Wasserballetttage - Julia Mattera - E-Book

Wasserballetttage E-Book

Julia Mattera

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Beschreibung

Für den berühmten Schwimm-Champion Oscar Klein bricht eine Welt zusammen, als seine Familie ihn verlässt. Da erreicht ihn aus seiner elsässischen Heimat ein Anruf von seiner Großtante Mu: Das Seniorenheim Les Cigognes sucht einen Aqua-Fitness-Lehrer. Oscar wagt sich aus seinem Schneckenhaus hervor, und während er den Senior:innen beim Wassersport zu neuen Kräften verhilft, stecken diese ihn mit ihrem Humor und Lebenswillen an. Zudem genießt er die Gespräche mit der Köchin Maurisette, die mit einem Hauch Anarchie Kantinenkost in kulinarische Highlights verwandelt. Eine mit großem Engagement vorbereitete Wasserballett-Aufführung wird zum Tag folgenreicher Entscheidungen. Nicht nur für Oscar.

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Seitenzahl: 348

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Inhalt

CoverInhaltÜber das BuchÜber die AutorinTitelImpressumProlog – Die Machenschaften von Oma Zette1 – Der Blues des Bademeisters2 – Fitness und Heidelbeer-Crêpes3 – Rendezvous auf bekanntem Terrain4 – »Mon fils ma bataille« – Mein Sohn, mein Kampf5 – Meisterin im Austricksen6 – Pinot gris und Schlaflosigkeit7 – Erste Schwimmstunde8 – Was ein bœuf au chocolat alles vermag9 – Gut drauf!10 – Die Schule der Gefühle11 – Magisches Brustschwimmen12 – »Hallo, Mama Momo«13 – Mein Vater14 – Gégé übertrumpft Patrick Swayze15 – Ein Caesar für Oscar16 – Sex im Pflegeheim17 – Auberge des Glücks18 – Der Tanz des Schwans19 – Papierschlangen und Zuckerwatte20 – Gleckika Wianachta – Frohe Weihnachten!Epilog – Rezept fürs Glücklichsein

 

Über das Buch

Für den berühmten Schwimm-Champion Oscar Klein bricht eine Welt zusammen, als seine Familie ihn verlässt. Da erreicht ihn aus seiner elsässischen Heimat ein Anruf von seiner Großtante Mu: Das Seniorenheim Les Cigognes sucht einen Aqua-Fitness-Lehrer. Oscar wagt sich aus seinem Schneckenhaus hervor, und während er den Senior:innen beim Wassersport zu neuen Kräften verhilft, stecken diese ihn mit ihrem Humor und Lebenswillen an. Zudem genießt er die Gespräche mit der Köchin Maurisette, die mit einem Hauch Anarchie Kantinenkost in kulinarische Highlights verwandelt. Eine mit großem Engagement vorbereitete Wasserballett-Aufführung wird zum Tag folgenreicher Entscheidungen. Nicht nur für Oscar.

 

Über die Autorin

Julia Mattera wuchs in elsässischen Mulhouse in einer Großfamilie auf und entwickelte schon früh eine Leidenschaft für das Lesen und Schreiben: Ihren ersten Roman schrieb sie im Alter von zwölf Jahren. Nach dem Studium der modernen Literatur und einer Ausbildung zur Buchhändlerin arbeitete sie im Buchhandel, bevor sie sich ganz dem Schreiben widmete. In ihrem ersten Roman für Erwachsene, DER KOCH, DER ZU MÖHREN UND STERNEN SPRACH, findet ihre Liebe zu ihrer Heimat und der regionalen Kulinarik in atmosphärischen Bildern Niederschlag. Am liebsten schreibt sie in der Küche, während das Essen auf dem Herd vor sich hin köchelt.

Julia Mattera

WASSER-BALLETT-TAGE

Roman

Übersetzung aus dem Französischenvon Monika Buchgeister

EICHBORN

Vollständige eBook-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

 

Titel der französischen Originalausgabe:

»Le Syndrome de la brasse coulée«

 

Für die Originalausgabe:

Copyright © 2022 by Flammarion, Paris

 

Für die deutschsprachige Ausgabe:

Copyright © 2023 by Bastei Lübbe AG,

Schanzenstraße 6 – 20, 51063 Köln

 

Textredaktion: Christina Neiske, Haldenwang

Umschlaggestaltung: Barbara Thoben, Köln

Einband-/Umschlagmotiv: © CSA-Archive/istockimages

eBook-Produktion: Dörlemann Satz, Lemförde

ISBN 978-3-7517-4842-1

eichborn.de

luebbe.de

lesejury.de

Prolog

Die Machenschaften von Oma Zette

Die Flure sind leer. Die braven Alten schlafen friedlich, haben ihre dritten Zähne ordentlich in ein Glas Wasser getaucht. Meine sind immer noch da, wo sie hingehören. Sollte mich jemand erwischen – obwohl es zwei Uhr morgens ist –, muss ich ihm schließlich ein hübsches Lächeln schenken können! Ein bisschen Charme kann nicht schaden, wenn man Ärger vermeiden will.

Es kommt mir fast so vor, als wäre ich noch einmal fünfzehn und würde mich heimlich durch die Flure des Internats davonschleichen, in dem meine Eltern mich einst untergebracht haben. Ich muss zugeben, dass ich kein einfaches Kind war. Und noch weniger bin ich eine folgsame Omi! Heute Nacht habe ich meinen geblümten Morgenmantel gegen einen dunkelblauen Jogginganzug getauscht. Ein Ganzkörperanzug aus Lycra hätte vielleicht knackiger ausgesehen, aber mit achtzig Jahren auf dem Buckel sollte man seine Grenzen kennen, zumal ein solcher Ganzkörperanzug sich bestimmt zwischen die Pobacken schiebt und die Dellen der Oberschenkel schonungslos nachzeichnet, die es mit einem fachgerecht abgetropften Bibeleskaes und seinen Knubbeln durchaus aufnehmen können. Ganz zu schweigen von der Arthrose, die mich zur Gangart einer hinkenden Katze zwingt. Wie dem auch sei, ein paar spärliche Überbleibsel meiner einstigen Ungezogenheit sind geblieben. Als Jugendliche habe ich mich heimlich davongestohlen, um meinen Liebsten zu treffen. Mit hochgebundenen Haaren und einer Kunstlederjacke kam ich mir vor wie die Heldin eines Comic. Auch heute bewege ich mich auf leisen Sohlen, damit niemand mich bemerkt. Eine neue, jugendliche Kraft erfasst mich. Ich will so gern glauben, dass der an mein Herz gepresste Brief den Lauf der Dinge ändern wird. ›Zette, die Ränkeschmiedin‹ schlägt zu! Zur Bekräftigung nicke ich mir selbst zu. Mein Pferdeschwanz berührt meinen Nacken. Auch wenn das Unterfangen keine Gefahr birgt, macht es mir Spaß, das Ganze mit dem gleichen Ernst auszuführen, als sei ich in höchst geheimer Mission unterwegs. Dabei geht es lediglich darum, ins Büro der Heimleiterin vorzudringen, wofür mir im schlimmsten Fall eine Rüge für meinen nächtlichen Spaziergang droht.

Die Tür ist nicht verschlossen. Es gibt dort nichts zu stibitzen außer ein paar Stiften für meine Kreuzworträtsel. Ich schiebe einen in meine Tasche, damit er mich daran erinnert, dass ich mein Ziel tatsächlich erreicht habe. Ein Blick auf die Grünlilie im Topf sagt mir, dass unsere Wohltäterin nicht gerade über einen grünen Daumen verfügt. Ich nutze die Gelegenheit und gönne der Pflanze ein Schlückchen, nachdem ich den Umschlag gut sichtbar platziert habe. Sie wird ihn frühestens in achtundvierzig Stunden entdecken, wenn sie von ihrer Wochenendauszeit zurückkommt. Genau diese Frist benötige ich, um meinem Vorhaben den letzten Schliff zu geben.

Mit einem Lächeln auf den Lippen verlasse ich das Büro und greife nach meinem Handy.

»Zette an Gégé, hörst du mich?«

»Ich höre dich, mein Täubchen. Alles in trockenen Tüchern?«

»Und ob! Leg dein Badezeug schon mal bereit, bald stürzen wir uns in die Fluten.«

»Bist du sicher, dass es klappt, liebste Zette?«

»Vertrau mir, er wird sich nicht widersetzen.«

»Du hast deinen Sohn seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen.«

»Genau das war aber notwendig, um ihn hierher zurückzubringen.«

Ich beende das Gespräch und gehe den Flur entlang, der zum Hallenschwimmbecken führt. Ich verspüre mit einem Mal seltsame Stiche im Herzen. Wenn alles läuft wie geplant, wird Oscar tatsächlich zurückkommen.

»Auf bald, mein Junge.«

Ich lege einen Zacken zu. Mir ist klar, dass ich keinen Schlaf finden werde. Das macht aber nichts. Schon bald wird nichts mehr sein wie zuvor.

1

Der Blues des Bademeisters

Niemand schenkt dem Bademeister Aufmerksamkeit. Denken Sie einmal an Ihren letzten Besuch im Schwimmbad, haben Sie ihn da überhaupt wahrgenommen? Dabei muss man nur den Kopf heben, um den leeren, ausdruckslosen Blick desjenigen aufzufangen, der Ihnen auch noch bei Ihrer x-ten Bahn Brustschwimmen folgt, selbst wenn Ihre Bewegungen sich nur unwesentlich von denen eines frisch geschlüpften Entchens unterscheiden. Ich muss es wissen, schließlich habe ich den optimalen Blickwinkel auf die unglaublichen Darbietungen meiner lieben Schwimmer. Ja, es ist eine Tätigkeit, die einen auf Dauer verbittert und sarkastisch macht, aber man kann natürlich Salz hinzufügen, wenn die Suppe fad schmeckt.

Mein Tag lässt sich in einem Wort zusammenfassen: Immobilität. Sitzen bleiben, den Müttern beim Zanken zusehen, ab und zu zweimal in eine Pfeife blasen, deren Ton in den Ohren gellt. Um es ganz offen zuzugeben: Ich langweile mich gewaltig, und nichts kann diese Leere füllen. Schon gar nicht mein endlos gekauter Kaugummi, der genauso fad schmeckt wie mein Leben.

Die Menschen sehen mich nicht. Vielmehr, sie sehen nur den mittlerweile etwas dickbäuchigen, angegrauten Kerl, der sie von seinem rostigen Thron aus im Auge behält. Ich bin himmelweit entfernt von dem großen Vorbild aus Baywatch. Hätten sie mich doch alle einmal vor fünf Jahren gesehen, da sah ich wirklich noch gut aus. Als Trainer der Schwimmsportler, die es einmal zu etwas bringen würden, hatte ich keinerlei Problem damit, meinen Oberkörper am Rand des Beckens ordentlich aufzupumpen. Heute verstecke ich meinen Bauchansatz unter einem weißen T-Shirt und beschränke mich darauf, die auf den nassen Kacheln herumrennenden Gören mit meiner Pfeife im Zaum zu halten.

Ich ziehe keinerlei Befriedigung daraus, hier im Schwimmbad »Les Coquelicots« den Polizisten zu spielen. Ich denke oft an das Lied von Francis Cabrel, in dem ein Obdachloser von Kindern gefragt wird, wie es dazu kam, dass er auf der Straße gelandet ist. Ich identifiziere mich mit diesem Typen, der – wie es in dem Lied heißt – auf einem toten Blatt vor sich hin dämmert, das wenig verheißungsvollen Zielen entgegenflattert. Auch ich bin in Stürme geraten, bevor ich hier gelandet bin – hier, auf diesem hässlichen, unbequemen Metallgerippe.

Viele waren davon überzeugt, dass ich es schaffen würde. Ich hatte gute Karten. Einen Royal Flash, um am Tisch des Schicksals mitzuspielen. Aber wenn man ein schlechter Spieler ist und grobe Fehler macht, nutzt das beste Blatt nichts. Dann landet man hier, beiseitegelegt wie diese verdammten, gleichermaßen vielversprechenden und trügerischen Karten.

Oscar Klein wollte ein ganz Großer sein, und dafür hat er einen hohen Preis gezahlt. Es ist eine Ironie des Schicksals, dass ich von meinen Eltern diesen Namen mitbekommen habe. Der kleine Mann, der ein ganz Großer sein wollte, hat seine Sternstunde gehabt, bevor er zurück in die Anonymität katapultiert wurde. Von meinen besten Jahren bleiben mir nur ein paar Pokale. Mein erster Platz über einhundert Meter Rücken bei den französischen Meisterschaften und meine Bronzemedaille bei den Olympischen Spielen ragen darunter besonders hervor. Aber jetzt verstauben sie unter dem Dach meines Elternhauses. Die Berühmtheit hat alles zerstört: meine Familie, meine Ehe, mein Leben.

Sie wollen Ratschläge dafür, wie man sein Leben in den Sand setzt? Dann schauen Sie mich an! Ich bin das perfekte Beispiel dafür, wie man einen sozialen Aufstieg schafft und die eigene Ehe dabei zugrunde richtet. Ganz ehrlich, das Kratzen am Ruhm war mein allergrößter Fehler. Je greifbarer mir das Ziel vor Augen stand, desto mehr habe ich mich von meiner Frau und meinem Sohn entfernt. Jahrelang bin ich von einem Wettkampf zum nächsten gehetzt, habe lokale und dann auch nationale TV-Termine wahrgenommen und kein Radiointerview abgesagt. Fast jedes Wochenende war ich bei öffentlichen Veranstaltungen eingespannt. Ich glaubte, mein Leben wunderbar im Griff zu haben, und war stolz auf meinen Erfolg. Mit meinem Gehalt als Trainer der elsässischen Schwimmer und den Werbeeinnahmen war meine Familie auf jeden Fall hinreichend abgesichert.

Als Kind sah Anthony in mir den Helden. Ich konnte nicht auf die Straße gehen, ohne dass ich hier und da um ein Autogramm gebeten wurde oder lokale Honoratioren mich ansprachen. Ich glaubte, alles richtig gemacht zu haben, es geschafft zu haben. Meine Frau Marie konnte ihre Arbeit als Buchhändlerin in der Filiale einer großen Kette aufgeben, Anthony besuchte die besten Schulen, und wir besaßen ein schönes Haus mit geheiztem Pool und Gasgrill im Garten für das gemeinsame Beisammensein.

Ich muss erwähnen, dass ich in einer Familie aufgewachsen bin, die nicht gerade im Geld schwamm. Meine Eltern waren einfache Arbeiter, und ich habe gesehen, wie sie sich abgerackert haben, um uns Ferien auf dem Campingplatz in La Bresse in den Vogesen zu ermöglichen und meine Mitgliedschaft im Schwimmverein zu bezahlen. Ich habe immer geglaubt, ihnen etwas schuldig zu sein, da sie mir so viel gegeben haben. Je mehr Siege ich erringen konnte, desto größer wurde mein Verlangen, mich selbst zu übertreffen, damit meine Familie stolz auf mich sein konnte … und so wollte ich immer höher hinaus.

»Glück kann man nicht kaufen«, beschwor mich Marie immer wieder.

Es fiel mir sehr schwer, diesen abgedroschenen und doch so wahren Spruch wirklich zu begreifen. Lange Zeit habe ich die Tatsache, dass ich so wenig zu Hause war, damit auszugleichen versucht, dass ich meine Lieben mit Geschenken überhäuft habe. Nicht einmal das sonntägliche Mittagessen stand noch auf der Tagesordnung, schon gar nicht während der Wettkampfsaison. Ich dachte, dass ich alles an den Feiertagen nachholen könnte, indem ich mich dann richtig ins Zeug legte. Anstatt Weihnachten im Elsass zu feiern, verstieg ich mich dazu, die Festtage mit Anthony und seiner Mutter weit weg, im »Sunlight des tropiques« – wie Gilbert Montagné singt –, zu verbringen. Etwas Besseres konnte mir gar nicht einfallen, um alles, was von unserer kleinen Familie noch vorhanden war, restlos zu zerstören. Man kann ohne jede Ironie sagen, dass der Erfolg mich blind gemacht hatte. Ich sah das Unheil nicht kommen und glaubte immer noch, das Richtige zu tun. Ich versuchte, alle glücklich zu machen. So auch meine Eltern, die am 23. Dezember stets großzügige Geschenke erhielten. Die Pakete schickte ich frühzeitig los, damit sie vor Weihnachten ihr Ziel erreichten. So konnten meine Eltern sie gemeinsam mit Tante Mu und Onkel Dédé, die im Haus gegenüber wohnten, auspacken.

Jeder würdigte meinen Erfolg und hatte Verständnis dafür, dass ich so viel unterwegs war. Ich kam nicht im Entferntesten auf den Gedanken, dass alle eine Art Komödie spielten, um meinen Ehrgeiz nicht infrage zu stellen und mir auf diese Weise den Boden unter den Füßen wegzuziehen. Ich war so sehr von der Richtigkeit meines Tuns überzeugt, dass ich über Jahre hinweg nichts daran änderte. Am 22. Dezember Direktflug in die Karibik, Luxushotel, Spa, Massage und Cocktails, während der Junge mit Altersgenossen herumtobte. Alles schien perfekt zu sein. Ich sah auch keinen Grund, mich über Marie zu wundern, die ihre Zeit größtenteils mit einem Buch am Strand verbrachte und sich so abweisend und kühl verhielt wie mein Piña-Colada-Cocktail. Nach Monaten harter Arbeit waren mir ein paar Tage Ruhe gerade recht.

Ich glaubte, sie alle glücklich zu machen, und malte mir aus, dass unser Bilderbuchleben all ihre Wünsche erfüllen würde.

Blödsinnige Träume. Abwegige Vorstellungen.

Marie hat mich an einem Sonntag verlassen. Wir feierten den fünfundsechzigsten Geburtstag meines Vaters im Haus meiner Eltern. Gerade als wir auf ihn anstießen, klingelte mein Handy. Es war der Anruf meines Lebens. Das dachte ich zumindest ganz naiv, als ich hörte, wie mir mein Gesprächspartner ein Treffen mit der französischen Schwimm-Nationalmannschaft vorschlug. Ich als hauptamtlicher Trainer? Ich sagte auf der Stelle zu, und nachdem ich meine Liebsten kurz umarmt hatte, sprang ich sogleich ins Auto, um meine zukünftigen Schützlinge bei einer Klettertour im Elsass zu treffen.

Ich würde also eine noch größere Bekanntheit erreichen. Der absolute Höhepunkt nach einer Schwimmkarriere. Fünfunddreißig Jahre alt, Pokale mehr als genug, Sponsoren, ein pralles Bankkonto und nationale Anerkennung.

Noch am gleichen Abend hatte ich alles verloren.

Ich kehrte zu meinen Eltern zurück, in der Annahme, die Geburtstagsfeier hätte sich hingezogen, und stellte mir vor, dass wir jetzt auch noch meine Ernennung feiern könnten – aber das Fest war zu Ende. Und zwar gründlich. Marie war gegangen. Meine Familie war schockiert zurückgeblieben und stand noch immer unter dem Eindruck ihres plötzlichen Aufbruchs. Sie hatten nicht versucht, sie zurückzuhalten, denn ihnen war klar geworden, dass sie nicht mehr die Kraft besaß, mich zu lieben. Von meiner Frau blieb mir nur ein vierzehnjähriger Sohn und ein Brief, der auf dem Nachttisch im Gästezimmer lag.

Ich tigerte stundenlang durch das Zimmer, während meine Mutter hinter der geschlossenen Tür ausharrte. Sie war diskret genug gewesen, den an mich adressierten Brief nicht zu lesen. Und sie hatte gut daran getan. Marie hatte deutliche Worte gefunden, die scharf wie eine Klinge in mich hineinfuhren: »Ich habe mich vierzehn Jahre lang um unser Kind gekümmert. Ich war immer für Anthony da, habe ihn getröstet, wenn er Trost brauchte, und habe die durch deine Versäumnisse hervorgerufenen Wunden zu lindern versucht. Wenn du jetzt nichts unternimmst, wirst du auch ihn verlieren. Wenn du jetzt nicht hinschaust, ist er im Handumdrehen ein junger Mann, und du hast nichts davon mitbekommen. Du hast ihn schon nicht aufwachsen sehen, versuch wenigstens jetzt, ein einziges Mal, da zu sein, bevor es zu spät ist. Ich muss dir diesen Platz überlassen. Dieses Opfer bringe ich für ihn, selbst wenn es mir das Herz bricht, selbst wenn ich jedes Wort hasse, das ich dir hier schreibe. Ich weiß, dass es so besser für Anthony ist. Ich gehe fort. Ich vertraue ihn dir an. Schenk ihm die Aufmerksamkeit, die er so lange hat entbehren müssen. Deine Frau hast du verloren, verdirb es dir nicht auch noch mit deinem Sohn!«

Für meine Frau existierte ich nicht mehr. Zumindest als Ehemann oder Vater hatte ich nie existiert. Ich dachte, ich hätte alles für sie getan. Opfer hatte auch ich viele gebracht. Meine Abwesenheit war nur eines davon. Wie viel Zeit hatte allein das Abdrehen von scheinheiligen Werbespots gekostet, nur damit wir gemeinsam in Skiferien fahren konnten? Wie hartnäckig hingen die miesen Sponsoren mir am Rockzipfel? Wie oft übernahm ich Radiomoderationen am Sonntagvormittag, nur damit wir Anthonys Musikunterricht bezahlen konnten … und all das für gar nichts? Musiktheorie! Meine Güte! Wie habe ich losgepoltert, als ich sah, dass er dem Schwimmerbecken fernblieb und lieber auf einer Gitarre herumschrammte. Ich wollte Nähe zu ihm aufbauen, an seiner Seite schwimmen, ihm den Spaß an der Anstrengung vermitteln, aber seine Mutter hatte mit Erfolg alles daran gesetzt, seine und nicht meine Leidenschaften zu fördern. Ich war überzeugt davon, dass Anthony liebend gern in meine Fußstapfen treten würde. Aber da war ich auf dem Holzweg. Marie hat mich verlassen, die Scheidung wurde ausgesprochen, und ich musste die Verantwortung für meinen Sohn übernehmen.

Mit der Scheidung wurde unser Vermögen aufgeteilt, und Marie eröffnete mit ihrem Anteil einen eigenen Buchladen. Jetzt stand es ihr zu, ein wenig egoistisch zu sein und ihren eigenen Traum wahr zu machen. Bei mir hingegen sah es so aus, dass mein Traum mich zwar in schwindelnde Höhen getragen, aber auch von meiner Familie entfernt hatte, und zwar so sehr, dass ich trotz der Warnungen meiner Frau weiterhin einen Schnitzer nach dem anderen machte.

Der erste bestand darin, aus dem Elsass fortzugehen, um die französische Nationalmannschaft in Paris zu trainieren. Ich meldete meinen Sohn dort in einer renommierten Schule an, bezahlte ihm Schwimmtraining und verschrieb mich meinem eigenen olympischen Vorhaben, während er seine Abschlussprüfung am Collège vorbereitete. Und natürlich habe ich alles gegen die Wand gefahren.

Der zweite Fehler bestand darin anzunehmen, dass ich durch ein Übermaß an Arbeit Marie vergessen könnte. Noch immer vollkommen blind auf meine beruflichen Ziele fixiert, verbrachte ich all meine Zeit mit meinen Schützlingen, um nicht an Marie denken zu müssen und meine Wunden zu lecken. Währenddessen hatte mein Sohn wieder einmal das Nachsehen und war weitgehend sich selbst überlassen.

Ich hatte Anthony in einen goldenen Käfig gesperrt, und so kam es, dass er eines Tages davonflog. Er lief von der Schule fort. Unterschlupf fand er bei Oma Zette. Drei Tage war er per Anhalter unterwegs, bis er bei ihr ankam. Drei endlos lange Tage, während derer ich vor Angst beinahe umkam. Ich habe alles stehen und liegen lassen, um ihn zu suchen. Meine Mannschaft, ihren Trainingsplan, ein Fernsehinterview. Alles. Es war mir vollkommen gleichgültig, welche Folgen das haben konnte. Das Einzige, was jetzt noch zählte, war die Angst, Anthony endgültig zu verlieren.

Als er wieder aufgetaucht war, habe ich alles hingeschmissen. Anthony war gerade fünfzehn Jahre alt geworden, und sein Blick glich bereits dem eines Mannes, dem das Leben übel mitgespielt hat. Ich musste ihm wieder in die Spur helfen, auch wenn es meine Karriere kostete.

Ich habe das pulsierende Paris verlassen, eine Wohnung etwas außerhalb gesucht und dort einen Job als einfacher Bademeister angenommen. Ich wollte so anonym wie möglich leben, aus der Öffentlichkeit verschwinden. Deshalb war es mir auch lieber, nicht ins Elsass zurückzukehren, wo ich doch noch etwas bekannter war. Die Blicke der Leute hätte ich nicht ertragen können und wollen.

Ich habe mich also ganz weit nach unten begeben, um unsichtbar zu sein. Wir haben unsere Sachen gepackt und sind an einen Ort gezogen, an dem meine Familie uns nicht besuchen würde. Ihre mitfühlenden Blicke hätten mich zu sehr geschmerzt. Es schien mir besser, auf Distanz zu gehen und nur zu bestimmten Terminen aufzutauchen. Einen anderen Ausweg sah ich nicht. Schlaflosigkeit, Antidepressiva und Alkohol prägten fortan mein Dasein. Ich habe mich von meinen Eltern entfernt, von meiner freundlichen Tante Mu, von den Weinbergen in meiner Heimat und den Vogesen mit dem Grand Ballon, den ausgiebigen sonntäglichen Familienzusammenkünften und dem gemeinsamen Abendessen an einem schön gedeckten Tisch, auf dem die elsässischen Fleischschnacka nicht fehlen durften. Trotzdem bin ich regelmäßig zu meiner Mutter und Tante Mu gependelt, um das seelische Gleichgewicht meines Sohnes nicht zu gefährden. Der Tod meines Vaters, zwei Jahre nachdem Marie fortgegangen war, hat dieses Ritual noch zwingender gemacht. Ich musste einfach hin und wieder zu meiner Mutter fahren, schon um ihr bei gewissen Dingen zu helfen. Aber ich blieb nie länger als einen Tag. Die Vorstellung, bei ihr zu übernachten, war mir unerträglich. Es kam mir immer noch so vor, als hätte Marie mich erst gestern verlassen, die Wunde tat noch zu weh. Also machte ich mich regelmäßig mit Anthony auf den Weg, um ein wenig Zeit mit meiner Familie zu verbringen. So war es zumindest, bis mein Sohn sich schließlich ganz dort einnistete. Sein Ausreißen hätte mich hellhörig machen müssen. Er fühlte sich also bei Oma Zette besser aufgehoben als bei seinem eigenen Vater.

Und so sitze ich wieder hier auf meinem Stuhl und gehe mit der Vergangenheit ins Gericht. Ich habe meine Karriere aufgegeben, um mich um Anthony zu kümmern, und dabei habe ich noch einmal alles falsch gemacht. Ich muss zugeben, dass ich keine große Begabung für Kommunikation besitze, noch weniger für den Haushalt, und wenn es darum geht, einem Jugendlichen, der seinem gewohnten Umfeld entrissen wurde, Halt zu geben, bin ich ein Totalausfall. Der Oscar für den Loser in allen Kategorien – ja, der geht an mich. Marie würde sich die Haare raufen!

Frau weg. Haus weg. Und ein neunzehnjähriger Sohn, der vor einem Jahr seine Sachen gepackt und genervt von meinen Launen und meinem Hang zur Einsamkeit einfach die Tür hinter sich zugeschlagen hat, ohne sich von mir zu verabschieden. Ein paar Monate hat er bei Zette gelebt, meiner Mutter, und seit Kurzem wohnt er allein in ihrem Haus, da meine Mutter in ein Altersheim gezogen ist. Manchmal frage ich mich, wie seine Tage in dem Haus aussehen, in dem ich aufgewachsen bin. Ist er glücklich dort? Schläft er in dem Zimmer, in dem seine Mutter ihren Brief für mich hinterlassen hat? Ich hatte keine Gelegenheit, mich für mein Versagen zu entschuldigen. Im Grunde sind wir uns nicht unähnlich, glaube ich. Er lebt allein in dem großen Haus der Familie Klein, und ich hause hier weitgehend isoliert in den tristen vier Wänden meiner Wohnung.

Ich habe es nicht gewagt, ihn zu besuchen, seit er dort wohnt. Ich glaube, dass der Verlust meines Sohnes für mich weitaus schmerzlicher ist als meine Scheidung. Die Blutsbande sind offenbar doch stärker als eine leidenschaftliche Liebe. Aber trotzdem spüre ich, dass unsere Beziehung verkümmert, und ich weiß nicht, was ich dagegen tun kann.

Die Arbeit ist meine einzige Beschäftigung, aber gerade sie zerstört mich mehr und mehr. Denn ich habe alle Zeit der Welt, um hier auf meinem Stuhl zu grübeln und mit leerem Blick ins Weite zu schauen. Wenigstens bietet mir dieser eintönige Job die Möglichkeit, hin und wieder ein paar Bahnen zu ziehen. Das Schwimmen versöhnt meine Seele und meinen Körper.

Ich vertrete mir die Beine, recke und strecke mich, während ich einen Blick in die Duschräume werfe. Die letzten Besucher waschen sich eilig die Haare, während die Putzfrau bereits mit einem Wischer auf den Fluren unterwegs ist. Das Schwimmbad schließt gleich, dann kehrt wieder Ruhe ein.

Ohne sonderliche Eile fordere ich die letzten Gäste auf, die Halle zu verlassen, und überprüfe, ob sich noch jemand in den Umkleidekabinen befindet. Nun bin ich ganz allein.

Ich schlurfe in meinen Badelatschen über den gewischten Boden und werfe einen letzten Blick in die versteckten Winkel und Ecken. Ich mag das Schmatzen der Gummisohlen auf dem Kachelboden. Dieses Geräusch erinnert mich an die vielen Sonntage, die ich zu Hause im Elsass im nahe gelegenen Schwimmbad verbracht habe, an das Wassereis, das es dort gab, und an die Küsse meiner Mutter. Das Schwimmbad und ich – das ist eine echte Liebesgeschichte. Klar, mir fehlen die Wettkämpfe und die Pokale, aber ich empfinde trotzdem noch immer eine gewisse Befriedigung, wenn die Sonne hinter den Glasfronten des Schwimmbads »Les Coquelicots« untergeht und das Abendlicht das Becken in ein warmes Licht taucht.

Diese kurzen Augenblicke gehören mir ganz allein. Ruhig sehe ich zu den Bäumen hinüber, die von den letzten Sonnenstrahlen umschmeichelt werden. Ich setze mich an den Rand des Schwimmerbeckens, tauche meine Füße ins Wasser und genieße das kühle Nass.

Dann lasse ich mich ins Becken gleiten. Die einstigen Bewegungen stellen sich wie von selbst ein. Der Schnellste bin ich nicht mehr, aber ich habe auch jetzt noch Ausdauer. Beim Zählen der Bahnen schalte ich ab, mein Schwimmen ist nicht mehr auf Siege ausgerichtet. Manchmal taucht wie von fern die Erinnerung an vergangene Triumphe auf.

Und dann war da auch Marie. Meine schönste Liebesgeschichte. Genauso gewaltig und leuchtend wie ein Komet. Ihre Liebe war so strahlend, bis sie dann nach und nach erlosch. Manchmal habe ich etwas von ihrer Wärme und Leidenschaft im Blick meines Sohnes gesehen.

Ich hebe den Kopf aus dem Wasser, Erinnerungen vernebeln meinen Geist. Ich weiß nicht, was mich hier zurückhält. Die Scham? Mit Sicherheit. Die Angst vor Leid? Mehr denn je. Anthony hingegen hat den Sprung gewagt. Er hat das Bedürfnis verspürt, bei seiner Großmutter zu sein, die noch vorhandenen Bande zu festigen, und wollte nicht darauf warten, bis das von mir hinterlassene Flickwerk sich gänzlich auflöste. Anders als ich hat Anthony den Mut gehabt, in seine Heimat zurückzukehren – auch wenn ich oft daran denke, es ebenfalls zu tun. Ich fühle mich hier nicht zu Hause. Aber ich bräuchte schon einen sehr besonderen Grund, um kehrtzumachen und im Land der Störche neue Kraft zu tanken. Ich schleppe schon zu viel mit mir herum, um alles ins Florival mitzunehmen, in das schöne Tal des Flüsschen Lauch bei Guebwiller!

Niedergeschlagen suche ich die Umkleidekabinen auf und achte darauf, hinter mir noch einmal über den Boden zu wischen. Jeden Abend hoffe ich erneut, meiner Einsamkeit durch das Schwimmen beizukommen, aber es gelingt mir nicht. Ich bin ein heilloser Melancholiker, der unfähig ist, sein Leben in die Hand zu nehmen.

Flüchtig rubble ich meine grau melierten Haare mit dem Handtuch trocken. Dabei bin ich so in meine Gedanken vertieft, dass ich das Vibrieren des Handys unten in der Tasche nicht sofort bemerke. Ich wühle mit der Hand danach und will den vermutlich lästigen Anruf schon wegdrücken. Zu dieser Zeit melden sich häufig Vertreter von Gas- oder Mobilfunkanbietern.

Aber die Nummer auf dem Display ist alles andere als anonym. Es erscheint lediglich der Name: »Tante Mu«.

Mein Magen krampft sich zusammen. Meine Tante ruft nie an, außer in Fällen höherer Gewalt. Bei ihrem letzten Anruf hat sie mir mitgeteilt, dass Onkel Dédé gestorben war.

Ich bewundere Muriel. Kurz Mu – sie mag es lieber, wenn man sie so nennt. Sie wohnte in unmittelbarer Nähe meiner Mutter, die ein Jahr älter ist als sie. Man hätte sie für Zwillinge halten können. Die beiden hingen seit jeher zusammen wie Pech und Schwefel, sie liebten das gemeinsame Kaffeetrinken mit einem schönen Stück Zwetschgenkuchen und gönnten sich auch gern ein kleines Glas Mirabellenlikör dazu. Sie sind achtundsiebzig und neunundsiebzig Jahre alt, beide Witwen, beide absolut selbstständig und beide ausgesprochene Liebhaberinnen von frischem Fassbier. Der Verlust ihrer Ehemänner hat ihre Beziehung noch inniger werden lassen, und es sah beinahe so aus, als wohnten sie unter ein und demselben Dach. Häufig verbrachten sie den Nachmittag miteinander, spielten Karten, Kaffee und Kuchen wurden aufgetischt oder sie standen in der Küche und backten gemeinsam mit Anthony. Als meine Mutter mit der Neuigkeit herausrückte, dass sie in ein Altenheim ziehen würde, erlitt Mu einen Zusammenbruch. Umso mehr, als sie den Verdacht hegte, meine Mutter würde nur dorthin ziehen wollen, um in der Nähe von Gégé zu sein, ihrem gemeinsamen Nachbarn, der seine Siebensachen gepackt hatte und nun im Altenheim »Les Cigognes« wohnte. Mama gab vor, sie habe nicht mehr genug Kraft, um einen Haushalt samt Gemüsegarten zu versorgen; die Einrichtung »Les Cigognes« würde ihr glückliche und friedvolle Tage bescheren. Aber wir wissen alle, dass sie putzmunter ist und mit ihrem Schwung auf jedem Volksfest im Frühling das Tanzbein schwingen könnte! Sie brauchte also eine Ausrede, um Gégé wieder nahe sein zu können, aber Mu konnte sich nicht entschließen, ihr zu folgen. Die Vorstellung, nur noch mit alten Leuten zusammenzuleben, noch dazu fern von ihrem Garten, machte sie trübsinnig. Und ich verstehe sie. Auch mir fällt es schwer, mir meine Mutter in der winzig kleinen Wohnung vorzustellen, die sie sich im »Les Cigognes« gemietet hat. Im Übrigen schaffe ich es nicht, einen Fuß in diese Einrichtung zu setzen. Es ist mir unbegreiflich, dass eine so rüstige und geistig bewegliche Person wie sie freiwillig diese Entscheidung trifft. Es setzt mir zu, all diese Omas und Opas zu sehen, die auf die Besuche ihrer Familienmitglieder warten wie auf den Heiligen Gral. Das kann doch nur zu einem verflixten Teufelskreis führen! Der Anblick der alten Generation deprimiert die Jüngeren, und so kommen sie immer seltener zu Besuch, wodurch wiederum die Älteren dann noch deprimierter sind.

Wenn ich an meine Mutter und meine Tante denke, empfinde ich Scham. Ich lasse nur sehr selten von mir hören und rufe sie fast nie an. Ich traue mich auch nicht, auf ihre Anrufe zu reagieren. Zu groß ist meine Angst, der Realität ins Auge sehen und womöglich harsche Vorwürfe einstecken zu müssen.

Auf der Bank in dem Umkleideraum vibriert das Handy immer noch. Seine Vibrationen sind in dem blitzblanken Raum gut zu hören. Die Schallwellen breiten sich um mich herum aus und prallen erbarmungslos auf die gekachelten Wände. Brrr Brrr. Jedes Mal fährt mein Körper zusammen. Ich fröstle ein wenig, es ist mir unangenehm, meinen Besuch bei ihnen so lange aufgeschoben zu haben.

Ich wende den Blick vom Display ab und ziehe ein T-Shirt über meinen feuchten Oberkörper.

Sicher hat meine Tante versehentlich meine Nummer gewählt. Mir fällt kein Grund ein, warum sie mich anrufen sollte. Anthony lebt im Haus gegenüber, wenn es irgendein Problem gibt, kann sie auf ihn zählen.

Erneut gerät das Telefon in Bewegung. Das Display leuchtet auf und zeigt eine Nachricht an. Von Mu.

Josette hat den Verstand verloren.

Auf der Stelle rufe ich zurück.

Ungeduldig warte ich das Freizeichen ab, und kaum meldet sich meine Tante, da überschütte ich sie auch schon mit Fragen.

»Mu? Wo ist meine Mutter? Was ist los?«

»Aha, wie ich sehe, hat mein Neffe die Sprache wiedergefunden. Guten Tag, Oscarala!«

»Guten … guten Tag, Tantchen.«

»Du hättest bei uns bleiben sollen. Das Leben in der Hauptstadt hat dir deine guten Manieren abtrainiert.«

»Ich habe dir schon tausend Mal gesagt, dass ich in einem Vorort von Paris arbeite, nicht in Paris selbst.«

»Das kommt für mich auf das Gleiche hinaus. Vermutlich fehlt dir die gute Luft in den Vogesen, dass du so ins Schnaufen gerätst.«

Mu in ihrer ganzen Herrlichkeit. Glühende Lokalpatriotin, dabei mit einer unglaublich scharfen Beobachtungsgabe gesegnet, selbst am Telefon! Vor ihr kann man keine Geheimnisse bewahren. Als Jugendlicher tat ich gut daran, nicht heimlich ein Schnäpschen aus ihrem Vorrat hinunterzukippen. In Windeseile hätte sie die ganze Nachbarschaft in Alarm versetzt!

»Willst du deine Moralpredigt noch lange fortsetzen, oder sagst du mir jetzt vielleicht, was mit Mama los ist?«

»Ich predige genauso lange, bis du begreifst, dass du endlich deinen Hintern in Bewegung setzen solltest!«

Hätte ich nicht vor wenigen Minuten ihre Nachricht gelesen, hätte ich lachen müssen. Mus Unverblümtheit hat mir gefehlt.

»Ich kann nicht einfach losfahren, wenn ich will, Mu. Ich muss meinem Chef einen guten Grund liefern, um Urlaub zu bekommen.«

Schweigen.

Am anderen Ende der Leitung atmet Mu schwer und stoßweise. Wenn ich bei ihr wäre, würde ich meine schmächtige Tante fest in die Arme schließen.

»Mu, ist alles in Ordnung?«

Ich höre, wie sie mit einem Taschentuch über ihr Gesicht fährt, dessen Haut so faltig ist wie ein alter Apfel.

»Zette hat einen Termin beim Notar gemacht. Sie will ihr Testament noch einmal durchsehen. Ich weiß nicht, was sie gepackt hat, aber ich habe Angst, dass Gégé etwas damit zu tun hat!«

»Langsam, Mu! Jetzt regst du dich aber doch zu schnell auf. Es sieht Gégé doch überhaupt nicht ähnlich, dass er klammheimlich etwas einfädelt. Er war über dreißig Jahre euer Nachbar, und er ist doch eher ein hilfsbereiter und zugewandter Mensch. Außerdem ist es natürlich Mamas Vermögen, und sie kann damit machen, was sie will.«

»Es geht um das Erbe! Um das, was sie dir und Anthony hinterlassen wird. Du wirst demnächst einen Brief von Zette erhalten, in dem sie dir einen offiziellen Termin mitteilen wird. Das klingt alles überhaupt nicht gut. Zette hat ihren Letzten Willen nach dem Tod deines Vaters aufgesetzt; und daran hat sie nichts geändert, bis sie angefangen hat, sich mit unserem Nachbarn zu treffen. Du wirst ja wohl nicht zulassen, dass ein Verehrer alles über den Haufen wirft!«

Mit ihrem alarmistischen Tonfall schafft Mu es tatsächlich, mich wachzurütteln. Ich habe meine Mutter in letzter Zeit viel zu wenig gesehen, um beurteilen zu können, ob Gégé einen schlechten Einfluss auf sie hat. Ich war bisher im Glauben, dass er lediglich ein treuer Weggefährte ist. Was, wenn ich damit falschlag? Ich habe es nie gewagt, sie über diese Beziehung auszufragen. Mama ist eine leidenschaftliche Frau, die aus Liebe zu allem fähig ist. Oh ja, sie hat offenbar allerhand angestellt zu der Zeit, als sie anfing, sich mit meinem Vater zu treffen. Was, wenn sie jetzt aus Liebe den Kopf verloren hat? Man hört immer wieder von betagten Menschen, die um ihr Geld gebracht wurden …

Ich kann mich jedoch nicht dazu durchringen, den Stab über diesen netten alten Mann zu brechen, der meine Mutter während der Krankheit meines Vaters so sehr unterstützt hat. Als treuer Gefährte beim Kartenspiel und Spazierengehen hat er ihr geholfen, über die Trauer hinwegzukommen. Nein, wenn jemand meine Mutter manipulieren will, dann muss das mit der angeheirateten Familie zu tun haben. Eine andere Erklärung sehe ich nicht. Möglicherweise ist sogar Gégé selbst ein Opfer.

Die Vorstellung, mein Elternhaus könnte in fremde Hände geraten, versetzt mir jedoch einen Stich. Ich war davon ausgegangen, dass Anthony es erben würde. Er ist schon genug hin- und hergeschoben worden. Ich will nicht, dass er einen weiteren Tiefschlag hinnehmen muss.

»Ich komme sofort.«

»Mach schnell. Du musst sie davon überzeugen, diesen Termin abzusagen.«

»Es ist nicht zu glauben. Da komme ich mal ein paar Monate lang nicht zu euch, und schon passiert so etwas!«

»Du bleibst bei deinen Besuchen immer nur ein paar Stunden hier im Elsass und bist dabei obendrein so redselig wie eine Forelle! Da ist es wohl normal, dass die Dinge aus dem Ruder laufen. Begreifst du denn überhaupt nichts? Ob das Ganze nun von Gégé oder von Zette ausgeht, ihre Entscheidung hängt mit deiner Abwesenheit zusammen. Du bist überhaupt nicht mehr für sie da, also …«

»… enterbt sie mich, und obendrein auch noch meinen Sohn, der seit einem Jahr bei ihr lebt? Willst du mich auf den Arm nehmen? So etwas würde meine Mutter Anthony nie antun, nicht aus freien Stücken.«

»Kommst du jetzt oder nicht, Oscarala? Ich weiß, dass du Zette grenzenlos vertraust, aber in dem Heim ›Les Cigognes‹ geschehen seltsame Dinge, und weder du noch ich sind nahe genug dran, um zu sehen, was ihr Don Juan ausheckt!«

»Man könnte meinen, dass du Gégé überhaupt nicht mehr ausstehen kannst …«

»Genau, und zwar seit er deine Mutter dazu gebracht hat, mit ihm in so eine Einrichtung zu ziehen, die sie eigentlich verabscheut!«

Zack! Mu mit ihrem einzigartigen Talent, Dinge in aller Deutlichkeit zurechtzurücken.

»Ich rechne morgen Mittag mit dir. Ein schönes Sauerkraut wird dich schon wieder in die Spur bringen.«

»Was hat denn dein Sauerkraut damit zu tun?«

»Weiß ich auch nicht. Aber ich trinke gern ein paar kleine Bierchen, wenn ich Sauerkraut mache, und dann bin ich angenehm angesäuselt.«

»Mit anderen Worten, das Sauerkraut ist fertig, du bist schon ein wenig beschwipst und versuchst mich mit einem guten Essen zu bezirzen?«

»Und mit ein paar elsässischen Bierchen«, säuselt sie schelmisch.

»Dann stell sie schon mal kühl.«

»Du kommst also morgen Mittag?«, hakt sie noch einmal hoffnungsvoll nach.

»Nur, wenn du Fischer-Bier im Haus hast.«

»Du glaubst doch wohl nicht, dass ich dir irgendeinen Fusel vorsetze?«

»Bei verkalkten Omas kann man nie wissen.«

Damit lege ich auf, wohl wissend, dass meine kleine Gemeinheit ihr ein Lächeln entlockt hat. Mein eigenes Lächeln hingegen geht mit der besorgten Frage einher, wie es tatsächlich um meine Mutter steht. Mit einem flauen Gefühl im Magen packe ich meine Sachen. Womöglich ist meine Mutter nicht mehr dieselbe – was dann?

2

Fitness und Heidelbeer-Crêpes

Einen Schritt nach dem anderen, Momo, du kannst das!

Schweißgebadet wiederhole ich mit gestreckten Beinen mühsam die Bewegungen, die Kevin nach einem Song von Beyoncé vollführt. Der gute Kevin! Er ist wirklich der einzige Trainer, den ich ertrage. Vor ihm gab es Kelly, Sandy oder Maria, die alle recht ansehnlich und hübsch frisiert waren, immerzu lächelten und eine Körperspannung besaßen, die Sänger und Tänzer reihenweise vor Neid hätte erblassen lassen. Das Ergebnis sah so aus, dass mir spätestens nach einer halben Stunde die nassen Haare auf der Stirn klebten, meine Leggings tief zwischen die Pobacken gerutscht war und ich saft- und kraftlos nach Luft japste wie ein Maultier. Im Ernst, niemand erträgt diese in Mode geratene Schinderei. Nur Filmheldinnen nehmen eine solche Tortur gerne auf sich. Die sehen aus, als entstammten sie spanischen Sitcoms, wackeln lächelnd mit dem Hinterteil, dopen sich mit Apfel-Kiwi-Limette-Smoothies und malträtieren glückselig ihre Knöchel mit Steppschritten.

Ich bin allerdings eher der Typ Griesgram, der sich keinesfalls eine Orange auspresst, bevor er nicht eine angemessene Dosis Koffein konsumiert hat. Ich komme nur ganz allmählich in die Gänge, wanke zuerst einmal in die Küche, wo ich einen reichlich mit Zucker und Schokolade versehenen Cappuccino trinke. Ich habe nicht die Mittel und eigentlich auch nicht die Zeit, um etwas für mich selbst zu tun … oder bemühe ich mich nur nicht ausreichend, mir welche zu verschaffen? Darüber lässt sich vermutlich streiten. An oberster Stelle steht bei mir die Erziehung meiner beiden wunderbaren Teenie-Töchter und der richtige Umgang mit ihren Jungmädchenschwärmereien.

Diese täglichen Termine mit Kevin erlauben mir zumindest, mich auszupowern, ohne meinen Geldbeutel unnötig zu strapazieren. Für dieses Internet-Sportangebot reicht mein heimisches Wohnzimmer völlig aus, da brauche ich nicht mein halbes Gehalt als Köchin in einem Altenheim für ein Fitnessstudio hinzublättern. Die Gymnastikkurse im Fernsehen haben drei unschlagbare Vorteile:

Erstens ist Kevin keine makellose Tussi, die am Ende der Sitzung nicht einen einzigen Tropfen Schweiß abgesondert hat. Meine Güte, wie ätzend ist es, von Kopf bis Fuß zu triefen vor Schweiß, während die Vorturnerin nicht einen Funken ihrer unverschämten und unerträglichen Frische eingebüßt hat!

Zweitens kann niemand mich beobachten und darüber lachen, wie meine Granatenbrüste in rhythmische Bewegungen versetzt werden.

Und drittens kann ich so tanzen, wie ich will, auch wenn mein Gefühl für Rhythmus dem einer Waschmaschine im Schleudergang gleicht!

Aber man darf sich nicht in die Tasche lügen: Besagter Kevin ist ein gut aussehender Kerl, der einem die bittere Pille versüßt. Zumindest ist es weitaus genussvoller, sich beim Abstrampeln etwas fürs Auge zu gönnen, als einfach nur dem flachen Bauch nachzutrauern, den ich nie mehr haben werde.

Hinter mir hantieren meine beiden Töchter am Herd, bevor sie sich auf den Weg zur Schule machen. Der Duft von Butter und Zucker liegt in der Luft und macht all meine sportlichen Höhenflüge dieses Morgens zunichte.

»Ich bitte darum, alle Crêpes aufzuessen, eure Mutter verzichtet lieber!«

Die kleinen Biester prusten los und kommen in den Wohnbereich gerast. Ich beachte sie nicht, bleibe auf meinen Bildschirm konzentriert und setze meine Übungen fort. Im Spiegelbild der Mattscheibe sehe ich meine beiden Mädels direkt hinter mir auf dem Sofa sitzen.

»Gib es zu, du würdest sie liebend gern probieren«, frotzelt Lucie und beißt in einen noch warmen pancake mit Heidelbeeren.

Ich befeuchte meine Lippen, trotze dem köstlichen Gebäck, das auf dem Teller meiner jüngeren Tochter thront. Lucie und Camille haben ein Händchen dafür, unwiderstehliche Frühstücksleckereien auf den Tisch zu zaubern. Sie wissen, dass ich gegen ihre kulinarischen Wunderwerke kaum eine Chance habe. Dieses Talent haben sie zweifelsohne von mir.

»So leicht kriegst du mich nicht. Ich werde weder bei diesem Duft noch bei deinen überzuckerten Heidelbeeren schwach!«

Unverzüglich wende ich mich wieder Kevin zu und gehe in die Hocke für eine Abfolge von Beuge- und Streckbewegungen.

»Ich glaub, ich spinne. Jetzt spricht sie schon mit den Crêpes!«, wundert sich Camille lautstark, während sie sich zu mir hinunterbeugt, um mich genau ins Visier zu nehmen. »Alles in Ordnung, Mama?«

»Habt ihr nichts Besseres zu tun, als mich zu quälen? Ab in die Schule mit euch!«

»Wut ist das erste Anzeichen einer Sucht«, tönt es jetzt von Lucie, die ihrer Schwester beispringt. »Für Zuckerabhängige ist ein Entzug besonders schwierig, ich weiß, wovon ich spreche!«

Ich brauche nicht zu Lucie hinüberzusehen, um zu wissen, dass sie gerade dabei ist, den auf ihrem Teller verbleibenden Rest zu vertilgen. Lucie und ich, wir ähneln uns wie ein Ei dem anderen, nur mit neunzehn Jahren Unterschied. Sie ist klein, rundlich, hat eine üppige Brust, sprüht vor Witz und hat ziemlich viel Selbstbewusstsein. Bei den letzten Bissen schmatzt sie jetzt zum Spaß auch noch lautstark. Es ist das gleiche störende Geräusch, das einen im Zug aufregt, wenn der Nachbar sich über eine Chipstüte hermacht. In diesen Augenblicken akustischer Bedrängnis muss ich mir auf die Zunge beißen, um nicht loszuplatzen: »Ach, lass doch bitte alle daran teilhaben!«

»Siehst du ihre Stirn? Sie wird schon langsam rot. Gleich gibt sie auf«, treibt Lucie das Ganze auf die Spitze und spielt sich als echte Spezialistin für »Zucker-Entzug« auf.

Ich richte mich auf und drücke ihr einen dicken Schmoutz auf die Wange.

»Lucie, niemand kann einen so gut in Versuchung führen wie du. Und weißt du was? Genau deshalb vergöttere ich dich so, du gemeines, heiß geliebtes Biest.«

»Beruht auf Gegenseitigkeit«, erwidert meine Jüngere und zwinkert mir zu. »Du hast dir dein Frühstück wirklich verdient. Aber wir müssen jetzt schnellstens los in die Schule.«

Sie umarmen mich von beiden Seiten und geben mir noch rasch ein Küsschen auf die Wange. Sosehr Lucie mit ihrer braunen Lockenpracht und ihrer runden Brille mir ähnelt, sosehr ist Camille das Gegenteil. Blond, hochgewachsen, kleine Brüste und ein zarter Teint – sie hat die Züge und die Ruhe ihres Vaters geerbt.