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Eine Wanderung durch die faszinierende Welt der Kunstgeschichte wird zu einem Pfad der Selbstfindung. Gertraud Wild taucht in einzigartige Beobachtungen berühmter Gemälde und antiker Kunstwerke ein und verbindet diese mit Träumen und realen Begebenheiten. Daraus entsteht eine unvergleichbare, tiefer liegende Wirklichkeit. Die Kombination von Kunstgeschichte, Psychologie und Zen-Philosophie fasziniert nicht nur, sondern stößt auch zur eigenen Selbstreflexion an. Aber vor allem erinnert es daran, worauf es wirklich ankommt – an die Leichtigkeit der reinen Existenz im Hier und Jetzt.
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Seitenzahl: 108
Veröffentlichungsjahr: 2025
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie.
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© 2025 Vindobona Verlag
in der novum publishing gmbh
Rathausgasse 73, A-7311 Neckenmarkt
ISBN Printausgabe: 978-3-903579-04-0
ISBN e-book: 978-3-903579-05-7
Lektorat: Juliane Johannsen
Umschlagabbildungen (Vorderseite des Covers): Samuel van Hoogstraten, Alter Mann im Fenster, 1653, Öl auf Leinwand, 111 cm x 85 cm, Kunsthistorisches Museum Wien;
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: Vindobona Verlag
Innenabbildungen: siehe Bildquellennachweisauf den vorletzten Seiten
www.vindobonaverlag.com
Mein tiefer Dank geht an all diejenigen, die mit mir über viele Jahre hindurch kreative Kunstbetrachtung praktiziert haben. Ohne diese wertvollen Stunden wäre dieses Buch nicht entstanden.
Meine besondere Dankbarkeit gilt auch meinem Zen-Lehrer Dr. Yoshida Roshi, Abt vom Missouri Zen-Center. Durch ihn lernte ich einen anderen Blickwinkel auf die Wirklichkeit kennen, eine Wirklichkeit, die weit hinter den Dingen liegt. Der Schlüssel dazu ist Meditation.
Teil von kreativer Bildbetrachtung ist kreatives Schreiben. Großen Dank an Natalie Goldberg, deren Bücher und Workshops mich inspiriert haben, kreatives Schreiben mit Bildbetrachtung zu verbinden.
Unendlich dankbar bin ich meiner Freundin Ana Tadjer. Sie hat mir nicht nur wichtige Vorschläge zur Verbesserung des Manuskripts gegeben, sondern mich auch ermutigt, das Manuskript zu veröffentlichen.
Große Dankbarkeit gilt auch meiner Freundin Silvia Luger. Unsere gemeinsame kreative Kunstbetrachtung im Kunsthistorischen Museum in Wien führte immer zu tiefen Gesprächen. Ihre Unterstützung, dieses Buch zu veröffentlichen, ist unschätzbar. Das Gleiche gilt für meine Freundin Sylvia Courir. Ihre wunderbaren Einsichten in die menschliche Seele und ihre richtigen Fragestellungen haben mir sehr geholfen, zum Wesentlichen zu kommen.
Von ganzem Herzen möchte ich meiner Lektorin Dr. Maria-Christine Leitgeb für ihre wichtigen Anregungen und Hinweise zur Verbesserung des Buches danken.
Großen Dank auch meiner Freundin und Künstlerin Lucretia Schmidt, die mit viel Einfühlungsvermögen die Zeichnungen für mein Buch angefertigt hat.
Mein aufrichtiger Dank gilt letztendlich meiner Familie, die mich in meinen Unternehmungen immer unterstützt.
Let the beauty we love be what we do
There are hundreds of ways to be and kiss the ground
Rumi
Wir sind Wanderer in der Zeit, die immer nur im Jetzt stattfindet. Mit jedem Schritt und Atemzug erschaffen wir durch unser Sein Realitäten, die unseren Lebensweg prägen. Dieser Weg ist höchst individuell, geformt von Herkunft und sozialem Umfeld, und besteht aus vielen Umwegen und Irrwegen. Oft zeigt sich die Richtung dieses Weges erst im Nachhinein, bestimmt von Grundeinstellungen und Intentionen, die uns helfen, uns im Leben zu orientieren. Diese Grundeinstellungen sind jedoch Wandlungen unterworfen – denn alles ist vergänglich.
In unserer Welt, in der Einsamkeit und das Gefühl des Getrenntseins zunehmen, wird es immer wichtiger, eine Quelle von Kraft und Verbundenheit zu finden. Es gibt viele Tore, die zu dieser Quelle führen: Meditation, Religion, Philosophie, Natur, Kunst, menschliche Begegnung und mehr. Kreative Kunstbetrachtung ist ein solches Tor. Diese Art der Betrachtung fordert dazu auf, sich intensiv auf ein Kunstwerk einzulassen, ohne Kritik und vorgefasste Meinungen. Es geht nicht um kunstgeschichtliches Wissen, sondern um die Freude am Sehen und Entdecken mit einem „Beginner’s Mind“. Dabei wird die Vergangenheit zur reinen, unverfälschten Gegenwart, die sich ständig ändern kann. Das Kunstwerk spiegelt die sich wandelnde Psyche wider und wird zu einem idealen Vehikel zur Selbstfindung, indem es Inhalte, die vorher unbewusst waren, spielerisch ins Bewusstsein bringt.
Die Methode der kreativen Kunstbetrachtung entstand als Prozess. Vor über 25 Jahren begann ich, an verschiedenen amerikanischen Universitäten Kunstgeschichte zu unterrichten. Dabei fiel mir auf, wie wenig die Studierenden das Kunstwerk wirklich betrachteten. Schon länger hatte ich bemerkt, dass die durchschnittlichen Besucherinnen und Besucher eines Museums kaum mehr als eine Minute vor einem Kunstwerk verbringen. Vor meinem Studium der Kunstgeschichte kannte ich auch von mir diese Art der Betrachtung. Wo immer ich war – ob in Rom, Florenz, Venedig – ich wollte in einem Museum so viel wie möglich sehen und war am Ende völlig erschöpft und ausgelaugt. Ich stellte mir folgende Frage: Was ist Kunst für mich?
Im Fach Kunstgeschichte interessierte ich mich am meisten für Ikonografie. Schon vor meinem Studium hatte ich mich mit Psychologie, vor allem mit C. G. Jung und den Manifestationen des Unbewussten, beschäftigt. Besonders angetan war ich von Träumen, Archetypen und Symbolen. Den kreativen Zugang zu unbewussten Prozessen, Wünschen und Verhaltensmustern erhielt ich durch aktive Imagination, genannt katathymes Bilderleben. Zwei Jahre lang konnte ich mit einem Therapeuten diese Form von Selbsterkenntnis praktizieren.
Meine Tätigkeit als Adjunct Professor für Kunstgeschichte fiel ziemlich gleichzeitig mit dem Beginn meiner Praxis von Soto Zen-Meditation zusammen. In dieser Zeit kam ich auch mit kreativem Schreiben in Berührung (inspiriert von Natalie Goldbergs Buch „Writing down the Bones“). Ich praktizierte kreatives Schreiben zu Hause und in Schreibgruppen.
Irgendwann hatte ich die Idee, Kunstbetrachtung mit Meditation und kreativem Schreiben zu verbinden. Daraus entstand die Methode der kreativen Kunstbetrachtung (Anleitung siehe im Anhang). Alle diese Kunstbetrachtungen schrieb ich in ein Tagebuch, ein Tagebuch, in dem ich auch Träume, tatsächliche Begebenheiten und andere mir wichtige Dinge festhielt. Als während der Covid-Zeit die Museen geschlossen waren, kam mir die Idee, diese Aufzeichnungen kreativ zu nutzen. So entstand das Buch „Wege und Umwege – Wanderung durch Kunst und andere Wirklichkeiten“.
Wenn ich an meine frühe Kindheit denke, dann sind es zwei für mich sehr bedeutungsvolle Ereignisse, die mir in den Sinn kommen. Eines ereignete sich in meinem Wachleben, das andere im Traum. Beide haben mich mein ganzes Leben lang begleitet.
Ich war vielleicht drei Jahre alt, als ich in mein Schlafzimmer lief, um etwas zu holen. Plötzlich sah ich ein blondes Mädchen mit großen grünen Augen, das mir entgegenlächelte. Mit großer Freude versuchte ich, Kontakt mit ihm aufzunehmen, da ich dringend eine Spielgefährtin benötigte, doch es verschwand, sobald ich mich ihm näherte. Zweimal schaute ich hinter den Spiegel, der auf einer Kommode montiert war, einem Möbelstück, das man Psyche nannte. Jedoch erst beim dritten Mal erkannte ich, dass dieses Mädchen ich selbst war. Ich hatte mich das erste Mal in meinem Leben als unabhängige Existenz wahrgenommen, als Individuum. Langsam und stetig gewann dieses Ich an Bedeutung,und das Mädchen, das hinter dem Spiegel verschwunden war, geriet in Vergessenheit. Das Gefühl der innigen Verbundenheit mit allem, was mich umgab, nahm stetig ab und führte in meinem Erwachsenenleben zu einem schmerzhaften Gewahrsein von Getrenntsein und Entfremdung. Damit begannmeine Suche nach jenem magischen Wesen in mir, das in Verbundenheit und Einheit mit allem lebte.
Das Traumerlebnis hat mit meiner Großmutter zu tun, die damals eigentlich noch am Leben, in meinem Traum jedoch schon tot war. Sie lebte alleine im ersten Stock unseres Wohnhauses. Sticken und Häkeln gehörten zu ihren Leidenschaften. Ihr Tag begann um vier Uhr früh, um acht Uhr abends ging sie schlafen. Das Zimmer, in dem sie die meiste Zeit verbrachte, war voll von selbstgemachten Handarbeiten – Teppichen, Polstern, Decken und Bildern. In meinem Traum ging ich hinauf in ihre Wohnung und betrachtete eines ihrer Lieblingsbilder. Plötzlich trat sie aus dem Bild heraus und stand – nun wieder lebendig – vor mir in ihrem Zimmer. Erschrocken von dem, was gerade passiert war, wachte ich auf.
Ich kehre zum Platz meiner Kindheit zurück. Ich weiß eigentlich nicht, wie ich hierhergekommen bin. Es ist früher Morgen, und ich trage einen Sack voll mit Küchenabfällen über die Dorfstraße auf ein kleines Feld, wo früher eine Scheune gestanden ist. Jetzt ist es nur mehr Ablagerungsplatz für Müll und Gestein. Im hinteren Teil des verwahrlosten Felds befindet sich ein Komposthaufen.Unkraut wuchert überall. Plötzlich sehe ich einen Knochen, der unter dem Schutt von alten Ziegeln und dem wild wachsenden Unkraut begraben ist. Ich bücke mich und hebe ihn auf. Es ist ein Beckenknochen. Wie kommt er hierher? Er schaut sehr zierlich aus und scheint von einem Kind zu stammen.
Ich hebe den Beckenknochen auf, lege ihn in den kleinen Müllsack, den ich mitgebracht habe, und beginne mit der Suche nach anderen Knochen. Ich finde noch ein Bruchstück von einem Finger und lege es vorsichtig zu dem Beckenknochen.
Als mir bewusst wird, dass ich die Knochen eigentlich gar nicht genau betrachtet habe, will ich sie wieder aus dem Müllsack holen, doch sie haben sich schon mit den Küchenabfällen vermischt. Eigenartigerweise ist auch eine Menge Kuhmist dazugekommen. Ich kann die Knochen nicht mehr finden,leere den Sack auf dem Komposthaufen aus und bin erstaunt, dass die Knochen auch durch diesen Akt nicht mehr zum Vorschein kommen. Ich beschließe, das Geheimnis dieses Fundes später zu erforschen.
Auf dem Weg zurück in den Hof spüre ich plötzlich einen großen Sog – eine unglaubliche Kraft bemächtigt sich meiner im unteren Teil meines Körpers. Sie zieht mich vorwärts. Ich kann ihr nichts entgegensetzen. Je näher ich an die Häuser meiner Vergangenheit komme, desto stärker wird der Sog. Es kribbelt in meinem Genitalbereich, und der Boden tut sich wie eine Rinne oder vielmehr wie eine tiefe Ackerfurche vor mir auf. Er zieht mich durch die Furche, mein Oberkörper ist jedoch in der Luft. Dann reißt er mich mit sich fort, und ich werde in das Zimmer meiner Großmutter getragen.
Meine Großmutter ist schon lange tot. Ihre Wohnung ist bereits vor Jahrzehnten umgebaut worden und wird jetzt anders genutzt. Zu meiner Überraschung finde ich sie unverändert vor, ganz wie vor den Neuerungen. Gleich links von mir steht der beigefarbene, rechteckige Kachelofen, den sie immer überheizt hat. Er scheint auch heute warm zu sein. Die Nähmaschine, auf der ich alle meine Puppenkleider nähen durfte, befindet sich neben der Tür ins Schlafzimmer. Auf dem verschnörkelten Thonet-Blumentisch stehen Blumentöpfe auf edlen Meissner Porzellantellern. Wasser hat sich dort angesammelt – meine Großmutter hat ihre Pflanzen immer zu stark und vor allem zu oft gegossen. Sogar ihr kleines Radio auf dem Kasten neben der Stehlampe ist aufgedreht. Es ist jedoch kein Ton zu hören. Es scheint fast, als ob der Kanal nicht richtig eingestellt worden ist.
Es ist sehr still in dem Zimmer. Ich blicke auf das Sofa, das mit einer Decke bedeckt ist, die sie selbst geknüpft hat. Polster, selbst gestickt und genäht, lehnen gegen die Wand. Die Sofaecke, in der sie immer gesessen ist, um ihre Handarbeit zu machen, ist leicht eingedrückt, so, als wäre sie Minuten vorher hier gesessen.
Mein Blick fällt auf die vielen gestickten Bilder, die an der Wand hängen. Eines davon erweckt mein besonderes Interesse. Es ist rund siebzig Zentimeter lang, vierzig Zentimeter breit und mit einem Goldrand umgeben. Ich weiß, dass das das Lieblingsbild meiner Großmutter war. Sie hatte es sich zur Angewohnheit gemacht, die Motive selbst zusammenzustellen, was zur Folge hatte, dass die Proportionen oft nicht richtig gerieten. So auch hier: Die Schmetterlinge und Vögel sind größer als der Reiter, der im Zentrum des Bilds auf einer grünen Wiese galoppiert. Auch der Birkenwald rechts von der grünen Wiese ist viel zu klein. Farblich passt jedoch alles wunderbar zusammen. Ich denke an meine geliebte Großmutter, für die Sticken Meditation war.
Mit einem Mal öffnet sich der Himmel, und sie steigt lebendig aus dem Bild heraus. In voller Größe steht sie vor mir und lächelt mich mit ihren stahlblauen Augen an. Ein einfaches Kleid bedeckt ihren hageren, fast knochigen Körper. Darüber trägt sie eine braunblaue Kleiderschürze. Ohne ein Wort zu sprechen, legt sie ihre linke Hand auf meine rechte Schulter und zeigt mit der anderen Hand den Weg hinaus in den Gang. Die Berührung ist sanft wie ein Hauch und hat fast kein Gewicht. Wir gehen gemeinsam in den großen Vorraum. Die goldene IHS-Inschrift am Plafond spiegelt sich in den glänzend polierten Kehlheimer Platten wider. Zwei Holzringe hängen von der Decke. Als Kind habe ich es geliebt, auf diesen Ringen zu schaukeln. Großmutter führt mich weiter über den Brückengang in ein anderes Haus. Ich weiß, sie möchte mir eine Botschaft überbringen, doch bevor ich sie fragen kann, verschwindet sie so schnell, wie sie gekommen ist.
Die Räume, in denen ich mich nun befinde, sind wieder die Räume meiner Kindheit. Viele Stunden habe ich als Kind hier verbracht und mit all dem gespielt, was niemand sonst beachtet hat – mit Ritterhelmen, Degen, einem Spinnrad, einer uralten Eisenbahn und Bausteinen. Mit ihnen konnte ich ganze antike Städte bauen. Der barocke weiße Kachelofen ist noch genauso da wie die vielen Ölbilder meiner Ahnen und die Biedermeiermöbel von Tante Frieda.
Mir ist nicht klar, weshalb mich Großmutter gerade in dieses Zimmer geführt hat. Alles hier ist mir vertraut, sogar der alte Fotoapparat und das noch ältere Radio stehen noch in der Ecke. Es ist genauso, wie ich es in meiner Erinnerung bewahrt habe. Etwas ist jedoch anders. Hier ist eine Tür, die ich vorher noch nie gesehen habe. Ich öffne sie vorsichtig. Vor mir liegt ein endlos langer Gang, der wie der Vorraum mit goldgelb glänzenden Kehlheimer Platten gepflastert ist. Er erinnert mich an den Gang in den kaiserlichen Räumen von Stift Melk. Über dem Eingang steht in goldener Schrift:
Alle Dinge sind wie ein Traum!
Der Vergänglichkeit gewahr,
Folge dem Pfad
Mit Hingabe
Und Sorgfalt!1
Ich trete über die Schwelle und frage mich, was diese Inschrift zu bedeuten hat. Welchem Pfad soll ich folgen? Ist da Vergangenheit oder Vergänglichkeit
