Wege - Volker Wietstruck - E-Book

Wege E-Book

Volker Wietstruck

5,0

Beschreibung

In vielen Geschichten verschwimmen die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit. Manche Protagonisten werden vor das harte Schicksal existentieller Bedrohungen gestellt und müssen damit umgehen, andere verirren sich im Dschungel von Gut und Böse, Richtig und Falsch, wieder andere folgen ihrem manchmal nur schwer zu verstehenden inneren Kompass und finden dabei kaum erwartete Lösungen. Allen Geschichten gemeinsam ist das Ringen der Protagonisten um die eigenen Lebenswege.

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Seitenzahl: 353

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Inhalt

Der Keller

Der Zauberer

Das Glashaus

Die Kreuzung

Rettungsringe

Der Maler

Moran

Der oberste Postzusteller

Verirrt

Seltsame Begegnung

Der Seiltänzer

Weg

Das Minenfeld

Der Melder Barun

Der Marenturm

Vorgeschichte

Die Maren

Die große Katastrophe

Die Menschen

Der Keller

Frank zog am Wochenende in eine neue Wohnung, genauer gesagt in ein kleines Häuschen am Rande der Stadt, direkt am Wald gelegen. »Das Häuschen hat keinen Keller«, hatte ihm der Vermieter gesagt. Frank wollte es schon deshalb aus der engeren Auswahl streichen, hatte es sich dann aber doch angeschaut und sich gleich bei der Besichtigung in dieses winzige Hexenhäuschen verliebt. Er hatte sich von vielen Möbeln und altem Trödel trennen müssen, um hier einziehen zu können; das Häuschen hatte im Parterre nur Küche und Wohnzimmer, im ersten Stock Bade- und Schlafzimmer. Aber er bereute es nicht, sein neues Domizil hatte Atmosphäre, war uralt, und er konnte gleich von der Haustür aus in den Wald gehen.

Eines Nachts – er lebte schon viele Monate dort – träumte er unruhig, wachte auf und konnte nicht wieder einschlafen. Er ging hinunter und wollte im Wohnzimmer etwas lesen. Da fand er neben seinem Wohnzimmerschrank eine Tür, die vorher nicht da gewesen war. Er ging hin, machte die Tür auf und stand vor einer sich im Kreis windenden Steintreppe, die mit wenigen Fackeln beleuchtet war. Er ging sie hinunter – nicht ohne vorher ein Buch zwischen Tür und Rahmen gelegt zu haben – und gelangte in einen wohl fünfzehn Meter im Quadrat messenden Höhlenraum. Dessen gewölbte Steindecke maß an der höchsten Stelle etwa fünf Meter. Aber das Interessanteste in diesem Raum waren die Tausend und Abertausend von kleinen und größeren Steinchen, die an den Wänden und der Decke hingen und im Fackellicht in allen Regenbogenfarben unterschiedlich hell schimmerten. Frank ging zu einer Wand und betrachtete diese Verzierung aus der Nähe. Es waren die verschiedensten Edelsteine. Er war so benommen von ihrer Farbenpracht, dass er zurück in die Mitte ging, sich dort niedersetzte und den Raum minutenlang auf sich wirken ließ. Dann gewann seine Neugierde die Oberhand, er ging erneut zu einer Wand und rüttelte an einem der Steine, doch der saß sehr fest. Auch die anderen Steine, die er ausprobierte, ließen sich nicht lösen. Er ging hinauf in sein Wohnzimmer, besorgte sich Hammer und Meißel, kam damit wieder runter in den funkelnden Raum und versuchte, mit dem Werkzeug einen der Steine abzuschlagen. Nach fünf Minuten harter Arbeit hatte er es endlich geschafft, der Stein glitzerte in wunderschönen Farben in seiner Hand. Frank wollte noch mehr solcher Steine haben und schlug in den kommenden Stunden über zwanzig von ihnen ab. Er war glücklich und eilte mit seinem in allen Farben schimmernden Schatz in den Händen die Treppe hoch, stürmte ins Wohnzimmer und legte die Steine auf den Tisch. Aber da war kein Glitzern mehr, enttäuscht und verwundert sah er ein paar einfache Kiesel vor sich liegen. Er wollte wieder in den Keller, um die Steine an den Wänden noch genauer zu untersuchen, aber als er sich umdrehte, war neben seinem Schrank nur noch die Wand, da war keine Tür mehr, durch die er hätte gehen können. Frank legte die Steine in seine Schreibtischschublade und ging wieder hoch in sein Schlafzimmer.

Am nächsten Morgen meinte er einen besonders intensiven Traum gehabt zu haben. Er untersuchte die Wand neben dem Wohnzimmerschrank, klopfte sie ergebnislos auf Hohlräume ab, das war einfach eine massive Wand. Er ging zum Schreibtisch und fand die vielen Kieselsteine. Da konnte er nicht mehr anders, als sich einzugestehen, dass er letzte Nacht etwas höchst Seltsames erlebt hatte. Er ließ die Steine in der Schublade und ging seinem Tagewerk nach. In der kommenden Zeit schaute er besonders abends oder in der Nacht, wenn er im Wohnzimmer saß und las, auf den Fleck Wand, wo die Tür aufgetaucht war. Aber die Wand blieb Wand.

Es dauerte viele Monate, bis er eines Nachts beim Lesen aufblickte und die Tür wieder da war. Frank erschrak zuerst, dann ging er hin, öffnete sie und sah die steinerne Rundtreppe mit den wenigen Fackeln. Er ging die Treppe hinunter und fand denselben, mit Tausenden von leuchtenden Steinchen versehenen und in allen Regenbogenfarben schimmernden Raum vor. Plötzlich blieb er wie angewurzelt stehen; ein kleiner, buckliger Mann hantierte mit einer riesigen Leiter und stellte sie in der Mitte des Raumes auf. Sie reichte bis unter die Decke. Der Mann stieg mit einem kleinen Topf in der Hand hinauf, nahm aus seiner Tasche einen leuchtenden Stein heraus, tunkte ihn in das Töpfchen und klebte ihn an die Decke. Dann kletterte er wieder herunter, schob die Leiter zusammen, stellte den Topf an einer Seite des Raumes ab und verschwand in tippeligen Schritten mitsamt der Leiter erstaunlich wendig in einen um die Kurve führenden Gang, den Frank erst heute entdeckte. Der wartete, aber der Bucklige kam nicht wieder. Nach einer ganzen Weile ging er vorsichtig in die Mitte des Raumes, immer auf der Hut, beim ersten Geräusch wieder zur Treppe laufen zu können, und schaute dann hinüber zu dem Töpfchen, das der Bucklige an der Wand abgestellt hatte. Erst jetzt fiel ihm auf, dass es genau da stand, wo er die Steine abgeklopft hatte; man konnte die kleine Lücke deutlich erkennen. Frank ging die Steine aus der Schublade holen und war nicht wenig verwundert, dass sie in dem Moment, als er den Raum wieder betrat, zu leuchten anfingen. Er tauchte die Steine einen nach dem anderen in das Töpfchen und setzte sie wieder an die Wand, wo sie sofort fest anhafteten. Nach dieser Wiedergutmachung an der Höhle, die ihm der Bucklige so offensichtlich aufgegeben hatte, gewann seine Neugier die Oberhand. Er betrat den Gang, in dem der Bucklige verschwunden war, und ging vorsichtig und langsam weiter, das Töpfchen mit dem besonderen Klebstoff in der Hand. So gelangte er in eine Höhle, die deutlich kleiner als der leuchtende Raum war. In einer Ecke saß der Bucklige mit dem Rücken zu Frank über einen Schreibtisch gebeugt und schrieb etwas. Ohne sich umzudrehen, sagte er: »Das Töpfchen kannst du in das Regal neben dem Schreibtisch stellen.« »Wer bist du, und was tust du hier?«, entgegnete Frank. »Wer ich bin, tut nichts zur Sache! Und was ich hier tue? Ich verwalte deine Träume.« »Du verwaltest meine Träume?« »Ich habe die ganze Halle arrangiert. Jeder einzelne Stein steht für eines deiner Traumbilder; je größer die Steinchen sind und je heller sie leuchten, desto intensiver war dein Traum. Ich habe in meine Unterlagen geschaut und für jedes einzelne deiner Traumbilder das passende Steinchen angefertigt und es in der Halle befestigt.« »Die Halle ist ein Abbild meiner Träume? Aber ich kann mich an die meisten meiner Träume gar nicht erinnern.« »Das macht nichts, die Träume existieren trotzdem, und die intensivsten Träume, die am hellsten leuchten, hast du mitbekommen.«

In dem Moment sah Frank, dass in einer Ecke des nur spärlich mit Fackeln ausgeleuchteten kleinen Höhlenraums etwas lag. Er stellte das Töpfchen in das Regal, ging in die Ecke und erschrak: Dort lagen wild durcheinander mehrere Skelette. »Von wem sind diese Skelette, und wie kommen sie hierher?«, fragte er. »Das sind einige der Bewohner des Hauses, in dem jetzt du wohnst. Das Haus ist schon sehr alt. Das sind die Überreste derer, die den richtigen Weg nicht gefunden haben.« »Dann könnte ich hier irgendwann auch liegen?« »Ja, freilich!« »Ich wollte hier eigentlich nur wohnen.« »Das tust du ja auch, aber jetzt hast du den Keller gefunden, und du musst mit ihm umgehen. Es hat vor dir einige Bewohner gegeben, die haben den Keller nie gefunden und sind nach einiger Zeit unverrichteter Dinge wieder ausgezogen; die liegen nicht hier. Dann gibt es Menschen, die haben hier gewohnt, den Keller gefunden und nach einer gewissen Zeit den Weg aus ihrem Traumlabyrinth gefunden; die liegen auch nicht hier. Die letzte Gruppe hat zwar den Keller entdeckt, aber den Weg aus dem Labyrinth nicht gefunden; die liegen jetzt zumindest zum Teil hier. Zur ersten Gruppe gehörst du nicht; bleibt die Frage, ob du zur zweiten oder dritten gehörst.« »Hast du diese Menschen etwa umgebracht?« »Gott bewahre, nein. Sie haben sich in den Wirren der Gänge und Höhlen hier unten verlaufen und sind verdurstet oder verhungert. Manche sind auch mit ihren Traumgestalten nicht fertiggeworden. Mir passiert es immer wieder, dass ich auf meinen Streifzügen durch diese Unterwelt auf ein Skelett stoße, das ich dann hierhin bringe. – Gehe jetzt zurück in deine Wohnung; du wirst die Tür nun häufiger finden. Deine heutige Aufgabe hast du erledigt, du hast die Steine wieder zurückgebracht.« »Warum sind die Menschen so tief in das Gängegewirr eingedrungen, dass sie sich darin verlaufen haben?«, fragte Frank. »Das wirst du in den kommenden Monaten oder Jahren schon noch merken. Du kannst das Kellerlabyrinth nur verlassen, wenn du dich mit dem, was du darin findest, auseinandersetzt. So, für heute hast du genug erfahren, geh jetzt zurück in deine Wohnung!« Frank bestaunte noch einmal die farbenprächtige Halle und stieg dann die Rundtreppe hoch. Direkt nachdem er oben die Tür hinter sich geschlossen hatte, war da nur noch eine Wand. Er schlief in dieser Nacht sehr unruhig, träumte von unterirdischen Gängen und Höhlen, in denen er orientierungslos umherirrte. Zwischendurch hörte er immer wieder das Lachen des Buckligen, mal von ferne, mal von ganz nah; aber zu Gesicht bekam er ihn nicht. Als er morgens aufwachte, war er noch ganz im Traum gefangen, er brauchte eine Weile, um sich in der Realität zurechtzufinden. Am späten Nachmittag nahm er Farben und Pinsel und malte seinen Traum.

Dieses Mal dauerte es nur wenige Wochen, bis er eines Abends wieder die Tür vorfand. Abermals stieg er hinab in den großen, von Tausenden glitzernden Steinchen beleuchteten Raum, es wäre völlig unmöglich gewesen, die seit dem letzten Mal neu hinzugekommenen zu finden. Er folgte dem Gang zu der kleinen Höhle des Buckligen und fand ihn wieder am Tisch sitzend einen Stein bearbeiten. »Hallo«, sagte Frank, »ich hatte vor einigen Wochen einen Traum, in dem ich durch die Gänge und Höhlen dieses Kellers geirrt bin. Dich habe ich immer wieder lachen gehört, aber nicht zu Gesicht bekommen.« »Da habe ich dir mit meiner Erzählung von den Vorbewohnern dieses Hauses wohl richtig Angst eingejagt.« »Warum hast du in dem Traum nur gelacht und mir nicht geholfen, aus dem Gewirr herauszufinden?« »Du musst den richtigen Weg schon alleine finden. Es sind ja deine Träume, die das Gewirr aus Höhlen und Gängen erst erschaffen. Du wolltest noch etwas anderes in der Höhle erledigen, deswegen ist heute die Tür erschienen.« Frank wusste nicht, was er noch erledigen wollte, aber ihm fiel das Bild ein, das er gemalt hatte. Er holte es aus seiner Wohnung und blieb damit in der großen Höhle stehen. Er wollte das Bild hierlassen, wollte es irgendwo in dem großen Raum aufstellen. So holte er sich aus seiner Küche einen Stuhl, stellte ihn so ziemlich in der Mitte des Raums ab und setzte das Bild darauf. Er besorgte noch aus dem Wohnzimmer Klebeband, um es an der Lehne festzukleben, aber als er zurückkam, war die Tür verschwunden.

In der folgenden Nacht verirrte er sich im Traum abermals heillos in dem Gänge- und Höhlengewirr; wieder hörte er das Lachen des Buckligen mal von ganz Nahem, mal von fern, und wieder bekam er ihn nicht zu Gesicht. Stattdessen tauchte ein Gnom auf, der sich an seinem Hosenbein festklammerte, erstaunlich behände seine Beine hochkletterte, sich auf seine Schultern setzte und seine Haare zerwühlte. Dann sprang der Gnom von ihm herunter und hatte plötzlich ein Buch in der Hand, das er wild auseinanderriss. Er warf die Fetzen in die Luft, die durch einen Windstoß in alle Richtungen verteilt wurden. Frank war bemüht, die Fetzen wieder einzusammeln, was ihm mit ein paar auch gelang, aber die meisten flogen einfach davon. Er sah auf die eingesammelten Zettel und fand darauf nur Zeichen, die er nicht kannte und die ihm nichts sagten. Dann wachte er schweißgebadet auf. Er malte auch diesen Traum und besorgte sich Dachlatten, mit denen er ein Gestell bauen wollte, auf dem er sein Bild in der Halle platzieren konnte. Da er in der Wohnung dafür keinen Platz hatte, nahm er sich vor, das bei seinem nächsten Besuch in der Höhle zu machen.

Wenige Tage später war die Tür wieder da. Frank ging die Treppe hinunter und kam in die nun schon gewohnt große und so wunderbar in allen Farben leuchtende Höhle. Er brachte auch Dachlatten, Säge und anderes Werkzeug mit in die Höhle und baute die Gestelle für seine zwei Bilder, die er in der Höhle passend platzierte. Den Stuhl brachte er wieder in seine Küche. Danach ging er zurück in die Höhle und suchte den Buckligen. Der war dieses Mal nicht da. Frank ging zu dem einzigen Durchgang, den diese kleine Höhle hatte, und blieb plötzlich wie angewurzelt stehen. Aus dem Gang kamen scharrende und schabende Geräusche, die allmählich lauter wurden. Als ein schrecklich lautes Brüllen hinzukam, nahm Frank Reißaus, lief durch die große Halle zurück in seine Wohnung und war froh, dass die Tür direkt hinter ihm wieder verschwand. Er träumte diese Nacht erneut von den Gängen und Höhlen, aber dieses Mal traf er auf schreckliche, wild brüllende Kreaturen, halb Mensch, halb Löwe, und auf klobige, alles zerstampfende Riesen. Er war nirgendwo in den Gängen mehr sicher, von überallher drangen Geräusche auf ihn ein, und sie alle sagten ihm, dass diejenigen, die sie verursachten, ihm nicht wohlgesinnt seien. Abermals wachte er schweißgebadet auf, abermals malte er diesen Traum. Er träumte jetzt häufiger, oder genauer, er bekam jetzt häufiger seine Träume mit. So träumte er, dass durch seine Wohnung ein kleiner Bach floss, er träumte von einer Insel, zu der er hinschwamm und in deren Mitte eine große Blüte stand, er träumte von Gnomen, die allerhand Schabernack mit ihm trieben, er träumte von dem Totenfluss und dem Fährmann, und er träumte immer wieder von den Höhlen und Gängen, in denen er unheimliche Geräusche hörte und sich verirrte. All diese Träume malte er, auch besorgte er sich neue Dachlatten, um die Ständer für die Bilder zu basteln. Als er das nächste Mal die Tür vorfand, nahm er die Dachlatten mit in die Höhle, die Werkzeuge hatte er letztes Mal dagelassen, und baute die Ständer. Dann setzte er die Bilder darauf und postierte sie in dem großen Raum. Er schaute in der kleinen Höhle nach dem Buckligen; der saß diesmal wieder an seinem Tisch und arbeitete an einem Stein. »Hallo, das letzte Mal, als ich hier war, habe ich aus dem Gang ein Brüllen und ein Scharren gehört. Du warst nicht da. Weißt du, wer diese Geräusche gemacht hat?« »Das muss eines deiner Traumwesen gewesen sein, vor denen du dich fürchtest; ich habe es auch schon mehrere Male gehört, aber zu Gesicht bekommen habe ich es noch nicht.« »Dann weißt du auch nicht, was das für ein Wesen ist?« »Das herauszufinden ist deine Aufgabe, nicht meine. Geh jetzt, für heute hast du hier genug getan. Noch nie hat ein Bewohner dieses Hauses angefangen, derart den Höhlenraum zu gestalten wie du.« Frank ging wieder nach oben, die Tür verschwand direkt hinter ihm. Diese Nacht sah er in seinem Höhlentraum plötzlich den Löwen, der in etwa zehn Meter Entfernung von ihm in einem Quergang stehenblieb und ihn anschaute. Frank blieb ebenfalls wie angewurzelt stehen. Der Löwe brüllte ihn an, sah aber nicht unbedingt angriffslustig aus. Erst schnupperte er in Franks Richtung, dann brüllte er noch einmal träge und ging gemächlich den Quergang weiter. Frank blieb wohl noch eine ganze Minute starr stehen, dann ging er auf den Quergang zu und schaute in die Richtung, in die der Löwe verschwunden war; er war nicht mehr zu sehen. Frank wachte schweißgebadet auf. Er war froh, die Ursache seiner Angst in den früheren Träumen endlich zu Gesicht bekommen zu haben. Auch diesen Traum malte er und stellte ihn beim nächsten Erscheinen der Tür in der großen Höhle auf. Als er zu dem Buckligen ging, fragte der ihn: »Hast du denn gar kein Interesse an deinen Traumgestalten, die hier in den Gängen und Höhlen herumlaufen? Du beschäftigst dich nur mit der großen Eingangshöhle.« »Du hast mir Angst gemacht, dass man sich in den Gängen und Höhlen leicht verlaufen kann.« »Früher oder später musst du dich mit ihnen auseinandersetzen, darum kommst du nicht herum.« »Heute ist es noch zu früh«, sagte Frank und ging zurück in seine Wohnung. Er bereitete einen Rucksack vor, in dem er Proviant, Kerzen, Feuerzeuge, Streichhölzer, eine Taschenlampe, Batterien und ein großes Knäuel Wolle verstaute. Er wollte beim nächsten Mal in die Gänge vordringen und dabei die Wolle abwickeln, damit er den Weg zurückfinden würde. Weiter, als die Wolle reichte, wollte er in keinem Fall gehen. Diese Nacht schlief er traumlos, und am nächsten Abend war die Tür wieder da. Frank nahm seinen Rucksack und ging in den Keller. Den Buckligen traf er nicht an. An dessen Tisch machte er die Wolle fest und ließ sie dann beim Gehen langsam in seiner Hand abrollen. Er nahm den einzigen Gang, der von dieser kleinen Höhle abging. Kaum hatte er ihn betreten, verschloss sich der Eingang mit einer Wand, der Zugang zur kleinen Höhle war zu. Auf diesem Weg würde er wohl nicht mehr zurückkommen können. Der Wollfaden nützte nun nichts mehr; er packte das Knäul in den Rucksack und ging den mäßig beleuchteten Gang weiter, von dem aus es keine Abzweigungen gab. Der Weg führte in vielen Windungen immer tiefer hinab.

Frank folgte ihm und gelangte in einen hohen Raum, in dessen Mitte eine Balkenwaage von der Decke hing. In einer Schale saß der Bucklige und sah ihn auffordernd an. Seltsamerweise hingen beide Schalen, obwohl die zweite leer war, im Gleichgewicht. Frank sah sich um, der Raum hatte keine Tür, auch die, durch die er gekommen war, gab es nicht mehr. Er ging auf die Waage zu und fragte den Buckligen: »Was machst du hier?« Der Bucklige gab keine Antwort, zeigte aber dafür mit einer einladenden Geste auf die andere Waagschale. Frank kletterte hinein. Als er drinnen saß, fing seine Hälfte der Waage allmählich an zu sinken, die des Buckligen blieb auf gleicher Höhe. Franks Schale sank immer tiefer, berührte den Boden und glitt durch ihn hindurch. Der Bucklige fing an zu lachen, und Frank sank immer tiefer in einen stockdunklen Raum. Als die Schale endlich den Boden berührte, kletterte er aus ihr heraus und stand in tiefster Dunkelheit, immer noch das Lachen des Buckligen hörend. Aus seinem Rucksack holte er eine Kerze und wollte sie anzünden, doch das mitgebrachte Feuerzeug funktionierte nicht. Er probierte es mit Streichhölzern, auch die brannten hier unten nicht. Als er die Taschenlampe auspackte, ahnte er schon, dass sie ebenfalls nicht funktionieren würde, womit er recht behielt. Er hatte keine Ahnung, in welche Richtung er gehen sollte, und tastete sich vorsichtig nach vorne, bis er an eine Wand stieß, dann wendete er sich nach rechts. Nach etwa fünf Metern stieß er wieder auf eine Ecke. So erkundete er langsam die Umgebung und fand heraus, dass er in einem etwa fünf Meter im Quadrat messenden Raum war, der nur einen Ausgang hatte. Zu dem tastete er sich nun hin und fuhr dann in der gleichen Weise fort, diesen ebenso stockdunklen Gang entlangzugehen. Er hatte sich schon eine ganze Weile auf diese anstrengende Art vorgearbeitet, als er einen ganz schwachen Schimmer am Ende des Gangs wahrnahm. Je weiter er ging, desto deutlicher wurde der Schimmer. Die letzten Meter konnte Frank ohne Zuhilfenahme der Hände auskommen.

Er gelangte in eine mit Fackeln erleuchtete große Halle voller Bücherregale. Gnome nahmen emsig Bücher heraus, schrieben oder malten etwas hinein und stellten sie dann wieder weg. Die oberen Reihen erreichten sie nur über große Leitern, die überall vor den Regalen herumstanden. Bestimmt fünfzehn dieser Gestalten waren damit beschäftigt, die Bücher auf diese Art zu bearbeiten. Frank ging auf einen der Gnome zu und fragte ihn: »Was macht ihr hier?«, aber der Gnom nahm keinerlei Notiz von ihm und fuhr unbeirrt fort, ein bestimmtes Buch aus dem Regal zu suchen. Frank ging durch die Regalreihen und fand überall höchst beschäftigte Gnome. Einer stand ganz oben auf einer Leiter und fischte in über drei Metern Höhe ein Buch aus den Regalreihen, sagte: »Ah«, und kam mit dem Fund die Leiter herunter. Er fing an, darin herumzumalen und etwas zu schreiben, dann gab er es seinem Nachbarn, der in der gleichen Weise fortfuhr. So wurde das Buch von einem Gnom zum nächsten weitergereicht, jeder malte oder schrieb äußerst geschwind etwas hinein. Als der Letzte mit seiner Arbeit fertig war, ging er auf Frank zu und hielt ihm das Buch hin. Frank nahm es entgegen. Sogleich machte sich der Gnom wieder auf zu einem Regal, kletterte eine Leiter hoch und wühlte in den Bücherreihen herum.

Frank sah sich das Buch an, es enthielt seitenweise die gleichen für ihn unleserlichen Zeichen, die er schon im Traum gesehen hatte, als der Gnom das Buch zerfleddert hatte und er einige Stücke davon auffangen konnte. Dann gab es schwarz-weiß gehaltene Bilder; Frank entdeckte zum Beispiel das Bild des Traumes mit dem Gnom, ebenso das Bild des Traumes mit den unheimlichen Kreaturen und den fürchterlich bedrohlichen Geräuschen, und er vermutete, dass auch die anderen Bilder Abbildungen seiner Träume sein könnten. Zwischendurch gab es auch Texte, die Frank lesen konnte; es waren Episoden aus seinem Leben, die er in dem Buch fand, aber immer wieder unterbrochen von den unleserlichen Zeichen der Gnome und den Traumbildern. Frank setzte sich auf einen der in der Bibliothek stehenden Stühle und begann das Buch zu lesen. Die ewigen Unterbrechungen machten das nicht leicht, aber er merkte nach einer gewissen Zeit, dass es eine Art Biografie von ihm war, die er da von den Gnomen zu lesen bekommen hatte. Sie fing mit seiner Geburt an und enthielt Geschehnisse aus seiner frühesten Kindheit, an die er sich unmöglich hätte erinnern können. So hatte er mit einem Jahr eine Lungenentzündung bekommen und war deshalb ins Krankenhaus gebracht worden, wo er, wie in dem Buch stand, stundenlang geweint und geschrien hatte. Den Krankenhausaufenthalt hatten seine Eltern zwar später erwähnt, aber wie er sich damals gefühlt hatte, erfuhr er erst jetzt in diesem Buch durch den Text und mehrere Zeichnungen. Er fand auch ein Bild eines Kindertraumes, an den er sich jetzt wieder erinnerte. Ein riesiger schwarzer Mann kam mit wenigen gewaltigen Schritten über das benachbart liegende Kornfeld und wollte ihn fangen. Als er das Haus erreichte, konnte man aus dem Fenster nur einen kleinen Teil der Beine sehen. Frank hatte in dem Traum fürchterliche Angst und lief zur Gartentür, öffnete sie und entkam ins benachbarte Kornfeld. Weil er so klein war, konnte ihn der Riese nicht mehr finden. Frank blätterte weiter und fand viele Seiten mit den unleserlichen Zeichen. Dann sah er Abbildungen von Träumen, wie er sie mit etwa zwanzig Jahren so häufig gehabt hatte. Er war auf der Flucht vor den Nazis, saß in Konzentrationslagern ein und wurde so manches Mal von ihnen umgebracht. Eine ganze Reihe von Seiten beschäftigte sich mit diesen Träumen. Dann kamen wieder viele Seiten mit den unleserlichen Zeichen. Am Ende des Buches fand er die Abbildungen der Träume der letzten Monate, die er gemalt und noch gut in Erinnerung hatte. Als er es ganz durchgeblättert hatte, kam ein Gnom und nahm ihm das Buch aus der Hand. Er stellte es an einer ganz anderen Stelle wieder ab als dort, wo es sein Kollege geholt hatte.

Einer der Gnome hatte plötzlich eine Trompete in der Hand, er spielte einen kurzen Tusch, und alle Gnome hörten mit ihrer Arbeit auf. Mit dem Tusch waren ganz viele Türen an den Wänden der Bibliothek entstanden. Nun stellte sich jeder Gnom neben eine Tür und machte eine einladende Geste, doch durch diese Tür zu gehen. Einer stand gebeugt und hielt die rechte Hand zur Tür hin, ein anderer zeigte mit beiden Händen zu seiner Tür, ein dritter machte Kopfstand und winkte mit einem Fuß in Richtung seiner Tür, ein vierter machte einhändig Handstand und zeigte mit der anderen in Richtung seiner Tür. Jeder der fünfzehn Gnome machte eine andere Pose und lud Frank damit ein, doch durch seine Tür zu gehen. Frank wusste nicht, für welche er sich entscheiden sollte, es war ihm auch fast egal. Er wählte die Tür mit dem Gnom, der mit beiden Armen freundlich darauf zeigte, und ging hindurch.

Er stand auf einem etwa einen Quadratmeter großen Podest, vor ihm war ein tiefer Schacht, dessen Ende man im Schummerlicht einer einzelnen Fackel nicht sehen konnte; an dem Podest hing eine Strickleiter, die in den Schacht hinabführte, einen anderen Weg gab es nicht. Frank begann den Abstieg und tauchte ein in die Dunkelheit, die ihn bald umgab. Sprosse um Sprosse stieg es hinab, die Leiter wollte kein Ende nehmen. Endlich sah er unten einen Lichtschimmer. Nach den letzten Sprossen stand er in einem schmalen Gang, der in weiter Entfernung von einer Fackel beleuchtet wurde. Er gelangte durch den Gang in eine Höhle, von der viele Abzweigungen abgingen. Aus einer hörte er von Ferne das gewaltige Brüllen. Nach seinem letzten Traum glaubte er, es müsse von einem Löwen stammen. Er erinnerte sich an die Frage des Buckligen: »Hast du denn gar kein Interesse, den Figuren deiner Träume zu begegnen?« Doch, das war wohl nötig, er ging in den Gang, aus dem das Brüllen kam. Wieder wurde es sehr schnell immer schummriger, je weiter er sich von der Höhle entfernte; der Gang wurde nur von wenigen Fackeln beleuchtet. Er kam an vielen schmalen Abzweigungen vorbei, blieb aber auf dem etwas breiteren Hauptweg. Das Brüllen wurde lauter. Er hatte zwar fürchterliche Angst vor dem Löwen, aber die Tatsache, dass der im Traum nicht wild auf ihn losgegangen war, machte ihm Mut. Das Brüllen wurde fast unerträglich laut, und Frank fing an vor Furcht zu zittern. Dann wurde es plötzlich still.

Auf einmal hörte er in einem der Nebengänge, den er gerade passiert hatte, Geräusche; es waren menschliche Stimmen und schwere Schritte. Er blieb neben der Öffnung stehen und lauschte. »Er muss ganz in der Nähe sein.« »Keine Angst, hier unten kriegen wir ihn, er hat keine Chance.« Er blickte ganz vorsichtig um die Ecke und konnte die schwarz gekleideten und mit Maschinenpistolen ausgerüsteten SS-Soldaten sehen, die gerade an einer Fackel vorbeigingen. Sie waren kaum dreißig Meter von dem Ende des Ganges entfernt, in dem Frank stand. Er hatte hier unten eine Begegnung mit dem Löwen erwartet, aber nicht damit gerechnet, dass das alte Verfolgungsspiel, bei dem er letztlich ja doch immer gefunden wurde, wieder aufleben würde. Er rannte, so leise er konnte, den Hauptgang weiter und lief rechts in die nächste Abzweigung hinein. Dort ging er so schnell wie möglich weiter und nahm die nächste Abzweigung links. Nach ein paar Metern fand er eine kleine Ausbuchtung, in die er sich hineinkauerte. Er wusste, sie würden ihn finden, sie hatten ihn immer gefunden, sie würden es auch dieses Mal schaffen. Einige Male hatten sie ihn im Traum erschossen, und er war aufgewacht, meistens war er aber schon vorher schweißgebadet hochgeschreckt. Er kauerte in der Nische und hörte auf den Schall der Schritte. Ja, er konnte sie hören, wie magisch gesteuert, als ob sie seine Gedanken lesen konnten, nahmen sie immer den richtigen Weg; sie kamen näher. Er kletterte aus der Ausbuchtung heraus und lief weiter, irgendwohin, sie würden ohnehin immer nachkommen. Bald achtete er nicht mehr darauf, welche Abzweigungen er nahm, er lief einfach weiter, bog mal links, mal rechts ab, immer weiter, er wollte möglichst viel Abstand zwischen sich und die SS-Männer bringen, als er direkt hinter sich Schritte hörte. »Er muss ganz hier in der Nähe sein«, sagte eine kalte Stimme und entsicherte ein Gewehr. So war es immer in den Träumen gewesen, plötzlich waren sie ganz nah. Ob es dieselben Soldaten waren, die er zuerst gehört hatte, wusste er nicht. Vielleicht suchten sie ihn mit ganz vielen Männern. Schnell lief er in den nächsten Seitengang und nahm gleich wieder eine Abzweigung, als er abermals die Stimmen hörte. Er konnte machen, was er wollte, sie kamen einfach immer näher. Das würde so lange gehen, bis sie ihn hatten. Er lief weiter, in irgendeinen Gang, bog mehrmals links und rechts ab und hörte zwischendurch die Stimmen immer näher kommen. Er fand einen winzig kleinen Raum neben einem Weg und versteckte sich darin. Es dauerte keine zehn Sekunden, dann waren sie da. »Hier haben wir ihn«, sagte die Gestalt mit der kalten Stimme, zeigte mit dem Gewehr in die winzige Höhle, legte an und zielte auf Frank. Ein markerschütterndes Brüllen durchdrang die Gänge, der Mann mit dem Gewehr drehte sich zur Seite, und sein Gesicht drückte von einer zur nächsten Sekunde blankes Entsetzen aus. Er konnte sich noch gerade zu dem Angreifer hinwenden, dann war der Löwe über ihm und riss ihn mitsamt seinem Gewehr um. Der zweite SS-Soldat floh panisch in einen der benachbarten Gänge. Der Löwe brüllte noch einmal und ging zu Frank hin, der ihm den Nacken kraulte. Eine kurze Weile ließ der es mit sich geschehen, dann stupste er Frank an und wendete sich um; Frank sollte mitkommen, was dieser auch tat. So gingen sie zu zweit durch die unterirdischen Gänge, wobei der Löwe den Weg wies. Irgendwann stoppte er vor einer Tür und drehte sich zu Frank um. Der kraulte ihm den Nacken, und dieses Mal ließ es der Löwe mit sich geschehen. Nach geraumer Zeit drehte er sich um, ging ein Stück zurück und stupste Frank von hinten in Richtung Tür, dann verschwand er. Frank öffnete die Tür und befand sich in der kleinen Höhle des Buckligen. »Da bist du also doch zurückgekommen.« »Ja, ein Löwe hat mir im entscheidenden Augenblick geholfen und mir dann den Weg gewiesen.« »Da hattest du aber einen starken Verbündeten. Geh jetzt rauf in deine Wohnung, die Bilder kannst du hierlassen.« Frank ging, betrachtete noch einmal voll Bewunderung die leuchtende Höhle und lief dann die Stufen hinauf in seine Wohnung. Er blieb noch einige Jahre in dem schönen, kleinen Häuschen, aber die Tür zeigte sich nicht mehr.

Der Zauberer

In einer mittelgroßen deutschen Stadt siedelte ein Zirkus, der eine besondere Attraktion aufzuweisen hatte: Der Zauberer konnte sich selbst kleiner machen. Er war ein normal gebauter Mann, etwa einen Meter achtzig groß, und verkleinerte sich vor dem Publikum, bis er nur noch etwa einen Meter maß. Sein ganzes Streben ging dahin, sich immer noch kleiner werden zu lassen, mit dem einen Meter, so groß diese Attraktion auch sein mochte, war er längst nicht zufrieden. Er hatte das Prinzip des Verkleinerns entdeckt, er konnte es anwenden, und er wollte es bis an seine Grenzen ausnutzen. Nach der Attraktion ließ er sich wieder auf seine normale Größe anwachsen, und auch das war eine grandiose Vorführung. Die Zirkusleute waren froh, einen solch genialen Zauberer in ihren Reihen zu haben, von nah und fern strömte das Publikum in die Vorstellungen, um die auf dieser Erde einmalige Attraktion zu sehen.

Wie üblich war auch an diesem Abend die Vorstellung ausverkauft, und wie üblich wartete das Publikum auf die letzte aller Darbietungen, auf die des Zauberers. Als der endlich in die Manege trat, bedankte sich das Publikum mit frenetischem Beifall und stand geschlossen auf. Der Zauberer kündigte an, sich heute noch kleiner zu machen als jemals zuvor; das Publikum setzte sich wieder hin und war mucksmäuschenstill. Der Zauberer kreuzte seine Hände vor der Brust, schloss die Augen und konzentrierte sich. Der Direktor, der neben ihm stand und etwa ebenso groß war wie er, legte, zum Publikum gewandt, den Zeigefinger auf den Mund. Er wollte den Zuschauern unnötigerweise deutlich machen, sie sollten den Zauberer nicht etwa durch Zwischenrufe in seiner Konzentration stören. Plötzlich fing der Zauberer in seiner Konzentration ausstrahlenden Haltung an zu schrumpfen. Gegen den Direktor wurde er immer kleiner, bald reichte er ihm nur noch bis zur Brust, dann nur noch bis zur Hüfte, und immer noch hörte er nicht auf zu schrumpfen. Das Publikum brach abermals in frenetischen Beifall aus und erhob sich, als der Zauberer die Oberschenkelgröße des Direktors unterschritt und auf die Kniegröße zusteuerte. Als er nur noch kniehoch neben dem Direktor stand, löste sich der Zauberer ganz langsam aus seiner gesammelten Haltung und verbeugte sich vor dem Publikum. Der Beifall kannte keine Grenzen. Dann machte er eine kleine Geste mit den Händen, das Publikum möge ruhig sein und ihn anhören; alles verstummte sofort. Der Zauberer sagte mit unvermutet tiefer und sehr leiser Stimme, die aber trotzdem jeder im Zelt verstehen konnte, dass er von nun an in jeder neuen Vorstellung noch ein bisschen kleiner werden wolle, bis die Zuschauer ihn nur noch mit einem Feldstecher oder Fernrohr sehen könnten. Dann nahm er wieder seine konzentrierte Haltung an und begann kurz danach zu wachsen. Als er wieder so groß wie der Direktor war, seine Anspannung löste und sich erneut verbeugte, brandete zum dritten Mal frenetischer und nicht enden wollender Beifall auf. Er hielt noch minutenlang an, als der Zauberer längst hinter dem Vorhang verschwunden war.

Wie ein Lauffeuer ging die Nachricht durch die Stadt und weit darüber hinaus: Der Zauberer wolle mit jeder Vorstellung immer kleiner werden, bis er kaum noch zu sehen sei. Der Zirkus hätte die zehnfache Menge an Karten verkaufen können, hätte er denn genügend Sitzplätze gehabt, bis auf den letzten Platz waren die folgenden Vorstellungen ausverkauft. Der Zauberer wurde in der Tat immer kleiner, bei der nächsten Vorstellung war er nur noch zehn Zentimeter groß, dann nur noch fünf, nur noch einen, und mit jedem Mal wurde der Beifall noch begeisterter. Mit einer Kamera wurde der immer kleiner werdende Zauberer aufgenommen, neben dem ein Lineal aufgestellt war, das Bild wurde auf eine Großleinwand projiziert. Schließlich kündigte der Zauberer an, bei der nächsten Vorstellung werde er ganz verschwinden, und auch diese Nachricht ging wie ein Lauffeuer durch die Stadt und das Land. Noch am selben Abend war die angekündigte Vorstellung ausverkauft.

Als es so weit war, konnten alle Zuschauer sehen, wie der Zauberer schrumpfte, irgendwann gingen immer mehr Blicke Richtung Leinwand, der Zauberer unterschritt die Zehn-Zentimeter-Marke, die Fünf-Zentimeter-Marke, die Zentimeter-Marke. Im ganzen Zelt war es mucksmäuschenstill. Bei fünf Millimetern machte es ein leises Plöpp, was aber jeder im Zelt hören konnte, und der Zauberer war weg. Es dauerte eine ganze Weile, bis die ersten Zuschauer zu klatschen anfingen, dann stimmten immer mehr mit ein, und schließlich brandete ein Beifallssturm auf, wie ihn selbst dieser Zirkus noch nie erlebt hatte. Der Zauberer hatte sein Versprechen wahr gemacht und sich weggezaubert. Es dauerte wohl fünf Minuten, ehe der Beifall allmählich abebbte und schließlich ganz aufhörte. Wieder wurde es absolut still. Der Direktor stand noch immer am gleichen Platz wie zu Beginn der Vorstellung und schaute noch immer auf den Fleck, an dem der Zauberer verschwunden war. Er wartete ganz offensichtlich darauf, dass der nun wiederkomme. Auch die Kamera zeigte noch auf diesen Punkt, und nach und nach wendeten sich sämtliche Blicke der Leinwand zu. Das gesamte Publikum wartete darauf, dass der Zauberer wiederkomme; aber es tat sich nichts. Nach fünf Minuten tat sich nichts, auch nach zehn Minuten nicht, nach fünfzehn Minuten gingen die ersten Zuschauer nach Hause, nach und nach folgten die anderen, schließlich war das Zelt ganz leer, nur der Direktor stand noch da, der ganz sacht von einigen seiner Schausteller von der Bühne geschoben wurde.

Am nächsten Tag stand in den Zeitungen, der Zauberer des hiesigen Zirkusses habe sich weggezaubert, sei aber danach nicht zurückgekehrt. Anfragen bei seinen Kollegen hätten ergeben, dass er auch bis in die frühen Morgenstunden nicht wieder aufgetaucht sei. Jeden Tag konnte man von nun an in den Zeitungen lesen, dass der Zauberer immer noch nicht wieder aufgetaucht sei. Nach einigen Wochen verlor die Bevölkerung das Interesse an dem Fall, und man wandte sich anderen Themen zu. Die Zuschauermenge in den Vorstellungen nahm rapide ab, und der Zirkus reiste weiter in die nächste Stadt, nun ohne die Attraktion des Zauberers.

Das Glashaus

Marco ging eines Sommers in einem See schwimmen und geriet in einen großen Strudel. Diesen Strudel gab es nicht immer in dem See, er erschien zuzeiten und verschwand nach ganz kurzer Zeit wieder, so zumindest sagten es die Gerüchte. Nun hätte man das Schwimmen in einem solchen doch irgendwie gefährlichen See verbieten können, aber es hatte sich gezeigt, dass das Gerücht über solche Strudel sich auf alle Seen des Landes bezog; dass es besagte, solche Strudel könnten an irgendeiner Stelle der Seen urplötzlich auftauchen und nach wenigen Sekunden wieder verschwinden. Da die Leute weiter schwimmen gehen wollten und die Angst vor Strudeln eben zumeist auf Gerüchten beruhte – wohl kaum jemand kannte einen Menschen, der einen solchen Strudel schon einmal selbst gesehen oder gar erlebt hatte –, nahmen viele diese Gefahr auf sich. Marco wurde nun durch diesen mächtigen Strudel in die Tiefe gezogen. Es war völlig aussichtslos, sich aus ihm zu befreien. Je tiefer er hinabgezogen wurde, desto kleiner wurden die Kreise, in denen er herumgeschleudert wurde. Schließlich gelangte er, sich im Zentrum des Strudels um die eigene Achse drehend, am Grund des Sees an. Vor ihm öffnete sich eine Glastür, in die er durch den Strudel geschleudert wurde; danach schloss sie sich wieder. Er war in einer Schleuse. Als sich die innere, ebenfalls durchsichtige, Tür öffnete, wurde er mitsamt dem Wasser hindurchgeworfen.

Marco lag unter einer großen Glaskuppel, die mit vielen Lampen beleuchtet war. Die Kuppel war länglich gehalten und hatte ein abgerundetes Dach, so wie sie manche Gewächshäuser haben, war aber viel länger, bestimmt einige Hundert Meter, und über vierzig Meter breit. Links und rechts an den Glaswänden standen in etwa fünfzehn Metern Abstand kleine Holzhütten, vor denen Beete angelegt waren, die bis zum mittleren Gang reichten. Marco stand auf und ging den Mittelgang entlang. Ganz schmale Holzbohlenwege führten von hier zu den Hütten. Er folgte einem und stand vor einer Tür, auf der er den Namen Francesca fand. Vorsichtig klopfte er an, es tat sich nichts, auch nach dem zweiten Anklopfen nicht. So öffnete er die unverschlossene Tür und sah eine Frau mit geschlossenen Augen im Lotossitz auf einer Matte sitzen. Er wollte nicht unhöflich sein, verschloss leise die Tür, ging zurück zum Hauptgang und nahm die Abzweigung zum nächsten Häuschen. Auch hier klopfte er wieder zweimal ohne Erfolg, öffnete auch diese Tür, auf der der Name Josef stand, und fand einen Mann mittleren Alters in einem Sessel sitzend ein Buch lesen. Er fragte den Mann, der bei seinem Eintreten nicht aufgeschaut hatte: »Entschuldigen Sie, wo bin ich hier?« Jetzt schaute der Mann verärgert von seinem Buch auf. Er stand auf, ging zu Marco, schob ihn aus der Tür nach draußen und folgte ihm. Dann zeigte er nach rechts den Hauptgang hinunter und machte ein paar Armbewegungen in diese Richtung, was Marco als »weit den Weg hinunter« interpretierte, und zeigte schließlich nach rechts. Danach schob er Marco den schmalen Gang von seinem Häuschen weg hin zum Hauptgang, machte noch einmal die Armbewegung hinunter und dann nach rechts, drehte sich um, verschwand wieder in seinem Häuschen und schloss die Tür hinter sich. Marco folgte den Anweisungen des etwas verärgerten Mannes und bemerkte, dass die Beete, die zu den einzelnen Häuschen gehörten, durch niedrige Holzzäune voneinander abgetrennt waren. Zu jedem Häuschen gehörte ein etwa fünfzehn Meter breites und zwanzig Meter langes Grundstück, das in kleinere Beete eingeteilt war, in denen die verschiedensten Gemüse- oder Getreidesorten angebaut wurden. Auf einigen Grundstücken standen auch kleine Apfel-, Kirsch- oder Pflaumenbäume. Alle Beete waren in äußerst akkuratem Zustand, nirgendwo war auch nur ein Unkrautpflänzchen zu sehen. Auf seinem Weg zum Ende der Häuserzeilen auf beiden Seiten traf Marco mehrere Männer und Frauen mit Hacke, Spaten oder kleiner Schaufel, die in den Gärten arbeiteten. Er grüßte sie freundlich, manche drehten sich um, sahen ihn an und wandten sich dann wieder ihrer Arbeit zu, andere achteten überhaupt nicht auf ihn und ließen sich in ihrer Arbeit nicht stören, einige grüßten ihn mit einem Kopfnicken zurück. Das Ende der Häuserzeilen und der Gärten war mit einem ebensolchen Zaun abgetrennt, wie er zwischen den Gärten stand, nur über den Hauptgang war ein wohl drei Meter hoher und die Breite des Ganges einnehmender hölzerner Torbogen angebracht. Marco durchschritt ihn und gelangte auf einen Friedhof mit vielen kleinen Grabsteinen. Er ging eine ganze Weile über den Friedhof und las die Namen derer, die hier beerdigt worden waren. Am Ende des Friedhofs, das auch gleichzeitig das Ende des Glasbaus war, stand ein größeres, ebenfalls hölzernes Gebäude. Marco betrat es und fand heraus, dass es sich um eine Bibliothek handelte, in der es zu bestimmten Wissensgebieten sehr umfangreiche Literatur gab. So fand er viele Meter Regalreihen zu den Themen Yoga und Meditation, aber auch eine umfangreiche Literaturauswahl zum Bereich der Physik. Dann fiel ihm noch ein Regal auf, an dem das Schild »Glashaus-Literatur« angebracht war und in dem viele selbst gebundene und sehr abgenutzte Bücher standen.

Er erinnerte sich wieder an Josefs Wegbeschreibung, ging zurück zum Torbogen und wandte sich dem letzten Häuschen rechts vor dem Friedhof zu. Der Garten war völlig verwildert, die Beete kaum noch zu erkennen und mit Unkraut überwuchert. Als er der Haustür näher kam, erkannte er das dort hängende Schild, welches den Namen Marco trug, das also sollte sein Häuschen sein. Vorsichtshalber klopfte er an, erhielt aber keine Antwort. So öffnete er die Tür und schaute sich in dem Zimmer um, es standen ein Bett und ein kleiner Tisch mit Stuhl darin, mehr nicht. Eine Tür führte zum Bad mit WC und Dusche. Das war seine ganze Behausung. Er ging wieder zurück in den Garten und fand neben dem Haus einen winzigen Schuppen, in dem Spaten, Hacke, Gießkanne und andere Gartengeräte standen. Offenbar sollte dieser Garten von ihm wieder in Schuss gebracht werden. An der Innenseite der Haustür hing ein Heftchen, das auf der ersten Seite den Titel: »Regeln im Glashaus« trug. Da er gerne mehr über diese seltsame Behausung erfahren wollte, setzte er sich im Haus an den kleinen Tisch und begann zu lesen.