Weg der Zwerge - Karl-Hermann Kipp - E-Book

Weg der Zwerge E-Book

Karl-Hermann Kipp

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Beschreibung

Es geschah in einem kleinen Dorf des Thüringer Waldes, der Schauplatz unserer Geschichte. Wo die Legenden ihren Ursprung haben, das Magische heimisch und wohin der Schleier der Zivilisation noch nicht vorgedrungen ist. Wir begegnen Menschen, die im Schweiße ihres Angesichts das tägliche Brot verdienen und die Alten in gebückter Haltung die Last der arbeitsreichen und leidvollen Jahre auf ihren Schultern tragen. Aber wir begegnen hier auch finsteren Gestalten, die im Thüringer Wald ihr Unwesen treiben und die Ängste der Waldbewohner beflügeln. Zwei Jungen, die durch ihre ungezogenen Handlungen in eine missliche Lage geraten, aus der es keinen Ausweg mehr zu geben scheint. Eine spannende Geschichte über die Entstehung der Zwerge.

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Seitenzahl: 111

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Diese Geschichte ist eine Fiktion, Personen und Handlungen sind frei erfunden und doch hätte sich alles so zugetragen haben können. Die Geschichte erhebt nicht den Anspruch der Wahrheit zu entsprechen, obgleich es Fakten und Ereignisse gibt, die auf wahren Begebenheiten basieren.

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Schieben wir das Tor der Geschichte ein Stück weit auf und blicken hinein in das Jahr um 1859.

Besuch bei den Großeltern in Lütsche

Das Haus und die Wohnung der Großeltern

Die Jauchegrube

Pfeife rauchen

Die Hagebutten

Die gestohlenen Eier

Das Gespenst

Der Farbtopf

Die Schneekopfkugeln

Die Sage vom Jägerstein

Der Berggeist

Die Enttäuschung

Die Strafe vom Berggeist

Die Einsicht

Der Joel von der Schmücke

Der Ausgebrannte Stein

Erinnerung an die Kindheit bei den Großeltern

Geburtsstunde der Gartenzwerge

Aus dem Zwergenpark Trusetal in Thüringe

Einige Gartenzwerg – Hersteller

Herstellung eines Gartenzwerges ( Gussformen )

Einleitung

Es geschah in einem kleinen Dorf des Thüringer Waldes. Dort, wo uns das Grün der Tannen, der Fichten und Kiefern, das Grün der saftigen Wiesen und Sträucher begegnet, es hätte kein Maler besser malen und kein Architekt besser gestalten können, als es hier die Natur geschaffen hat.

Wo die Vielfalt der Tiere des Waldes in der Harmonie mit ihrer Umgebung und den Menschen lebt, dort, wo viele Legenden ihren Ursprung haben, das Magische heimisch und wohin der Schleier der Zivilisation noch nicht vorgedrungen ist, dort sind noch Wahrheit, Stolz und das Leben anzutreffen.

Hier begegnen wir Menschen, die im Schweiße ihres Angesichts das tägliche Brot verdienen und die Alten in gebückter Haltung die Last der arbeitsreichen und leidvollen Jahre auf ihren Schultern tragen.

Hier kann sich ein Kind noch über einen singenden Vogel oder eine Blume am Wegesrand freuen.

Wo der Bauer und die Bäuerin nach harter Arbeit ein Glücksgefühl empfinden und sich die Bescheidenheit in ihrer Kargheit zeigt.

Dort wo die Ehrlichkeit noch keine vergessene Angelegenheit ist und die Flicken auf den Kleidern kein Makel sind, wo Falten im Gesicht als Zeichen von Würde gelten und Armut für die Betroffenen keine Schande ist.

Dort, genau dort, ist auch die Heimat der Zwerge.

Wenn ihr neugierig geworden seid, so lest die Geschichte von Hannes und Karl in den Bergen.

Schieben wir das Tor der Geschichte ein Stück weit auf und blicken hinein in das Jahr um 1859.

Wir sehen das thüringische Land mit seinen grünen Tälern, seinen sanft ansteigenden Bergen und den klaren Bächen, die sich in Flüssen vereinigt durch das Land ziehen. Mit Menschen, von denen die einen, meist in den Städten, den Fortschritt mit seinen Veränderungen auf sich einwirken lassen und jene, die nach alten Traditionen, Sitten und Gebräuchen, das tägliche Leben meistern müssen. Es gibt ein harmonisches Zusammenleben bei den verschiedensten Dingen.

Das Miteinander im Alltag gehört zu einem friedfertigen und bodenständigen Volk. In den Waldregionen gibt es noch nicht so sehr die kleinbürgerliche Behaglichkeit mit ihrer Intoleranz und ihren unersättlichen Begehrlichkeiten. Hier ist man froher Dinge, wenn die Hürden des Alltags gemeistert werden und nur so viel übrig bleibt, um den kalten und harten Winter zu überstehen. Hier sitzen des Abends die Alten vor ihren Häusern, umgeben von spielenden Kindern. Der Fichten - und Tannenduft zieht in ihre Nasen. Ein leichter Wind bewegt ihr lichtes Haar und die Vögel geben ihre letzte Gesangseinlage vor dem Schlafengehen. Zwei Eichhörnchen klettern vergnügt von einem Baum zum anderen und ein kleiner Hund am Boden sieht ihnen neugierig zu und möchte es ihnen gleichtun. Doch sich mit seinen Vorderpfoten an den Baumstamm lehnen und bellen, damit erreicht er auch nicht deren Geschick und Kletterfertigkeiten, um ihnen auf die Bäume folgen zu können. Aus den Häusern dringt der Duft von einer kargen und für die Leute doch leckeren Abendspeise.

Die Hände des Mannes auf der Bank vor dem Haus sind mit Narben und Schwielen bedeckt, die Augen in seinem eingefallenen und hageren Gesicht spiegeln den Glanz dieser zauberhaften Natur wider. Wir sehen die Bäuerin und den Bauern frohgesinnt auf ihren kleinen und doch liebevoll gepflegten Äckern, die Kartoffeln aus der Erde harken, oder die Kräuter- und Beerenfrauen, wie sich emsig ihre Finger nach den reifen Früchten strecken, um damit ihre Gefäße zu füllen.

Mag unser Blickwinkel entscheidend sein, wie wir die Geschichte des Dorfes Lütsche beurteilen. Rückschauend betrachtet könnte man es auch als eine Fügung des Schicksals sehen, welches für die einen Trennung, Schmerz und den Verzicht auf Heimat bedeuten und für die anderen Ruhe, Ordnung und Frieden.

Der Ort Lütsche ist in jener Zeit vielen Bürgern der umliegenden Ortschaften und der Landesregierung des Herzogtums Sachsen Coburg Gotha selbst ein Dorn im Auge. Von hier ausgehend werden viele Straftaten - wie Holzdiebstahl und Wilderei - begangen. Ein notwendiges Übel der dort Ansässigen, um überleben zu können. Wilderei und Holzdiebstahl gelten in Lütsche und unter den Walddörflern entlang des Rennsteiges nicht als Verbrechen, sondern als etwas Selbstverständliches.

Vor vielen Jahren, bevor die Herzöge und Landgrafen das Land unter sich aufteilten, waren die Waldbewohner selbst die Herren des Waldes gewesen. Nun ist es eine schwierige Sache für die Regierung, diese Menschen eines Besseren zu belehren.

Für die Forstbeamten stellt es eine große Herausforderung dar, der Wilderer und Holzdiebe habhaft zu werden und sie zu bestrafen, außerdem ist es auch gefährlich für ihr eigen Leib und Leben.

Glauben wir der hinterlassenen Schrift „Verjagtes Volk“ von H.A.Krüger, - gründen die Wäldler - einen geheimen Bund (Feme) und nennen sich fortan „die schwarzen Masker“. Ihre Mitglieder ziehen sich über den gesamten Rennsteig entlang und erkennen einander an einem geheimen Knöcheldruck. Seine ungeschriebenen Statuten hat der gefürchtete und geheimnisvolle Bund mit seinem Blut unterschreiben müssen. Sein langer rächender Arm reicht über den gesamten Thüringer Wald und wehe dem, der auch nur daran denkt, an ihnen Verrat zu üben.

Selbst kapitale Hirsche aus den herzoglichen Revieren erlegen sie, und das Fleisch, das sie für den Eigenbedarf nicht brauchen, wird an Rasthäuser in der Region verkauft. Das geht so weit, dass den Bürgern vom Dorf Lütsche von der Gothaer Regierung Geld geboten wird, sollten sie das Dorf verlassen wollen, um auszuwandern, zum Beispiel nach Amerika.

Man denkt sich dabei, dass keiner von denen wieder so schnell in dieses Gebiet zurückkommen kann. Anfangs gibt es im Ort einen Zusammenhalt gegen die Bestrebungen der Regierung, was sich aber später ändert, denn die Leute beginnen von jetzt an, sich auch untereinander zu streiten.

Herzog Ernst II., von den Lütscher Maskern auch Schützenernst genannt, ordnete 1858 den Ankauf sämtlicher Immobilien von Lütsche an, um den darauffolgenden Abriss der selbigen zu vollziehen.

Lütsche Gedenkstein mit der Aufschrift:

„Lütsche“

O Wanderer, lenkst Du Deinen Gang,

Froh durch diesen stillen Grund,

Bedenke, es ist noch nicht lang,

Daß ein Dörfchen hier verschwund,

Unter Rasen, hier und dort,

Findest Du noch alte Mauern,

Ziehst gerührt dann von hier fort,

Herz voll Wehmut und auch Trauern.

Die umliegenden Ortschaften weigern sich, die Einwohner vom Dorf Lütsche bei sich aufzunehmen, da man befürchtet, sie könnten auch von hier aus ihre Diebstähle fortführen. So wird sich die komplette Ausbürgerung der Lütscher Einwohner noch über Jahre hinziehen, und erst im Jahre 1864/65 gilt der Ort Lütsche als geschleift.

Im Ort selbst ist es tagsüber eher ruhig, sieht man von den spielenden Kindern ab, die ab und an um die Häuser rennen. Ein Teil der Bewohner geht früh zeitig zur Arbeit in den Wald, ob als Holzhauer, Holzschneider, Harz-Zapfer oder Köhler. Die anderen arbeiten als Pechsieder, Pottaschen und Kienrußmacher, als Steinbrecher und Steinschleifer im Steinbruch am Borzel oder in einer Mühle, in der Porphyrsteine mit ihrer einzigartigen grobkörnigen Struktur zu Mühlensteinen bearbeitet werden. Dann gibt es noch jene, die sich vom Holzdiebstahl und der Wilderei in der Nacht ausschlafen müssen. Ihre Arbeit, wenn man das so nennen mag, ist äußerst gefährlich, aber nicht nur für sie selbst, sondern auch für die, denen sie des Nachts begegnen. Wilddiebe hat es seit jeher gegeben. Sie werden von der Obrigkeit verfolgt, gehasst und von den kleinen Leuten gefürchtet. Man erzählt sich spannende, oft auch gruselige Geschichten über sie und keiner weiß später noch, welche der Geschichten erfunden und welche sich wirklich zugetragen haben. Die Fantasie der Leute kennt da kein Erbarmen und immer wieder wird noch etwas Spannendes oder Gruseliges drangehängt und je mysteriöser und abenteuerlicher, umso unterhaltender sind die einsamen Abende in den Häusern vorm warmen Ofen bei gedämpftem Kerzenlicht. Die Kinder sitzen muchsmäuschenstill auf den Fußböden und lauschen den Worten der Alten. Sie verkriechen sich unter den Tischen oder hinter den Schränken, damit sie ja nicht zu früh zu Bett geschickt werden, bevor die Geschichten zu Ende sind. Oft stehen ihnen vor Angst die Haare zu Berge, aber sie müssen um jeden Preis die Geschichten noch zu Ende hören.

Es wird einmal eine Zeit kommen, wo man sich diese Geschichten nicht mehr erzählen wird - schade eigentlich -, denn so geht ein wichtiger Teil dieses Volksgutes verloren. Ob sie nun wahr sind oder nicht, so haben sie doch bei einem jeden der Zuhörer Spuren hinterlassen, etwas Bleibendes, die Erinnerungen an eine Zeit verbunden mit den Sorgen und Freuden der Menschen und ihren Ereignissen.

Im Ort Lütsche gab es 9 Häuser mit 128 Einwohnern, davon allein 67 Kinder im Alter unter 14 Jahren.

Der Grenzstein, der am Ortsende von Lütsche das Gothaische vom Schwarzburgischen trennt

Besuch bei den Großeltern in Lütsche

Es waren einmal zwei Jungen, sie heißen Karl und Hannes und sind zu dieser Zeit um 1859 dreizehn Jahre alt. Sie besuchen erneut in den Sommerferien, wie auch schon ein paar Jahre vorher, für einige Wochen ihre Großeltern im thüringischen Dorf Lütsche bei Gräfenroda, unweit von Oberhof gelegen, den bekanntesten Wintersport und Urlaubsortes in Thüringen.

Aus der Stadt Jena wird Hannes von seinem Vater mit der Eisenbahn, die schon seit ein paar Jahren fährt, zu seinem Cousin nach Erfurt gebracht, und von dort reisen die beiden, Hannes und Karl, mit der Postkutsche von Erfurt nach Arnstadt.

Begleitet werden sie von Karls Mutter, die eben so lange in Arnstadt verweilt, bis die beiden sicher in der Postkutsche nach Gräfenroda sitzen und dann wieder nach Erfurt zurückfährt.

Die beiden Jungen genießen die Fahrt mit der Postkutsche. Auch wenn sie zusammen mit noch vier Erwachsenen und einem Kind reisen müssen. Es sind drei Frauen, in Kopftücher gehüllt und an den Armen halten sie einen Korb mit Waren, die sie sich aus der Stadt geholt haben. Der ältere Mann scheint ein Geschäftsmann zu sein, nach seinem feinen Zwirn zu urteilen, den er am Leibe trägt. Auch ist sein Blick etwas streng und er schaut des Öfteren prüfend zu Karl und Hannes herüber, denen das aber nichts auszumachen scheint, weil ihre Blicke und die des noch mitreisenden Mädchens nur draußen auf die Straße und die Umgebung gerichtet sind. Die Reise geht über holprige Straßen, vorbei an Leuten, die ihnen von den Äckern und Wiesen zuwinken. Ein kleiner Hund läuft der Kutsche bellend hinterher. Doch als er merkt dass sich niemand um sein Gebelle schert, dreht er um und läuft langsam den Weg zurück. Es ist auch für die beiden faszinierend den anderen Fahrgästen zuzusehen, wie sich jene bei jedem Wackeln und Schütteln der Kutsche die Kleidungstücke zurechtrücken.

„ Endlich sehen wir den Wald und die Berge“, sagt Karl zu Hannes und stupst ihn mit dem Ellenbogen aus seinen Träumen. Er träumt davon, lange schlafen zu dürfen und von vielen Spielen im Wald und an den Gewässern, die ihnen allerlei Überraschungen bieten, Hannes liebt die Abenteuer. Zum Entsetzen der älteren Fahrgäste sagt Hannes. „ Die Fahrt könnte noch toller und auch länger sein, das Schaukeln macht richtig Spaß.“ Da blickt der ältere Herr noch ernster oder eher grimmig auf Hannes und sagt: „ Das könnte dir so passen, dass wir alle durchgeschüttelt werden. Du bist noch jung und unerfahren, komm erst mal in mein Alter, dann magst du es auch ruhiger.“ Hannes antwortet nicht darauf und blickt nur nach unten auf den Boden.

Am späten Nachmittag kommen Karl und Hannes in Gräfenroda an.

Nur langsam steigen die beiden aus der Postkutsche. Sie räkeln und strecken ihre Arme und Beine, die durch das eng aneinander Sitzen eingeschlafen sind.

„Jetzt könnte ich ein schönes Stück Wurst und Brot gebrauchen“, sagt Hannes: „ Dann würde ich erst einmal hier sitzenbleiben und ganz gemächlich essen“.

Jeder von den Jungen setzt seinen Rucksack auf den Rücken, in dem er alle persönlichen Dinge hat, die er für den Aufenthalt bei den Großeltern braucht.

Nun durchqueren sie die lange Straße durch Gräfenroda, laufen in Richtung Dörrberg und biegen vor dem Dorf nach rechts ab. Sie laufen durch den Lütschegrund, ein langes Tal gesäumt von den sanft ansteigenden Bergen mit kleinen Äckern und Weideflächen, auf denen vereinzelt ein paar Kühe und Ziegen an Pfählen, die in die Erde geschlagen wurden, festgekettet stehen. „Endlich haben wir Ferien und können uns wieder einmal austoben“, sagt Karl. „Ja, jetzt sind wir vogelfrei. Unsere Eltern sind weit weg und bei den Großeltern ist es schön. Hier dürfen wir herumstromern, juhu, das ist ja prima“, jubelt Hannes. Karl ergänzt. „ Und die vielen alten Geschichten, die wir wieder zu hören bekommen.“ Dann erreichen sie das kleine Dorf Lütsche. Ihre Ankunft wird durch die vor den Häusern spielenden Kindern, die jetzt vor Neugierde innehalten und nach den Erwachsenen rufen und die bellenden Hunde, gemeldet.