Weconica - Benjamin Goesch - E-Book

Weconica E-Book

Benjamin Goesch

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Beschreibung

Schwingen geformt aus schwarzem Dunst, unnahbar mit dem Himmel verwoben, bringen Leid, Angst, Panik und Tod - das pure Böse ist allgegenwärtig. Auf der Suche nach dem Ursprung, und der Lösung, es zu besiegen, begeben sich Freiwillige und Gesandte aus Weconicas Volk auf den Weg. An jedem Schritt Gefahr, auf ihren Schultern die Last des Kampfes, die Hoffnung Weconicas und die Kraft des Willens. Doch wie lässt sich vernichten, was nicht den Gesetzen der Schöpfung gehorcht? Wie findet sich etwas, das allgegenwärtig und nirgends zugleich ist? Und woher kennen die Schriften der Mosa, das Kompedium Weconicas, die Geschichten des puren Bösen? Gestärkt durch Waffen, Magie und fremde Hilfe, beschreiten sie den langen, widrigen und gefahrvollen Weg um immerwährenden Frieden.

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Seitenzahl: 370

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Der junge Darè, als helfendes Geleit ein Soldat des Königs, eine Künstlerin der Magiekunst, eine begabte Heilerin, die Tochter des Königspaares und ein Drachenwesen - sie begeben sich auf den Weg, das allgegenwärtige pure Böse zu vernichten.

Angst, Leid, Elend und Tod müssen ein Ende haben - endgültig.

An jedem ihrer Schritte Gefahr, auf den Schultern die Last des Kampfes, die Hoffnung Weconicas und die Kraft des Willens.

Immerwährender Frieden - das ist das Ziel, welches zu erreichen unmöglich erscheint.

Fantasy-Roman

Die Welt von Weconica

Städte und Orte von Weconica

Burg und Stadt Weconica

Die Hauptstadt ist Sitz des Königspaares und die größte Stadt Weconicas. Der Aussichtspunkt ist, ähnlich wie die Stadt Elfan, ein beliebtes Ziel.

Elfan - die Stadt aus Zinn

Die schönste Stadt und der größte Handelsplatz Weconicas, Sitz des Bischofs. Elfan verschaffte sich den Ruhm, die Beliebtheit und die Schönheit durch die glänzenden Dächer der Gebäude, die aus reinem Zinn bestehen. Das Spiel mit den reflektierenden Lichtern ist ein Schauakt, atemberaubend schön und einzigartig auf der Welt.

Necandoa

Sitz des Bischofs und Hafenstadt. Regelmäßig verkehren hier Handelsschiffe und bringen Güter in alle Welt. Nirgendwo sonst gibt es solche süßen Trauben für roten Saft wie hier.

Pettuja

Die drittgrößte Stadt Weconicas und Hafenstadt, Sitz des Bischofs. Kustana und Pettuja führen regen Austausch an Waren und außerdem gibt es hier den zweitschönsten Strand der Welt.

Rigitanda

Am Fuß der Berge gelegen, findet sich hier der Pfad, bestehend aus einem verzwickten Labyrinth, dessen Weg bei jedem Schritt anders ist, zur heiligen Bergstätte.

Tibas

Die Hafenstadt weit im Norden und beliebtestes Ziel der Seefahrer. Der dichte Wald westlich der Stadt führt in die Stätte der Drachenwesen und zeigt die schönsten Pflanzen neben dem Wald der Blumen auf.

Kustana

Die Stadt umrangt von bunten Bäumen, denn die Kronen leuchten in atemberaubendem Rot und Blau. Ebenfalls eine Hafenstadt, besticht Kustana durch seinen außergewöhnlichen Baustil.

Romon

Eine verhältnismäßig kleine Stadt im Süden, bekannt für seine fruchtbaren, riesigen Wiesen und Felder und den schönsten Strand der Welt.

Stätte der Drachenwesen

Weit im Norden Weconicas und verlassen nach einem gewaltigen, verheerenden Angriff des puren Bösen. Die Zerstörung reicht weit über die Grenzen der Stätte hinaus.

Ruine der Eltern

Einst ein gewaltiges Schloss und eine prachtvolle Stadt, vom unbändigen Hass der Zwillingstöchter des dort ansässigen Bischofspaares vollständig zerstört.

Wald der Blumen

Der schönste Wald der Welt. Er birgt unzählige Arten an Pflanzen. Friedvoll und wunderschön ist dieser Wald der idyllischste Ort Weconicas.

Borink Stätte

Geschichten rangen sich um Borink, dessen Wege, neben denen der höchsten Berge, die gefährlichsten, widrigsten und beschwerlichsten überhaupt sind.

Ruine des Zorns

Die Mosa erzählen eine atemberaubende Geschichte über diese Ruine über Liebe, Verlust und den Versuch, das pure Böse zu vernichten. Sie liegt inmitten der größten Wälder Weconicas.

Ruine der Zwillingsschwestern

Bis heute kennen die Zwillingsschwestern nicht den wahren Grund, weshalb man sie einst auf die Landzunge im Osten brachte. Sie sind voller Zorn und Hass gegen die Menschen und bekämpfen sie als Seelen mit ihrer starken Magiekunst.

Höhle in den Bergen

Gewaltige, ausgespülte Gänge reichen bis tief in die mittleren Gebirge hinein. Der Eingang ist seit einem Angriff des puren Bösen verschüttet.

Friedhof der Ahnen

Hier werden die Opfer des puren Bösen ehrenvoll beigesetzt. In der Nacht leuchten die Grabsteine hellblau.

Schrein der Mosa

Hier liegen die vier unendlichen Bände der Mosa. Regelmäßig suchen das Königspaar und die Bischöfe diesen Schrein auf, um die Geschehnisse Weconicas schriftlich festzuhalten.

Heilige Bergstätte

Ein Siegel, das alle Antworten weiß, liegt unter einem Schleier der Magiekunst. Der Weg dorthin täuscht Sinne und Verstand, nur gut ausgebildete Führer können das Labyrinth, das hierher führt, durchqueren.

Bagalmes Turm

Errichtet bis in den Himmel und unzerstörbar. Das pure Böse schmetterte den Turm in den Wüstensand, seither liegt er tief vergraben in der Erde, zudem gibt es hier unbekannte Wesen, deren Herkunft niemand weiß und zu erklären vermag - nicht einmal die Mosa.

Die höchsten Berge

Kilometer hoch, mysteriös und verheißungsvoll ... Die höchsten Berge erstrecken sich über eine gigantische Fläche, das Land, das die Berge umgibt, liegt brach und trostlos da.

Der Gipfel des höchsten Berges berührt den Himmel - ein Anzeichen, das pure Böse hier erreichen zu können ...

Die drei größten Schiffe Weconicas

Rigitanda - Necandoa - Romon: Samerba

Kustana - Pettuja - Romon: Matgeldika

Tibas - Elfan - Rigitanda: Rehlita

Inhaltsverzeichnis

Weconica

Teil 1: Der Aufbruch

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Weconica

Teil 2: Die Ursprünge

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Weconica

Teil 3: Der Hergang

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Weconica

Anhänge & Register

Die Charaktere

Weconica

1

Der Aufbruch

1

Die Welt in ihrer Prägung, ihrer Entstehung. Ein felsiges Reich in den Tönen Grau und Braun, umher ein Meer aus brodelnder Lava, tupft sie der noch arg tristen Erscheinung eine warme Farbe ins Leben, der Himmel erblasst in ebensolcher Ödnis, gleich den reichen Facetten der unzählbaren Felsen. Blau schimmerndes Wasser gab es noch nicht, dieses Ereignis wird erzählt als die Entstehung des puren Bösen.

Als die Welt Weconica, wie man sie später nennen würde, in ihrer Schöpfung stand, und sich nach und nach die verschiedensten Dinge offentaten, wie die feinen Gebilde der weißen Wolken, die den nunmehr hellblauen Himmel in Freundlichkeit erstrahlen ließen, oder die gleißende Sonne in ihrer weißgelben Kraft die Welt mit Segen beschenkte, bildete sich in dem Dunst der Wolken Wasser, das zu Boden fallen sollte, um das Grün und das Braun zu tränken ... In diesem feinen Nebel, der hoch am Himmel schwebte, waren die Elemente geteilt, in ein Positives und ein in Negatives - und das Negative in ihnen war einsam, es war umschirmt von der Gabe Leben zu schenken und dem Gleichgewicht des Kreislaufs der immer weiter schreitenden Entstehung.

Millionen von Tropfen reines, Leben schenkendes Wasser, bildeten sich - eines dieser Tropfen aber war anders. Das Negative überwog - und es kam zu schwerem Urteil für die weiter währende Welt Weconica ... Der Tropfen verweigerte den Fall zu Erde, er verweigerte die Aufnahme in den Kreislauf, er fiel hinab, fiel und fiel, doch er traf nicht auf den Boden auf, er erfasste nicht das kräftige Grün eines Blattes, oder das eines Halmes, um die braune, sandige, trockene Erde darunter mit Feuchtigkeit zu füllen. Der Tropfen erstarrte aus ganzer Kraft - und wandte sich ab ... Er wandte sich entgegen der Erde und stieg in seine Moleküle gelöst hinauf in den mit Wolken getränkten Himmel - in dem er verschwand ...

Im Schutze der Atmosphäre verharrte der Tropfen über ewige Zeiten, sah die Entwicklung der Welt und ein Resultat für den Entschluss seiner Entscheidung. Und er fand Zuflucht, einen Platz zum sein, nicht stetig in der kalten Hemisphäre, in Vorsicht vor den Strahlen der Sonne, die ihn trocknen konnten. Er spaltete sich ab, ab vom Himmel, und stieg als ein negatives Wasser in Richtung Erde, gleich wissend, sollte er jemals die Erde irgendwie, irgendwann und nur irgendwo berühren, dann würde sich die Verbindung schließen und er wäre eins mit der Welt, wie es vor den fernen Weiten der Zeit bereits sein sollte, er hätte dann die vollständige Schöpfung zum Abschluss gebracht und wäre von dort an nicht mehr.

Die Vermeidung dieses Kontaktes wurde unausweichlich, fiel dies jedoch nicht schwer, denn es war ihm möglich, leichter als die Luft zu sein, zu Schweben, zu Gleiten und zu Fliegen, sich in Formen zu wandeln, die er aus den Elementen in der Luft entnahm, sich mit ihnen zu vereinen und, wie und wann auch immer es gewollt war, zu erscheinen, oder zu verschwinden.

Die Entscheidung zu werden, dass es Leid, Elend, Angst und Zerstörung geben würde, war kein Entschluss, es war einfach da, wie der Lauf von allem. Bewusstsein gab es in ihm, doch durch die Existenz von Positiv und Negativ, die zur Werdung aller Dinge unabdingbar war, bildete sich in ihm, in diesem einen Tropfen, das Geflecht des absoluten Negativen, des Bösen, der Gleichgültigkeit und der Weigerung. Eine Form des Bewusstseins folgerte aus der Tat des eigenmächtigen Denkens - die Wahl seiner Form ... Der Beschluss festigte sich, dass er zu belieben wählen konnte, mit was er sich verband und wie er zu sehen war, in eine Gestalt, die respektvoll, mächtig und angsteinflößend zugleich wirkte - er wählte die Kontur der Schwingen. Diese zierten beide Seiten, so groß, dass sie einen gewaltigen, dunklen Schatten warfen. Wann immer er sich dieser Form annehmen und erblickt werden würde, wäre die Botschaft des Ungewissen allgegenwärtig, denn niemand wusste ein Vorgehen gegen die Erscheinung und das Vorhaben. Es war eine Macht, ein Wissen der Überlegenheit, das Wissen, dass Angst und Unrat immer währen würden, ob es sich zeigte, oder nicht.

Wie weit es einst Mal kommen würde, wird die Zukunft zeigen - und in welcher Zeit die Vereinigung, und die damit endgültige Vollendung der gewollten Schöpfung ansteht, ist ungewiss - wie das Tun des Tropfens, der sich abwandte ... Möge die Gewissheit jedoch niemals verdunkeln, dass der Moment kommen würde, an dem zu Ende geht, was längst hätte vollbracht sein müssen ...

Dies waren die Erzählungen der Entstehung, der Geburt, des puren Bösen ... Gefasst auf die ersten der unendlichen Seiten der Mosa, den Schriften der Geschichte, welche stetig weitergeführt werden - Hergang für Hergang, Epoche um Epoche, für die Nachfahren aller ...

Die dunkle Etappe der Welt war das Erste, was die anfänglichen Seiten der Mosa füllte und was dort für immer stehen würde. Es war der Grund dafür, dass die Bewohner Weconicas in immerwährender Angst leben mussten, dass es da niemals eine wirkliche, friedliebende Ruhe geben würde, denn zu jeder Zeit konnte das pure Böse erscheinen.

Wann immer sich die dunklen Schwingen auch zeigten, war da Angst, Panik und Unwissen - viel mehr als all das aber war, dass die Flügel Gräueltaten mit sich brachten ... Wenn sie irgendwo erschienen, brachten sie Zerstörung, Leid und Tod ... Vieh, das auf Weiden graste, Pflanzen, die in ihrer vollen Pracht erstrahlten, Felder mit gedeihender, wachsender Nahrung, Männer und Frauen und Kinder, all dieses konnte das pure Böse vernichten. Es tat es mit der Kraft der Natur ... Hagelkörner, mannsgroß, Erdspalten, die alles und einen Jeden verschluckten, tobendes, loderndes Feuer, unbändige Stürme, reißende Flutwellen ...

Über Jahrhunderte hinweg gab es keine Aussicht auf Frieden, auf Ruhe und auf ein normales Leben ohne Angst. Selbst als der Fortschritt Einzug hielt, und er sich über die ganze Welt verbreitete, wusste man sich nicht gegen diese Macht zu erwehren, eine Lösung für das immer andauernde und endgültige Verschwinden des puren Bösen aber existierte, es musste nur gefunden werden. Zu Heben, was die Kraft des Tropfens brach, war die Aufgabe des Volkes von Weconica, von jedem Einzelnen ... Einen Ausweg zu finden für ein friedvolles Leben, keine Verbannung, eine Vernichtung oder die Vervollständigung mit der ganzen Pracht der Welt.

Auch diese Zeilen zieren die Seiten der Mosa, den Schriften der Geschichte. Ein Buch, geteilt in vier Kapitel, ohne Ende, es sei denn die Welt erlischt, von selbst, oder durch fremde Hand und Macht.

Wenn das pure Böse einst Mal verschwunden sein sollte, wird es die Schrift der Geschichte, die Mosa, noch immer geben, wenn gleich dann auch kein Hauch Böses mehr existiert ... Die einzige Bedrohung für Weconica bliebe jäh das Zeichen dieser dunklen Schwingen, solange, bis es ausgemerzt, bis es verschwunden ist - für immer, für alle Zeiten und für alle weiteren Epochen.

2

Die Epoche des zweiten Königspaares

König Mal und Königin Ilgried

Am Geheimplatz war es still und friedlich. Die Sonne warf ihr Licht durch dicht bewachsene Bäume und Büsche, die Früchte an den Ästen waren rot, die Größe war die der Kirschen, doch schmeckten sie um ein vielfaches süßer, sie waren bei Kindern sehr beliebt.

Klares, so rein wie Kristall, schimmerndes Wasser plätscherte durch den schmalen Bachlauf, es teilte sich an der Sperre eines Steines, um danach wieder zusammenzufließen und den Weg, entgegen seiner Quelle, fortzusetzen.

In kleinen Kurven verlief der Wassergraben durch den Wald, er teilte sich kurz vor dem Durchbruch zu den Feldern in zwei Ströme auf und fügte sich einhundert Schritte weiter wieder zu einem Wasserlauf zusammen ... Er war nicht sonderlich tief, einem normal ausgewachsenem Mann stieg er an der tiefsten Stelle bis zu den Knien, und an seinem Rand wuchsen in bunten, prallen Farben Blumen und Kräuter, auf denen Insekten tanzten und sich an ihnen ernährten. Unweit entfernt von diesem Platz war der Ursprung des Baches, und selbst wenn die Sonnenstrahlen durch das dichte Laubwerk der Bäume und Büsche scheinen würden, bliebe das Wasser immer kühl. An heißen Tagen war es eine herrliche Erfrischung und aufgrund seiner freundlichen Tiefe war es möglich, den Kopf in das weiche Gras am Rand zu legen, während der Rest des Körpers vom wohl temperierten Wasser gekühlt, erfrischt und wach gehalten wurde.

An diesen Ort verbrachten jedoch nur wenige ihre Zeit. Womöglich lag es daran, dass es in Weconica Stadt einen großen See zum Baden gab, an welchem sich die Menschen erfrischen und vergnügen konnten. Lauschte man genau, und überhörte das stetige Rauschen des dahin strömenden Wassers, vernahm man das fröhliche Geschrei der Kinder, welche sich am Nass erfreuten und großen Spaß hatten.

An diesem stillen Platz, nur durch das immer andauernde Rauschen des fließenden Wassers durchströmt, war der Ruheplatz von Darè.

Sein Kopf lehnte auf einem rotbraunen Stein, gepolstert durch das zusammengelegte Hemd, das auch seinen Nacken stützte, kurz vor dem riesigen Ahorn, der seine große Blätterkrone Schatten spendend über seinen Körper warf, und, nur wenn der Wind es zuließ, ein paar wenige Strahlen der Sonne wärmend durch das dichte Blätterdach hindurch schickte.

Die Augen geschlossen, lauschte Darè dem Singen der Vögel, die scheinbar wild, wirr und ohne einen tieferen Sinn, durcheinander ihre Stimmen in die Natur posaunten.

Ungewollt dachte er nach. Nicht einmal hier hatten seine Gedanken Ruhepause, selbst hier gruben sie sich Wege, um sich bewusst zu machen und den Frieden zu stören. Sehr wohl wusste er, warum es ihm nirgendwo möglich war, wirklich vollkommen in eine Träumerei abzutauchen und gedankenbefreit und unbeschwert zu sein - jedenfalls nicht solange, bis der genaue Grund bekannt war und der ihm verriet, was vorgefallen war.

Es plagte ihn sehr, dass er nicht wusste, wohin sie verschwunden oder was ihr Vorhaben gewesen war - und solange er nicht das Gewissen hatte, würde sich auch daran nichts bessern.

In seinem Kopf versuchte er, diese unendlichen Ströme seiner Gedanken zu ordnen, und er überlegte fest sich aufzumachen, die Königin und den König aufzusuchen und um ihren Rat zu Hören und ihnen seinen Vorschlag zu unterbreiten. Der Saal der Burg von Weconica stand für Jedermann allzeit offen und er war sich dessen sicher, dass sie seinen Vorschlag annehmen würden, denn wohl war es um ihren Kummer ebenso besonnen, wie dem seinen. Große, beißende Sorgen plagten ihren Geist, die das plötzliche, stille Verschwinden ihrer Tochter aufzuklären versuchten und weshalb sie nicht aufzufinden war.

Darè schloss die Augen ... Atmete die reine Luft tief in seine Lungen, hielt einen Moment inne und griff dann nach seinem zusammengelegten Hemd. Bevor er in den Thronsaal gehen würde, war ein kurzer Besuch im Hotel von Weconica angedacht, seine Kehle verlangte nach einer kurzen, flüssigen Erfrischung, zumal er noch überlegen wollte, wie er die Worte gegenüber dem Königspaar am besten auswählen sollte.

Er zog das Hemd an, schnürte seinen Gürtel fest, durchsuchte seine Börse nach dem nötigem Geld für den Erwerb eines Getränkes und einer kleinen Gabe in der Burg von Weconica und machte sich auf den Weg in die Stadt. Seine Beine waren, völlig ungewollt, etwas weich, möglicherweise aufgrund dessen, da er noch niemals zuvor den Saal des Königspaares aufgesucht hatte - nicht einmal mehr, als er und Jiéna, die einzige Tochter des Königspaares, in jungen Jahren, nunmehr war es zehn Jahre her, tiefe Freunde waren und vergnügt spielten. Zu dieser Zeit waren die Bedürfnisse andere als die heutigen, Spielen und Unfug treiben stand an der ersten Stelle. Die Unbeschwertheit und Sorglosigkeit der Kindheit war eine Gabe, die niemals wiederkehren würde ... Dieser Sache war sich Darè sicher, seitdem er fortgehen musste und Jiéna, eben wie all seine anderen Freunde, zurücklassen musste - wenngleich er tief im Bewusstsein noch hoffte, eines Tages wieder eine solche Freiheit und Unbeschwertheit erleben zu dürfen. Und noch etwas war dort ... Etwas, dass ein Kind noch nicht verstand und etwas, was ihm erst viel später klar wurde. Über eine lange Zeit wusste er nichts damit anzufangen, doch je näher und mehr er sich damit auseinandersetzte, desto mehr wurde ihm bewusst, dass die Zeichen in seinem Kopf und seinem Herzen nur eine Bedeutung haben konnten. Seit nunmehr sechs Jahren hielten diese Gedanken inne, sie erhellten auf der gleichen Weise sein Gemüt, wie sie es ertrauern ließen. Dennoch war es auf der gleichen Art keine wirkliche Trauer, vielmehr eine Unerfülltheit ... Die verborgene Sehnsucht nach ihr war es ... und im noch gleichen Atemzug verwarf er diesen Gedanken. Sofort wünschte er sich jene Unbeschwertheit der Kindertage zurück, in der solch tiefe und ernste Vorgänge und Verwurzelungen des Denkens nicht stattgefunden hatten. Es mischte sich wieder das Glück mit Hoffnung und der Schlag des erwachsenem in den Vordergrund, was nicht falsch war, nur machte es diese wunderschönen Gedanken schwerer ... Er hasste es, diesen innerlichen Konflikt, machtlos schien er dagegen anzufechten, obwohl doch alles daran irgendwie gut und richtig war, schließlich wusste er, dass sich Zeiten ändern, dass sich andere Wege auftun und die Kindheit nicht zurückkehren würde ... Warum sollte er sich da überhaupt beschweren? Weshalb Ereignisse in Schwermut legen, wo doch die Zeit erwärmend und so unbeschreiblich schön war?

Darè kannte die Antwort sehr genau darauf ...

Liebe war manchmal unerklärlich, mal unerfüllt und auch ungerecht, diese Dinge aber allesamt zu vereinen war nicht richtig, nicht einmal eines davon war es. Er war sich sicher, sobald Jiéna heimgekehrt war, sicher und unversehrt, würde es ihm wieder besser gehen, dann wäre er glücklich in seinem Herzen und in seinem Kopf, völlig gleich, ob sich die Wege erneut trennten oder sie wieder vereint wären, denn nur zu wissen, dass es ihr an nichts fehlen würde, wäre keine bloße Genugtuung an sich - sondern ein Grund, inneren Frieden zu finden.

Das Rasthaus von Weconica war nicht groß, aber angemessen für die Größe der Stadt. Als Sitz des Königspaares herrschte stets reges Aufkommen, Durchreisende waren hier stetig anzutreffen und auch die Ansässigen vertrieben sich ihre Zeit im Rasthof, am Aussichtspunkt mit der Sicht auf die mittleren Berge, oder am Brunnen im Zentrum der Stadt. Der Brunnen barg indes eine Bedeutung des Schicksals - wodurch ein Besuch an diesem Platz von zwei Seiten geprägt war ... Auf der Seite des Herrlichen stand das filigrane Mauerwerk, jede Fuge zwischen den massiven Steinen maß konstant den gleichen Abstand, bis in die dunkle Tiefe von Dreiunddreißig Metern hinab. Hinzu kam das edel schimmernde Zinn in den Verzierungen der Klinker - ein Geschenk der Stadt Elfan, der Stadt aus Zinn, zum Erbau des Brunnens.

Auf der Seite des Tragischen war der Sturz der Kinder Lijah und Mijah, sie waren acht und neun Jahre alt, auf dem Grund des Brunnens begraben - dort, wo sie ihren Tod fanden ... Aus Unachtsamkeit, und dazu auch aus Freude des unbeschwerten Spielens, geschah das Unheil an einem warmen, lauen Herbsttag vor Einundvierzig Jahren ... Die Nachmittagssonne schien tief, lange Schatten der Bauten fielen über das Gras, Vögel sangen, der Duft von geräuchertem Speck lag in der Luft ... Freude und Lachen begleiteten die Geschwister Lijah und Mijah an ihrem spaßigen Treiben am Brunnen. Die Warnungen ihrer Eltern waren ihnen bekannt, in diesem Moment aber überwog die Heiterkeit. Nicht wissend über ihr Tun, liefen sie auf dem Rand des Brunnens, gefährlich wankend, fröhlich kreischten sie aus ihren Hälsen, während sie Fangen spielten. Als Lijah endlich den Zipfel ihres blauen Rockes erfassen konnte und der Sinn des Spiels erfüllt war, versuchte sich Mijah heiter loszureißen, um ihrer Schwester noch zu entkommen ... Der Griff von Lihjas kleiner Kinderhand war fest, sie ließ nicht los, kicherte siegessicher. Als der Stoff nachgab, und ein nachgebender Riss die Kraft des Zuges beendete, verloren sie das Gleichgewicht. Zuerst stürzte Mijah, einen Bruchteil später Lijah in das finstere Loch des Brunnens ... Den Grund füllte in diesem Moment nur eine Hand hoch Wasser - ihren Sturz würde es nicht aufhalten ...

Darè ging normalen Schrittes auf dem Weg, der langsam abebbend vom grünen Gras in braunen Sand überging und in breiten Maßen durch die Pforten in die Stadt Weconica führte. Der aus Steinen erbaute Bogen spannte sich prunkvoll über den Eingang, künstlerisch in das Granit eingehauen zierte der Name der Stadt die Überspannung des Durchganges, ebenso kunstvoll ging der Bau in die mannshohe Mauer über, die die Stadt umrandete.

Mit den Händen in seinen Taschen, durchschritt Darè den Torbogen ... Die Wache am Eingang der Stadt grüßte still, indem sie den Knopf nickte. Ein schmales Lächeln löste sich von den Lippen des Mannes, der allein vor einem kleinen Wachhäuschen auf einer Holzbank saß und sich erhob, als er Darè kommen sah. Freundlich sprach er den Ankömmling an, wie er es bei jedem tat.

>>Einen Gruß für Sie, junger Mann. Willkommen in Weconica, der Stadt des Königspaares und der nächsten Handelsstadt mit Elfan, der prächtigen Stadt aus Zinn.<<

Die Worte klangen fern geschwollen, doch ehrlich. Man hörte allzu gut heraus, dass Stolz sein Wesen zierte.

>>Der Gruß, er gilt auch ihnen. Der Saal des Königspaares, ist er offen für ein Anliegen von meiner Seite?<<

>>Gewiss. An einem solchen, herrlich sonnenerstrahlender Tage sind sogar die hohen Türen der Burg geöffnet, um Tageslicht und die frische Luft in die Gänge zu fluten.<<

>>Und der Rasthof ... Steht er für einen Besuch ebenfalls offen?<<

>>Jawohl. Sie finden ihn gleich dort, dem Weg folgend, in etwa fünfzig Metern voraus, den Blick nach rechts gewandt und weitere fünfzig Meter ... Ein Schild verweist auf unser Gasthaus, direkt am Wegesrand.<<

>>Ein Dank an Sie und einen herrlichen Tag. Ich werde das Rasthaus ersuchen, dann erst wird das Königspaar mein Ziel sein. Bis zu unser nächsten Begegnung.<<

>>Einen angenehmen und unbeschwerten Aufenthalt in Weconica.<<

Darè folgte wie beschrieben, am Rand erblickte er das Schild, dessen Aufschrift das Hotel zeigte. Für eine Stadt von Weconicas Größe wirkte es zierlich, die Längsmaße der Eingangsmauer maßen nicht mehr als fünfundzwanzig Meter, und die vier Stockwerke des Baues erfassten bei guter Aufteilung der Räume als Maximum zwanzig Zimmer, das Erdgeschoss, in dem es eine Bar, die Anmeldung und einen Aufenthaltsraum mit großem Kamin und Klavier gab, bereits abgezogen.

Die Tür des Hotels war, gleich wie alle anderen in der Stadt, aus massivem, dunklem Erlenholz gefertigt, die hier ansässigen Tischler arbeiteten filigran und mit Ehre, jede Tür schien ein Meisterwerk zu sein. Exakt gleich dem Bogen des Einganges, war über der Tür das Wort Rasthaus eingemeißelt, am Ende der Mauer war ein Strauch mit roten Früchten, eben jene, wie man sie auch am Geheimplatz fand, gepflanzt.

Darè betrat das Gebäude.

Der Griff der Tür war aus Kupfer, er wurde jeden Tag poliert, um den Glanz zu erhalten. Als er das Hotel betrat, hörte er leise, gedämpfte Klaviertöne. Die Melodie gefiel ihm sehr, sie war sanft und langsam ... Zehn Schritte voraus endete der Gang und gab das Erdgeschoss in einem Zug frei, stabile Pfeiler stützten die Decke an bestimmten Stellen. Direkt geradeaus sah Darè die Theke der Anmeldung, links und rechts führte je eine steinerne Freitreppe in das erste Stockwerk. Die Theke war makellos gebaut, ebenso wie im Anschein alles hier Erbaute in Weconica, das Holz zeigte filigrane Fräsungen und die Verarbeitung an den Kanten und der Übergänge war tadellos.

>>Einen guten Tag. Ist ein Zimmer frei?<< waren die einfachen Worte von Darè.

Die Dame am Empfang war überaus ansehnlich, ihre rückenlangen, dunkelbraunen Haare trug sie geflochten, über der linken Schulter liegend, eine silberne, diademförmige Kette zierte ihren Hals.

>>Willkommen im Gasthof von Weconica, werter Mann ... Im zweiten Stockwerk sind Zimmer frei. Wünschen Sie den Blick über die Stadt und auf die Berge, oder über die Felder?<<

Darè überlegte nicht lange, er wusste genau, was er wählen sollte.

>>Bitte, ein Zimmer mit Stadtsicht ... Es ist eine lange Zeit vergangen, dass ich Weconica besucht habe ...<<

>>Sehr gern ... Ihr Gemach liegt auf der rechten Seite des Flures, das letzte Zimmer.<<

Sie griff nach dem Türschlüssel, indem sie eine Schublade links neben sich öffnete. Er war aus Kupfer gefertigt, wie die Klinken der Türen und Handflächen groß.

>>Würden Sie den Erhalt des Öffners und das Belegen des Zimmers bitte dort verzeichnen? ... Wie lange ist die Absicht zu nächtigen?<<

Darè überlegte. Wie lange würde er bleiben? Eine Nacht? Oder zwei? Er wusste es nicht genau.

>>Die Frage kann ich noch nicht mit einer Antwort bestätigen. Zuerst einmal buche ich für eine Nacht ... Wenn dies als Möglichkeit besteht.<<

>>Eine Nacht ist die häufigste Auswahl. Als dessen kein Umstand, nur teilen Sie in der Frühe mit, ob für längere Zeit hier zu quartieren gewünscht wird oder wann der Aufbruch erfolgt.<<

>>Das werde ich tun.<< nickte Darè. Er hatte verstanden.

>>Zahlen Sie bitte dreißig Orranen ... Sollten sie länger bleiben, berechne ich den Betrag bei Ihrem Abreisen.<<

Es war ein günstiger Preis für die Größe dieser Stadt. Darè wusste, dass es in Tibas, oder auch in Necandoa, eine Übernachtung nicht unter siebzig Orranen gab.

>>... Im Preis inhaltlich ist ein herzhaftes Frühstück. Der Speiseraum steht dafür zur Verfügung. Unsere Bar schenkt Wasser, Bierbräu, Säfte und grünen Wein aus.<<

>>Wasser und Wein sind hervorragend. Ich danke ihnen für die Informationen.<<

>>Reisen Sie ohne Gepäck? Das ist selten.<<

Darè musste schmunzeln ... Ein seltsamer Anblick musste es sein, wenn ein Fremder ohne Taschen reiste. Doch er hatte alles an sich, genügsam war er immer schon gewesen, und wenn er etwas nötig hatte, war seine Börse anständig gefüllt, um einzukaufen.

>>Nur das, was ich an mir habe, reist mit mir. Wo sie es jetzt fragen, muss es die Ausnahme sein, dass ich so auf die Frage antworte.<<

>>Ihre Besitze und ihre Güter gehören zu Ihnen, wie auch natürlich die Entscheidung, was sie mit sich führen.<<

Die Frau lächelte höflich. Darè hatte das Gefühl, dass sie ihn ganz genau verstand.

>>Haben Sie Dank für Ihre Freundlichkeit und den Empfang. Ich werde die Bar aufsuchen, bevor ich mein Zimmer betrete.<<

>>Gewiss. Einen angenehmen Aufenthalt hier im Rasthaus von Weconica. Sollte Sie eine Frage plagen, mein Name ist Miísa.<<

Nickend zum Verständnis wandte sich Darè ab.

Die Bar zur Linken sah wohlig aus, eine Hand voll Tische standen im Raum, in der Ecke verschlang ein großer Ohrensessel den Platz, zwei Schritte daneben befand sich das Klavier, dass seine seichten Klänge in eine neue Melodie gewandelt hatte.

An der Bar bestellte er Wasser, zahlte, sah sich um, trank aus. Spärlich waren die Tische belegt, was wohl zu dieser Zeit des Tages der normale Hergang war, dazu war es ein sonnenverwöhnter Tag, an dem sich die Leute im Freien aufhielten. Erst zum Abend hin würde sich das Rasthaus füllen und das Klavier würde dann im Mittelpunkt stehen, wenn alle den Tönen lauschten, die es von sich gab.

Darè sah in seinem ersten Blick einen Mann, zehn Jahre älter als er schien er mindestens zu sein, ein Wappen des Königspaares war auf den Rücken seines Hemdes gestickt, an der Hüfte trug er die Scheide eines Schwertes, der Griff trug ebenso das Wappen. Der Mann saß vor einem Glas mit grünen Wein, seinen Blick aus dem Fenster gerichtet, die Hände waren gefaltet, gleich so, als würde er Beten. Die anderen Tische waren leer, nur sie zwei und der Wirt befanden sich zu diesem Zeitpunkt im Raum.

Nach wenigen Minuten machte sich Darè auf, sein Zimmer zu beziehen. Bevor er den Saal des Königspaares aufsuchte, ruhte er noch eine Weile im weichen Bett, um sich erneut zu überlegen, wie er sein Anliegen vortragen könnte. Am Geheimplatz war sein Kopf leer gewesen, und auch hier, im Gasthaus, änderte sich dies nicht.

Er dachte nach ... Was könnte er sagen?

>>Am besten ist, ich mache mich auf, einfach so, und wenn ich vor dem Königspaar stehe, werden sich Worte ganz von selbst finden.<<

Darè dachte laut ... Ein guter Einfall, simpel, aber höchstwahrscheinlich effektiver, als das Grübeln zu zwingen, passendes zu finden.

Ein Ruck, und er stand aufrecht da. Weiche Knie zeigten sich erneut, beirren ließ er sich dieses Mal davon nicht. Den Schlüssel in der Hand, verließ er sein Zimmer, verschloss es und ging fixen, schnellen Schrittes die Treppe hinunter.

Aus der Tür des Hotels, bog er am Hauptweg nach rechts und folgte seinem Blick, der auf die Burg von Weconica gerichtet war. Vorbei an den fachwerklichen Häusern, spielenden Kindern, an hämmernden Buden, pickenden Hühnern in umzäunten Flächen, links wie auch rechts die gepflegten Anlagen der Stadt. Jedem, der ihn sah und umgekehrt, folgte ein Gruß zum Tage. In der Ferne war der See, an dem in Vielzahl gebadet wurde, der Marktplatz dreißig Schritte vor ihm, dahinter folgte der Brunnen mit jenem tragischen Schicksal zweier Mädchen - und nur unweit davon entfernt war der Platz, an dem er mit ihr als Kind gespielt hatte ...

>>Jiéna ...? Wo bist du nur?<<

Er stoppte ... Ein festes Herzschlagen füllte seine Brust aus, als er an sie dachte ... Wohin war sie verschwunden ...? Die nächsten Sekunden setzten sich mit diesen Gedanken fort, ehe der Weg ihn weiter führte, über den Markt ... Vorbei am Brunnen, weiter in Richtung Burg, zum Saal des Königspaares. Der Weg änderte sich, er festigte sich durch den gestampften Boden und wurde mehr als doppelt so breit, er wurde zu einer Allee. Hecken, Sträucher und kleine Buchsbäume wuchsen am Rand, abseits der Straße waren Grünflächen, dahinter zogen sich noch weit die Häuser der Bewohner fort. Ein Schild wies auf den Weg zum Aussichtspunkt hin, folgte man diesem, gelangte man zur abgelegensten Stelle von Weconica Stadt. Umgeben von Braunen, kniehohen Steinen, gab der Aussichtspunkt die Sicht auf die nahe gelegenen Berge frei. Durch ihre kurze Entfernung zur Stadt meinte man, es seien die höchsten Berge - jene Berge, welche der Ausweg sein könnten, das pure Böse zu besiegen, durch ihre majestätische Erhebung, so nah dem Himmel, so dass man ihn von dort aus berühren, das Böse ergreifen und vernichten könnte. Mittig des Platzes thronte eine Statue, rätselhafte Worte standen auf der Tafel in ihren Händen:

Böses ist entglitten, unnahbar. Unvollständig die Welt. Erst nach Fügung des letzten Teils, ist die Welt vollkommen. Kraft, Willen, Mut und Hoffnung schöpfen. Die Ursprünge sind die Lösung.

Buch der Mosa, Schrift 2.

Darè kannte diese Worte. Schon als Kind wurden sie gelehrt, das Rätsel war jedem bekannt, die Lösung dazu bis heute verborgen.

Spekulation und Denken, Wissenschaft und Handeln - all dies, und noch weit mehr, war keiner Antwort mächtig, dazu die Frage, ob diese Zeilen eine Antwort bargen: Wie findet sich, was allgegenwärtig und nirgends ist? Was tun wenn gefunden war, was Übel brachte? Im selben Zug war da die nächste Frage: Woher war gewiss, was in der Mosa geschrieben stand? Wer verfasste sie? Es verfolgte ein Leben lang, manch einen mehr, einen anderen weniger. Tod und Furcht waren immer da, die Plage des Lebens, entstanden durch einen Fehler in der Schöpfung, ein Fluch seit Anbeginn. Doch alles, was erschaffen wird, ist auch zu vernichten. Doch alles, was erschaffen wird, ist auch zu vernichten ... Alles, was erschaffen wird ... ist auch ... zu vernichten ... Der Widerhall der Worte klang in seinem Kopf nach ... Worte, geschaffen um zu verzweifeln. Zu viele Gedanken daran und der Geist würde verrückt. Burg Weconica ... Ja. Sein Weg war die Burg von Weconica. Sie war sein Ziel, sein vorläufiges Ziel ... Der Abbruch der Gedanken an das Leid der Welt war richtig, er durfte sich nicht in ihnen verirren.

Die Schritte führten ihn weiter, geradewegs auf das prachtvolle, hohe Tor der Burg zu. Sechs Wachen standen reglos an der Brücke, drei an je einer Seite. Die Brücke führte über einen kleinen, beim Bau angelegten, künstlichen Bach, der die Burg an der Front von der Stadt trennte. Er war zwei Meter breit und nur mannstief.

Nach dem durchschreiten des Torbogens der Burg brauchten seine Augen einen Moment, um sich an die inneren Lichtverhältnisse zu gewöhnen ... Eine Sekunde lang war es dunkel, der Reflex des Blinzelns und der Weitung seiner Pupillen gehörte es, um die Umgebung scharf zu fassen und dann zu erkunden, was im inneren der Burg von Weconica auf ihn wartete ... Spartanisch, aber prunkvoll zierte der Raum der Vorhalle eine Mischung aus Eleganz und Schlichtheit, gewoben mit einer stilvollen Präsenz aus Brokat und Seide, aus denen die roten Vorhänge an den raumhohen, schmalen Fenstern den Besucher empfing. Zur Linken und zur Rechten standen aufgereiht die Rüstungen der Soldaten des Königs von Weconica, zur Schau gestellt für all jene, um erkennen zu können, welche Pracht die Männer trugen, die im Auftrag des Königs ihre Dienste taten. Die Decke, vier Mann hoch, schmückte an den Ecken und Winkeln Stuck, kleine Malereien verfeinerten den Blick in den kahlen Stellen des Mauerwerkes zu einer vollkommenen Pracht aus bunten Farben und Facetten. Die Bilder zeigten Wiesen, gefüllt mit Heeren von Menschen, eine Gestalt, unklar zu erkennen, es könnte das pure Böse sein, Berge voller Schnee, geziert in ihrem Detail mit Gletschern und Nähten von Rissen. Zu sehen war die Sonne, und Flüsse, gewachst mit Früchten und einerlei mit dem friedvollen Umgang der Natur. Den Blick entwand, denn es galt nicht, der Kunst der Wände und der Umgebung zu schwelgen, sondern den Weg ohne Umwege direkt zum König zu finden, dem er sein Vorhaben vortragen wollte, es vortragen musste. Gleich dem, was das Königspaar ihm entgegen bringen würde, er fühlte sich verantwortlich für Jiéna, der Tochter des Königs und der Königin. Ihr Verschwinden beschäftigte ihn, sei es ob sie in Gefahr schwebte oder nur einen Aufbruch unternahm um aus ihrem schützendem Umfeld zu entfliehen. In Gleichgültigkeit dessen, was sie bewegt hatte, die Burg von Weconica, selbst die Stadt, zu verlassen, Darè sah sich in der Pflicht sie zu suchen, um zu wissen, wo sie war und warum sie es war.

Seine Schritte führten ihn entlang des roten Teppichs, welcher an den Rändern mit feinen Weben aus schwarzen und silbernen Absätzen gekettelt war, edle Stickereien vollendeten den Stoff in einer Absolutheit aus Einfachheit und hoher Komplexität. Darè vermutete, dass dies ein Akt der Königin war. Sie war bekannt für ihre Verliebtheit in simplen, aber auch verwobenen Dingen aller Art. Bei dem Gedanken an diese Wand- und Deckenmalereien und all den Details des Stucks, schloss sich die Lücke in seinem Kopf, dass wohl auch diese Werke, fast unweigerlich, der Königin entsprungen waren.

Darè sammelte sich ... Der Weg zum Königssaal war sein Ziel. Er war sich sicher, dass er ein weiteres Mal die Pracht der Details in der Burg von Weconica zu sehen bekam, doch nun galt es, keine weitere Zeit zu verlieren, den Weg ohne Pausen in den Thronsaal zu suchen ... Vorbei an den reichen, prächtigen und interessanten Arbeiten in und an den Mauern des Burginneren, schritt er alsdann die Stufen hinauf. Soldaten standen zur Wache zur Linken und Rechten, nahezu regungslos zierten sie die Aufgänge der Burg, die stählernen Kappen der Stiefel streiften dabei den Rand des roten Teppichs. In ihrer beider Hände ruhten ihre mächtigen Schwerter, die das Wappen des Königspaares trugen, edel geschmiedet und glänzend vom polierten Metall.

Ein weiteres Stockwerk ließ er hinter sich, und als seine Schritte auf die letzte Gerade auf dem Weg zum Königssaal traten, waren die Soldaten noch prunkvoller anzusehen, als in den Stockwerken zuvor. Er befand sich im vierten Stock der Burg, dort wo er das Königspaar anzutreffen verhoffte. Die Rüstungen der Männer, ebengleich regungslos, außer durch ihren Atem bewegend, standen neben ihm, in Abständen von Zwei Metern. Sie glänzten nicht, matt und dunkler als das Silber des normalen Schutzes des Körpers verrieten sie ein anderes Material als das häufige Silber. War es Zinn? Möglich ... Elfan, die ihren Namen zu Recht trug, handelte und versorgte die gesamte Welt mit Zinn. Die Dächer dieser Stadt waren einmalig. An jedem sonnigen Tag, am Morgen wie auch am Abend, warfen sie ein ganz besonderes Licht durch das Treffen der Sonnenstrahlen auf das stumpfe Metall in die Natur, hier und da reflektierte es an den Fenstern der Gebäude, ganz bis hinauf an die Spitze des höchsten Turmes des Schlosses von Elfan, Sitz des Bischofs, Regiment der Insel von Elfan. Ob es da wohl mehr wirklich einen geheimen Gang von Weconica nach Elfan gab? Angeblich wurde dieser Pfad vor langer Zeit zum Handel zwischen diesen beiden Städten gebraucht, als die Schiffe noch nicht erfunden waren.

Zehn Schritte vor ihm befand sich die große, aus Zedernholz gefertigte Tür zum Saal. Herzklopfen begleitete Darè die letzten Schritte, ehe er seinen Vortrag kundtun würde. Ein tiefer Atemzug half ihm, etwas Anspannung abzulegen und Beruhigung zu finden, das schnelle Schlagen seines Herzens aber half dieser Zug nicht. Er durchschritt die offenstehende Tür ...

Dutzende, weiße Kerzen empfingen ihn ... Grüne Pflanzen und rote Blumen standen entlang des roten Teppichs und spendeten dem Raum reinen Sauerstoff und Wärme für die Augen.

Die Blicke der Königin empfingen ihn freundlich, der König lächelte wie ein Vater, der seinen Sohn empfing. Wusste er etwa, dass er und Jiéna immer zusammen gespielt hatten? Erkannte er ihn wieder, nach so vielen Jahren?

Es war soweit. Weiche Knie durchbohrten seinen starken Schritt, die Schultern sackten nach vorn. Er fühlte sich als bliebe sein Herz jeden Augenblick stehen und er würde wie ein Stein zu Boden sacken und reglos dort liegen bleiben, direkt vor den Augen des Königspaares.

>>Ein herzliches Willkommen, junger Mann. Wie ist dein Name?<<

Fragend und voll der Höflichkeit sprach die Königin zu ihm.

>>Auf, Darè. Du weißt, was dein Anliegen ist.<< dachte er laut.

Er räusperte sich nach seinen Selbstworten.

>>Darè ist mein Name. Und ich habe ein Anliegen, und ein Vorhaben, für das ich euer Einvernehmen benötige.<<

>>Darè? Diesen Namen höre ich nicht zum ersten Male ...<< waren die Worte des Königs.

>>Möglich, jawohl ... Sehr gut sogar. Jiéna und ich ... Wir spielten zu Kindertagen gemeinsam am Graben dieser Burg und auch an anderen Orten der Stadt. Eine Feier zu ihrem sechsten Geburtstag brachte mich ihrer Tochter näher ... Es mag sein, dass daher mein Name nicht gänzlich unbekannt ist.<<

>>Das war der Anlass unserer Tochter Jiéna zur Gestaltung ihrer Kinderwege. Ist es so lange her, sind es wirklich schon neunzehn Jahre?<<

Der Blick der Königin zeigte Trauer, Sorge und Furcht.

>>An keinem Tage verging Eine Sekunde, an der Jiéna nicht in meinen Gedanken und in meinem Herzen war. Und eben dies ist mein Belang, dass ich euch, hochwertes Königspaar von Weconica, aufsuche.<<

Darè schlotterten die Knie mehr als noch vor wenigen Momenten. Ein neuer, tiefer Atemzug aber half dieses Mal, wenigstens ein Stück der Beherrschung zurück zu gewinnen.

>>Weißt du, wo sich unsere Jiéna befindet? ... Dann sage es uns.<<

Nun auch war in den Worten des Königs Betroffenheit und Zittern zu vernehmen.

>>Leider kenne ich keine Antwort auf den Ort, aber ich weiß, dass sie gesund und wohlbehalten ist ... Verzeiht, aber mein Anliegen drängt, daher möchte ich euch bitten, dass ich die Suche nach ihr beginnen darf. Ich habe keinerlei Vermutung auf den Platz, zu dem sie sich aufmachte, aber ... Ich weiß, dass ich sie finden kann.<<

>>Sag, junger Darè. Was führt dich dazu? Weshalb suchst du unsere Tochter? Wenn du mehr weißt, als du zu erzählen hast, so bitten wir dich inständig, es uns zu berichten. Wir sind in großer Sorge um sie.<<

>>Es ist in der Tat so, wie ich es erwähnte. Ich kenne den Ort nicht. Aber mein Befinden sagt mir, dass sie wohlauf ist.<<

>>Dann lautet dein Plan, Jiéna zu suchen, ohne dass du weißt, wo sie sich befinden mag? Wo soll dein Weg beginnen?<<

Der König stellte Darè diese Frage zurecht.

>>Einen Plan, den gibt es nicht ... Ich werde sehen, wohin es mich bringt, aber gleich denn werde ich sicher Erfolg haben und Jiéna finden.<<

>>Allein auf dich gestellt wirst du keinen Erfolg haben. Nimm diese Worte nicht als eine Kränkung oder als Unterschätzung deiner Fähigkeiten, nur ist der Gedanke richtig, an deinem Vorhaben zu zweifeln, ohne weitere Hilfe und Unterstützung unsere Tochter zu finden. Es gibt unzählige Orte, an denen sie als möglich sein kann ... Weconica ist groß, junger Darè.<<

Der König sprach sanft, aber dennoch durchdringend. Er hatte absolut recht.

>>Wenn es eine Möglichkeit gibt, egal wie sie besteht und ich ihre Hilfe dabei bekommen dürfte, Zugang zu erhalten zu allen Orten und Plätzen, dann werde ich Erfolg haben.<<

Darè seufzte leise. Er fuhr fort:

>>Es kommt nicht darauf an, wann ich Jiéna finde, sondern dass ich sie finde ... Es kommt wohl möglich auch mit darauf an, wie lange es mir erscheint, aber ... Erfolglos werde ich nicht zurückkehren ... Ich werde Jiéna finden, darauf gebe ich mein Wort.<<

Der König und die Königin schauten sich an. Ihre Augen verrieten, dass sie in Darè eine junge Naivität sahen, aber auch Mut.

Die Königin sprach:

>>Eine solche Art der Befugnis sollst du erhalten. Und noch etwas mehr ... Komm, tritt zu uns.<<

Darè ging stockend auf den Thron des Königs zu. Drei Stufen erhoben den Sitz des Paares in eine noch angenehme Position, um nicht zu weit entfernt des Volkes zu sein, wenn es zu ihnen kam, um ihnen Anliegen und Vorträge zu halten.

Der König fuhr mit der rechten Hand in seinen Umhang aus rotem Brokat, sein Blick war dabei auf Darè gerichtet.

>>Nimm dies an dich ... Es ist unser Wappen, die Zier des Königspaares von Weconica. Mit diesem Wappen ermöglicht sich dir der uneingeschränkte Zugang zu sämtlichen Anwesen, Gebäuden, Häusern und Plätzen. Doch sei auf der Hut ... Es gibt Orte, die gespenstisch sind. Seelen lauern an einigen von ihnen, die einen sind gut, die anderen erzürnt. Einer dieser Orte ist die Ruine der Eltern im Süden, ein anderer befindet sich auf der Landzunge im Osten, es ist die die Ruine der Zwillingsschwestern ... Auch wenn wir uns sicher sind, dass Jiéna nicht an diesen Orten verweilt, lass es dir gesagt sein, dass du dort unbedingt Vorsicht walten lassen solltest.<<

Die Königin ergänzte:

>>Ebenfalls gibt es auf dem Kontinent im Westen die Ruine des Zorns ... Geschichten über diese Stätte sind in Vielzahl bekannt, ebenfalls wie auf der Insel im Nord-Westen, deren Name Borink lautet.<<

>>Du hast ein gutes Wissen, junger Darè. Sollte es nötig sein, werden wir dir zu einem späteren Zeitpunkt mehr über die Ruine des Zorns und der Ruine der Eltern verraten, doch bis hier soll es nicht weiter ein Belang für dich und deine Reise sein. Hüte dich nur, wenn du diese Orte betreten solltest. Auch wenn wir dir einen Begleiter zur Seite stellen, handle niemals eigenmächtig, nicht aus Trotz, sei nicht naiv und unvorsichtig. Hole dir stets den Rat von Solr ein, der von nun an dein Begleiter sein wird.<<

>>Könnt ihr, eigens für mich, Männer zur Seite stellen? Was geschieht, wenn das pure Böse hier erscheint?<<

>>Dieser eine Mann ist wie geschaffen für die Suche nach Jiéna ... Erfahrungen in jeder Sache machen ihn über jeden Zweifel erhaben, um dich zu begleiten. Und sei dem, sollte das pure Böse hier erscheinen, so haben wir ebensolche starken, tapferen und erfahrenen Männer an der unseren Seite.<<

Darè war überrascht.

>>Wenn das pure Böse ... wieder erscheint? Ist es tatsächlich der Fall gewesen? Wo ... wurde es gesichtet? Was hat es dieses Mal getan?<<

Darè sprudelte über vor Fragen.

Er wich zurück als er merkte, dass er dem König ins Wort gefallen war.

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