Watt'n Glück & Watt'n Herz - Sonja Dünen - E-Book
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Watt'n Glück & Watt'n Herz E-Book

Sonja Dünen

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Beschreibung

Zwei tierische Nordsee-Liebesromane in einem Bundle.

Watt'n Glück.

Fenja liebt ihren Job als Wattführerin und das Leben in Burhave.

Nach der Trennung von ihrem Freund lebt sie mit Esel Max und Minischwein Moritz allerdings wieder bei ihrer Mutter in der Pension. Das war so nicht geplant und ist bisweilen recht turbulent. Umso größer ist Fenjas Freude, als sie am Ortsrand ein kleines Haus findet. Doch statt der erhofften Ruhe geht das Chaos nun erst richtig los. Die Renovierung des Häuschens kostet viel Zeit und ein neuer Wattführer beginnt schlecht über Fenja zu reden und ihr die Kunden zu vergraulen.

Dann ist da auch noch Arndt, der als Matrose auf einem Containerschiff arbeitet und Fenja ständig über den Weg läuft. Und obwohl Fenja erst einmal keine neue Beziehung will, geht ihr sein charmantes Lächeln einfach nicht aus dem Kopf …

Watt'n Herz.

Die frischgebackene Pensionsinhaberin Mareike hat alle Hände voll zu tun. Nicht nur mit ihrer neuen Rolle, sondern auch mit Esel Max und Minischwein Moritz, die allerhand Unsinn anstellen. Daher kann sie den ungehobelten Kerl überhaupt nicht gebrauchen, der sie im Supermarkt anrempelt. Zu ihrem Erstaunen entpuppt sich Erik jedoch als tierlieber Gnadenhofbesitzer, der eine Menge Sorgen mit sich herumträgt. Der Eigentümer des Pachtgrundstücks will ihn vertreiben, um einen Hotelkomplex darauf zu errichten. Um sein Ziel zu erreichen, schreckt er vor kaum etwas zurück.

Wird es ihm gelingen den Gnadenhof zu vertreiben und ist Erik wirklich der Mensch, für den Mareike ihn hält?

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Seitenzahl: 450

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Über das Buch

Watt'n Glück.

Fenja liebt ihren Job als Wattführerin und das Leben in Burhave.

Nach der Trennung von ihrem Freund lebt sie mit Esel Max und Minischwein Moritz allerdings wieder bei ihrer Mutter in der Pension. Das war so nicht geplant und ist bisweilen recht turbulent. Umso größer ist Fenjas Freude, als sie am Ortsrand ein kleines Haus findet. Doch statt der erhofften Ruhe geht das Chaos nun erst richtig los. Die Renovierung des Häuschens kostet viel Zeit und ein neuer Wattführer beginnt schlecht über Fenja zu reden und ihr die Kunden zu vergraulen.

Dann ist da auch noch Arndt, der als Matrose auf einem Containerschiff arbeitet und Fenja ständig über den Weg läuft. Und obwohl Fenja erst einmal keine neue Beziehung will, geht ihr sein charmantes Lächeln einfach nicht aus dem Kopf …

Watt'n Herz.

Die frischgebackene Pensionsinhaberin Mareike hat alle Hände voll zu tun. Nicht nur mit ihrer neuen Rolle, sondern auch mit Esel Max und Minischwein Moritz, die allerhand Unsinn anstellen. Daher kann sie den ungehobelten Kerl überhaupt nicht gebrauchen, der sie im Supermarkt anrempelt. Zu ihrem Erstaunen entpuppt sich Erik jedoch als tierlieber Gnadenhofbesitzer, der eine Menge Sorgen mit sich herumträgt. Der Eigentümer des Pachtgrundstücks will ihn vertreiben, um einen Hotelkomplex darauf zu errichten. Um sein Ziel zu erreichen, schreckt er vor kaum etwas zurück.

Wird es ihm gelingen den Gnadenhof zu vertreiben und ist Erik wirklich der Mensch, für den Mareike ihn hält?

Über Sonja Dünen

Sonja Dünen wurde 1974 in Stuttgart geboren. Seit sie lesen konnte, ließen sie die Faszination für Sprache und zwischenmenschliche Beziehungen nicht mehr los. Daher wusste sie schon früh, dass sie Autorin werden wollte. Bereits mit Siebzehn schrieb sie einige Kurzgeschichten und verfasste ihren ersten Roman. Durch Studium, Job und Familienplanung hat sie das Schreiben eine Zeit lang aus den Augen verloren. Seit einigen Jahren schreibt sie fast täglich neue Geschichten. Sie lebt mit ihrem elfjährigen Sohn und zwei Wellensittichen in einem alten Bauernhaus in der Nähe von Köln. Als „Sonja Flieder“ schreibt die Autorin weitere Wohlfühlromane.

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Sonja Dünen

Watt’n Glück & Watt’n Herz

Zwei tierische Nordsee-Liebesromane in einem Bundle!

Orientierungsmarken

Cover

Inhaltsverzeichnis

Watt’n Glück

Watt’n Herz

Impressum

Inhaltsverzeichnis

Informationen zum Buch

Informationen zur Autorin

Newsletter

Watt’n Glück

Grußwort

Widmung

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Ein Jahr später

Watt’n Herz

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Epilog

Impressum

Liebe Leserin, lieber Leser,

Danke, dass Sie sich für einen Titel von »more – Immer mit Liebe« entschieden haben.

Unsere Bücher suchen wir mit sehr viel Liebe, Leidenschaft und Begeisterung aus und hoffen, dass sie Ihnen ein Lächeln ins Gesicht zaubern und Freude im Herzen bringen.

Wir wünschen viel Vergnügen.

Ihr »more – Immer mit Liebe« –Team

Sonja Dünen

Watt’n Glück

Für Aidan.

Kapitel 1

»Wo Finn nur bleibt?«, fragte Fenja und blickte auf ihre Uhr. Dabei fiel ihr wieder einmal eine ihrer roten halblangen Haarsträhnen ins Gesicht, die sie ungeduldig zurückstrich. »Wenn er nicht bald kommt, ist die Demonstration vorbei, bis wir dort auftauchen.«

»Er wird sicher gleich da sein.« Ihre beste Freundin Mareike lächelte sie beruhigend an. »Du weißt doch, wie schusselig er manchmal ist. Bestimmt hat er etwas vergessen.«

»Das kann gut sein.« Fenja grinste. »Na ja, so habe ich wenigstens noch genug Zeit, um die Post durchzusehen.«

Sie griff nach einem kleinen Stapel auf ihrem weißen Schreibtisch, der vor dem Fenster stand. Derweil machte es sich Mareike auf dem ebenfalls weißen Schaukelstuhl bequem. Ihre geduldige Miene zeigte, dass sie es gewohnt war, auf Finn zu warten.

»Oh«, machte Fenja.

»Was ist denn?« Neugierig blickte Mareike sie an.

Mit einem Flyer wedelte Fenja vor der Nase ihrer Freundin herum. »In ein paar Tagen fängt ein neuer Wattführer an. Bent Olafsson heißt er. Klingt irgendwie sympathisch, was meinst du? Bestimmt ist er ganz nett.«

Überrascht riss Mareike die Augen auf. »So was. Frag mich nicht warum, aber ich war der festen Überzeugung, dass du die einzige Wattführerin in Tossens bleiben wirst.«

Fenja lachte. »Bin ich ja immer noch. Olafsson ist ein Mann.«

»Haha.« Mareike schnitt ihr eine Grimasse. »Du scheinst das recht locker zu sehen. Findest du nicht, dass es vielleicht …«

Sie kam nicht dazu, ihren Satz zu beenden, da ein keuchender Finn den Raum betrat, der wie gewohnt seine heiß geliebten Hippie-Klamotten trug und sich ein buntes Stirnband um die langen braunen Rastas geschlungen hatte. In einer Hand hielt er ein mehrmals gefaltetes Stück Stoff.

»Sorry, Mädels«, sagte er. »Ich hatte das Banner vergessen und musste noch mal zurück.«

»Typisch Finn«, erwiderte Mareike und seufzte tief. »Na, dann können wir ja endlich los.«

Die drei Freunde eilten durch die Pension von Fenjas Mutter Astrid, wo Fenja derzeit lebte. Als ihr Ex-Freund Axel vor ein paar Wochen abrupt die Beziehung beendete, hatte sie nicht gewusst, wo sie hinsollte. Zum Glück bestand ihre Mutter darauf, dass sie sich vorerst bei ihr einquartierte.

Doch daran wollte sie jetzt nicht denken. Sonst bekam sie schlechte Laune und fing womöglich an, zu grübeln.

An Finns kleinem, klapprigem Fiat angekommen, der auf dem Pensionsparkplatz stand, zwängte sich Fenja auf den Rücksitz, wobei sie sich fast in ihrem schwarzen langen Kleid verhedderte. Warum musste er nur einen Dreitürer fahren?

Auch Finn hatte mit seinen eins neunzig Schwierigkeiten, einzusteigen. Nachdem er sich wieder einmal den Kopf am Türrahmen gestoßen hatte, murmelte er einen Fluch.

»Gut, dass ich nicht so groß geraten bin«, sagte Mareike, die ein wenig schadenfroh klang.

Finn verzichtete auf einen Kommentar. Stattdessen versuchte er den Motor zu starten, was ihm nach drei Anläufen auch gelang. Mit quietschenden Reifen fuhr er los, nur um wenige Meter später wieder anzuhalten, weil Mareike ihn mit schriller Stimme darum bat.

»Hast du was vergessen?«, fragte Fenja.

»Nein, ich habe mir die Haare in der Tür eingeklemmt.« Ruckartig öffnete Mareike die Beifahrertür, um Teile ihrer über hüftlangen braunen Haare in das Fahrzeug zu befördern. Sie knallte die Tür wieder zu. »So, jetzt können wir.«

»Von der Körpergröße her bist du zwar ein Zwerg, aber deine Haare machen das definitiv wett.«

»Nenn mich nicht Zwerg«, beschwerte sich Mareike sofort und schlug Finn spielerisch auf den rechten Unterarm.

Er warf ihr einen kurzen Blick zu. »Hab ich Zwerg gesagt? Ich meinte natürlich Elfe. Du bist selbstverständlich ein wahrhaft elfengleiches Wesen.«

»Hör lieber auf, Mareike zu ärgern. Du weißt, dass du es bereuen wirst, wenn sie richtig loslegt.«

Von ihrem Heimatort Burhave waren es etwa fünfzig Kilometer auf dem Landweg bis nach Bremerhaven. Sie parkten ein Stück vom Hafengelände entfernt und gingen den Rest zu Fuß.

Beinahe hätte Finn das neben ihr auf dem Rücksitz liegende Banner vergessen, doch Fenja erinnerte ihn mit einem nachsichtigen Kopfschütteln daran.

»Gut, dass dein Kopf festgewachsen ist«, sagte sie. »Ansonsten müsste ich dich an den auch ständig erinnern.«

»Dann kannst du nur hoffen, dass ich nicht irgendwann als kettenklirrendes Gespenst mit dem Kopf unter dem Arm herumlaufe.«

»Das tue ich, mein Lieber, das tue ich.«

Auf dem Hafengelände angekommen, mischten sie sich unter die Demonstranten, die sich auf den von der Polizei freigegebenen Teilen versammelt hatten. Das Polizeiaufgebot war trotz der vielen Menschen moderat, da die Klimaschutzdemonstrationen für ihren friedlichen Ablauf bekannt waren.

Als sich Fenja umblickte, sah sie einige Demonstranten, die selbst gemachte Plakate hochhielten. Neben »Rettet das Klima« sah sie »Das Klima ändert sich – warum nicht auch du?« und »Weniger Plastik ist Meer«.

Sie nahm Finn das Banner ab, um es zu entrollen. Es trug den Schriftzug »Kein Grad weiter«. Der weiße Stoff wies durch mehrere Demonstrationen eine inzwischen eher gräuliche Farbe auf, doch der Slogan selbst war noch problemlos zu erkennen. Gemeinsam mit Mareike und Finn hielt sie das Banner in die Höhe.

Immer wieder drängten sich Hafenarbeiter und Seeleute durch die Menge im Versuch, ihre Fahrzeuge zu erreichen. Obwohl sie der eine oder andere schiefe Blick traf, machte keiner der Demonstranten Anstalten, sie verbal oder gar körperlich anzugehen.

Ein hochgewachsener, schwarzhaariger Mann in Ölzeug mit einem großen Seesack, den er geschultert hatte, erregte ihre Aufmerksamkeit. Er wirkte nicht gerade erfreut über die vielen Demonstranten, da er sich recht ruppig durch die Menge drängte.

»Lasst mich doch einfach mal durch«, sagte er in genervtem Ton zu mehreren jungen Leuten, die sich angeregt unterhielten. »Stellt euch vor, ich habe heute noch etwas zu erledigen.«

Sie standen in einer Gruppe beisammen und hatten ihn anscheinend noch nicht bemerkt. Auf seine Worte drehten sie sich zu ihm herum.

»Ist ja schon gut, Mann«, sagte einer von ihnen und hob in entwaffnender Geste beide Hände. »Bleib mal gechillt.«

»Genau«, sagte ein anderer. »Wir wollen keinen Stress. Alles ganz friedlich, Mann.«

Obwohl die Jugendlichen ihm bereitwillig Platz machten, warf er ihnen einen finsteren Blick zu, bevor er sich an ihnen vorbeischob. Am liebsten wäre Fenja zu ihm gegangen, um ihn zu fragen, was das sollte.

Alle anderen Werftarbeiter und Seeleute schafften es ja auch durch die Menge, ohne herumzumurren. Vermutlich sympathisierten sogar einige mit den Klimaaktivisten. Bei diesem Mann schien das offensichtlich nicht der Fall zu sein.

Doch Fenja kam nicht dazu, sich weitere Gedanken zu machen, denn der erste Redner bestieg mit einem Mikrophon die kleine Bühne. Bevor er auch nur ein Wort gesagt hatte, begrüßten ihn die Demonstranten mit Jubel und frenetischem Applaus, in den Fenja einfiel.

***

Nachdem sich Fenja in Burhave von ihren Freunden verabschiedet hatte, betrat sie die Pension ihrer Mutter, die diese in einer ihrer seltsamen Anwandlungen von Humor Haus Land unter getauft hatte. Glücklicherweise tat der Name dem Erfolg keinen Abbruch.

Ganz im Gegenteil schienen die Gäste ihn recht erfrischend zu finden, gemessen am vielen Lob, den ihre Mutter dafür erhielt. Vermutlich hatte sie den Namen goldrichtig gewählt, denn so bekam sie die Art von Gästen, die ihr am liebsten waren: humorvoll und etwas schräg.

Leider hatte sie sich bei der Namensgebung ihrer Tochter vor neunundzwanzig Jahren als ähnlich schräg erwiesen. Warum hätte sie sonst auf die Idee kommen sollen, Fenja nach ihren Großmüttern zu benennen? Grundsätzlich war das ja völlig in Ordnung, bis auf eine Kleinigkeit.

Sie konnte wahrhaft dankbar sein, dass zumindest der erste Teil ihres Namens zu ertragen war. Leider hatte sich ihre Mutter für einen Doppelnamen entschieden, um keine ihrer Großmütter zu benachteiligen. Daher hatte sie das zweifelhafte Glück, Fenja-Giesberta zu heißen.

In Kombination bedeutete er die Friedliche, Glänzende, wenn man ihn freundlich auslegte. Was während ihrer Kindheit jedoch niemanden interessiert hatte. Bereits im Kindergarten hatte Fenja daher darauf bestanden, nur mit dem ersten Teil ihres Namens angesprochen zu werden. Was zu ihrer Erleichterung größtenteils funktioniert hatte.

Ein Rascheln und Trampeln kam aus dem kleinen Speisesaal, der an den Eingangsbereich grenzte. Fenja unterdrückte ein Seufzen, da sie sich schon denken konnte, woher die Geräusche stammten.

Dass die Tür nur angelehnt war, bekräftigte ihren Verdacht. Ein Anflug von Panik stieg in ihr auf bei dem Gedanken, was sie wohl hinter der Tür erwartete. Hoffentlich war keine Renovierung nötig.

Zwei Übeltäter verursachten mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit die Geräusche. Fenja liebte die beiden über alles, doch so manches Mal kosteten sie sie fast den letzten Nerv.

Einer der zwei konnte zu ihrem Leidwesen Türen öffnen, was er bei jeder sich bietenden Gelegenheit tat. Zudem war er so schlau, sie mit seinem Hinterteil wieder zu schließen, was ihm heute nicht bis zur Gänze gelungen war.

Fenja betrat todesmutig den Speiseraum und scannte ihn. Sämtliche Möbel sahen intakt aus, das war schon mal gut. Okay, der Laminatboden wirkte etwas mitgenommen, aber das ließ sich mit Schrubber, Reinigungszeug und Wasser leicht beheben.

Halb belustigt, halb verzweifelt blickte Fenja die beiden Übeltäter an. »Ihr macht euren Namen wirklich alle Ehre«, sagte sie mit mildem Vorwurf in der Stimme, bevor sie die Situation genauer in Augenschein nahm.

Ein stets etwas zerzaust wirkendes Minischwein mit einem schwarzen Fleck über dem rechten Auge transportierte gerade flotten Schrittes einen silberfarbenen Löffel quer in seinem Maul durch den Raum. Den Blick in seinen Augen interpretierte Fenja eindeutig als triumphierend.

Ebenso wie den des grauen kleinen Esels, der sicherlich maßgeblich zur Entwendung des Utensils beigetragen hatte. Dass dem so war, erkannte Fenja Sekunden später an der offen stehenden Besteckschublade.

Minischwein Moritz war eindeutig zu klein, um dort heranzukommen. Daher musste es Max gelungen sein, sie irgendwie zu öffnen und seinem besten Kumpel das Diebesgut zu überreichen, damit er es entwenden konnte. Längst hatte Fenja aufgehört, sich darüber zu wundern, wie er dergleichen zustande brachte.

Momentan war Max schwer damit beschäftigt, die Blumen zu fressen, die auf den Eichentischen aus Massivholz standen. Dass er dabei die Vasen umwarf, störte ihn nicht. Wie es auf den ersten Blick aussah, waren alle heil geblieben. Immerhin musste Fenja also nur die nassen blau-weiß karierten Tischdecken auswechseln, das Wasser aufwischen und die Vasen aus Blauglas neu befüllen.

»Was um alles in der Welt willst du mit einem Löffel?«, fragte Fenja. »Es wäre mir neu, dass du jetzt Besteck für ein Drei-Gänge-Menü brauchst.«

Als Antwort ließ Moritz ein fröhliches Quieken vernehmen, wobei er peinlichst genau darauf achtete, seine Beute nicht loszulassen. Max war wohl der Ansicht, dass ihm zu wenig Aufmerksamkeit zukam, denn er ließ von den kümmerlichen Blumenresten ab und trabte auf Fenja zu.

Mehrmals stupste er sie auffordernd gegen eine Schulter, bis sie ihm durch das strubbelige Fellbüschel an seiner Stirn wuschelte. Dies wiederum schien Moritz zu missfallen, da auch er zu Fenja ging, um sie anzustupsen.

Er kam allerdings nur bis zu ihrem Knie. In der Gewissheit, dass sie angesichts des Charmes der beiden wie immer verloren hatte, beugte sie sich hinunter, um auch ihn zu streicheln.

Danach war es an der Zeit, die Blumen zu retten, die sich Max noch nicht einverleibt hatte. So schnell sie konnte, rannte Fenja zu den beiden verbliebenen Tischen, auf denen die Vasen noch senkrecht standen. Sie stellte sie auf einen Schrank, der wie die Tische aus Eiche-Massivholz bestand.

Als sie sich umdrehte, sah sie Max, der sie mit einem eindeutig beleidigten Blick bedachte. »Du sturer Esel«, sagte sie und lachte. »Tut mir leid, dass ich deine Pläne durchkreuzt habe.«

Nun machte sich Fenja daran, Moritz den Löffel zu entwenden. Täte sie es nicht, würde er ihn hundegleich irgendwo verbuddeln, und er wäre nie wieder aufzufinden. Daher eilte sie dem Minischwein hinterher, das seinen Schritt beschleunigte, als es seine Verfolgerin bemerkte.

Den Kopf des exakt siebenundsiebzig Zentimeter langen Moritz zu erhaschen, erwies sich als recht kompliziert. Seine Schnauze störrisch gesenkt, zeigte sich das Minischwein alles andere als willig, seine Beute herzugeben.

Gerade als es ihr gelungen war, Moritz’ Hinterteil zu umgreifen, quiekte er empört auf und machte einen Satz. Dies führte dazu, dass Fenja wenig elegant ein Stück über den Boden schlitterte, woraufhin sie nach vorne fiel. Ein tiefer Seufzer entfuhr ihr, und sie barg ihr Gesicht einen Augenblick in den Armen.

Als sie sich aufrichtete, hörte sie hinter sich ein leises Lachen, das unmöglich von den Tieren stammen konnte. Immer noch kniend, blickte sie sich um. Wen sie sah, war ausgerechnet der unhöfliche Typ von der Demonstration. Was wollte der denn hier? Momentan wirkte er allerdings nicht genervt, sondern ausgesprochen amüsiert.

Fenja seufzte erneut. Der Tag schien sich eindeutig nicht zu ihrem Vorteil zu entwickeln. »Können Sie nicht anklopfen?«, fragte sie, wobei sie versuchte, ihrer Stimme einen neutralen Ton zu verleihen.

»Das habe ich«, erwiderte der Mann und deutete vielsagend auf den Türrahmen. »Sie haben mich wohl nicht gehört, weil Sie … beschäftigt waren.«

»Aha.«

»An der Rezeption war niemand, weswegen ich den Geräuschen nachgegangen bin«, sagte er mit einem Gesicht, in dem es eindeutig arbeitete. Sekunden später gab er auf und brach in schallendes Gelächter aus.

Schlagartig kam er Fenja gar nicht mehr so unsympathisch vor. Da sie sich ohnehin blamiert hatte, nutzte sie die Gelegenheit. Zu zweit würden sie es eher schaffen, Moritz seine Beute zu entreißen.

»Na ja, wenn Sie schon mal hier sind, könnten Sie mir vielleicht helfen?«, fragte sie daher.

»Wenn ich mich hier so umschaue, haben die zwei Rabauken bereits ganze Arbeit geleistet.«

Der Mann trat zu Fenja und hielt ihr eine Hand hin. Sie ergriff sie, und er half ihr auf. Nachdem sie sich hochgerappelt hatte, sah auch sie sich nochmals im Speisesaal um. Sie musste grinsen, denn er hatte eindeutig recht. Es würde einige Zeit in Anspruch nehmen, den Raum wieder gästegerecht herzurichten.

Dennoch winkte sie ab. »Das war noch gar nichts. Diesmal sind wenigstens keine Möbel zu Bruch gegangen.«

Aus sicherem Abstand beobachtete Moritz den Neuankömmling, wohingegen Max näher kam, da die Objekte seiner Begierde sich nun außer Reichweite befanden. Zutraulich schnupperte er am Ölzeug, das der Mann immer noch trug, woraufhin er ein paar Streicheleinheiten erhielt.

»Es geht darum, Moritz den Löffel wegzunehmen, den er sonst irgendwo verbuddeln wird.«

Der Mann schmunzelte. »Sie haben nicht zufällig noch einen Hund in der Pension, bei dem er sich das abgeschaut hat?«

Fenja schüttelte den Kopf. »Nur den Esel. Moritz kommt leider von selbst auf solchen Unsinn.« Sie erinnerte sich an ihre guten Manieren und streckte dem Mann die Rechte hin. »Ich bin übrigens Fenja Hanssen.«

»Oh, Verzeihung, wie unhöflich von mir«, erwiderte der Mann und ergriff sie. »Mein Name ist Arndt. Arndt Martens.«

Angesichts seines angenehmen Händedrucks verlieh ihm Fenja einen Sympathiepunkt, da sie es hasste, wenn jemand zu fest zudrückte. Oder zu lasch. Doch seinen Händedruck empfand sie als genau richtig und durchaus angenehm.

Gleichzeitig ließen sie los, woraufhin ihre Finger versehentlich übereinanderstrichen. Etwas verlegen lächelten sie sich an.

»Dürfen die beiden denn frei im Haus herumlaufen?«, fragte Arndt.

»Wenn es nach ihnen geht, schon.« Belustigt musterte Fenja die tierischen Übeltäter. »Normalerweise gehören sie allerdings auf die große Wiese hinter dem Haus. Oder in den Stall, wenn es zu kalt ist.«

»Wie kommen sie dann hier herein?«

»Das müssen Sie unseren Ausbrecherkönig fragen.« Fenja deutete auf Max. »Egal, was wir tun, er lässt sich immer etwas Neues einfallen.« Sie räusperte sich. »Wir sollten mal, bevor ihm noch mehr Ideen kommen.«

Wenn sie seinen vorwitzigen Blick richtig deutete, schmiedete er gerade Fluchtpläne. Sie musste aufpassen, dass er nicht an ihnen vorbeirannte. In dem Fall konnte es gefühlte Stunden dauern, bis sie ihn und das Minischwein eingefangen hatten.

»Wie gehen wir am besten vor?«

Auf Fenja wirkte Arndt recht unternehmungslustig. Ob er sich auf die bevorstehende Aufgabe freute? Sie selbst wusste aus leidiger Erfahrung, dass sich das Ganze länger hinziehen konnte, als ihr lieb war.

»Wir versuchen, ihn einzukesseln«, erklärte sie. »Dabei ist es wichtig, dass wir Moritz keine Gelegenheit geben, an uns vorbeizuhuschen.« Sie hob einen Zeigefinger. »Und es ist wichtig, dass du tief arbeitest. Du siehst ja selbst, wie klein er ist.« Ihr fiel etwas auf und sie presste sich beide Hände auf den Mund. »Herrje, jetzt habe ich Sie geduzt. Tut mir leid.«

Lachend winkte Arndt ab. »Kein Problem. Das ist mir sowieso viel lieber.«

»Okay.« Erleichtert ließ Fenja den Atem aus ihrer Lunge entweichen. »Legen wir los?«

»Alles klar. Einkesseln, festhalten, Löffel erobern. Habe ich das richtig verstanden?«

Fenja nickte. Vorsorglich bewegte sie sich langsam zur Tür, um sie mit einem Ruck zu schließen. Für Max bedeutete es zwar kein Problem, sie wieder zu öffnen, doch sie musste auf ihr Glück vertrauen, denn einen Schlüssel hatte sie nicht.

Auf ihr Handzeichen bewegten sich die beiden langsam in gebückter Haltung in Richtung des Minischweins, wobei Fenja hoffte, dass Max nicht auf die Idee kam, seinem Kumpel zu Hilfe zu eilen. Es wäre nicht das erste Mal, dass sie von ihm einen kräftigen Stubs in den Allerwertesten erhielt.

Heute schien sich der kleine Esel allerdings mit der Rolle des Zuschauers zu begnügen. Als Fenja zu ihm schielte, stand er immer noch in der Nähe der Tür und machte keine Anstalten, sich darauf zuzubewegen. Womöglich wartete er jedoch nur auf den richtigen Augenblick, um sie zu öffnen, während sie gerade abgelenkt war.

Auch Moritz rührte sich momentan nicht von der Stelle. Vorhin war er fast bis zur Wand zurückgewichen. Dort stand er nun und beäugte abwechselnd Fenja und Arndt. Wie sie ihn kannte, wartete er nur auf den richtigen Moment, um voll durchzustarten.

»Wenn wir es nicht in ein paar Minuten schaffen, hole ich am besten ein paar Leckerlis«, raunte Fenja ihrem Helfer zu. »Du musst dann nur die Tür bewachen.«

»Alles klar«, gab Arndt ebenso leise zurück.

Kurz bevor sie Moritz erreichten, sah Fenja, wie er seine Muskeln anspannte. »Jetzt!«, rief sie.

Schnell machte Arndt einen Satz nach vorne, um sich auf das Minischwein zu werfen. Als es protestierend quiekte, riss Fenja die Augen auf in der Sorge, der kräftige Mann könnte es verletzt haben. Wobei sie sich hätte denken können, dass diese unbegründet war, da Moritz knapp neunzig Kilogramm wog.

Zu ihrer Erleichterung schien es ihm gut zu gehen. Der kleine Dieb zeigte sich lediglich schwer entrüstet, seiner Freiheit beraubt worden zu sein. Mit festem Griff hielt Arndt ihn umfangen, so dass Fenja nur noch am Löffel rütteln musste, bis Moritz ihn endlich freigab.

»Ob man den noch retten kann?«, murmelte sie, als sie die Bissspuren im Silberbesteck sah. »Na ja, Hauptsache, er hat nicht noch was vergraben.«

»Wäre das so schlimm?«, wollte Arndt wissen.

Fenja verzog das Gesicht. »Irgendwann ist die Wiese halt voll.« Da Arndt das Minischwein immer noch festhielt, fügte sie hinzu: »Könntest du eben so bleiben? Ich hole schnell die Halfter, sonst bekomme ich die beiden nicht zurück auf die Wiese.«

Amüsiert blickte er zu ihr hoch. »Kein Problem. Ich schließe solange Freundschaft mit ihm.«

»Aber sei vorsichtig. Wenn Max das nicht gefällt, kann er ganz schön rabiat werden.«

»Beeil dich besser. Moritz sieht nämlich derzeit auch nicht so aus, als wäre er an meiner Freundschaft interessiert.«

Als Antwort erhielt Arndt ein empörtes Quieken, verbunden mit dem Versuch, sich aus seinem Griff zu zappeln.

Nach einem Nicken eilte Fenja aus dem Raum. Zum Glück befanden sich die Halfter und Führleinen der beiden in weiser Voraussicht in einer Ecke der Rezeption an einem Haken.

Kurz darauf trugen die Vierbeiner Halfter und Führleine. Inzwischen schien sich Moritz mit seinem Schicksal abgefunden zu haben, denn er folgte brav Arndt, der ihn aus dem Speiseraum führte. Allerdings hatte Max nun ein Problem damit, auf die Wiese zurückzukehren. Störrisch schüttelte er den Kopf und stampfte mehrmals mit einem Vorderhuf auf.

Es bedurfte aller Überredungskünste Fenjas, bis er sich endlich dazu herabließ, mit ihr zu gehen. Gefolgt von Arndt und Moritz machten sie sich auf den Weg zur großen Wiese, die sich hinter dem Garten der Pension erstreckte.

Der Riegel an der Gattertür stand oben. Wieder einmal war es dem schlauen Esel gelungen, ihn zu öffnen. Ihre Mutter hatte schon öfter überlegt, ob es Sinn ergab, ein Vorhängeschloss anzubringen, sich jedoch stets dagegen entschieden. Es war ihr durchaus zuzutrauen, dass ihr insgeheim die Vorstellung gefiel, dass Max sich und Moritz befreien konnte.

Hätte sie Fenja dergleichen erzählt, wäre ihr deren Zustimmung sicher gewesen. Die beiden Tiere stellten zwar eine Menge Unsinn an, doch Fenja wollte es nicht missen. Zu liebenswert fand sie die beiden kleinen Halunken. Böse sein konnte sie ihnen ohnehin nicht.

Auf der Wiese angekommen, nahm sie ihnen die Halfter ab. Nach einem frechen Stups in Fenjas Seite galoppierte Max davon, wobei er mehrmals laut iahte. Moritz folgte ihm weitaus langsamer, da er es spannender fand, auf dem Boden herumzuschnüffeln.

Lächelnd beobachtete Fenja sie eine Weile. So sahen ihrer Meinung nach glückliche Tiere aus. Die beiden waren schon ein besonderes Gespann. Langweilig wurde es mit ihnen zumindest nicht. Sie hoffte sehr, dass ihr Max und Moritz noch lange erhalten blieben.

Zurück in der Pension ging Fenja hinter den Tresen, um Arndt als Gast aufzunehmen und ihm den Schlüssel zu überreichen. Sie hatte ihm gerade das Aufnahmeformular hingeschoben, als ein lauter Schrei aus dem Frühstücksraum drang.

»Hier ist ja ganz schön was los.« Arndt legte seinen Stift wieder hin und eilte los.

Nachdem sie erfolgreich einen Seufzer unterdrückt hatte, folgte ihm Fenja. Sie wusste bereits, zu wem die Stimme gehörte.

Eine hochgewachsene Frau mit grauer Lockenmähne stand mitten im Raum und begutachtete das Chaos. Theatralisch schlug sie die Hände über dem Kopf zusammen.

»Hallo Mama«, sagte Fenja, woraufhin sich Astrid ihr zuwandte.

»Hi Schatz.« In resignierter Geste hob sie halbherzig beide Hände und ließ sie wieder sinken. »Lass mich raten: Max und Moritz?«

Fenja musste lachen. »Wer sonst?«

***

Am nächsten Morgen betrat Fenja herzhaft gähnend den Frühstücksraum. Als sie gestern endlich im Bett gelegen hatte, war ihr natürlich ihr Ex-Freund Axel in den Sinn gekommen. Hartnäckig waren Gedanken an ihn und die Trennung durch ihren Kopf gegeistert. Fenja verstand immer noch nicht, warum er aus heiterem Himmel Schluss gemacht hatte.

Eine richtige Erklärung dazu wollte er ihr nicht liefern, egal, wie oft sie bei ihrem letzten Gespräch danach gefragt hatte. Er sagte nur, dass er keine Gefühle mehr für sie hätte und sie das akzeptieren müsse. Binnen drei Tagen habe sie seine Wohnung zu verlassen. Bei seinen Worten wurde Fenja wütend und warf ihm einige kräftige Ausdrücke an den Kopf.

Daraufhin drehte er sich ohne ein weiteres Wort um und ging. Da Fenja dummerweise damals ihre Wohnung gekündigt hatte und spontan zu ihm gezogen war, stand sie nicht mit im Mietvertrag. Deshalb hatte sie keine Ahnung, was sie tun sollte.

Nach einiger Zeit der tränenreichen Trauer und Verzweiflung stieg erneut Wut in ihr hoch. Was fiel diesem Mistkerl eigentlich ein, sie einfach vor die Tür zu setzen? Durfte er das überhaupt? Hatte er nicht irgendwelche Fristen einzuhalten?

Sie beschloss, ihre Mutter danach zu fragen. Inzwischen fühlte sie sich seltsam leer, wie ausgesaugt. Normalerweise hätte sie sich immer noch traurig und verzweifelt darüber fühlen müssen, dass ihre dreijährige Beziehung von jetzt auf gleich vorbei war. Doch sie schien zu keiner Emotion mehr fähig zu sein.

Daher gelang es ihr, ihrer Mutter ruhig und sachlich am Telefon zu schildern, was sich zugetragen hatte. Astrid fackelte nicht lange, sondern befahl ihrer Tochter in resolutem Ton, ihre Sachen zu packen und so schnell wie möglich in die Pension zu kommen.

Zu diesem Zeitpunkt wussten Mareike und Finn noch nicht einmal etwas von der Trennung. Das erzählte Fenja ihnen erst am Abend des Folgetages. Auch die beiden verstanden nicht, was in Axel gefahren war, und verfluchten ihn mit kräftigen Worten. Sie hatten Fenjas Meinung geteilt, dass die Beziehung glücklich gewesen war.

Ein Trugschluss, wie sich herausgestellt hatte. Mehrmals suchte Fenja danach das Gespräch mit Axel. Sie wollte einfach verstehen, warum er so gehandelt hatte. Doch er ließ sich nicht darauf ein, weswegen sie schließlich aufgegeben hatte.

Tagsüber kam sie gut damit zurecht, da sie sich stets zu beschäftigen wusste. Als Wattführerin mit eigener kleiner Firma gab es immer etwas zu tun. Zudem half sie ihrer Mutter in der Pension, wo sie konnte.

Nur abends, wenn sie im Bett lag, stieg alles wieder in ihr auf. Jeden einzelnen Abend. Von der anfänglichen Emotionslosigkeit war nichts mehr zu spüren. Ganz im Gegenteil wechselten sich die unterschiedlichsten Gefühle ab. Sie reichten von Traurigkeit bis zu unbändiger Wut.

Dazu kamen die schier endlosen Gedanken, die sich im Kreis drehten. Dies führte dazu, dass Fenja derzeit nicht allzu gut schlief. Ziemlich mies, um genau zu sein.

Daher gähnte sie nun noch einmal und machte sich auf den Weg zum Büfett. Ihre Mutter hatte darauf bestanden, dass sie sich morgens wie ein Gast verwöhnen ließ, um für den Tag gerüstet zu sein. Dagegen hatte Fenja zwar protestiert, aber ihre Mutter blickte sie nur streng an.

»Fenja-Giesberta, ich dulde keine Widerrede!«, hatte sie gesagt, weswegen sich Fenja seufzend in ihr Schicksal fügte und jedes weitere Wort unterdrückte.

Als sie mit einem noch leeren Teller am Frühstücksbüfett anstand, hörte sie hinter sich einen an sie gerichteten Gruß. Sie blickte sich um und sah Arndt, der ebenfalls mit leerem Teller darauf wartete, dass er an der Reihe war.

»Na, sind Max und Moritz schon wieder ausgebüxt?«, fragte er und zwinkerte sie an.

Fenja lachte. »Zum Glück nicht. Sonst hätten wir den Frühstücksraum sicher nicht rechtzeitig sauber bekommen.«

»Hast du Lust, dich gleich mit zu mir an den Tisch zu setzen? Ich esse so ungern alleine.« Während er sprach, blickte Arndt zu Boden, als wäre es ihm ein wenig peinlich.

»Klar, warum nicht?«, erwiderte Fenja, wobei sie bereits überlegte, ob das eine so gute Idee war.

Gestern auf der Demo hatte er sich recht unfreundlich verhalten, was nicht gerade für ihn sprach. Andererseits zeigte er sich ihr gegenüber hilfsbereit und schien netter zu sein, als sie auf den ersten Blick gedacht hatte.

Dennoch hatte sie derzeit von Männern gestrichen die Nase voll. Aber Arndt machte ihr ja keine Avancen, sondern wollte nur mit ihr frühstücken. Sie beschloss, ihm eine Chance zu geben, da es kaum Schlimmeres für sie gab, als Menschen ohne Hintergrundinformationen vorzuverurteilen.

Kurz darauf saßen die beiden an Arndts Tisch. Hungrig biss Fenja von ihrem Brötchen ab und schaufelte sich zusätzlich eine Ladung Rührei in den Mund. Mit einem wohligen Gefühl schloss sie einen Moment die Augen. Ihre Mutter machte einfach das beste Rührei auf der ganzen Welt.

Als sie die Augen wieder öffnete, fiel ihr auf, dass Arndt sie belustigt anschaute. »Is was?«, fragte sie mit vollem Mund.

»Alles bestens. Ich staune nur über deinen gesegneten Appetit. Viele Frauen, die ich kenne, kauen ja kaum auf einem Salatblatt herum.«

»Issoch Qusch«, sagte Fenja. Sie bemerkte, dass sie nicht wirklich verständlich sprach, und schluckte erst einmal herunter. »Ist doch Quatsch«, wiederholte sie ihre Worte. »Also ich kenne keine einzige Frau, die sich mit einer Ziege verwechselt.«

Arndt lachte. »Nun, dann scheine ich wohl die falschen Frauen im Bekanntenkreis zu haben.«

»Bei deinem Job kommst du auch nicht mit sonderlich vielen in Kontakt.«

Arndt setzte an, etwas zu erwidern, doch er kam nicht dazu, da Astrid zu ihnen an den Tisch trat. Höflich erhob er sich halb und streckte ihr seine Rechte hin, die sie ergriff.

»Meine Tochter hat mir erzählt, dass Sie gestern geholfen haben, Max und Moritz einzufangen«, sagte Astrid. »Dafür wollte ich mich herzlich bei Ihnen bedanken.«

Mit einem Lächeln winkte Arndt ab. »Keine Ursache. Das habe ich gerne getan. Es war mal etwas ganz anderes, das muss ich schon sagen.«

»Allerdings.« Astrid seufzte. »Manchmal könnte ich die beiden Halunken am Schlafittchen packen und ordentlich schütteln.«

»Das würdest du nie übers Herz bringen, Mama. Du schaffst es ja nicht mal, die Wiese in einen Hochsicherheitstrakt zu verwandeln.«

»Was soll ich machen?« Astrid zuckte mit den Schultern. »Die Gäste lieben die beiden, wie sie sind. Vor allem unsere Stammgäste würden mir aufs Dach steigen, wenn sie nicht ab und an tierischen Besuch bekämen. Und du übrigens auch.«

»Hast ja recht«, sagte Fenja und lächelte sie an. »Max würde es uns auch nie verzeihen, wenn wir ihm seinen Titel als Ausbruchskönig aberkennen.«

Astrid lächelte zurück. »Haben Sie alles, was Sie brauchen?«, fragte sie an Arndt gewandt.

»Alles bestens, vielen Dank. Vor allem das Rührei ist wirklich ein Gedicht.«

»Freut mich zu hören.« Sichtlich geschmeichelt strahlte Astrid ihn an. »Ach ja, Fenja, ich habe dir frische Handtücher aufs Zimmer gelegt.«

»Danke, das ist lieb.«

»Sie verwöhnen Ihre Tochter ja ganz schön«, sagte Arndt, dessen Gesichtsausdruck nicht erkennen ließ, wie er die angebliche Tatsache fand.

»Oh, keineswegs.« Astrid schüttelte den Kopf. »In der Pension ist Fenja eine echte Unterstützung. Ich habe ihr nur verboten, auch noch beim Frühstück mitzuhelfen. Sie macht mehr als genug für mich, und mit ihrem Geschäft hat sie ohnehin alle Hände voll zu tun. Wissen Sie, ich habe zu ihr gesagt: ›Fenja-Gies…‹«

Sofort hob Fenja mahnend einen Zeigefinger. »Untersteh dich!«

Ihre Mutter lachte. »Ist ja schon gut. Meine Lippen sind versiegelt.« Sie zwinkerte ihr zu. »Na, dann lasse ich euch jetzt mal weiter frühstücken.«

Mit einem jugendlichen Hüftschwung, der ihre siebenundfünfzig Jahre Lügen strafte, drehte sie sich um und eilte davon. Liebevoll blickte Fenja ihr nach, wie sie mit einem fröhlichen Lächeln die nächsten Gäste begrüßte.

Ihre Mutter war das absolute Herzstück der Pension und der dazugehörigen kleinen Kneipe. Ohne sie ging gar nichts. Stets zeigte sie sich herzlich und zuvorkommend gegenüber den Gästen, was diese ihr mit Zufriedenheit dankten. Im Internet fand sich keine einzige schlechte Bewertung, was für die hervorragende Qualität in Haus Land unter stand.

Die Mitarbeiter sorgten für saubere Zimmer und taten wie Astrid ihr Möglichstes, damit die Gäste zufrieden waren. Noch nie hatte Fenja gehört, dass ein böses Wort gefallen war. Ganz im Gegenteil prägte den Umgang unter den Mitarbeitern gegenseitige Wertschätzung.

Sie konnten sich glücklich schätzen, solch eine Chefin zu haben. Auch Fenja war dankbar, dass sie Astrid zur Mutter hatte. Bisweilen zeigte sie sich zwar etwas resolut, doch unter der Schale verbarg sich ein butterweicher Kern. Gut, ihre Neigung, sie Fenja-Giesberta zu nennen, war etwas nervig, aber damit konnte sie prima leben.

In Gedanken verknüpfte Fenja ihre Mutter immer mit der Pension. Für sie war es unvorstellbar, dass sie sie eines Tages dort nicht vorfand. Genau wie Max und Moritz war Astrid untrennbar mit Haus Land unter verbunden.

Fenja fiel ein, dass sie Arndt unbedingt fragen wollte, warum er sich gestern so unhöflich verhalten hatte.

»Weißt du, ich habe dich gestern auf der Demo gesehen«, sagte sie daher. Sie hielt inne, um zu überlegen, wie sie ihre Worte formulieren konnte, ohne Arndt vor den Kopf zu stoßen.

Er blickte sie an. »Stimmt, ich war dort. Du bist mir allerdings nicht aufgefallen.«

»Na ja, es war ziemlich viel los. Außerdem warst du damit beschäftigt, ein paar Jugendlichen den Marsch zu blasen, weil sie im Weg standen. Hast du vielleicht etwas gegen Demonstranten?«

»Nein, natürlich nicht!« Heftig schüttelte Arndt den Kopf. »Ich finde es toll, dass ihr euch für die Umwelt einsetzt. Ein paar Mal habe ich sogar selbst an einer Demonstration teilgenommen, aber meistens fehlt mir leider die Zeit dafür.«

Verständnislos blickte Fenja ihn an. »Warum hast du dann so heftig reagiert?«

Arndt verzog das Gesicht zu einer Grimasse, die seinen Kummer ausdrückte. »Ich hatte es furchtbar eilig. Meine Mutter liegt seit einigen Tagen im Krankenhaus, weswegen ich so schnell wie möglich zu ihr wollte. Da habe ich wohl ein wenig überreagiert.«

Erschrocken ließ Fenja ihre Gabel fallen und schlug sich beide Hände vor den Mund. »Das tut mir sehr leid«, sagte sie. »Ich hoffe, es ist nichts Schlimmes?«

»Sie hatte einen Schlaganfall.« Bevor Fenja reagieren konnte, fuhr er fort: »Zum Glück hat mein Vater es direkt bemerkt und den Rettungswagen gerufen. Nach dem Krankenhaus muss sie zwar in Reha, aber es sieht so aus, als würde sie keine bleibenden Schäden davontragen.«

»Gott sei Dank«, entfuhr es Fenja. »Kein Wunder, dass du es so eilig hattest. Es muss schrecklich gewesen sein, davon zu erfahren und erst mal nicht zu ihr zu können.«

»Das war es.« Mit gesenktem Kopf griff Arndt nach einem Teelöffel und rührte damit in seinem Kaffee herum. »Deshalb wohne ich zurzeit auch hier in der Pension. Normalerweise wäre ich über die freien Tage nach Hause gefahren, doch von Hamburg ist mir das einfach zu weit.«

»Verstehe ich gut. Sicher willst du jeden Tag nach ihr sehen.«

Arndt nickte. »Genau. Gleich nach dem Frühstück fahre ich wieder zu ihr.«

»Richte ihr bitte gute Besserung von mir aus.«

»Mach ich«, erwiderte Arndt. Er hob den Kopf und schaute Fenja direkt in die Augen.

Jetzt erst bemerkte sie, dass eines davon braun und das andere grün war. Fasziniert starrte sie ihn an. Als sie merkte, was sie tat, senkte sie schnell den Blick. Himmel, es fehlte noch, dass ihr der Mund offen stand!

Ob er es bemerkt hatte, ließ Arndt nicht erkennen.

»Wie bist du eigentlich auf die Idee gekommen, auf einem Containerschiff zu arbeiten?«, fragte Fenja schnell, um sich abzulenken. »Sonderlich gut für die Umwelt ist es ja nicht.«

»Das ist mir durchaus bewusst.« Arndt verzog den Mund zu einem schiefen Lächeln. »Es lässt sich jedoch nicht verhindern, dass Containerschiffe fahren. Mittlerweile gibt es rund 90 000 davon, die etwa neunzig Prozent aller Konsumgüter rund um die Welt verschiffen. Da ich unbedingt auf See arbeiten wollte, habe ich mich dazu entschieden, Erster Nautischer Schiffsoffizier zu werden, was auch geklappt hat.«

»Und was willst du mir damit sagen?«, fragte Fenja, während sie ihn mit schief gelegtem Kopf musterte.

»Nun ja, ich bin unter anderem dafür verantwortlich, dass die Umweltschutzrichtlinien eingehalten werden, und somit auch für die korrekte Entsorgung von Abfällen an Bord.«

»Dann schlägst du zwei Fliegen mit einer Klappe? Du hast dir deinen Traum ermöglicht und versuchst gleichzeitig, vor Ort etwas für die Umwelt zu tun?«, hakte Fenja nach, um sich zu vergewissern, dass sie ihn richtig verstanden hatte.

»Genau. Die ML Diamond, also das Schiff, auf dem ich arbeite, weist eine verbesserte Umweltfreundlichkeit und Energieeffizienz auf. Das bedeutet, dass mehr Container pro Schiff und Liter Treibstoff transportiert werden können.«

Fenja nickte langsam.

»Das ist schon mal ein guter Anfang. Aber auf Dauer werden wohl nur Solarstrom oder Elektromotoren helfen, die mit gespeicherter Wind-, Wasser- und Solarkraft angetrieben werden, fürchte ich.«

»Das Hauptproblem hierbei sind die langen Transportwege, weswegen für größere Schiffe nur Hybridsysteme geeignet sind. Die ML Diamond ist zum Beispiel zusätzlich mit zylindrischen Segeln ausgestattet.«

Anerkennend blickte Fenja ihn an. »Du hast dir ja richtig Gedanken gemacht. Das hätte ich nicht gedacht, als ich dich auf der Demo gesehen habe.«

»Kein Wunder. Ich muss ja richtiggehend feindselig gewirkt haben.«

Nach einem Blick auf die große Uhr, die im Speiseraum hing, sprang Fenja auf. »Herrje, ich muss los! Sonst gehen meine Teilnehmer noch ohne mich ins Watt und schaffen es womöglich, von der Flut eingeholt zu werden.«

»Eine Wattführerin also«, kommentierte Arndt in trockenem Ton. »Hätte ich mir irgendwie denken können.«

»Wieso hättest du dir das denken können? Man sieht es mir ja nicht an der Nasenspitze an.«

»Na ja, dein Einsatz für die Umwelt und deine Liebe zum Meer lassen schon darauf schließen, dass du etwas machst, das mit Wasser zu tun hat und die Natur nicht schädigt.« Arndt lächelte sie an. »Und das meine ich keinesfalls negativ, nicht dass du mich falsch verstehst.«

»So habe ich das auch nicht verstanden«, erwiderte Fenja und lächelte zurück. »Du hast auf jeden Fall die richtigen Schlüsse gezogen. Und das, obwohl wir uns kaum kennen.«

»Vielleicht habe ich ja eine gute Menschenkenntnis.« Nach seinen Worten warf Arndt einen vielsagenden Blick auf die Uhr. »Ich will dich nicht verscheuchen, aber sagtest du nicht, du musst los?«

Erschrocken zuckte Fenja zusammen. Jetzt wurde es wirklich Zeit, bevor sie sich noch verquatschte und zu spät kam. Eilig griff sie nach ihrem Rucksack und verabschiedete sich von Arndt. Dann eilte sie hinaus, dem Meer und dem besten Job der Welt entgegen.

Kapitel 2

Die nächsten zwei Tage bekam Fenja Arndt nicht zu Gesicht. Da sie gezeitenbedingt an den beiden Morgen recht früh losmusste, frühstückte sie bereits um sieben Uhr, weswegen sie ihn im Speiseraum nicht antraf. Auch sonst begegneten sie sich nirgendwo in der Pension. Ein Teil von ihr musste sich eingestehen, dass sie es etwas schade fand.

Inzwischen hatte sie ihren ersten Eindruck von ihm völlig verworfen. Dass er sich auf der Demo so ruppig verhalten hatte, konnte sie sehr gut nachvollziehen. Sie hätte sich sicher auch nicht gerade höflich benommen, wenn ihrer Mutter etwas zugestoßen wäre und sie so schnell wie möglich zu ihr wollte.

Pünktlich um acht Uhr stand sie vor ihrem kleinen Arbeitshäuschen, das kaum mehr als ein Kabuff war. Dort verkaufte sie Tickets und gab bereitwillig Informationen an Touristen, die sich nach einer Wattwanderung erkundigten.

Den größten Teil der Anfragen erhielt sie per E-Mail oder telefonisch. Bis vor wenigen Jahren war das noch anders gewesen, doch die Zeiten änderten sich nun einmal, genau wie die Gezeiten.

Wie in der Hauptsaison üblich, stellte sie sich darauf ein, einige Interessenten wegschicken zu müssen. Vorrang hatten die Teilnehmer mit einer Vorabreservierung. Dies bedeutete leider auch traurige Kinderaugen, wenn der Nachwuchs erfuhr, dass es an diesem Tag nichts mit der Wattwanderung wurde. Aber es war nicht zu ändern, da Fenja nur eine begrenzte Anzahl an Leuten mitnehmen konnte.

Sie stellte ihren Rucksack hinter den kleinen Verkaufstresen und öffnete das Reservierungsbuch, das sich darauf befand. Sorgfältig übertrug sie die eingegangenen Reservierungen von ihrem Smartphone, damit sie gleich den Überblick behielt.

Als neben ihr ein »Guten Morgen« ertönte, blickte Fenja auf. Überrascht erkannte sie, dass es Arndt war. Was wollte er denn hier? Warum war er nicht bei seiner Mutter? Sicher würde sie es gleich erfahren.

»Ich würde gerne an einer Wattwanderung teilnehmen.« Arndt lächelte sie an.

»Ob das heute geht, kann ich dir gleich sagen«, erwiderte sie, wobei sie sich bemühte, möglichst geschäftsmäßig zu wirken.

Dabei pochte ihr Herz schneller, als es sollte. War er etwa ihretwegen hier? Oder wollte er schlicht an einer Wattwanderung teilnehmen? Sie konnte nicht sagen, was ihr lieber wäre.

Jedenfalls musste es ihr irgendwie gelingen, sich nichts von ihrer unerklärlichen Aufregung anmerken zu lassen. Sie würde ihn einfach wie einen ganz normalen Gast behandeln.

Dies sollte ja kein Problem darstellen.

Wie es sich herausstellte, hatte Fenja in ihrer heutigen Gruppe noch vier Plätze frei, weswegen Arndts Teilnahme an der Wattwanderung nichts im Weg stand.

Immer noch wusste Fenja nicht, was sie davon halten sollte. Doch sie hatte keine Zeit, darüber nachzudenken, da die anderen Teilnehmer nach und nach eintrudelten. Wie sie erwartet hatte, musste sie einige Interessenten wegschicken.

Die meisten reservierten sich Plätze für einen der kommenden Tage. Als alle angemeldeten Teilnehmer eingetroffen waren, verkaufte Fenja die Karten. Dann rief sie zum Aufbruch.

Die Gruppe machte sich auf den Weg zum Meer. Es ging über die Düne am Piratenspielplatz vorbei. Wenig später versammelten sich die Teilnehmer auf dem Sandwatt um Fenja, die sie noch einmal freundlich begrüßte und ihnen das Du anbot, was alle annahmen.

»Eure Schuhe stellt ihr am besten am Strand ab.« Sie zwinkerte ihren Teilnehmern zu. »In den meisten Fällen bekommt ihr sie auch wieder.«

Damit erntete sie die ersten Lacher. Alle stellten ihre Schuhe ab und scharten sich erneut um Fenja. Ein paar hatten Wattsocken dabei, die sie mit seltsamen Verrenkungen anzogen.

Nach einer kurzen Einführung, was die Sicherheit und Wattarten betraf, begann Fenja mit der eigentlichen Führung. Es fühlte sich ein wenig seltsam an, dass Arndt anwesend war, und es fiel ihr gar nicht leicht, ihn nur als Teilnehmer zu sehen. Ihr gestriges Gespräch hatte sie wohl mehr beeindruckt, als ihr lieb war.

Da heute viele Kinder dabei waren, entschied sich Fenja, ihre Wanderung möglichst kindgerecht zu gestalten, den Erwachsenen aber dennoch Informationen zu geben, bei denen sie noch etwas lernen konnten.

»Wir gehen jetzt los«, sagte Fenja. »Macht euch keinen Stress, wir sind nicht auf der Flucht. Wichtig ist nur, dass wir bis zur Ebbe das Unterfeuer, also den Leuchtturm, erreichen. Ansonsten schneidet uns der vordere Priel den Weg ab und wir kommen nicht zurück.«

»Darf ich fragen, was ein Priel ist?« Arndt bedachte sie mit einem derartig intensiven Blick, dass ihr die Knie ein wenig weich wurden.

Sekunden später hatte sie ihre Fassung wiedererlangt und fragte sich, ob Arndt sie testen oder gar veräppeln wollte. Er musste doch wissen, was ein Priel war. Innerlich zuckte sie mit den Schultern. Am besten war es, wenn sie sich ganz professionell verhielt und einfach seine Frage beantwortete.

»Priele sind natürliche Wasserläufe wie dieser hier …« Sie deutete auf den am nächsten liegenden. »… die sich bei Flut zuerst mit Wasser füllen und dadurch zu reißenden Flüssen werden können. Es kommt zu Geschwindigkeiten von bis zu 20 km/h, weswegen auch geübte Schwimmer nicht mehr durchkommen. Stürme können zusätzliche Trifte, also Wasserströmungen, erzeugen. Bei einem Weststurm von 120 km/h steigt die Flut zum Beispiel fast doppelt so schnell wie normal.«

»Das hast du aber schön erklärt«, sagte Arndt und zwinkerte ihr zu.

Jetzt war ihr klar, dass er natürlich genau gewusst hatte, was das Wort »Priel« bedeutete. Sie rang kurz mit sich, ob sie darüber verärgert oder belustigt sein sollte, entschied sich dann für Belustigung.

Fenja winkte der Gruppe, ihr zu folgen, und ging voran weiter ins Watt hinein. Wie immer genoss sie den Sandboden unter ihren Füßen. Noch war er fest, doch schon bald würden sie den ersten Priel durchwaten, in dem das Wasser momentan etwa fünfzig Zentimeter hoch stand.

Auf das Gefühl, wie sich der Schlick zwischen ihren Zehen sammelte, freute sie sich ebenfalls. Gleich würden ihrer aller Füße durch den tieferen Wattboden schwarz verfärbt sein. Bei ihrem nächsten Halt würde garantiert eine Frage dazu kommen.

Auch warum sich in die frische Seeluft plötzlich der Geruch nach faulen Eiern mischte. Darüber würden alle erst einmal die Nase rümpfen. Das war immer so. Fenja hatte sich längst daran gewöhnt und mochte den Wohlgeruch-Stink-Mix inzwischen sogar richtig gern. Für sie bedeutete er Heimat.

Es bereitete ihr stets ein diebisches Vergnügen, die verzogenen Gesichter der Teilnehmer zu sehen, weswegen sie ihnen eingangs diese Information vorenthielt. Sie wusste zwar, dass es ein wenig kindisch war, doch sie konnte nicht anders.

Der Wind pfiff ihr um die Ohren, und sie war froh, dass sie heute daran gedacht hatte, ihre Haare zurückzubinden. Ab und zu vergaß sie es und war dann ständig damit beschäftigt, sich die herumflatternden Strähnen aus dem Gesicht zu streichen.

Da heute ein fast wolkenloser Tag war, spiegelte sich die Sonne im feuchten Sand und brachte ihn zum Glitzern. Links von ihr befand sich Cuxhaven. Rechter Hand war Bremerhaven mit seinen schier unzähligen Hafenkränen zu sehen, gegen die die paar in Cuxhaven nahezu mickrig wirkten.

Immer wieder warf Fenja einen Blick über die Schulter, um sich zu vergewissern, dass keiner zurückblieb. Vor allem Hobbyfotografen neigten dazu, den Anschluss zu verlieren, weil sie zu lange stehen blieben, um zu fotografieren.

Mehr als einmal ertappte sie Arndt dabei, wie er sie musterte. Warum tat er das? Er sollte sich lieber auf seine Umgebung konzentrieren, anstatt zu versuchen, sie aus dem Konzept zu bringen.

Als sie den großen Priel hinter sich gelassen hatten, scharte Fenja die Gruppe um sich. »Jetzt befinden wir uns mitten im Wattenmeer, einem Weltnaturerbe seit 2009 und Nationalpark seit 1986«, sagte sie und machte eine ausschweifende Handbewegung. »Es geht von Holland bis Dänemark.«

»Darf ich eine Frage stellen?«, meldete sich ein älterer Mann mit schwarzem Schnurrbart zu Wort.

»Selbstverständlich.«

»An vielen Stellen ist der Wattboden nicht braun, sondern pechschwarz und stinkt ganz fürchterlich. Warum ist das so? Sind das Ölablagerungen?«

Fenja schmunzelte leicht, weil sich ihre Vermutung wieder einmal bestätigt hatte. »Die Verfärbungen kommen durch verschiedene Bakterien. Im Oberboden ist Sauerstoff vorhanden, und bakterielle Tätigkeit färbt ihn braun. Im Unterboden fehlt der Sauerstoff, wodurch andere Bakteriensorten schwarzes Eisensulfid und Schwefelwasserstoff bilden, der das Stinken verursacht. Die Schwarzfärbung hat also natürliche Ursachen.«

»Danke. Das ist sehr interessant.«

»So, nun graben wir einen Wattwurm aus«, sagte Fenja an die Kinder gewandt. »Seid ihr bereit?«

Ein mehrstimmiges »Ja« folgte auf ihre Frage.

Mit ihrer Spatengabel stach Fenja in den Wattboden und häufte ihn an der Stelle etwas auf. Sie bückte sich und beförderte einen etwa fünfzehn Zentimeter langen Wurm zutage, den sie vorsichtig aufnahm.

»Im Wattenmeer gibt es ungefähr einhundert Borstenwurmarten. Einen davon zeige ich euch jetzt.« Fenja streckte ihre flache Hand auf Höhe ihrer Oberschenkel aus, damit die Kinder den braunen Wurm gut sehen konnten.

Nicht nur die Kinder beugten sich interessiert vor. Fenja meinte, einen Blick auf sich zu spüren, weswegen sie in die betreffende Richtung schaute. In der Tat musterte Arndt sie gerade eindringlich, was sie kurz aus dem Konzept brachte. Schnell konzentrierte sie sich wieder auf den Wattwurm auf ihrer Handfläche.

»Der sieht ja aus wie ein Regenwurm!«, rief ein kleiner Junge voller Begeisterung, dessen dunkelblonde Haare wild vom Kopf abstanden.

Sie räusperte sich. »Ja, genau. Dieser hier ähnelt einem Regenwurm, sieht aber viel spannender aus. Wenn ihr genau hinschaut, erkennt ihr Fühler und Punktaugen. Die kleinen Füßchen mit Borsten benutzen sie zum Graben.«

»Ist der glitschig?«, fragte ein etwa sechsjähriges Mädchen. Fenja hatte mitbekommen, dass sie Susi hieß, als ihre Mutter mit ihr sprach.

»Willst du ihn mal halten? Dann kannst du es selbst herausfinden.«

Susi schüttelte sich. Sie trat einen Schritt zurück und griff nach der Hand ihrer Mutter. »Nein, lieber nicht.«

»Ich will, ich will!« Der wuschelhaarige Junge streckte auffordernd eine Hand aus.

»Julius, sei nicht immer so vorlaut«, ermahnte ihn seine Mutter.

»Kein Problem«, sagte Fenja und lächelte sie an. »Es ist meistens so: Wenn einer sich traut, trauen sich auch die anderen.«

Vorsichtig legte sie dem kleinen Jungen den Wattwurm in die offene Hand. Mit staunendem Blick betrachtete er den fast reglos daliegenden Wurm.

»Was macht er denn mit seinem Mund?«, fragte Susi, die wieder näher gerückt war, und zog die Stirn kraus. »Der sieht ja aus wie ein Blumenkohl.«

Fenja lachte. »Das ist sein Saugrüssel. Mit dem gräbt er seine Wohnröhre, die u-förmig ist.« Zur Verdeutlichung formte sie mit Daumen und Zeigefinger der linken Hand ein U. »Dort sitzt er drin. Hinein kommt er durch dieses kleine Loch.« Sie zeigte auf eine Vertiefung im Sand. »Und auf der anderen Seite seht ihr diese kleinen Häufchen. Das ist die Wattwurmkacke.«

»Iiih, wie eklig!«, rief eine etwa vierzehnjährige Jugendliche, die sich bereits die ganze Zeit ein wenig zierte. Sie versuchte stets, tiefere Stellen zu umgehen, was natürlich nicht immer gelang. Vermutlich hatte der Teenager Angst, sich die Füße schmutzig zu machen, und war mehr oder weniger von den Eltern gezwungen worden, an der Wanderung teilzunehmen.

Susi presste sich beide Hände vor den Mund und kicherte. »Wattwurmkacke. So was sagt man nicht.«

Erneut musste Fenja lachen. »Ich bin schon groß, ich darf das.« Sie wandte sich an den Teenager. »Die Ausscheidungen sind zum Glück nicht eklig, sonst würde ich mir das mit meinem Job vermutlich noch mal überlegen. Weißt du, ein Wattwurm frisst Sand. Darin befinden sich winzige Algen, von denen er sich ernährt. Da er den Sand nicht verdauen kann, scheidet er ihn an der Oberfläche aus. Wir treten also nur auf gereinigten Sand.«

Die Jugendliche wirkte immens erleichtert. »Ist ja krass«, sagte sie. Vorsichtig tippte sie mit einem großen Zeh auf eines der Häufchen. »Fühlt sich auch an wie Sand.«

»Ich finde, die sehen aus wie Spaghettieis«, verkündete Julius, der immer noch den Wattwurm auf seiner Hand hatte. »Und ich mag Spaghettieis.«

»Jetzt könnt ihr alle einmal – auch die Erwachsenen – einen Wattwurm ausgraben. Und dann nehmen wir einen Snack und essen einen.«

Mit großen Augen blickte Susi sie an. »Das möchte ich nicht.«

»Also ich hab schon mal einen Regenwurm gegessen.« Julius’ Augen funkelten unternehmungslustig.

Seine Mutter seufzte. »So genau wollte ich das gar nicht wissen.« Mahnend hob sie einen Zeigefinger. »Und du unterstehst dich, deine Wurmerfahrungen mit Wattwürmern auszudehnen.«

Fenja musste wieder einmal lachen. »Das war nur als Witz gemeint, Julius. Wir lassen die Würmer schön hier im Watt, wo sie hingehören.«

Um den Teilnehmern die Wattwurmsuche zu erleichtern, häufte sie mit der Spatengabel an mehreren Stellen Sand auf. Einige Kinder stürzten sich förmlich darauf, und auch Susi traute sich. Die Erwachsenen folgten etwas langsamer. Manche wirkten ein wenig unschlüssig.

»Nur zu«, sagte Fenja und nickte aufmunternd. »Sie beißen nicht.«

»Das würde ich an deiner Stelle auch behaupten«, erwiderte der Schnauzbärtige, woraufhin alle lachten.

Mehrere Minuten vergingen, in denen inzwischen alle Teilnehmer eifrig nach Wattwürmern gruben. Hin und wieder hörte man ein leises Quieken, wenn jemand das erste Mal einen der glitschigen Würmer in der Hand hielt.

»Kannst du mir mal helfen?«, fragte Arndt, dessen Hände wie bei allen anderen sand- und schlickverschmiert waren. »Irgendwie finde ich keinen.«

Misstrauisch zog Fenja die Augenbrauen zusammen. Das konnte fast nicht sein. Immerhin wimmelte es hier von Wattwürmern, gemessen an der Anzahl der Spaghettihäufchen. Beinahe hätte sie etwas Schnippisches entgegnet, doch sie erinnerte sich rechtzeitig daran, dass sie ihn ja wie einen normalen Touristen behandeln wollte.

Daher ging sie zu ihm und hockte sich neben ihn. »Es ist ganz einfach«, sagte sie. »Schau.«

Sie grub im Sand und hatte wenig später einen Wattwurm zutage gefördert. Arndt streckte eine Hand danach aus, woraufhin sie den Wurm hineinlegte. Dabei berührten ihre Fingerspitzen seine Handfläche, was in ihr ein leichtes Prickeln verursachte, das sie schnell unterdrückte.

»Ich hätte mal eine Frage«, sagte Susis Mutter hinter ihr.

Erleichtert über die Unterbrechung, richtete sich Fenja auf und lächelte sie an. »Bitte.«

»Ich war mal auf einer Wattwanderung auf Baltrum. Da mussten wir Wattschuhe tragen. Bei dir darf man barfuß laufen. Hat das einen bestimmten Grund?«

Fenja nickte. »An manchen Stellen im Watt befinden sich eingewanderte japanische Austern. Sie haben so scharfe Schalen, dass sie die Fußsohlen aufschlitzen.«

Auf ihre Worte hin weiteten sich die Augen von Julius’ Mutter, die danebenstand und zugehört hatte. »Besteht diese Gefahr hier etwa auch?«

»Keine Sorge. Erfahrene Wattführer wissen, wo sich diese Stellen befinden«, sagte Fenja und lächelte ihr beruhigend zu. »Und ich bin einer davon.«

Die Gesichtszüge der Frau entspannten sich. »Jetzt bin ich aber erleichtert.«

Nach einer Weile beendete Fenja die Wattwurmsuche, um den Teilnehmern weitere Wattbewohner zu zeigen. Sie deutete auf feine Spuren, die wie dünne Fäden auf dem Meeresboden verliefen.

»Das hinterlässt die Wattschnecke«, sagte sie und bückte sich, um ein winziges gelblich-braunes Tier mit konischer Form aufzuheben.

Die Teilnehmer drängten sich um sie. Fenja musste sogar die Erwachsenen bitten, die Kinder nach vorne zu lassen, damit sie überhaupt etwas sehen konnten.

»Wattschnecken sind ungefähr sechs Millimeter hoch und drei Millimeter breit. Pro Quadratmeter gibt es häufig über 20 000 davon.«

»Erstaunlich.« Susis Mutter beugte sich über den Kopf ihrer Tochter hinweg noch näher zu Fenjas geöffneter Hand. »Wovon ernähren sie sich denn?«

»Sie fressen kleine Mikroalgen, die sie vom Meeresboden und von Pflanzen abweiden. Daher nennt man sie auch Wattkühe, also die kleinsten Kühe der Welt.«