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Während all seine Freunde heiraten und Kinder bekommen, lebt Markus noch immer wie ein Student. Doch wenn er ehrlich zu sich selbst ist, ist er damit schon lange nicht mehr glücklich. Als sein Leben ihm immer weiter entgleitet, scheint der Griff zur Flasche der einzige Ausweg.
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Seitenzahl: 238
Veröffentlichungsjahr: 2019
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von L. A. Hermann
Für die Bands, die ich so liebe
1. Alltag
2. Freunde
3. Abenteuer
4. Mädchen
5. Wein
6. Sommer
7. Party
8. Notaufnahme
9. Stress
10. Angst
11. Baby
12. Weihnachten
13. Silvester
14. Boazn
15. Schock
16. Meer
17. Fremde
18. Abschied
19. Versprochen
20. Bier
21. Kaffee
22. Wartezimmer
23. Gute Nacht
24. Ende
Das Licht fiel fahl durch den schweren, roten Vorhang, den Markus vor dem Fenster angebracht hatte. Er schlief nicht mehr, wie noch zu Studentenzeiten, auf einer Matratze. Er hatte sich gebraucht auf eBay-Kleinanzeigen ein einfaches Bettgestell aus hellem Holz gekauft. Er wusste mittlerweile den Stauraum unter einem Bett zu schätzen. Dort lagen die Bücher aus dem Studium und verstaubten. Er hatte es nicht geschafft, sie zu verkaufen.
Markus blinzelte. Er war verkatert. Berufsrisiko. Nach jahrelanger Arbeit in der Kneipe hätte er es eigentlich besser wissen müssen. Es war kein besonders spektakulärer Abend gewesen. Im „Rabatz“ war es gestern nicht mal besonders voll. Keine Stammkundschaft, mit der man sich unterhalten hätte können. Ihm war schnell langweilig geworden. Aber das Bier hatte mal wieder viel zu gut geschmeckt. Die Macht der Gewohnheit.
Markus streckte sich. Seine Zunge fühlte sich belegt an, so als ob er krank werden würde. Er hustete ein paar Mal, dann wuchtete er sich aus seinem Bett. Immer knarzte es. Ein Mädchen hatte er schon länger nicht mehr mit nach Hause gebracht. Irgendwie hatte das für ihn den Reiz verloren. Er hatte das Gefühl, mit diesen nächtlichen Bekanntschaften, immer und immer wieder das gleiche Gespräch zu führen. Auf Dauer ziemlich ermüdend.
In seiner Wohnung, die eigentlich nur ein großes Zimmer war, herrschte Chaos. Unter einem Klamottenberg war der alte Flohmarkt-Sessel gerade noch so zu erahnen, in der Spüle stapelte sich sein gesamtes Geschirr und auf dem Boden standen aufgereiht Wein- und Olivenölflaschen. Wenigstens das sah ordentlich aus.
Markus torkelte ins Bad. Viel mehr eine winzige, grüngekachelte Nasszelle. Einige Fließen waren gesprungen, bei anderen die Kanten weggebrochen. Viel Platz war darin nicht. Eine Person konnte sich gerade so umdrehen.
Verschlafen blickte ihn ein junger Mann mit Drei-Tage-, oder eher Vier-Tage-Bart, im Spiegel entgegen. Er war jetzt 29. Schon lange zeichneten sich Lachfältchen um die Augen herum ab. Das machte ihm nichts aus. Was ihm aber störte, war sein zu nehmend weniger werdendes Haar. Beugte er sich nach vorne, konnte er im Spiegel eine beginnende Platte sehen. Wenn er hin faste, spürte er seine Kopfhaut. Entsetzt riss er dann jedes mal die Hand weg. Er schätze, es war von Vorteil, dass er mit 1,85 recht groß war. Im Winter konnte er das mit einer Mütze kaschieren. Im Sommer mit Caps oder Hüten, aber die verlor er viel zu oft und für Caps war er eigentlich nicht der Typ. Eine weitere Option, die er hatte, die Markus aber ganz weit wegschob, war die Glatze. Und das wollte er nicht. Er mochte seine stinknormalen braunen Haare. Und so benutzte er weiterhin koffeinhaltiges Shampoo, in der Hoffnung, es würde irgendetwas bringen.
Frisch geduscht und wieder halbwegs klar setzte er sich an seinen kleinen Esstisch. Den Vorhang hatte er mittlerweile zur Seite geschoben. Ein schöner Tag. Es war kurz vor zwölf. In einer Thermoskanne hatte er noch lauwarmen Filterkaffee vom Abend zuvor. Das und ein harter Brotrand mit etwas Frischkäse würde als Frühstück reichen müssen. Und eine Zigarette. Er musste mal wieder einkaufen gehen. Das Brot war hart, mühsam kaute er darauf rum. Vielleicht würde er es heute nach der Arbeit schnell noch zum Tengelmann schaffen. Er sollte sich auch mal wieder bei Manni blicken lassen. Schon die ganze Woche hatte er das noch nicht geschafft. Markus bekam ein schlechtes Gewissen. Er fühlte sich für ihn verantwortlich. Es war fast so, als hätte er mit seinem Einzug einen Opa dazu bekommen.
Manni wohnte in der Wohnung gegenüber. Erst hatte Markus nur freundlich gegrüßt, wenn er ihn zufällig im Treppenhaus getroffen hatte. Dann hatte er damit angefangen, für den Nachbarn den Müll runterzubringen. Nach ein paar mal Müll wegbringen, hatte Markus einen fleckigen Einkaufszettel von Manni entgegengenommen und für ihn ein paar Besorgungen erledigt. Im Laufe der Zeit hatten sie sich immer mehr aneinandergewöhnt. Markus war froh darüber, einen Freund im Haus zu haben.
Seit ungefähr eineinhalb Jahren arbeitete Markus schon nachmittags in der Buchhandlung. Nachdem das mit dem Studium vorbei war und das BaFög weggefallen war, hatte Markus dringend einen Job gebraucht. Das Geld von der Kneipe hatte nicht für Miete, Essen und Tabak gereicht. Schon gar nicht in München. Am liebsten hätte Markus damals nur den ganzen Tag gemalt, geraucht und zum Fenster hinunter geschaut. Doch von brotloser Kunst wird man nicht satt, hatte sein Vater mal gesagt.
Kurzzeitig hatte Markus mit dem Gedanken gespielt eine Lehre anzufangen. Irgendwas Praktisches. Vielleicht Schreiner, wie sein Vater. Markus war sich sicher gewesen, dass ihm das Spaß gemacht hätte. Als kleiner Junge hatte ihn sein Papa öfter mit in die Werkstatt genommen. Der Geruch von Sägespäne erinnerte ihn immer an seine Kindheit.
Markus war in seiner Verzweiflung damals sogar bei der Agentur für Arbeit gewesen, um sich nach einer Ausbildung erkundigen. Doch der schlechte Verdienst hatte ihn abgeschreckt. Etwas deprimiert hatte Markus danach das Arbeitsamt verlassen und war durch die Gegend geschlurft. Einfach loslaufen und sich treiben lassen – das machte er oft, wenn er nicht weiter wusste.
Als er kurz stehen geblieben war um eine Zigarette zu drehen, war sein Blick auf ein Schild im Schaufenster einer kleinen Buchhandlung gefallen: „Aushilfe gesucht“. Mit Handschrift verfasst. Nicht am Computer. Das hatte ihm gefallen. Markus hatte diese kleinen Geschäfte schon immer viel lieber gemocht als die großen Ketten. Trotzdem kaufte er dort ein. Oder bestellte im Internet.
Als er die Tür öffnete, hatten kleine Glöckchen laut über ihn geklingelt. „Kann ich Ihnen helfen?“, hatte ihn eine etwas rundlichere Frau mit grauen Haaren und einer dicken, kantigen Brille gefragt. Das ultimative Klischee einer Buchhändlerin. „Äh ja, ich bin hier wegen dem Aushang da. Suchen Sie noch jemanden?“ Die Frau hatte genickt, ihre Brille abgenommen und ihn von oben bis unten gemustert. „Das ist richtig. Für zwanzig, bis dreißig Stunden in etwa. Als Schwangerschaftsvertretung. Haben Sie denn Erfahrung in dem Bereich oder im Einzelhandel?“ „Nein. Aber ich lerne schnell.“ „So, und ab wann können Sie denn anfangen?“ „Eigentlich ab sofort. Jetzt, wenn Sie wollen.“ „Nun, einen jungen starken Mann könnten wir hier tatsächlich gut gebrauchen. Vor allem im Lager. Da fällt viel an. Mehr als man glaubt. Aber kommen Sie doch erst mal zum Probearbeiten.“ Markus hatte genickt. „Von mir aus gleich morgen.“ „Gut, dann kommen Sie doch um zehn Uhr. Da haben wir gerade die Lieferung bekommen. Und bringen Sie mir mal Ihren Lebenslauf mit. Ich bin übrigens Frau Macharzenski“, hatte sich seine Chefin vorgestellt.
Von der Probearbeit war er nahtlos in den regulären Betrieb über geglitten. Markus fing die fehlende Zeit einer Kollegin, die ein Baby bekommen hatte, auf und arbeitete von Mittags bis Ladenschluss. Er packte die Lieferungen aus, sortierte die Bücher und räumte Regale ein. Ihm gefiel die Arbeit in der Buchhandlung. Er half den Kunden gerne weiter und hatte auch bald das umständliche, altmodische Kassensystem verinnerlicht.
Wenn im Laden nichts los war, rauchten er und Frau Macharzenski im Hinterhof. Frau Macharzenski war zynisch und schien ihre Mitmenschen nicht besonders zu mögen. Mit Anfang 40 hatte sie sich von ihrem Mann scheiden lassen. Kinder hatten sie keine. Eigentlich wollte sie Anwältin werden, hatte aber gleich nach dem Abitur in der elterlichen Buchhandlung anfangen müssen und war dort hängen geblieben. Nach dem Tod ihrer Eltern war sie ihr eigener Chef geworden. Die Buchhandlung war für sie trotzdem ein Klotz am Bein.
Frau Macharzenski wohnte über dem Laden in der Wohnung, in der sie aufgewachsen war. Markus war noch nie oben gewesen, aber im Treppenhaus roch es meist nach einer Mischung aus Räucherstäbchen und Grünkohl. Er stellte sich vor, dass die Wohnung seiner Chefin mit allen den Büchern vollgestellt war, die niemand kaufen wollte. Ein Heim für Ladenhüter. Frau Macharzenski mochte Markus. Sie versuchte, ihn zu motivieren sich nach etwas anderem umzusehen oder weiter zu studieren. Denn für immer konnte er nicht als Vertretung in der Buchhandlung bleiben.
Markus machte das nichts aus. Er lebte gern in den Tag hinein. Eigentlich. Doch wenn er sich so seine Freunde an sah, hatte sich etwas verändert. Sie hatten plötzlich richtige Jobs. Sein bester Freund Sebastian, mit dem er damals nach dem Abi von Franken nach München gezogen war, war sogar schon verheiratet. Waren Sie etwa erwachsen geworden, ohne dass er es gemerkt hatte? Er vermisste die Zeit, in der sie alle noch in WGs gelebt und studiert hatten. Das waren die besten Jahre seines Lebens gewesen.
Damals hatte er mit Sebastian zusammen gewohnt. In ihrer Wohnung war fast jeden Abend irgendwas los gewesen, denn als Student feiern gehen war in München verdammt teuer. Ständig war Besuch da, der Kasten Augustiner immer sofort leer. Sebastian hatte dann Gitarre gespielt, sie hatten alte Platten gehört und über Gott und die Welt gesprochen, während irgendwer einen Joint gebaut hatte. Das schlimmste, was ihnen damals passieren konnte, war, wenn niemand Gras dabei hatte. Verpasste Vorlesungen oder nicht bestandene Prüfungen, so lang nicht der Drittversuch anstand, waren kein Problem. Markus hatte in dieser Zeit so viel gemalt, wie noch nie zuvor. Groß und auf Leinwand. Das Leben war gut. Irgendwann hatte Sebastian dann eine Freundin gehabt. Melanie. Und mit ihr wurde alles anders. Bei einem Gig seiner Band, der ziemlich unspektakulär war, hatten sie sich kennengelernt. Melanie hatte Fotos für einen Konzert-Blog gemacht und die beiden waren ins Gespräch gekommen. Da in ihrer Zweier-WG ein Zimmer frei wurde, zog Sebastian schon nach ein paar Monaten zu Melanie.
Ohne Sebastian war es in der WG nicht mehr das Gleiche gewesen. Der neue Mitbewohner beschwerte sich ständig über Markus Unordnung. Ihn störte es, wenn er besoffen polternd nach Hause kam oder dass ständig Farbpinsel in der Spüle lagen. Noch dazu fand er, dass Markus nicht in der Wohnung mit Acryl-Fabe malen sollte, weil es so furchtbar stank. Irgendwann hatte Markus genug von den ständigen Nörgeleien und hatte sich eine eigene Wohnung gesucht. Schweren Herzens. Bald hatte er aber angefangen die Freiheiten in seiner Obergiesinger Bude zu schätzen zu wissen: Er kochte früh morgens nach der Arbeit in der Kneipe Spaghetti Bolognese, spülte selten ab und steckte in jede leere Weinflasche eine Kerze. Im ersten Sommer hatte er bei offenem Fenster gemalt und laut Musik gehört, die nur er mochte. Die Bücher auf seinem Schreibtisch, die er für das Studium brauchte, begannen in dieser Zeit Staub anzusetzen. Irgendwann hatte er beschlossen, im Sommersemester keine Prüfungen mitzuschreiben. Dann war er gar nicht mehr in Vorlesungen gegangen. Und das war es mit dem Kunstgeschichte-Studium gewesen. Trotz der vielen Freiheit war es in der WG doch schöner gewesen.
Die Sonne war längst untergegangen, als er sich auf den Weg in die Kneipe machte. Er spürte immer noch die Auswirkungen des gestrigen Katers. Die Müdigkeit und den ekligen Geschmack im Mund. Ein Konterbier wäre jetzt genau das Richtige. In der Tram-Bahn schloss er die Augen. Noch ein bisschen ausruhen. Es war Donnerstagabend und das beginnende Wochenende war auch hier zu spüren. Die Feierwütigen machten sich auf, diese Nacht zu etwas Besonderem zu machen. Was immer das sein mochte.
Markus war die Strecke ins „Rabatz“ schon so oft gefahren, dass er mit geschlossenen Augen und ohne Durchsage wusste, wann es an der Zeit war auszusteigen. Gut 20 Minuten brauchte er, was in München eine kurze Strecke war. Dann machte er sich zu Fuß auf in die Kneipe. Die harten Schuhsohlen klapperten auf dem regennassen Asphalt.
Eva war schon da. Sie hatte heute Frühschicht und den Laden aufgesperrt. Noch war es ruhig. Vereinzelt saßen ein paar Leuten an den Tischen und unterhielten sich bei schummrigen Licht. Leise lief HipHop, was eine Ausnahme war. Markus mochte den Beat.
Eva begrüßte ihn mit einer freudigen Umarmung. Markus arbeitete gern mit ihr zusammen. Mit Eva Schicht zu haben bedeutete immer Spaß und garantierte einen reibungslosen Ablauf. Eva war Mitte 30. Die ersten tiefen Fältchen hatten sich bereits in ihr Gesicht gegraben. Sie war zierlich und klein, hat aber schon oft Hausverbot erteilt. Ihre schwarz gefärbten Haare glättete sie täglich. Sie war immer sportlich angezogen. Markus konnte sich Eva nicht in einem Kleid vorstellen.
In den fast sieben Jahren, in den Markus hier schon arbeitete, hatte er die Abläufe verinnerlicht. Er ging nach hinten in das Lager, hängte seine Jacke auf und schnappte sich einen Kasten Augustiner Helles und ging wieder vor an die Bar. Eva war gerade dabei, einem Mädchen, vermutlich Studentin, eine Weinschorle zu machen. Die Biere packte Markus in die Schubladenkühlung. In der Kneipe wurden Flaschenbiere verkauft. Das war schon immer so und wird auch immer so bleiben, lautete die Ansage vom Ralph, dem Inhaber. Er machte nicht viele Vorschriften, aber wenn es um Bier ging, verstand er keinen Spaß. Bier aus Gläsern empfand Ralph als unästhetisch. Markus sah das ähnlich und öffnete sich gleich die erste Flasche des Abends. Eine der Vorteile im „Rabatz“ zu arbeiten, war, dass man umsonst trinken durfte. Zwar musste man aufschreiben, was und wie viel, aber einen kostenlosen Rausch brachte man schon zusammen.
Eigentlich war es in der Kneipe immer das Gleiche. Getränke kühlen, etwas aufräumen, Zitronen und Limetten klein schneiden. Richtig los ging es erst gegen elf Uhr, wenn der Laden sich langsam füllte. Zum Klientel gehörten hauptsächlich Studenten. Es hatte die ein oder andere Nacht gegeben, in der die Stimmung übergekocht war und Markus total besoffen auf dem Tresen getanzt hatte. Ein paar Mal, nicht oft, hatte er im „Rabatz“ sogar übernachtet. Er hatte vom vielen Bier einfach so tief geschlafen, dass ihn seine Kollegen nicht wach bekommen hatten. Sie ließen sie ihn auf der großen Couch am anderen Ende des Raumes seinen Rausch ausschlafen. Zugedeckt mit von Gästen vergessenen Jacken. Beim ersten Mal hatte Markus es noch lustig gefunden, als ihn die Putzfrau aufgeweckte hatte. Beim dritten Mal war es ihm ziemlich peinlich gewesen.
Sebastian hatte sich früher viel öfter hier blicken lassen, mittlerweile kam er nur noch manchmal freitagabends, wenn Melanie etwas mit ihren Mädels unternahm. Für eine kurze Zeit hatten Markus und Sebastian hier sogar zusammen gearbeitet. Lustig war das. Aber für Sebastian war die Arbeit im „Rabatz“ nichts gewesen. Er war damals ständig besoffen, schlimm verkatert und genervt von seiner Willenlosigkeit.
Auch Eva beklagte sich manchmal über die Arbeit. „Die Kneipe macht alt“, sagte sie dann und klang dabei haargenau wie Ralph. Auch Ralph wollte schon seit Jahren hinschmeißen, weil ihm alles zu stressig war. Aber er brachte es nicht übers Herz. Kurz nach seinem BWL-Studium musste in seinem Gehirn einige Sicherungen durchgebrannt sein. Er übernahm seine Stammkneipe mit Ersparnissen, als der Besitzer dicht machen wollte. Das war sein letzter Akt der Rebellion gewesen. Mittlerweile war das 15 Jahre her und Ralph jetzt Mitte 40. Er arbeitete in einer kleinen PR-Agentur und hatte zwei Kinder. Für seine Frau war die Kneipe ein Hobby. Für Ralph war es ein Klotz am Bein, von dem er nicht loskam. Vermutlich auch aus nostalgischen Gründen.
Früher musste er ein ganz Wilder gewesen sein, der jede Nacht zum Tag gemacht hatte. Hinten im Lager hingen noch viele Party-Fotos von damals. Jetzt hatte der blasse überarbeitete Familien-Vater mit dem jungen Mann voller Lebensfreude eigentlich nichts mehr gemeinsam. Für Markus war es ein Rätsel, wie ein Mensch sich nur so sehr verändern konnte.
Manchmal ließ sich Ralph wochenlang nicht blicken, tauchte dann plötzlich Samstagnacht im größten Betrieb auf und arbeitet hektisch an der Theke mit. Dabei fluchte er, bewegte sich schwitzend zwischen seinen Angestellten hin und her und gab überflüssige Tipps. Markus und seine Kollegen hatten die Vermutung, dass er in diesem Zustand auf irgendwelchen Drogen war. Vielleicht Koks oder Amphetamine. Danach sah und hörte man ewig nichts mehr von ihm, bis er irgendwann wieder auftauchte, um in aller Ruhe ein Feierabend-Bier zu trinken. Dann redete er nur das Nötigste und nickte bei jeder fertigen Bestellung seinen Angestellten wohlwollend zu. Ralph war ein komischer Typ. Markus mochte ihn nicht. „Die Kneipe treibt mich noch in den Ruin“, murmelte er oft vor sich hin. Obwohl das nicht stimmte. Zumindest aus finanzieller Sicht. Das „Rabatz“ lief gut. Eigentlich war es schon eine Institution im Münchner Nachtleben, irgendwo zwischen Gärtnerplatz und Untergiesing.
Markus war froh, dass heute Abend Ralph nicht an der Theke saß. Er war ziemlich erledigt und hatte keine Lust darauf, sich sein Gejammere anhören zu müssen. Es war aber jemand anderes Bekanntes da. Sebastian. Er wirkte blass und müde. Wahrscheinlich wieder total überarbeitet.
„Hey, Alter!“, begrüßte ihn Markus. „Du hast ja gar nichts gesagt, dass du kommst!“ „Sorry.“ „Du schaust fertig aus.“ Mittlerweile arbeitet Sebastian, der eigentlich immer als Musiker durchstarten wollte, in einer großen Firma in der IT-Abteilung. „Ich brauch nen Schnaps.“ „Harte Woche gehabt?“ Sebastian nickte, während Markus Jägermeister einschenkte. Eva übernahm währenddessen zwei Mädels an der Bar. Sebastian starrte in das Glas. „Was ist denn? Komm, lass anstoßen!“ „Melanie ist schwanger.“ „Was?“ „Ja. Melanie ist schwanger.“ „Fuck! Wie konnte das denn passieren? Also ich meine, ist das gut? Oder eher schlecht?“ Sebastian schnaubte. „Du weißt, wie so was passiert.“ „Ja schon klar, aber ...“ „Wir hatten es halt drauf angelegt. Aber nicht damit gerechnet, dass es so schnell klappt. Ehrlich gesagt, war es irgendwie ein Unfall“, dann kippte er Jägermeister. „Ziemlich dumm.“ „Noch einen. Bitte.“ Markus nickte, trank aus und schenkte schnell nach. Schon er fühlte sich überfordert. Wie sollte es dann erst Sebastian gehen? Beide exten den Schnaps.
„Warum macht ihr denn so was? Und jetzt?“ „Jetzt werden wir Eltern. Fuck“, Sebastian vergrub die Finger in sein pechschwarzes Haar. „Und wie geht’s Melanie?“ Markus hatte keine Ahnung, was man in einer solchen Situation sagen sollte. Sie waren doch selbst noch fast Kinder. Zumindest er fühlte sich so. „Schwer zu sagen. Sie hat sich gefreut. Aber ich glaube, innerlich ist sie auch ziemlich geschockt. Lässt es sich aber nicht anmerken. Wir spielen uns gerade gegenseitig etwas vor. Und wissen das auch. Ziemlich anstrengend. Und doof. Ich wäre am liebsten die ganze Zeit nur betrunken.“ „Oh.“ „Wir wollten je Eltern werden. Wirklich. Aber ich dachte, dass dauert schon noch ein Jahr oder so. Hört man ja immer wieder, dass so was Zeit braucht. Keine Ahnung, was wir uns eigentlich bei der Aktion gedacht haben.“ „Vermutlich nichts.“ Markus schenkte nach. „Bah, ich muss aufhören“, Sebastian verdrehte die Augen. „Ich will nicht, dass Melanie merkt, dass ich dicht bin. Sonst wird sie sauer, weil sie nichts mehr trinken kann.“ „Oh man. Und wie geht es jetzt weiter? Zieht ihr jetzt aufs Land, weil ihr mehr Platz haben wollt? Gehst du wieder nach Franken zurück?“ „Um Gottes Willen, nein! Keine Ahnung, darüber haben wir uns noch keine Gedanken gemacht. Ich glaube, wir bleiben jetzt erstmal in München. Wir haben ja hier unsere Jobs. Ach scheiß drauf, kannst du mir noch ein Bier aufmachen?“ „Klar.“ „Wann sind wir nur so scheiße erwachsen geworden?“ „Wir? Ich bin hier nicht derjenige, der seine Freundin geschwängert hat!“ „Fick dich einfach! Außerdem ist sie nicht mehr meine Freundin, sondern meine Frau.“ „Das macht die ganze Erwachsen-sein-Geschichte nur noch schlimmer. Werd ich dann eigentlich der coole Patenonkel, der das erste Bier spendiert?“ „Von mir aus!“ Sie stießen an.
Was für eine Scheiße. Sein bester Freund wurde Vater. Für Markus bedeutet das, dass er ihn noch viel weniger als jetzt sehen würde. So ein Mist. Er war froh, dass er gerade keine Freundin hatte. Frauen verkomplizierten alles so furchtbar.
Als Markus nach der Arbeit nach Hause torkelte, war er schlecht gelaunt. Warum mussten Sebastian und Melanie ein Kind kriegen? Warum wurde alle um ihn herum erwachsen? Es war fast das gleiche dumme Gefühl, dass er schon an Sebastians Hochzeit gehabt hatte. Nur noch viel Schlimmer. Damals war er Trauzeuge gewesen, verkatert beim Standesamt aufgekreuzt und hatte auch dann noch getanzt, als längst alle anderen im Bett lagen. Zum Glück waren Melanie und Sebastian an dem Tag so aufgeregt, dass sie nicht sauer auf ihn war. Er hatte sich ziemlich daneben benommen.
Markus selbst wollte das alles nichts. Weder heiraten, noch Kinder kriegen. Er war da einfach nicht der Typ dafür. Und er wollte, dass es bei allen seinen Freunden auch so war. Ihm fiel es schwer, zu akzeptieren, dass seine Freunde so etwas tatsächlich erstrebenswert fanden.
Und noch viel schlimmer waren seine Gewissensbisse. Dieses verdammte Gefühl, dass er im Leben doch eigentlich schon viel weiter sein sollte. Dass er hinter her hinkte. Dass die Zeit raste. Dass die anderen ihn längst überrundet hatte und er allein zurückblieb. Er hasste dieses scheiß Gefühl. Wütend warf er seine Kippe in eine Wasserpfütze. Leise, ganz leise, hörte er ein Zischen. Warum konnte es nicht wieder so sein wie früher?
Viermal musste er bei Manni klingeln, bis er die Tür aufmachte. Die schweren Tüten mit Essen hatte Markus auf dem Boden abgestellt. Manni hörte schlecht. Es dauerte, bis er in den viel zu großen Pantoffeln angeschlurft kam.
Manni war Witwer. Sein Gesicht war runzelig wie eine Rosine und gegerbt von der Sonne. Unter seiner schiefen Lesebrille wirkte er aufgedunsen. Vor ein paar Jahren hatte er einen Schlaganfall gehabt, von dem er sich nie so richtig erholt hatte. Seit dem hinkte er und hatte Probleme mit dem linken Arm. Er war ziemlich schmächtig. Es war ein Wunder, dass ihm seine ausgeleierten Jogging-Hosen noch nie von den Hüften gerutscht waren. Manchmal kochte Markus für ihn. Meist etwas einfaches Deutsches. Rührei oder Pellkartoffeln mit Butter. Manchmal brachte er nach der Arbeit Leberkas-Semmeln vom Metzger mit, die sie dann gemeinsam in dem muffigen, düsteren Wohnzimmer aßen.
Auf Mannis Couch stapelten sich Tageszeitungen und Rätselhefte, er selbst quetscht sich dazwischen. Markus Platz war auf dem durchgesessenen Sessel daneben. Wer vor ihm hier gesessen hatte, wusste er nicht. Auf dem Wohnzimmertisch stand ein voller Aschenbecher, klebrige Tassen und Bierflaschen. Meist lief der Fernseher. Irgendwas Öffentlich-rechtliches, irgendwas Altes. Vor dem Fernseher tranken sie immer ein, zwei Bier zusammen. Oft schweigend. Manni war nicht besonders gesprächig und Markus genoss diese Pause zwischen Arbeit in der Buchhandlung und der Kneipe, in der er mal nichts reden musste.
Heute war das anders. Manni wirkte fahrig und schaltete, nachdem er eine Leberkas-Semmel gegessen hatte, ständig die Lautstärke rauf und runter. Markus war genervt, er wollte in Ruhe Nachrichten sehen. Dann schaltete Manni den Fernseher ganz aus.
„Ja, schlimm, was zur Zeit wieder los ist in der Welt“, sagte Markus. Manni schüttelte den Kopf. „Mach uns doch noch mal ein Bier auf. Weißt du, wenn du mal in meinem Alter bist, hast du so viel erlebt, dass du dich eigentlich kaum noch über die Dummheit der Menschen ärgerst, sondern dich eher wunderst, dass es die Menschheit immer noch gibt.“ Markus nickte und ging zum Kühlschrank, um das Bier zu holen.
„Als ich in deinem Alter war, vielleicht sogar noch jünger als du, bin ich viel gereist. Da hab ich einiges gelernt über das Leben. Mehr, als wenn ich hier geblieben wäre.“ „Wo warst du denn überall?“ Er war ziemlich überrascht. Für Markus war Manni eigentlich immer jemand gewesen, der höchstens Mal in Österreich einen kurzen Familienurlaub gemacht hatte. „Oh,“ Manni richtete sich auf der Couch auf. „Griechenland, Türkei, Iran, Afghanistan, Pakistan, Indien. Überall da bin ich gewesen mit dem Bus.“ „Was, du?“ Manni lachte eines seiner seltenen Lachen. „Ja, da schaust, ge? Das war in den 60ern Jahren. Im Sommer 1967 sind wir los. Da war ich nicht der Einzige, der das gemacht hat. Ganze Heerscharen waren da unterwegs. Damals ging das halt noch. War schon eine irre Zeit. Hab das nie bereut. Der Hippie Trail halt.“ „Das kann ich gar nicht glauben, dass du mal so ein Abenteurer warst.“ „Ja, ge?“ „Wie alt warst du da?“ „Mei, da werde ich so 24, 25 gewesen sein.“ „Ich kann mich dich als jungen Mann überhaupt nicht vorstellen.“ Wieder lachte Manni. „Da schau mal, da auf der Anrichte da steht ein Foto von mir aus der Zeit. Bring mir das mal bitte.“
Markus stand auf und holte das gelbstichige Bild. Darauf waren zwei bärtige, blonde junge Männer zu sehen. Aber ohne die hüftlange Hippie-Matte, die er sofort im Kopf gehabt hatte. Immerhin hatte einer von ihnen schulterlanges Haar. Er reichte Manni das Bild. „Mei. Das links ist der Alois. Das war mein bester Freund. Mit dem bin ich aufgewachsen. War wie ein Bruder. Der hat die Idee gehabt. Das war ein ganz ein Verrückter. Der ist auch schon ganz früh weg aus unserem Dorf und ist nach München abgehaut. Und heute wäre sein Geburtstag. Der 76. Aber er ist schon lange Tod. Über 30 Jahre schon.“ „Oh, tut mir leid.“ „Das musst dir net leidtun. Das ist schon so lang her. Der hat halt gelebt ohne Kompromisse.“ Nachdenklich legte Manni das Bild auf den Wohnzimmerstich. Seine Mundwinkel zuckten.
„Als wir los sind, waren wir eigentlich schon fast zu alt dafür. In dem Alter war man ja damals eigentlich schon verheiratet gewesen und hat Kinder gehabt. Zumindest war das bei uns auf dem Dorf so. Die meisten die runter gefahren sind, waren jünger. So 20. Nach der Schule halt gleich. Ich hab ja zuerst gearbeitet, weil ich gemusst hab. Anders wär es nicht gegangen. Das waren noch andere Zeiten.
Ich hab in einem Hotel gearbeitet, bei uns daheim am Tegernsee. Ich hab Gepäck geschleppt, in der Küche geholfen und halt alles repariert, was angefallen ist. Ich bin auf einem Bauernhof aufgewachsen und war schon immer recht geschickt gewesen. Harte Arbeit war das gewesen. Und viel. Von Sonnenaufgang bis -untergang. Da hat sich keiner gescherrt, wegen Überstunden oder so. Und wenns dir nicht passt hat, hast Pech gehabt. Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Während all anderen in Tracht rumliefen und anfingen zu heiraten und Familien zu gründen, wollten wir mehr. Ich wollt einfach raus und was anderes sehen. Einfach nur raus.“ Markus konnte ihn gut verstehen. Sehr gut sogar.
„Ich hab mir halt damals immer gedacht, das kann doch nicht alles gewesen sein vom Leben. Der Alois, der wars, der mit dem Plan dahergekommen ist. Den hat´s schon immer in die Ferne gezogen. Den Bus hat er irgendeinen Spezl abgekauft. Frag mich heute immer noch, woher der des Geld dafür gehabt hat.
Der Alois hat damals schon lange Haare gehabt. Des hat mir gefallen. Richtig neidisch war ich da drauf. Gammler habens ihn alle genannt. Bei uns im Dorf hams ihn angeschaut wenn er zu Besuch war, als wenn er der Teufel höchstpersönlich gewesen wär. Und sei Mutter hat sich so geschämt, wegen erm. Bei mir ging des halt nicht wegen der Arbeit in dem Hotel da mit den Haaren. Da hab ich schon ordentlich ausschauen müssen. Aber Haschisch, des ham wir selbst am Tegernsee ab und zu geraucht, wenn halt jemand was aus Minga dabei gehabt hat“, Manni lachte ein röchelndes Raucherlachen.
„Und dann hat er mich halt gefragt, ob ich mit komm. Lang hab ich ja nicht überlegen braucht. Von einem Tag auf den anderen hab ich aufgehört zum Arbeiten und bin erstmal zum Alois. Der hat da mit so ein paar anderen in einer kleinen Wohnung gewohnt. In Schwabing, aber so gar nicht mondän. Recht heruntergekommen alles, aber lustig wars.
Erst ham wir noch a weng den Bus hergerichtet. Damals hat ein jeder anpackt und irgendwas reparieren können. Ihr heute könnts des ja gar nicht mehr und rennts sofort bei jeder Kleinigkeit in die Werkstatt. Des hats damals alles noch nicht so gegeben. Und als ma dann so weit waren, sind wir los.
Zu viert waren wir. Der Alois und ich und der Franz und die Traudl. Der Franz hat mit dem Alois in Minga zam gewohnt. Und die Traudl war dem Franz seine Freundin. Die hats aber gar nicht so lang gepackt mit uns. Die war net lang dabei.
Kreuz und quer san wir gefahren. Schon gleich am Anfang ham wir uns so dermaßen verfahren! Und da waren mir erst in Österreich! Mei, es hat gedauert bis wir dann mal in Griechenland angekommen sind! Aber wir san halt auch überall gehalten, wos schee war. Wir haben ja keine Eile gehabt. Und nackert ins Mittelmeer san wir in Griechenland auch nei gehupft. Mei, ham die geschaut.
