzt an. »Und Unschuld mit t am Ende?«, setzte Rosalina nach der Erklärung des Lehrers hinzu.
»Keine Sorge, Rosalina, wegen zu viel Wisens wirst du deine Unschult ganz bestimmt nicht verlieren«, platzte ich heraus. Die Mitschülerinnen lachten, doch der Herr Dinister ließ sein Büchlein sinken und trat zu mir. Noch bevor er etwas sagen konnte, versuchte ich ihn mit meinem Trick zu besänftigen. »Herr Lehrer, verzeiht meine Stichelei.«
»Der Anstand eines Mädchen«, sagte er, »liegt nicht in ein paar klugen Wörtern. Die kann selbst mein Papagei nachplappern, wenn ich sie ihm beibringe. Das hat man nun von gewissen Lehrmethoden«, schloss er mit Blick auf das leere Bücherbord der Lehrerin Rosaria. Dann diktierte er weiter:
Lerne stets mit Maß und Ziel
Krimis und Comics bringen nicht viel.
Vergiss den eitlen Firlefanz
und halt dich fern vom Tanz …
Mein weißes Schulkittelchen wurde nach der Grundschule in Stücke gerissen, um mit den Lappen das wenige Silberbesteck zu polieren, das meine Mutter aus Kalabrien mitgebracht hatte. Und immer, wenn ich es beim Wochenputz in der Hand hielt, glaubte ich die Stimme des alten Lehrers zu hören: »Bleib immer brav, tu das was frommt, dass sie nicht übel reden …«
Im Sommer nahm meine Mutter Maß bei mir an Schulter, Taille und Hüfte und schnitt schwarzen Stoff für den neuen Schulkittel zu. Als er fertig war, drehte ich mich zur Anprobe um mich selbst, und sie kniete auf dem Boden und prüfte, ob er überall gleich lang war. Dann stand sie auf, fasste mich am Kinn und sagte: »Der Kittel ist tadellos. Nun sieh zu, dass du sauber bleibst.«
Den schwarzen Schulkittel trug ich die gesamten drei Jahre, weil ich gut auf ihn aufpasste und sie ihn mir von Anfang an ein wenig größer genäht hatte.
Nach der Achten bat ich darum, weiter zur Schule gehen zu dürfen, doch sie schüttelte den Kopf.
»Was will sie denn mit dem ganzen Wissen?«, fragte sie meinen Vater. Er antwortete nicht und ging hinaus aufs Feld. Eine Woche später hielt er ihr ein Papier mit seiner Unterschrift aus großen, krakeligen Buchstaben hin: meine Anmeldung an der Lehrerbildungsanstalt.
»Allein mir hast du es zu verdanken, dass deine älteste Tochter nicht ehrlos geblieben ist«, zeterte sie.
»In vier Jahren«, erwiderte mein Vater, »hat sie die Ausbildung beendet und kann unterrichten, dann ist sie unabhängig.«
»Unabhängig von wem?«, rief sie empört.
»Von ihrer Familie, von einem Ehemann …«, erklärte er.
»Wie soll sie denn einen Mann finden, wenn sie den ganzen Tag ihre Nase in die Bücher steckt?«, versetzte sie.
Mein Vater hüllte sich in Schweigen und ging die Hühner füttern. Sie folgte ihm hinaus und zeterte auf Kalabresisch weiter: »Was bist du nur für ein Mann, der nicht auf seine Frauen aufpassen kann? Vergiss die Lupara, ein Schaf bist du! Ein dummes Schaf!«
Später hörten wir, dass auch Signora Scibetta ihre jüngste Tochter Mena für die Lehrerausbildung dort angemeldet hatte, also trennte meine Mutter den Saum des Kittels auf, nahm den eingeklappten Stoff heraus und versäumte ihn wieder. Ich sah, wie sie die Stoffreserve hervorholte, und dachte, vielleicht hatte sie sich insgeheim gewünscht, dass ich weiter zur Schule ging. Oder sie war einfach sehr vorausschauend.
5
Als ich klein war, ging mein Vater alleine Schnecken sammeln, und wenn er zurückkam und ich seine blonden Haare in der Sonne glänzen sah, kam er mir groß und stark vor wie ein Riese. Eines Morgens wachte ich früh auf, als alle noch schliefen, und fragte ihn, ob er mich mitnehme. Von dem Tag an wurde ich seine Gehilfin. Wir gingen nebeneinanderher und suchten die Pflanzen nach den Babbaluci ab, und wenn er eine sah, drückte er zweimal meine Hand, ganz leicht. Mitunter blieb ich stehen und pflückte ein paar Margeriten. Ich schloss die Augen und bewegte lautlos die Lippen: Er liebt mich, er liebt mich nicht, er liebt mich, er liebt mich nicht, er liebt mich – er liebt mich.
Vor einem Monat dann, als wir schon in Gummistiefeln mit unseren Eimern im Flur standen, blickte meine Mutter mich an, als sähe sie mich zum ersten Mal. »Der Rock schickt sich nicht, er spannt am Gesäß«, sagte sie. »Gib ihn mir, ich richte ihn dir schnell, so kannst du unmöglich herumlaufen.«
Aber das stimmte nicht: Der Rock hing glatt an meinem Körper herab, der so dünn war wie der eines Jungen, doch sie wollte einfach nicht wahrhaben, dass die Zeit verging und ich gleich blieb.
»Wir gehen doch nur Babbaluci sammeln und nicht zum Patronatsfest«, wandte ich ein und strich mit den Händen über den groben Stoff, um ihr zu zeigen, dass alles seine Ordnung hatte, ging dann aber ins Badezimmer und zog ihn aus. Ich schlüpfte in einen alten, ausgeleierten Rock, der meine spitzen Knie bedeckte. Mein Vater wartete auf mich mit dem Eimer und einem Messerchen in der Hand. Manchmal suchten wir statt Schnecken auch Frösche, das ist schwieriger: Denn die Babbaluci bleiben still und brav in ihren Häusern und die Frösche springen wie wild herum und haben wirklich nichts als Flausen im Kopf.
»In deinem Alter habe ich schon Büstenhalter und lange Strümpfe getragen«, redete meine Mutter weiter, als ich wieder neben meinem Vater in der Tür stand. »Aber zu meiner Zeit herrschte auch noch Anstand. Unsere Eltern haben uns nicht alles durchgehen lassen wie heutzutage. Dabei gab es so einige Burschen, die mir hinterherschauten …«
Vor Überraschung fiel mir der Eimer aus der Hand: Ich hatte mir meine Mutter als junges Mädchen immer als Babbaluci-Schnecke vorgestellt, dabei war sie ein Frosch gewesen.
»Ich bin aber immer sauber geblieben«, fuhr sie fort, »auf mich musste niemand aufpassen. Und wer bei uns den Mund zu voll nahm, hatte irgendwann gar nichts mehr zu sagen. Heutzutage ist das anders, ihr habt viel zu viele Freiheiten: Radio, Kino, Tanzfeste. Das war bei uns alles unvorstellbar. Mehr brauchen die Leute nicht zum Tratschen, da werden Dinge weitererzählt, die noch gar nicht passiert sind. Also behält man seine Töchter ab einem gewissen Alter lieber zu Hause. Es ist doch so hierzulande: Männer sind Räuber und die Frau ist eine Vase: Wer sie bricht, der nimmt sie.«
Ich trat ungeduldig von einem Bein aufs andere, je später wir loskamen, desto weniger Schnecken würden wir finden: Babbaluci kommen nur in der Frühe heraus.
»Cosimino, würdest du eine zerbrochene Vase nehmen?«, fragte sie meinen Zwillingsbruder, der noch im Schlafanzug war mit verstrubbelten Haaren. Er grinste, denn er kannte bereits die Regeln für Brüder: Pass auf deine Schwester auf, damit jeder ihr Respekt zollt, und bedrohe den, der es nicht tut. Vielleicht schämte er sich auch für seine Schwester, die noch mit kurzen Röcken und in Holzschuhen herumlief und an der ein Junge verloren gegangen war. Amalia und Salvo Denaros hässliches Entlein, sagten die Leute, kein Fleisch auf den Rippen, zwei Augen wie Oliven, kleiner Mund im breiten, dunklen Gesicht und rabenschwarze Haare – ich fress einen Besen, wenn die kein Unglück bringt, diese agghiutticàsi, Unglücksräbin! Läuft immer alleine herum, ist nur mit Saro gut, dem hüftlahmen Sohn von Don Vito Musumeci, die Mutter fertigt für andere die Aussteuer an und die Tochter findet keinen Mann.
Wenn sie mit mir die Auftragsarbeiten bei den feinen Damen ablieferte, zeigte sie immer meine Stickkünste, und die Damen schenkten mir einen Keks oder eine Scheibe Brot mit etwas Marmelade darauf und strichen mir mitleidig über den Kopf, weil sie glaubten, dass ich mein Leben lang die Aussteuer für andere besorgen würde.
»Lass sie doch, Mà«, erwiderte Cosimino und rieb sich die müden Augen, »lass sie doch, diese Vase will eh keiner.«
»Irgendeiner wird sie schon nehmen«, sagte meine Mutter. »Hauptsache, sie ist noch heil. Dann kann er nach der Hochzeit selber weitersehen.«
Ich weiß nicht, ob ich Hochzeiten mag, ich will nicht wie Fortunata enden, die sich von Musciacco hat schwängern lassen, während ich in Nardinas Küche Anchovis-Pasta aß. Deshalb renne ich immer so schnell ich kann durchs Dorf. Ich fühle den Atem der Männer im Nacken, stark wie aus einem Blasebalg, der mit unsichtbaren Händen nach mir greift. Also renne ich, um mich unsichtbar zu machen, renne mit meinem Jungenkörper und meinem Mädchenherz, renne für die Zeiten mit, wenn ich nicht mehr rennen darf, für meine Schulkameradinnen in ihren geschlossenen Schuhen und langen Röcken, die nur noch kleine Schrittchen machen können, und auch für meine Schwester, die lebendig in ihrem Haus begraben ist.
»Beruhige dich, Oliva«, sagte meine Mutter schließlich. »Ab heute geht dein Bruder Frösche und Schnecken sammeln. Das ist nichts für Mädchen.«
Sie nahm meinen Arm und zog mich auf einen Stuhl.
»Cosimino weiß doch gar nicht, wie das geht«, wandte mein Vater ein und sah auf seine Schuhspitzen.
»Ja und? Wenn du sonst schon zu nichts zu gebrauchen bist, wirst du ihm doch wenigstens beibringen können, wie man Schnecken sammelt, oder etwa nicht?«
Widerwillig zog Cosimino sich an, packte meinen Eimer und folgte meinem Vater hinaus. Durch das Fenster sah ich, wie sie über die Felder verschwanden, in der aufgehenden Sonne und ohne zu reden.
6
»Oliva! Träumst du?«, hörte ich Mama aus der Küche rufen. Ich stand am Fenster und wartete auf meinen Vater, um mit fliegendem Atem zu ihm zu rennen und in den Eimer zu schauen. Ich fürchtete, dass Cosimino womöglich mehr Babbaluci gesammelt hatte als ich.
»Hast du frisches Wasser geholt?«, fragte sie und schrubbte den Boden. »Ja«, erwiderte ich, schleppte den vollen Eimer ins Schlafzimmer und beugte mich über ihn, um mein Spiegelbild zu sehen.
»Eitelkeit des Teufels Kleid«, urteilte sie. Beschämt wandte ich den Blick ab. Sie kniete mit dem Rücken zu mir und bearbeitete die Fliesen. »In deinem Alter war ich genauso eitel, was glaubst du denn, den lieben langen Tag vor dem Spiegel. Das geht vorbei.« Sie stieß ihr heiseres Lachen aus, das wie Husten klingt. »Du wirst schön, die Männer schauen dir draußen hinterher, du heiratest, bekommst Kinder, und das war’s.«
Ich wrang den Lappen aus und kniete mich neben sie auf die Fliesen. In meinen Augen sah sie immer noch schön aus, während mein Gesicht im runden Eimer grau und trüb war wie das Wasser.
Sie ging hinters Haus, kippte das Wischwasser in den Nutzgarten und wischte sich dann mit dem Unterarm den Schweiß von der Stirn. »Meine Mutter hatte fünf Kinder, mich mitgerechnet, alles Mädchen«, erzählte sie weiter. »Zwei älter und zwei jünger als ich. Kein einziger Junge. Mein Vater hätte es gern weiterversucht, aber sie wollte nicht. ›Fünf Stück müssen wir verheiraten, Mimmo, ganze fünf!‹, sagte sie und hielt ihm die gespreizten Finger vor die Nase. Mich selbst fand ich am schönsten: Die Eitelkeit war mein Verderben.«
Ich schrubbte mit aller Kraft den Boden, ihre Vertraulichkeiten waren mir unangenehm. Sie fuhr fort: »Dann schickten sie mich als Putzfrau zu einem Notar, weil sie hofften, dass mich dort vielleicht einer nehmen würde, wenn nicht der Notar selbst, dann vielleicht einer, der dort ein und aus ging, ein Praktikant, ein Anwalt, jemand mit einer hübschen Erbschaft … Stattdessen verguckte ich mich in einen jungen Sizilianer, der wegen einer Erbverzichtserklärung in der Kanzlei war. Ein Onkel aus Kalabrien hatte ihm einen Berg Schulden hinterlassen. Er hatte blonde Haare, grüne Augen, redete wenig und besaß gute Manieren. Meine Mutter sagte: ›Was soll das, du willst dir doch nicht für ein schönes Gesicht das Leben ruinieren?‹«
Wieder stieß sie ihr heiseres Lachen aus.
»Ich hörte nicht auf sie und wir brannten zusammen durch. Es war eine Liebesflucht: In der Nacht überquerten wir die Meerenge, bei stürmischer See. Schöne Flitterwochen: Die Orangenblüten sah ich in der Toilettenschüssel auf der Fähre, so schlecht war mir!«
Sie fuhr sich mit der Hand über den Bauch, als ob ihr immer noch übel wäre.
»Meine Mutter hatte recht, die gute Seele. Sie ist bei der Niederkunft mit dem letzten Kind von uns gegangen, dem von meinem Vater lang ersehnten Jungen. Alle beide sind von uns gegangen, Friede ihren Seelen. Deshalb musst du immer auf deine Mutter hören. Meine Augen finden dich überall, ich bin stets bei dir, auch wenn du mich nicht siehst. Eitelkeit des Teufels Kleid.«
Den Teufel mag ich nicht. Also ging ich hinaus, das Wasser ausschütten, und als später mein Vater mit Cosimino und dem Schneckeneimer zurückkam, traute ich mich nicht, die Babbaluci zu zählen und herauszufinden, ob ich ihm gefehlt hatte.
7
Liliana ist nicht wie ich: Sie ist schön, denkt aber trotzdem keine Sekunde ans Heiraten. Sie sagt, eine Frau braucht den Mann wie ein Schaf das Messgewand.
»Aber wie willst du denn leben?«, fragte ich sie eines Tages auf dem Nachhauseweg. »Als Landstreicherin? Und überhaupt, wenn Frauen nicht gebären, kriegen sie’s an den Nerven, sagt meine Mutter.«
Grinsend reichte Liliana mir eine neue Illustrierte, die ich schnell zwischen meinen Schulheften verschwinden ließ. »Ich such mir eine Arbeit, auf dem Festland.«
»Willst du dein ganzes Leben Dienstmädchen sein?«
»Das ist ja beileibe nicht der einzige Beruf, den Frauen haben können! Ich will Abgeordnete im Parlament werden, so wie Nilde Iotti.«
»Wer ist das denn? Etwa eine Freundin deines Vaters?« Liliana verzog hochmütig die Brauen wie früher in der Grundschule, wenn sie ein Sternchen bekam und ich nicht. Mir versetzte es einen Stich vor Neid: Ich kannte diese Nilde nicht und wusste nicht einmal, dass es das Wort »Abgeordnete« gab. Im Wörterbuch der Lehrerin Rosaria stand bei manchen Einträgen überhaupt kein Femininum dabei, zum Beispiel beim Minister, beim Bürgermeister, beim Richter, beim Notar oder beim Arzt.
»Mein Vater sagt, die Veränderung muss von uns ausgehen, von den Frauen des Südens, weil sie uns jahrhundertelang beigebracht haben, den Mund zu halten, und wir jetzt lernen müssen, laut zu sein«, erklärte sie mir, als spräche sie mit einem Kind.
»Lärmend Weib ist liederlich«, gab ich zurück, denn das sagte meine Mutter immer. Liliana lief schweigend weiter, schließlich blieb sie stehen und nahm lächelnd meine Hand. »Warum kommst du nicht auch mal zu den Versammlungen im Netzschuppen?«
»Das schickt sich nicht, das sind alles Kommunisten!«, erwiderte ich automatisch und schämte mich sofort dafür.
»Es kommen ganz viele, auch solche, von denen du es gar nicht erwarten würdest«, sagte sie geheimnisvoll.
»Auch die Scibetta?«, fragte ich mit großen Augen.
»Dein Vater war da, sogar mehr als einmal.«
Ich spürte, wie mir das Blut heiß durch die Adern schoss, und wechselte das Thema. Ich wollte gar nicht wissen, ob das stimmte.
»Wenn du es dir anders überlegst, schenke ich dir alle meine Zeitschriften.«
Ich versteckte die Hefte hinter dem losen Brett vom Bett, zusammen mit den abgemalten Schauspielern. Je nach Handlung und Geschlecht hatte ich sie in verschiedene Kategorien geordnet, die Frauen in »unglückselige Brünette«, »frivole Blondine«, »skandalöser Rotschopf« (darunter fiel nur die Zeichnung von Rita Hayworth) und »Teufelstöchter«. Bei den Männern gab es »gut und tapfer«, »hässlich und gemein«, »unglücklich verliebt« und »schön und gefährlich«. Der schöne Antonio wiederum hatte eine Abteilung ganz für sich allein.
Wenn Liliana mir alle Illustrierten schenken würde, die sie zu Hause hatte, könnte ich noch zwei ganze Hefte füllen, dachte ich, während die Stimme meiner Mutter in meinem Kopf immer leiser wurde.
»Auch die Sonderhefte?«, fragte ich sicherheitshalber.
Liliana nickte stumm.
Als wir auf der Straße aus dem Dorf die Kreuzung erreichten, bog ich in den unbefestigten Weg nach Hause ein. Kurz drehte ich mich noch einmal um und rief ihr zu: »Wenn das so ist, komme ich«, und trottete davon.
8
Ich kam nicht. Stattdessen lud mich Liliana eines Tages nach dem Unterricht zu sich nach Hause ein, um ihr bei ihren Porträts zu helfen, und ich sagte zu, weil ich ein bisschen mit meinen Zeichenkünsten angeben wollte. Ich hatte mit Leinwand und Farbe gerechnet, aber sie führte mich in einen dunklen Raum, unter dessen Decke von links nach rechts Wäscheleinen gespannt waren.
»Draußen strahlt die Sonne und du hängst hier im Dunkeln die Wäsche auf?«, sagte ich. Beim Näherkommen sah ich, dass an den Klammern keine Kleider, sondern Fotografien hingen. »Komm«, sagte sie und führte mich zu einem Bild. »Was siehst du?«
Ich starrte auf das rechteckige Fotopapier und sah nichts. »Keine Ahnung, es ist so dunkel hier«, sagte ich verlegen.
»Nur keine Eile. Schauen ist das eine, sehen das andere. Das muss man erst lernen.«
Ich fühlte mich wie damals in der Grundschule, als sie immer die Klassenbeste sein wollte, während jetzt auf der höheren Schule bei Professoressa Terlizzi ich die Deklinationen flüssiger hersagen konnte. Ich kniff die Augen zusammen, wie wenn ich beim Einfädeln die Öse suchte. Und tatsächlich, allmählich tauchten auf dem weißen Papier Umrisse auf.
Liliana lächelte, sie kannte das Spiel schon. Vor Anstrengung füllten sich meine Augen mit Tränen, und durch die feuchten Wimpern konnte ich die Formen auf dem Papier nicht deuten. Also rieb ich mir die Augen, und als ich wieder hinsah, erkannte ich eine Gestalt, ein junges, dunkles Mädchen mit wirren Haaren und spitzen Knochen. Ich spürte ein Ziehen im Bauch und eine Wärme, die durch meinen Körper strömte.
»Du hast mich heimlich fotografiert!«
Ich sah zu Boden. Ich mochte mein Gesicht nicht anschauen, das nichts davon wusste. Außerdem war es ja nicht meine Schuld, wenn der Herrgott mich hässlich erschaffen hatte. Liliana hing ein paar braune Filmstreifen auf, deren Ränder sich wie Schlangenhäute einrollten.
»Magst du das Foto nicht?«
»Weiß nicht.«
»Findest du es schlecht?«
»Nein, es ist gut, deshalb mag ich es nicht.«
Dieses Mädchen auf dem Bild, das gerade einem Jungen den Ball abgeluchst hatte, weil er Saro immer mit seinem Hinkebein aufzog, und dann mit fliegendem Atem und ohne sich umzuschauen weggerannt war und gleich einen Stein aufheben und ihn mit der Steinschleuder abfeuern würde – dieses schwarze Äffchen mit den offenen Haaren war niemand anderes als ich.
Liliana lächelte, aber ich war sauer. »Ich habe noch nie ein Foto von mir gesehen, und überhaupt, sich selbst anzuschauen, schickt sich nicht: Die Schöne sich vorm Spiegel dreht, die Hässliche vorm Traualtar steht, sagt meine Mutter immer.«
Ich drehte mich wieder um und betrachtete mein Gesicht von Nahem.
Liliana durchsuchte eine Schublade und zog einen Handspiegel mit Holzgriff hervor, auf dessen Rücken eine Stoffpuppe mit braunen Wollzöpfen gemalt war. »Hier«, sagte sie. Ich hob abwehrend die Hand, doch als sie nicht abließ, sah ich hinein.
Die vollen Lippen, nicht so voll wie Lilianas, aber auch nicht mehr die eines Kindes, die Augen zwei langgezogene Blätter mit schwarzen Oliven in der Mitte, eine kleine, gerade Nase, dichte Augenbrauen. Meine Mutter hatte gelogen: Ich war gar nicht hässlich.
»Ich muss jetzt gehen«, sagte ich.
»Den schenke ich dir«, meinte Liliana, während sie weiter den Film entrollte. Verstohlen schob ich mir den Spiegel unter den Rockbund, als könnte meine Mutter mich sehen. Ich ging zur Tür, zögerte und trat noch einmal vor das Foto, aus dem mich zwischen zwei Wäscheklammern mein Gesicht anblickte. Jetzt war es mir schon weniger fremd.
»Warum hast du ausgerechnet mich fotografiert?«
Liliana nahm meine Hand, und mir fielen ihre schmalen Finger auf, ganz anders als meine, die dunkel und knotig sind wie Magnolienwurzeln.
»Ich zeig dir mal was«, sagte sie und zog mich in eine fensterlose Kammer. An den Wänden, in Kisten und über den Boden verstreut waren noch mehr Fotos: Liliana, die mit einer blonden Puppe spielt, Geppino der Schlachter, der in seinem Laden die Messer wetzt, drei schmutzige Kinder, die mit dem Blasrohr auf eine Frau auf einem Balkon zielen, der Pfarrer, der sein Messgewand ablegt, zwei Mädchen, die mit gesenkten Köpfen an einem jungen Mann vorbeilaufen, während er ihnen mit gespitzten Lippen nachpfeift. Sie und ich auf dem Nachhauseweg von der Schule. Ein Bild zeigte meinen Vater, vielleicht nur irgendeinen Bauern, der in der Ferne in die aufgehende Sonne lief. »Die hat mein Vater gemacht«, sagte sie. »Hin und wieder schickt er eins an eine Zeitung und bekommt Geld dafür.«
»Solche Gesichter gibt es wie Sand am Meer«, erwiderte ich. »Was ist daran schön?«
Zwischen den Bildern von Feldarbeitern mit kaputten Schuhen und Frauen mit schwarzen Kopftüchern entdeckte ich eins mit einem Mann, der auf dem Boden lag. Er war mit einem weißen Laken zugedeckt, unter dem nur die Schuhe hervorschauten und das in der Mitte einen großen Fleck hatte. Der Fleck war schwarz, denn die Farben musste man sich auf den Fotos dazudenken. Auf einem anderen waren drei Tote ohne Laken zu sehen, sie lagen auf einem Dorfplatz in ihrem schwarzen Blut. Ich hielt mir die Augen zu.
»Tote zu fotografieren ist ein Sakrileg«, sagte ich.
»Mein Vater fotografiert das Leben und im Leben gibt es alles. Auch das, was man nicht sehen will.«
»Ich muss jetzt gehen«, sagte ich, es war heiß in der Kammer. Eitelkeit des Teufels Kleid, wiederholte die Stimme in meinem Kopf.
9
Als ich nach Hause kam, war meine Mutter nicht da. Sie war bei unserem Nachbarn Pietro Pinna zur Totenwache seines Vaters, der im Alter von fünfundachtzig Jahren verblichen war. Die Regeln der Totenwache gehen so: Zieh schwarze Kleider an, sprich dein Beileid aus und vergieße echte Tränen. Immer wenn im Dorf jemand starb, wurde meine Mutter zur Totenwache gerufen, weil sie auch bei ihr nicht bekannten Verstorbenen sehr überzeugend trauern konnte. Danach sah sie immer ganz entspannt aus, als hätten die Tränen sie erfrischt.
